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Buch - Elektra - Hofmannsthal, Hugo von

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Originalwerk · Lesefassung

Elektra

Hofmannsthal, Hugo von · 1903

Elektra von Hofmannsthal, Hugo von. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

LibrettoKlasse 11–133 Abschnitte
Porträt von Hofmannsthal, Hugo von; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Porträt · Hofmannsthal, Hugo von · Urheber auf der Commons-Dateiseite nicht angegeben · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Familiäre Gewalt und Rache.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 3 von 3

[Stücktext]

1
[Stücktext]
2
Der innere Hof, begrenzt von der Rückseite des Palastes und niedrigen Gebäuden, in denen die Diener wohnen. Dienerinnen am Ziehbrunnen, links vorne. Aufseherinnen unter ihnen.
3
ERSTE
4
ihr Wassergefäß aufhebend.
5
Wo bleibt Elektra?
6
ZWEITE.
7
Ist doch ihre Stunde,
8
die Stunde wo sie um den Vater heult,
9
dass alle Wände schallen.
10
Elektra kommt aus der schon dunkelnden Hausflur gelaufen. Alle drehen sich nach ihr um. Elektra springt zurück wie ein Tier in seinen Schlupfwinkel, den einen Arm vor dem Gesicht.
11
ERSTE.
12
Habt ihr gesehn, wie sie uns ansah?
13
ZWEITE.
14
Giftig
15
wie eine wilde Katze.
16
DRITTE.
17
Neulich lag sie
18
und stöhnte –
19
ERSTE.
20
Immer, wenn die Sonne tief steht,
21
liegt sie und stöhnt.
22
DRITTE.
23
Da gingen wir zuzweit
24
und kamen ihr zu nah –
25
ERSTE.
26
Sie hälts nicht aus,
27
wenn man sie ansieht.
28
DRITTE.
29
Ja, wir kamen ihr
30
zu nah. Da pfauchte sie wie eine Katze
31
uns an. »Fort, Fliegen!« schrie sie, »fort!«
32
VIERTE.
33
»Schmeißfliegen, fort!«
34
DRITTE.
35
»Sitzt nicht auf meinen Wunden!«
36
und schlug nach uns mit einem Strohwisch.
37
VIERTE.
38
»Fort,
39
Schmeißfliegen, fort!«
40
DRITTE.
41
»Ihr sollt das Süße nicht
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abweiden von der Qual. Ihr sollt nicht schmatzen
43
nach meiner Krämpfe Schaum.«
44
VIERTE.
45
»Geht ab, verkriecht euch«,
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schrie sie uns nach. »Eßt Fettes und eßt Süßes
47
und kriecht zu Bett mit euren Männern«, schrie sie,
48
und die –
49
DRITTE.
50
Ich war nicht faul –
51
VIERTE.
52
Die gab ihr Antwort!
53
DRITTE.
54
Ja: »Wenn du hungrig bist«, gab ich zur Antwort,
55
»so isst du auch«, da sprang sie auf und schoss
56
gräßliche Blicke, reckte ihre Finger
57
wie Krallen gegen uns und schrie: »Ich füttre«,
58
schrie sie, »mir einen Geier auf im Leib.«
59
ZWEITE.
60
Und du?
61
DRITTE.
62
»Drum hockst du immerfort«, gab ich
63
zurück, »wo Aasgeruch dich hält und scharrst
64
nach einer alten Leiche!«
65
ZWEITE.
66
Und was sagte
67
sie da?
68
DRITTE.
69
Sie heulte nur und warf sich
70
in ihren Winkel.
71
Sie sind mit dem Schöpfen fertig.
72
ERSTE.
73
Dass die Königin
74
solch einen Dämon frei in Haus und Hof
75
sein Wesen treiben lässt.
76
ZWEITE.
77
Das eigne Kind!
78
ERSTE.
79
Wär sie mein Kind, ich hielte, ich – bei Gott! –
80
sie unter Schloß und Riegel.
81
VIERTE.
82
Sind sie dir
83
nicht hart genug mit ihr? Setzt man ihr nich
84
den Napf mit Essen zu den Hunden?
85
Leise.
86
Hast du
87
den Herren sie nie schlagen sehn?
88
FÜNFTE
89
eine ganz junge, mit zitternder erregter Stimme.
90
Ich will
91
mich vor ihr niederwerfen und die Füße
92
ihr küssen. Ist sie nicht ein Königskind
93
und leidet solche Schmach! Ich will die Füße
94
ihr salben und mit meinem Haar sie trocknen.
95
AUFSEHERIN.
96
Hinein mit dir!
97
Stößt sie.
98
FÜNFTE.
99
Es gibt nichts auf der Welt,
100
das königlicher ist als sie. Sie liegt
101
in Lumpen auf der Schwelle, aber niemand,
102
Schreiend.
103
niemand ist hier im Haus, der ihren Blick
104
aushält!
105
AUFSEHERIN.
106
Hinein!
107
Stößt sie in die offene niedrige Tür links vorne.
108
FÜNFTE
109
in die Tür geklemmt.
110
Ihr alle seid nicht wert,
111
Die Luft zu atmen, die sie atmet! O
112
könnt ich euch alle, euch, erhängt am Halse,
113
in einer Scheuer Dunkel hängen sehen
114
um dessen willen, was ihr an Elektra
115
getan habt!
116
AUFSEHERIN
117
schlägt die Tür zu, stellt sich dann mit dem Rücken dagegen.
118
Hört ihr das? wir, an Elektra!
119
die ihren Napf von unserm Tische stieß,
120
als man mit uns sie essen hieß, die ausspie
121
vor uns und Hündinnen uns nannte.
122
ERSTE.
123
Was?
124
Sie sagte: keinen Hund kann man erniedern,
125
wozu man uns hat abgerichtet: dass wir
126
mit Wasser und mit immer frischem Wasser
127
das ewige Blut des Mordes von der Diele
128
abspülen –
129
DRITTE.
130
Und die Schmach, so sagte sie,
131
die Schmach, die sich bei Tag und Nacht erneut,
132
in Winkel fegen...
133
ERSTE.
134
Unser Leib, so schreit sie,
135
starrt von dem Unrat, dem wir dienstbar sind!
136
Sie tragen ihre Gefäße ins Haus links.
137
AUFSEHERIN
138
die ihnen die Tür aufgemacht hat.
139
Und wenn sie uns mit unsern Kindern sieht,
140
so schreit sie: nichts kann so verflucht sein, nichts,
141
als Kinder, die wir hündisch auf der Treppe
142
im Blute glitschend, hier in diesem Haus
143
empfangen und geboren haben. Sagt sie
144
das oder nicht?
145
DIE DIENERINNEN
146
schon von drinnen.
147
Ja! ja!
148
DIE EINE
149
von drinnen.
150
Sie schlagen mich!
151
Die Aufseherin geht hinein. Die Tür fällt zu.
152
Aus dem Hause tritt Elektra. Sie ist allein mit den Flecken roten Lichtes, die aus den Zweigen des
153
Feigenbaumes schräg über den Boden und auf die Mauern fallen, wie Blutflecke.
154
ELEKTRA.
155
Allein! Weh, ganz allein. Der Vater fort,
156
hinabgescheucht in seine kalten Klüfte.
157
Gegen den Boden.
158
Wo bist du, Vater? hast du nicht die Kraft,
159
dein Angesicht herauf zu mir zu schleppen?
160
Es ist die Stunde, unsre Stunde ists!
161
Die Stunde, wo sie dich geschlachtet haben,
162
dein Weib und der mit ihr in einem Bette,
163
in deinem königlichen Bette schläft.
164
Sie schlugen dich im Bade tot, dein Blut
165
rann über deine Augen, und das Bad
166
dampfte von deinem Blut, dann nahm er dich,
167
der Feige, bei den Schultern, zerrte dich
168
hinaus aus dem Gemach, den Kopf voraus,
169
die Beine schleifend hinterher: dein Auge,
170
das starre, offne, sah herein ins Haus.
171
So kommst du wieder, setzest Fuß vor Fuß
172
und stehst auf einmal da, die beiden Augen
173
weit offen, und ein königlicher Reif
174
von Purpur ist um deine Stirn, der speist sich
175
aus deines Hauptes offner Wunde.
176
Vater!
177
Ich will dich sehn, lass mich heut nicht allein!
178
Nur so wie gestern, wie ein Schatten, dort
179
im Mauerwinkel zeig dich deinem Kind!
180
Vater! dein Tag wird kommen! Von den Sternen
181
stürzt alle Zeit herab, so wird das Blut
182
aus hundert Kehlen stürzen auf dein Grab!
183
So wie aus umgeworfnen Krügen wirds
184
aus den gebundnen Mördern fließen, rings
185
wie Marmorkrüge werden nackte Leiber
186
von allen ihren Helfern sein, von Männern
187
und Frauen, und in einem Schwall, in einem
188
geschwollnen Bach wird ihres Lebens Leben
189
aus ihnen stürzen – und wir schlachten dir
190
die Rosse, die im Hause sind, wir treiben
191
sie vor dem Grab zusammen, und sie ahnen den Tod
192
und wiehern in die Todesluft
193
und sterben, und wir schlachten dir die Hunde,
194
weil sie der Wurf sind und der Wurf des Wurfes
195
von denen, die mit dir gejagt, von denen,
196
die dir die Füße leckten, denen du
197
die Bissen hinwarfst, darum muss ihr Blut
198
hinab, um dir zu Dienst zu sein, und wir,
199
dein Blut, dein Sohn Orest und deine Töchter,
200
wir drei, wenn alles dies vollbracht und Purpur-
201
gezelte aufgerichtet sind, vom Dunst
202
des Blutes, den die Sonne an sich zieht,
203
dann tanzen wir, dein Blut, rings um dein Grab:
204
und über Leichen hin werd ich das Knie
205
hochheben Schritt für Schritt, und die mich werden
206
so tanzen sehen, ja, die meinen Schatten
207
von weitem nur so werden tanzen sehn,
208
die werden sagen: einem großen König
209
wird hier ein großes Prunkfest angestellt
210
von seinem Fleisch und Blut, und glücklich ist,
211
wer Kinder hat, die um sein hohes Grab
212
so königliche Siegestänze tanzen!
213
CHRYSOTHEMIS
214
die jüngere Schwester, steht in der Haustür.
215
Sie sieht angstvoll auf Elektra, ruft leise.
216
Elektra!
217
Elektra fährt zusammen, wie der Nachtwandler, der seinen Namen rufen hört. Sie taumelt. Ihre Augen sehen um sich, als fänden sie sich nicht gleich zurecht. Ihr Gesicht verzerrt sich, wie sie die ängstliche Miene der Schwester ansieht. Chrysothemis steht an die Türe gedrückt.
218
ELEKTRA.
219
Ah, das Gesicht!
220
CHRYSOTHEMIS.
221
Ist mein Gesicht dir so verhaßt?
222
ELEKTRA.
223
Was willst du? Rede, sprich, ergieße dich,
224
dann geh und lass mich!
225
CHRYSOTHEMIS
226
hebt wie abwehrend die Hände.
227
ELEKTRA.
228
Was hebst du die Hände?
229
So hob der Vater seine beiden Hände,
230
da fuhr das Beil hinab und spaltete
231
sein Fleisch. Was willst du, Tochter meiner Mutter?
232
CHRYSOTHEMIS.
233
Sie haben etwas Fürchterliches vor.
234
ELEKTRA.
235
Die beiden Weiber?
236
CHRYSOTHEMIS.
237
Wer?
238
ELEKTRA.
239
Nun, meine Mutter
240
und jenes andre Weib, die Memme, ei
241
Ägisth, der tapfre Meuchelmörder, er,
242
der Heldentaten nur im Bett vollführt.
243
Was haben sie denn vor?
244
CHRYSOTHEMIS.
245
Sie werfen dich
246
in einen Turm, wo du von Sonn und Mond
247
das Licht nicht sehen wirst.
248
ELEKTRA
249
lacht.
250
CHRYSOTHEMIS.
251
Sie tuns, ich weiß es,
252
ich habs gehört.
253
ELEKTRA.
254
Mir ist, ich hätts gehört.
255
Wars nicht bei Tisch, so bei der letzten Schüssel?
256
Da hebt er gern die Stimm und prahlt, ich wette,
257
es nützt seiner Verdauung.
258
CHRYSOTHEMIS.
259
Nicht bei Tisch.
260
Nicht um zu prahlen. Er und sie, allein
261
bereden sies.
262
ELEKTRA.
263
Allein? Wie hast dann du
264
es hören können?
265
CHRYSOTHEMIS.
266
An der Tür, Elektra.
267
ELEKTRA.
268
Mach keine Türen auf in diesem Haus!
269
Gepresster Atem, pfui! und Röcheln von Erwürgten,
270
nichts andres gibts in diesen Kammern. Lass
271
die Tür, dahinter du ein Stöhnen hörst:
272
sie bringen ja nicht immer einen um,
273
zuweilen sind sie auch allein zusammen!
274
Mach keine Türen auf! Schleich nicht herum.
275
Sitz an der Erd wie ich und wünsch den Tod
276
und das Gericht herbei auf sie und ihn.
277
CHRYSOTHEMIS.
278
Ich kann nicht sitzen und ins Dunkel starren
279
wie du. Ich habs wie Feuer in der Brust,
280
es treibt mich immerfort herum im Haus,
281
in keiner Kammer leidets mich, ich muss
282
von einer Schwelle auf die andre, ach!
283
treppauf, treppab, mir ist, als rief' es mich,
284
und komm ich hin, so stiert ein leeres Zimmer
285
mich an. Ich habe solche Angst, mir zittern
286
die Knie bei Tag und Nacht, mir ist die Kehle
287
wie zugeschnürt, ich kann nicht einmal weinen,
288
wie Stein ist alles! Schwester, hab Erbarmen!
289
ELEKTRA.
290
Mit wem?
291
CHRYSOTHEMIS.
292
Du bist es, die mit Eisenklammern
293
mich an den Boden schmiedet. Wärst nicht du,
294
sie ließen uns hinaus. Wär nicht dein Haß,
295
dein schlafloses unbändiges Gemüt,
296
vor dem sie zittern, ah, so ließen sie
297
uns ja heraus aus diesem Kerker, Schwester!
298
Ich will heraus! Ich will nicht jede Nacht
299
bis an den Tod hier schlafen! Eh ich sterbe,
300
will ich auch leben! Kinder will ich haben,
301
bevor mein Leib verwelkt, und wärs ein Bauer,
302
dem sie mich geben, Kinder will ich ihm
303
gebären und mit meinem Leib sie wärmen
304
in kalten Nächten, wenn der Sturm die Hütte
305
zusammenschüttelt! Aber dies ertrag ich
306
nicht länger, hier zu lungern bei den Knechten
307
und doch nicht ihresgleichen, eingesperrt
308
mit meiner Todesangst bei Tag und Nacht!
309
Hörst du mich an? Sprich zu mir, Schwester!
310
ELEKTRA.
311
Armes
312
Geschöpf!
313
CHRYSOTHEMIS.
314
Hab Mitleid mit dir selber und mit mir.
315
Wem frommt denn diese Qual? Dem Vater etwa?
316
Der Vater, der ist tot. Der Bruder kommt nicht heim.
317
Du siehst ja doch, dass er nicht kommt. Mit Messern
318
gräbt Tag um Tag in dein und mein Gesicht
319
sein Mal, und draußen geht die Sonne auf
320
und ab, und Frauen, die ich schlank gekannt hab,
321
sind schwer von Segen, mühen sich zum Brunnen
322
und heben kaum den Eimer, und auf einmal
323
sind sie entbunden ihrer Last und kommen
324
zum Brunnen wieder und aus ihnen selber
325
rinnt süßer Trank, und säugend hängt ein Leben
326
an ihnen, und die Kinder werden groß –
327
und immer sitzen wir hier auf der Stange
328
wie angehängte Vögel, wenden links
329
und rechts den Kopf, und niemand kommt, kein Bruder,
330
kein Bote von dem Bruder, nicht der Bote
331
von einem Boten, nichts! Viel lieber tot,
332
als leben und nicht leben. Nein, ich bin
333
ein Weib und will ein Weiberschicksal.
334
ELEKTRA.
335
Pfui,
336
die's denkt, pfui, die's mit Namen nennt! Die Höhle
337
zu sein, drin nach dem Mord dem Mörder wohl ist;
338
das Tier zu spielen, das dem schlimmern Tier
339
Ergetzung bietet. Ah, mit einem schläft sie,
340
presst ihre Brüste ihm auf beide Augen
341
und winkt dem zweiten, der mit Netz und Beil
342
hervorkriecht hinterm Bett.
343
CHRYSOTHEMIS.
344
Du bist entsetzlich!
345
ELEKTRA.
346
Warum entsetzlich? Bist du solch ein Weib?
347
Du willsts erst werden.
348
CHRYSOTHEMIS.
349
Kannst du nicht vergessen?
350
Mein Kopf ist immer wüst. Ich kann von heut
351
auf morgen nichts behalten. Manchmal lieg ich
352
so da, dann bin ich was ich früher war,
353
und kanns nicht fassen, dass ich nicht mehr jung bin.
354
Wo ist denn alles hingekommen, wo denn?
355
Es ist ja nicht ein Wasser, das vorbeirinnt,
356
es ist ja nicht ein Garn, das von der Spule
357
herunter fliegt und fliegt, ich bins ja, ich!
358
Ich möchte beten, dass ein Gott ein Licht
359
mir in der Brust anstecke, dass ich mich
360
in mir kann wiederfinden! Wär ich fort,
361
wie schnell vergäß ich alle bösen Träume –
362
ELEKTRA.
363
Vergessen? Was! bin ich ein Tier? vergessen?
364
Das Vieh schläft ein, von halbgefreßner Beute
365
die Lefze noch behängt, das Vieh vergisst sich
366
und fängt zu käuen an, indes der Tod
367
schon würgend auf ihm sitzt, das Vieh vergisst,
368
was aus dem Leib ihm kroch, und stillt den Hunger
369
am eignen Kind – ich bin kein Vieh, ich kann nicht
370
vergessen!
371
CHRYSOTHEMIS.
372
Oh, muss meine Seele immer
373
von dieser Speise essen, die ihr widert,
374
die ihr so widert! die zu riechen nur
375
sie schaudert, die sie nie und nimmer hätte
376
anrühren sollen, nie und nimmer wissen,
377
dass es so etwas Grauenvolles gibt,
378
nie wissen! nie mit Augen sehn! nie hören!
379
Das Fürchterliche ist nicht für das Herz
380
des Menschen! Wenn es kommt, wenn es sich anzeigt,
381
so muss man flüchten aus den Häusern, flüchten
382
in die Weingärten, flüchten auf die Berge!
383
und steigt es auf die Berge, muss man wieder
384
herab und sich verkriechen in den Häusern:
385
nie darf man bei ihm bleiben, nie mit ihm
386
in einem Hause sein! Ich will hinaus!
387
Ich will empfangen und gebären Kinder,
388
die nichts von diesem wissen, meinen Leib
389
wasch ich in jedem Wasser, tauch mich tief
390
hinab in jedes Wasser, alles wasch ich
391
mir ab, das Hohle meiner beiden Augen
392
wasch ich mir rein – sie sollen sich nicht schrecken,
393
wenn sie der Mutter in die Augen schaun!
394
ELEKTRA
395
höhnisch.
396
Wenn sie der Mutter in die Augen schaun!
397
Und wie schaust du dem Vater in die Augen?
