D9 M - Sprachwandel und digitale Kommunikation

D9 M - Sprachwandel und digitale Kommunikation
Einleitung
D9 M - Sprachwandel und digitale Kommunikation beschäftigt sich mit einer Frage, die Dir jeden Tag begegnet: Warum schreiben und sprechen Menschen je nach Situation unterschiedlich? In einem Klassenchat kann eine Nachricht wie „kommst du später noch? bin gleich da 😭“ völlig passend sein. In einer Bewerbung wäre dieselbe Form dagegen ungeeignet. Auf Social Media begegnen Dir Hashtags, Memes, Kürzel, Reaktionen, Anglizismen und neue Bedeutungen von Wörtern. Im direkten Gespräch spielen zusätzlich Stimme, Mimik, Gestik, Sprechtempo und Pausen eine wichtige Rolle. Die Standardsprache wiederum ist besonders wichtig, wenn Kommunikation verständlich, überregional und formell sein soll.
Sprache verändert sich ständig. Dieser Prozess heißt Sprachwandel. Neue technische Möglichkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen, Kontakte zwischen Sprachen und neue Kommunikationsräume können Veränderungen beschleunigen oder sichtbarer machen. Digitale Kommunikation ist deshalb ein besonders spannendes Beobachtungsfeld für Sprachwandel.

In diesem aiMOOC untersuchst Du Veränderungen von Wortschatz, Stil und Kommunikationsformen. Du vergleichst Chat, Social Media, Gespräch und Standardsprache und lernst, sprachliche Unterschiede nicht vorschnell als „richtig“ oder „falsch“ zu bewerten. Entscheidend ist häufig, ob eine Form zur jeweiligen Situation, zum Adressaten und zum Ziel der Kommunikation passt.
Sprachwandel: Sprache bleibt nicht gleich
Sprachwandel bezeichnet Veränderungen einer Sprache im Laufe der Zeit. Solche Veränderungen können den Wortschatz, Bedeutungen, Aussprache, Grammatik, Rechtschreibung und den Stil betreffen. Sprachwandel ist kein neues Phänomen. Auch frühere Generationen verwendeten Wörter und Wendungen, die ältere Menschen ungewohnt oder störend fanden.
Ein wichtiges Merkmal von Sprachwandel ist: Nicht jede neue Form setzt sich dauerhaft durch. Manche Wörter werden nur wenige Jahre verwendet, andere verbreiten sich so stark, dass sie später ganz selbstverständlich wirken. Außerdem verändern sich verschiedene Sprachbereiche unterschiedlich schnell.
Das Video erläutert, wie Sprachwandel verschiedene Bereiche des Deutschen betreffen kann. Achte beim Anschauen besonders darauf, dass Sprachwandel nicht nur neue Jugendwörter bedeutet.
Warum verändert sich Sprache?
Sprache verändert sich, weil Menschen sie ständig verwenden und an neue Situationen anpassen. Neue Dinge brauchen neue Bezeichnungen. Kontakte zwischen Sprachen führen zu Entlehnungen. Medien verbreiten Wörter sehr schnell. Gruppen entwickeln eigene Ausdrucksweisen. Außerdem werden manche Formen verkürzt, umformuliert oder mit neuen Bedeutungen versehen.
Einige typische Ursachen sind:
- Technischer Wandel: Neue Geräte, Plattformen und Funktionen erzeugen neue Wörter wie „streamen“, „swipen“, „posten“ oder „Sprachnachricht“.
- Sprachkontakt: Wörter aus anderen Sprachen werden übernommen, zum Beispiel „Chat“, „Post“, „Story“, „Follower“ oder „cringe“.
- Gruppensprache: Bestimmte Gruppen entwickeln eigene Wörter und Stilmittel, um Zugehörigkeit auszudrücken.
- Medienwandel: Kommunikationsformen wie Kurzvideos, Kommentarspalten oder Gruppenchats fördern bestimmte sprachliche Muster.
- Bedeutungswandel: Ein bekanntes Wort kann eine neue Bedeutung erhalten, etwa „viral“ im Sinn von „sich sehr schnell im Internet verbreitend“.
