Aus der Perspektive Martha Althaus' werden Kriege und ihre Folgen für Menschen und Familien erzählt. Ein Roman, der zur kritischen Auseinandersetzung mit Militarismus und Friedensarbeit anregt.
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Mit siebzehn Jahren war ich ein recht überspanntes Ding. Das könnte ich wohl heute nicht mehr wissen, wenn die aufbewahrten Tagebuchblätter nicht wären. Aber darin haben die längst verflüchtigten Schwärmereien, die niemals wieder gedachten Gedanken, die nie wieder gefühlten Gefühle sich verewigt, und so kann ich jetzt beurteilen, was für exaltierte Ideen in dem dummen, hübschen Kopfe steckten. Auch dieses Hübschsein, von dem mein Spiegel nicht mehr viel zu erzählen weiß, wird mir durch alte Porträts verbürgt. Ich kann mir denken, welch beneidetes Geschöpf die jugendliche, als schön gepriesene, von allem Luxus umgebene Komteß Martha Althaus gewesen sein mochte. Die sonderbaren – in rotem Umschlag gehefteten – Tagebuchblätter jedoch, deuten mehr auf Melancholie, als auf Freude am Leben. Die Frage ist nun die: war ich wirklich so thöricht, die Vorteile meiner Lage nicht zu erkennen, oder nur so schwärmerisch zu glauben, dass allein melancholische Empfindungen erhaben und wert seien, in poetischer Prosa ausgedrückt und als solche in die roten Hefte eingetragen zu werden? Mein Los schien mich nicht zu befriedigen, denn da steht's geschrieben:
»Oh, Jeanne d'Arc, – du himmelsbegnadete Heldenjungfrau, könnt' ich sein wie du! Die Oriflamme schwingen, meinen König krönen und dann sterben – für das Vaterland, das teure.«
Zur Verwirklichung dieser bescheidenen Lebensansprüche bot sich mir keine Gelegenheit. Auch im Cirkus von einem Löwen als christliche Märtyrerin zerrissen zu werden – ein anderer (laut Eintragung vom 19. September 1853) von mir beneideter Beruf – war mir nicht zugänglich, und so hatte ich offenbar unter dem Bewusstsein zu leiden, dass die großen Taten, nach welchen meine Seele dürstete, ewig ungeschehen bleiben müssten, dass mein Leben – im Grunde genommen – ein verfehltes war. Ach, warum war ich nicht als Knabe zur Welt gekommen! (auch ein in den roten Heften gegen das Schicksal oft vorgebrachter, fruchtloser Vorwurf) – da hätte ich doch Erhabenes erstreben und leisten können. Vom weiblichen Heldentum bietet die Geschichte nur wenig Beispiele. Wie selten kommen wir dazu, die Gracchen zu Söhnen zu haben, oder unsere Männer zu den Weinsberger Thoren hinauszutragen, oder uns von säbelschwingenden Magyaren zuschreien zu lassen: »Es lebe Maria Theresia, unser König!« Aber wenn man ein Mann ist, da braucht man ja nur das Schwert umzugürten und hinauszustürzen, um Ruhm und Lorbeer zu erringen – sich einen Thron erobern – wie Cromwell, ein Weltreich – wie Bonaparte! Ich erinnere mich, dass der höchste Begriff menschlicher Größe mir in kriegerischem Heldentum verkörpert schien. Für Gelehrte, Dichter, Länderentdecker hatte ich wohl einige Hochachtung, aber eigentliche Bewunderung flößten mir nur die Schlachtengewinner ein. Das waren ja die vorzüglichen Träger der Geschichte, die Lenker der Länderschicksale; die waren doch an Wichtigkeit, an Erhabenheit – an Göttlichkeit beinahe – über alles andere Volk so erhaben, wie Alpen- und Himalayagipfel über Gräser und Blümlein des Thales.
Aus alledem brauche ich nicht zu schließen, dass ich eine Heldennatur besaß. Die Sache lag einfach so: ich war begeisterungsfähig und leidenschaftlich; da habe ich mich natürlich für dasjenige leidenschaftlich begeistert, was mir von meinen Lehrbüchern und von meiner Umgebung am höchsten angepriesen wurde.
Mein Vater war General in der österreichischen Armee und hatte unter »Vater Radetzky«, den er abgöttisch verehrte, in Custozza gefochten. Was musste ich da immer für Feldzugsanekdoten hören! Der gute Papa war so stolz auf seine Kriegserlebnisse und sprach mit solcher Genugthuung von den »mitgemachten Campagnen«, dass mir unwillkürlich um jeden Mann leid war, der keine ähnlichen Erinnerungen besitzt. Welch eine Zurücksetzung doch für das weibliche Geschlecht, dass es von dieser großartigsten Bethätigung des menschlichen Ehr- und Pflichtgefühls ausgeschlossen ist! ... Wenn mir je etwas von den Bestrebungen der Frauen nach Gleichberechtigung zu Ohren kam – doch davon hörte man in meiner Jugend nur wenig und gewöhnlich in verspottendem und verdammendem Tone – so begriff ich die Emanzipationswünsche nur nach einer Richtung: die Frauen sollten auch das Recht haben, bewaffnet in den Krieg zu ziehen. Ach, wie schön las sich's in der Geschichte von einer Semiramis oder Katharina II.: »sie führte mit diesem oder jenem Nachbarstaate Krieg – sie eroberte dieses oder jenes Land ...«
Überhaupt, die Geschichte! die ist, so wie sie der Jugend gelehrt wird, die Hauptquelle der Kriegsbewunderung. Da prägt sich schon dem Kindersinne ein, dass der Herr der Heerscharen unaufhörlich Schlachten anordnet; dass diese sozusagen das Vehikel sind, auf welchem die Völkergeschicke durch die Zeiten fortrollen; dass sie die Erfüllung eines unausweichlichen Naturgesetzes sind und von Zeit zu Zeit immer kommen müssen, wie Meeresstürme und Erdbeben; dass wohl Schrecken und Greuel damit verbunden sind, letztere aber voll aufgewogen werden: für die Gesamtheit durch die Wichtigkeit der Resultate, für den Einzelnen durch den dabei zu erreichenden Ruhmesglanz, oder doch durch das Bewusstsein der erhabensten Pflichterfüllung. Gibt es denn einen schöneren Tod, als den auf dem Feld der Ehre – eine edlere Unsterblichkeit, als die des Helden? Das alles geht klar und einhellig aus allen Lehr- und Lesebüchern »für den Schulgebrauch« hervor, wo nebst der eigentlichen Geschichte, die nur als eine lange Kette von Kriegsereignissen dargestellt wird, auch die verschiedenen Erzählungen und Gedichte immer nur von heldenmütigen Waffenthaten zu berichten wissen. Das gehört so zum patriotischen Erziehungssystem. Da aus jedem Schüler ein Vaterlandsverteidiger herangebildet werden soll, so muss doch schon des Kindes Begeisterung für diese seine erste Bürgerpflicht geweckt werden; man muss seinen Geist abhärten gegen den natürlichen Abscheu, den die Schrecken des Krieges hervorrufen könnten, indem man von den furchtbarsten Blutbädern und Metzeleien, wie von etwas ganz Gewöhnlichem, Notwendigem, so unbefangen als möglich erzählt, dabei nur allen Nachdruck auf die ideale Seite dieses alten Völkerbrauches legend – und auf diese Art gelingt es, ein kampfmutiges und kriegslustiges Geschlecht zu bilden.
Die Mädchen – welche zwar nicht ins Feld ziehen sollen – werden aus denselben Büchern unterrichtet, die auf die Soldatenzüchtung der Knaben angelegt sind, und so entsteht bei der weiblichen Jugend dieselbe Auffassung, die sich in Neid, nicht mitthun zu dürfen, und in Bewunderung für den Militärstand auflöst. Was uns zarten Jungfräulein, die wir doch in allem Übrigen zu Sanftmut und Milde ermahnt werden, für Schauderbilder aus allen Schlachten der Erde, von den biblischen und macedonischen und punischen bis zu den dreißigjährigen und napoleonischen Kriegen vorgeführt werden, wie wir da die Städte brennen und die Einwohner »über die Klinge springen« und die Besiegten schinden sehen – das ist ein wahres Vergnügen.... Natürlich wird durch diese Aufhäufung und Wiederholung der Greuel das Verständnis, dass es Greuel sind, abgestumpft; alles, was in die Rubrik Krieg gehört, wird nicht mehr vom Standpunkte der Menschlichkeit betrachtet – und erhält eine ganz besondere, mystisch-historisch-politische Weihe. Es muss sein – es ist die Quelle der höchsten Würden und Ehren – das sehen die Mädchen ganz gut ein: haben sie doch die kriegsverherrlichenden Gedichte und Tiraden auch auswendig lernen müssen. Und so entstehen die spartanischen Mütter und die »Fahnenmütter« und die zahlreichen, dem Offizierkorps gespendeten Cotillonorden während der »Damenwahl«.
Ich bin nicht, wie so viele meiner Standesgenossinnen, im Kloster, sondern unter der Leitung von Gouvernanten und Lehrern im Vaterhause erzogen worden. Meine Mutter verlor ich früh. Mutterstelle an uns Kindern – ich hatte noch drei jüngere Geschwister – vertrat unsere Tante, eine alte Stiftsdame. Wir verbrachten die Wintermonate in Wien, den Sommer auf einem Familiengute in Niederösterreich.
Meinen Erzieherinnen und Lehrern habe ich viel Freude gemacht, dessen erinnere ich mich – denn ich war eine fleißige mit gutem Gedächtnis begabte, und namentlich ehrgeizige Schülerin. Da ich meinen Ehrgeiz, wie schon bemerkt, nicht damit befriedigen konnte, als Heldenjungfrau Schlachten zu gewinnen, so begnügte ich mich damit, in den Lektionen gute Zensuren davonzutragen und durch meinen Lerneifer der Umgebung Bewunderung abzuzwingen. In der französischen und englischen Sprache brachte ich es nahezu zur Vollkommenheit; von Erd- und Himmelskunde, von Naturgeschichte und Physik machte ich mir so viel zu eigen, als mir in dem Programm einer Mädchenerziehung überhaupt zugänglich war; aber von dem Gegenstand »Geschichte« lernte ich noch mehr als von mir gefordert wurde. Aus der Bibliothek meines Vaters holte ich mir dickbändige Historienwerke hervor, in welchen ich in meinen Mußestunden studierte. Ich glaubte mich jedesmal um ein Stück gescheiter geworden, wenn ich ein Ereignis, einen Namen, ein Datum aus vergangenen Zeiten meinem Gedächtnis neu einverleibt hatte. Gegen Klavierspielerei – welche doch auch im Erziehungsplan aufgezeichnet stand – habe ich mich standhaft zur Wehr gesetzt. Ich besaß weder Talent noch Lust zur Musik und fühlte, dass mir darin keine Ehrgeizbefriedigung winkte. Ich bat so lange und inständig, mir die kostbare Zeit, die ich an meine anderen Studien wenden wollte, nicht für das aussichtslose Geklimper zu kürzen, dass mich mein guter Vater von der musikalischen Frohnarbeit freisprach. Zum großen Leidwesen der Tante, welche meinte, ohne Klavierspiel gäbe es keine eigentliche Bildung mehr.
Am 10. März 1857 feierte ich meinen siebzehnten Geburtstag. »Schon siebzehn« lautet unter jenem Datum die Eintragung ins Tagebuch. Dieses »schon« ist ein Poem. Es steht kein Kommentar daneben, aber vermutlich wollte ich damit sagen: »und noch nichts für die Unsterblichkeit getan«. Diese roten Hefte leisten mir heute, da ich meine Lebenserinnerungen aufzeichnen will, gar gute Dienste. Sie ermöglichen mir, die vergangenen Ereignisse, welche nur als verschwommene Umrißbilder im Gedächtnis haften geblieben, bis in die kleinsten Einzelheiten zu schildern, und ganze, längst vergessene Gedankenfolgen oder längst verklungene Gespräche wörtlich wiederzugeben.
Im nächstfolgenden Fasching sollte ich in die Gesellschaft eingeführt werden. Diese Aussicht entzückte mich aber nicht so außerordentlich, wie dies gewöhnlich bei jungen Mädchen der Fall ist. Mein Sinn strebte nach Höherem, als nach Ballsaaltriumphen. Wonach ich strebte? Diese Frage hätte ich mir wohl selber nicht beantworten können. Vermutlich nach Liebe ... doch das wusste ich nicht. All diese glühenden Sehnsuchts- und Ehrgeizträume, welche im Jünglings- und Jungfrauenalter die Menschenherzen schwellen, und welche unter allerlei Formen – Wissensdurst, Reiselust, Thatendrang – sich verwirklichen wollen, sind doch zumeist nur die unbewussten Bestrebungen des erwachenden verliebten Triebes.
In diesem Sommer wurde meiner Tante ein Kurgebrauch in Marienbad verordnet. Sie fand es für gut, mich mitzunehmen. Obgleich meine offizielle Einführung in die sogenannte Welt erst in der kommenden Winterszeit stattfinden sollte, so wurde mir doch gestattet, einige kleine Kurhausbälle mitzumachen; – gleichsam als Vorübung im Tanzen und Konversieren, damit ich in meiner ersten Faschingssaison nicht gar zu schüchtern und ungelenk auftreten möge.
Doch was geschah auf der ersten »Reunion«, die ich besuchte? Ein großes sterbliches Verlieben. Natürlich war's ein Husarenlieutenant. Die im Saale anwesenden Civilisten schienen mir neben den Militärs wie Maikäfer neben Schmetterlingen. Und unter den anwesenden Uniformträgern waren die Husaren jedenfalls die glänzendsten; unter den Husaren schließlich war Graf Arno Dotzky der blendendste. Über sechs Fuß groß, schwarzes Kraushaar, aufgezwirbeltes Schnurrbärtchen, weißglitzernde Zähne, dunkle Augen, welche so durchdringend und zärtlich schauen konnten – kurz, auf seine Frage: »Haben Sie den Cotillon noch frei, Gräfin?« fühlte ich, dass es noch andere, ebenso erhebende Triumphe geben kann, wie das Bannerschwingen der Jungfrau von Orleans, oder das Szepterschwingen der großen Katharina. Und er, der Zweiundzwanzigjährige, hat wohl ähnliches empfunden, als er mit dem hübschesten Mädchen des Balles (nach dreißig Jahren kann man schon so etwas konstatieren) im Walzertakt durch den Saal flog; da dachte er wohl auch: Dich besitzen, du süßes Ding, das wöge alle Marschallsstäbe auf.
»Aber Martha – aber Martha!« brummte die Tante, als ich atemlos auf meinen Sessel an ihrer Seite zurückfiel, ihr mit den schwingenden Tüllwolken meines Kleides um den Kopf wirbelnd.
»Davon ist auch nicht die Rede – mein Vorwurf galt Deinem Benehmen mit diesem Husaren – Du darfst Dich beim Tanzen nicht so anschmiegen ... und schaut man denn einem Herrn so in die Augen?«
Das klang ein bischen anders angenehm, als Johannas famose »Stimmen« .... Aber so im Weitertanzen konnte ich doch nichts antworten. Das mochte er einsehen, denn jetzt hielt er inne. Wir standen in einer leeren Ecke des Saales und konnten die Unterhaltung unbelauscht fortführen:
»Glauben Sie vielleicht nicht an ›Liebe auf den ersten Blick‹? Bis jetzt hielt ich es selber für eine Fabel, aber heute habe ich die Wahrheit davon erprobt.«
»Ich stürze mich kopfüber in mein Schicksal,« fuhr er fort.... »Sie oder keine! Entscheiden Sie über mein Glück oder über meinen Tod ... denn ohne Sie kann und will ich nicht leben.... Wollen Sie die Meine werden?«
Auf eine so direkte Frage musste ich doch etwas erwidern. Ich suchte nach einer recht diplomatischen Phrase, die – ohne jegliche Hoffnung abzuschneiden – meiner Würde nichts vergäbe, brachte aber weiter nichts hervor, als ein zitternd gehauchtes »Ja«.
An meinem achtzehnten Geburtstage wurde ich getraut, nachdem ich zuvor in die »Welt« eingeführt und der Kaiserin »als Braut« vorgestellt worden war. Nach unserer Hochzeit unternahmen wir eine Italienreise. Zu diesem Zweck hatte Arno einen längeren Urlaub genommen. Von einem Austritt aus dem Militärdienste war niemals die Rede gewesen. Zwar besaßen wir beide ziemlich ansehnliches Vermögen – aber mein Mann liebte seinen Stand und ich mit ihm. Ich war stolz auf meinen schmucken Husarenoffizier und sah mit Befriedigung der Zeit entgegen, da er zum Rittmeister – zum Obersten – und einst zum Generalgouverneur vorrücken würde.... Wer weiß, vielleicht war er zu noch höheren Geschicken bestimmt: vielleicht sollte er als großer Feldherr in der vaterländischen Ruhmesgeschichte glänzen....
Dass die roten Hefte gerade in der seligen Brautzeit und während der Flitterwochen eine Lücke aufweisen, tut mir jetzt sehr leid. Verflogen, verweht, in Nichts verflattert wären die Wonnen jener Tage freilich ebenso, wenn ich sie auch eingetragen hätte, aber wenigstens wäre ein Abglanz davon zwischen den Blättern festgebannt. Aber nein: für meinen Gram und meine Schmerzen fand ich nicht genug Klagen, Gedankenstriche und Ausrufungszeichen; die jammervollen Dinge mussten der Mit- und Nachwelt sorgfältig vorgeheult werden, aber die schönen Stunden, die habe ich schweigend genossen. – Ich war nicht stolz auf mein Glücklichsein und gab es daher niemand – nicht einmal mir selber im Tagebuche – kund und zu wissen; nur das Leiden und Sehnen empfand ich als eine Art Verdienst, daher das viele Großthun damit. Wie doch diese roten Hefte alle meine traurigen Lagen getreulich spiegeln, während zu frohen Zeiten die Blätter ganz unbeschrieben blieben. Zu dumm! Das ist, als sammelte Einer während eines Spazierganges – um Andenken daran nach Hause zu bringen – als sammelte er von den Dingen, die er auf dem Wege findet, nur das Hässliche; als füllte er seine Botanisierbüchse nur mit Dornen, Disteln, Würmern, Kröten und ließe alle Blumen und Falter weg.
Dennoch, ich erinnere mich: es war eine herrliche Zeit. Eine Art Feenmärchentraum. Ich hatte ja alles, was ein junges Frauenherz nur begehren kann: Liebe, Reichtum, Rang, Vermögen – und das Meiste so neu, so überraschend, so staunenerregend! Wir liebten uns wahnsinnig, mein Arno und ich, mit dem ganzen Feuer unserer lebensstrotzenden, schönheitssicheren Jugend. Und zufällig war mein glänzender Husar nebenbei ein braver, herzensguter, edeldenkender Junge, mit weltmännischer Bildung und heiterem Humor (er hätte ja ebensogut – was bot der Marienbader Ball für eine Bürgschaft dagegen? – ein böser und ein roher Mensch sein können) und zufällig war auch ich ein leidlich gescheites und gemütliches Ding (er hätte auf besagtem Balle ebensogut in ein hübsches launenhaftes Gänschen sich verlieben können); so kam es denn, dass wir vollkommen glücklich waren und dass infolgedessen das rotgebundene Lamento-Hauptbuch lange Zeit leer blieb.