398
CHRYSOTHEMIS.
399
Hör auf!
400
ELEKTRA.
401
Ich wünsch dir, wenn du Kinder hast,
402
sie mögen an dir tun, wie du am Vater!
403
CHRYSOTHEMIS
404
weint auf.
405
ELEKTRA.
406
Was heulst du? Fort! Hinein! Dort ist dein Platz.
407
Es geht ein Lärm los. Stellen sie vielleicht
408
für dich die Hochzeit an? ich hör sie laufen.
409
Das ganze Haus ist auf. Sie kreißen
410
oder sie morden. Wenn es an den Leichen mangelt,
411
darauf zu schlafen, müssen sie doch morden!
412
CHRYSOTHEMIS.
413
Hör auf. Dies alles ist vorbei. Hör auf!
414
ELEKTRA.
415
Vorbei? Da drinnen gehts aufs neue los!
416
Meinst du, ich kenn den Laut nicht, wie sie Leichen
417
herab die Treppe schleifen, wie sie flüstern
418
und Tüchter voller Blut auswinden.
419
CHRYSOTHEMIS.
420
Schwester!
421
geh fort von hier.
422
ELEKTRA.
423
Diesmal will ich dabei sein!
424
Nicht so wie damals. Diesmal bin ich stark.
425
Ich werfe mich auf sie, ich reiß das Beil
426
aus ihrer Hand, ich schwing es über ihr –
427
CHRYSOTHEMIS.
428
Geh fort, verkriech dich! dass sie dich nicht sieht.
429
Stell dich ihr heut nicht in den Weg: sie schickt
430
den Tod aus jedem Blick. Sie hat geträumt.
431
Der Lärm von vielen Kommenden drinnen, näher.
432
Geh fort von hier. Sie kommen durch die Gänge.
433
Sie kommen hier vorbei. Sie hat geträumt:
434
ich weiß nicht, was, ich hab es von den Mägden gehört,
435
ich weiß nicht, ob es wahr ist, Schwester:
436
sie sagen, dass sie von Orest geträumt hat,
437
dass sie geschrieen hat aus ihrem Schlaf,
438
wie einer schreit, den man erwürgt.
439
ELEKTRA.
440
Ich! ich!
441
ich hab ihn ihr geschickt. Aus meiner Brust.
442
hab ich den Traum auf sie geschickt! Ich liege
443
und hör die Schritte dessen, der sie sucht.
444
Ich hör ihn durch die Zimmer gehn, ich hör ihn
445
den Vorhang von dem Bette heben: schreiend
446
entspringt sie, aber er ist hinterdrein:
447
hinab die Treppen durch Gewölbe hin,
448
Gewölbe und Gewölbe geht die Jagd.
449
Es ist viel finsterer als Nacht, viel stiller
450
und finstrer als im Grab, sie keucht und taumelt
451
im Dunkel hin, doch er ist hinterdrein:
452
die Fackel schwingt er links und rechts das Beil.
453
Und ich bin wie ein Hund an ihrer Ferse:
454
will sie in eine Höhle, spring ich sie
455
von seitwärts an, so treiben wir sie fort,
456
bis eine Mauer alles sperrt, und dort
457
im tiefsten Dunkel, doch ich seh ihn wohl,
458
ein Schatten, und doch Glieder und das Weiße
459
von einem Auge doch, da sitzt der Vater:
460
er achtets nicht und doch muss es geschehn:
461
vor seinen Füßen drücken wir sie hin,
462
da fällt das Beil!
463
Fackeln und Gestalten erfüllen den Gang links von der Tür.
464
CHRYSOTHEMIS.
465
Sie kommen schon. Sie treibt die Mägde alle
466
mit Fackeln vor sich her. Sie schleppen Tiere
467
und Opfermesser. Schwester, wenn sie zittert,
468
ist sie am schrecklichsten, geh ihr nur heut,
469
nur diese Stunde geh aus ihrem Weg!
470
ELEKTRA.
471
Ich habe eine Lust, mit meiner Mutter
472
zu reden wie noch nie!
473
An den grell erleuchteten Fenstern klirrt und schlürft ein hastiger Zug vorüber: es ist ein Zerren, ein Schleppen von Tieren, ein gedämpfes Keifen, ein schnell ersticktes Aufschreien, das Niedersausen einer Peitsche, ein Aufraffen, ein Weitertaumeln.
474
CHRYSOTHEMIS.
475
Ich wills nicht hören.
476
Stürzt ab durch die Hoftür.
477
In dem breiten Fenster erscheint die Gestalt der Klytämnestra. Ihr fahles, gedunsenes Gesicht, in dem grellen Licht der Fackeln, erscheint noch bleicher über dem scharlachroten Gewand. Sie stützt sich auf eine Vertraute, die dunkelviolett
478
gekleidet ist, und auf einen elfenbeinernen, mit Edelsteinen geschmückten Stab. Eine gelbe Gestalt, mit zurückgekämmtem schwarzem Haar, einer Ägypterin ähnlich, mit glattem Gesicht, einer aufgerichteten Schlange gleichend, trägt ihr die Schleppe. Die Königin ist über und über bedeckt mit Edelsteinen und Talismanen. Ihre Arme sind voll Reifen, ihre Finger starren von Ringen. Die Lider ihrer Augen scheinen übermäßig groß, und es scheint ihr eine furchtbare Anstrengung zu kosten, sie offen zu halten.
479
Elektra steht starr aufgerichtet, das Gesicht diesem Fenster zugewandt.
480
Klytämnestra öffnet jäh die Augen, zitternd vor Zorn tritt sie ans Fenster und zeigt mit dem Stock auf Elektra.
481
KLYTÄMNESTRA
482
am Fenster.
483
Was willst du? Seht doch, dort! so seht doch das!
484
Wie es sich aufbäumt mit geblähtem Hals
485
und nach mir züngelt! und das lass ich frei
486
in meinem Hause laufen!
487
Wenn sie mich mit den Blicken töten könnte!
488
O Götter, warum liegt ihr so auf mir?
489
Warum verwüstet ihr mich so? warum
490
muss meine Kraft in mir gelähmt sein, warum
491
bin ich lebendigen Leibes wie ein wüstes
492
Gefild, und diese Nessel wächst aus mir
493
heraus, und ich hab nicht die Kraft zu jäten!
494
Warum geschieht mir das, ihr ewigen Götter?
495
ELEKTRA.
496
Die Götter! bist doch selber eine Göttin!
Porträt von Hofmannsthal, Hugo von; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Kontextbild zum Werk. Porträt · Hofmannsthal, Hugo von · Urheber auf der Commons-Dateiseite nicht angegeben · Public domain Bildquelle ↗
497
bist, was sie sind.
498
KLYTEMNÄSTRA.
499
Habt ihr gehört? habt ihr
500
verstanden, was sie redet?
501
DIE VERTRAUTE.
502
Dass auch du
503
vom Blut der Götter bist.
504
DIE SCHLEPPTRÄGERIN
505
zischend.
506
Sie meint es tückisch.
507
KLYTEMNÄSTRA
508
indem ihre schweren Lider zufallen.
509
Mir klingt das so bekannt. Und nur als hätt ichs
510
vergessen, lang und lang. Sie kennt mich gut.
511
Doch weiß man nie, was sie im Schilde führt.
512
Die Vertraute und die Schleppträgerin flüstern miteinander.
513
ELEKTRA.
514
Du bist nicht mehr du selber. Das Gewürm
515
hängt immerfort um dich. Was sie ins Ohr
516
dir zischen, trennt dein Denken fort und fort
517
entzwei, so gehst du hin im Taumel, immer
518
bist du als wie im Traum.
519
KLYTÄMNESTRA.
520
Ich will hinunter.
521
Lasst, ich will mit ihr reden. Sie ist heute
522
nicht widerlich. Sie redet wie ein Arzt.
523
Die Stunden haben alles in der Hand.
524
Ein jedes Ding kann ein erträgliches
525
Gesicht uns zeigen nach dem gräßlichen.
526
Sie geht vom Fenster weg und erscheint in der Tür, die Vertraute an ihrer Seite, die Schleppträgerin hinter ihr, Fackeln hinter ihnen.
527
KLYTÄMNESTRA
528
von der Türschwelle aus.
529
Warum nennst du mich eine Göttin? Sprichst du
530
aus Bosheit so? Nimm dich in acht. Es könnte
531
der letzte Tag sein, dass du dieses Licht
532
da siehst und diese freie Luft einatmest.
533
ELEKTRA.
534
Wahrhaftig, wenn du keine Göttin bist,
535
wo sind dann Götter! Ich weiß auf der Welt
536
nichts, was mich schaudern macht, als wie zu denken,
537
dass dieser Leib das dunkle Tor, aus welchem
538
ich an das Licht der Welt gekrochen bin.
539
Auf diesem Schoß bin ich gelegen, nackt?
540
Zu diesen Brüsten hast du mich gehoben?
541
So bin ich ja aus meines Vaters Grab
542
herausgekrochen, hab gespielt in Windeln
543
auf meines Vaters Richtstatt! Du bist ja
544
wie ein Koloß, aus dessen ehernen Händen
545
ich nie entsprungen bin. Du hast mich ja
546
am Zaum. Du bindest mich, an was du willst.
547
Du hast mir ausgespieen, wie das Meer,
548
ein Leben, einen Vater und Geschwister:
549
und hast hinabgeschlungen, wie das Meer,
550
ein Leben, einen Vater und Geschwister.
551
Ich weiß nicht, wie ich jemals sterben sollte –
552
als daran, dass du stürbest.
553
KLYTÄMNESTRA.
554
So ehrst du mich? Ist etwas noch von Scheu
555
in dir?
556
ELEKTRA.
557
Viel, viel! Mir geht zu Herzen, was
558
auch dir zu Herzen geht. Siehst du, mich kränkt
559
zu sehen, dass Ägisth, dein Mann, die alten Mäntel
560
von meinem, wie du weißt, verstorbnen Vater,
561
dem frühern König, trägt. Es kränkt mich, wahrhaft:
562
ich finde, dass sie ihm nicht stehn. Ich finde,
563
sie sind ihm um die Brust zu weit.
564
DIE VERTRAUTE.
565
Sie redet
566
nicht, wie sies meint.
567
DIE SCHLEPPTRÄGERIN.
568
Ein jedes Wort ist Falschheit.
569
KLYTÄMNESTRA
570
zornig.
571
Ich will nichts hören. Was aus euch herauskommt,
572
ist nur der Atem des Ägisth. Ich will nicht
573
an allem nörgeln. Wenn sie zu mir redet,
574
was mich zu hören freut, so will ich horchen,
575
auf was sie redet. Was die Wahrheit ist,
576
das bringt kein Mensch heraus. Niemand auf Erden
577
weiß über irgendein verborgnes Ding
578
die Wahrheit. Gibts nicht welche in den Kerkern,
579
die sagen, dass ich eine Mörderin
580
und dass Ägisth ein Meuchelmörder ist?
581
Und wenn ich nachts euch wecke, redet ihr
582
nicht jede etwas andres? Schreist nicht du,
583
dass meine Augenlider angeschwollen
584
und meine Leber krank ist, und dass alles
585
nur von der kranken Leber kommt, und winselst
586
nicht du ins andre Ohr, dass du Dämonen
587
gesehen hast mit langen spitzen Schnäbeln,
588
die mir das Blut aussaugen? zeigst du nicht
589
die Spuren mir an meinem Fleisch, und folg ich
590
dir nicht und schlachte, schlachte, schlachte Opfer
591
und Opfer? Zerrt ihr mich mit euren Reden
592
und Gegenreden nicht zu Tod? Ich will nicht
593
mehr hören: dies ist wahr und das ist Lüge.
594
Wenn einer etwas Angenehmes sagt,
595
und wär es meine Tochter, wär es die da,
596
will ich von meiner Seele alle Hüllen
597
ablösen und das Fächeln sanfter Luft,
598
von wo es kommen mag, einlassen, wie
599
die Kranken tun, wenn sie der kühlen Luft,
600
am Teiche sitzend, abends ihre Beulen
601
und all ihr Eiterndes der kühlen Luft
602
preisgeben abends, und nichts andres denken,
603
als Linderung zu schaffen. So will ich
604
einmal anfangen, selbst für mich zu sorgen.
605
Lasst mich allein mit ihr.
606
Ungeduldig weist sie mit dem Stock die Vertraute und die Schleppträgerin ins Haus. Diese verschwinden zögernd in der Tür. Auch die Fackeln verschwinden, und nur aus dem Innern des Hauses fällt ein schwacher Schein durch den Flur auf den Hof und streift hie und da die Gestalten der beiden Frauen.
607
KLYTÄMNESTRA
608
nach einer Pause.
609
Ich habe keine guten Nächte. Weißt du
610
kein Mittel gegen Träume?
611
ELEKTRA
612
näher rückend.
613
Träumst du, Mutter?
614
KLYTÄMNESTRA.
615
Hast du nicht andre Worte, mich zu trösten?
616
Lass deine Zunge los. Ich träume, ja.
617
Wer älter wird, der träumt. Allein es lässt sich
618
vertreiben. Warum stehst du so im Dunkel?
619
Man muss sich nur die Kräfte dienstbar machen,
620
die irgendwo verstreut sind. Es gibt Bräuche.
621
Es muss für alles richtige Bräuche geben.
622
Wie man ein Wort und einen Satz ausspricht,
623
darauf kommt vieles an. Auch auf die Stunde.
624
Und ob man satt ist, oder nüchtern. Mancher
625
kam um, weil er ins Bad gestiegen ist
626
zur unrichtigen Stunde.
627
ELEKTRA.
628
Denkst du da
629
an meinen Vater?
630
KLYTÄMNESTRA.
631
Darum bin ich so
632
behängt mit Steinen. Denn es wohnt in jedem
633
ganz sicher eine Kraft. Man muss nur wissen,
634
wie man sie nützen kann. Wenn du nur wolltest,
635
du könntest etwas sagen, das mir nützt.
636
ELEKTRA.
637
Ich, Mutter, ich?
638
KLYTÄMNESTRA.
639
Ja, du! denn du bist klug.
640
In deinem Kopf ist alles stark. Du redest
641
von alten Dingen so, wie wenn sie gestern
642
geschehen wären. Aber ich bin morsch.
643
Ich denke, aber alles türmt sich mir
644
eins übers andre. Und ich tu den Mund auf,
645
da schreit Ägisth, und was er schreit, das ist mir
646
verhaßt, aufbäumen will ich mich und stärker
647
als seine Worte sein – und finde nichts,
648
Ich finde nichts! ich weiß auf einmal nicht,
649
ob er das heut gesagt hat, was vor Wut
650
mich zittern macht, ob heute oder einmal
651
vor langer Zeit; dann schwindelts mich, ich weiß
652
auf einmal nicht mehr, wer ich bin, und das ist
653
das Grauen, das heißt mit lebendigem Leib
654
ins Chaos sinken, und Ägisth! Ägisth
655
verhöhnt mich, und ich finde nichts, ich finde
656
die fürchterlichen Dinge nicht, vor denen
657
er schweigen müsste und bleich wie ich selber
658
ins Feuer starren. Aber du hast Worte.
659
Du könntest vieles sagen, was mir nützt.
660
Wenn auch ein Wort nichts weiter ist! Was ist denn
661
ein Hauch! und doch kriecht zwischen Nacht und Tag,
662
wenn ich mit offnen Augen lieg, ein Etwas
663
hin über mich, es ist kein Wort, es ist
664
kein Schmerz, es drückt mich nicht, es würgt mich nicht,
665
es lässt mich liegen, wie ich bin, und da
666
an meiner Seite liegt Ägisth und dort,
667
dort ist der Vorhang: alles sieht mich an,
668
als wärs von Ewigkeit zu Ewigkeit:
669
nichts ist es, nicht einmal ein Alp, und dennoch,
670
es ist so fürchterlich, dass meine Seele
671
sich wünscht, erhängt zu sein, und jedes Glied
672
an mir lechzt nach dem Tod, und dabei leb ich
673
und bin nicht einmal krank: du siehst mich doch:
674
seh ich wie eine Kranke? Kann man denn
675
vergehen, lebend, wie ein faules Aas?
676
kann man zerfallen, wenn man gar nicht krank ist?
677
zerfallen wachen Sinnes, wie ein Kleid,
678
zerfressen von den Motten? Und dann schlaf ich
679
und träume, träume! dass mir in den Knochen
680
das Mark sich löst, und taumle wieder auf,
681
und nicht der zehnte Teil der Wasseruhr
682
ist abgelaufen, und was unterm Vorhang
683
hereingrinst, ist noch nicht der fahle Morgen,
684
nein, immer noch die Fackel vor der Tür,
685
die gräßlich zuckt wie ein Lebendiges
686
und meinen Schlaf belauert.
687
Ich weiß nicht, wer die sind, die mir das antun,
688
und ob sie droben oder drunten wo
689
zu Hause sind – wenn ich dich stehen sehe,
690
wie jetzt, so mein ich, du musst mit im Spiel sein.
691
Allein wer bist denn du? Du weißt nicht einmal
692
ein Wort zu reden, wenn man auf dich hört.
693
Wem könnt es so viel nützen oder schaden,
694
ob du lebst oder nicht? Warum siehst du
695
so starr auf mich? Ich will nicht, dass du mich
696
so ansiehst. Aber diese Träume müssen
697
ein Ende haben. Wer sie immer schickt:
698
ein jeder Dämon lässt von uns, sobald
699
das rechte Blut geflossen ist.
700
ELEKTRA.
701
Ein jeder!
702
KLYTÄMNESTRA.
703
Und müsst ich jedes Tier, das kriecht und fliegt,
704
zur Ader lassen und im Dampf des Bluts
705
aufstehn und schlafen gehen wie die Völker
706
der letzten Thule in blutrotem Nebel:
707
ich will nicht länger träumen.
708
ELEKTRA.
709
Wenn das rechte
710
Blutopfer unterm Beile fällt, dann träumst du
711
nicht länger.
712
KLYTÄMNESTRA
713
näher zu ihr tretend.
714
Also wüsstest du, mit welchem
715
geweihten Tier –
716
ELEKTRA.
717
Mit einem ungeweihten!
718
KLYTÄMNESTRA.
719
Das drin gebunden liegt?
720
ELEKTRA.
721
Nein! es läuft frei.
722
KLYTÄMNESTRA
723
begierig.
724
Und was für Bräuche?
725
ELEKTRA.
726
Wunderbare Bräuche,
727
und sehr genau zu üben.
728
KLYTÄMNESTRA.
729
Rede doch!
730
ELEKTRA.
731
Kannst du mich nicht erraten?
732
KLYTÄMNESTRA.
733
Nein, darum frag ich.
734
Den Namen sag des Opfertiers.
735
ELEKTRA.
736
Ein Weib.
737
KLYTÄMNESTRA
738
gierig.
739
Von meinen Dienerinnen eine, sag!
740
ein Kind? ein jungfräuliches Weib? ein Weib,
741
das schon erkannt vom Manne?
742
ELEKTRA.
743
Ja! erkannt!
744
das ists!
745
KLYTÄMNESTRA.
746
Und wie das Opfer? welche Stunde?
747
und wo?
748
ELEKTRA.
749
An jedem Ort, zu jeder Stunde
750
des Tages und der Nacht.
751
KLYTÄMNESTRA.
752
Die Bräuche sag!
753
Wie brächt ichs dar? ich selber muss –
754
ELEKTRA.
755
Nein. Diesmal
756
gehst du nicht auf die Jagd mit Netz und Beil.
757
KLYTÄMNESTRA.
758
Wer denn? wer bringt es dar?
759
