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Beruf“ sprechen. Nun ist es eine gewisse Pedanterie
von uns Nationalökonomen, an der ich festhalten
möchte: dass wir stets von den äußeren Verhältnissen ausgehen,
hier also von der Frage: Wie gestaltet sich Wissenschaft als
Beruf im materiellen Sinne des Wortes? Das bedeutet aber
praktisch heute im wesentlichen: Wie gestaltet sich die Lage
eines absolvierten Studenten, der entschlossen ist, der Wissenschaft
innerhalb des akademischen Lebens sich berufsmäßig hinzugeben?
Um zu verstehen, worin da die Besonderheit unserer deutschen
Verhältnisse besteht, ist es zweckmäßig, vergleichend zu ver-
fahren und sich zu vergegenwärtigen, wie es im Auslande dort
aussieht, wo in dieser Hinsicht der schärfste Gegensatz gegen
uns besteht: in den Vereinigten Staaten.
Laufbahn eines jungen Mannes, der sich der Wissenschaft als
Beruf hingibt, als „Privatdozent“. Er habilitiert sich nach
Rücksprache und mit Zustimmung des betreffenden Fachver-
treters, auf Grund eines Buches und eines meist mehr formellen
Examens vor der Fakultät, an einer Universität und hält nun,
unbesoldet, entgolten nur durch das Kolleggeld der Studenten,
Vorlesungen, deren Gegenstand er innerhalb seiner venia legendi
selbst bestimmt. Jn Amerika beginnt die Laufbahn normaler-
weise ganz anders, nämlich durch Anstellung als „assistant“.
Jn ähnlicher Art etwa, wie das bei uns an den großen Jn-
stituten der naturwissenschaftlichen und medizinischen Fakultäten
vor sich zu gehen pflegt, wo die förmliche Habilitation als
Privatdozent nur von einem Bruchteil der Assistenten und oft
erst spät erstrebt wird. Der Gegensatz bedeutet praktisch: dass
bei uns die Laufbahn eines Mannes der Wissenschaft im
ganzen auf plutokratischen Voraussetzungen aufgebaut ist.
Denn es ist außerordentlich gewagt für einen jungen Gelehrten,
der keinerlei Vermögen hat, überhaupt den Bedingungen der
akademischen Laufbahn sich auszusetzen. Er muss es mindestens
eine Anzahl Jahre aushalten können, ohne irgendwie zu
1* wissen, ob er nachher die Chancen hat, einzurücken in eine
Stellung, die für den Unterhalt ausreicht. Jn den Vereinigten
Staaten dagegen besteht das bureaukratische System. Da wird
der junge Mann von Anfang an besoldet. Bescheiden freilich.
Der Gehalt entspricht meist kaum der Höhe der Entlohnung
eines nicht völlig ungelernten Arbeiters. Jmmerhin: er be-
ginnt mit einer scheinbar sicheren Stellung, denn er ist fest
besoldet. Allein die Regel ist, dass ihm, wie unseren Assistenten,
gekündigt werden kann, und das hat er vielfach rücksichtslos zu
gewärtigen, wenn er den Erwartungen nicht entspricht. Diese
Erwartungen aber gehen dahin, dass er „volle Häuser“ macht.
Das kann einem deutschen Privatdozenten nicht passieren. Hat
man ihn einmal, so wird man ihn nicht mehr los. Zwar „An-
sprüche“ hat er nicht. Aber er hat doch die begreifliche Vor-
stellung: dass er, wenn er jahrelang tätig war, eine Art
moralisches Recht habe, dass man auf ihn Rücksicht nimmt.
Auch – das ist oft wichtig – bei der Frage der eventuellen
Habilitierung anderer Privatdozenten. Die Frage: ob man
grundsätzlich jeden, als tüchtig legitimierten, Gelehrten habili-
tieren oder ob man auf den „Lehrbedarf“ Rücksicht nehmen,
also den einmal vorhandenen Dozenten ein Monopol des
Lehrens geben solle, ist ein peinliches Dilemma, welches mit
dem bald zu erwähnenden Doppelgesicht des akademischen Be-
rufes zusammenhängt. Meist entscheidet man sich für das
zweite. Das bedeutet aber eine Steigerung der Gefahr, dass
der betreffende Fachordinarius, bei subjektiv größter Gewissen-
haftigkeit, doch seine eigenen Schüler bevorzugt. Persönlich
habe ich – um das zu sagen – den Grundsatz befolgt: dass
ein bei mir promovierter Gelehrter sich bei einem andern
als mir und anderswo legitimieren und habilitieren müsse.
Aber das Resultat war: dass einer meiner tüchtigsten Schüler
anderwärts abgewiesen wurde, weil niemand ihm glaubte,
dass dies der Grund sei.
uns hat im allgemeinen der Privatdozent weniger mit Vor-
lesungen zu tun, als er wünscht. Er kann zwar dem Rechte
nach jede Vorlesung seines Faches lesen. Das gilt aber
als ungehörige Rücksichtslosigkeit gegenüber den älteren vor-
handenen Dozenten, und in der Regel hält die „großen“ Vor-
lesungen der Fachvertreter, und der Dozent begnügt sich mit
Nebenvorlesungen. Der Vorteil ist: er hat, wennschon etwas
unfreiwillig, seine jungen Jahre für die wissenschaftliche Ar-
beit frei.
in seinen jungen Jahren ist der Dozent absolut überlastet,
weil er eben bezahlt ist. Jn einer germanistischen Abteilung
z. B. wird der ordentliche Professor etwa ein dreistündiges Kolleg
über Goethe lesen und damit: genug –, während der jüngere
assistant froh ist, wenn er, bei zwölf Stunden die Woche,
neben dem Einbläuen der deutschen Sprache etwa bis zu
Dichtern vom Range Uhlands hinauf etwas zugewiesen be-
kommt. Denn den Lehrplan schreiben die amtlichen Fach-
instanzen vor, und darin ist der assistant ebenso wie bei uns
der Jnstitutsassistent abhängig.
die neueste Entwicklung des Universitätswesens auf breiten
Gebieten der Wissenschaft in der Richtung des amerikanischen
verläuft. Die großen Jnstitute medizinischer oder natur-
wissenschaftlicher Art sind „staatskapitalistische“ Unterneh-
mungen. Sie können nicht verwaltet werden ohne Be-
triebsmittel größten Umfangs. Und es tritt da der gleiche
Umstand ein wie überall, wo der kapitalistische Betrieb ein-
setzt: die „Trennung des Arbeiters von den Produktions-
mitteln“. Der Arbeiter, der Assistent also, ist angewiesen auf
die Arbeitsmittel, die vom Staat zur Verfügung gestellt
werden; er ist infolgedessen vom Jnstitutsdirektor ebenso
abhängig wie ein Angestellter in einer Fabrik: – denn der
Jnstitutsdirektor stellt sich ganz gutgläubig vor, dass dies Jn-
stitut „sein“ Jnstitut sei, und schaltet darin, – und er steht
häufig ähnlich prekär wie jede „proletaroide“ Existenz und wie
der assistant der amerikanischen Universität.
unser Leben überhaupt, in sehr wichtigen Punkten, und diese
Entwicklung, das bin ich überzeugt, wird weiter übergreifen
auch auf die Fächer, wo, wie es heute noch in meinem Fache
in starkem Maße der Fall ist, der Handwerker das Arbeits-
mittel (im wesentlichen: die Bibliothek) selbst besitzt, ganz
entsprechend, wie es der alte Handwerker in der Vergangen-
heit innerhalb des Gewerbes auch tat. Die Entwicklung ist
in vollem Gange.
allen kapitalistischen und zugleich bureaukratisierten Betrieben.
Aber der „Geist“, der in ihnen herrscht, ist ein anderer als
die althistorische Atmosphäre der deutschen Universitäten. Es
besteht eine außerordentlich starke Kluft, äußerlich und inner-
lich, zwischen dem Chef eines solchen großen kapitalistischen
Universitätsunternehmens und dem gewöhnlichen Ordinarius
alten Stils. Auch in der inneren Haltung. Jch möchte das
hier nicht weiter ausführen. Jnnerlich ebenso wie äußerlich ist die
alte Universitätsverfassung fiktiv geworden. Geblieben aber
und wesentlich gesteigert ist ein der Universitätslaufbahn
eigenes Moment: Ob es einem solchen Privatdozenten,
vollends einem Assistenten, jemals gelingt, in die Stelle eines
vollen Ordinarius und gar eines Jnstitutsvorstandes einzu-
rücken, ist eine Angelegenheit, die einfach Hazard ist.
Gewiss: nicht nur der Zufall herrscht, aber er herrscht doch in
ungewöhnlich hohem Grade. Jch kenne kaum eine Laufbahn
auf Erden, wo er eine solche Rolle spielt. Jch darf das um
so mehr sagen, als ich persönlich es einigen absoluten Zufällig-
keiten zu verdanken habe, dass ich seinerzeit in sehr jungen
Jahren in eine ordentliche Professur eines Faches berufen wurde,
in welchem damals Altersgenossen unzweifelhaft mehr als ich
geleistet hatten. Und ich bilde mir allerdings ein, auf Grund
dieser Erfahrung ein geschärftes Auge für das unverdiente
Schicksal der vielen zu haben, bei denen der Zufall gerade
umgekehrt gespielt hat und noch spielt, und die trotz aller
Tüchtigkeit innerhalb dieses Ausleseapparates nicht an die
Stelle gelangen, die ihnen gebühren würde.
eine so große Rolle spielt, liegt nicht allein und nicht einmal
vorzugsweise an den Menschlichkeiten, die natürlich bei dieser
Auslese ganz ebenso vorkommen wie bei jeder anderen. Es
wäre unrecht, für den Umstand, dass zweifellos so viele Mittel-
mäßigkeiten an den Universitäten eine hervorragende Rolle
spielen, persönliche Minderwertigkeiten von Fakultäten oder
Ministerien verantwortlich zu machen. Sondern das liegt an
den Gesetzen menschlichen Zusammenwirkens, zumal eines Zu-
sammenwirkens mehrerer Körperschaften, hier: der vorschlagen-
den Fakultäten mit den Ministerien, an sich. Ein Gegenstück:
wir können durch viele Jahrhunderte die Vorgänge bei den
Papstwahlen verfolgen: das wichtigste kontrollierbare Beispiel
gleichartiger Personenauslese. Nur selten hat der Kardinal,
von dem man sagt: er ist „Favorit“, die Chance, durchzukom-
men. Sondern in der Regel der Kandidat Nummer zwei oder
drei. Das gleiche beim Präsidenten der Vereinigten Staaten:
nur ausnahmsweise der allererste, aber: prononcierteste, Mann,
sondern meist Nummer zwei, oft Nummer drei, kommt in die
„Nomination“ der Parteikonventionen hinein und nachher in
den Wahlgang: die Amerikaner haben für diese Kategorien
schon technisch soziologische Ausdrücke gebildet, und es wäre
ganz interessant, an diesen Beispielen die Gesetze einer Aus-
lese durch Kollektivwillensbildung zu untersuchen. Das tun
wir heute hier nicht. Aber sie gelten auch für Universitäts-
kollegien, und zu wundern hat man sich nicht darüber, dass da
öfter Fehlgriffe erfolgen, sondern dass eben doch, verhältnismäßig
angesehen, immerhin die Zahl der richtigen Besetzungen
eine trotz allem sehr bedeutende ist. Nur wo, wie in einzelnen
Ländern, die Parlamente oder, wie bei uns bisher, die
Monarchen (beides wirkt ganz gleichartig) oder jetzt
revolutionäre Gewalthaber aus politischen Gründen ein-
greifen, kann man sicher sein, dass bequeme Mittelmäßigkeiten
oder Streber allein die Chancen für sich haben.
zurück, denn sie sind selten angenehm. Und doch darf ich
sagen: der gute Wille, rein sachliche Gründe entscheiden zu
lassen, war in den mir bekannten zahlreichen Fällen ohne
Ausnahme da.
an der Unzulänglichkeit der Auslese durch kollektive Willens-
bildung, dass die Entscheidung der akademischen Schicksale so
weitgehend „Hazard“ ist. Jeder junge Mann, der sich zum
Gelehrten berufen fühlt, muss sich vielmehr klarmachen, dass die
Aufgabe, die ihn erwartet, ein Doppelgesicht hat. Er soll quali-
fiziert sein als Gelehrter nicht nur, sondern auch: als Lehrer.