Digitale Kommunikation
Unter digitaler Kommunikation versteht man Kommunikation mithilfe digitaler Medien. Dazu gehören zum Beispiel Messenger, Social-Media-Plattformen, E-Mail, Foren, Videokonferenzen, Kommentarspalten und Online-Games.

Digitale Kommunikation ist nicht einfach nur „geschriebene Sprache auf dem Handy“. Sie kann Text, Bild, Ton, Video, Emojis, GIFs, Sticker, Links, Reaktionen und Sprachnachrichten verbinden. Solche Kombinationen nennt man multimodale Kommunikation, weil mehrere Ausdrucksformen gleichzeitig verwendet werden.
Synchron und asynchron
Kommunikation kann unterschiedlich schnell verlaufen. Ein direktes Gespräch ist normalerweise synchron: Die Beteiligten reagieren unmittelbar aufeinander. Eine klassische E-Mail ist eher asynchron: Zwischen Nachricht und Antwort kann viel Zeit liegen.
Chats liegen häufig dazwischen. Wenn zwei Personen gleichzeitig online sind, entsteht fast ein Gespräch in Schriftform. Wenn jemand erst Stunden später antwortet, funktioniert derselbe Chat asynchron. Digitale Kommunikation kann deshalb verschiedene Kommunikationsweisen miteinander verbinden.
Neue Kommunikationsformen
Durch digitale Plattformen sind neue Formen entstanden oder wichtiger geworden. Dazu gehören Gruppenchats, Direktnachrichten, Kommentarspalten, Livestream-Chats, Threads, Stories, Kurzvideos, Reaktionen, Sprach- und Videonachrichten.
Dabei verändert sich nicht nur der Inhalt, sondern auch die Struktur von Kommunikation. Ein Beitrag kann beispielsweise gleichzeitig Text, Bild, Musik und Kommentar enthalten. Andere Personen können ihn liken, teilen, zitieren, kommentieren oder mit einem Emoji reagieren.

Wortschatz im Wandel
Besonders auffällig ist Sprachwandel beim Wortschatz. Digitale Kommunikation bringt ständig neue Wörter hervor oder verbreitet bereits vorhandene Wörter besonders schnell.
Anglizismen
Viele Begriffe der digitalen Welt stammen aus dem Englischen. Beispiele sind „posten“, „liken“, „streamen“, „swipen“, „Follower“, „Feed“, „Story“, „Chat“, „Hashtag“ oder „DM“.
Solche Wörter werden häufig an die deutsche Grammatik angepasst:
| Grundform | Beispielsatz | Beobachtung |
|---|---|---|
| liken | „Ich habe den Beitrag gelikt.“ | Englischer Wortstamm mit deutscher Verbflexion |
| streamen | „Wir haben die Serie gestreamt.“ | Englischer Wortstamm mit deutschem Partizip |
| posten | „Sie postet ein neues Foto.“ | Deutsches Personalendungssystem |
| swipen | „Du swipst nach links.“ | Deutscher Satzbau und deutsche Endung |
An diesen Beispielen erkennst Du: Entlehnte Wörter werden nicht einfach unverändert übernommen. Häufig werden sie in das deutsche Sprachsystem eingebaut.
Abkürzungen und Kürzel
In Chats werden häufig Abkürzungen verwendet. Beispiele sind „kp“ für „kein Plan“, „kA“ für „keine Ahnung“, „ggf.“ in formelleren Texten oder englische Kürzel wie „idk“ für „I don't know“. Manche Kürzel verschwinden schnell, andere bleiben über längere Zeit verbreitet.
Wichtig ist, dass nicht alle Jugendlichen dieselben Kürzel verwenden. Digitale Sprache hängt von Alter, Gruppe, Plattform, Interessen und Situation ab.
Neue und veränderte Bedeutungen
Wörter können in digitalen Kontexten neue Bedeutungen erhalten. „Viral“ bezeichnet ursprünglich etwas, das mit Viren zusammenhängt. Im Netz kann „viral gehen“ bedeuten, dass ein Inhalt sehr schnell von vielen Menschen verbreitet wird.
Auch Wörter wie „Follower“, „Story“, „Post“ oder „Feed“ haben in sozialen Medien feste neue Bedeutungen erhalten. Ein „Post“ ist dort kein Brief, sondern ein veröffentlichter Beitrag.