ELEKTRA.
760
Ein Mann.
761
KLYTÄMNESTRA.
762
Ägisth?
763
ELEKTRA
764
lacht.
765
Ich sagte doch: ein Mann!
766
KLYTÄMNESTRA.
767
Wer? gib mir Antwort.
768
Vom Hause jemand? oder muss ein Fremder
769
herbei?
770
ELEKTRA
771
zu Boden stierend, wie abwesend.
772
Ja, ja, ein Fremder. Aber freilich
773
ist er vom Haus.
774
KLYTÄMNESTRA.
775
Gib mir nicht Rätsel auf.
776
Elektra, hör mich an. Ich freue mich,
777
dass ich dich heut einmal nicht störrisch finde.
778
Wenn Eltern hart sind, ist es stets das Kind,
779
das sie zur Härte zwingt. Kein strenges Wort
780
ist ganz unwiderruflich, und die Mutter,
781
wenn sie schlecht schläft, denkt lieber sich das Kind
782
im Ehebett als an der Kette liegen.
783
ELEKTRA
784
vor sich.
785
Da gehts dem Kinde umgekehrt: das dächte
786
die Mutter lieber tot als in dem Bette.
787
KLYTÄMNESTRA.
788
Was murmelst du? Ich sage, dass kein Ding
789
unwiderruflich ist. Geht denn nicht alles
790
vor unsern Augen über und verwandelt
791
sich wie ein Nebel? Und wir selber, wir!
792
und unsre Taten! Taten! Wir und Taten!
793
Was das für Worte sind. Bin ich denn noch,
794
die es getan? Und wenn! getan, getan!
795
Getan! was wirfst du mir da für ein Wort
796
in meine Zähne! Da stand er, von dem
797
du immer redest, da stand er und da
798
stand ich und dort Ägisth, und aus den Augen
799
die Blicke trafen sich: da war es doch
800
noch nicht geschehn! und dann veränderte
801
sich deines Vaters Blick im Sterben so langsam
802
und gräßlich, aber immer noch
803
in meinem hängend – und da wars geschehn:
804
dazwischen ist kein Raum! Erst wars vorher,
805
dann wars vorbei – dazwischen hab ich nichts
806
getan.
807
ELEKTRA.
808
Nein, die dazwischen liegt, die Arbeit,
809
die tat das Beil allein.
810
KLYTÄMNESTRA.
811
Wie du die Worte
812
hineinbringst.
813
ELEKTRA.
814
Nicht so tüchtig, noch so flink
815
wie du Axthieb auf Axthieb.
816
KLYTÄMNESTRA.
817
Davon will ich
818
nichts hören. Schweig. Wenn mir dein Vater heute
819
entgegenkäme – so wie ich mit dir
820
da rede, könnt ich mit ihm reden. Zwar
821
kann sein, mich schauderte, doch kann auch sein,
822
ich könnte zärtlich zu ihm sein und weinen,
823
wie wenn zwei alte Freunde sich begegnen.
824
ELEKTRA
825
vor sich.
826
Gräßlich, sie redet von dem Mord als wärs
827
ein Zank vorm Nachtmahl.
828
KLYTÄMNESTRA.
829
Sag du deiner Schwester,
830
sie soll nicht so wie ein verschreckter Hund
831
vor mir ins Dunkel flüchten. Heiß sie, freundlich,
832
wie sichs geziemt, mich grüßen, und gelassen
833
mir Rede stehn. Dann weiß ich wahrlich nicht,
834
was mich verhindern könnte, dich und sie
835
vor Winter zu vermählen.
836
ELEKTRA.
837
Und der Bruder?
838
Lässt du den Bruder nicht nach Hause, Mutter?
839
KLYTÄMNESTRA.
840
Von ihm zu reden hab ich dir verboten.
841
ELEKTRA.
842
So hast du Furcht vor ihm?
843
KLYTÄMNESTRA.
844
Wer sagt das?
845
ELEKTRA.
846
Mutter,
847
du zitterst ja!
848
KLYTÄMNESTRA.
849
Wer fürchtet sich vor einem Schwachsinnigen.
850
ELEKTRA.
851
Wie?
852
KLYTÄMNESTRA.
853
Es heißt,
854
er stammelt, liegt im Hofe bei den Hunden
855
und weiß nicht Mensch und Tier zu unterscheiden.
856
ELEKTRA.
857
Das Kind war ganz gesund.
858
KLYTÄMNESTRA.
859
Es heißt, sie gaben
860
ihm eine schlechte Wohnung und die Tiere
861
des Hofes zur Gesellschaft.
862
ELEKTRA.
863
Ah!
864
KLYTÄMNESTRA
865
mit gesenkten Augenlidern.
866
Ich schickte
867
viel Gold und wieder Gold, sie sollten ihn
868
gut halten als ein Königskind.
869
ELEKTRA.
870
Du lügst!
871
Du schicktest Gold, damit sie ihn erwürgen.
872
KLYTÄMNESTRA.
873
Wer sagt dir das?
874
ELEKTRA.
875
Ich sehs in deinen Augen.
876
Allein an deinem Zittern seh ich auch,
877
dass er noch lebt. Dass du bei Tag und Nacht
878
an nichts denkst als an ihn. Dass dir das Herz
879
verdorrt vor Grauen, weil du weißt: er kommt.
880
KLYTÄMNESTRA.
881
Lüg nicht. Was kümmert mich, wer außer Haus ist.
882
Ich lebe hier und bin die Herrin. Diener
883
hab ich genug, die Tore zu bewachen,
884
und wenn ich will, lass ich bei Tag und Nacht
885
vor meiner Kammer drei Bewaffnete
886
mit offenen Augen sitzen. Was du redest,
887
das hör ich nicht einmal. Ich weiß auch nicht,
888
wer dieser ist, von dem du redest. Sehen
889
werd ich ihn nie: was kümmerts mich, zu wissen,
890
ob er am Leben oder nicht. Ganz einfach,
891
ich bin es satt, von ihm zu träumen. Träume
892
sind ungesund, sie zehren an den Kräften,
893
und ich will leben und die Herrin sein.
894
Ich will nicht solche Anwandlungen haben,
895
mich herzustellen wie ein Hökerweib
896
und dir von meinen Nächten zu erzählen.
897
Ich bin so gut wie krank, und Kranke schwatzen
898
von ihrem Übel, das ist alles. Aber
899
ich will nicht länger krank sein. Und aus dir
900
Sie hebt den Stock drohend gegen Elektra.
901
bring ich so oder so das rechte Wort
902
schon an den Tag. Du hast dich schon verraten,
903
dass du das rechte Opfer weißt und auch
904
die Bräuche, die mir nützen. Sagst dus nicht
905
im Freien, wirst dus an der Kette sagen.
906
Sagst dus nicht satt, so sagst dus hungernd. Träume
907
sind etwas, das man los wird. Wer dran leidet
908
und nicht das Mittel findet, sich zu heilen,
909
ist nur ein Narr. Ich finde mir heraus,
910
wer bluten muss, damit ich wieder schlafe.
911
ELEKTRA
912
mit einem Sprung aus dem Dunkel auf sie zu, immer näher an ihr, immer furchtbarer wachsend.
913
Was bluten muss? Dein eigenes Genick,
914
wenn dich der Jäger abgefangen hat!
915
Er fängt dich ab: doch nur im Lauf! Wer schlachtet
916
ein Opfertier im Schlaf! Er jagt dich auf,
917
er treibt dich durch das Haus! willst du nach rechts,
918
da steht das Bett! nach links, da schäumt das Bad
919
wie Blut! das Dunkel und die Fackeln werfen
920
schwarzrote Todesnetze über dich –
921
Klytämnestra, von sprachlosem Grauen geschüttelt, will ins Haus. Elektra zerrt sie am Gewand nach vorn. Klytämnestra weicht gegen die Mauer zurück. Ihre Augen sind weit aufgerissen, der Stock entfällt ihren zitternden Händen.
922
Du möchtest schreien, doch die Luft erwürgt
923
den ungebornen Schrei und lässt ihn lautlos
924
zu Boden fallen, wie von Sinnen hältst du
925
den Nacken hin, fühlst schon die Schärfe zucken
926
bis in den Sitz des Lebens, doch er hält
927
den Schlag zurück: die Bräuche sind noch nicht erfüllt.
928
Er führt dich an den Flechten deiner Haare,
929
und alles schweigt, du hörst dein eignes Herz
930
an deinen Rippen schlagen: diese Zeit
931
– sie dehnt sich vor dir wie ein finstrer Schlund
932
von Jahren – diese Zeit ist dir gegeben,
933
zu ahnen, wie es Scheiternden zumut ist,
934
wenn ihr vergebliches Geschrei die Schwärze
935
der Wolken und des Tods zerfrißt, die Zeit
936
ist dir gegeben, alle zu beneiden,
937
die angeschmiedet sind an Kerkermauern,
938
die auf dem Grund von Brunnen nach dem Tod
939
als wie nach der Erlösung schrein – denn du,
940
du liegst in deinem Selbst so eingekerkert,
941
als wärs der glühende Bauch von einem Tier
942
von Erz – und so wie jetzt kannst du nicht schreien!
943
Und ich steh neben dir: du kannst den Blick
944
nicht von mir wenden, immer krampft es dich,
945
dass du von meinem schweigenden Gesicht
946
ein Wort ablesen willst, du rollst die Augen,
947
willst irgend etwas denken, willst die Götter
948
heruntergrinsen aus dem Nachtgewölk:
949
die Götter sind beim Nachtmahl! so wie damals,
950
als du den Vater würgtest, sitzen sie
951
beim Nachtmahl und sind taub für jedes Röcheln!
952
Nur ein halbtoller Gott, das Lachen, taumelt
953
zur Tür herein: er glaubt, du triebest Scherze
954
zur Schäferstunde mit Ägisth, allein
955
sogleich bemerkt er seinen Irrtum, lacht
956
lautgellend auf und ist im Nu davon.
957
Da hast auch du genug. Die Galle träufelt
958
dir bitter auf das Herz, verendend willst du
959
dich auf ein Wort besinnen, irgend eines
960
noch von dir geben, nur ein Wort, anstatt
961
der blutgen Träne, die dem Tier sogar
962
im Sterben nicht versagt ist: da steh ich
963
vor dir, und nun liest du mit starrem Aug
964
das ungeheure Wort, das mir in mein
965
Gesicht geschrieben ist: denn mein Gesicht
966
ist aus des Vaters und aus deinen Zügen
967
gemischt, und da hab ich mit meinem stummen
968
Dastehn dein letztes Wort zunicht gemacht,
969
erhängt ist dir die Seele in der selbst-
970
gedrehten Schlinge, sausend fällt das Beil,
971
und ich steh da und seh dich endlich sterben!
972
Dann träumst du nimmermehr, dann brauche ich
973
nicht mehr zu träumen, und wer dann noch lebt,
974
der jauchzt und kann sich seines Lebens freuen!
975
Sie stehen einander, Elektra in wildester Trunkenheit, Klytämnestra gräßlich atmend vor Angst, Aug in Aug. In diesem Augenblick erhellt sich der Hausflur und die Vertraute kommt herausgelaufen. Sie flüstert Klytämnestra etwas ins Ohr. Diese scheint erst nicht recht zu verstehen. Allmählich kommt sie zu sich. Sie winkt: Lichter! Es treten Dienerinnen mit Fackeln heraus, stellen sich hinter Klytämnestra. Sie winkt: Mehr Lichter! Es kommen mehr heraus, stellen sich hinter sie, so daß der Hof voll von Licht wird und rotgelber Schein an den Mauern flutet. Nun verändern sich die Züge der Klytämnestra allmählich, und die Spannung des Grauens weicht einem bösen Triumph. Sie läßt sich die Botschaft abermals zuflüstern und verliert dabei Elektra keinen Augenblick aus dem Auge. Ganz bis
976
an den Hals sich sättigend mit einer wilden Freude, streckt sie die beiden Hände drohend gegen Elektra. Dann hebt ihr die Vertraute den Stock auf und, auf beide sich stützend, eilig, gierig, an den Stufen ihr Gewand aufraffend, läuft sie ins Haus. Die Dienerinnen mit den Lichtern, wie gejagt, hinter ihr drein.
977
ELEKTRA
978
währenddessen.
979
Was sagen sie ihr denn? sie freut sich ja!
980
Mein Kopf! Mir fällt nichts ein. Worüber freut sich
981
das Weib?
982
Chrysothemis kommt, laufend, zur Hoftür herein, laut heulend wie ein verwundetes Tier.
983
ELEKTRA.
984
Chrysothemis! Schnell, schnell, ich brauche
985
Aushilfe. Sag mir etwas auf der Welt,
986
worüber man sich freuen kann!
987
CHRYSOTHEMIS
988
schreiend.
989
Orest!
990
Orest ist tot!
991
ELEKTRA
William Turner – Schneesturm vor einer Hafeneinfahrt, 1842. Vergleichsbild für Stimmung und Naturdarstellung; keine konkrete Buchszene.
Kontextbild zum Werk. Schneesturm auf See · J. M. W. Turner · Public domain Bildquelle ↗
992
winkt ihr ab, wie von Sinnen.
993
Sei still!
994
CHRYSOTHEMIS
995
dicht bei ihr.
996
Orest ist tot!
997
ELEKTRA
998
bewegt die Lippen.
999
CHRYSOTHEMIS.
1000
Ich kam hinaus, da wussten sies schon! Alle
1001
standen herum, und alle wußtens schon,
1002
nur wir nicht.
1003
ELEKTRA.
1004
Niemand weiß es.
1005
CHRYSOTHEMIS.
1006
Alle wissens!
1007
ELEKTRA.
1008
Niemand kanns wissen: denn es ist nicht wahr.
1009
CHRYSOTHEMIS
1010
wirft sich auf den Boden.
1011
ELEKTRA
1012
reißt sie empor.
1013
Es ist nicht wahr! ich sag dir doch! ich sag dir,
1014
es ist nicht wahr!
1015
CHKYSOTHEMIS.
1016
Die Fremden standen an der Wand, die Fremden,
1017
die hergeschickt sind, es zu melden: zwei,
1018
ein Alter und ein Junger. Allen hatten
1019
sies schon erzählt, im Kreise standen alle
1020
um sie herum und alle wußtens schon.
1021
ELEKTRA.
1022
Es ist nicht wahr.
1023
CHRYSOTHEMIS.
1024
Nur uns erzählt mans nicht!
1025
An uns denkt niemand. Tot! Elektra, tot!
1026
EIN JUNGER DIENER
1027
kommt eilig aus dem Haus, stolpert über die vor der Schwelle Liegende hinweg.
1028
Platz da! wer lungert so vor einer Tür?
1029
Ah, konnt mirs denken! Heda, Stallung! he!
1030
DER KOCH
1031
kommt rechts aus der Tür.
1032
Was gibts?
1033
DER DIENER.
1034
Nach einem Stallknecht schrei ich mir
1035
die Lunge aus, und wer aus seinem Loch kriecht,
1036
das ist der Koch.
1037
EIN ALTER DIENER
1038
finsteren Gesichts, zeigt sich an der Hoftür.
1039
Was solls im Stall?
1040
DER JUNGE.
1041
Gesattelt
1042
soll werden, und so rasch als möglich! hörst du?
1043
ein Gaul, ein Maultier, oder meinetwegen
1044
auch eine Kuh, nur rasch!
1045
DER ALTE.
1046
Für wen?
1047
DER JUNGE.
1048
Für den,
1049
der dirs befiehlt. Da glotzt er! Rasch, für mich!
1050
Sofort! für mich! Trab, trab! Weil ich hinaus muss
1051
aufs Feld, den Herren holen, weil ich ihm
1052
Botschaft zu bringen habe, große Botschaft,
1053
wichtig genug, um eine eurer Mähren
1054
zutod zu reiten.
1055
Der Alte verschwindet.
1056
DER KOCH.
1057
Was für Botschaft? rede
1058
ein Wort!
1059
DER JUNGE.
1060
Mit einem Wort, mein guter Koch,
1061
wär dir wahrscheinlich nicht gedient. Auch könnte
1062
man schwerlich, was ich weiß und an den Herren
1063
zu melden hab, so kurzweg in ein Wort
1064
zusammenfassen: lass es dir genügen,
1065
wenn man dir sagt, dass eine Botschaft ist
1066
von höchster Wichtigkeit soeben hier
1067
im Hause eingetroffen, eine Botschaft,
1068
– wie lange solch ein alter Knochen braucht
1069
um aufzusatteln! – die, als treuen Diener
1070
der Herrschaft, dich zu freuen hat: ob du
1071
sie kennst, ob nicht, ganz gleich, sie hat dich zu
1072
erfreuen.
1073
In den Hof brüllend.
1074
Eine Peitsche, Schuft! was, meinst du,
1075
ich werd ihn ohne Peitsche reiten? Du,
1076
du lässt mich warten und nicht ich den Gaul!
1077
Zum Koch, schon auf dem Sprunge abzugehen.
1078
Und kurz und gut: der junge Bursch Orest,
1079
der Sohn vom Haus, der immer außer Haus war
1080
und drum so gut wie tot: kurz dieser, der
1081
schon eh und immer sozusagen tot war,
1082
der ist nun sozusagen wirklich tot!
1083
Springt ab.
1084
DER KOCH
1085
gegen Elektra und Chrysothemis hin, die aneinandergedrückt daliegen, wie ein Leib, den das Schluchzen der Chrysothemis schüttelt und über den sich das totenbleiche schweigende Gesicht der Elektra hebt.
1086
Eh! jetzt hab ichs heraus! Die Hunde heulen
1087
beim Vollmond, und ihr heult, weil jetzt für euch
1088
auf immer Neumond ist. Die Hunde jagt man,
1089
wenn sie die Hausruh stören. Gebt ihr acht,
1090
sonst gehts euch ebenso.
1091
Geht wieder hinein.
1092
CHRYSOTHEMIS
1093
halbaufgerichtet.
1094
Gestorben in der Fremde! tot! begraben
1095
dort in dem fremden Land. Von seinen Pferden
1096
erschlagen und geschleift! Ach, sein Gesicht
1097
unkenntlich, sagen sie. Wir habens nie
1098
gesehen, sein Gesicht! Wenn wir ihn denken,
1099
so denken wir ein Kind. Und er war groß.
1100
Ob er vor seinem Sterben nicht nach uns
1101
verlangte! Ich hab sie nicht fragen können:
1102
es standen alle ringsherum. Elektra,
1103
wir müssen hin und mit den Männern sprechen.
1104
ELEKTRA
1105
vor sich.
1106
Nun muss es hier von uns geschehn.
1107
CHRYSOTHEMIS.
1108
Elektra,
1109
wir wollen hingehn: es sind zwei, ein Alter
1110
und ein viel Jüngerer, wenn sie erfahren,
1111
dass wir die Schwestern sind, die armen Schwestern,
1112
so sagen sie uns alles.
1113
ELEKTRA.
1114
Was frommt noch
1115
zu wissen? dass er tot ist, wissen wir.
1116
CHRYSOTHEMIS.
1117
Dass sie uns nichts, nicht einmal eine Locke,
1118
nicht eine kleine Locke mitgebracht!
1119
Wie wenn wir gar nicht auf der Welt mehr wären,
1120
wir beiden Mädchen.
1121
ELEKTRA.
1122
Darum müssen wir
1123
jetzt zeigen, dass wirs sind.
1124
CHRYSOTHEMIS.
1125
Elektra?
1126
ELEKTRA.
1127
Wir!
1128
Wir beide müssens tun.
1129
CHRYSOTHEMIS.
1130
Elektra, was?
1131
ELEKTRA.
1132
Am besten heut, am besten diese Nacht.
1133
CHRYSOTHEMIS.
1134
Was, Schwester?
1135
ELEKTRA.
1136
Was? Das Werk, das nun auf uns
1137
gefallen ist, weil er nicht kommen kann