Halt: hier finde ich eine fröhliche Eintragung – Verzückungen über die neue Mutterwürde. Am ersten Januar 1859 (war das ein Neujahrsgeschenk!) ward uns ein Söhnchen geboren. Natürlich erweckte dieses Ereignis so sehr unser Staunen und unsern Stolz, als wären wir das erste Paar, dem so was passierte. Daher wohl auch die Wiederaufnahme des Tagebuchs. Von dieser Merkwürdigkeit, von dieser meiner Wichtigkeit musste die Nachwelt doch unterrichtet werden. Ferner ist das Thema »junge Mutter« so vorzüglich kunst-und litteraturfähig. Dasselbe gehört zu den bestbesungenen und fleißigst bemalten Vorwürfen; dabei lässt sich so gut mystisch und heilig, gerührt und pathetisch, naiv und lieblich – kurz ungeheuer poetisch gestimmt sein. Zur Pflege dieser Stimmung tragen ja (sowie die Schulbücher zur Pflege der Kriegsbewunderung) alle möglichen Gedichtsammlungen, illustrierte Journale, Gemäldegalerien und landläufige Entzückungsphrasen unter der Rubrik »Mutterliebe«, »Mutterglück«, »Mutterstolz« nach Kräften bei. Was zunächst der Heldenanbetung (siehe Carlyles hero-worship) im Vergötterungsfach Höchstes geleistet wird, das leisten die Leute in baby-worship. Natürlich blieb hierin auch ich nicht zurück. Mein kleiner herziger Ruru war mir das wichtigste Weltwunder. Ach, mein Sohn – mein erwachsener herrlicher Rudolf – was ich für dich empfinde, dagegen verblaßt jene kindische Babybestaunung – dagegen ist jene blinde, affenmäßige, jungmütterliche Freßliebe so nichtig, wie ein Wickelkind ja selber gegen einen entfalteten Menschen nichtig ist....
Auch der junge Vater war nicht wenig stolz auf seinen Nachfolger und baute die schönsten Zukunftspläne auf ihn. »Was wird er werden?« Diese eben noch nicht sehr dringende Frage wurde des öfteren über Rurus Wiege vorgelegt, und immer einstimmig entschieden: Soldat. Manchmal erwachte ein schwacher Protest von seiten der Mutter: »Wie aber, wenn er im Kriege verunglückt?« »Ach bah« ward dieser Einwurf weggeräumt – »es stirbt ja doch jeder nur dort und dann, wie es ihm bestimmt ist.« Ruru würde ja auch nicht der einzige bleiben; von den folgenden Söhnen mochte in Gottes Namen einer zum Diplomaten, ein anderer zum Landwirt, ein dritter zum Geistlichen erzogen werden, aber der älteste, der musste seines Vaters und Großvaters Beruf – den schönsten Beruf von allen – erwählen, der musste Soldat werden.
Und dabei ist's geblieben. Ruru wurde schon mit zwei Monaten von uns zum Gefreiten befördert. Werden doch alle Kronprinzen gleich nach der Geburt zu Regimentsinhabern ernannt, warum sollten wir unsern Kleinen nicht auch mit einem imaginären Rang schmücken? Das war uns ein Hauptspaß, dieses Soldatenspielen mit einem Baby. Arno salutierte, so oft sein Bub auf den Armen der Amme ins Zimmer gebracht wurde. Letztere nannten wir die Marketenderin, und was bei dieser das Fouragemagazin hieß, lasse ich erraten; Rurus Geschrei ward Alarmsignal geheißen, und was »Ruru sitzt auf dem Exerzierplatz« bedeutete, lasse ich abermals erraten sein.
Am 1. April, als am dritten Monatstage seiner Geburt (nur die Jahrestage zu feiern hätte zu gar zu seltenen Festen Anlass gegeben), rückte Ruru vom Gefreiten zum Korporal vor. An jenem Tage geschah aber auch etwas Düsteres; etwas, was mir das Herz schwer machte und mich veranlaßte, es in den roten Heften auszuschütten.
Schon längere Zeit war am politischen Horizont der gewisse »schwarze Punkt« sichtbar, über dessen mögliches Anwachsen von allen Zeitungen und allen Salongesprächen die lebhaftesten Kommentare geliefert wurden. Ich hatte bis jetzt nicht darauf geachtet. Wenn mein Mann und mein Vater und deren militärische Freunde auch öfters vor mir gesagt hatten: »Mit Italien setzt es nächstens etwas ab«, so war das an meinem Verständnis abgeprallt. Mich um Politik zu kümmern, hatte ich gerade Zeit und Lust! Da mochte um mich herum noch so eifrig über das Verhältnis Sardiniens zu Österreich, oder über das Verhalten Napoleons III. debattiert werden, dessen Hilfe Cavour durch die Teilnahme am Krimkriege sich zugesichert hatte; da mochte man immerhin von der Spannung reden, welche zwischen uns und den italienischen Nachbarn durch diese Allianz hervorgerufen worden – das beachtete ich nicht. Aber an jenem 1. April sagte mir mein Mann allen Ernstes:
»O Du mein lieber Mann, sei ruhig: ich kann auch tapfer sein ... Wie oft habe ich's den Helden und Heldinnen der Geschichte nachempfunden, welch erhebendes Gefühl es sein muss, in den Kampf zu ziehen. Dürfte ich nur mit – an Deiner Seite fechten, fallen oder siegen!«
»Brav gesprochen, mein Weibchen – aber Unsinn. Dein Platz ist hier an der Wiege des Kleinen, in dem auch ein Vaterlandsverteidiger groß gezogen werden soll. Dein Platz ist an unserem häuslichen Herd. Um diesen zu schützen und vor feindlichem Überfall zu wahren, um unserm Heim und unsern Frauen den Frieden zu erhalten, ziehen wir Männer ja in den Krieg.«
Ich weiß nicht, warum mir diese Worte, welche ich in ähnlicher Fassung doch schon oft zustimmend gehört und gelesen hatte, diesmal einigermaßen als »Phrase« klangen ... Es war ja kein bedrohter Herd da, keine Barbarenhorden standen vor den Thoren – einfach politische Spannung zwischen zwei Kabinetten ... Wenn also mein Mann begeistert in den Krieg ziehen wollte, so war es doch nicht so sehr das dringende Bedürfnis, Weib und Kind und Vaterland zu schützen, als vielmehr die Lust an dem abenteuerlichen, Abwechslung bietenden Hinausmarschieren – der Drang nach Auszeichnung – Beförderung ... Nun ja, Ehrgeiz ist es – schloss ich diesen Gedankengang – schöner, berechtigter Ehrgeiz, Lust an tapferer Pflichterfüllung!
Es war schön von ihm, dass er sich freute, wenn er zu Felde ziehen müsste; aber noch war ja nichts entschieden. Vielleicht würde der Krieg gar nicht ausbrechen, und selbst für den Fall, dass man sich schlage, wer weiß, ob gerade Arno wegkommandiert würde – es geht ja doch nicht immer die ganze Armee vor den Feind. Nein, dieses so herrliche, abgerundete Glück, welches mir das Schicksal zurecht gezimmert hatte, konnte doch dieses selbe Schicksal nicht so roh zertrümmern. – O Arno, mein vielgeliebter Mann – dich in Gefahr zu wissen, es wäre entsetzlich! ... Solche und ähnliche Ergüsse füllen die in jenen Tagen beschriebenen Tagebuchblätter.
Von da ab sind die roten Hefte eine Zeit lang voll Kannegießerei: Louis Napoleon ist ein Intrigant ... Österreich kann nicht lange zuschauen ... es kommt zum Kriege ... Sardinien wird sich vor der Übermacht fürchten und nachgeben ... Der Friede bleibt erhalten ... Meine Wünsche – trotz aller theoretischer Bewunderung vergangener Schlachten – waren natürlich inbrünstig nach Erhaltung des Friedens gerichtet, doch der Wunsch meines Gatten rief offenbar die andere Alternative herbei. Er sagte es nicht grad' heraus, aber Nachrichten über die Vergrößerung des »schwarzen Punktes« teilte er immer leuchtenden Auges mit; die hier und da, leider immer spärlicher werdenden Friedensaussichten hingegen konstatierte er stets mit einer gewissen Niedergeschlagenheit.
Mein Vater war auch ganz Feuer und Flamme für den Krieg. Die Besiegung der Piemontesen würde ja nur ein Kinderspiel sein, und zur Bekräftigung dieser Behauptung regneten wieder die Radetzky-Anekdoten. Ich hörte von dem drohenden Feldzug immer nur vom strategischen Standpunkt sprechen, nämlich ein Hin- und Herwägen der Chancen, wie und wo der Feind geschlagen würde und die Vorteile, welche »uns« daraus erwachsen mussten. Der menschliche Standpunkt – nämlich dass, ob verloren oder gewonnen, jede Schlacht unzählige Blut- und Thränenopfer fordert, – kam gar nicht in Betracht. Die hier in Frage stehenden Interessen wurden als so sehr über alle Einzelschicksale erhaben dargestellt, dass ich mich der Kleinlichkeit meiner Auffassung schämte, wenn mir bisweilen der Gedanke aufstieg: »Ach, was frommt den armen Toten, was den armen Verkrüppelten, was den armen Witwen der Sieg?« Doch bald stellten sich als Antwort auf diese verzagten Fragen wieder die alten Schulbuchdithyramben ein: Ersatz für alles bietet der Ruhm. Doch wie, wenn der Feind siegte? Diese Frage ließ ich einmal im Kreise meiner militärischen Freunde laut werden – wurde aber schmählich niedergezischt. Das bloße Erwähnen von der Möglichkeit eines Schattens eines Zweifels ist schon antipatriotisch. Im voraus seiner Unüberwindlichkeit sicher sein, gehört mit zu den Soldatenpflichten. Also gewissermaßen auch zu den Pflichten einer loyalen Lieutenantsfrau.
Das Regiment meines Mannes lag in Wien. Von unserer Wohnung hatte man die Aussicht auf den Prater, und wenn man da ans Fenster trat, wehte es sommerlich verheißend herein. Es war ein wundervoller Frühling. Die Luft war lau und veilchenduftend, und zeitiger als in anderen Jahren sproßte das junge Laub hervor. Auf die im kommenden Monat bevorstehenden großen Praterfahrten freute ich mich unbändig. Wir hatten uns zu diesem Zweck ein kokettes »Zeugel« angeschafft, nämlich einen Kutschierwagen mit einem Viererzug von ungarischen Juckern. Schon jetzt, in diesen herrlichen Apriltagen, fuhren wir beinahe täglich in den Prateralleen spazieren, aber das war nur ein Vorkosten des eigentlichen Maigenusses. Ach, wenn nur bis dahin nicht etwa der Krieg ausbräche! ...
»Na, Gott sei Dank – jetzt hat die Unentschiedenheit ein Ende! – rief mein Mann, als er am Morgen des neunzehnten April vom Exerzieren nach Hause kam. »Das Ultimatum ist gestellt.«
»Das heißt, das letzte Wort der diplomatischen Verhandlungen, welches der Kriegserklärung vorausgeht, ist gesprochen. Unser Ultimatum an Sardinien fordert, dass Sardinien entwaffne – was dieses natürlich bleiben lässt, und wir marschieren über die Grenze.«
Ich fiel auf die Knie – ich konnte nicht anders. Lautlos und dennoch heftig wie ein Schrei, schwang sich aus meiner Seele die Bitte zum Himmel: »Frieden, Frieden!«
Ich schlang meine Arme um seinen Hals und fing zu weinen an. Es war kein Schmerzensausbruch, denn noch war ja das Unglück nicht entschieden – aber die Nachricht hatte mich so erschüttert, dass meine Nerven zitterten und diesen Thränensturz verursachten.
»Martha, Martha, Du wirst mich böse machen,« schalt Arno. »Bist Du denn mein braves Soldatenweiblein? Vergissest Du, dass Du Generalstochter, Oberlieutenantsfrau und – schloss er lächelnd – Korporalsmutter bist?«
»Nein, nein, mein Arno ... Ich begreife mich selber nicht ... Das war nur so ein Anfall ... ich bin ja doch selber für militärischen Ruhm begeistert ... aber ich weiß nicht – vorhin, als Du sagtest, alles hänge von einem Worte ab, das jetzt gesprochen werden soll – ein Ja oder Nein auf das sogenannte Ultimatum – und dieses Ja oder Nein solle entscheiden, ob Tausende bluten und sterben sollen – sterben in diesen sonnigen, seligen Frühlingstagen – da war mir, als müsste das Friedenswort fallen und ich konnte nicht anders, als betend niederknieen –«
»Ich wüsste nicht, dass ein Ultimatum jemals einen Krieg abgewendet hätte. Vernünftig wäre es wohl von diesem italienischen Jammerpack, wenn es nachgeben würde und sich keinem neuen Novara aussetzte ... Ach, wäre der gute Vater Radetzky nicht voriges Jahr gestorben, ich glaube er hätte, trotz seiner neunzig Jahre, sich noch einmal an die Spitze seines Heeres gestellt und ich wäre, bei Gott, auch wieder mitmarschiert ... Wir zwei haben's ja schon gezeigt, wie man mit dem welschen Gesindel fertig wird. Sie haben aber noch nicht genug daran, die Katzelmacher – sie wollen eine zweite Lektion haben! Auch recht: unser lombardisch-venetianisches Königreich wird sich durch das piemontesische Gebiet ganz schön vergrößern lassen – ich sehe schon den Einzug unserer Truppen in Turin.«
»Aber Papa, Du sprichst ja, als wäre der Krieg schon erklärt und als wärst Du darüber froh. Doch wie, wenn Arno mitgehen muss?« Es standen mir schon wieder die Tränen in den Augen.
»Ach was, Gefahr! Man kommt vom Kriege auch nach Haus, wie Figura zeigt. Ich habe mehr als eine Campagne mitgemacht, Gott sei Dank, bin auch mehr als einmal verwundet worden – und bin doch am Leben, weil es mir eben bestimmt war, am Leben zu bleiben.«
Die alte fatalistische Redensart! Dieselbe, welche für Rurus künftige Berufswahl hatte herhalten müssen und die mir auch jetzt wieder als ein Stück Weisheit einleuchtete.
Das Herz zitterte mir, aber dennoch konnte ich nicht anders, als diese beiden Männer bewundern. Mit welche fröhlichem Gleichmut sie von einem kommenden Feldzug sprachen, als handelte es sich um einen geplanten Spaziergang. Mein tapferer Arno wollte sogar – auch wenn ihn die Pflicht nicht riefe – freiwillig vor den Feind ziehen, und mein großdenkender Vater fand das ganz einfach und natürlich. Ich raffte mich auf. Fort mit meinem kindischen, weibischen Bangen! Jetzt galt es, mich dieser meiner Lieben würdig zu zeigen, das Herz über alle egoistischen Befürchtungen erheben und nur dem schönen Bewusstsein Raum geben: Mein Gatte ist ein Held.
Seit einer Woche war ich auf die Katastrophe gefasst, dennoch versetzte mir deren Eintreffen einen derben Schlag. Schluchzend warf ich mich auf das Sofa, den Kopf in die Kissen verbergend, als mir Arno diese Nachricht brachte.
»Mein Liebling, Mut – Fassung! Es ist ja nicht so schlimm ... in kurzer Zeit kehren wir als Sieger heim ... Dann werden wir Zwei doppelt glücklich sein. Weine nicht so, es zerreißt mir das Herz ... fast bereue ich, dass ich mich engagiert habe, auf jeden Fall mitzugehen ... doch nein, bedenke: wenn meine Kameraden hinaus müssen, mit welchem Recht dürfte ich da zu Hause bleiben? Du selber müsstest Dich meiner schämen ... Einmal muss ich ja die Feuertaufe erhalten – ehe das geschehen, fühle ich mich gar nicht recht als Mann und als Soldat. Denk' nur, wie schön – wenn ich zurückkomme – mit einem dritten Stern am Kragen – vielleicht mit einem Kreuz auf der Brust.«
Ich lehnte meinen Kopf an seine Achsel und weinte da weiter. Wie klein ich doch wieder dachte: Sterne und Kreuze erschienen mir in diesem Augenblick als so schaler Flitter ... Nicht zehn Großkreuze auf dieser teuern Brust konnten einen Ersatz bieten für die grause Möglichkeit, dass eine Kugel sie zerschmettere ...
»Ich muss jetzt fortgehen, liebes Kind – zu meinem Obersten. Weine Dich aus ... wenn ich wiederkomme, hoffe ich, Dich standhaft und heiter zu finden – ich brauche das, um nicht von trüben Ahnungen beschlichen zu werden. Jetzt, in so entscheidender Zeit, wird doch meine eigene kleine Frau nichts tun, mir den Mut zu benehmen, meine Thatenlust zu dämpfen? Adieu, mein Schatz.« Und er ging.
Ich raffte mich auf. Seine letzten Worte klangen mir noch im Ohre nach. Ja offenbar: meine Pflicht war nun die, seinen Mut und seine Thatenlust – nicht nur nicht zu dämpfen, sondern nach Möglichkeit zu heben. Das ist ja die einzige Art, wie wir Frauen unsern Patriotismus bethätigen können, wie wir des Ruhmes teilhaftig werden dürfen, den unsere Männer auf den Schlachtfeldern sich holen ... »Schlacht – felder« – sonderbar, wie dieses Wort jetzt plötzlich in zwei grundverschiedenen Bedeutungen mir vor den Sinn trat. Halb in der altgewohnten, historischen, pathetischen, höchste Bewunderung erregenden Bedeutung, halb in dem Ekelschauer der blutigen, brutalen Silbe »Schlacht« ... Ja geschlachtet würden sie auf dem Felde daliegen, die armen hinausgetriebenen Menschen – mit offenen, roten Wunden – und unter ihnen vielleicht ... Mit einem laut ausgestoßenen Schrei dachte ich diesen Gedanken aus.
Ich blickte das Mädchen an: auch sie hatte rotgeweinte Augen. Ich erriet – sie wusste schon die Nachricht, und ihr Geliebter war Soldat. Mir war's, als müsste ich die Unglücksschwester an mein Herz drücken.
»Nun ja, bei solchen, die kein geliebtes Familienglied mitziehen sehen. Dass Du traurig sein wirst, konnte ich mir denken, und darum bin ich hierher geeilt. Dein Papa wird auch gleich kommen; aber nicht um zu trösten, sondern zu gratulieren: er ist ganz außer sich vor Freude, dass es losgeht, und betrachtet es als eine herrliche Chance für Arno, dass er mitthun kann. Im Grunde hat er ja auch recht ... für einen Soldaten gibt's auch nichts Besseres, als den Krieg. So musst auch Du die Sache betrachten, liebes Kind – Berufserfüllung geht doch allem voran. Was sein muss –«
»Brav, Martha. Es kommt ja doch alles so, wie es von der weisen und allgütigen Vorsehung in unabänderlichem Ratschluß vorher bestimmt ist. Die Sterbestunde eines Jeden, die steht schon von der Stunde seiner Geburt an geschrieben. Und wir wollen für unsere lieben Krieger so viel und inbrünstig beten –«
Ich hielt mich nicht dabei auf, den Widerspruch, der in diesen beiden Annahmen liegt: dass der Tod zugleich bestimmt und durch Gebete abzuwenden sein könne, näher zu erörtern. Ich war mir selbst nicht klar darüber und hatte von meiner ganzen Erziehung her das vage Bewusstsein, dass man an so heilige Dinge nicht mit Vernunftfragen herantreten dürfe. Hätte ich gar der Tante gegenüber solche Skrupel laut werden lassen, so würde sie das arg verletzt haben. Nichts konnte sie mehr beleidigen, als wenn man über gewisse Dinge rationelle Zweifel anstellte. »Nicht darüber nachdenken« ist allen Mysterien gegenüber Anstandsgebot. Wie es die Hofsitte verbietet, an einen König Fragen zu richten, so ist es auch eine Art lästerlichen Etiquettenbruchs, wenn man an einem Dogma herum forschen und prüfen will. »Nicht darüber nachdenken« ist übrigens ein sehr leicht erfüllbares Gebot, und bei diesem Anlass fügte ich mich bereitwillig darein; ich fing daher mit der Tante keinen Streit an, sondern klammerte mich im Gegenteil an den Trost, der in dem Hinweis auf das Beten lag. Ja – während der ganzen Abwesenheit meines Gatten wollte ich so inbrünstig um des Himmels Schutz flehn, dass dieser alle Kugeln im Fluge von Arno abwenden werde ... Abwenden? – Wohin? Auf die Brust eines Andern, für den doch wahrscheinlich auch gebetet wird? ... Und was war mir im physikalischen Lehrkurs demonstriert worden, von den genau zu berechnenden, unfehlbaren Wirkungen der Stoffe und ihrer Bewegung? ... Wieder ein Zweifel? Fort damit.