Zeitgemäße Beispiele aus informellen Kontexten
Wörter wie „cringe“, „random“, „safe“, „wild“, „Bro“, „Digga“, „slay“, „lost“, „goofy“ oder „delulu“ können in informeller Jugend- und Netzsprache vorkommen. Ihre Häufigkeit und Bedeutung ändern sich jedoch schnell. Manche Ausdrücke werden ernst gemeint, andere ironisch oder als Meme verwendet.
Ein wichtiger Teil Deiner sprachlichen Kompetenz besteht deshalb darin, nicht nur ein Wort zu kennen, sondern auch zu erkennen, wer es benutzt, in welchem Kontext es steht und welche Wirkung es hat.
Das Video erklärt Merkmale von Jugendsprache und zeigt, warum sie nicht als einheitliche Sprache aller Jugendlichen verstanden werden darf.
Stil in Chat und Social Media
Stil bezeichnet die Art und Weise, wie etwas sprachlich formuliert ist. In digitaler Kommunikation wird der Stil stark von Plattform, Situation, Zielgruppe und Beziehung beeinflusst.
Typische Merkmale von Chats
Chats wirken häufig gesprächsnah. Typisch können kurze Sätze, fehlende Satzzeichen, Kleinschreibung, Ellipsen, Wiederholungen, Lautmalerei, Emojis und schnelle Themenwechsel sein.
Beispiel:
Chatnachricht: „bin gleich da 😭 bus wieder komplett lost“
In Standardsprache könnte derselbe Inhalt lauten:
Standardsprache: „Ich bin gleich da. Mein Bus hat sich schon wieder verspätet.“
Beide Varianten können kommunikativ funktionieren. Entscheidend ist die Situation.
Ellipsen
Eine Ellipse ist ein unvollständiger Satz, dessen Bedeutung trotzdem verständlich bleibt.
Beispiele: „Bin gleich da.“ „Noch fünf Minuten.“ „Alles gut?“ „Schon gesehen.“
Solche Formen sind nicht auf digitale Kommunikation beschränkt. Auch im gesprochenen Alltag kommen Ellipsen häufig vor.
Kleinschreibung und fehlende Satzzeichen
In informellen Chats wird manchmal auf Großschreibung oder Satzzeichen verzichtet. Das spart Zeit und kann einen lockeren Ton erzeugen.
Vergleiche:
„kommst du morgen“ „Kommst du morgen?“ „Kommst du morgen?!“ „kommst du morgen 😭“
Der reine Wortlaut ist ähnlich, aber die Wirkung verändert sich durch Schreibweise, Satzzeichen und Emoji.
Emojis, GIFs und Reaktionen
Emojis können Informationen ergänzen, Gefühle anzeigen oder die Wirkung eines Satzes verändern.

Vergleiche:
„Okay.“ „Okay 👍“ „Okay 😂“ „Okay 🙄“
Der Text ist fast gleich, aber die mögliche Bedeutung unterscheidet sich deutlich. Ein Emoji kann Zustimmung, Ironie, Freude, Übertreibung oder Ablehnung signalisieren. Trotzdem ist seine Bedeutung nicht immer eindeutig. Missverständnisse sind möglich.
Ein Emoji ersetzt also nicht einfach ein Wort. Es kann ähnlich wie Mimik oder Tonfall wirken, bleibt aber vom Kontext abhängig.
Reaktionen statt Antworten
Auf vielen Plattformen kann eine Nachricht mit einem Symbol beantwortet werden. Ein Herz, ein Daumen oder ein lachendes Gesicht kann eine vollständige sprachliche Antwort ersetzen.
Beispiel: Eine Person schreibt: „Treffen morgen um 16 Uhr?“ Eine andere Person reagiert nur mit 👍.
Die Reaktion bedeutet in diesem Kontext wahrscheinlich Zustimmung. Damit entsteht eine Kommunikationsform, die weder ein vollständiger Satz noch reine Bildkommunikation ist.