Und beides fällt ganz und gar nicht zusammen. Es kann je-
mand ein ganz hervorragender Gelehrter und ein geradezu ent-
setzlich schlechter Lehrer sein. Jch erinnere an die Lehrtätigkeit
von Männern wie Helmholtz oder wie Ranke. Und das sind
nicht etwa seltene Ausnahmen. Nun liegen aber die Dinge
so, dass unsere Universitäten, zumal die kleinen Universitäten,
untereinander in einer Frequenzkonkurrenz lächerlichster Art
sich befinden. Die Hausagrarier der Universitätsstädte feiern
den tausendsten Studenten durch eine Festlichkeit, den zwei-
tausendsten Studenten aber am liebsten durch einen Fackelzug.
Die Kolleggeldinteressen – man soll das doch offen zugeben –
werden durch eine „zugkräftige“ Besetzung der nächstbenach-
barten Fächer mitberührt, und auch abgesehen davon ist nun
einmal die Hörerzahl ein ziffernmäßig greifbares Bewährungs-
merkmal, während die Gelehrtenqualität unwägbar und gerade
bei kühnen Neuerern oft (und ganz natürlicherweise) umstritten
ist. Unter dieser Suggestion von dem unermesslichen Segen
und Wert der großen Hörerzahl steht daher meist alles. Wenn
es von einem Dozenten heißt: er ist ein schlechter Lehrer, so
ist das für ihn meist das akademische Todesurteil, mag er der
allererste Gelehrte der Welt sein. Die Frage aber: ob einer
ein guter oder ein schlechter Lehrer ist, wird beantwortet durch
die Frequenz, mit der ihn die Herren Studenten beehren.
Nun ist es aber eine Tatsache, dass der Umstand, dass die
Studenten einem Lehrer zuströmen, in weitgehendstem Maße
von reinen Äußerlichkeiten bestimmt ist: Temperament, sogar
Stimmfall, – in einem Grade, wie man es nicht für möglich
halten sollte. Jch habe nach immerhin ziemlich ausgiebigen
Erfahrungen und nüchterner Überlegung ein tiefes Misstrauen
gegen die Massenkollegien, so unvermeidbar gewiss auch sie
sind. Die Demokratie da, wo sie hingehört. Wissenschaftliche
Schulung aber, wie wir sie nach der Tradition der deutschen
Universitäten an diesen betreiben sollen, ist eine geistesaristo-
kratische Angelegenheit, das sollten wir uns nicht verhehlen.
Nun ist es freilich andererseits wahr: die Darlegung wissen-
schaftlicher Probleme so, dass ein ungeschulter, aber aufnahme-
fähiger Kopf sie versteht, und dass er – was für uns das allein
Entscheidende ist – zum selbständigen Denken darüber gelangt,
ist vielleicht die pädagogisch schwierigste Aufgabe von allen.
Gewiss: aber darüber, ob sie gelöst wird, entscheiden nicht die
Hörerzahlen. Und – um wieder auf unser Thema zu kom-
men – eben diese Kunst ist eine persönliche Gabe und fällt
mit den wissenschaftlichen Qualitäten eines Gelehrten ganz und
gar nicht zusammen. Jm Gegensatz zu Frankreich aber haben
wir keine Körperschaft der „Unsterblichen“ der Wissenschaft,
sondern es sollen unserer Tradition gemäß die Universitäten
beiden Anforderungen: der Forschung und der Lehre, gerecht
werden. Ob die Fähigkeiten dazu sich aber in einem Menschen
zusammenfinden, ist absoluter Zufall.
junge Gelehrte um Rat fragen kommen wegen Habilitation,
so ist die Verantwortung des Zuredens fast nicht zu tragen.
Jst er ein Jude, so sagt man ihm natürlich: lasciate ogni
speranza.
„Lasst alle Hoffnung fahren“, bei Dante, Die Göttliche Komödie, Inferno III, 9, der Spruch, mit dem die Reisenden am Höllentor empfangen werden: „Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!“ – „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“
Aber auch jeden anderen muss man auf das Ge-
wissen fragen: Glauben Sie, dass Sie es aushalten, dass Jahr
um Jahr Mittelmäßigkeit nach Mittelmäßigkeit über Sie hin-
aussteigt, ohne innerlich zu verbittern und zu verderben?
Dann bekommt man selbstverständlich jedesmal die Antwort:
Natürlich, ich lebe nur meinem „Beruf“; – aber ich wenigstens
habe es nur von sehr wenigen erlebt, dass sie das ohne inneren
Schaden für sich aushielten.

anderem: von dem inneren Berufe zur Wissenschaft, hören.
Jn der heutigen Zeit ist die innere Lage gegenüber dem Be-
trieb der Wissenschaft als Beruf bedingt zunächst dadurch, dass
die Wissenschaft in ein Stadium der Spezialisierung einge-
treten ist, wie es früher unbekannt war, und dass dies in alle
Zukunft so bleiben wird. Nicht nur äußerlich, nein, gerade
innerlich liegt die Sache so: dass der einzelne das sichere Be-
wußtsein, etwas wirklich ganz Vollkommenes auf wissenschaft-
lichem Gebiet zu leisten, nur im Falle strengster Spezialisierung
sich verschaffen kann. Alle Arbeiten, welche auf Nachbarge-
biete übergreifen, wie wir sie gelegentlich machen, wie gerade
z. B. die Soziologen sie notwendig immer wieder machen
müssen, sind mit dem resignierten Bewusstsein belastet: dass
man allenfalls dem Fachmann nützliche Fragestellungen liefert,
auf die dieser von seinen Fachgesichtspunkten aus nicht so leicht
verfällt, dass aber die eigene Arbeit unvermeidlich höchst unvoll-
kommen bleiben muss. Nur durch strenge Spezialisierung kann
der wissenschaftliche Arbeiter tatsächlich das Vollgefühl, ein-
mal und vielleicht nie wieder im Leben, sich zu eigen machen:
hier habe ich etwas geleistet, was dauern wird. Eine wirklich
endgültige und tüchtige Leistung ist heute stets: eine spezialisti-
sche Leistung. Und wer also nicht die Fähigkeit besitzt, sich
einmal sozusagen Scheuklappen anzuziehen und sich hineinzu-
steigern in die Vorstellung, dass das Schicksal seiner Seele
davon abhängt: ob er diese, gerade diese Konjektur an dieser
Stelle dieser Handschrift richtig macht, der bleibe der Wissen-
schaft nur ja fern. Niemals wird er in sich das durchmachen,
was man das „Erlebnis“ der Wissenschaft nennen kann. Ohne
diesen seltsamen, von jedem Draußenstehenden belächelten
Rausch, diese Leidenschaft, dieses: „Jahrtausende mussten ver-
gehen, ehe du ins Leben tratest, und andere Jahrtausende
warten schweigend“: – darauf, ob dir diese Konjektur gelingt,
hat einer den Beruf zur Wissenschaft nicht und tue etwas
anderes. Denn nichts ist für den Menschen als Menschen
etwas wert, was er nicht mit Leidenschaft tun kann.
Leidenschaft, so echt und tief sie sein mag, das Resultat sich
noch lange nicht erzwingen lässt. Freilich ist sie eine Vorbe-
dingung des Entscheidenden: der „Eingebung“. Es ist ja wohl
heute in den Kreisen der Jugend die Vorstellung sehr ver-
breitet, die Wissenschaft sei ein Rechenexempel geworden, das
in Laboratorien oder statistischen Karthoteken mit dem kühlen
Verstand allein und nicht mit der ganzen „Seele“ fabriziert
werde, so wie „in einer Fabrik“. Wobei vor allem zu be-
merken ist: dass dabei meist weder über das, was in einer
Fabrik noch was in einem Laboratorium vorgeht, irgendwelche
Klarheit besteht. Hier wie dort muss dem Menschen etwas
– und zwar das richtige – einfallen, damit er irgend
etwas Wertvolles leistet. Dieser Einfall aber lässt sich nicht
erzwingen. Mit irgendwelchem kalten Rechnen hat er nichts
zu tun. Gewiss: auch das ist unumgängliche Vorbedingung.
Jeder Soziologe z. B. darf sich nun einmal nicht zu schade
dafür sein, auch noch auf seine alten Tage vielleicht monate-
lang viele zehntausende ganz trivialer Rechenexempel im
Kopfe zu machen. Man versucht nicht ungestraft, das auf
mechanische Hilfskräfte ganz und gar abzuwälzen, wenn man
etwas herausbekommen will, – und was schließlich heraus-
kommt, ist oft blutwenig. Aber, wenn ihm nicht doch etwas
Bestimmtes über die Richtung seines Rechnens und, während
des Rechnens, über die Tragweite der entstehenden Einzel-
resultate „einfällt“, dann kommt selbst dies Blutwenige nicht
heraus. Nur auf dem Boden ganz harter Arbeit bereitet
sich normalerweise der Einfall vor. Gewiss: nicht immer. Der
Einfall eines Dilettanten kann wissenschaftlich genau die gleiche
oder größere Tragweite haben wie der des Fachmanns. Viele
unserer allerbesten Problemstellungen und Erkenntnisse ver-
danken wir gerade Dilettanten. Der Dilettant unterscheidet
sich vom Fachmann – wie Helmholtz über Robert Mayer
gesagt hat – nur dadurch, dass ihm die feste Sicherheit der
Arbeitsmethode fehlt, und dass er daher den Einfall meist nicht
in seiner Tragweite nachzukontrollieren und abzuschätzen oder
durchzuführen in der Lage ist. Der Einfall ersetzt nicht die
Arbeit. Und die Arbeit ihrerseits kann den Einfall nicht er-
setzen oder erzwingen, so wenig wie die Leidenschaft es tut.