»Ja, Tante,« sagte ich laut, um diese in meinem Geist sich kreuzenden Widersprüche abzubrechen, »ja, wir wollen fleißig beten und Gott wird uns erhören: Arno bleibt unversehrt.«
»Siehst Du, siehst Du, Kind, wie in schweren Stunden die Seele doch zu der Religion flüchtet ... Vielleicht schickt Dir der liebe Gott die Prüfung, damit Du Deine sonstige Lauheit ablegst.«
Das wollte mir wieder nicht recht einleuchten, dass die ganze, noch aus dem Krimkriege herstammende Verstimmung zwischen Österreich und Sardinien, die ganzen Verhandlungen, die Aufstellung des Ultimatums und die Ablehnung desselben nur von Gott veranstaltet worden wären, um meinen lauen Sinn zu erwärmen.
Aber auch diesen Zweifel auszudrücken, wäre unanständig gewesen. Sobald jemand den »lieben Gott« in den Mund genommen, gibt das den daran geknüpften Ausspruch eine gewisse salbungsvolle Immunität. Was die vorgeworfene Lauheit anbelangt, so hatte dieser Vorwurf einige Begründung. Tante Marias Religiosität kam aus tiefstem Herzen, während ich mehr äußerlich fromm war. Mein Vater war in dieser Beziehung völlig indifferent, ebenso mein Gatte; also hatte ich weder von dem Einen noch dem Andern Anregung zu besonderem Glaubenseifer erhalten. Mich in die kirchlichen Lehren mit Begeisterung zu vertiefen, hatte ich auch niemals vermocht, da ich dieselben überhaupt nur mit Anwendung des »Nichtdarübernachdenken«-Prinzips unangefochten lassen konnte. Ich ging wohl allsonntäglich zur Messe und alljährlich zur Beichte; auch war ich bei diesen Ceremonien voll Ehrfurcht und Andacht; aber das Ganze war doch mehr oder minder eine Art standesmäßiger Etiquettenbeobachtung; ich erfüllte die religiösen Anstandspflichten mit derselben Korrektheit, wie ich auf dem Kammerball die Figuren der Lanciers ausführte und die Hofreverenz machte, wenn die Kaiserin den Saal betrat. Unser Schloßkaplan in Niederösterreich und der Nuntius in Wien konnten mir nichts vorwerfen, aber die von der Tante vorgebrachte Beschuldigung war wohl berechtigt.
»Ja, mein Kind,« fuhr sie fort, »im Glück und im Wohlsein vergessen die Leute leicht ihren Heiland – wenn aber Krankheit oder Todesgefahr über uns und, mehr noch, über unsere Lieben, hereinbricht, wenn wir niedergeschlagen und in Kümmernis sind –«
Das war nun eine aufgeregte Zeit. Der Krieg »ist ausgebrochen«. Man vergisst, dass es zwei Haufen Menschen sind, die miteinander raufen gehen, und fasst das Ereignis so auf, als wäre es ein erhabenes, waltendes Drittes, dessen »Ausbruch« die beiden Haufen zum Raufen zwingt. Die ganze Verantwortung fällt auf diese außerhalb des Einzelwillens liegende Macht, welche ihrerseits nur die Erfüllung der bestimmten Völkerschicksale herbeigeführt. Das ist so die dunkle und ehrfürchtige Auffassung, welche die meisten Menschen vom Kriege haben und welche auch die meine war. Von einer Revolte meines Gefühls gegen das Kriegführen überhaupt, war keine Rede; nur darunter litt ich, dass mein geliebter Mann hinauszuziehen hätte in die Gefahr, und ich in Einsamkeit und Bangen zurückzubleiben. Ich kramte alle meine alten Eindrücke aus der Zeit der Geschichtsstudien hervor, um mich an dem Bewusstsein zu stärken und zu begeistern, dass die höchste Menschenpflicht es war, die meinen Teuren abberief, und dass ihm hierdurch die Möglichkeit geboten würde, sich mit Ruhm und Ehren zu bedecken. Jetzt lebte ich ja mitten drin in einer Geschichtsepoche: das war auch ein eigentümlich erhebender Gedanke. Weil von Herodot und Tacitus an bis zu den modernen Historikern herab die Kriege stets als die wichtigsten und folgenschwersten Ereignisse dargestellt worden, so meinte ich, dass auch gegenwärtig ein solches – künftigen Geschichtsschreibern als Abschnittsüberschrift dienendes Weltereignis im Gange war.
Diese gehobene, wichtigkeitsüberströmende Stimmung war übrigens die allgemeine herrschende. Man sprach von nichts Anderem in den Salons und auf den Gassen; las von nichts Anderem in den Zeitungen, betete für nichts Anderes in den Kirchen: wo man hinkam, überall dieselben aufgeregten Gesichter und die gleichen lebhaften Besprechungen der Kriegseventualitäten. Alles Übrige, was sonst das Interesse der Leute wach hält: Theater, Geschäfte, Kunst –, das wurde jetzt als ganz nebensächlich betrachtet. Es war einem zu Mute, als hätte man gar kein Recht, an etwas Anderes zu denken, während dieser große Weltschicksalsauftritt sich abspielte. Und die verschiedenen Armeebefehle mit den bekannten siegesbewußten und ruhmverheißenden Phrasen; und die unter klingendem Spiel und wehenden Standarten abmarschierenden Truppen; und die in loyalstem und patriotisch glühendstem Tone gehaltenen Leitartikel und öffentlichen Reden; dieser ewige Appell an Tugend, Ehre, Pflicht, Mut, Aufopferung; diese sich gegenseitig gemachten Versicherungen, dass man die bekannt unüberwindlichste, tapferste, zu hoher Machtausdehnung bestimmte, beste und edelste Nation sei: alles dies verbreitet eine heroische Atmosphäre, welche die ganze Bevölkerung mit Stolz erfüllt und in jedem Einzelnen die Meinung hervorruft, er sei ein großer Bürger einer großen Zeit.
Schlechte Eigenschaften, als da sind: Eroberungsgier, Rauflust, Haß, Grausamkeit, Tücke – werden wohl auch als vorhanden und als im Kriege sich offenbarend zugegeben, aber allemal nur beim »Feind«. Dessen Schlechtigkeit liegt am Tage. Ganz abgesehen von der politischen Unvermeidlichkeit des eben unternommenen Feldzuges, sowie abgesehen von den daraus unzweifelhaft erwachsenden patriotischen Vorteilen, ist die Besiegung des Gegners ein moralisches Werk, eine vom Genius der Kultur ausgeführte Züchtigung.... Diese Italiener – welches faule, falsche, sinnliche, leichtsinnige, eitle Volk! Und dieser Louis Napoleon – welcher Ausbund von Ehrsucht und Intriguengeist! Als sein am 29. April publiziertes Kriegsmanifest erschien, mit dem Motto: »Freies Italien bis zum adriatischen Meer« – rief das einen Sturm der Entrüstung bei uns hervor! Ich erlaubte mir eine schwache Bemerkung, dass dies eigentlich eine uneigennützige und schöne Idee sei, welche für italienische Patrioten begeisternd wirken müsse; aber ich ward schnell zum Schweigen gebracht. An dem Dogma »Louis Napoleon ist ein Bösewicht«, durfte, so lange er »der Feind« war, nicht gerüttelt werden; Alles, was von ihm ausging, war von vornherein »bösewichterisch«. Noch ein leiser Zweifel stieg in mir auf. In allen geschichtlichen Kriegsberichten hatte ich die Sympathie und die Bewunderung der Erzähler immer für diejenige Partei ausgedrückt gefunden, welche einem fremden Joche sich entringen wollte und welche für die Freiheit kämpfte. Zwar wusste ich mir weder über den Begriff »Joch« noch über den so überschwänglich besungenen Begriff »Freiheit« einen rechten Bescheid zu geben, aber so viel schien mir doch klar: die Jochabschüttelungs- und Freiheitsbestrebung lag diesmal nicht auf österreichischer, sondern auf italienischer Seite. Aber auch für diese schüchtern gedachten und noch schüchterner ausgedrückten Skrupel wurde ich niedergedonnert. Da hatte ich Unselige wieder an einem sakrosankten Grundsatz gerührt, nämlich dass unsere Regierung – d.h. diejenige, unter welcher man zufällig geboren worden – niemals ein Joch, sondern nur einen Segen abgeben könne; dass die von »uns« sich losreißen Wollenden nicht Freiheitskämpen, sondern einfach Rebellen sind, und dass überhaupt und unter allen Umständen »wir« allemal und überall in unserm vollen Rechte sind.
In den ersten Maitagen – es waren kalte, regnerische Tage zum Glück; sonniges, lenzfrohes Wetter hätte einen noch schmerzlicheren Kontrast bewirkt – marschierte das Regiment ab, welchem Arno sich hatte zuteilen lassen. Um sieben Uhr früh ... ach, die vorhergehende Nacht ... war das eine fürchterliche Nacht! Wäre der Teure auch nur auf eine gefahrlose Geschäftsreise gegangen, die Trennung hätte mich unsäglich traurig gemacht – Scheiden tut ja so weh – aber in den Krieg! Dem Feuerregen der feindlichen Geschütze entgegen! ... Warum konnte ich in jener Nacht bei dem Worte Krieg durchaus nicht mehr dessen erhabene, historische Bedeutung erfassen, sondern nur dessen toddrohendes Grausen?
Arno war eingeschlafen. Ruhig atmend, mit heiterem Gesichtsausdruck lag er da. Ich hatte eine frische Kerze angezündet und hinter einen Schirm gestellt: ich konnte heute nicht im Finstern bleiben. Von Schlafen war ja für mich ohnehin keine Rede – in dieser letzten Nacht. Da musste ich ihm wenigstens die ganze Zeit ins liebe Gesicht schauen. In einen Schlafrock gehüllt, lag ich auf unserm Bette; den Ellbogen auf das Kissen, das Kinn in die Handfläche gestützt, blickte ich auf den Schlummernden herab und weinte still ... »Wie lieb – wie lieb ich Dich habe, mein Einziger – und Du gehst fort von mir ... Warum ist das Schicksal so grausam? Wie werde ich leben ohne Dich? Dass Du mir nur bald wiederkehrst! O Gott, mein guter Gott, mein barmherziger Vater dort oben – lass ihn bald zurückkommen – ihn und alle ... Lass es bald Frieden sein? ... Warum kann es denn nicht immer Frieden sein? ... Wir waren so glücklich ... zu glücklich wohl ... es darf ja auf Erden kein vollkommenes Glück geben ... O Seligkeit – wenn er unversehrt heimkehrt und dann wieder so an meiner Seite liegt und für den kommenden Morgen kein Abschied droht ... Wie er ruhig schläft – o Du mein tapferer Schatz! Aber wie wirst Du dort schlafen? Da gibt es kein weiches, mit Seide und Spitzen verhängtes Bett für Dich – da musst Du auf harter, nasser Erde liegen ... vielleicht in einem Graben – hilflos – verwundet ...« Bei diesem Gedanken konnte ich nicht anders, als mir eine klaffende Säbelhiebwunde auf seiner Stirn vorstellen, von der das Blut herabsickert, oder ein Kugelloch in seiner Brust ... und ein heißer Mitleidsschmerz ergriff mich. Wie gern hätte ich meine Arme um ihn geschlungen und ihn geküsst, aber ich durfte ihn nicht wecken; er brauchte diesen stärkenden Schlaf. Nur noch sechs Stunden ... tik – tak – tik – tak: unbarmherzig schnell und sicher geht die Zeit jedem Ziele entgegen. Dieses gleichgültige Tick – Tack that mir weh. Auch das Licht brannte ebenso gleichgültig hinter seinem Schirm, wie diese Uhr mit ihrem blöden regungslosen Bronze-Amor tickte ... Begriffen denn all diese Dinge nicht, dass dies die letzte Nacht war? Die thränenden Lider fielen mir zu, das Bewusstsein schwand allmählich, und den Kopf auf das Kissen sinken lassend, schlief ich dennoch selber ein. Aber immer nur auf kurze Zeit. Kaum verlor sich mein Sinn in die Nebel eines formlosen Traumes, so krampfte mein Herz sich plötzlich zusammen und ich erwachte durch einen heftigen Schlag desselben, mit dem gleichen Angstgefühle, wie wenn man durch Hilferuf oder Feuerlärm geweckt wird ... »Abschied, Abschied!« hieß der Alarm.
Es war ausgemacht worden, dass ich ihn nicht zur Bahn begleiten würde. Die eine Viertelstunde mehr oder weniger des Beisammenseins – auf die kam es nicht mehr an. Und das Leid der letzten Losreißung, das wollte ich nicht vor fremden Leuten bloßlegen; ich wollte allein in meinem Zimmer sein, wenn der Abschiedskuß getauscht worden, um mich auf den Boden werfen – um schreien, laut schreien zu können.
»Wacker, Martha! In längstens zwei Monaten ist die Geschichte vorbei und ich bin wieder da.... Zum Kuckuck – von tausend Kugeln trifft nur eine und die muss nicht gerade mich treffen.... Es sind andere auch schon aus dem Krieg zurückgekommen: sieh' Deinen Papa. Einmal musste es doch sein. Du hast doch keinen Husarenoffizier in der Idee geheiratet, sein Handwerk sei die Hyazinthenzucht? Ich werde Dir oft schreiben, so oft als möglich, und Dir berichten, wie frisch und fröhlich die ganze Campagne vor sich geht. Wenn mir was Schlimmes bestimmt wäre, so könnte ich mich nicht so wohlgemut fühlen ... einen Orden geh' ich mir holen, weiter nichts.... Gib nur hier recht acht auf Dich selber und auf unsern Ruru – der, wenn ich avanciere, auch wieder um einen Grad vorrücken darf. Grüß ihn von mir ... ich will den Abschied von gestern Abend nicht noch wiederholen. ... Dem wird's einmal ein Vergnügen sein, wenn ihm sein Vater erzählt, dass er im Jahr 59 bei den großen italienischen Siegen dabei gewesen.« ...
Ich hörte ihm gierig zu. Dieses zuversichtliche Geplauder that mir wohl. Er ging ja gern und lustig fort – mein Schmerz war also ein egoistischer, daher ein unberechtigter – dieser Gedanke würde mir die Kraft geben, ihn zu überwinden.
Schon lag ich an seiner Brust. Reden konnte ich nicht. Das Wort Lebewohl wollte mir nicht über die Lippen – ich fühlte, dass ich bei Äußerung dieses Wortes zusammenbrechen musste, und die Ruhe, den Frohmut seiner Abfahrt durfte ich ja nicht vergällen. Den Ausbruch meines Schmerzes sparte ich mir – wie eine Art Belohnung – auf das Alleinsein auf.
Wir konnten uns aus dieser Umarmung garnicht losreißen – war es doch die letzte. Da plötzlich fühle ich, wie seine Lippen beben, seine Brust sich krampfhaft hebt ... und – mich freilassend, bedeckt er sein Gesicht mit beiden Händen und schluchzt laut auf.
Charpie zupfen, Zeitungsberichte lesen, auf einer Landkarte Stecknadelfähnchen aufstecken, um den Bewegungen der beiden Heere zu folgen und daraus Schachaufgaben, in der Fassung von »Österreich zieht an und setzt mit dem vierten Zuge matt« zu lösen trachten; in der Kirche fleißig um Schutz für seine Lieben und um den Sieg der vaterländischen Waffen beten; von nichts anderem reden als von den vom Kriegsschauplatz eingetroffenen Nachrichten: – das war es, was meine und die Existenz meiner Verwandten- und Bekanntenkreise nunmehr ausfüllte Das Leben mit allen seinen übrigen Interessen schien für die Dauer des Feldzuges sozusagen in der Schwebe; alles bis auf die Frage »wie und wann wird der Krieg enden?« war der Wichtigkeit, ja beinahe der Wirklichkeit beraubt. Man aß, man trank, man las, man besorgte seine Geschäfte, aber das alles »galt« eigentlich nicht – nur eins war von vollgewichtiger Gültigkeit: die Telegramme aus Italien.
Meine größten Lichtblicke waren selbstverständlich die Nachrichten, welche ich von Arno selber erhielt. Diese waren sehr kurz gefasst – das Briefschreiben ist niemals seine starke Seite gewesen –; aber sie brachten mir doch das beglückendste Zeugnis; noch am Leben – unverwundet. Sehr regelmäßig konnten diese Briefe und Depeschen freilich nicht eintreffen, denn oft waren die Verbindungen abgebrochen, oder – wenn es irgendwo zur Aktion kam – der Feldpostdienst aufgehoben.
Wenn so einige Tage vergangen waren, ohne dass ich von Arno gehört, und es wurde eine Verlustliste veröffentlicht – mit welchem Bangen las ich da nicht die Namen durch! ... Es ist so spannend, wie für den Losbesitzer das Durchsehen der Gewinnnummern einer Ziehungsliste, aber in umgekehrtem Sinne: was man da sucht, wohl wissend, dass man (Gott sei Dank) die Wahrscheinlichkeit gegen sich hat, ist der Haupttreffer des Unglücks ...
Das erste Mal, als ich die Namen der Gefallenen durchgelesen – ich war eben seit vier Tagen ohne Nachricht – und sah, dass der Name »Arno Dotzky« nicht darunter war, da faltete ich die Hände und sprach mit lauter Stimme: »Mein Gott, ich danke Dir!« Kaum aber waren die Worte geäußert, so klang es mir wie ein schriller Mißton daraus nach. Ich nahm das Blatt wieder zur Hand und betrachtete zum zweitenmal die Namenreihe. Also weil Adolf Schmidt und Karl Müller und viele andere – aber nicht Arno Dotzky – geblieben waren, hatte ich Gott gedankt? Derselbe Dank wäre dann berechtigterweise von dem Herzen derer zum Himmel aufgestiegen, welche für Schmidt und Müller zittern, wenn sie statt dieser Namen »Dotzky« gelesen hätten? Und warum sollte gerade mein Dank dem Himmel genehmer sein als jener? Ja – das war der schrille Mißton meines Stoßgebetes gewesen: die Anmaßung und die Selbstsucht, die darin lag, zu glauben, Dotzky sei mir zu lieb verschont geblieben, und Gott zu danken, dass nicht ich, sondern nur Schmidts Mutter und Müllers Braut und fünfzig andere über dieser Liste weinend zusammenbrechen ...