Hashtags, Mentions und Plattform-Sprache
Hashtags markieren Themen oder ordnen Inhalte. Mentions mit „@“ richten sich direkt an bestimmte Nutzerkonten. Diese Zeichen sind gleichzeitig technische Funktionen und sprachliche Mittel.
Beispiel: „Neues Projekt fertig! #schule #medien @klasse9“
Der Hashtag kann einen Beitrag auffindbar machen. Die Mention spricht eine bestimmte Person oder Gruppe an. Digitale Sprache ist deshalb oft eng mit den technischen Möglichkeiten einer Plattform verbunden.
Memes und intertextuelle Kommunikation
Ein Meme kann aus Bild, Text, Video, Ton oder einer Kombination bestehen. Oft versteht man die Pointe nur, wenn man eine Vorlage, einen Trend oder einen bekannten Zusammenhang kennt.
Bei Memes wird Sprache häufig verkürzt, übertrieben oder bewusst grammatisch ungewöhnlich gestaltet. Solche Formen können kreativ sein, funktionieren aber nur, wenn die Beteiligten den kulturellen Kontext kennen.
Beispiel: „POV: Du hast gedacht, die Hausaufgabe dauert nur zehn Minuten.“
„POV“ stammt aus dem Englischen und bedeutet „point of view“. In Kurzvideos und Memes wird es häufig verwendet, um eine Situation aus einer bestimmten Perspektive anzukündigen.
Gesprächssprache
Im direkten Gespräch stehen andere Mittel zur Verfügung als im Chat. Du hörst Lautstärke, Betonung, Sprechtempo und Tonfall. Du siehst Mimik und Gestik. Außerdem können Gesprächspartner sofort reagieren, nachfragen oder sich gegenseitig unterbrechen.

Gesprochene Sprache enthält häufig Satzabbrüche, Wiederholungen, Füllwörter und spontane Verbesserungen.
Beispiel: „Also ich wollte eigentlich, äh, morgen kommen, aber dann hat meine Mutter gesagt, wir müssen früher los.“
In einem sorgfältig geschriebenen Text würde man diese Form meist überarbeiten. Im Gespräch ist sie völlig normal.
Standardsprache
Die Standardsprache ist eine überregional verständliche und weitgehend normierte Sprachform. Sie wird besonders in Schule, Verwaltung, seriösen Nachrichtentexten, Sachtexten, offiziellen Schreiben und vielen beruflichen Situationen verwendet.
Standardsprache bedeutet nicht, dass jeder Satz besonders kompliziert sein muss. Wichtig sind Verständlichkeit, grammatische Korrektheit, passende Wortwahl und ein angemessener Stil.
Beispiel:
Informeller Chat: „yo schick ma pls die datei“
Standardsprachlich: „Kannst du mir bitte die Datei schicken?“
Formell: „Könnten Sie mir die Datei bitte zusenden?“
Der Inhalt bleibt ähnlich, aber Beziehung, Situation und Höflichkeitsgrad verändern die Formulierung.
Register: Sprache passend zur Situation wählen
Ein Register ist eine Sprachform, die zu einer bestimmten Situation passt. Gute Sprachkompetenz bedeutet deshalb nicht, immer Standardsprache zu verwenden. Sie bedeutet auch, zwischen verschiedenen Registern wechseln zu können.
Eine Person kann im Freundeskreis schreiben: „bin 5 min später sry“
und der Lehrkraft: „Guten Morgen Frau Berger, ich verspäte mich heute voraussichtlich um fünf Minuten.“
Beide Nachrichten können sprachlich angemessen sein.
Registerwechsel als Kompetenz
Der Wechsel zwischen verschiedenen sprachlichen Stilen zeigt, dass Du Sprache bewusst einsetzen kannst. Du berücksichtigst dabei:
- Adressat: Mit wem kommunizierst Du?
- Situation: Ist die Kommunikation privat, öffentlich, schulisch oder beruflich?
- Kommunikationsziel: Möchtest Du informieren, überzeugen, bitten, unterhalten oder diskutieren?
- Medium: Schreibst Du einen Chat, einen Kommentar, eine E-Mail oder führst Du ein Gespräch?
- Wirkung: Soll der Text locker, höflich, sachlich, humorvoll oder ernst wirken?