Beide – vor allem: beide zusammen – locken ihn. Aber
er kommt, wenn es ihm, nicht, wenn es uns beliebt. Es ist
in der Tat richtig, dass die besten Dinge einem so, wie
Jhering es schildert: bei der Zigarre auf dem Kanapee, oder
wie Helmholtz mit naturwissenschaftlicher Genauigkeit für sich
angibt: beim Spaziergang auf langsam steigender Straße, oder
ähnlich, jedenfalls aber dann, wenn man sie nicht erwartet,
einfallen, und nicht während des Grübelns und Suchens am
Schreibtisch. Sie wären einem nur freilich nicht eingefallen,
wenn man jenes Grübeln am Schreibtisch und wenn man das
leidenschaftliche Fragen nicht hinter sich gehabt hätte. Wie
dem aber sei: – diesen Hazard, der bei jeder wissenschaftlichen
Arbeit mit unterläuft: kommt die „Eingebung“ oder nicht?
auch den muss der wissenschaftliche Arbeiter in Kauf nehmen.
Es kann einer ein vorzüglicher Arbeiter sein und doch nie
einen eigenen wertvollen Einfall gehabt haben. Nur ist es ein
schwerer Jrrtum, zu glauben, das sei nur in der Wissenschaft
so und z. B. in einem Kontor gehe es etwa anders zu wie in
einem Laboratorium. Ein Kaufmann oder Großindustrieller
ohne „kaufmännische Phantasie“, d. h. ohne Einfälle, geniale
Einfälle, der ist sein Leben lang nur ein Mann, der am besten
Kommis oder technischer Beamter bliebe: nie wird er organi-
satorische Neuschöpfungen gestalten. Die Eingebung spielt
auf dem Gebiete der Wissenschaft ganz und gar nicht – wie
sich der Gelehrtendünkel einbildet – eine größere Rolle als
auf dem Gebiete der Bewältigung von Problemen des prak-
tischen Lebens durch einen modernen Unternehmer. Und sie
spielt andererseits – was auch oft verkannt wird – keine ge-
ringere Rolle als auf dem Gebiete der Kunst. Es ist eine
kindliche Vorstellung, dass ein Mathematiker an einem Schreibtisch
mit einem Lineal oder mit anderen mechanischen Mitteln oder
Rechenmaschinen zu irgendwelchem wissenschaftlich wertvollen
Resultat käme: die mathematische Phantasie eines Weierstraß ist
natürlich dem Sinn und Resultat nach ganz anders ausgerichtet
als die eines Künstlers und qualitativ von ihr grundverschieden.
Aber nicht dem psychologischen Vorgang nach. Beide sind:
Rausch (im Sinne von Platons „Mania“) und „Eingebung“.
hängt ab von uns verborgenen Schicksalen, außerdem aber
von „Gabe“. Nicht zuletzt auf Grund jener zweifellosen
Wahrheit hat nun eine ganz begreiflicherweise gerade bei der
Jugend sehr populäre Einstellung sich in den Dienst einiger
Götzen gestellt, deren Kult wir heute an allen Straßenecken
und in allen Zeitschriften sich breit machen finden. Jene
Götzen sind: die „Persönlichkeit“ und das „Erleben“. Beide
sind eng verbunden: die Vorstellung herrscht, das letztere mache
die erstere aus und gehöre zu ihr. Man quält sich ab zu „er-
leben“, – denn das gehört ja zur standesgemäßen Lebens-
führung einer Persönlichkeit, – und gelingt es nicht, dann
muss man wenigstens so tun, als habe man diese Gnadengabe.
Früher nannte man dies „Erlebnis“ auf deutsch: „Sensation“.
Und von dem, was „Persönlichkeit“ sei und bedeute, hatte
man eine – ich glaube – zutreffendere Vorstellung.
Gebiet hat nur der, der rein der Sache dient. Und nicht
nur auf wissenschaftlichem Gebiet ist es so. Wir kennen keinen
großen Künstler, der je etwas anderes getan hätte, als seiner
Sache und nur ihr zu dienen. Es hat sich, soweit seine Kunst
in Betracht kommt, selbst bei einer Persönlichkeit vom Range
Goethes gerächt, dass er sich die Freiheit nahm: sein „Leben“
zum Kunstwerk machen zu wollen. Aber mag man das be-
zweifeln, – jedenfalls muss man eben ein Goethe sein, um sich
das überhaupt erlauben zu dürfen, und wenigstens das wird
jeder zugeben: unbezahlt ist es auch bei jemand wie ihm, der
alle Jahrtausende einmal erscheint, nicht geblieben. Es steht
in der Politik nicht anders. Davon heute nichts.
Hierzu äußerte sich Weber erst einige Zeit später innerhalb derselben Vortragsreihe in seinem ebenfalls berühmt gewordenen Vortrag Politik als Beruf.
Auf dem
Gebiet der Wissenschaft aber ist derjenige ganz gewiss keine
„Persönlichkeit“, der als Jmpresario der Sache, der er sich
hingeben sollte, mit auf die Bühne tritt, sich durch „Erleben“
legitimieren möchte und fragt: Wie beweise ich, dass ich etwas
anderes bin als nur ein „Fachmann“, wie mache ich es, dass
ich, in der Form oder in der Sache, etwas sage, das so noch
keiner gesagt hat wie ich: – eine heute massenhaft auftretende
Erscheinung, die überall kleinlich wirkt, und die denjenigen
herabsetzt, der so fragt, statt dass ihn die innere Hingabe an
die Aufgabe und nur an sie auf die Höhe und zu der Würde
der Sache emporhöbe, der er zu dienen vorgibt. Auch das
ist beim Künstler nicht anders. –
Arbeit steht nun gegenüber ein Schicksal, das sie von der
künstlerischen Arbeit tief unterscheidet. Die wissenschaftliche
Arbeit ist eingespannt in den Ablauf des Fortschritts.
Auf dem Gebiete der Kunst dagegen gibt es – in diesem
Sinne – keinen Fortschritt. Es ist nicht wahr, dass ein Kunst-
werk einer Zeit, welche neue technische Mittel oder etwa die
Gesetze der Perspektive sich erarbeitet hatte, um deswillen rein
künstlerisch höher stehe als ein aller Kenntnis jener Mittel und
Gesetze entblößtes Kunstwerk, – wenn es nur material- und
formgerecht war, das heißt: wenn es seinen Gegenstand so
wählte und formte, wie dies ohne Anwendung jener Be-
dingungen und Mittel kunstgerecht zu leisten war. Ein Kunst-
werk, das wirklich „Erfüllung“ ist, wird nie überboten, es wird
nie veralten; der einzelne kann seine Bedeutsamkeit für sich
persönlich verschieden einschätzen; aber niemand wird von einem
Werk, das wirklich im künstlerischen Sinne „Erfüllung“ ist,
jemals sagen können, dass es durch ein anderes, das ebenfalls
„Erfüllung“ ist, „überholt“ sei. Jeder von uns dagegen in
der Wissenschaft weiß, dass das, was er gearbeitet hat, in
10, 20, 50 Jahren veraltet ist. Das ist das Schicksal, ja: das
ist der Sinn der Arbeit der Wissenschaft, dem sie, in ganz
spezifischem Sinne gegenüber allen anderen Kulturelementen, für
die es sonst noch gilt, unterworfen und hingegeben ist: jede
wissenschaftliche „Erfüllung“ bedeutet neue „Fragen“ und will
„überboten“ werden und veralten. Damit hat sich jeder ab-
zufinden, der der Wissenschaft dienen will. Wissenschaftliche
Arbeiten können gewiss dauernd, als „Genußmittel“ ihrer künst-
lerischen Qualität wegen, oder als Mittel der Schulung zur
Arbeit, wichtig bleiben. Wissenschaftlich aber überholt zu werden,
ist – es sei wiederholt – nicht nur unser aller Schicksal,
sondern unser aller Zweck. Wir können nicht arbeiten, ohne
zu hoffen, dass andere weiter kommen werden als wir. Prin-
zipiell geht dieser Fortschritt in das Unendliche. Und damit
kommen wir zu dem Sinnproblem der Wissenschaft.
Denn das versteht sich ja doch nicht so von selbst, dass etwas,
das einem solchen Gesetz unterstellt ist, Sinn und Verstand
in sich selbst hat. Warum betreibt man etwas, das in der
Wirklichkeit nie zu Ende kommt und kommen kann? Nun
zunächst: zu rein praktischen, im weiteren Wortsinn: technischen
Zwecken: um unser praktisches Handeln an den Erwartungen
orientieren zu können, welche die wissenschaftliche Erfahrung uns
an die Hand gibt. Gut. Aber das bedeutet nur etwas für
den Praktiker. Welches aber ist die innere Stellung des
Mannes der Wissenschaft selbst zu seinem Beruf? – wenn
er nämlich nach einer solchen überhaupt sucht. Er behauptet:
die Wissenschaft „um ihrer selbst willen“ und nicht nur dazu
zu betreiben, weil andere damit geschäftliche oder technische Er-
folge herbeiführen, sich besser nähren, kleiden, beleuchten,
regieren können. Was glaubt er denn aber Sinnvolles damit,
mit diesen stets zum Veralten bestimmten Schöpfungen, zu
leisten, damit also, dass er sich in diesen fachgeteilten, ins Un-
endliche laufenden Betrieb einspannen lässt? Das erfordert
einige allgemeine Erwägungen.
der wichtigste Bruchteil, jenes Jntellektualisierungsprozesses,
dem wir seit Jahrtausenden unterliegen, und zu dem heute
üblicherweise in so außerordentlich negativer Art Stellung
genommen wird.
intellektualistische Rationalisierung durch Wissenschaft und
wissenschaftlich orientierte Technik praktisch bedeutet. Etwa,
dass wir heute, jeder z. B., der hier im Saale sitzt, eine größere
Kenntnis der Lebensbedingungen hat, unter denen er existiert,
als ein Jndianer oder ein Hottentotte? Schwerlich. Wer von
uns auf der Straßenbahn fährt, hat – wenn er nicht Fach-
physiker ist – keine Ahnung, wie sie das macht, sich in Be-
wegung zu setzen. Er braucht auch nichts davon zu wissen. Es
genügt ihm, dass er auf das Verhalten des Straßenbahnwagens
„rechnen“ kann, er orientiert sein Verhalten daran; aber wie man
eine Trambahn so herstellt, dass sie sich bewegt, davon weiß
er nichts. Der Wilde weiß das von seinen Werkzeugen
ungleich besser. Wenn wir heute Geld ausgeben, so wette ich,
dass, sogar wenn nationalökonomische Fachkollegen im Saale
sind, fast jeder eine andere Antwort bereit halten wird auf die
Frage: Wie macht das Geld es, dass man dafür etwas –
bald viel, bald wenig – kaufen kann? Wie der Wilde es
macht, um zu seiner täglichen Nahrung zu kommen, und welche
Jnstitutionen ihm dabei dienen, das weiß er. Die zunehmende
Jntellektualisierung und Rationalisierung bedeutet also nicht
eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen,
unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes:
das Wissen davon oder den Glauben daran: dass man, wenn
man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, dass es also
prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbare Mächte gebe,
die da hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge – im
Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das
aber bedeutet: die Entzauberung der Welt. Nicht mehr, wie
der Wilde, für den es solche Mächte gab, muss man zu
magischen Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder
zu erbitten. Sondern technische Mittel und Berechnung leisten
das. Dies vor allem bedeutet die Jntellektualisierung als
solche.