»Gestern gab's einen tüchtigen Kampf. Leider – leider eine Niederlage. Aber tröste Dich, meine geliebte Martha, die nächste Schlacht bringt uns den Sieg. Es war dies meine erste große Affaire. Ich stand mitten in dichtem Kugelregen – ein eigenes Gefühl ... das erzähle ich mündlich – es ist doch furchtbar: die armen Kerle, die da um einen herum fallen und die man liegen lassen muss, trotz ihres kläglichen Wimmerns. – ›c'est la guerre!‹ Auf baldiges Wiedersehen, mein Herz. Wenn wir einmal in Turin die Friedensbedingungen diktieren, dann kommst Du mir nachgereist. Tante Marie wird in dessen so gut sein, über unsern kleinen, Korporal zu wachen.«
Wenn der Empfang solcher Briefe die Sonnenblicke meines Daseins abgab – die schwärzesten Schatten desselben waren meine Nächte. Wenn ich da aus selig vergessendem Traum erwachte und mir die entsetzliche Wirklichkeit mit ihrer entsetzlichen Möglichkeit vor das Bewusstsein trat, so erfasste mich schier unerträgliches Leid und ich konnte stundenlang nicht wieder einschlafen. Die Idee war nicht loszuwerden, dass Arno in diesem Augenblick vielleicht stöhnend und sterbend in einem Graben lag – nach einem Tropfen Wasser lechzend – sehnsüchtig nach mir rufend ... Nur damit konnte ich mich allmählich beruhigen, dass ich mir mit aller Gewalt die Szene seiner Rückkunft vor die Einbildung rief. Die war ja ebenso wahrscheinlich – sogar viel wahrscheinlicher, als das verlassene Sterben – und da malte ich mir denn aus, wie er ins Zimmer hereinstürmte und ich an sein Herz flöge – wie ich ihn dann zu Rurus Wiege führte und wie glücklich und froh wir dann wieder sein könnten....
Mein Vater war sehr niedergeschlagen. Es kam eine schlimme Nachricht nach der anderen. Zuerst Montebello, dann Magenta. Nicht er allein – ganz Wien war niedergeschlagen. Man hatte zu Anfang so zuversichtlich gehofft, dass ununterbrochene Siegesbotschaften Anlass zu Häuserbeflaggung und Te deum Absingen geben würden; statt dessen wehten die Fahnen und sangen die Priester in Turin.... Dort hieß es jetzt: »Herr Gott, wir loben Dich, dass Du uns geholfen hast, die bösen Tedeschi zu schlagen.«
»Meinst Du nicht, Papa,« frug ich, »dass, wenn noch eine Niederlage für uns käme, dann Frieden geschlossen würde? In diesem Falle könnte ich wünschen, dass –«
Lieber soll es ein siebenjähriger – soll es ein dreißigjähriger Krieg werden, nur sollen schließlich unsere Waffen siegen und wir die Friedensbedingungen diktieren. Wozu geht man denn in den Krieg, doch nicht dazu, dass er baldmöglichst aus sei – sonst könnte man von vorherein zu Hause bleiben.«
»Was ihr Weibervolk doch feige seid! Selbst Du – die Du so gute Grundsätze von Vaterlandsliebe und Ehrgefühl erhalten – bist jetzt ganz verzagt und schätzest Deine persönliche Ruhe höher als die Wohlfahrt und den Ruhm des Landes.«
Die Verlustliste hatte schon mehrere Namen von Offizieren gebracht, die ich persönlich gekannt hatte. Unter anderen des Sohnes – des einzigen – einer alten Dame, für die ich eine große Verehrung empfand.
An jenem Tage wollte ich die Ärmste aufsuchen. Es war mir ein peinlicher, schwerer Gang. Trösten konnte ich sie doch nicht – höchstens mitweinen. Aber es war eine Liebespflicht – und so machte ich mich denn auf den Weg.
Vor der Wohnung der Frau v. Ullsmann angelangt, zögerte ich lange, ehe ich die Glocke zog. Das letzte Mal, dass ich hierher gekommen, war es zu einer lustigen kleinen Tanzunterhaltung gewesen. Die liebenswürdige alte Hausfrau war damals selber voller Lustigkeit. »Martha,« hatte sie mir im Laufe des Abends gesagt, »wir sind die beiden beneidenswertesten Frauen Wiens: Du hast den hübschesten Mann und ich den trefflichsten Sohn.« – Und heute? Da besaß ich wohl noch meinen Mann ... Wer weiß? Die Bomben und Granaten flogen ja dort unablässig; die letzte Minute konnte mich zur Witwe gemacht haben ... Und ich fing vor der Thür zu weinen an. – Das war die richtige Verfassung für solch traurigen Besuch. Ich klingelte. Niemand kam. Ich klingelte ein zweites Mal. Wieder nichts.
»Wie? ist Frau v. Ullsmann fortgezogen?« »Vor drei Tagen in die Irrenanstalt überführt worden.« Und der Kopf war hinter der zufallenden Thür wieder verschwunden.
Ein paar Minuten blieb ich regungslos auf demselben Flecke stehen und vor meinem inneren Auge spielten sich die Szenen ab, die hier stattgefunden haben mochten. Bis zu welchem Grade musste die arme Frau gelitten haben, bis dass ihr Schmerz in Wahnsinn ausbrach!
»Und da wollte mein Vater, dass der Krieg dreißig Jahre währte – für das Wohl des Landes ... wie viele solcher Mütter mussten da noch im Lande verzweifeln?«
Aufs tiefste erschüttert ging ich die Treppe herab. Ich beschloss, noch einen anderen Besuch bei einer befreundeten jungen Frau abzustatten, deren Gatte gleich dem meinen auf dem Kriegsschauplatz war.
Mein Weg führte mich durch die Herrengasse an dem Gebäude – das sogenannte Landhaus – vorbei, wo der »patriotische Hilfsverein« seine Büreaus untergebracht hatte. Damals gab es noch keine Genfer Konvention, kein »Rotes Kreuz«, und als Vorbote jener humanen Institutionen hatte sich dieser Hilfsverein gebildet, dessen Aufgabe es war, allerlei Spenden in Geld, Wäsche, Charpie, Verbandszeug u.s.w. für die armen Verwundeten in Empfang zu nehmen und nach dem Kriegsschauplatz zu befördern. Von allen Seiten kamen die Gaben reichlich geflossen; ganze Magazine mussten zur Aufnahme derselben dienen; und kaum waren die verschiedenen Vorräte verpackt und fortgeschickt, da türmten sich wieder neue auf.
Ich trat ein; es drängte mich, die Summe, die ich in meiner Geldbörse trug, dem Komitee zu überreichen. Vielleicht konnte dieselbe einem leidenden Soldaten Hilfe und Rettung bringen – und dessen Mutter vor Wahnsinn bewahren.
»Im Augenblick nicht. Nur der Vizepräsident Baron S. ist oben.« Er zeigte mir den Weg nach dem Lokale, wo die Geldspenden abgegeben wurden. Ich musste durch mehrere Säle gehen, wo auf langen Tischen die Pakete an einander gereiht lagen. Stöße von Wäschestücken, Cigarren, Tabak – und namentlich Berge von Charpie ... Mir schauderte. Wie viel Wunden mussten da bluten, um mit so viel gezupfter Leinwand bedeckt zu werden? »Und da wollte mein Vater,« dachte ich wieder, »dass zum Wohle des Landes der Krieg noch dreißig Jahre dauere? Wie viel Söhne des Landes müssten da noch ihren Wunden erliegen?«
Baron S. nahm meine Gabe dankend in Empfang und erteilte mir auf meine verschiedenen Fragen über die Wirksamkeit des Vereins bereitwilligst Auskunft. Es war erfreulich und tröstlich zu hören, wie viel des Guten da geschah. Soeben kam der Postbote mit eingelaufenen Briefen herein und meldete, dass zwei Schubkarren voll Sendungen aus den Provinzen abzugeben seien. Ich setze mich auf ein im Hintergrund des Zimmers stehendes Sofa, um das Hereintragen der Pakete abzuwarten. Dieselben wurden jedoch in einem anderen Raume abgegeben. Jetzt trat ein sehr alter Herr herein, dem man an der Haltung den einstigen Militär ansah.
»Erlauben Sie, Herr Baron,« sagte er, indem er seine Brieftasche hervorzog und sich auf einen neben dem Tische stehenden Sessel niederließ, »erlauben Sie, dass auch ich mein kleines Scherflein zu Ihrem schönen Werke beitrage.« Er reichte eine Hundertgulden-Note hin. »Ich betrachte Sie alle, die Sie das organisiert haben, als wahre Engel ... Sehen Sie, ich bin selber ein alter Soldat (Feldmarschall-Lieutenant X. schaltete er, sich vorstellend, ein) und kann es beurteilen, was für eine enorme Wohlthat den armen Kerlen geschieht, die sich dort schlagen ... Ich habe die Feldzüge von anno 9 und anno 13 mitgemacht – da hat's noch keine »patriotischen Hilfsvereine« gegeben; da hat man den Verwundeten keine Kisten voll Verbandzeug und Charpie nachgeschickt. – Wie viele mussten da, wenn die Vorräte der Feldscherer erschöpft waren, jämmerlich verbluten, die durch eine Sendung, wie diese hier, hätten gerettet werden können! Das ist eine segensreiche Arbeit, die Eure – Ihr guten, edlen Menschen – Ihr wisst gar nicht, Ihr wisst gar nicht, wie viel Gutes Ihr da tut!« Und dem alten Manne fielen zwei große Tränen auf den weißen Schnurrbart herab.
Der Vizepräsident eilte zur Thür hinaus, um die hohe Besucherin, wie geziemend, am Fuße der Treppe zu empfangen, doch sie war schon im Nebensaal angelangt.
Ich schaute von meinem verborgenen Plätzchen mit Bewunderung nach der jugendlichen Monarchin, die mir im einfachen Straßenkleide beinahe noch lieblicher erschien, als in den Prunkroben der Hoffeste.
»Ich bin gekommen,« sagte sie zu Baron S., »weil ich heute früh einen Brief des Kaisers vom Kriegsschauplatz erhalten habe, worin er mir schreibt, wie nützlich und willkommen die Gaben des ›patriotischen Hilfsvereins‹ sich erweisen – und da wollte ich selbst Einsicht nehmen ... und das Komitee von der Anerkennung des Kaisers in Kenntnis setzen.«
Hierauf ließ sie sich von allen Einzelheiten der Vereinsthätigkeit unterrichten und betrachtete eingehend die verschiedenen aufgestapelten Gegenstände.
»Sehen Sie nur, Gräfin,« sagte sie zu der sie begleitenden Obersthofmeisterin, indem sie ein Wäschestück zur Hand nahm, »wie gut diese Leinwand ist – und wie hübsch genäht.« Dann bat sie den Vizepräsidenten, sie noch in die anderen Räume zu geleiten und verließ an seiner Seite den Saal. Sie sprach mit sichtlicher Zufriedenheit zu ihm und ich hörte sie noch sagen: »Es ist ein schönes, patriotisches Unternehmen, welches den armen Soldaten –«
Den Rest verstand ich nicht mehr. »Arme Soldaten –« das Wort klang mir noch lange nach, sie hatte es so mitleidsvoll betont. Ja wohl, arm; und je mehr man that, ihnen Trost und Hilfe zu senden, desto besser. Aber wie – flog es mir durch den Kopf – wenn man sie gar nicht hinschicken würde in all den Jammer, die armen Leute: wäre das nicht noch viel besser?«
»Ich verscheuchte diesen Gedanken ... es muss ja sein – es muss ja sein. Andere Entschuldigung gibt es für das Greuel des Kriegführens keine, als die das Wörtlein »muss« enthält.
Nun ging ich wieder meiner Wege. Die Freundin, die ich besuchen wollte, wohnte ganz nahe vom »Landhaus« – auf dem Kohlmarkt. Im Vorübergehen trat ich in eine Buch- und Kunsthandlung, um eine neue Karte Oberitaliens zu kaufen; die unsere war von den fähnchengekrönten Stecknadeln schon ganz durchlöchert. Außer mir waren noch mehrere Kunden anwesend. Alle verlangten nach Karten, Schematismen und dergleichen. Nun kam die Reihe an mich.
»Sehen Sie, Herr Professor, jetzt geht es jenen schlecht, welche belletristische oder wissenschaftliche Werke schreiben, oder verlegen – es fragt kein Mensch darnach. So lange der Krieg währt, interessiert sich niemand für das geistige Leben. Das ist für Schriftsteller und Buchhändler eine schlimme Zeit.«
»Und eine schlimme Zeit für die Nation,« entgegnete der Professor, »bei welcher solche Interesselosigkeit natürlich geistigen Niedergang zur Folge hat.«
Und da wollte mein Vater – dachte ich zum drittenmale – dass zum Wohle des Landes dreißig Jahre lang ... »So gehen Ihre Geschäfte schlecht?« mischte ich mich jetzt laut in die Unterhaltung.
»Nur meine? Alle, fast alle, meine Gnädige,« antwortete der Buchhändler. »Mit Ausnahme der Armeelieferanten gibt es keinen Geschäftsmann, dem der Krieg nicht unberechenbaren Schaden brächte. Alles stockt: die Arbeit in den Fabriken, die Arbeit auf den Feldern, unzählige Menschen werden verdienst- und brodlos. Die Papiere fallen, das Agio steigt, alle Unternehmungslust versiegt, zahlreiche Firmen müssen Bankerott erklären – kurz, es ist ein Elend – ein Elend!«
Gräfin Lori Griesbach war in mehr als einer Hinsicht meine Schicksalsgenossin. Generalstochter, wie ich, kurze Zeit an einen Offizier verheiratet, wie ich, und – wie ich – Strohwitwe. In einem übertrumpfte sie mich: sie hatte nicht nur ihren Mann, sondern auch noch zwei Brüder im Krieg. Aber Lori war keine ängstliche Natur; sie war vollkommen überzeugt, dass ihre Lieben unter dem besonderen Schutze eines von ihr sehr verehrten Heiligen standen, und sie rechnete zuversichtlich auf deren Wiederkehr.
»Ach, grüß' Dich Gott, Martha – das ist wunderhübsch von Dir, dass Du mich aufsuchst. – Aber Du siehst gar so bleich und gedrückt aus ... doch keine schlimme Nachricht vom Kriegsschauplatze?«
»Ich weiß nicht, was Du meinst. Was mich anbelangt, so bin ich froh, dass dieser Krieg ausgebrochen, weil ich hoffe, dass sich mein Ludwig auszeichnen wird. Auch für meine Brüder ist es eine gute Sache. Das Avancement ging schon so langsam von starten, jetzt haben sie doch eine Chance –«
»Eigentlich schon ziemlich lange nicht. Aber Du weißt, wie der Postverkehr oft unterbrochen ist, und wenn man von einem heißen Marsch- oder Schlachttag so recht müde geworden, hat man auch nicht viel Lust zum Schreiben. Ich bin ganz ruhig. Sowohl Ludwig als meine Brüder tragen geweihte Amulette – Mama hat sie ihnen selber umgehängt« ...
»Wie stellst Du Dir denn einen Krieg vor, Lori, wo in beiden Heeren jeder Mann ein Amulett trüge? Wenn da die Kugeln hin und her fliegen, werden sie sich harmlos in die Wolken zurückziehen?«
»Ich schweige schon, Lori. Du kannst recht haben: das Nachdenken und Grübeln taugt nicht ... Seit einiger Zeit steigen mir so allerlei Zweifel an meinen ältesten Überzeugungen auf, und ich empfinde dabei nur Qual. Wenn ich die Überzeugung verlöre, dass es unbedingt notwendig und gut war, diesen Krieg zu beginnen, so könnte ich jenen nicht verzeihen, welche –«
»Ob dieser oder andere – ich wollte unerschüttert glauben, dass es überhaupt keine Menschen waren, die den Krieg veranlaßt haben, sondern, dass er von selber »ausgebrochen« – ausgebrochen wie das Nervenfieber, wie das Vesuvfeuer –«
»Wie Du exaltiert bist, mein Schatz. Lass uns doch vernünftig reden. Also hör' mich an. In kurzem wird die Campagne ein Ende haben und unsere beiden Männer kommen als Rittmeister zurück ... Ich werde den meinen dann zu bewegen trachten, dass er einen vier- oder sechswöchentlichen Urlaub nehme, um mit mir ins Bad zu reisen. Es wird ihm gut tun nach seinen ausgestandenen Strapazen und auch mir, nach der ausgestandenen Hitze, Langeweile und Bangigkeit. Denn Du musst nicht glauben, dass ich gar keine Angst habe ... Es könnte doch Gottes Wille sein, dass einer meiner Lieben den Soldatentod finde – und wenn es auch ein schöner, beneidenswerter Tod ist ... auf dem Felde der Ehre ... für Kaiser und Vaterland –«
»Es wäre doch schrecklich ... die arme Mama, wenn Gustav oder Karl etwas zustoßen würde ... Reden wir nicht davon! Also, um uns von all dem Schreck zu erholen, gilt es, eine amüsante Badesaison durchmachen ... Am liebsten in Karlsbad – dort bin ich einmal als Mädchen gewesen und habe mich göttlich unterhalten.«
»Und ich war in Marienbad ... Dort habe ich Arno kennen gelernt ... Aber warum sitzen wir so müßig da? Hast Du nicht etwas Leinwand zur Hand, dass wir Charpie zupfen? Ich war heute im ›patriotischen Hilfsverein‹ und da kam – rate wer?«
Ich hob das Blatt vom Boden auf und begann zu lesen. Ich kann den Wortlaut genau wiedergeben, denn in der Folge habe ich den Brief von Lori mir er beten, um dessen Inhalt in mein Tagebuch zu übertragen.
»Liebste Schwester! Gestern hatten wir eine heiße Schlacht – das wird eine große Verlustliste geben. Damit Du – damit unsere arme Mutter nicht aus dieser das Unglück erfährt und damit Du sie langsam vorbereiten könnest (sag', er sei schwer verwundet) schreibe ich Dir lieber gleich, dass zu den für das Vaterland gefallenen Kriegern auch unser tapferer Bruder Karl zählt.« Ich unterbrach mich, um die Freundin zu umarmen.
»Dein Mann ist unversehrt und so auch ich. Hätte die feindliche Kugel doch lieber mich getroffen: ich beneide Karl um seinen Heldentod – er fiel zu Anfang der Schlacht, und weiß nicht, dass diese wieder – verloren ist. Das ist gar zu bitter. Ich habe ihn fallen gesehen, denn wir ritten nebeneinander. Ich sprang gleich ab, um ihn aufzuheben – nur noch einen Blick und er war tod. Die Kugel muss ihm durch Herz oder Lunge gedrungen sein! es war ein schnelles, schmerzloses Ende. Wie viele andere mussten stundenlang leiden und mitten im toben der Schlacht hilflos daliegen, bis sie der Tod erlöste. Das war ein mörderischer Tag – mehr als tausend Leichen – Freund und Feind – bedeckten die Wahlstatt. Ich habe unter den Toten so manches liebe, bekannte Gesicht erkannt – das ist unter anderen auch der arme – (hier musste die Seite umgewendet werden) der arme Arno Dotzky –« Ich fiel ohnmächtig zu Boden.