Vier Kommunikationsformen im Vergleich
| Merkmal | Chat | Social Media | Gespräch | Standardsprache |
|---|---|---|---|---|
| Tempo | oft schnell, teilweise nahezu synchron | je nach Plattform schnell oder zeitversetzt | unmittelbar | meist stärker geplant |
| Satzbau | häufig kurz und elliptisch | stark vom Format abhängig | spontan, oft unvollständig | überwiegend vollständig und normnah |
| Wortschatz | informell, gruppenbezogen, viele Kürzel möglich | trend- und plattformabhängig | alltagsnah, regional oder gruppenspezifisch | überregional und situationsgerecht |
| Emojis und Reaktionen | häufig | sehr häufig | nicht vorhanden, stattdessen Mimik und Gestik | normalerweise selten |
| Öffentlichkeit | meist privat oder gruppenbezogen | häufig öffentlich oder halböffentlich | meist begrenzter Personenkreis | abhängig vom Text |
| Korrekturmöglichkeit | vor dem Senden kurz, teilweise nachträglich | oft vor Veröffentlichung und teilweise danach | nur durch sofortige Selbstkorrektur | meist gut überarbeitbar |
Ein Inhalt in vier Varianten
Stell Dir vor, Du möchtest mitteilen, dass ein Treffen später beginnt.
Chat mit Freundinnen und Freunden: „treffen erst 17 uhr, bus macht wieder faxen 😭“
Social-Media-Story: „Update: Start heute erst 17 Uhr ⏰“
Direktes Gespräch: „Wir fangen doch erst um fünf an, weil der Bus gerade Verspätung hat.“
Standardsprachliche Mitteilung: „Das Treffen beginnt heute erst um 17 Uhr, da sich die Anreise verzögert.“
Die vier Varianten enthalten denselben Kerninhalt. Sie unterscheiden sich jedoch bei Wortwahl, Satzbau, Genauigkeit, Stil und zusätzlichen Zeichen.
Öffentlichkeit und Wirkung
Ein wichtiger Unterschied zwischen privatem Chat und Social Media ist die mögliche Öffentlichkeit. Ein Chat richtet sich oft an wenige Personen. Ein Social-Media-Beitrag kann dagegen sehr viele Menschen erreichen.
Das beeinflusst die Sprache. Öffentliche Beiträge werden häufiger bewusst formuliert, können aber zugleich besonders kurz, auffällig oder emotional gestaltet sein, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Typisch sind zum Beispiel: „Das musst Du gesehen haben.“ „Unpopular Opinion: …“ „POV: …“ „Teil 2?“ „Wer kennt das auch?“
Solche Formulierungen sollen häufig Reaktionen, Kommentare oder weitere Aufrufe anregen.
Sprachwandel oder Sprachverfall?
Neue Sprachformen werden oft kritisiert. Dabei ist es sinnvoll, zwischen Sprachwandel und Sprachverfall zu unterscheiden.
Sprachwandel beschreibt zunächst neutral, dass sich Sprache verändert. Die Bewertung „Verfall“ behauptet dagegen, Sprache werde grundsätzlich schlechter. Das lässt sich nicht allein daraus ableiten, dass neue Wörter, Abkürzungen oder Satzmuster entstehen.
Eine Sprache kann gleichzeitig informelle neue Formen entwickeln und weiterhin über eine Standardsprache verfügen. Menschen können in einem Chat „kp“ schreiben und trotzdem einen korrekten Sachtext verfassen. Entscheidend ist die Fähigkeit, das passende Register zu wählen.
Chancen digitaler Kommunikation
Digitale Kommunikation kann kreativ, schnell und vielseitig sein. Menschen können sich über große Entfernungen austauschen, Informationen teilen, gemeinsam Texte schreiben oder durch Bilder, Emojis und Videos zusätzliche Bedeutung erzeugen.
Sie schafft außerdem neue sprachliche Formen. Manche davon gelangen später in die Alltagssprache oder sogar in Wörterbücher.
Risiken und Missverständnisse
Digitale Kommunikation kann auch Schwierigkeiten verursachen. Tonfall und Mimik fehlen in Textnachrichten. Ironie kann deshalb falsch verstanden werden. Sehr kurze Antworten können unfreundlich wirken, obwohl sie nicht so gemeint sind.