Jahrtausende fortgesetzte Entzauberungsprozeß und überhaupt:
dieser „Fortschritt“, dem die Wissenschaft als Glied und Trieb-
kraft mit angehört, irgendeinen über dies rein Praktische und
Technische hinausgehenden Sinn? Aufgeworfen finden Sie
diese Frage am prinzipiellsten in den Werken Leo Tolstojs.
Auf einem eigentümlichen Wege kam er dazu. Das ganze
Problem seines Grübelns drehte sich zunehmend um die Frage:
ob der Tod eine sinnvolle Erscheinung sei oder nicht. Und
die Antwort lautet bei ihm: für den Kulturmenschen – nein.
Und zwar deshalb nicht, weil ja das zivilisierte, in den „Fort-
schritt“, in das Unendliche hineingestellte einzelne Leben seinem
eigenen immanenten Sinn nach kein Ende haben dürfte. Denn
es liegt ja immer noch ein weiterer Fortschritt vor dem, der
darin steht; niemand, der stirbt, steht auf der Höhe, welche
in der Unendlichkeit liegt. Abraham oder irgendein Bauer
der alten Zeit starb „alt und lebensgesättigt“, weil er im
organischen Kreislauf des Lebens stand, weil sein Leben auch
seinem Sinn nach ihm am Abend seiner Tage gebracht hatte,
was es bieten konnte, weil für ihn keine Rätsel, die er zu lösen
wünschte, übrig blieben und er deshalb „genug“ daran haben
konnte. Ein Kulturmensch aber, hineingestellt in die fort-
währende Anreicherung der Zivilisation mit Gedanken, Wissen,
Problemen, der kann „lebensmüde“ werden, aber nicht: lebens-
gesättigt. Denn er erhascht von dem, was das Leben des
Geistes stets neu gebiert, ja nur den winzigsten Teil, und
immer nur etwas Vorläufiges, nichts Endgültiges, und deshalb
ist der Tod für ihn eine sinnlose Begebenheit. Und weil der
Tod sinnlos ist, ist es auch das Kulturleben als solches,
welches ja eben durch seine sinnlose „Fortschrittlichkeit“ den
Tod zur Sinnlosigkeit stempelt. Überall in seinen späten
Romanen findet sich dieser Gedanke als Grundton der Tol-
stojschen Kunst.
solcher einen erkennbaren, über das Technische hinausreichenden
Sinn, so dass dadurch der Dienst an ihm ein sinnvoller Beruf
würde? Die Frage muss aufgeworfen werden. Das ist nun
aber nicht mehr nur die Frage des Berufs für die Wissen-
schaft, das Problem also: Was bedeutet die Wissenschaft als
Beruf für den, der sich ihr hingibt, sondern schon die andere:
Welches ist der Beruf der Wissenschaft innerhalb des
Gesamtlebens der Menschheit? und welches ihr Wert?

und Gegenwart. Wenn Sie sich erinnern an das wundervolle
Bild zu Anfang des siebenten Buches von Platons Politeia:
jene gefesselten Höhlenmenschen, deren Gesicht gerichtet ist auf
die Felswand vor ihnen, hinter ihnen liegt die Lichtquelle, die
sie nicht sehen können, sie befassen sich daher nur mit den
Schattenbildern, die sie auf die Wand wirft, und suchen ihren
Zusammenhang zu ergründen. Bis es einem von ihnen ge-
lingt, die Fesseln zu sprengen, und er dreht sich um und er-
blickt: die Sonne. Geblendet tappt er umher und stammelt
von dem, was er sah. Die anderen sagen, er sei irre. Aber
allmählich lernt er, in das Licht zu schauen, und dann ist seine
Aufgabe, hinabzusteigen zu den Höhlenmenschen und sie empor-
Weber, Geistige Arbeit als Beruf. I. 2
zuführen an das Licht. Er ist der Philosoph, die Sonne aber
ist die Wahrheit der Wissenschaft, die allein nicht nach Schein-
gebilden und Schatten hascht, sondern nach dem wahren Sein.
Empfindung gerade der Jugend wohl eher die umgekehrte:
Die Gedankengebilde der Wissenschaft sind ein hinterweltliches
Reich von künstlichen Abstraktionen, die mit ihren dürren
Händen Blut und Saft des wirklichen Lebens einzufangen
trachten, ohne es doch je zu erhaschen. Hier im Leben aber,
in dem, was für Platon das Schattenspiel an den Wänden
der Höhle war, pulsiert die wirkliche Realität: das andere sind
von ihr abgeleitete und leblose Gespenster und sonst nichts.
Wie vollzog sich diese Wandlung? Die leidenschaftliche Be-
geisterung Platons in der Politeia erklärt sich letztlich daraus,
dass damals zuerst der Sinn eines der großen Mittel aller
wissenschaftlichen Erkennens bewusst gefunden war: des Be-
griffs. Von Sokrates ist er in seiner Tragweite entdeckt.
Nicht von ihm allein in der Welt. Sie können in Jndien ganz
ähnliche Ansätze einer Logik finden, wie die des Aristoteles ist.
Aber nirgends mit diesem Bewusstsein der Bedeutung. Hier
zum erstenmal schien ein Mittel zur Hand, womit man
jemanden in den logischen Schraubstock setzen konnte, so dass
er nicht herauskam, ohne zuzugeben: entweder dass er nichts
wisse: oder dass dies und nichts anderes die Wahrheit sei, die
ewige Wahrheit, die nie vergehen würde, wie das Tun und Treiben
der blinden Menschen. Das war das ungeheure Er-
lebnis, das den Schülern des Sokrates aufging. Und daraus
schien zu folgen, dass, wenn man nur den rechten Begriff des
Schönen, des Guten, oder auch etwa der Tapferkeit, der Seele –
und was es sei – gefunden habe, dass man dann auch ihr
wahres Sein erfassen könne, und das wieder schien den Weg an
die Hand zu geben, zu wissen und zu lehren: wie man im
Leben, vor allem: als Staatsbürger, richtig handle. Denn auf
diese Frage kam den durch und durch politisch denkenden Hellenen
alles an. Deshalb betrieb man Wissenschaft.
als Kind der Renaissancezeit das zweite große Werkzeug
wissenschaftlicher Arbeit: das rationale Experiment, als Mittel
zuverlässig kontrollierter Erfahrung, ohne welches die heutige
empirische Wissenschaft unmöglich wäre. Experimentiert hatte
man auch früher: physiologisch z. B. in Jndien im Dienst der
asketischen Technik des Yogi, in der hellenischen Antike mathe-
matisch zu kriegstechnischen Zwecken, im Mittelalter z. B. zum
Zwecke des Bergbaus. Aber das Experiment zum Prinzip
der Forschung als solcher erhoben zu haben, ist die Leistung
der Renaissance. Und zwar bildeten die Bahnbrecher die
großen Neuerer auf dem Gebiete der Kunst: Lionardo und
seinesgleichen, vor allem charakteristisch die Experimentatoren
in der Musik des 16. Jahrhunderts mit ihren Versuchsklavieren.
Von ihnen wanderte das Experiment in die Wissenschaft vor
allem durch Galilei, in die Theorie durch Bacon; und dann
übernahmen es die exakten Einzeldisziplinen an den Universi-
täten des Kontinents, zunächst vor allem in Jtalien und den
Niederlanden.
der Schwelle der Neuzeit? Den künstlerischen Experimen-
tatoren von der Art Lionardos und den musikalischen Neuerern
bedeutete sie den Weg zur wahren Kunst, und das hieß für
sie zu gleich: zur wahren Natur. Die Kunst sollte zum Rang
einer Wissenschaft, und das hieß zugleich und vor allem:
der Künstler zum Rang eines Doktors, sozial und dem Sinne
seines Lebens nach, erhoben werden. Das ist der Ehrgeiz,
der z. B. auch Lionardos Malerbuch zugrunde liegt. Und
heute? „Die Wissenschaft als der Weg zur Natur“ – das
würde der Jugend klingen wie eine Blasphemie. Nein, um-
gekehrt: Erlösung vom Jntellektualismus der Wissenschaft, um
zur eigenen Natur und damit zur Natur überhaupt zurück-
zukommen! Als Weg zur Kunst vollends? Da bedarf es
keiner Kritik. – Aber man erwartete von der Wissenschaft im
Zeitalter der Entstehung der exakten Naturwissenschaften noch
mehr. Wenn Sie sich an den Ausspruch Swammerdams er-
innern: „Jch bringe Jhnen hier den Nachweis der Vorsehung
Gottes in der Anatomie einer Laus“, so sehen Sie, was die
(indirekt) protestantisch und puritanisch beeinflußte wissenschaft-
liche Arbeit damals sich als ihre eigene Aufgabe dachte: den
2* Weg zu Gott. Den fand man damals nicht mehr bei den Philo-
sophen und ihren Begriffen und Deduktionen: – dass Gott
auf diesem Weg nicht zu finden sei, auf dem ihn das Mittel-
alter gesucht hatte, das wusste die ganze pietistische Theologie
der damaligen Zeit, Spener vor allem. Gott ist verborgen,
seine Wege sind nicht unsere Wege, seine Gedanken nicht
unsere Gedanken. Jn den exakten Naturwissenschaften aber,
wo man seine Werke physisch greifen konnte, da hoffte man,
seinen Absichten mit der Welt auf die Spur zu kommen. Und
heute? Wer – außer einigen großen Kindern, wie sie sich
gerade in den Naturwissenschaften finden – glaubt heute noch, dass
Erkenntnisse der Astronomie oder der Biologie oder der Physik
oder Chemie uns etwas über den Sinn der Welt, ja auch
nur etwas darüber lehren könnten: auf welchem Weg man einem
solchen „Sinn“ – wenn es ihn gibt – auf die Spur kommen
könnte? Wenn irgend etwas, so sind sie geeignet, den Glauben
daran: dass es so etwas wie einen „Sinn“ der Welt gebe, in
der Wurzel absterben zu lassen! Und vollends: die Wissen-
schaft als Weg „zu Gott“? Sie, die spezifisch gottfremde
Macht? Dass sie das ist, darüber wird – mag er es sich
zugestehen oder nicht – in seinem letzten Jnnern heute nie-
mand im Zweifel sein. Erlösung von dem Rationalismus und
Jntellektualismus der Wissenschaft ist die Grundvoraussetzung
des Lebens in der Gemeinschaft mit dem Göttlichen: dies oder
etwas dem Sinn nach Gleiches ist eine der Grundparolen, die
man aus allem Empfinden unserer religiös gestimmten oder
nach religiösem Erlebnis strebenden Jugend heraushört. Und
nicht nur für das religiöse, nein für das Erlebnis überhaupt.