1138
und ungetan es ja nicht bleiben darf.
1139
CHRYSOTHEMIS.
1140
Was für ein Werk?
1141
ELEKTRA.
1142
Nun müssen du und ich
1143
hingehen und das Weib und ihren Mann
1144
erschlagen.
1145
CHRYSOTHEMIS.
1146
Schwester, sprichst du von der Mutter?
1147
ELEKTRA.
1148
Von ihr. Und auch von ihm. Ganz ohne Zögern
1149
muss es geschehn.
1150
CHRYSOTHEMIS
1151
sprachlos.
1152
ELEKTRA.
1153
Schweig still. Zu sprechen ist nichts.
1154
Nichts gibt es zu bedenken, als nur: wie?
1155
wie wir es tun.
1156
CHRYSOTHEMIS.
1157
Ich?
1158
ELEKTRA.
1159
Ja. Du und ich.
1160
Wer sonst? Hat unser Vater andre Kinder,
1161
die wo im Haus versteckt sind und zu Hülfe
1162
uns kommen könnten? Nein, soviel ich weiß.
1163
CHRYSOTHEMIS.
1164
Wir beide sollen hingehn? Wir? wir zwei?
1165
mit unsern beiden Händen?
1166
ELEKTRA.
1167
Dafür lass
1168
du mich nur sorgen.
1169
CHRYSOTHEMIS.
1170
Wenn du auch ein Messer –
1171
ELEKTRA
1172
verächtlich.
1173
Ein Messer!
1174
CHRYSOTHEMIS.
1175
Oder auch ein Beil –
1176
ELEKTRA.
1177
Ein Beil!
1178
Das Beil! das Beil, womit der Vater –
1179
CHRYSOTHEMIS.
1180
Du?
1181
Entsetzliche, du hast es?
1182
ELEKTRA.
1183
Für den Bruder
1184
bewahrt ich es. Nun müssen wir es schwingen.
1185
CHRYSOTHEMIS.
1186
Du? diese Arme den Ägisth erschlagen?
1187
ELEKTRA.
1188
Erst ihn, dann sie; erst sie, dann ihn, gleichviel.
1189
CHRYSOTHEMIS.
1190
Ich fürchte mich. Du bist wie außer dir.
1191
ELEKTRA.
1192
Es schläft niemand in ihrem Vorgemach.
1193
CHRYSOTHEMIS.
1194
Im Schlaf sie morden, und dann weiterleben!
1195
ELEKTRA.
1196
Es handelt sich um ihn, und nicht um uns.
1197
CHRYSOTHEMIS.
1198
Kämst du zu dir, den Wahnsinn einzusehn!
1199
ELEKTRA.
1200
Wer schläft, ist ein gebundnes Opfer. Schliefen
1201
sie nicht zusamm, könnt ichs allein vollbringen.
1202
So aber musst du mit.
1203
CHRYSOTHEMIS
1204
abwehrend.
1205
Elektra!
1206
ELEKTRA.
1207
Du!
1208
denn du bist stark!
1209
Dicht an ihr.
1210
Wie stark du bist! dich haben
1211
die jungfräulichen Nächte stark gemacht.
1212
Wie schlank und biegsam deine Hüften sind!
1213
Du windest dich durch jeden Spalt, du hebst dich
1214
durchs Fenster! Lass mich deine Arme fühlen:
1215
wie kühl und stark sie sind! Wie du mich abwehrst,
1216
fühl ich, was das für Arme sind. Du könntest
1217
erdrücken, was du an dich ziehst. Du könntest
1218
mich, oder einen Mann mit deinen Armen
1219
an deine kühlen festen Brüste pressen,
1220
dass man ersticken müsste! Überall
1221
ist so viel Kraft in dir! Sie strömt wie kühles
1222
verhaltnes Wasser aus dem Fels. Sie flutet
1223
mit deinen Haaren auf die starken Schultern!
1224
herunter!
1225
CHRYSOTHEMIS.
1226
Lass mich!
1227
ELEKTRA.
1228
Nein: ich halte dich!
1229
Mit meinen traurigen verdorrten Armen
1230
umschling ich deinen Leib, wie du dich sträubst,
1231
ziehst du den Knoten nur noch fester, ranken
1232
will ich mich rings um dich und meine Wurzeln
1233
in dich versenken und mit meinem Willen
1234
das Blut dir impfen!
1235
CHRYSOTHEMIS.
1236
Lass mich!
1237
Flüchtet ein paar Schritte.
1238
ELEKTRA
1239
wild ihr nach, faßt sie am Gewand.
1240
Nein!
1241
CHRYSOTHEMIS.
1242
Elektra!
1243
lass mich!
1244
ELEKTRA.
1245
Ich lass dich nicht. Wir müssen so
1246
verwachsen ineinander, bis das Messer,
1247
das meinen Leib von deinem reißen wollte,
1248
auch gleich den Tod uns gibt, denn nun sind wir
1249
allein auf dieser Welt.
1250
CHRYSOTHEMIS.
1251
Elektra, hör mich.
1252
Du bist so klug, hilf uns aus diesem Haus,
1253
hilf uns ins Freie.
1254
ELEKTRA
1255
ohne sie zu hören.
1256
Du bist voller Kraft,
1257
die Sehnen hast du wie ein Füllen, schlank
1258
sind deine Füße, leicht umschling ich sie
1259
mit meinen Armen wie mit einem Strick.
1260
Ich spüre durch die Kühle deiner Haut
1261
das warme Blut hindurch, mit meiner Wange
1262
spür ich den Flaum auf deinen jungen Armen:
1263
Du bist wie eine Frucht am Tag der Reife.
1264
Von jetzt an will ich deine Schwester sein,
1265
so wie ich niemals deine Schwester war!
1266
Ich will mit dir in deiner Kammer sitzen
1267
und warten auf den Bräutigam, für ihn
1268
will ich dich salben, und ins duftige Bad
1269
sollst du mir tauchen wie der junge Schwan
1270
und deinen Kopf an meiner Brust verbergen,
1271
bevor er dich, die durch die Schleier glüht
1272
wie eine Fackel, in das Hochzeitsbett
1273
mit starken Armen zieht.
1274
CHRYSOTHEMIS
1275
schließt die Augen.
1276
Nicht, Schwester, nicht.
1277
Sprich nicht ein solches Wort in diesem Haus.
1278
ELEKTRA.
1279
O ja! weit mehr als Schwester bin ich dir
1280
von diesem Tage an: ich diene dir
1281
wie deine Sklavin. Wenn du liegst in Wehn,
1282
steh ich an deinem Bette Tag und Nacht,
1283
wehr dir die Fliegen, schöpfe kühles Wasser,
1284
und wenn auf einmal auf dem nackten Schoß
1285
dir ein Lebendiges liegt, erschreckend fast,
1286
so heb ich dirs empor, so hoch! damit
1287
sein Lächeln hoch von oben in die tiefsten
1288
geheimsten Klüfte deiner Seele fällt
1289
und dort das letzte, eisig Gräßliche
1290
vor dieser Sonne schmilzt und dus in hellen
1291
Tränen ausweinen kannst.
1292
CHRYSOTHEMIS.
1293
O bring mich fort!
1294
Ich sterb in diesem Haus!
1295
ELEKTRA
1296
an ihren Knieen.
1297
Dein Mund ist schön,
1298
wenn er sich einmal auftut um zu zürnen!
1299
Aus deinem reinen starken Mund muss furchtbar
1300
ein Schrei hervorsprühn, furchtbar wie der Schrei
1301
der Todesgöttin, wenn man unter dir
1302
so daliegt, wie nun ich: wenn man auf einmal
1303
erwacht und wie die Todesgöttin dich
1304
zu Häupten findet! wenn man unter dir
1305
gebunden liegt, und so an dir hinaufsieht,
1306
an deinem schlanken Leib mit starrem Aug
1307
emporschaun muss, so wie Gescheiterte
1308
emporschaun an der Klippe, eh sie sterben.
1309
CHRYSOTHEMIS.
1310
Was redest du?
1311
ELEKTRA
1312
aufstehend.
1313
Denn eh du diesem Haus
1314
und mir entkommst, musst du es tun!
1315
CHRYSOTHEMIS
1316
will reden.
1317
ELEKTRA
1318
hält ihr den Mund zu.
1319
Dir führt
1320
kein Weg hinaus als der. Ich lass dich nicht,
1321
eh du mir Mund auf Mund es zugeschworen,
1322
dass du es tun wirst.
1323
CHRYSOTHEMIS
1324
windet sich los.
1325
Lass mich!
1326
ELEKTRA
1327
faßt sie wieder.
1328
Schwör, du kommst
1329
heut nacht, wenn alles still ist, an den Fuß
1330
der Treppe.
1331
CHRYSOTHEMIS.
1332
Lass mich!
1333
ELEKTRA
1334
hält sie am Gewand.
1335
Mädchen, sträub dich nicht!
1336
es bleibt kein Tropfen Blut am Leibe haften:
1337
schnell schlüpfst du aus dem blutigen Gewand
1338
mit reinem Leib ins hochzeitliche Hemd.
1339
CHRYSOTHEMIS.
1340
Lass mich!
1341
ELEKTRA.
1342
Sei nicht zu feige! Was du jetzt
1343
an Schaudern überwindest, wird vergolten
1344
mit Wonneschaudern Nacht für Nacht –
1345
CHRYSOTHEMIS.
1346
Ich kann nicht!
1347
ELEKTRA.
1348
Sag, dass du kommen wirst!
1349
CHRYSOTHEMIS.
1350
Ich kann nicht!
1351
ELEKTRA.
1352
Sieh,
1353
ich lieg vor dir, ich küsse deine Füße!
1354
CHRYSOTHEMIS
1355
ins Haustor entspringend.
1356
Ich kann nicht!
1357
ELEKTRA
1358
ihr nach.
1359
Sei verflucht!
1360
Vor sich, mit wilder Entschlossenheit.
1361
Nun denn allein!
1362
Sie fängt an der Wand des Hauses, seitwärts der Türschwelle, eifrig zu graben an, lautlos, wie ein Tier. Hält inne, sieht sich um, gräbt wieder.
1363
Orest steht in der Hoftür, von der letzten Helle sich schwarz abhebend. Er tritt herein. Elektra blickt auf ihn. Er dreht sich langsam um, so daß sein Blick auf sie fällt. Elektra fährt heftig auf, zittert.
1364
ELEKTRA.
1365
Was willst du, fremder Mensch? was treibst du dich
1366
zur dunklen Stunde hier herum, belauerst,
1367
was andre tun! Kann sein, du selber hast
1368
im Sinne, was von andern nicht belauscht
1369
du wünschest. Also lass auch mich in Ruh.
1370
Ich hab hier ein Geschäft. Was kümmerts dich!
1371
Tritt ab und lass mich an der Erde wühlen.
1372
Verstehst du, was man redet? oder lässt
1373
die Neugier dich nicht los? Ich grab nichts ein,
1374
ich grab was aus. Und nicht das Totenbein
1375
von einem kleinen Kind, das ich vor Tagen
1376
verscharrt hab. Nein, mein Bursch, ich gab kein Leben,
1377
so braucht ich auch kein Leben zu ersticken,
1378
noch zu vergraben. Wenn der Leib der Erde
1379
einmal aus meinen Händen was empfängt,
1380
so ists woraus ich kam, nicht was aus mir kam.
1381
Ich grab was aus: kaum wirst du aus dem Licht sein,
1382
so werd ichs haben und es herzen und
1383
es küssen, so wie wenns mein lieber Bruder
1384
und auch mein lieber Sohn in einem wäre.
1385
OREST.
1386
So hast du nichts auf Erden, was dir lieb ist,
1387
dass du ein Etwas aus der Erde scharren
1388
und küssen willst? bist denn du ganz allein?
1389
ELEKTRA.
1390
Ich bin nicht Mutter, habe keine Mutter,
1391
bin kein Geschwister, habe kein Geschwister,
1392
lieg vor der Tür und bin doch nicht der Wachhund,
1393
ich red und stehe doch nicht Rede, lebe
1394
und lebe nicht, hab langes Haar und fühle
1395
doch nichts von dem, was Weiber, heißt es, fühlen:
1396
kurz, bitte, geh und lass mich! lass mich! lass mich!
1397
OREST.
1398
Ich muss hier warten.
1399
ELEKTRA.
1400
Warten?
1401
Eine Pause.
1402
OREST.
1403
Doch du bist
1404
hier aus dem Haus? bist eine von den Mägden
1405
des Hauses?
1406
ELEKTRA.
1407
Ja, ich diene hier im Haus.
1408
Du aber hast hier nichts zu schaffen. Freu dich
1409
und geh.
1410
OREST.
1411
Ich sagte dir, ich muss hier warten,
1412
bis sie mich rufen werden.
1413
ELEKTRA.
1414
Die da drinnen?
1415
Du lügst. Weiß ich doch gut, der Herr ist nicht zu Haus.
1416
Und sie, was sollte sie mit dir?
1417
OREST.
1418
Ich und noch einer,
1419
der mit mir ist, wir haben einen Auftrag
1420
hier an die Frau.
1421
ELEKTRA
1422
schweigt.
1423
OREST.
1424
Wir sind an sie geschickt,
1425
weil wir bezeugen können, dass ihr Sohn
1426
Orest gestorben ist vor unsren Augen.
1427
Denn ihn erschlugen seine eignen Pferde.
1428
Ich war so alt wie er, und sein Gefährte
1429
bei Tag und Nacht; der andre, der mit mir ist,
1430
ein alter Mann, der war der Aufseher
1431
und Pfleger, den wir hatten.
1432
ELEKTRA.
1433
Hab ich dich
1434
noch sehen müssen! hast du dich hierher
1435
in meinen traurigen Winkel schleppen müssen,
1436
Herold des Unglücks! Kannst du deine Botschaft
1437
nicht austrompeten dort, wo sie sich freun!
1438
Du lebst – und er, der besser war als du
1439
und edler tausendmal, und tausendmal
1440
so wichtig, dass er lebte – er ist hin!
1441
Dein Aug da starrt mich an und seins ist Gallert.
1442
Dein Mund geht auf und zu und seiner ist
1443
mit Erde vollgestopft. Könnt ich den deinen
1444
mit Flüchen stopfen! geh mir aus den Augen.
1445
OREST.
1446
Was willst du denn? sie nehmens hier im Haus
1447
mit Freude auf. Lass doch den Toten tot sein.
1448
Lass den Orest. Orest ist nun einmal
1449
gestorben, und das alles musste kommen,
1450
so wie es kam. Er freute sich zu sehr
1451
an seinem Leben, und die Götter droben
1452
vertragen nicht den allzu hellen Laut
1453
der Lust, ein allzu starkes Flügelschlagen
1454
vor Abend widert sie, sie greifen schnell
1455
nach einem Pfeil und nageln das Geschöpf
1456
an seines dunklen Schicksals finstern Baum,
1457
der ihm im stillen irgendwo schon längst
1458
gewachsen war. So musste er denn sterben.
1459
ELEKTRA.
1460
Wie er vom Sterben redet, dieser Bursche!
1461
Als hätte ers geschmeckt und wieder ausgespien.
1462
Doch ich! doch ich! da liegen, und
1463
zu wissen, dass das Kind nie wiederkommt,
1464
dass die da drinnen leben und sich freuen,
1465
dass dies Gezücht in seiner Höhle lebt
1466
und isst und trinkt und schläft und sich vermehrt,
1467
indes das Kind da unten in den Klüften
1468
des Grausens lungert, und dem Vater nicht
1469
sich in die Nähe wagt. Und ich hier droben
1470
allein! wie nicht das Tier des Waldes einsam
1471
und gräßlich lebt.
1472
OREST.
1473
Wer bist denn du?
1474
ELEKTRA.
1475
Was kümmerts
1476
dich, wer ich bin. Hab ich gefragt, wer du bist?
1477
OREST.
1478
Ich kann nicht anders, als zu denken: du
1479
muss ein verwandtes Blut zu denen sein,
1480
die starben, Agamemnon und Orest.
1481
ELEKTRA.
1482
Verwandt? ich bin dies Blut! ich bin das hündisch
1483
vergoßne Blut des Königs Agamemnon!
1484
Elektra heiß ich.
1485
OREST.
1486
Nein!
Caspar David Friedrich – Wanderer über dem Nebelmeer, um 1818. Künstlerische Landschaft als Vergleichsmotiv, keine konkrete Buchszene.
Kontextbild zum Werk. Der Wanderer über dem Nebelmeer · Caspar David Friedrich · Public domain Bildquelle ↗
1487
ELEKTRA.
1488
Er leugnets ab.
1489
Er bläst auf mich und nimmt mir meinen Namen.
1490
Weil ich nicht Vater und nicht Bruder hab,
1491
bin ich der Spott der Buben! Wer des Wegs kommt,
1492
stößt mit dem Fuß nach mir, sie lassen mir
1493
auch meinen Namen nicht!
1494
OREST.
1495
Elektra muss
1496
zehn Jahre jünger sein als du. Elektra
1497
ist groß, ihr Aug ist traurig, aber sanft,
1498
wo deins voll Blut und Haß. Elektra wohnt
1499
abseits der Menschen, und ihr Tag vergeht
1500
mit Hüten eines Grabes. Zwei, drei Frauen
1501
hat sie um sich, die lautlos dienen, Tiere
1502
umschleichen ihre Wohnung scheu und schmiegen
1503
sich, wenn sie geht, an ihr Gewand.
1504
ELEKTRA
1505
klatscht in die Hände.
1506
Recht! recht!
1507
Erzähl mir noch was Schönes von Elektra.
1508
Ich werd ihrs wiedersagen, wenn ich sie
1509
Mit erstickter Stimme.
1510
sehe.
1511
OREST.
1512
So seh ich sie? ich seh sie wirklich? du?
1513
Schnell.
1514
So haben sie dich darben lassen oder –
1515
sie haben dich geschlagen?
1516
ELEKTRA.
1517
Wer bist du
1518
mit deinen vielen Fragen?
1519
OREST.
1520
Sag mirs! sag mirs!
1521
Sag!
1522
ELEKTRA.
1523
Beides! beides! beides! Königinnen
1524
gedeihen nicht, wenn man sie mit dem Wegwurf
1525
vom Zugemüse füttert. Priesterinnen
1526
sind nicht geschaffen, dass man nach der Peitsche
1527
sie springen lässt und in so kurzen Lumpen
1528
statt eines wallenden Gewandes. Lass
1529
mein Kleid, wühl nicht mit deinem Blick daran.
1530
OREST.
1531
Elektra!
1532
Was haben sie gemacht mit deinen Nächten!
1533
Furchtbar sind deine Augen.
1534
ELEKTRA
1535
verbissen.
1536
Geh ins Haus,
1537
drin hab ich eine Schwester, die bewahrt sich
1538
für Freudenfeste auf!
1539
OREST.
1540
Elektra, hör mich.
1541
ELEKTRA.
1542
Ich will nicht wissen, wer du bist, du sollst mir
1543
nicht näher kommen. Ich will niemand sehen!
1544
Kauert sich, das Gesicht gegen die Wand.
1545
OREST.
1546
Hör zu, ich hab nicht Zeit. Hör zu. Ich darf nicht
1547
laut reden. Hör mich an: Orestes lebt.
1548
ELEKTRA
1549
wirft sich herum.
1550
OREST.
1551
Gib keinen Laut von dir. Wenn du dich regst,
1552
verrätst du ihn.
1553
ELEKTRA.
1554
So ist er frei? wo ist er?
1555
Du weißt es, wo? ist er versteckt? er liegt
1556
gefangen! irgendwo in einem Winkel
1557
gekauert wartet er auf seinen Tod!
1558
Ich muss ihn sterben sehn, sie haben dich
1559
geschickt, um mich zu foltern, meine Seele
1560
sollst du aufziehn an einem Strick, und wieder
1561
zu Boden schmettern!
1562
OREST.
1563
Er ist unversehrt
1564
wie ich.
1565
ELEKTRA.
1566
So rett ihn doch! bevor sie ihn
1567
erwürgen. Kannst du ihm kein Zeichen geben?
1568
Ich küsse deine Füße, dass du ihm
1569
ein Zeichen gibst. Bei deines Vaters Leichnam
1570
beschwör ich dich, so schnell du laufen kannst,
1571
lauf hin und bring ihn fort! das Kind muss sterben,
1572
wenn es die Nacht in diesem Haus verbringt.
1573
OREST.
1574