Beispiel: „ok“ „Okay!“ „Okay 😊“ „OKAY.“
Die Varianten können unterschiedlich wirken, obwohl die Grundbedeutung ähnlich ist.
Kommunikationsregeln und Netiquette
Netiquette bezeichnet Regeln für respektvolle Kommunikation im Internet. Dazu gehören ein höflicher Umgang, der Schutz persönlicher Daten, ein bewusster Umgang mit Bildern anderer Personen und das Vermeiden beleidigender oder diskriminierender Sprache.
Auch sprachlich ist wichtig: Eine Nachricht kann gespeichert, weitergeleitet oder als Screenshot verbreitet werden. Deshalb solltest Du bedenken, dass digital Geschriebenes manchmal eine größere Reichweite und längere Lebensdauer hat als ein spontaner mündlicher Satz.
Sprachliche Analyse: So gehst Du vor
Wenn Du digitale Kommunikation untersuchst, kannst Du in mehreren Schritten vorgehen.
- Kommunikationssituation: Bestimme Medium, Beteiligte, Öffentlichkeit und Ziel.
- Wortschatz: Suche nach Anglizismen, Neologismen, Abkürzungen, Jugendsprache und Bedeutungsverschiebungen.
- Satzbau: Achte auf kurze Sätze, Ellipsen, Satzabbrüche und vollständige Standardsätze.
- Schreibweise: Untersuche Groß- und Kleinschreibung, Satzzeichen, Wiederholungen und lautnahe Schreibweisen.
- Multimodalität: Prüfe die Bedeutung von Emojis, GIFs, Bildern, Hashtags oder Reaktionen.
- Wirkung: Erkläre, wie die sprachlichen Mittel auf die Adressaten wirken.
- Register: Beurteile, ob die Sprache zur Situation passt.
Beispiel einer Analyse
Nachricht: „bro das referat war lowkey wild 😭 aber safe bestanden“
Mögliche Beobachtungen:
- Anrede: „bro“ erzeugt einen informellen, gruppennahen Ton.
- Anglizismus: „lowkey“ und „wild“ stammen aus englisch geprägter Netzsprache.
- Bedeutung: „wild“ bedeutet hier nicht „ungezähmt“, sondern ungefähr „ungewöhnlich“ oder „heftig“.
- Ellipse: Ein vollständiges Prädikat fehlt im zweiten Teil.
- Emoji: Das Emoji kann Übertreibung, Erleichterung oder Humor anzeigen.
- Register: Die Nachricht passt eher zu einem privaten Chat als zu einer formellen schulischen Mitteilung.
Eine standardsprachliche Umformulierung könnte lauten: „Das Referat war ziemlich ungewöhnlich, aber ich habe wahrscheinlich bestanden.“
Merksätze
Sprachwandel ist normal. Sprache verändert sich, weil Menschen sie verwenden.
Digitale Kommunikation ist multimodal. Text, Bild, Ton, Emoji und Reaktion können gemeinsam Bedeutung erzeugen.
Jugendsprache ist nicht einheitlich. Wörter unterscheiden sich zwischen Gruppen, Regionen, Plattformen und Zeiträumen.
Standardsprache ist situationsabhängig wichtig. Besonders in formellen und schulischen Kontexten sorgt sie für Verständlichkeit und Verbindlichkeit.