Befremdlich ist nur der Weg, der nun eingeschlagen wird:
dass nämlich das einzige, was bis dahin der Jntellektualismus
noch nicht berührt hatte: eben jene Sphären des
Jrrationalen, jetzt ins Bewusstsein erhoben und unter seine
Lupe genommen werden. Denn darauf kommt die moderne
intellektualistische Romantik des Jrrationalen praktisch hinaus.
Dieser Weg zur Befreiung vom Jntellektualismus bringt wohl
das gerade Gegenteil von dem, was diejenigen, die ihn be-
schreiten, als Ziel darunter sich vorstellen. – Dass man schließ-
lich in naivem Optimismus die Wissenschaft, das heißt: die
auf sie gegründete Technik der Beherrschung des Lebens, als
Weg zum Glück gefeiert hat, – dies darf ich wohl, nach
Nietzsches vernichtender Kritik an jenen „letzten Menschen“,
die „das Glück erfunden haben“, ganz beiseite lassen. Wer
glaubt daran? – außer einigen großen Kindern auf dem
Katheder oder in Redaktionsstuben?
setzungen der Sinn der Wissenschaft als Beruf, da alle diese
früheren Jllusionen: „Weg zum wahren Sein“, „Weg zur
wahren Kunst“, „Weg zur wahren Natur“, „Weg zum wahren
Gott“, „Weg zum wahren Glück“, versunken sind? Die ein-
fachste Antwort hat Tolstoj gegeben mit den Worten: „Sie
ist sinnlos, weil sie auf die allein für uns wichtige Frage:
,Was sollen wir tun? Wie sollen wir leben?' keine Antwort
gibt.“ Die Tatsache, dass sie diese Antwort nicht gibt, ist
schlechthin unbestreitbar. Die Frage ist nur, in welchem Sinne
sie „keine“ Antwort gibt, und ob sie statt dessen nicht doch
vielleicht dem, der die Frage richtig stellt, etwas leisten könnte. –
Man pflegt heute häufig von „voraussetzungsloser“ Wissen-
schaft zu sprechen. Gibt es das? Es kommt darauf an, was
man darunter versteht. Vorausgesetzt ist bei jeder wissen-
schaftlichen Arbeit immer die Geltung der Regeln der Logik
und Methodik: dieser allgemeinen Grundlagen unserer Orien-
tierung in der Welt. Nun, diese Voraussetzungen sind, we-
nigstens für unsere besondere Frage, am wenigsten proble-
matisch. Vorausgesetzt ist aber ferner: dass das, was bei
wissenschaftlicher Arbeit herauskommt, wichtig im Sinn von
„wissenswert“ sei. Und da stecken nun offenbar alle unsere
Probleme darin. Denn diese Voraussetzung ist nicht wieder
ihrerseits mit den Mitteln der Wissenschaft beweisbar. Sie
lässt sich nur auf ihren letzten Sinn deuten, den man dann
ablehnen oder annehmen muss, je nach der eigenen letzten
Stellungnahme zum Leben.
wissenschaftlichen Arbeit zu diesen ihren Voraussetzungen, je
nach der Struktur dieser. Naturwissenschaften wie etwa die
Physik, Chemie, Astronomie setzen als selbstverständlich voraus,
dass die – soweit die Wissenschaft reicht, konstruierbaren –
letzten Gesetze des kosmischen Geschehens wert sind, gekannt
zu werden. Nicht nur, weil man mit diesen Kenntnissen tech-
nische Erfolge erzielen kann, sondern, wenn sie „Beruf“ sein sollen,
„um ihrer selbst willen“. Diese Voraussetzung ist selbst schlecht-
hin nicht beweisbar. Und ob diese Welt, die sie beschreiben,
wert ist, zu existieren: ob sie einen „Sinn“ hat, und ob es einen
Sinn hat: in ihr zu existieren, erst recht nicht. Danach fragen
sie nicht. Oder nehmen Sie eine wissenschaftlich so hoch ent-
wickelte praktische Kunstlehre wie die moderne Medizin. Die
allgemeine „Voraussetzung“ des medizinischen Betriebs ist, tri-
vial ausgedrückt: dass die Aufgabe der Erhaltung des Lebens
rein als solchen und die möglichste Verminderung des Leidens
rein als solchen bejaht werde. Und das ist problematisch. Der
Mediziner erhält mit seinen Mitteln den Todkranken, auch
wenn er um Erlösung vom Leben fleht, auch wenn die An-
gehörigen, denen dies Leben wertlos ist, die ihm die Erlösung
vom Leiden gönnen, denen die Kosten der Erhaltung des wertlosen
Lebens unerträglich werden – es handelt sich vielleicht um einen
armseligen Jrren – seinen Tod, eingestandener- oder uneingestan-
denermaßen, wünschen und wünschen müssen. Allein die Vor-
aussetzungen der Medizin und das Strafgesetzbuch hindern den
Arzt, davon abzugehen. Ob das Leben lebenswert ist und
wann? – danach fragt sie nicht. Alle Naturwissenschaften
geben uns Antwort auf die Frage: Was sollen wir tun,
wenn wir das Leben technisch beherrschen wollen? Ob
wir es aber technisch beherrschen sollen und wollen, und ob das
letztlich eigentlich Sinn hat: – das lassen sie ganz dahingestellt
oder setzen es für ihre Zwecke voraus. Oder nehmen sie
eine Disziplin wie die Kunstwissenschaft. Die Tatsache,
dass es Kunstwerke gibt, ist der Ästhetik gegeben. Sie sucht
zu ergründen, unter welchen Bedingungen dieser Sachverhalt
vorliegt. Aber sie wirft die Frage nicht auf, ob das Reich
der Kunst nicht vielleicht ein Reich diabolischer Herrlichkeit
sei, ein Reich von dieser Welt, deshalb widergöttlich im
tiefsten Jnnern und in seinem tiefinnerlichst aristokratischen
Geist widerbrüderlich. Danach also fragt sie nicht: ob es
Kunstwerke geben solle. – Oder die Jurisprudenz: – sie
stellt fest, was, nach den Regeln des teils zwingend logisch,
teils durch konventionell gegebene Schemata gebundenen juristi-
schen Denkens gilt, also: wenn bestimmte Rechtsregeln und
bestimmte Methoden ihrer Deutung als verbindlich anerkannt sind.
Ob es Recht geben solle, und ob man gerade diese Regeln
aufstellen solle, darauf antwortet sie nicht; sondern sie kann
nur angeben: wenn man den Erfolg will, so ist diese Rechts-
regel nach den Normen unseres Rechtsdenkens das geeignete
Mittel, ihn zu erreichen. Oder nehmen Sie die historischen
Kulturwissenschaften. Sie lehren politische, künstlerische, lite-
rarische und soziale Kulturerscheinungen in den Bedingungen
ihres Entstehens verstehen. Weder aber geben sie von sich aus
Antwort auf die Frage: ob diese Kulturerscheinungen es wert
waren und sind, zu bestehen. Noch antworten sie auf die
andere Frage: ob es der Mühe wert ist, sie zu kennen. Sie
setzen voraus, dass es ein Jnteresse habe, durch dies Verfahren
teilzuhaben an der Gemeinschaft der „Kulturmenschen“.
Aber dass dies der Fall sei, vermögen sie „wissenschaftlich“
niemandem zu beweisen, und dass sie es voraussetzen, beweist
durchaus nicht, dass es selbstverständlich sei. Das ist es in
der Tat ganz und gar nicht.
sziplinen, also bei der Soziologie, Geschichte, Nationalökonomie
und Staatslehre und jenen Arten von Kulturphiloſophie, welche
sich ihre Deutung zur Aufgabe machen. Man sagt und ich
unterschreibe das: Politik gehört nicht in den Hörsaal.
Sie gehört nicht dahin von seiten der Studenten. Jch würde
es z. B. ganz ebenso beklagen, wenn etwa im Hörsaal meines
früheren Kollegen Dietrich Schäfer in Berlin pazifistische
Studenten sich um das Katheder stellten und Lärm von der
Art machten, wie es antipazifistische Studenten gegenüber dem
Professor Foerster, dem ich in meinen Anschauungen in vielem
so fern wie möglich stehe, getan haben sollen. Aber Politik
gehört allerdings auch nicht dahin von seiten des Dozenten.
Gerade dann nicht, wenn er sich wissenschaftlich mit Politik
befasst, und dann am allerwenigsten. Denn praktisch-politische
Stellungnahme und wissenschaftliche Analyse politischer Gebilde
und Parteistellung ist zweierlei. Wenn man in einer Volks-
versammlung über Demokratie spricht, so macht man aus seiner
persönlichen Stellungnahme kein Hehl: gerade das: deutlich er-
kennbar Partei zu nehmen, ist da die verdammte Pflicht und
Schuldigkeit. Die Worte, die man braucht, sind dann nicht
Mittel wissenschaftlicher Analyse, sondern politischen Werbens
um die Stellungnahme der anderen. Sie sind nicht Pflug-
scharen zur Lockerung des Erdreiches des kontemplativen
Denkens, sondern Schwerter gegen die Gegner: Kampfmittel.
Jn einer Vorlesung oder im Hörsaal dagegen wäre es Frevel,
das Wort in dieser Art zu gebrauchen. Da wird man,
wenn etwa von „Demokratie“ die Rede ist, deren verschiedene
Formen vornehmen, sie analysieren in der Art, wie sie funk-
tionieren, feststellen, welche einzelne Folgen für die Lebens-
verhältnisse die eine oder andere hat, dann die anderen nicht
demokratischen Formen der politischen Ordnung ihnen gegen-
überstellen und versuchen, so weit zu gelangen, dass der Hörer
in der Lage ist, den Punkt zu finden, von dem aus er von
seinen letzten Jdealen aus Stellung dazu nehmen kann. Aber
der echte Lehrer wird sich sehr hüten, vom Katheder herunter
ihm irgendeine Stellungnahme, sei es ausdrücklich, sei es durch
Suggestion – denn das ist natürlich die illoyalste Art, wenn
man „die Tatsachen sprechen lässt“ – aufzudrängen.
voraus, dass manche sehr geschätzte Kollegen der Meinung
sind, diese Selbstbescheidung durchzuführen, ginge überhaupt
nicht, und wenn es ginge, wäre es eine Marotte, das zu
vermeiden. Nun kann man niemandem wissenschaftlich vor-
demonstrieren, was seine Pflicht als akademischer Lehrer sei.