Ich war mit meinem kleinen Rudolf in mein Mädchenheim zurückgekehrt. Acht Tage nach dem großen Schlage, der mich getroffen, übersiedelte meine Familie nach Grumitz, unserem Landsitz in Niederösterreich, und ich mit ihr. Allein hätte ich ja verzweifeln müssen. Jetzt waren sie wieder alle um mich, wie vor meiner Verheiratung: mein Vater, Tante Marie, mein kleiner Bruder und meine zwei aufblühenden Schwestern. Sie alle thaten, was sie nur konnten, meinen Kummer zu lindern, und behandelten mich mit einer Art Hochachtung, die mir wohlthat. In meinem traurigen Schicksal lag für sie offenbar eine gewisse Weihe, etwas, was mich über meine Umgebung erhob – selbst eine Gattung Verdienst. Neben dem Blute, das die Soldaten auf dem Altar des Vaterlandes vergießen, bilden ja die am selben Altar vergossenen Tränen der beraubten Soldatenmütter, Frauen und Bräute die nächste heilige Libation. So war es auch ein leises Stolzgefühl – ein Bewusstsein, dass es sozusagen eine militärische Würde vorstellt, einen geliebten Mann auf dem Felde der Ehre verloren zu haben, welches mir meinen Schmerz am besten tragen half. Und ich war ja nicht die einzige. Wie Viele, Viele im ganzen Land trauerten jetzt um ihre in italienischer Erde ruhenden Lieben ...
Nähere Einzelheiten über Arnos Ende sind mir damals nicht bekannt geworden; man hat ihn tot aufgefunden, agnosziert, begraben, das war alles, was ich wusste. Sein letzter Gedanke war gewiss zu mir und zu unserem kleinen Liebling geflogen, und sein Trost im letzten Augenblick muss das Bewusstsein gewesen sein: Ich habe meine Pflicht – mehr als meine Pflicht getan.
»Die Geopferten sind zu beneiden, weil sie von der Schmach nichts wissen, die uns getroffen hat. Aber wir werden uns schon noch aufraffen, wenn auch jetzt – wie es heißt – Friede geschlossen werden soll –«
»Mein Kind, ein Reich, ein Staat lebt ein längeres und wichtigeres Leben, als die Individuen. Diese schwinden, Generation um Generation, und das Reich entfaltet sich weiter; wächst zu Ruhm, Größe und Macht, oder sinkt und schrumpft zusammen und verschwindet, wenn es sich von anderen Reichen besiegen lässt. Darum ist das Wichtigste und Höchste, was jeder Einzelne erstreben muss und wofür er jederzeit gern sterben soll, die Existenz, die Größe, die Wohlfahrt des Reiches.«
Diese Worte prägte ich mir ein, um sie am selben Tag in den roten Heften zu notieren. Sie schienen mir so kräftig und bündig dasjenige auszudrücken, was ich in meiner Lernzeit aus den Geschichtsbüchern herausgefühlt hatte, und was mir in der letzten Zeit – seit Arnos Abmarsch – durch Angst und Mitleid aus dem Bewusstsein verdrängt worden war. Daran wollte ich mich wieder so fest wie möglich klammern, um in der Idee Trost und Erhebung zu finden, dass mein Liebster um einer großer Sache willen gefallen, dass mein Unglück selber ein Bestandteil dieser großen Sache war.
Tante Marie hatte wieder andere Trostgründe zur Hand. »Weine nicht, liebes Kind,« pflegte sie zu sagen, wenn sie mich in Trauer versunken fand. »Sei nicht so selbstsüchtig, denjenigen zu beklagen, dem es jetzt so wohl geht. Er ist unter den Seligen und sieht segnend auf Dich herab. Noch ein paar schnell verflossene Erdenjahre und Du findest ihn wieder in seiner vollen Glorie Für die, welche auf dem Schlachtfeld bleiben, bereitet der Himmel seine schönsten Wohnungen ... Glücklich solche, die in dem Augenblicke abberufen werden, wo sie eine heilige Pflicht erfüllen. Dem sterbenden Märtyrer steht der sterbende Soldat an Verdienst am nächsten.«
»Freuen: nein – das wäre zu viel verlangt. Aber Dein Schicksal mit demütiger Ergebung tragen. Es ist eine Prüfung, die Dir der Himmel schickt und aus der Du geläutert und im Glauben gestärkt hervorgehen wirst.«
Obwohl mir gegen Tante Mariens Tröstungen immer derlei Einwendungen entschlüpften, so gab ich mich im Grund der Seele doch gern der mystischen Auffassung hin, dass mein Verklärter jetzt im Himmel den Lohn seines Opfertodes genießt, und dass sein Andenken unter den Menschen mit der unvergänglichen Glorie der Heldenhaftigkeit geschmückt ist.
Wie erhebend – wenngleich schmerzlich – hatte die große Trauerceremonie auf mich gewirkt, welcher ich, am Tage vor unsrer Abreise, im Stefansdom beigewohnt. Es war ein De profundis für unsere auf fremder Erde gefallenen und dort begrabenen Krieger. In der Mitte der Kirche war ein hoher Katafalk aufgestellt, von hunderten brennender Wachslichter umgeben und mit militärischen Emblemen – Fahnen, Waffen – geschmückt. Vom Chor herab klang das rührend gesungene Requiem, und die Anwesenden – meist schwarzgekleidete Frauen – weinten fast alle laut. Und jede weinte nicht nur um den Einen, den sie verloren, sondern um alle Anderen, die denselben Tod gefunden: sie hatten ja alle zusammen, die armen, tapferen Waffenbrüder, für uns Alle, das heißt für ihr Land, für die Ehre der Nation ihr junges Leben hingegeben. Und die lebenden Soldaten, die dieser Feier beiwohnten, – sämtliche in Wien zurückgebliebenen Generäle und Offiziere waren da, und mehrere Compagnien Mannschaft füllten den Hintergrund – diese alle waren gewärtig und bereit, ihren gefallenen Kameraden zu folgen, ohne Zaudern, ohne Murren, ohne Furcht ... Ja, mit den Weihrauchwolken, mit dem Geläute und den Orgeltönen, mit den in einem gemeinsamen Schmerz vergossenen Tränen stieg da sicherlich ein wohlgefälliges Opfer zum Himmel auf und der Herr der Heerschaaren musste seinen Segen träufeln auf jene, denen dieser Katafalk errichtet war ...
Ungefähr vierzehn Tage später als die Nachricht von der Niederlage bei Solferino, kam die Nachricht von der Unterzeichnung der Friedenspräliminarien in Villafranca. Mein Vater gab sich alle mögliche Mühe, mir zu erklären, dass es aus politischen Gründen zwingend notwendig war, diesen Frieden zu schließen; worauf ich versicherte, dass es mir auf jeden Fall erfreulich schien, wenn das böse Kämpfen und Sterben ein Ende fand; aber der gute Papa ließ es sich nicht nehmen, mir entschuldigende Auseinandersetzungen zu unterbreiten:
»Du musst nicht glauben, dass wir Angst haben ... Wenn es auch den Anschein hat, als machten wir Konzessionen, wir vergeben unserer Würde nichts und wissen schon, was wir tun. Wenn es sich um uns allein handelte, so hätten wir wegen dieses kleinen Schachs in Solferino die Partie nicht aufgegeben. O nein, noch lange nicht. Wir brauchten nur noch ein Armeekorps hinunter zu schicken und der Feind müsste Mailand schnell wieder räumen ... Aber weißt Du, Martha, es handelt sich um andere allgemeine Interessen und Prinzipien. Wir verzichten jetzt darauf, uns weiter zu schlagen, um die anderen bedrohten italienischen Fürstentümer zu bewahren, welche der sardinische Räuberhauptmann samt seinem französischen Henkersbeistand auch gern überfallen wollten. Gegen Modena, Toskana – wo, wie Du weißt, mit unserem Kaiserhaus verwandte Dynastien regieren – ja sogar gegen Rom, gegen den Papst, wollen sie ziehen – die Vandalen. Wenn wir nun vorläufig die Lombardei hergeben, so erhalten wir uns damit Venetien und können den süditalienischen Staaten und dem heiligen Stuhl unsere Stütze gewähren. Du siehst also ein, dass wir aus rein politischen Gründen und im Interesse des europäischen Gleichgewichts –«
»Ja, Vater,« unterbrach ich, »ich sehe es ein. Ach hätten diese Gründe doch schon vor Magenta gewaltet!« fügte ich bitter seufzend hinzu. Dann, um abzulenken, zeigte ich auf ein Bücherpaket, das heute aus Wien eingetroffen war.
»Schau' her: der Buchhändler schickt uns verschiedene Sachen zur Ansicht. Darunter ein eben erschienenes Werk eines englischen Naturforschers, eines gewissen Darwin: ›The Origin of Species‹ – und er macht uns aufmerksam, dass dies besonders interessant sei und geeignet, epochemachend zu wirken.«
»Er soll mich auslassen, der gute Mann. Wer soll sich in einer so wichtigen Zeit, wie die gegenwärtige, für derlei Lappalien interessieren? Was kann denn in einem Buch über Thier- und Pflanzenarten Epochemachendes für uns Menschen enthalten sein? Ja, die Konföderation der italienischen Staaten, die Hegemonie Österreichs im deutschen Bunde: das sind weittragende Dinge; die werden noch lange in der Geschichte bestehen, wenn von diesem englischen Buch da kein Mensch mehr etwas wissen wird. Merk' Dir das.«
Vier Jahre später. Meine beiden – nunmehr siebzehn-und achtzehnjährigen Schwestern – sollten bei Hofe vorgestellt werden. Aus diesem Anlass entschloß auch ich mich, wieder »in die Welt« zu gehen.
Die verstrichene Zeit hatte ihr Werk getan und meinen Schmerz allmählich gelindert. Die Verzweiflung wandelte sich in Trauer, die Trauer in Wehmut, die Wehmut in Gleichgültigkeit und diese endlich in erneute Lebensfreudigkeit. Ich erwachte eines schönen Morgens zum Bewusstsein, dass ich eigentlich in einer beneidenswerten, glückverheißenden Lage mich befand: dreiundzwanzig Jahre alt, schön, reich, hochgestellt, frei, Mutter eines allerliebsten Knaben, Glied einer liebenden Familie – waren das nicht Bedingungen genug, um des Lebens froh zu werden?
Das kurze Jahr meines Ehelebens lag hinter mir wie ein Traum. Ja – ich war in meinen schönen Husaren sterblich verliebt gewesen; ja – mein zärtlicher Mann hatte mich sehr glücklich gemacht; ja – die Trennung hatte mir großen Kummer, sein Verlust wilden Schmerz bereitet – aber das war vorbei, vorbei. So innig mit meinem ganzen Seelenleben verwachsen, dass ich eine Zerreißung nicht hätte überleben, nicht verschmerzen können, war ja meine Liebe nicht gewesen; dazu hatte unser Zusammensein zu kurz gedauert. Wir hatten uns angebetet, wie ein paar feurige Verliebte; aber Herz in Herz, Geist in Geist aufgegangen, in gegenseitiger Hochachtung und Freundschaft fest verbunden, wie dies manche Eheleute nach langen Jahren geteilten Leiden und Freuden sind, – das waren wir beide nicht gewesen. Auch ich war ja sein Höchstes, sein Unentbehrlichstes nicht; wäre er sonst so frohgemut und ohne zwingende Pflicht – sein Regiment hat niemals ausrücken müssen – fort von mir? Zudem war ich in den vier Jahren allmählich eine Andere geworden; mein geistiger Gesichtskreis hatte sich in vielem erweitert; ich war in den Besitz von Kenntnissen und Anschauungen gelangt, von welchen ich zur Zeit meiner Verheiratung keine Ahnung gehabt und von welchen auch Arno – das wusste ich jetzt zu beurteilen – sich keinen Begriff gemacht und so hätte er meinem jetzigen Seelenleben – wäre er auferstanden – in mancher Richtung fremd gegenüber gestanden.
Ein Jahr meiner Witwenschaft war verstrichen, die Verzweiflung – erste Phase – in Trauer übergegangen. Aber noch in eine sehr tiefe, herzblutende Trauer. Von einer Wiederanknüpfung geselliger Verbindungen wollte ich durchaus nichts wissen. Ich meinte, fortan müsse mein Leben nur noch mit der Erziehung meines Sohnes Rudolf ausgefüllt sein. Nie mehr nannte ich das Kind »Ruru« oder »Korporal«; die Babyspielereien des verliebten Elternpaares waren dahin; der Kleine war mein »Sohn Rudolf« geworden, meines ganzen Strebens, Hoffens, Liebens geheiligter Mittelpunkt. Um ihm einstens eine gute Lehrerin sein – oder doch, um seinen Studien folgen und ihm eine Geisteskameradin werden zu können, wollte ich selber so viel Wissen als möglich mir aneignen; zudem war Lesen die einzige Zerstreuung, die ich mir erlaubte – so vertiefte ich mich denn von neuem in die Schätze unserer Schloßbibliothek. Namentlich drängte es mich, mein einstiges Lieblingsstudium – die Geschichte – wieder aufzunehmen. In der letzten Zeit, als der Krieg von meinen Zeitgenossen und von mir selber so schwere Opfer gefordert hatte, war mein früherer Enthusiasmus stark abgekühlt worden und ich wünschte denselben durch entsprechende Lektüre wieder anzufachen. Und in der That, es gewährte mir manchmal einen gewissen Trost, wenn ich ein paar Seiten Schlachtenberichte mit den daran geknüpften Heldenverherrlichungen gelesen, zu denken, dass der Tod meines armen Mannes und mein eigenes Witwenleid als Parzellen in einem ähnlichen großen geschichtlichen Vorgang enthalten waren. Ich sage »manchmal« – nicht immer. So ganz und gar konnte ich mich doch nicht mehr in jene Stimmungen meiner Mädchenzeit zurückversetzen, wo ich es der Jungfrau von Orleans hätte gleich tun mögen. Vieles, vieles in den gelesenen überschwänglichen Ruhmestiraden, welche die Schlachtenberichte begleiteten, klang mir falsch und hohl, wenn ich mir zugleich die Schrecken der Schlacht vergegenwärtigte – so falsch und hohl, wie eine als Preis für eine echte Perle erhaltene Blechmünze. Die Perle Leben – ist die wohl ehrlich bezahlt, mit den Blechphrasen der geschichtlichen Nachrufe? ...
Bald hatte ich den Vorrat der in unserer Bücherei vorhandenen historischen Werke erschöpft. Ich bat unseren Buchhändler, er möge mir ein neues Geschichtswerk zur Ansicht schicken. Er schickte Thomas Buckles »History of Civilization«. »Das Werk ist nicht vollendet,« schrieb der Buchhändler, »aber die beifolgenden zwei, als Einleitung dienenden Bände bilden an und für sich ein abgeschlossenes Ganzes und ihr Erscheinen hat sowohl in England, als in der übrigen gebildeten Welt großes Aufsehen erregt; der Verfasser, so sagt man, habe damit den Grundstein zu einer neuen Auffassung der Geschichte gelegt.«
In der That ja: – ganz neu. Mir war, nachdem ich diese zwei Bände gelesen und wieder gelesen, wie Jemandem zu Mute, der zeitlebens in einem engen Thalkessel gewohnt und zum erstenmale auf eine der umgebenden Bergspitzen hinaufgeführt worden, von wo ein ausgestrecktes Stück Land zu sehen ist, mit Bauten und Gärten bedeckt, von endlosem Meere begrenzt. Ich will nicht behaupten, dass ich – die Zwanzigjährige, welcher die bekannte oberflächliche höhere Töchtererziehung zu teil geworden – das Buch in seiner ganzen Tragweite verstand, oder – um obiges Bild beizubehalten – dass ich die Erhabenheit der Monumentalbauten und die Größe des Ozeans erfasste, die vor meinen überraschten Blicken lagen; aber ich war geblendet, war überwältigt; ich sah, dass es jenseits meines engen Heimatthales eine weite, weite Welt gab, von der ich bisher niemals Kunde erhalten. Erst, als ich das Buch nach fünfzehn oder zwanzig Jahren wieder las, und nachdem ich andere im selben Geist verfasste Werke studiert hatte, konnte ich mir vielleicht anmaßen, zu sagen, dass ich es verstehe. Doch eins wurde mir auch schon damals klar: die Geschichte der Menschheit wird nicht – wie dies die alte Auffassung war – durch die Könige und Staatsmänner, durch die Kriege und Traktate bestimmt, welche der Ehrgeiz der einen und die Schlauheit der anderen ins Leben rufen, sondern durch die allmähliche Entwicklung der Intelligenz. Die Hof- und Schlachtenchroniken, welche in den Historienbüchern an einan der gereiht sind, stellen einzelne Erscheinungen der jeweiligen Kulturzustände vor, nicht aber deren bewegende Ursachen. Von der althergebrachten Bewunderung, mit welcher andere Geschichtsschreiber die Lebensläufe gewaltiger Eroberer und Länderverwüster zu erzählen pflegen, konnte ich in Buckle gar nichts finden. Im Gegenteil, er führt den Nachweis, dass das Ansehen des Kriegerstandes im umgekehrten Verhältnis zu der Kulturhöhe eines Volkes steht: – je tiefer in der barbarischen Vergangenheit zurück, desto häufiger die gegenseitige Bekriegung und desto enger die Grenzen des Friedens: Provinz gegen Provinz, Stadt gegen Stadt, Familie gegen Familie. Er betont, dass im Fortschritt der Gesellschaft, mehr noch als der Krieg selber, die Liebe zum Kriege im Schwinden begriffen sei. Das war mir aus der Seele gesprochen. Sogar in meinem kurzen Innenleben war diese Verminderung vor sich gegangen; und wenn ich oft diese Regung als etwas Feiges, Unwürdiges unterdrückt hatte, glaubend, dass ich allein mich solchen Frevels schuldig mache, so erkannte ich jetzt, dass dies bei mir nur der schwache Widerhall des Zeitgeistes war; dass Gelehrte und Denker, wie dieser englische Geschichtsschreiber, dass unzählige Menschen mit ihm, die einstige Kriegsvergötterung verloren hatten, welche – wie sie eine Phase meiner Kindheit gewesen – in diesem Buche auch als eine Phase aus der Kindheit der Gesellschaft dargestellt war.
Somit hatte ich in Buckles Geschichtswerke eigentlich das Gegenteil von dem gefunden, was ich gesucht. Dennoch empfand ich diesen Fund als einen Gewinn – ich fühlte mich dadurch gehoben, geklärt, beruhigt. Einmal versuchte ich mit meinem Vater über diese neugewonnenen Gesichtspunkte zu reden – aber vergebens. Auf den Berg hinauf wollte er mir nicht folgen – das heißt er wollte das Buch nicht lesen – also war es aussichtslos, mit ihm von Dingen zu reden, die man nur von dort oben aus wahrnehmen konnte.
Nun folgte das Jahr – zweite Phase –, da die Trauer in Melancholie übergegangen war. Jetzt las und studierte ich noch fleißiger. Das erste Werk Buckles hatte mir Geschmack am Nachdenken gegeben und die Freuden eines erweiterten Weltausblickes kosten gemacht. Davon wollte ich nun noch immer mehr und mehr genießen, und so ließ ich diesem Buche noch viele andere, im gleichen Geist verfasste, folgen. Und das Interesse, die Genüsse, welche ich in diesen Studien fand, trugen dazu bei, die dritte Phase eintreten – nämlich die Melancholie schwinden zu machen. Als aber die letzte Wandlung mit mir vorging, das ist, als die Lebenslust von neuem erwachte, da wollten mir auf einmal die Bücher nicht mehr genügen; da sah ich auf einmal ein, dass Ethnographie und Anthropologie und vergleichende Mythologie und sonstige -logien und -graphien unmöglich meine Sehnsucht stillen konnten; dass für eine junge Frau in meiner Lage das Leben noch ganz andere Glücksblüten bereit hielt, nach welchen ich nur die Hand auszustrecken brauchte ... Und so kam es, dass ich im Winter 1863 mich anbot, meine jüngeren Schwestern selber in die Welt einzuführen und meine Salons der wiener Gesellschaft öffnete.