Bei meines Vaters Leichnam! dazu kam
1575
das Kind ins Haus, damit noch diese Nacht
1576
die sterben, welche sterben sollen –
1577
ELEKTRA
1578
von seinem Ton getroffen.
1579
Wer
1580
bist du?
1581
Der alte finstre Diener stürzt aus dem Hof lautlos herein, wirft sich vor Orest nieder, küßt seine Füße, rafft sich auf, angstvoll um sich schauend, und stürzt lautlos wieder ab.
1582
ELEKTRA
1583
kaum ihrer mächtig.
1584
Wer bist du denn? Ich fürchte mich.
1585
OREST
1586
sanft.
1587
Die Hunde auf dem Hof erkennen mich,
1588
und meine Schwester nicht?
1589
ELEKTRA
1590
schreit auf.
1591
Orest!
1592
OREST
1593
fieberhaft.
1594
Wenn einer dich im Haus gehört hat, der
1595
hat jetzt mein Leben in der Hand.
1596
ELEKTRA
1597
ganz leise, bebend.
1598
Orest!
1599
Es rührt sich niemand. O lass deine Augen
1600
mich sehen! Nein, du sollst mich nicht berühren!
1601
Tritt weg, ich schäme mich vor dir. Ich weiß nicht,
1602
wie du mich ansiehst.
1603
Ich bin nur mehr der Leichnam deiner Schwester,
1604
mein armes Kind. Ich weiß, es schaudert dich
1605
vor mir. Und war doch eines Königs Tochter!
1606
Ich glaube, ich war schön: wenn ich die Lampe
1607
ausblies vor meinem Spiegel, fühlte ich
1608
mit keuschem Schauder, wie mein nackter Leib
1609
vor Unberührtheit durch die schwüle Nacht
1610
wie etwas Göttliches hinleuchtete.
1611
Ich fühlte, wie der dünne Strahl des Monds
1612
in seiner weißen Nacktheit badete
1613
so wie in einem Weiher, und mein Haar
1614
war solches Haar, vor dem die Männer zittern,
1615
dies Haar, versträhnt, beschmutzt, erniedrigt, dieses!
1616
Verstehst dus, Bruder! diese süßen Schauder
1617
hab ich dem Vater opfern müssen. Meinst du,
1618
wenn ich an meinem Leib mich freute, drangen
1619
nicht seine Seufzer, drang sein Stöhnen nicht
1620
bis an mein Bette? Eifersüchtig sind
1621
die Toten: und er schickte mir den Haß,
1622
den hohläugigen Haß als Bräutigam.
1623
Da musste ich den Gräßlichen, der atmet
1624
wie eine Viper, über mich in mein
1625
schlafloses Bette lassen, der mich zwang,
1626
alles zu wissen, wie es zwischen Mann
1627
und Weib zugeht. Die Nächte, weh, die Nächte,
1628
in denen ichs begriff! Da war mein Leib
1629
eiskalt und doch verkohlt, im Innersten
1630
verbrannt. Und als ich endlich alles wusste,
1631
da war ich weise, und die Mörder hielten –
1632
– die Mutter mein ich, und den, der bei ihr ist, –
1633
nicht einen meiner Blicke aus!
1634
Was schaust du ängstlich um dich? sprich zu mir!
1635
sprich doch! Du zitterst ja am ganzen Leib!
1636
OREST.
1637
Lass zittern diesen Leib. Meinst du, er würde
1638
nicht noch ganz anders zittern, könnt er ahnen,
1639
was ich für einen Weg ihn führen werde?
1640
ELEKTRA.
1641
Du willst es tun? Allein? Du armes Kind.
1642
Hast du dir keine Freunde mitgebracht?
1643
OREST.
1644
Lass, sprich nicht viel davon. Mein alter Pfleger
1645
ist mit. Doch der es tuen wird, bin ich.
1646
ELEKTRA.
1647
Ich hab die Götter nie gesehn, allein
1648
ich weiß, sie werden da sein, dir zu helfen.
1649
OREST.
1650
Ich weiß nicht, wie die Götter sind. Ich weiß nur,
1651
sie haben diese Tat mir auferlegt,
1652
und sie verwerfen mich, wofern ich schaudre.
1653
ELEKTRA.
1654
Du wirst es tun!
1655
OREST.
1656
Ja, ja. Müsst ich der Mutter
1657
nur nicht vorher in ihre Augen schaun.
1658
ELEKTRA.
1659
Sieh mich doch an, was sie aus mir gemacht hat.
1660
OREST
1661
sieht sie traurig an.
1662
ELEKTRA.
1663
Du Kind! du Kind! du kommst, verstohlen bist du
1664
gekommen, von dir selber redest du
1665
als wie von einem Toten, und du lebst!
1666
OREST
1667
leise.
1668
Gib acht!
1669
ELEKTRA.
1670
Wer bin denn ich, dass du auf mich
1671
so liebe Blicke heftest? Sieh, ich bin
1672
gar nichts. Ich habe alles, was ich war,
1673
hingeben müssen. Auch die Scham, die süßer
1674
als alles ist, die, wie der Silberdunst,
1675
der milchige, beim Mond, um jedes Weib
1676
herum ist und das Gräßliche von ihr
1677
und ihrer Seele weghält! Meine Scham
1678
hab ich geopfert, so wie unter Räuber
1679
bin ich gefallen, die mir auch das letzte
1680
Gewand vom Leibe rissen! ohne Brautnacht
1681
bin ich nicht, wie die Jungfraun sind, die Qualen
1682
von einer, die gebärt, hab ich gespürt
1683
und habe nichts zur Welt gebracht, und eine
1684
Prophetin bin ich immerfort gewesen
1685
und habe nichts hervorgeholt aus mir
1686
und meinem Leib wie Flüche und Verzweiflung.
1687
Nachts hab ich nicht geschlafen, hab mein Lager
1688
mir auf dem Turm gemacht, und hab geschrieen
1689
im Hofe und gewinselt mit den Hunden.
1690
Verhaßt bin ich geworden und hab alles
1691
gesehen, alles hab ich sehen müssen
1692
so wie der Wächter auf dem Turm, und Tag
1693
ist Nacht, und Nacht ist wieder Tag geworden,
1694
und an der Sonne nicht und an den Sternen
1695
hab ich mich nicht gefreut, denn alles war mir
1696
um seinetwillen nichts, es war mir alles
1697
nur Merkzeichen, und jeder Tag war nur
1698
ein Merkstein auf dem Weg!
1699
OREST.
1700
O meine Schwester.
1701
ELEKTRA.
1702
Was willst du?
1703
OREST.
1704
Schwester, ob die Mutter nicht
1705
dir ähnlich sieht?
1706
ELEKTRA
1707
wild.
1708
Mir ähnlich? Nein. Ich will nicht,
1709
dass du ihr ins Gesicht siehst. Wenn sie tot ist,
1710
dann wollen wir zusammen ihr Gesicht
1711
ansehen. Bruder, sie warf unsrem Vater
1712
ein weißes Hemde über, und dann schlug sie
1713
auf das, was vor ihr stand, auf das, was hilflos,
1714
was ohne Augen war und sein Gesicht
1715
nicht nach ihr wenden konnte, was die Arme
1716
nicht freibekommen konnte – hörst du mich? –
1717
auf das schlug sie mit hochgehobnem Beil
1718
von oben zu.
1719
OREST.
1720
Elektra!
1721
ELEKTRA.
1722
Ihr Gesicht
1723
hat sie von ihren Taten.
1724
OREST.
1725
Ich wills tun,
1726
ich will es eilig tuen.
1727
ELEKTRA.
1728
Der ist selig,
1729
der tuen darf! Die Tat ist wie ein Bette,
1730
auf dem die Seele ausruht, wie ein Bett
1731
von Balsam, drauf die Seele ruhen kann,
1732
die eine Wunde ist, ein Brand, ein Eiter
1733
und eine Flamme!
1734
Der Pfleger Orests steht in der Hoftür, ein starker Greis mit blitzenden Augen.
1735
ELEKTRA.
1736
Bruder, wer ist dieser?
1737
DER PFLEGER
1738
hastig auf sie zu.
1739
Seid ihr von Sinnen, dass ihr euren Mund
1740
nicht bändigt, wo ein Hauch, ein Laut, ein Nichts
1741
uns und das Werk verderben kann –
1742
ELEKTRA.
1743
Wer ist das?
1744
OREST.
1745
Kennst du ihn nicht? Wenn du mich liebhast, dank ihm.
1746
Du dankst ihm, dass ich bin. Dies ist Elektra.
1747
ELEKTRA.
1748
Du! du! o nun ist alles wirklich! alles
1749
knüpft sich zusammen! Lass mich deine Hände
1750
dir küssen! Ich weiß von den Göttern nichts,
1751
ich weiß nicht, wie sie sind, drum küß ich lieber
1752
dir deine Hände.
1753
DER PFLEGER.
1754
Still, Elektra, still!
1755
ELEKTRA.
1756
Nein, jubeln will ich über dich, weil du
1757
ihn hast hierhergetrieben. Als ich haßte,
1758
da schwieg ich reichlich. Haß ist nichts, er zehrt
1759
und zehrt sich selber auf, und Liebe ist
1760
noch weniger als Haß, sie greift nach allem
1761
und kann nichts fassen, ihre Hände sind
1762
wie Flammen, die nichts fassen, alles Denken
1763
ist nichts, und was aus einem Mund hervorkommt,
1764
ist ohnmächtige Luft, nur der ist selig,
1765
der seine Tat zu tuen kommt! und selig,
1766
wer ihn anrühren darf, und wer das Beil
1767
ihm aus der Erde gräbt, und wer die Fackel
1768
ihm hält, und wer die Tür ihm auftut, selig,
1769
wer an der Türe horchen darf.
1770
DER PFLEGER
1771
faßt sie rauh und drückt seine Hand gegen ihren Mund.
1772
Schweig still!
1773
Zu Orest in fliegender Eile.
1774
Sie wartet drinnen. Ihre Mägde suchen
1775
nach dir. Es ist kein Mann im Haus. Orest!
1776
Orest reckt sich auf, seinen Schauder bezwingend.
1777
Die Tür des Hauses erhellt sich, und es erscheint eine Dienerin mit einer Fackel, hinter ihr die Vertraute. Elektra ist zurückgesprungen, steht im
1778
Dunkel. Die Vertraute verneigt sich gegen die beiden Fremden, winkt, ihr hinein zu folgen. Die Dienerin befestigt die Fackel an einem eisernen Ring im Türpfosten. Orest und der Pfleger gehen hinein. Orest schließt einen Augenblick, schwindelnd, die Augen, der Pfleger ist dicht hinter ihm, sie tauschen einen schnellen Blick. Die Tür schließt sich hinter ihnen.
1779
ELEKTRA
1780
allein, in entsetzlicher Spannung.
1781
Sie läuft auf einem Strich vor der Tür hin und her, mit gesenktem Kopf, wie das gefangene Tier im Käfig. Plötzlich steht sie still und sagt.
1782
Ich habe ihm das Beil nicht geben können!
1783
Sie sind gegangen, und ich habe ihm
1784
das Beil nicht geben können. Es sind keine
1785
Götter im Himmel!
1786
Abermals ein furchtbares Warten. Da tönt von drinnen, gellend, der Schrei der Klytämnestra.
1787
ELEKTRA
1788
schreit auf wie ein Dämon.
1789
Triff noch einmal!
1790
Von drinnen ein zweiter Schrei.
1791
Aus dem Wohngebäude links kommen Chrysothemis und eine Schar Dienerinnen heraus.
1792
Elektra steht in der Tür, mit dem Rücken an die Tür gepreßt.
1793
CHRYSOTHEMIS.
1794
Es muss etwas geschehen sein.
1795
EINE.
1796
Sie schreit
1797
so aus dem Schlaf.
1798
ZWEITE.
1799
Es müssen Männer drin sein.
1800
Ich habe Männer gehen hören.
1801
DRITTE.
1802
Alle
1803
die Türen sind verriegelt.
1804
VIERTE.
1805
Es sind Mörder!
1806
Es sind Mörder im Haus!
1807
ERSTE
1808
schreit auf.
1809
Oh!
1810
ALLE.
1811
Was ist?
1812
ERSTE.
1813
Seht ihr denn nicht, dort an der Tür steht einer!
1814
CHRYSOTHEMIS.
1815
Das ist Elektra! das ist ja Elektra!
1816
ZWEITE.
1817
warum spricht sie denn nicht?
1818
CHRYSOTHEMIS.
1819
Elektra,
1820
warum sprichst du denn nicht?
1821
ERSTE.
1822
Ich will hinaus
1823
und Männer holen.
1824
Läuft rechts hinaus.
1825
CHRYSOTHEMIS.
1826
Mach uns doch die Tür auf,
1827
Elektra!
1828
MEHRERE.
1829
Elektra, lass uns in das Haus!
1830
ERSTE
1831
durch die Hoftür zurückkommend, schreit.
1832
Zurück!
1833
Alle erschrecken.
1834
ERSTE.
1835
Ägisth! Zurück in unsre Kammern! schnell!
1836
Ägisth kommt durch den Hof! Wenn er uns findet
1837
und wenn im Hause was geschehen ist,
1838
lässt er uns töten.
1839
ALLE.
1840
Schnell, zurück! zurück!
1841
Sie verschwinden im Hause links.
1842
ÄGISTH
1843
am Eingang rechts.
1844
Ist niemand da, zu leuchten? Rührt sich keiner
1845
von allen diesen Schuften? Kann das Volk
1846
mir keine Zucht annehmen!
1847
ELEKTRA
1848
nimmt die Fackel aus dem Ring, läuft hinunter, ihm entgegen, neigt sich vor ihm.
1849
ÄGISTH
1850
erschrickt vor der wirren Gestalt im zuckenden Licht, weicht zurück.
1851
Was ist das für ein unheimliches Weib?
1852
Ich hab verboten, dass ein unbekanntes
1853
Gesicht mir in die Nähe kommt!
1854
Erkennt sie, zornig.
1855
Was, du?
1856
Wer heißt dich, mir entgegengehen?
1857
ELEKTRA.
1858
Darf ich
1859
nicht leuchten?
1860
ÄGISTH.
1861
Nun, dich geht die Neuigkeit
1862
ja doch vor allen an. Wo find ich denn
1863
die fremden Männer, die das von Orest
1864
uns melden?
1865
ELEKTRA.
1866
Drinnen. Eine liebe Wirtin
1867
fanden sie vor, und sie ergetzen sich
1868
mit ihr.
1869
ÄGISTH.
1870
Und melden also wirklich, dass er
1871
gestorben ist, und melden so, dass nicht
1872
zu zweifeln ist?
1873
ELEKTRA.
1874
O Herr, sie meldens nicht
1875
mit Worten bloß, nein, mit leibhaftigen Zeichen,
1876
an denen auch kein Zweifel möglich ist.
1877
ÄGISTH.
1878
Was hast du in der Stimme? Und was ist
1879
in dich gefahren, dass du nach dem Mund
1880
mir reden willst? Was taumelst du so hin
1881
und her mit deinem Licht!
1882
ELEKTRA.
1883
Es ist nichts andres,
1884
als dass ich endlich klug ward und zu denen
1885
mich halte, die die Stärkern sind. Erlaubst du,
1886
dass ich voran dir leuchte?
1887
ÄGISTH.
1888
Bis zur Tür.
1889
Was tanzest du? Gib Obacht.
1890
ELEKTRA
1891
indem sie ihn, wie in einem unheimlichen Tanz, umkreist, sich plötzlich tief bückend.
1892
Hier! die Stufen,
1893
dass du nicht fällst.
1894
ÄGISTH
1895
an der Haustür.
1896
Warum ist hier kein Licht?
1897
Wer sind die dort?
1898
ELEKTRA.
1899
Die sinds, die in Person
1900
dir aufzuwarten wünschen, Herr. Und ich,
1901
die oft durch freche unbescheidne Näh
1902
dich störte, will nun endlich lernen, mich
1903
im rechten Augenblick zurückzuziehen.
1904
ÄGISTH
1905
geht ins Haus.
1906
Eine kleine Stille. Dann Lärm drinnen. Sogleich erscheint Ägisth an einem kleinen Fenster rechts, reißt den Vorhang weg, schreit.
1907
Helft! Mörder! helft dem Herren! Mörder, Mörder!
1908
Sie morden mich!
1909
Er wird weggezerrt.
1910
Hört mich denn niemand? hört
1911
denn niemand?
1912
Noch einmal erscheint sein Gesicht am Fenster.
1913
ELEKTRA
1914
reckt sich auf.
1915
Agamemnon hört dich!
1916
ÄGISTH
1917
wird fortgerissen.
1918
Weh mir!
1919
Elektra steht, furchtbar atmend, gegen das Haus gekehrt.
1920
Die Frauen kommen wild herausgelaufen, Chrysothemis unter ihnen. Wie besinnungslos laufen sie gegen die Hoftür. Dort machen sie plötzlich halt, wenden sich.
1921
CHRYSOTHEMIS.
1922
Elektra! Schwester! komm mit uns! so komm
1923
mit uns! es ist der Bruder drin im Haus!
1924
es ist Orest, der es getan hat!
1925
Stimmengewirr, Getümmel draußen.
1926
Komm!
1927
Er steht im Vorsaal, alle sind um ihn,
1928
sie küssen seine Füße, alle, die
1929
Ägisth im Herzen haßten, haben sich
1930
geworfen auf die andern, überall
1931
in allen Höfen liegen Tote, alle,
1932
die leben, sind mit Blut bespritzt und haben
1933
selbst Wunden, und doch strahlen alle, alle
1934
umarmen sich –
1935
Draußen wachsender Lärm, die Frauen sind hinausgelaufen, Chrysothemis allein, von draußen fällt Licht herein.
1936
und jauchzen, tausend Fackeln
1937
sind angezündet. Hörst du nicht, so hörst du
1938
denn nicht?
1939
ELEKTRA
1940
auf der Schwelle kauernd.
1941
Ob ich nicht höre? ob ich die
1942
Musik nicht höre? sie kommt doch aus mir
1943
heraus. Die Tausende, die Fackeln tragen
1944
und deren Tritte, deren uferlose
1945
Myriaden Tritte überall die Erde
1946
dumpf dröhnen machen, alle warten sie
1947
auf mich: ich weiß doch, dass sie alle warten,
1948
weil ich den Reigen führen muss, und ich
1949
kann nicht, der Ozean, der ungeheure,
1950
der zwanzigfache Ozean begräbt
1951
mir jedes Glied mit seiner Wucht, ich kann mich
1952
nicht heben!
1953
CHRYSOTHEMIS
1954
fast schreiend vor Erregung.
1955
Hörst du nicht, sie tragen ihn,
1956
sie tragen ihn auf ihren Händen, allen
1957
sind die Gesichter ganz verwandelt, allen
1958
schimmern die Augen und die alten Wangen
1959
von Tränen! Alle weinen, hörst dus nicht?
1960
Ah!
1961
Sie läuft hinaus.
1962
Elektra hat sich erhoben. Sie schreitet von der Schwelle herunter.
1963
Sie hat den Kopf zurückgeworfen wie eine Mänade. Sie wirft die Kniee, sie reckt die Arme aus, es ist ein namenloser Tanz, in welchem sie nach vorwärts schreitet.
1964
CHRYSOTHEMIS
1965
erscheint wieder an der Tür, hinter ihr Fackeln, Gedräng, Gesichter von Männern und Frauen.
1966
Elektra!
1967
ELEKTRA
1968
bleibt stehen, sieht starr auf sie hin.
1969
Schweig und tanze. Alle müssen
1970
herbei! hier schließt euch an! Ich trag die Last
1971
des Glückes, und ich tanze vor euch her.
1972
Wer glücklich ist wie wir, dem ziemt nur eins:
1973
schweigen und tanzen!
1974
Sie tut noch einige Schritte des angespanntesten Triumphes und stürzt zusammen.
1975
CHRYSOTHEMIS
1976
zu ihr.
1977
Elektra liegt starr. Chrysothemis läuft an die Tür des Hauses, schlägt daran.
1978
Orest! Orest!
1979
Stille.
1980
Vorhang.