Verlangen kann man von ihm nur die intellektuelle Recht-
schaffenheit: einzusehen, dass Tatsachenfeststellung, Feststellung
mathematischer oder logischer Sachverhalte oder der inneren
Struktur von Kulturgütern einerseits, und andererseits die Be-
antwortung der Frage nach dem Wert der Kultur und ihrer
einzelnen Jnhalte und danach: wie man innerhalb der Kultur-
gemeinschaft und der politischen Verbände handeln solle, –
dass dies beides ganz und gar heterogene Probleme sind.
Fragt er dann weiter, warum er nicht beide im Hörsaale behan-
deln solle, so ist darauf zu antworten: weil der Prophet und
der Demagoge nicht auf das Katheder eines Hörsaals gehören.
Dem Propheten wie dem Demagogen ist gesagt: „Gehe hin-
aus auf die Gassen und rede öffentlich.“ Da, heißt das, wo
Kritik möglich ist. Jm Hörsaal, wo man seinen Zuhörern
gegenübersitzt, haben sie zu schweigen und der Lehrer zu reden,
und ich halte es für unverantwortlich, diesen Umstand, dass
die Studenten um ihres Fortkommens willen das Kolleg eines
Lehrers besuchen müssen, und dass dort niemand zugegen ist,
der diesem mit Kritik entgegentritt, auszunützen, um den
Hörern nicht, wie es seine Aufgabe ist, mit seinen Kenntnissen
und wissenschaftlichen Erfahrungen nützlich zu sein, sondern sie
zu stempeln nach seiner persönlichen politischen Anschauung. Es
ist gewiss möglich, dass es dem einzelnen nur ungenügend gelingt,
seine subjektive Sympathie auszuschalten. Dann setzt er sich
der schärfsten Kritik vor dem Forum seines eigenen Gewissens
aus. Und es beweist nichts, denn auch andere, rein tatsächliche
Jrrtümer sind möglich und beweisen doch nichts gegen die
Pflicht: die Wahrheit zu suchen. Auch und gerade im rein
wissenschaftlichen Jnteresse lehne ich es ab. Jch erbiete mich,
an den Werken unserer Historiker den Nachweis zu führen,
dass wo immer der Mann der Wissenschaft mit seinem eige-
nen Werturteil kommt, das volle Verstehen der Tatsachen auf-
hört. Doch geht das über das Thema des heutigen Abends
hinaus und würde lange Auseinandersetzungen erfordern.
Katholik, auf der anderen Seite ein Freimaurer in einem Kolleg
über die Kirchen- und Staatsformen oder über Religions-
geschichte, – wie sollen sie jemals über diese Dinge zur gleichen
Wertung gebracht werden! Das ist ausgeschlossen. Und
doch muss der akademische Lehrer den Wunsch haben und die
Forderung an sich selbst stellen, dem einen wie dem andern
durch seine Kenntnisse und Methoden nützlich zu sein. Nun
werden Sie mit Recht sagen: der gläubige Katholik wird auch
über die Tatsachen des Herganges bei der Entstehung des
Christentums niemals die Ansicht annehmen, die ein von seinen
dogmatischen Voraussetzungen freier Lehrer ihm vorträgt. Ge-
wiß! Der Unterschied aber liegt in folgendem: Die im Sinne
der Ablehnung religiöser Gebundenheit „voraussetzungslose“
Wissenschaft kennt in der Tat ihrerseits das „Wunder“ und
die „Offenbarung“ nicht. Sie würde ihren eigenen „Voraus-
setzungen“ damit untreu. Der Gläubige kennt beides. Und jene
„voraussetzungslose“ Wissenschaft mutet ihm nicht weniger –
aber: auch nicht mehr – zu als das Anerkenntnis: dass, wenn
der Hergang ohne jene übernatürlichen, für eine empirische Er-
klärung als ursächliche Momente ausscheidenden Eingriffe er-
klärt werden solle, er so, wie sie es versucht, erklärt werden
müsse. Das aber kann er, ohne seinem Glauben untreu zu werden.
Sinn für jemanden, dem die Tatsache als solche gleichgültig
und nur die praktische Stellungnahme wichtig ist? Vielleicht
doch. Zunächst schon eins. Wenn jemand ein brauchbarer
Lehrer ist, dann ist es seine erste Aufgabe, seine Schüler un-
bequeme Tatsachen anerkennen zu lehren, solche, meine ich,
die für seine Parteimeinung unbequem sind; und es gibt für
jede Parteimeinung – z. B. auch für die meinige – solche
äußerst unbequeme Tatsachen. Jch glaube, wenn der akademische
Lehrer seine Zuhörer nötigt, sich daran zu gewöhnen, dass er
dann mehr als eine nur intellektuelle Leistung vollbringt, ich
würde so unbescheiden sein, sogar den Ausdruck „sittliche
Leistung“ darauf anzuwenden, wenn das auch vielleicht etwas
zu pathetisch für eine so schlichte Selbstverständlichkeit klingen mag.

meidung eines Aufdrängens persönlicher Stellungnahme. Aber
dabei bleibt es nicht. Die Unmöglichkeit „wissenschaftlicher“
Vertretung von praktischen Stellungnahmen – außer im Falle
der Erörterung der Mittel für einen als fest gegeben vor-
ausgesetzten Zweck – folgt aus weit tiefer liegenden Gründen.
Sie ist prinzipiell deshalb sinnlos, weil die verschiedenen Wert-
ordnungen der Welt in unlöslichem Kampf untereinander stehen.
Der alte Mill, dessen Philosophie ich sonst nicht loben will,
aber in diesem Punkt hat er recht, sagt einmal: wenn man
von der reinen Erfahrung ausgehe, komme man zum Poly-
theismus. Das ist flach formuliert und klingt paradox, und
doch steckt Wahrheit darin. Wenn irgend etwas, so wissen wir
es heute wieder: dass etwas heilig sein kann nicht nur: obwohl es
nicht schön ist, sondern: weil und insofern es nicht schön ist, –
in dem 53. Kapitel des Jesaiasbuches und im 21. Psalm
können Sie die Belege dafür finden, – und dass etwas schön
sein kann nicht nur: obwohl, sondern: in dem, worin es nicht
gut ist, das wissen wir seit Nietzsche wieder, und vorher finden
Sie es gestaltet in den „fleurs du mal“, wie Baudelaire seinen
Gedichtband nannte, – und eine Alltagsweisheit ist es, dass
etwas wahr sein kann, obwohl und indem es nicht schön und
nicht heilig und nicht gut ist. Aber das sind nur die elemen-
tarsten Fälle dieses Kampfes der Götter der einzelnen Ord-
nungen und Werte. Wie man es machen will, „wissenschaft-
lich“ zu entscheiden zwischen dem Wert der französischen und
deutschen Kultur, weiß ich nicht. Hier streiten eben auch ver-
schiedene Götter miteinander, und zwar für alle Zeit. Es ist
wie in der alten, noch nicht von ihren Göttern und Dämonen
entzauberten Welt, nur in anderem Sinne: wie der Hellene
einmal der Aphrodite opferte, und dann dem Apollon und vor
allem jeder den Göttern seiner Stadt, so ist es, entzaubert und
entkleidet der mythischen, aber innerlich wahren Plastik jenes
Verhaltens, noch heute. Und über diesen Göttern und in ihrem
Kampf waltet das Schicksal, aber ganz gewiss keine „Wissen-
schaft“. Es lässt sich nur verstehen, was das Göttliche für
die eine und für die andere oder: in der einen und der
anderen Ordnung ist. Damit ist aber die Sache für jede
Erörterung in einem Hörsaal und durch einen Professor
schlechterdings zu Ende, so wenig natürlich das darin steckende
gewaltige Lebensproblem selbst damit zu Ende ist. Aber
andere Mächte als die Katheder der Universitäten haben da
das Wort. Welcher Menſch wird sich vermessen, die Ethik der
Bergpredigt, etwa den Satz: „Widerstehe nicht dem Übel“ oder
das Bild von der einen oder der anderen Backe, „wissenschaft-
lich widerlegen“ zu wollen? Und doch ist klar: es ist, inner-
weltlich angesehen, eine Ethik der Würdelosigkeit, die hier ge-
predigt wird: man hat zu wählen zwischen der religiösen Würde,
die diese Ethik bringt, und der Manneswürde, die etwas ganz
anderes predigt: „Widerstehe dem Übel, – sonst bist du für
seine Übergewalt mitverantwortlich.“ Je nach der letzten Stellung-
nahme ist für den einzelnen das eine der Teufel und das
andere der Gott, und der einzelne hat sich zu entscheiden, welches
für ihn der Gott und welches der Teufel ist. Und so geht
es durch alle Ordnungen des Lebens hindurch. Der großartige
Rationalismus der ethisch-methodischen Lebensführung, der aus
jeder religiösen Prophetie quillt, hatte diese Vielgötterei ent-
thront zugunsten des „Einen, das not tut“ – und hatte dann,
angesichts der Realitäten des äußeren und inneren Lebens, sich
zu jenen Kompromissen und Relativierungen genötigt gesehen
die wir alle aus der Geschichte des Christentums kennen.
Heute aber ist es religiöser „Alltag“. Die alten vielen Götter,
entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, ent-
steigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben
und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf. Das
aber, was gerade dem modernen Menschen so schwer wird, und
der jungen Generation am schwersten, ist: einem solchen All-
tag gewachsen zu sein. Alles Jagen nach dem „Erlebnis“
stammt aus dieser Schwäche. Denn Schwäche ist es: dem
Schicksal der Zeit nicht in sein ernstes Antlitz blicken zu können.
deutlicher bewusst werden, nachdem durch ein Jahrtausend die
angeblich oder vermeintlich ausschließliche Orientierung an dem
großartigen Pathos der christlichen Ethik die Augen dafür
geblendet hatte.
Denn der Jrrtum, den ein Teil unserer Jugend begeht, wenn
er auf all das antworten würde: „Ja, aber wir kommen nun
einmal in die Vorlesung, um etwas anderes zu erleben als
nur Analysen und Tatsachenfeststellungen“, – der Jrrtum ist
der, dass sie in dem Professor etwas anderes suchen, als ihnen
dort gegenübersteht, – einen Führer und nicht: einen Lehrer.
Aber nur als Lehrer sind wir auf das Katheder gestellt.