Martha Gräfin Dotzky, eine reiche, junge Witwe. Unter diesem vielversprechenden Namen stand ich auf dem Personenverzeichnis der »große-Welt«-Komödie. Und ich muss sagen, die Rolle sagte mir zu. Es ist kein geringes Vergnügen, von allen Seiten Huldigungen zu empfangen, von der ganzen Gesellschaft gefeiert, verwöhnt, mit Auszeichnungen überschüttet zu werden. Es ist kein geringer Genuss, nach beinahe vierjähriger Weltabgeschiedenheit plötzlich in einen Strudel von allerlei Vergnügungen zu gelangen; interessante, bedeutende Menschen kennen zu lernen, an fast jedem Tage ein glänzendes Fest mitzumachen – und dabei sich selber als den Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit zu fühlen.
Wir drei Schwestern hatten den Spitznamen »die Göttinnen vom Berge Ida« bekommen und die Erisäpfel lassen sich nicht zählen, welche die verschiedenen jungen Parisse unter uns verteilten; ich natürlich – in meiner oben erwähnten Theaterzettelwürde »reiche, junge Witwe« war gewöhnlich die Bevorzugte. Es galt übrigens in meiner Familie – und auch ein klein wenig in meinem eigenen Bewusstsein – als ausgemachte Sache, dass ich mich wieder vermählen würde. Tante Marie pflegte in ihren Homilien nicht mehr auf den Verklärten anzuspielen, der »dort oben meiner harrte«, denn wenn ich in den kurzen Erdenjahren, die mich vom Grabe trennten, mir einen zweiten Gatten angeeignet – eine von Tante Marie selber gewünschte Eventualität – so war dadurch die Gemütlichkeit des himmlischen Wiedersehens mit dem ersten stark beeinträchtigt.
Alle um mich herum schienen Arnos Existenz vergessen zu haben – nur ich nicht. Obwohl die Zeit meinen Schmerz um ihn geheilt hatte – sein Bild hatte sie nicht verlöscht. Man kann aufhören um seine Toten zu trauern – die Trauer hängt auch nicht vom Willen ab – aber vergessen soll man sie nicht. Ich betrachtete dieses von meiner Umgebung geübte Todschweigen eines Verstorbenen als eine zweite nachträgliche Tötung und vermied es, den Armen auch noch totzudenken. Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, täglich zum kleinen Rudolf von seinem Vater zu sprechen, und in seinem Abendgebet musste das Kind stets sagen: »Gott, lass mich gut und brav sein, meinem geliebten Vater Arno zu Liebe!«
Meine Schwestern und ich »amüsierten« uns köstlich – ich gewiss nicht minder als sie. Es war ja sozusagen auch mein Debut in der Welt. Das erste Mal war ich als Braut und Neuvermählte eingeführt worden; da hatten sich selbstverständlich alle Kurmacher von mir fern gehalten, und was ist des »Welt«-Lebens höchster Reiz, wenn nicht die Kurmacher? Aber sonderbar: so sehr es mir behagte, von einer Schar von Anbetern umgeben zu sein, keiner von ihnen machte einen tieferen Eindruck auf mich. Es lag eine Schranke zwischen ihnen und mir, die schier unübersteiglich war. Und diese Schranke hatte sich durch die drei Jahre meines einsamen Studierens und Denkens aufgerichtet. Alle diese glänzenden jungen Herren, deren Lebensinteressen in Sport, Spiel, Ballet, Hofklatsch und, wenn es hoch ging, in Berufsehrgeiz (die meisten waren Militärs) gipfelten, die hatten von den Dingen, die ich in meinen Büchern von ferne erschaut und an denen mein Geist sich gelabt, auch nicht die entfernteste Idee. Jene Sprache, von der ich freilich auch nur die Anfangsgründe kennen gelernt, von der ich aber wusste, dass in ihr durch die Männer der Wissenschaft die höchsten Fragen beraten und einst gelöst werden; jene Sprache war ihnen nicht nur »spanisch«, sondern – patagonisch.
Unter dieser Kategorie junger Leute würde ich mir keinen Gatten wählen – das stand fest. Überhaupt hatte ich keine Eile, meine Freiheit, die mir so wohl gefiel, wieder aufzugeben. Ich wusste meine seinwollenden Freier so in Entfernung zu halten, dass keiner einen Antrag wagte und dass auch niemand in der Gesellschaft das kompromittierende Wort von mir sagen konnte: »Sie lässt sich den Hof machen.« Mein Sohn Rudolf sollte einst auf seine Mutter stolz sein dürfen – keinen Hauch des Verdachtes auf dem blanken Spiegel ihres guten Rufes vorfinden. Wenn jedoch der Fall einträte, dass mein Herz von neuem in Liebe erglühte – es konnte nur für einen Würdigen sein – dann war ich ja geneigt, das Anrecht, welches meine Jugend noch auf irdisches Glück besaß, geltend zu machen und eine zweite Ehe einzugehen.
Unterdessen – von Liebe und Glück abgesehen – war ich recht guter Dinge. Der Tanz, das Theater, der Putz: an alledem fand ich lebhaftes Vergnügen. Dabei vernachlässigte ich weder meinen kleinen Rudolf noch meine eigene Ausbildung. Nicht, dass ich mich in gründliche Fachstudien vertiefte; aber über die Bewegung der Geister erhielt ich mich stets auf dem Laufenden, indem ich mir die hervorragendsten neuen Erscheinungen der Weltlitteratur anschaffte und regelmäßig sämtliche Artikel, auch die wissenschaftlichen, der »Revue des deux Mondes« und ähnlicher Zeitschriften aufmerksam las. Diese Beschäftigung hatte freilich zur Folge, dass die vorerwähnte Schranke, welche mein Seelenleben von der mich umgebenden Junge-Herrenwelt abschloß, immer höher wurde – aber das war schon recht so. Gern hätte ich in meinen Salon einige Persönlichkeiten aus der Litteraten- und Gelehrtenwelt zugezogen, allein dies war in der Mitte, in der ich mich bewegte, nicht recht thunlich. Bürgerliche Elemente werden der österreichischen sogenannten »Societät« nicht beigemischt. Namentlich damals; seither hat sich dieser ausschließliche Geist etwas geändert und es ist Mode geworden, einzelnen Vertretern der Kunst und Wissenschaft seine Salons zu öffnen. Zu der Zeit, von der ich spreche, war dies jedoch nicht der Fall; was nicht hoffähig war – das heißt was nicht sechzehn Ahnen aufzuweisen hatte – war von vornherein ausgeschlossen. Unsere gewohnte Gesellschaft wäre ganz unangenehm überrascht gewesen, bei mir unadelige Leute anzutreffen, und hätte nicht den rechten Ton gefunden, mit solchen zu verkehren. Und diese selber hätten meinen mit »Komtesseln« und Sportsmen, mit alten Generälen und alten Stiftsdamen gefüllten Salon schon gar unerträglich langweilig gefunden. Welchen Anteil konnten Männer von Geist und Wissen, Schriftsteller und Künstler, an den ewig gleichen Erörterungen nehmen: bei wem gestern getanzt worden und bei wem morgen getanzt wird – ob bei Schwarzenberg, bei Pallavicini oder bei Hof – welche Passionen Baronin Pacher einflößt, welche Partie Komteß Palffy ausgeschlagen, wieviel Herrschaften Fürst Croy besitzt, was die junge Almasy für eine »Geborene« sei, ob eine Festetics oder eine Wenkheim, und ob die Wenkheim, deren Mutter ein Khevenhüller gewesen u.s.w. u.s.w. Das war nämlich so der Stoff der meisten um mich herum geführten Unterhaltungen. Auch die geistvollen und unterrichteten Leute, von welchen doch gar manche in unseren Kreisen sich fanden – Staatsmänner und dergleichen – glaubten sich verpflichtet, wenn sie mit uns – tanzender Jugend – verkehrten, denselben frivolen und inhaltslosen Ton anzuschlagen. Wie gerne hätte ich oft nach einem Diner mich in die Ecke begeben, wo ein paar unserer vielgereisten Diplomaten, beredten Reichsräten, oder sonstige bedeutende Männer über bedeutende Fragen ihre Meinung austauschten – aber das war nicht thunlich; ich musste schon bei den anderen jungen Frauen bleiben und die Toiletten besprechen, die wir für den nächsten großen Ball vorbereiteten. Und hätte ich mich auch in jene Gruppe eingedrängt, sogleich würden die eben geführten Gespräche über Nationalökonomie, über Byrons Poesie, über Theorien von Strauß und Renan verstummt sein und es würde geheißen haben: »Ach, Gräfin Dotzky! ... gestern auf dem Damen-Pique-nique haben Sie bezaubernd ausgesehen ... und Sie gehen doch morgen zum Empfang bei der russischen Botschaft?«
Ich neigte den Kopf. Der Vorstellende entfernte sich und der Vorgestellte blieb stumm. Ich fasste dies als eine Aufforderung zum Tanze auf und erhob mich von meinem Sitz – mit gerundet aufgehobenem linken Arm, bereit, ihn auf Baron Tillings Schulter zu lehnen.
Ich blickte erstaunt auf. Der Baron machte ein sehr ernstes Gesicht. Er war überhaupt ein ernsthaft aussehender Mann – nicht mehr jung, etwa vierzig, mit einigen Silberfäden an den Schläfen – im ganzen eine vornehme, sympathische Erscheinung. Ich hatte mir angewöhnt, jeden Neuvorgestellten auf die Frage hin prüfend anzusehen: Bist Du ein Freier? – würde ich Dich nehmen? Beide Fragen beantwortete ich mir in diesem Falle mit einem schnellen »Nein«. Es fehlte dem Betreffenden durchaus der verbindlich-anbetende Ausdruck, welchen alle jene anzunehmen pflegen, die sich den Frauen mit sogenannten »Absichten« nahen; – und die andere Frage fand schon durch seine Uniform verneinende Erledigung. Ein zweites Mal würde ich keinem Soldaten die Hand reichen – das hatte ich mir fest vorgenommen. Nicht nur aus dem Grunde, um kein zweites Mal der schrecklichen Angst ausgesetzt zu werden, den Gatten ins Feld ziehen zu sehen, sondern weil ich seither über den Krieg im allgemeinen zu Ansichten gelangt war, in welchen ich unmöglich mit einem Krieger hätte übereinstimmen können.
»Ich will Sie nicht lange belästigen, Gräfin. Was ich Ihnen mitzuteilen habe, passt nicht in ein Ballfest. Ich wollte mir nur die Erlaubnis erbitten, mich in Ihrem Hause einzufinden; können Sie mir gnädigst einen Tag und eine Stunde bestimmen, wann ich Sie sprechen darf?«
Eine Weile später kam mein Vetter Althaus vorbei. Ich rief ihn zu mir, ließ ihn an meiner Seite Platz nehmen und verlangte Auskunft über Baron Tilling.
»Gefällt er Dir? Hat er dir solch' tiefen Eindruck gemacht, dass Du Dich gar so angelegentlich erkundigst? Er ist zu haben – das heißt er ist noch ledig. Darum soll er aber doch nicht frei sein ... Man munkelt, dass eine sehr hohe Dame (Althaus nannte eine Prinzessin aus regierendem Hause) ihn durch zarte Bande an sich fesselt – deshalb heirate er nicht. Sein Regiment ist erst seit kurzer Zeit hierher versetzt worden, daher hat man ihm noch nicht viel in der Gesellschaft begegnet – auch ist er, glaube ich, ein Feind von Bällen und dergleichen. Ich habe ihn im adeligen Kasino kennen gelernt, wo er täglich ein paar Stunden verbringt, aber gewöhnlich im Lesezimmer in die Zeitungen, oder mit unseren besten Schachspielern in eine Partie vertieft. Ich war erstaunt, ihn hier zu treffen – da jedoch die Hausfrau seine Kousine ist, so erklärt sich seine kurze Erscheinung auf dem Ball – er ist auch schon wieder weg. Nachdem er sich von Dir empfohlen, sah ich ihn fortgehen.«
»Nein, nur Dir. Aber darum musst Du Dir nicht einbilden, dass Du es ihm von weitem angethan, und er deshalb verlangte, Dich kennen zu lernen: – »Können Sie mir nicht sagen, fragte er mich, ob eine gewisse Gräfin Dotzky, geborene Althaus – vermutlich mit Ihnen verwandt – hier anwesend ist? Ich muss mit derselben sprechen.« – »Ja, antwortete ich, auf Dich zeigend, – dort in jener Ecke auf dem Sofa – im blauen Kleide.« – »Ah, die? Seien Sie so gut, stellen Sie mich vor.« – Was ich denn bereitwilligst that, ohne zu ahnen, dass ich Dich dadurch um Deine Ruhe bringen würde.«
»So sprich doch keinen Unsinn, Konrad – meine Ruhe ist nicht so leicht zu untergraben. Tilling? was ist das für eine Familie? – ich höre den Namen zum erstenmale.«
»Aha, Du gibst nicht nach ... Ist das ein Glücksmensch! Ich habe mich durch volle drei Monate, mit Aufwand aller meiner Bezauberungskräfte, in Deine Gunst einzuschleichen versucht – vergebens. Und dieser kalte Oberstlieutenant – denn er ist kalt und fühllos, lass Dir das gesagt sein – kam, sah und siegte. – Was ›Tilling‹ für eine Familie sei, fragtest Du? Ich glaube preußischen Ursprungs – doch war schon sein Vater in österreichische Dienste getreten – seine Mutter ist auch Preußin – Du musst seinen norddeutschen Accent bemerkt haben.«
»Natürlich – alles ist wunderschön an ihm.« Althaus stand auf. »Jetzt habe ich gerade genug. Erlaube, dass ich Dich Deinen Träumen überlasse; ich will versuchen, mich mit Damen zu unterhalten, welche«
Ich verließ den Ball zu früher Stunde. Meine Schwestern konnten unter dem Schutze Tante Maries noch bleiben und mich hielt nichts zurück. Die Lust am Tanzen war mir vergangen, ich fühlte mich ermüdet und sehnte mich nach Einsamkeit. Warum? ... Doch nicht, um ungestört an Tilling denken zu können? .. Es scheint doch so – da ich noch um Mitternacht die roten Hefte mit Eintragung der oben angeführten Gespräche bereicherte und Betrachtungen daran knüpfte, wie folgt: »Ein interessanter Mensch, dieser Tilling ... Die hohe Frau, die ihn liebt, denkt jetzt wahrscheinlich an ihn ... oder vielleicht kniet er in diesem Augenblick zu ihren Füßen und sie ist nicht so allein – allein – wie ich. Ach, jemand so recht innig lieben zu können ... es müsste nicht eben Tilling sein – ich kenne ihn ja nicht ... Nicht um Tilling beneide ich die Prinzessin, aber um ihr Verliebtsein. Und je leidenschaftlicher, je wärmer sie ihm zugethan ist, desto mehr beneide ich sie.«
Mein erster Gedanke beim Erwachen war wieder – Tilling. Ja richtig: er hatte sich für diesen Tag behufs wichtiger Mitteilungen bei mir angesagt. So gespannt, wie auf diesen Besuch, hatte ich mich schon lange nicht gefühlt.
Um die bestimmte Stunde gab ich Befehl, dass mit Ausnahme des Erwarteten niemand vorgelassen werde. Meine Schwestern waren nicht zu Hause Tante Marie, die unermüdliche garde-dame, hatte sie auf den Eislaufplatz begleitet.
Ich setzte mich in meinen kleinen Salon – mit einer hübschen Haustoilette von violettem Sammt angethan (violett steht Blondinen bekanntlich vorteilhaft), nahm ein Buch zur Hand und wartete. Lang' habe ich nicht warten müssen: zehn Minuten nach Zwei trat Freiherr von Tilling bei mir ein.
»Glücklicherweise,« antwortete ich lächelnd, indem ich ihm einen Platz anwies; »ich hätte sonst vor Ungeduld vergehen müssen, denn Sie haben mich wahrhaftig in große Spannung versetzt.«
»Dann will ich gleich, ohne lange Einleitung, sagen, was ich zu sagen habe. Dass ich es nicht schon gestern getan, geschah, um Ihre fröhliche Stimmung nicht zu trüben –«
»Zittern Sie nicht, Gräfin. Wenn diese letzten Augenblicke so schrecklich gewesen wären, wie bei so manchen anderen Kameraden, so würde ich Ihnen sicher nicht davon gesprochen haben: es gibt nichts Traurigeres, als von einem teueren Toten zu erfahren, dass er qualvoll gestorben – das ist aber hier nicht der Fall.«
»Ich werde Ihnen nicht die leere Phrase wiederholen, mit welcher man Soldatenhinterbliebene zu trösten pflegt. ›Er starb als Held‹, denn ich weiß nicht recht, was man damit sagen will; – den wirklichen Trost kann ich Ihnen aber bieten: er starb, ohne an den Tod zu denken. Er war von allem Anfang überzeugt, dass ihm nichts geschehen werde. Wir waren viel zusammen und er erzählte mir oft von seinem Familienglück, zeigte mir das Bild seines schönen jungen Weibchens und das seines Kindes; er lud mich ein, ›wenn nur einmal die Campagne aus sei‹, ihn in seiner Häuslichkeit zu besuchen. In dem Gemetzel von Magenta befand ich mich zufällig an seiner Seite. Ich erspare Ihnen die Schilderung der vorhergehenden Szenen – so etwas erzählt sich nicht. Männer, die kriegerischen Geistes sind, werden mitten im Pulverdampf und Kugelregen von so einem Taumel erfasst, dass sie eigentlich nicht wissen, was um sie vorgeht. Dotzky war ein solcher Mann. Seine Augen sprühten, er zielte mit fester Hand; er war in vollem Kriegsrausch, das konnte ich – Nüchterner – sehen. Da kam ein Hohlgeschoß geflogen und fiel auf ein paar Schritte Entfernung vor uns nieder. Als das Ungetüm platzte, stürzten zehn Mann zusammen – darunter Dotzky. Es erhob sich ein Jammergeschrei unter den Unglücklichen – aber Dotzky schrie nicht: er war tot. Ich und noch ein paar Kameraden bückten uns zu den Getroffenen herab, um ihnen, wenn möglich, Hilfe zu bringen. – Es war aber nicht möglich. Sie rangen alle mit dem Tode, auf das greulichste zerrissen und zerfleischt, die Beute schrecklichster Schmerzen ... Nur Dotzky, zu dem ich mich zuerst auf den Boden gekniet, atmete nicht mehr; sein Herz stand still und aus der aufgerissenen Seite quoll das Blut in solchen Strömen, dass – wenn sein Zustand auch nur Ohnmacht und nicht der Tod gewesen wäre – es nicht zu befürchten stand, dass er wieder zu sich komme –«
»Ja – denn wir mussten sie hilflos da liegen lassen: vor uns erklang wieder das mordgebietende »Hurra!« und hinter uns stürmten berittene Scharen heran, welche über diese Sterbenden hinwegsetzen würden – glücklich der Bewusstlose! Sein Gesicht hatte einen ganz ruhigen, schmerzlosen Ausdruck – und als wir, nachdem der Kampf vorüber war, unsere Toten und Verwundeten auflasen, fand ich ihn auf derselben Stelle, in gleicher Lage und mit dem gleichen friedlichen Ausdruck. Das habe ich Ihnen sagen wollen, Gräfin. Freilich hätte ich das schon vor Jahren tun können und, da ich nicht mit Ihnen zusammentraf, an Sie schreiben – aber die Idee kam mir erst gestern, als mir meine Cousine sagte, sie erwarte unter ihren Gästen die schöne Witwe Arno Dotzkys. Verzeihen Sie, wenn ich schmerzliche Erinnerungen wachgerufen; ich glaube doch eine Pflicht erfüllt und Sie von peinlichen Zweifeln befreit zu haben.«
»Ich danke, Baron Tilling,« sagte ich, meine Tränen trocknend. »Sie haben mir in der That ein wertvolles Geschenk gemacht: die Beruhigung, dass das Ende meines teueren Mannes frei von Schmerz und Qual war ... Aber bleiben Sie noch ein wenig, ich bitte Sie ... Ich wollte Sie noch sprechen hören ... Vorhin, in Ihrer Ausdrucksweise, haben Sie einen Ton angeschlagen, der in meinem Gemüte eine gewisse Saite vibrieren gemacht – ohne Umschweife: Sie verabscheuen den Krieg?«
»Verzeihen Sie, Gräfin,« sagte er, »wenn ich Ihnen über diesen Gegenstand nicht Rede stehe. Auch bedauere ich, mich nicht länger aufhalten zu können – ich werde erwartet.«
Der Fasching war zu Ende. Rosa und Lilli, meine Schwestern, hatten sich »ungeheuer amüsiert«. Jede verzeichnete ein halb Dutzend Eroberungen; dennoch befand sich keine wünschenswerte Partie darunter und der »Rechte« war für keine erschienen. Desto besser: sie wollten gern noch ein paar Mädchenjahre genießen, ehe sie ins Ehejoch traten.