Registerwechsel ist Sprachkompetenz. Wer Chat-Sprache und Standardsprache gezielt unterscheiden kann, beherrscht Sprache flexibler.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was bezeichnet Sprachwandel? (Die Veränderung einer Sprache im Laufe der Zeit) (!Den vollständigen Verlust einer Sprache) (!Nur die Entstehung neuer Jugendwörter) (!Nur Veränderungen der Rechtschreibung)
Welche Form ist für einen privaten Chat besonders typisch? (Kurze elliptische Nachrichten) (!Ausschließlich vollständige Haupt- und Nebensätze) (!Immer formelle Anrede) (!Immer wissenschaftliche Fachsprache)
Was ist ein Anglizismus? (Ein aus dem Englischen übernommener sprachlicher Ausdruck) (!Ein besonders langer deutscher Satz) (!Ein regionaler Dialekt aus Süddeutschland) (!Ein Satz ohne Verb)
Welche Aussage über Emojis ist richtig? (Sie können die Wirkung einer Nachricht verändern) (!Sie haben in jedem Kontext genau dieselbe Bedeutung) (!Sie ersetzen immer die gesamte geschriebene Sprache) (!Sie sind ausschließlich Satzzeichen)
Was ist ein Sprachregister? (Eine Sprachform, die zu einer bestimmten Situation passt) (!Eine Liste aller Wörter einer Sprache) (!Ein Verzeichnis von Rechtschreibfehlern) (!Eine Sammlung von Emojis)
Welche Aussage zur Jugendsprache trifft zu? (Sie unterscheidet sich je nach Gruppe und Zeit) (!Alle Jugendlichen verwenden dieselben Wörter) (!Sie bleibt über Jahrzehnte unverändert) (!Sie besteht nur aus englischen Wörtern)
Was ist ein typisches Merkmal eines direkten Gesprächs? (Mimik und Tonfall können Bedeutung vermitteln) (!Es besteht ausschließlich aus geschriebenem Text) (!Antworten sind immer zeitversetzt) (!Es verwendet grundsätzlich keine Umgangssprache)
Was bedeutet multimodale Kommunikation? (Mehrere Ausdrucksformen wie Text Bild Ton oder Emoji werden kombiniert) (!Es wird nur Standardsprache verwendet) (!Eine Nachricht enthält ausschließlich Bilder) (!Es sprechen immer mehrere Personen gleichzeitig)
Warum kann eine kurze Textnachricht missverstanden werden? (Tonfall und Mimik fehlen häufig) (!Weil digitale Nachrichten nie Wörter enthalten) (!Weil Satzzeichen online verboten sind) (!Weil alle Emojis dieselbe Bedeutung haben)
Welche Fähigkeit zeigt besonders hohe Sprachkompetenz? (Je nach Situation zwischen passenden Registern wechseln) (!In jeder Situation denselben Stil verwenden) (!In Chats grundsätzlich keine Satzzeichen verwenden) (!Fremdwörter grundsätzlich vermeiden)
Memory
| Sprachwandel | Veränderung einer Sprache im Laufe der Zeit |
| Anglizismus | Übernahme eines Ausdrucks aus dem Englischen |
| Ellipse | Unvollständiger aber verständlicher Satz |
| Register | Situationsabhängige Sprachform |
| Netiquette | Regeln für respektvolle Online-Kommunikation |
| Multimodalität | Verbindung verschiedener Ausdrucksformen |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Privater Chat | kurze informelle Nachricht |
| Social Media | öffentlich sichtbarer Beitrag |
| Gespräch | Mimik und Tonfall |
| Standardsprache | normnahe überregionale Form |
| Emoji | visuelles Zusatzsignal |
Kreuzworträtsel
| Register | Wie nennt man eine situationsabhängige Sprachform? |
| Emoji | Welches Bildzeichen kann Gefühle oder Haltungen ausdrücken? |
| Hashtag | Welches Zeichenwort ordnet Beiträge thematisch? |
| Anglizismus | Wie nennt man einen aus dem Englischen übernommenen Ausdruck? |
| Netiquette | Wie heißen Regeln für respektvolle Online-Kommunikation? |
| Standardsprache | Welche Sprachform ist besonders in formellen Situationen wichtig? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Chatvergleich: Schreibe dieselbe Nachricht einmal an eine Freundin oder einen Freund und einmal an eine Lehrkraft. Markiere mindestens drei sprachliche Unterschiede.
- Emoji-Wirkung: Formuliere einen neutralen Satz und ergänze ihn mit vier unterschiedlichen Emojis. Beschreibe, wie sich die Wirkung jeweils verändert.
- Wortschatzsammlung: Sammle zehn Wörter aus digitalen Kommunikationssituationen und ordne sie den Kategorien Anglizismus, Abkürzung, Jugendsprache oder Plattformbegriff zu.
- Registerwechsel: Verwandle fünf informelle Chatnachrichten in passende standardsprachliche Sätze.