Das ist zweierlei, und dass es das ist, davon kann man sich
leicht überzeugen. Erlauben Sie, dass ich Sie noch einmal nach
Amerika führe, weil man dort solche Dinge oft in ihrer
massivsten Ursprünglichkeit sehen kann. Der amerikanische
Knabe lernt unsagbar viel weniger als der unsrige. Er ist
trotz unglaublich vielen Examinierens doch dem Sinn seines
Schullebens nach noch nicht jener absolute Examensmensch
geworden, wie es der deutsche ist. Denn die Bureaukratie,
die das Examensdiplom als Eintrittsbillet ins Reich der
Amtspfründen voraussetzt, ist dort erst in den Anfängen. Der
junge Amerikaner hat vor nichts und niemand, vor keiner
Tradition und keinem Amt Respekt, es sei denn vor der
persönlich eigenen Leistung des Betreffenden: das nennt der
Amerikaner „Demokratie“. Wie verzerrt auch immer die
Realität diesem Sinngehalt gegenüber sich verhalten möge, der
Sinngehalt ist dieser, und darauf kommt es hier an. Der
Lehrer, der ihm gegenübersteht, von dem hat er die Vorstellung:
er verkauft mir seine Kenntnisse und Methoden für meines
Vaters Geld, ganz ebenso wie die Gemüsefrau meiner Mutter
den Kohl. Damit fertig. Allerdings: wenn der Lehrer etwa ein
football-Meister ist, dann ist er auf diesem Gebiet sein Führer.
Jst er das (oder etwas Ähnliches auf anderem Sportgebiet)
aber nicht, so ist er eben nur Lehrer und weiter nichts, und keinem
amerikanischen jungen Manne wird es einfallen, sich von ihm
„Weltanschauungen“ oder maßgebliche Regeln für seine Lebens-
führung verkaufen zu lassen. Nun, in dieser Formulierung
werden wir das ablehnen. Aber es fragt sich, ob hier in dieser
von mir absichtlich noch etwas ins Extreme gesteigerten
Empfindungsweise nicht doch ein Korn Wahrheit steckt.
diesen Ansprüchen an unsere Führerqualitäten in die Vor-
lesungen zu uns und sagen sich vorher nicht: dass von hundert
Profeſſoren mindestens neunundneunzig nicht nur keine football-
Meister des Lebens, sondern überhaupt nicht „Führer“ in
Angelegenheiten der Lebensführung zu sein in Anspruch nehmen
und nehmen dürfen. Bedenken Sie: es hängt der Wert des
Menschen ja nicht davon ab, ob er Führerqualitäten besitzt. Und
jedenfalls sind es nicht die Qualitäten, die jemanden zu einem
ausgezeichneten Gelehrten und akademischen Lehrer machen, die
ihn zum Führer auf dem Gebiet der praktischen Lebensorien-
tierung oder, spezieller, der Politik machen. Es ist der reine
Zufall, wenn jemand auch diese Qualität besitzt, und sehr be-
denklich ist es, wenn jeder, der auf dem Katheder steht, sich
vor die Zumutung gestellt fühlt, sie in Anspruch zu nehmen.
Noch bedenklicher, wenn es jedem akademischen Lehrer über-
lassen bleibt, sich im Hörsaal als Führer aufzuspielen. Denn
die, welche sich am meisten dafür halten, sind es oft am
wenigsten, und vor allem: ob sie es sind oder nicht, dafür bietet
die Situation auf dem Katheder schlechterdings keine Möglich-
keit der Bewährung. Der Professor, der sich zum Berater
der Jugend berufen fühlt und ihr Vertrauen genießt, möge im
persönlichen Verkehr von Menſch zu Menſch mit ihr seinen
Mann stehen. Und fühlt er sich zum Eingreifen in die Kämpfe
der Weltanschauungen und Parteimeinungen berufen, so möge
er das draußen auf dem Markt des Lebens tun: in der Presse,
in Versammlungen, in Vereinen, wo immer er will. Aber es
ist doch etwas allzu bequem, seinen Bekennermut da zu zeigen,
wo die Anwesenden und vielleicht Andersdenkenden zum
Schweigen verurteilt sind.
was leistet denn nun eigentlich die Wissenschaft Positives für
das praktische und persönliche „Leben“? Und damit sind wir
wieder bei dem Problem ihres „Berufs“. Zunächst natürlich:
Kenntnisse über die Technik, wie man das Leben, die äußeren
Dinge sowohl wie das Handeln der Menschen, durch Be-
rechnung beherrscht: – nun, das ist aber doch nur die Gemüse-
frau des amerikanischen Knaben, werden Sie sagen. Ganz
meine Meinung. Zweitens, was diese Gemüsefrau schon
immerhin nicht tut: Methoden des Denkens, das Handwerks-
zeug und die Schulung dazu. Sie werden vielleicht sagen:
nun, das ist nicht Gemüse, aber es ist auch nicht mehr als
das Mittel, sich Gemüse zu verschaffen. Gut, lassen wir das
heute dahingestellt. Aber damit ist die Leistung der Wissenschaft
glücklicherweise auch noch nicht zu Ende, sondern wir sind in der
Lage, Jhnen zu einem Dritten zu verhelfen: zur Klarheit. Vor-
ausgesetzt natürlich, dass wir sie selbst besitzen. Soweit dies der Fall
ist, können wir Jhnen deutlich machen: man kann zu dem Wert-
problem, um das es sich jeweils handelt – ich bitte Sie, der Ein-
fachheit halber an soziale Erscheinungen als Beispiel zu denken –
praktisch die und die verschiedene Stellung einnehmen. Wenn
man die und die Stellung einnimmt, so muss man nach den Er-
fahrungen der Wissenschaft die und die Mittel anwenden, um
sie praktisch zur Durchführung zu bringen. Diese Mittel sind
nun vielleicht schon an sich solche, die Sie ablehnen zu müssen
glauben. Dann muss man zwischen dem Zweck und den un-
vermeidlichen Mitteln eben wählen. „Heiligt“ der Zweck diese
Mittel oder nicht? Der Lehrer kann die Notwendigkeit dieser
Wahl vor Sie hinstellen, mehr kann er, solange er Lehrer
bleiben und nicht Demagoge werden will, nicht. Er kann
Jhnen ferner natürlich sagen: wenn Sie den und den Zweck
wollen, dann müssen Sie die und die Nebenerfolge, die dann
erfahrungsgemäß eintreten, mit in Kauf nehmen: wieder die
gleiche Lage. Jndessen das sind alles noch Probleme, wie sie
für jeden Techniker auch entstehen können, der ja auch in zahl-
reichen Fällen nach dem Prinzip des kleineren Übels oder des
relativ Besten sich entscheiden muss. Nur dass für ihn eins,
die Hauptsache, gegeben zu sein pflegt: der Zweck. Aber eben
dies ist nun für uns, sobald es sich um wirklich „letzte“
Probleme handelt, nicht der Fall. Und damit erst gelangen
wir zu der letzten Leistung, welche die Wissenschaft als solche
im Dienste der Klarheit vollbringen kann, und zugleich zu
ihren Grenzen: wir können – und sollen – Jhnen auch sagen:
die und die praktische Stellungnahme lässt sich mit innerer
Konsequenz und also: Ehrlichkeit ihrem Sinn nach ableiten
aus der und der letzten weltanschauungsmäßigen Grundposition
– es kann sein, aus nur einer, oder es können vielleicht ver-
schiedene sein –, aber aus den und den anderen nicht. Jhr
dient, bildlich geredet, diesem Gott und kränkt jenen
anderen, wenn Jhr Euch für diese Stellungnahme entschließt.
Denn Jhr kommt notwendig zu diesen und diesen letzten inneren
sinnhaften Konsequenzen, wenn Jhr Euch treu bleibt. Das
lässt sich, im Prinzip wenigstens, leisten. Die Fachdisziplin
der Philosophie und die dem Wesen nach philosophischen
prinzipiellen Erörterungen der Einzeldisziplinen versuchen das
zu leisten. Wir können so, wenn wir unsere Sache verstehen
(was hier einmal vorausgesetzt werden muss), den einzelnen
nötigen, oder wenigstens ihm dabei helfen, sich selbst Rechen-
schaft zu geben über den letzten Sinn seines
eigenen Tuns. Es scheint mir das nicht so sehr wenig zu
sein, auch für das rein persönliche Leben. Jch bin auch hier
versucht, wenn einem Lehrer das gelingt, zu sagen: er stehe
im Dienst „sittlicher“ Mächte: der Pflicht, Klarheit und Ver-
antwortungsgefühl zu schaffen, und ich glaube, er wird dieser
Leistung um so eher fähig sein, je gewissenhafter er es ver-
meidet, seinerseits dem Zuhörer eine Stellungnahme auf-
oktroyieren oder ansuggerieren zu wollen.
trage, aus von dem einen Grundsachverhalt: dass das Leben,
so lange es in sich selbst beruht und aus sich selbst verstanden
wird, nur den ewigen Kampf jener Götter miteinander kennt,
– unbildlich gesprochen: die Unvereinbarkeit und also die Un-
austragbarkeit des Kampfes der letzten überhaupt möglichen
Standpunkte zum Leben, die Notwendigkeit also: zwischen
ihnen sich zu entscheiden. Ob unter solchen Verhältnissen
die Wissenschaft wert ist, für jemand ein „Beruf“ zu werden
und ob sie selbst einen objektiv wertvollen „Beruf“ hat – das
ist wieder ein Werturteil, über welches im Hörsaal nichts aus-
zusagen ist. Denn für die Lehre dort ist die Bejahung Vor-
aussetzung. Jch persönlich bejahe schon durch meine eigene
Arbeit die Frage. Und zwar auch und gerade für den Stand-
punkt, der den Jntellektualismus, wie es heute die Jugend tut
oder – und meist – zu tun nur sich einbildet, als den schlimm-
sten Teufel haßt. Denn dann gilt für sie das Wort: „Be-
denkt, der Teufel, der ist alt, so werdet alt ihn zu verstehen.“
Das ist nicht im Sinne der Geburtsurkunde gemeint, sondern
in dem Sinn: dass man auch vor diesem Teufel, wenn man
mit ihm fertig werden will, nicht – die Flucht ergreifen darf,
wie es heute so gern geschieht, sondern dass man seine Wege
erst einmal zu Ende überschauen muss, um seine Macht und
seine Schranken zu sehen.
im Dienst der Selbstbesinnung und der Erkenntnis tatsächlicher
Zusammenhänge, und nicht eine Heilsgüter und Offenbarungen
spendende Gnadengabe von Sehern, Propheten oder ein Be-
standteil des Nachdenkens von Weiſen und Philosophen über
den Sinn der Welt –, das freilich ist eine unentrinnbare Ge-
gebenheit unserer historischen Situation, aus der wir, wenn
wir uns selbst treu bleiben, nicht herauskommen können. Und
wenn nun wieder Tolstoj in Jhnen aufsteht und fragt: „Wer
beantwortet, da es die Wissenschaft nicht tut, die Frage: was
sollen wir denn tun? und: wie sollen wir unser Leben ein-
richten?“ oder in der heute abend hier gebrauchten Sprache:
„welchem der kämpfenden Götter sollen wir dienen? oder
vielleicht einem ganz anderen, und wer ist das?“ – dann ist
zu sagen: nur ein Prophet oder ein Heiland. Wenn der
nicht da ist oder wenn seiner Verkündigung nicht mehr ge-
glaubt wird, dann werden Sie ihn ganz gewiss nicht dadurch
auf die Erde zwingen, dass Tausende von Profeſſoren als
staatlich besoldete oder privilegierte kleine Propheten in ihren
Hörsälen ihm seine Rolle abzunehmen versuchen. Sie werden
damit nur das eine fertig bringen, dass das Wissen um den
entscheidenden Sachverhalt: der Prophet, nach dem sich so
viele unserer jüngsten Generation sehnen, ist eben nicht da,
ihnen niemals in der ganzen Wucht seiner Bedeutung lebendig
wird. Es kann, glaube ich, gerade dem inneren Jnteresse
eines wirklich religiös „musikalischen“ Menschen nun und
nimmermehr gedient sein, wenn ihm und anderen diese Grund-
tatsache, dass er in einer gottfremden, prophetenlosen Zeit zu
leben das Schicksal hat, durch ein Surrogat, wie es alle diese
Kathederprophetien sind, verhüllt wird. Die Ehrlichkeit seines
religiösen Organs müsste, scheint mir, dagegen sich auflehnen.