»Ich bin froh, dass die Tanzerei vorüber ist. Es fing schon an, eintönig zu werden. Immer dieselben Touren und immer dieselben Gespräche und immer ein und derselbe Tänzer: – denn ob es nun der Husarenlieutenant X, oder der Dragonerlieutenant Y, oder der Ulanenrittmeister Z ist – es sind doch die gleichen Verbeugungen, die gleichen Bemerkungen, die gleichen Seufzer und Blicke. Nicht ein interessanter Mensch darunter, nicht einer. Und der einzige der allenfalls ... reden wir nichts von dem, der gehört ja seiner Prinzessin. Sie ist eine hübsche Frau, ja – zugestanden, aber ich finde sie sehr unsympathisch.«
Obgleich der Fasching mit seinen großen Ballfesten zu Ende war, so hatten die geselligen Vergnügungen darum nicht aufgehört. Soiréen, Diners, Konzerte: der Wirbel dauerte fort. Auch eine große Liebhabertheatervorstellung ward in Aussicht genommen – dies jedoch erst nach Ostern. Für die Fastenzeit war doch eine Mäßigung in Vergnügen geboten – nach Tante Maries Ansicht mäßigten wir uns lange nicht genug. Dass ich die Fastenpredigten nicht regelmäßig besuchte, konnte sie mir nicht recht verzeihen, und sie entschädigte sich für meine Lauheit, indem sie Rosa und Lilli zu allen berühmten Kanzelrednern schleppte. Die Mädchen ließen sich das gern gefallen; einmal trafen sie in den Kirchen mit ihrer ganzen gewohnten Koterie zusammen – Pater Klinkowström war ebensosehr Mode bei den Jesuiten, als die Murska in der Oper, und in zweiter Linie waren sie ja auch leidlich fromm.
Aber nicht nur den Predigten, auch den Soiréen hielt ich mich während jener Fastenzeit ziemlich fern. Ich hatte plötzlich an geselligen Zusammenkünften den Geschmack verloren und liebte es, manchmal allein zu Hause zu bleiben – mit meinem Sohn zu spielen, und wenn der Kleine zu Bett gebracht war, mich mit einem guten Buch an das Kaminfeuer zu setzen und zu lesen. Zuweilen besuchte mich dann mein Vater und verplauderte ein bis zwei Stunden bei mir. Natürlich kamen die Feldzugserinnerungen dabei unablässig zum Vorschein. Ich hatte ihm Tillings Bericht über Arnos Ende mitgeteilt; er nahm die Geschichte jedoch ziemlich kühl auf. Ob einer mit Schmerzen oder ohne Schmerzen geendet, schien ihm eine ganz nebensächliche Frage. »Geblieben« sein – wie der Tod auf dem Schlachtfelde heißt – war seiner Anschauung nach eine so rühmliche – durch ein so erhabenes Fatum herbeigeführte Sache, dass die Details der dabei allenfalls ausgestandenen körperlichen Leiden garnicht in Betracht kamen. In seinem Munde klang das »Geblieben« stets wie die neidende Konstatierung einer besonderen Auszeichnung, und die dem »Bleiben« nächstfolgende Annehmlichkeit war nach seiner Auffassung offenbar das »Blessiert«-werden. Die Art und Weise, wie er von sich mit Stolz und von den anderen mit Respekt erzählte, dass sie bei diesem oder jenem – nach irgend einer Ortschaft benannten – Gefecht verwundet worden, ließ einen ganz vergessen, dass das Ding eigentlich weh tun könne. Welch ein Unterschied mit der kurzen Erzählung Tillings: in der Schilderung der zehn Unglücklichen, welche, von dem platzenden Geschoß zerschmettert, in lauten Jammer ausbrachen – was lag da für ein anderer Ton erschütternden Mitleids darin! Ich habe Tillings Worte meinem Vater nicht wiederholt, denn ich empfand instinktiv, dass ihm dieselben unsoldatenmäßig erschienen wären und seine Achtung vor dem Sprecher beeinträchtigt hätten, und das hätte mich verdrossen; denn gerade der vielleicht unsoldatische, aber sicherlich menschliche Abscheu, mit welchem er das schreckliche Ende seiner Kampfgenossen geschaut und erzählt, war mir ins Herz gedrungen.
Wie gern hätte ich mit Tilling über dieses Thema noch weiter gesprochen – aber er schien meine Bekanntschaft nicht pflegen zu wollen. Seit seinem Besuche waren vierzehn Tage vergangen und weder hatte er den Besuch wiederholt, noch war ich ihm in der Gesellschaft begegnet. Nur zwei- oder dreimal auf der Ringstraße und einmal im Burgtheater war ich seiner ansichtig geworden: er grüßte ehrerbietig, ich dankte freundlich – weiter nichts. Weiter nichts? ... Warum klopfte mir bei diesen Gelegenheiten das Herz, warum konnte ich dann stundenlang die Gebärde seines Grußes nicht aus dem Sinn bringen? ...
»Liebes Kind, ich habe eine Bitte an Dich.« Mit diesen Worten trat eines Vormittags mein Vater bei mir ein. Er hielt ein papierumwickeltes Paket in der Hand, »hier bringe ich Dir etwas mit,« fügte er hinzu, das Ding auf einen Tisch legend.
Übrigens sind unter den Gästen auch ein paar jüngere Elemente: Doktor Bresser, der mich in meiner letzten Krankheit so ausgezeichnet behandelt hat und dem ich die Artigkeit einer Einladung erweisen wollte; ferner Oberstlieutenant Tilling – Du wirst ja ganz feuerrot – was ist Dir?«
»Ich habe schon mit drei Jahren Soldaten gespielt – man kann nicht früh genug damit anfangen ... Meine allerersten Eindrücke waren Trommeln, Säbel – exerzieren, kommandieren: auf die Art erwacht die Liebe zum Metier, auf die Art –«
»Ich war auch ein einziger Sohn und bin Soldat geworden. Arno hat keine Geschwister, so viel ich weiß, und Dein Bruder Otto ist gleichfalls einziger Sohn und ich habe ihn doch in die Militärakademie gegeben. Die Tradition unserer Familie fordert es, dass der Sprosse eines Dotzky und einer Althaus seine Dienste dem Vaterlande weihe.«
»Dann gäbe es keine Paraden und Revuen – und keine Männerwälle zum Niederschießen – kein ›Kanonenfutter‹, wie der bezeichnende Ausdruck heißt. Das wäre auch kein Unglück.«
»Ach, ihr Weiber,« sagte er verächtlich. »Zum Glück wird der Junge nicht um Deine Erlaubnis fragen; das Soldatenblut fließt ihm in den Adern – Na, und Dein einziger Sohn wird er ja nicht bleiben. Du musst wieder heiraten, Martha. In Deinem Alter ist's nicht gut, allein sein. Erzähl' mir: giebt es keinen unter Deinen Bewerbern, der vor Deinen Augen Gnade findet? Da ist zum Beispiel der Rittmeister Olensky, der sterblich in Dich verliebt ist – er hat mir neulich wieder vorgeseufzt. Der gefiele mir recht gut als Schwiegersohn.«
»Und wenn Du mir den ganzen Militärschematismus hersagst – es ist vergebens. Um wie viel Uhr findet Dein Diner statt – wann soll ich kommen?« fragte ich, um abzubrechen.
Eine feierliche, steife, einschläfernde Geschichte – so hatte mein Vater sein bevorstehendes Diner genannt; und so würde ich die Ceremonie auch aufgefaßt haben, wäre nicht der eine Gast gewesen, dessen Nähe mich eigentümlich bewegte ...
Baron Tilling war knapp vor dem Speisen gekommen; ich hatte daher, als er mich im Salon begrüßte, nur zu einem ganz kurzen Wortaustausch Zeit gefunden, und bei Tisch, wo ich zwischen zwei eisgrauen Generälen saß, war der Baron so weit von mir entfernt, dass ich ihn unmöglich in die an unserem Tischende geführte Unterhaltung ziehen konnte. Ich freute mich auf die Rückkehr in den Salon; dort wollte ich Tilling an meine Seite rufen und ihn noch weiter ausforschen über jene Schlachtzene; ich sehnte mich darnach, noch einmal jenen Ton zu hören, der mich das erste Mal so sympathisch berührt hatte.
Doch zur Ausführung dieses Vorhabens bot sich mir anfänglich keine Gelegenheit; die beiden Eisgrauen blieben mir auch nach Tische treu und nahmen an meiner Zeite Platz, als ich im Salon mich anschickte, den schwarzen Kaffee einzugießen. Dazu gesellten sich noch, im Halbkreis, mein Vater, der Minister ***, Doktor Bresser – und auch Tilling, aber die sich entspinnende Unterhaltung war eine allgemeine. Die übrigen Gäste, darunter sämtliche Damen, ließen sich in einer anderen Ecke des Salons nieder, wo nicht geraucht wurde; während in unserer Ecke – auch ich hatte mir eine Cigarette angezündet – das Rauchen gestattet war.
»Eher mit Italien,« versicherte mein Vater. »Wir müssen doch unsere Lombardei zurückbekommen ... So einen Einmarsch in Mailand, wie im Jahre 49 mit Vater Radetzky an der Spitze – das wollte ich doch noch erleben. Es war an einem sonnigen Vormittag –«
»Der Hupfauf also – vom Regiment Tiroler Jäger – selber ein Tiroler, hat ein famoses Stück'l aufgeführt. Er war der beste Schütz', den man sich denken kann; bei allen Scheibenschießen war er immer König – er traf fast jedesmal ins Ziel. Was hat der Mann getan, als die Mailänder revoltierten? Er erbat sich die Erlaubnis, mit vier Kameraden auf das Dach des Domes zu steigen und von dort auf die Rebellen herab zu schießen. Man hat's ihm erlaubt und er hat's auch ausgeführt. Die vier anderen, von welchen jeder einen Stutzen trug, thaten weiter nichts, als ohne Unterlaß ihre Waffen laden und sie dem Hupfauf reichen, damit dieser keine Zeit verliere. Und so hat er hintereinander neunzig Italiener totgeschossen.«
»Abscheulich!« rief ich. »Jeder dieser totgeschossenen Italiener, auf die der oben aus sicherer Höhe zielte, hatte eine Mutter und eine Geliebte zu Haus und hing wohl selber an seinem jungen Leben.«
»Sehr richtig,« sagte Doktor Bresser; »so lange der Begriff Feindschaft unter den Menschen sanktioniert wird, so lange können die Gebote der Menschlichkeit keine allgemeine Geltung erlangen.«
»Ich hätte dem Manne einen Orden gewünscht, der ihm die tapfere Brust geschmückt – und eine Kugel, die ihm das harte Herz durchschossen hätte. Beides wäre verdient gewesen.«
Ich warf dem Sprecher einen warmen, dankbaren Blick zu; die anderen aber, mit Ausnahme des Doktors, schienen von den eben gehörten Worten unangenehm berührt. Es entstand eine kleine Pause. Cela avait jeté un froid.
»Doch, Papa ... erinnere Dich nur: schon vor vier Jahren, als es eben erschienen war, hat uns unser Buchhändler das Buch geschickt und Du sagtest noch damals, es werde bald von aller Welt vergessen sein.«
»Alle Welt hingegen wird dadurch ziemlich in Aufregung versetzt,« sagte der Doktor. »Es wird aller Orten für und gegen die neue Abstammungslehre gestritten.«
»Ach, Sie meinen wohl die Affentheorie?« fragte der General zu meiner Rechten. »Davon war gestern im Kasino die Rede. Die Herren Gelehrten kommen oft auf sonderbare Einfälle – der Mensch soll ursprünglich ein Orang-Utang gewesen sein!«
»Allerdings,« nickte der Minister – (wenn Minister*** »allerdings« sagte, so war das ein Zeichen, dass er sich zu einer längeren Rede den Anlauf nahm), »die Sache klingt etwas komisch; doch kann dieselbe nicht als Scherz aufgefaßt werden. Es ist eine nicht ohne Talent und mit dem Apparat fleißig gesammelter Thatsachen aufgestellte wissenschaftliche Theorie, welche allerdings von den Männern vom Fach schon genügend widerlegt worden, welche aber, wie alle abenteuerlichen Ideen – so abgeschmackt dieselben auch seien – einen gewissen Effekt hervorgebracht hat und ihre Verteidiger findet. Über Darwin zu disputieren, ist Mode geworden. Es wird nicht lange dauern, so kann man das Wort »Darwinismus« erfinden – allerdings wird dann die so benannte Theorie selber schon aufgehört haben, ernst genommen zu werden. Es ist ein Fehler, dass die Leute in Bekämpfung dieses englischen Sonderlings sich so erhitzen; dadurch wird seiner Lehre eine Wichtigkeit beigelegt, die ihr nicht zukommt. Namentlich ist es die Geistlichkeit, welche sich gegen die allerdings herabwürdigende Zumutung zur Wehr setzt, dass der nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene Mensch jetzt plötzlich als dem Tierreich entstammend gedacht werden soll, eine vom religiösen Standpunkte aus allerdings höchst anstößige Annahme. Jedoch ist bekanntermaßen die kirchliche Verdammung einer unter dem Gewand der Wissenschaftlichkeit auftretenden Lehre, nicht im stande der Verbreitung derselben Einhalt zu tun. Dieselbe wird erst dann unschädlich, wenn sie von den Vertretern der Wissenschaft ad absurdum geführt worden ist, was gegenüber der Darwinischen allerdings –«
»Aber der Unsinn!« unterbrach mein Vater, welcher fürchten mochte, dass noch eine lange Kette von »allerdings« seine übrigen Gäste ermüden konnte, der Unsinn: vom Affen der Mensch! Da genügt doch wohl der sogenannte gesunde Menschenverstand, um solche tolle Einfälle abzuweisen – da braucht man doch nicht erst gelehrte Widerlegungen« ...
»Nun, für gar so apodiktisch sicher möchte ich diese Widerlegungen doch nicht halten,« nahm nun der Doktor das Wort. »Es haben sich zwar Zweifel erhoben, aber die Theorie hat doch manches Wahrscheinliche für sich und es wird noch eine Zeit brauchen, bis die Gelehrten einig werden.«
»Ich glaub' die Herren werden nie einig,« bemerkte der General zu meiner Linken, welcher in barschem Ton und in Wiener Dialekt zu sprechen pflegte, »die leben ja vom Disputieren. Ich hab' von der Affeng'schicht auch schon was g'hört. War mir aber zu dumm, um aufzupassen. Wenn man sich immer um alles Geschwätz kümmern sollt', mit dem uns die Sterngucker und Graspflücker und Froschhaxl-Untersucher ein X für ein U vormachen wollen – da müsst einem ja Hören und Sehen vergehen. Übrigens habe ich neulich in einer illustrierten Zeitung dem Darwin sein G'sicht g'sehen und das is selber so affenmäßig, dass ich fast glauben möcht, sein Großvater is ä Schimpans g'wesen.«
Diesem letzten, den Sprecher sehr befriedigenden Witz ließ derselbe ein schallendes Gelächter folgen, in welches mein Vater aus hausherrlicher Zuvorkommenheit einstimmte.
»Gelächter ist allerdings auch eine Waffe,« sprach der Minister ernst, – »beweist aber nichts. Dem Darwinismus – ich benütze schon das neue Wort – kann man doch auch ernsthafte, auf wissenschaftlicher Basis ruhende Argumente siegreich entgegenstellen. Wenn man gegen einen Schriftsteller ohne Autorität, Namen wie Linné, Cuvier, Agassiz, Quatrefages anführen kann, so muss dessen System zusammenstürzen. Andererseits lässt sich allerdings nicht leugnen, dass zwischen Mensch und Affe eine große Stammesähnlichkeit besteht und dass –«
»Trotz dieser Ähnlichkeit ist die Kluft doch eine meilenweite,« unterbrach der sanfte General. »Lässt sich ein Affe denken, der den Telegraphen erfinden könnte? Die Sprache allein erhebt den Menschen so weit über das Tier –«
»Entschuldigen Sie, Exzellenz,« sagte Doktor Bresser, »Sprache und technische Erfindungen waren dem Menschen nicht ursprünglich angeboren – ein Wilder wird auch heute noch keinen Telegraphenapparat konstruieren; das alles sind Früchte langsamer Vervollkommnung und Entwickelung –«
»Ja ja, lieber Doktor,« versetzte der General, »ich weiß: Entwickelung ist das Schlagwort der neuen Theorie – aber aus einem Känguruh entwickelt sich kein Kameel ... und warum sieht man heutzutage keinen Affen Mensch werden?«
»Gehört habe ich über diesen Gegenstand schon vieles, Gräfin; aber ich kann kein Urteil abgeben, denn das in Frage stehende Werk: ›The origin of species‹ habe ich nicht gelesen.«
»Aber,« fuhr der Minister fort, »das Thema wird so vielfach besprochen, die Schlagwörter des Systems sind in aller Mund; »Kampf ums Dasein« – natürliche Zuchtwahl« – »Evolution« und so weiter, dass man sich doch einen klaren Begriff vom Ganzen machen kann und sich resolut auf die Seite der Anhänger oder der Gegner stellen, zu welch' erster Kategorie allerdings nur umsturzliebende und effekthaschende Heißsporne gehören, während die kaltblütigen, nach positiven Beweisen verlangenden, streng kritischen Leute unmöglich einen anderen, als den von so bedeutenden Fachgelehrten geteilten Standpunkt der Gegnerschaft einnehmen können; ein Standpunkt, der allerdings –«
»Nicht mit Sicherheit zu behaupten ist, wenn man denjenigen der Anhängerschaft nicht kennt, ergänzte Tilling. ›Um zu wissen, was die Gegenargumente wert sind, welche man, so oft eine neue Idee auftaucht, um sich herum im Chor vorbringen hört, muss man in diese neue Idee auch selber eingedrungen sein. Gewöhnlich sind es die schlechtesten und seichtesten Gründe, die mit solcher Einstimmigkeit von den Massen wiederholt werden – und auf diese hin fällt mir nicht ein, ein Urteil zu stützen. Als die Lehre des Kopernikus auftauchte, konnten nur diejenigen, die sich der Mühe unterzogen, die kopernikanischen Berechnungen nachzurechnen, einsehen, dass dieselben richtig waren; die anderen, die ihr Urteil nach den Bannflüchen richteten, welche von Rom aus gegen das neue System geschleudert wurden –‹«
»In unserem Jahrhundert werden, wie ich schon früher bemerkte,« unterbrach der Minister, »wissenschaftliche Hypothesen, wenn sie irrig sind, nicht mehr vom Standpunkte der Orthodoxie, sondern von demjenigen der Wissenschaft abgefertigt.«
»Nicht nur wenn sie irrig sind,« versetzte Tilling, »auch wenn sie sich später bewahrheiten sollen, werden neue Hypothesen anfänglich immer von einer Zopfpartei unter den Gelehrten bestritten. Diese lässt auch heute nicht gern an ihren althergebrachten Anschauungen und Dogmen rütteln; gerade so wie damals nicht nur die Kirchenväter, sondern ebenso die Astronomen gegen Kopernikus geeifert.«
»Wollen's damit behaupten,« fiel der barsche General ein, »dass dem verrückten Engländer seine Affenidee so richtig ist, wie dass die Erd' um die Sonn' herumlauft?«
»Ich will garnichts behaupten, weil ich, wie gesagt, das Buch nicht kenne. Doch nehme ich mir vor, dasselbe zu lesen; vielleicht – aber auch nur vielleicht, denn meine einschlagenden Kenntnisse sind nur gering – werde ich mir dann ein Urteil bilden können. Bis dahin muss ich mich darauf beschränken, meine Meinung auf den Umstand zu stützen, dass die Theorie auf verbreiteten und leidenschaftlichen Widerspruch stößt, ein Umstand, welcher mir allerdings eher für als gegen deren Richtigkeit zeugt.«
Gegen acht Uhr brachen sämtliche Gäste auf. Mein Vater wollte sie noch alle zurückhalten und auch ich murmelte verbindlich ein paar gastliche Phrasen, wie »Doch wenigstens noch eine Tasse Thee?« aber vergebens. Jeder brachte eine Entschuldigung vor: der eine wurde im Kasino, der andere in einer Soirée erwartet; eine der Damen hatte ihren Logentag in der Oper und wollte den vierten Akt der Hugenotten hören; die zweite erwartete noch Gäste bei sich; kurz, man musste sie – und nicht so ungern als es den Anschein hatte – ziehen lassen.