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »rann über deine Augen, und das Bad dampfte von deinem Blut, dann …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗ Textstelle 6 ↗ Textstelle 7 ↗ Textstelle 8 ↗ Textstelle 9 ↗

3. Welche Sprecherangabe gehört im Kapitel zu diesen Worten? »Stellen sie vielleicht für dich die Hochzeit an? ich hör sie laufen.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

4. Welcher Ausschnitt enthält eine ausdrückliche Verneinung oder einen Ausschluss? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗ Textstelle 6 ↗ Textstelle 7 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »einmal aus meinen Händen was empfängt, so ists woraus ich kam, nicht was aus mir kam.« B: »Was aus euch herauskommt, ist nur der Atem des Ägisth.« C: »Sie liegt in Lumpen auf der Schwelle, aber niemand,«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗ Textstelle 6 ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Bruder, sie warf unsrem Vater ein weißes Hemde über, und dann schlug …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗ Textstelle 6 ↗ Textstelle 7 ↗ Textstelle 8 ↗ Textstelle 9 ↗ Textstelle 10 ↗ Textstelle 11 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »Der innere Hof, begrenzt von der Rückseite des Palastes und niedrigen Gebäuden, in denen die Diener wohnen. Dienerinnen am Ziehbrunnen, links vorne. Aufseherinnen unter ihnen.« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Originalabsatz. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
Textstelle nachlesen ↗

2. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Recht! recht! Erzähl mir noch was Schönes von Elektra. Ich werd ihrs wiedersagen, wenn ich sie«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Du lügst! Du schicktest Gold, damit sie ihn erwürgen.«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »verhöhnt mich, und ich finde nichts, ich finde die fürchterlichen Dinge nicht, vor denen er schweigen müsste und bleich wie ich selber ins Feuer starren. Aber du hast Worte. Du könntest vieles sagen, was mir nützt. Wenn auch ein Wort nichts […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗ Textstelle 6 ↗ Textstelle 7 ↗ Textstelle 8 ↗ Textstelle 9 ↗ Textstelle 10 ↗ Textstelle 11 ↗ Textstelle 12 ↗ Textstelle 13 ↗ Textstelle 14 ↗ Textstelle 15 ↗ Textstelle 16 ↗

5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] im Nu davon. Da hast auch du genug. Die Galle träufelt dir bitter auf das Herz, verendend willst du dich auf ein Wort besinnen, irgend eines noch von dir geben, nur ein Wort, anstatt der blutgen Träne, die dem Tier sogar im Sterben nicht […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗ Textstelle 6 ↗ Textstelle 7 ↗ Textstelle 8 ↗ Textstelle 9 ↗ Textstelle 10 ↗ Textstelle 11 ↗ Textstelle 12 ↗ Textstelle 13 ↗ Textstelle 14 ↗ Textstelle 15 ↗ Textstelle 16 ↗ Textstelle 17 ↗