Nun werden Sie geneigt sein, zu sagen: Aber wie stellt man
sich denn zu der Tatsache der Existenz der „Theologie“ und
Weber, Geistige Arbeit als Beruf. I. 3
ihrer Ansprüche darauf: „Wissenschaft“ zu sein? Drücken wir uns
um die Antwort nicht herum. „Theologie“ und „Dogmen“ gibt
es zwar nicht universell, aber doch nicht gerade nur im Christen-
tum. Sondern (rückwärtsschreitend in der Zeit) in stark entwickelter
Form auch im Jslam, im Manachäismus, in der Gnosis, in der
Orphik, im Parsismus, im Buddhismus, in den hinduistischen
Sekten, im Taoismus und in den Upanischaden und natürlich
auch im Judentum. Nur freilich in höchst verschiedenem Maße
systematisch entwickelt. Und es ist kein Zufall, dass das okzi-
dentale Christentum nicht nur – im Gegensatz zu dem, was
z. B. das Judentum an Theologie besitzt – sie systematischer
ausgebaut hat oder danach strebt, sondern dass hier ihre Ent-
wicklung die weitaus stärkste historische Bedeutung gehabt
hat. Der hellenische Geist hat das hervorgebracht, und alle Theo-
logie des Westens geht auf ihn zurück, wie (offenbar) alle
Theologie des Ostens auf das indische Denken. Alle Theo-
logie ist intellektuelle Rationalisierung religiösen Heils-
besitzes. Keine Wissenschaft ist absolut voraussetzungslos, und
keine kann für den, der diese Voraussetzungen ablehnt,
ihren eigenen Wert begründen. Aber allerdings: jede
Theologie fügt für ihre Arbeit und damit für die Recht-
fertigung ihrer eigenen Existenz einige spezifische Voraus-
setzungen hinzu. Jn verschiedenem Sinn und Umfang. Für
jede Theologie, z. B. auch für die hinduistische, gilt die Vor-
aussetzung: die Welt müsse einen Sinn haben – und ihre
Frage ist: wie muss man ihn deuten, damit dies denk-
möglich sei? Ganz ebenso wie Kants Erkenntnistheorie von
der Voraussetzung ausging: „Wissenschaftliche Wahrheit gibt
es, und sie gilt“ – und dann fragte: Unter welchen Denk-
voraussetzungen ist das (sinnvoll) möglich? Oder wie die
modernen Ästhetiker (ausdrücklich – wie z. B. G. v. Lukacs –
oder tatsächlich) von der Voraussetzung ausgehen: „es gibt
Kunstwerke“ – und nun fragen: Wie ist das (sinnvoll) mög-
lich? Allerdings begnügen sich die Theologien mit jener
(wesentlich religions-philosophischen) Voraussetzung in aller
Regel nicht. Sondern sie gehen regelmäßig von der ferne-
ren Voraussetzung aus: dass bestimmte „Offenbarungen“ als
heilswichtige Tatsachen – als solche also, welche eine sinn-
volle Lebensführung erst ermöglichen – schlechthin zu glauben
sind und dass bestimmte Zuständlichkeiten und Handlungen die
Qualität der Heiligkeit besitzen – das heißt: eine religiös-sinn-
volle Lebensführung oder doch deren Bestandteile bilden. Und
ihre Frage ist dann wiederum: Wie lassen sich diese schlechthin
anzunehmenden Voraussetzungen innerhalb eines Gesamtwelt-
bildes sinnvoll deuten? Jene Voraussetzungen selbst liegen dabei
für die Theologie jenseits dessen, was „Wissenschaft“ ist. Sie
sind kein „Wissen“ im gewöhnlich verstandenen Sinn, sondern
ein „Haben“. Wer sie – den Glauben oder die sonstigen
heiligen Zuständlichkeiten – nicht „hat“, dem kann sie keine
Theologie ersetzen. Erst recht nicht eine andere Wissenschaft.
Jm Gegenteil: in jeder „positiven“ Theologie gelangt der
Gläubige an den Punkt, wo der Augustinische Satz gilt: credo
non quod, sed quia absurdum est. Die Fähigkeit zu dieser
Virtuosenleistung des „Opfers des Jntellekts“ ist das ent-
scheidende Merkmal des positiv religiösen Menschen. Und
dass dem so ist: – dieser Sachverhalt zeigt, dass trotz (viel-
mehr infolge) der Theologie (die ihn ja enthüllt) die Spannung
zwischen der Wertsphäre der „Wissenschaft“ und der des reli-
giösen Heils unüberbrückbar ist.
der Jünger dem Propheten, der Gläubige der Kirche. Noch
nie ist aber eine neue Prophetie dadurch entstanden (ich wieder-
hole dieses Bild, das manchen anstößig gewesen ist, hier ab-
sichtlich:) dass manche moderne Jntellektuelle das Bedürfnis
haben, sich in ihrer Seele sozusagen mit garantiert echten, alten
Sachen auszumöblieren und sich dabei dann noch daran er-
innern, dass dazu auch die Religion gehört hat, die sie nun
einmal nicht haben, für die sie nun aber eine Art von spiele-
risch mit Heiligenbildchen aus aller Herren Länder möblierter
Hauskapelle als Ersatz sich aufputzen oder ein Surrogat
schaffen in allerhand Arten des Erlebens, denen sie die Würde
mystischen Heiligkeitsbesitzes zuschreiben und mit dem sie –
auf dem Büchermarkt hausieren gehen. Das ist einfach:
Schwindel oder Selbstbetrug. Durchaus kein Schwindel, son-
3*
dern etwas sehr Ernstes und Wahrhaftes, aber vielleicht zu-
weilen sich selbst in seinem Sinn Mißdeutendes ist es dagegen,
wenn manche jener Jugendgemeinschaften, die in der Stille in
den letzten Jahren gewachsen sind, ihrer eigenen menschlichen
Gemeinschaftsbeziehung die Deutung einer religiösen, kosmi-
schen oder mystischen Beziehung geben. So wahr es ist, dass
jeder Akt echter Brüderlichkeit sich mit dem Wissen darum zu
verknüpfen vermag, dass dadurch einem überpersönlichen Reich
etwas hinzugefügt wird, was unverlierbar bleibt, so zweifel-
haft scheint mir, ob die Würde rein menschlicher Gemeinschafts-
beziehungen durch jene religiösen Deutungen gesteigert wird.
– Jndessen, das gehört nicht mehr hierher. –
Rationalisierung und Jntellektualisierung, vor allem: Ent-
zauberung der Welt, dass gerade die letzten und sublimsten
Werte zurückgetreten sind aus der Öffentlichkeit, entweder in
das hinterweltliche Reich mystischen Lebens oder in die
Brüderlichkeit unmittelbarer Beziehungen der einzelnen zu-
einander. Es ist weder zufällig, dass unsere höchste Kunst
eine intime und keine monumentale ist, noch dass heute nur
innerhalb der kleinsten Gemeinschaftskreise, von Menſch zu
Menſch, im pianissimo, jenes Etwas pulsiert, das dem ent-
spricht, was früher als prophetisches Pneuma in stürmischem
Feuer durch die großen Gemeinden ging und sie zusammen-
schweißte. Versuchen wir, monumentale Kunstgesinnung zu
erzwingen und zu „erfinden“, dann entsteht ein so jämmerliches
Mißgebilde wie in den vielen Denkmälern der letzten 20 Jahre.
Versucht man religiöse Neubildungen zu ergrübeln ohne neue,
echte Prophetie, so entsteht im innerlichen Sinn etwas Ähn-
liches, was noch übler wirken muss. Und die Katheder-
prophetie wird vollends nur fanatische Sekten, aber nie eine
echte Gemeinschaft schaffen. Wer dies Schicksal der Zeit nicht
männlich ertragen kann, dem muss man sagen: Er kehre lieber,
schweigend, ohne die übliche öffentliche Renegatenreklame,
sondern schlicht und einfach, in die weit und erbarmend ge-
öffneten Arme der alten Kirchen zurück. Sie machen es ihm
ja nicht schwer. Jrgendwie hat er dabei – das ist unvermeid-
lich– das „Opfer des Jntellektes“ zu bringen, so oder so.
Wir werden ihn darum nicht schelten, wenn er es wirklich
vermag. Denn ein solches Opfer des Jntellekts zugunsten
einer bedingungslosen religiösen Hingabe ist sittlich immerhin
doch etwas anderes als jene Umgehung der schlichten intellek-
tuellen Rechtschaffenheitspflicht, die eintritt, wenn man sich
selbst nicht klar zu werden den Mut hat über die eigene letzte
Stellungnahme, sondern diese Pflicht durch schwächliche Rela-
tivierung sich erleichtert. Und mir steht sie auch höher als
jene Kathederprophetie, die sich darüber nicht klar ist, dass
innerhalb der Räume des Hörsaals nun einmal keine andere
Tugend gilt als eben: schlichte intellektuelle Rechtschaffen-
heit. Sie aber gebietet uns, festzustellen, dass heute für alle
jene vielen, die auf neue Propheten und Heilande harren,
die Lage die gleiche ist, wie sie aus jenem schönen, unter die
Jesaja-Orakel aufgenommenen edomitischen Wächterlied in der
Exilszeit klingt: „Es kommt ein Ruf aus Seir in Edom:
Wächter, wie lang noch die Nacht? Der Wächter spricht:
Es kommt der Morgen, aber noch ist es Nacht. Wenn ihr
fragen wollt, kommt ein ander Mal wieder.“ Das Volk,
dem das gesagt wurde, hat gefragt und geharrt durch weit
mehr als zwei Jahrtausende, und wir kennen sein erschütterndes
Schicksal. Daraus wollen wir die Lehre ziehen: dass es mit
dem Sehnen und Harren allein nicht getan ist, und es anders
machen: an unsere Arbeit gehen und der „Forderung des
Tages“ gerecht werden – menschlich sowohl wie beruflich.
Die aber ist schlicht und einfach, wenn jeder den Dämon
findet und ihm gehorcht, der seines Lebens Fäden hält.