Standard
- Chatprotokoll analysieren: Erfinde einen kurzen fiktiven Chat und untersuche Wortschatz, Satzbau, Schreibweise, Emojis und Wirkung.
- Social-Media-Post: Gestalte einen sachlichen Social-Media-Beitrag zu einem Schulthema. Begründe anschließend, welche sprachlichen Mittel Du gewählt hast.
- Interview zum Sprachwandel: Befrage zwei Personen unterschiedlichen Alters nach Wörtern, die sie früher häufig benutzt haben. Vergleiche die Ergebnisse.
- Gespräch und Schrift: Nimm mit Zustimmung einer Partnerperson ein kurzes Gespräch auf, verschriftliche einen kleinen Ausschnitt und vergleiche gesprochene mit geschriebener Sprache.
Schwer
- Sprachwandel-Forschung: Untersuche über eine Woche hinweg zehn öffentlich zugängliche Social-Media-Beiträge und dokumentiere wiederkehrende sprachliche Muster, ohne personenbezogene Daten zu sammeln.
- Debatte Sprachverfall: Bereite eine strukturierte Diskussion zur Aussage „Digitale Kommunikation verschlechtert die deutsche Sprache“ vor. Formuliere Argumente und Gegenargumente.
- Plattformvergleich: Vergleiche die Sprache in einem Messenger, einer Kommentarspalte und einem Kurzvideo-Format. Erkläre, wie die technischen Möglichkeiten den Stil beeinflussen.
- Mini-Dokumentation: Produziere ein kurzes Erklärvideo zum Thema „Vom Chat zur Standardsprache“. Zeige mindestens vier Beispiele für Registerwechsel und erkläre ihre Wirkung.


Lernkontrolle
- Adressatenbezug: Eine Schülerin schreibt dieselbe Information an ihre beste Freundin, an ihren Klassenlehrer und an einen Betrieb. Formuliere drei passende Varianten und begründe die Unterschiede.
- Kommunikationsvergleich: Erkläre an einem selbst gewählten Beispiel, welche Informationen in einem direkten Gespräch durch Mimik oder Tonfall vermittelt werden und wie sie in einem Chat ersetzt werden könnten.
- Sprachwandel bewerten: Nimm Stellung zur Aussage „Neue Wörter machen die Sprache schlechter“. Nutze mindestens zwei sprachwissenschaftlich sinnvolle Argumente.
- Multimodale Analyse: Analysiere, wie Text, Emoji und Bild in einem erfundenen Social-Media-Beitrag zusammenwirken. Erkläre, welche Bedeutung verloren ginge, wenn ein Element entfernt würde.
- Registerkompetenz: Beschreibe eine Situation, in der Umgangssprache passend ist, und eine Situation, in der Standardsprache notwendig ist. Begründe Deine Entscheidung.
- Transferaufgabe: Entwickle Regeln für einen Klassenchat, die sowohl sprachliche Freiheit als auch respektvolle und verständliche Kommunikation ermöglichen.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu diesem Thema solltest Du zeigen können, dass Du Sprachwandel nicht nur beschreiben, sondern an konkreten Beispielen untersuchen und bewerten kannst.
- Sprachwandel erklären: Du kannst erklären, warum sich Wortschatz, Bedeutungen und Kommunikationsformen verändern.
- Sprachliche Merkmale erkennen: Du erkennst Anglizismen, Abkürzungen, Ellipsen, Emojis, Hashtags und weitere Merkmale digitaler Kommunikation.
- Kommunikationsformen vergleichen: Du kannst Chat, Social Media, Gespräch und Standardsprache systematisch vergleichen.
- Register anwenden: Du kannst denselben Inhalt situationsgerecht für unterschiedliche Adressaten formulieren.
- Wirkung analysieren: Du kannst erklären, wie Schreibweise, Satzzeichen, Emojis und Wortwahl die Wirkung einer Nachricht beeinflussen.
- Sprachwandel reflektieren: Du kannst begründet zwischen neutraler Beschreibung von Sprachwandel und wertender Sprachkritik unterscheiden.
- Medienkompetenz zeigen: Du berücksichtigst Öffentlichkeit, Datenschutz und respektvolle Kommunikation bei digitalen Beiträgen.
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