6. Vergleiche diese beiden Stellen: »Ja, du! denn du bist klug. In deinem Kopf ist alles stark. Du redest von alten Dingen so, wie wenn sie gestern geschehen wären. […]« und »So hast du nichts auf Erden, was dir lieb ist, dass du ein Etwas aus der Erde scharren und küssen willst? bist denn du ganz allein?«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗ Textstelle 6 ↗ Textstelle 7 ↗ Textstelle 8 ↗ Textstelle 9 ↗ Textstelle 10 ↗ Textstelle 11 ↗ Textstelle 12 ↗ Textstelle 13 ↗ Textstelle 14 ↗ Textstelle 15 ↗ Textstelle 16 ↗ Textstelle 17 ↗ Textstelle 18 ↗ Textstelle 19 ↗

7. Am Abschnittsende steht: »Elektra liegt starr. Chrysothemis läuft an die Tür des Hauses, schlägt daran. Orest! Orest!« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

8. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Der innere Hof, begrenzt von der Rückseite des Palastes und niedrigen Gebäuden, in denen die Diener wohnen. […]« / »Elektra liegt starr. Chrysothemis läuft an die Tür des Hauses, schlägt daran. Orest! Orest!«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Originalabsatz. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Ist doch ihre Stunde, die Stunde wo sie um den Vater heult, dass alle Wände schallen.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »da steht das Bett! nach links, da schäumt das Bad«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Chrysothemis läuft an die Tür des Hauses, schlägt daran.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Elektra von Hofmannsthal, Hugo von ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Elektra

Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden. Band 1: Gedichte, Dramen, Band 2–5: Dramen, Herausgegeben von Bernd Schoeller in Beratung mit Rudolf Hirsch, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1979. Hofmannsthal, Hugo von 10- Frankfurt a.M.

Das Werk Elektra von Hofmannsthal, Hugo von ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.