Ein paar Minuten später hatten mein Vater und der Doktor am Spieltisch Platz genommen und vertieften sich in eine Partie Piket, während Baron Tilling sich an meine Seite zum Kamin setzte. – »Eine ›einschläfernde Geschichte‹ dieses Diner? – Nein, wahrlich, angenehmer und anregender hätte sich mir kein Abend gestalten können –« flog es mir durch den Sinn, und laut:
»Ja, ja, zwischen Zwei und Vier ... Das dürfen Sie mir nicht zumuten, Gräfin. Aufrichtig: ich kenne nichts Schrecklicheres, als diese offiziellen Empfangstage. In einen mit fremden Leuten angefüllten Salon eintreten; – sich vor der Hausfrau verbeugen; – am äußersten Ende eines Halbkreises Platz nehmen; – Bemerkungen über das Wetter austauschen hören und, wenn man zufällig neben einen Bekannten zu sitzen kam, eine eigene Bemerkung hinzufügen; – von der Hausfrau über alle Hindernisse weg mit einer Frage ausgezeichnet zu werden, die man eifrigst beantwortet, hoffend, dass sich nun mit derjenigen, die man besuchen wollte, ein Gespräch entspinnen werde – vergebens: soeben tritt wieder ein anderer Gast ein, der begrüßt werden muss und der sich hierauf auf das nächste leere Plätzchen des Halbkreises niederläßt und – in der Meinung, das Thema sei noch nicht berührt worden – eine neue Bemerkung über das Wetter in Umlauf bringt; dann nach zehn Minuten – wenn abermals Besuchsverstärkung kommt, womöglich eine Mama mit vier heiratsfähigen Töchtern, für die nicht genug Sessel mehr frei wären – im Verein mit einigen anderen aufstehen, von der Hausfrau sich empfehlen und gehen ... nein, Gräfin, so etwas übersteigt meine ohnehin nur schwachen geselligen Fähigkeiten.«
»Sie scheinen überhaupt der Gesellschaft sich fern zu halten – man sieht Sie nirgends. Sie sind ein Menschenfeind? ... Doch nein, diese Frage nehme ich zurück. Aus manchem, was Sie sagten, habe ich herausgehört, dass Sie alle Menschen lieben.«
»Die Menschheit liebe ich, aber alle Menschen? – Nein. Es gibt zu viele nichtswürdige, bornierte, selbstsüchtige, kaltblütig grausame darunter – die kann ich nicht lieben, wenngleich ich sie bedaure, dass ihnen Erziehung und Umstände nicht gestattet haben, liebwert zu sein.«
»Der Nachsatz ist durch den Vordersatz nicht bedingt: unschuldig wohl – aber dennoch zu verabscheuen. Sie sind an Ihrer Schönheit auch unschuldig und darum doch bewunderungswürdig.«
»Baron Tilling! Wir haben angefangen, als zwei vernünftige Leute ernste Dinge zu sprechen – verdiene ich da, plötzlich als komplimentensüchtige Salondame behandelt zu werden?«
Es entstand eine kleine Pause. Tillings Blick hing mit einem bewundernden, fast zärtlichen Ausdruck an meinen Augen, die ich nicht senkte ... Ich weiß wohl, dass ich hätte wegschauen sollen – aber ich that es nicht. Ich fühlte meine Wangen erglühen und wusste, dass, wenn er mich hübsch fand, ich in diesem Augenblick noch hübscher erscheinen musste ... es war ein angenehmes, »bösgewissiges«, verwirrendes Gefühl und dauerte eine halbe Minute. Länger durfte es nicht dauern; ich hob den Fächer vors Gesicht und veränderte meine Stellung. Dann in gleichgültigem Tone:
»Ich? ... Vorhin? ... Ich erinnere mich nicht. Im Gegenteil: mir scheint, dass ich Ärgernis gegeben habe, mit meiner Bemerkung über den Springauf – Hopsauf – oder wie der brave Schütze hieß.«
»Sie waren die Einzige, der ich zu Dank gesprochen. Die Exzellenzherren hingegen habe ich mit meiner, für einen k. k. Oberstlieutenant höchst unpassenden Äußerung natürlich verletzt ... ›hartes Herz‹, von einem, der so braves Bestschießen auf den Feind leistet: Lästerung! Soldaten sind doch bekanntlich – je kaltblütiger sie töten – desto gutmütigere Kumpane; es giebt keine sentimentalere Rührfigur im melodramatischen Repertoir, als den schlachtenergrauten, weichherzigen Krieger: keiner Fliege könnte der stelzfüßige Veteran etwas zu Leide tun.«
»Mit dieser so gestellten Frage beweisen Sie, dass Sie mir ins Herz geschaut haben. Nicht ich – nicht der neununddreißigjährige Friedrich Tilling, der drei Feldzüge gesehen, habe den Beruf gewählt, sondern der zehn- oder zwölfjährige kleine Fritzl, der unter hölzernen Streitrossen und bleiernen Regimentern aufgewachsen und den sein Vater, der ordensgeschmückte General, und sein Onkel, der mädchenerobernde Lieutenant, aufmunternd fragten: Junge, was willst Du werden? Was sonst als ein wirklicher Soldat, mit einem wirklichen Säbel und einem lebendigen Pferd?«
»Für meinen Sohn Rudolf wurde mir heute auch eine Schachtel Bleisoldaten gebracht – ich werde sie ihm nicht geben. – Doch warum – als der Fritzl zum Friedrich sich entwickelt hatte, warum haben Sie da nicht einen Stand verlassen, der Ihnen verhaßt geworden?«
»Verhaßt? Das ist zu viel gesagt. Ich hasse den Zustand der Dinge, der uns Menschen so grausige Pflichten auferlegt, wie das Kriegführen; da dieser Zustand nun aber einmal da ist – unvermeidlich da ist – so kann ich die Leute nicht hassen, welche die daraus erwachsenden Pflichten auf sich nehmen und gewissenhaft, mit Aufwand ihrer besten Kräfte, erfüllen. Wenn ich den Militärdienst verließe, würde darum weniger Krieg geführt? Gewiss nicht. Es würde nur an meiner Stelle ein Anderer sein Leben einsetzen – das kann ich schon auch selber tun.«
»Ich wüsste nicht. Ich habe nichts Anderes gründlich gelernt als die Soldaterei. Man kann um sich herum immer Gutes und Nützliches wirken; ich habe Gelegenheit genug, den Leuten, die unter mir dienen, das Leben zu erleichtern. Und was mich selber betrifft – ich bin ja sozusagen auch ein Mitmensch – so genieße ich den Respekt, welchen die Welt meinem Stande entgegenbringt; ich habe eine leidlich gute Karrière gemacht – bin bei den Kameraden beliebt, und freue mich dieser Erfolge. Vermögen besitze ich keins, als Privatmann hätte ich weder die Mittel, anderen noch mir zu nützen – aus welchem Grunde hätte ich da meine Laufbahn aufgeben sollen?«
»Wenn es gilt, das eigene Leben gegen einen anderen Totschläger zu verteidigen, so hört die persönliche Tötungsverantwortung auf. Der Krieg ist oft und ganz zutreffend ein Massenmord benannt worden, aber der einzelne fühlt sich nicht als Mörder. Dass mir jedoch der Kampf widerstrebt, dass mir die Jammerauftritte des Schlachtfeldes Schmerz und Ekel einflößen – das ist wahr. Ich leide dabei, leide intensiv ... aber so muss auch mancher Seemann während des Sturmes von der Seekrankheit leiden, und dennoch, wenn er ein halbwegs braver Kerl ist, hält er aus auf Deck, und wagt sich, wenn es sein muss, immer wieder hinaus ins Meer.«
So sprachen wir noch eine Zeit lang fort – in leisem Ton, um die Piketspieler nicht zu stören – und wohl auch, um von ihnen nicht gehört zu werden, denn unsere getauschten Ansichten – Tilling schilderte noch einige Schlachtenepisoden und seinen dabei empfundenen Abscheu, ich teilte ihm die von Buckle aufgestellten Betrachtungen über den mit steigender Civilisation abnehmenden Kriegsgeist mit – diese Reden passten nicht für die Ohren des Generals Althaus. Ich empfand, dass es ein Zeichen großen Vertrauens von seiten Tillings war, mir über dieses Thema so rückhaltlos sein Inneres aufzudecken – es war da ein Strom von Sympathie von einer Seele zur anderen übergegangen ...
Plötzlich, während Tilling sprach – er hatte seinen Blick wieder in den meinen gesenkt und aus seiner Stimme klang so inniges Vertrauen – fiel mir die Prinzessin ein.
»Ich weiß nicht mehr, wovon ich sprach. Vertrauen Sie mir lieber Ihren peinlichen Gedanken an. Ich habe Ihnen die ganze Zeit über so offen mein Herz ausgeschüttet – vergelten Sie mir das.«
Ich verabschiedete mich von meinem Vater und dem Doktor; Tilling bat sich die Erlaubnis aus, mich bis zu meinem Wagen zu geleiten. Er war's, der mir im Vorzimmer den Mantel umhing und der mir über die Treppe hinab den Arm reichte. Beim Hinuntergehen blieb er einen Moment stehen und fragte mich ernsthaft:
Ich warf mich in die Ecke zurück und hätte am liebsten geweint – Tränen des Trotzes, wie ein erbostes Kind. Ich war auf mich selber wütend: wie konnte ich nur so kalt, so unhöflich, so beinahe grob mit einem Menschen sein, der mir so warme Sympathie einflößte ... Daran war diese Prinzessin schuld – wie ich die haßte! Was war das? ... Eifersucht? Jetzt blitzte mir das Verständnis dessen auf, was mich bewegte: ich war in Tilling verliebt – – – – »Verliebt, liebt, liebt« rasselten die Räder auf dem Pflaster, »Du liebst ihn,« leuchteten mir die vorüberfliegendem Straßenlaternen zu – »Du liebst ihn,« duftete es mir aus dem Handschuh, den ich an meine Lippen führte – an der Stelle, die er geküsst.
Tags darauf trug ich in die roten Hefte folgende Zeilen ein: »Was mir gestern die Wagenräder und die Straßenlaternen sagten, ist nicht wahr, oder doch zum mindesten sehr übertrieben. Ein sympathischer Zug zu einem edlen und gescheidten Menschen: – ja; aber Leidenschaft? – nein. Ich werde doch mein Herz nicht so hinschleudern an jemand, der einer Anderen gehört. Auch er empfindet Sympathie für mich – wir verstehen uns in vielen Dingen; vielleicht bin ich die Einzige, der er seine Gedanken über den Krieg mitteilt – aber darum ist er noch lange nicht verliebt in mich – und ebensowenig darf ich es in ihn sein. Dass ich ihn nicht aufforderte, mich an einem anderen Tage, als an den ihm so verhaßten offiziellen Empfangstagen zu besuchen, mochte wohl nach dem vorausgegangenen, vertrauensvollen Gedankenaustausch etwas unfreundlich geschienen haben ... Aber es ist vielleicht besser so. Wenn nur erst ein paar Wochen über die geistigen Eindrücke, die mich so tief erschüttert haben, verstrichen sind, dann werde ich Tilling wieder ganz ruhig begegnen können, mit der Idee vertraut, dass er eine andere liebt und mich harmlos an seinem freundschaftlichen und geistanregenden Umgang erlaben. Denn es ist wahrhaft ein Vergnügen, mit ihm zu verkehren – er ist so anders, so ganz anders als alle anderen. Ich bin wirklich froh, dass ich das heute so gelassen konstatieren kann – gestern musste ich einen Augenblick schon fürchten, dass es um meine Ruhe geschehen sei, und dass ich die Beute quälender Eifersucht würde ... heute ist diese Furcht verflogen.«
Am selben Tage besuchte ich meine Freundin Lori Griesbach – dieselbe, bei der ich den Tod meines armen Arno erfahren. Sie war unter den jungen Frauen meiner Bekanntschaft diejenige, mit welcher ich am meisten und am intimsten verkehrte. Nicht, dass wir in vielen Hinsichten übereinstimmten, oder dass wir uns gegenseitig vollkommen verstanden – wie dies doch die Grundlage echter Freundschaft sein soll; – aber wir waren als Kinder Gespielinnen, als jung verheiratete Frauen Stellungsgenossinnen gewesen; hatten damals fast täglich verkehrt und so war eine gewisse Gewohnheitsvertraulichkeit zwischen uns entstanden, welche – trotz so mancher Grundverschiedenheit unserer Wesen – unseren gegenseitigen Umgang zu einem recht angenehmen und gemütlichen gestaltete. Es war ein gewisses, engbegrenztes Gebiet, auf dem wir uns begegneten, aber auf dem waren wir einander aufrichtig gut. Ganze Seiten meines Seelenlebens blieben ihr ganz verschlossen. Von den An-und Einsichten, zu welchen ich in meiner stillen Studienzeit gelangt war, hatte ich ihr nie ein Wort mitgeteilt und fühlte auch kein Bedürfnis dazu. Wie selten kann man sich einem Menschen ganz geben! Das habe ich recht oft im Leben erfahren, dass ich dem einen nur diese, dem anderen nur jene Seite meiner geistigen Persönlichkeit erschließen konnte; dass, so oft ich mit diesem oder jenem verkehrte, sozusagen nur ein gewisses Register sich aufzog, die ganze übrige Klaviatur aber stumm blieb.
Zwischen Lori und mir gab es der Gegenstände genug, die uns zu stundenlangem Plaudern Stoff boten: unsere Kindheitserinnerungen, unsere Kleinen, die Ereignisse und Vorkommnisse unseres Gesellschaftskreises, Toilette, englische Romane und dergleichen mehr.
Loris Knabe, Xaver, war im Alter meines Sohnes Rudolf und dessen liebster Spielkamerad; und Loris Töchterchen, Beatrix, damals zehn Monate alt, wurde scherzweise von uns bestimmt, einst Gräfin Rudolf Dotzky zu werden.
»Sieht man Dich endlich wieder!« empfing mich Lori. »Du bist ja in letzter Zeit ganz Einsiedlerin geworden. Auch meinen künftigen Schwiegersohn habe ich schon lange nicht die Ehre gehabt bei mir zu sehen – Beatrix wird das sehr übel nehmen ... Jetzt erzähle, Kind, was treibst Du? ... Und wie geht es Rosa und Lilli? Für Lilli habe ich übrigens eine interessante Nachricht, die mir mein Mann gestern aus dem Kaffeehaus mitgebracht: es ist einer sehr verliebt in sie – einer, von dem ich glaubte, er machte Dir die Kour ... doch das erzähle ich später. Was Du da für ein hübsches Kleid hast – von der Francine, nicht wahr? Das habe ich gleich erkannt – sie hat doch ein eigentümliches Cachet ... Und der Hut von Gindreau? Steht Dir allerliebst ... Er macht jetzt auch Kostüme, nicht nur Hüte ... auch mit ungeheurem Geschmack. Gestern Abend bei Dietrichstein – warum bist Du nicht gekommen? – hatte die Nini Chotek eine Gindreausche Toilette an und sah beinahe hübsch aus ...«
So ging es eine Zeit lang fort und ich antwortete im selben Tone. Nachdem ich das Gespräch geschickt auf die in der »Welt« kursierenden Klatschereien gelenkt, stellte ich in möglichst unbefangener Weise die Frage:
»Ich habe so etwas gehört – aber jedenfalls ist das de l'histoire ancienne. Heute ist es eine allbekannte Sache, dass die Prinzessin für einen Burgschauspieler schwärmt. Interessierst Du Dich etwa für diesen Baron Tilling? Du wirst rot? Da hilft kein verneinendes Kopfschütteln – beichte lieber! Es ist ohnedies unerhört, dass Du so lang kalt und fühllos bleibst ... es wäre mir eine wahre Genugthuung, Dich einmal verliebt zu wissen ... Freilich, eine Partie für Dich wäre Tilling nicht – da hast Du glänzendere Bewerber – er soll gar nichts haben. Nun, Du bist selber reich genug – aber er ist auch zu alt für Dich ... Wie alt wäre jetzt der arme Arno? ... Das war doch gar zu traurig damals ... den Augenblick werde ich nie vergessen, da Du mir meines Bruders Brief vorgelesen ... Ja, es ist doch eine schlimme Einrichtung, der Krieg ... Für manche – für andere ist er eine wunderschöne Einrichtung: mein Mann wünscht sich nichts sehnlicher, als dass es bald wieder zu etwas käme; er möchte sich so gern auszeichnen. Ich begreife dies – wenn ich ein Soldat wäre, würde ich mir auch wünschen, eine Großthat machen zu können, oder doch in der Karriere vorwärts zu kommen –«
»Daran dächt' ich nie. Daran soll man nicht denken – und es trifft ja doch nur die, denen es bestimmt ist. – So war es Deine Bestimmung, Herz, eine junge Wittwe zu werden.«
»So muss es nächstens zu einem Völkerkonflikt kommen, damit Griesbach schnell avanciren könne? Du zeichnest der Weltordnung einen sehr einfachen Lauf vor. – Was wolltest Du mir mit Bezug auf Lilli erzählen?«
»Er wäre eine sehr gute Partie. Wenn sein Onkel Drontheim stirbt, so erbt er die Herrschaft Selavetz. Apropos Drontheim – weißt Du, dass der Ferdi Drontheim, derselbe, der sein Vermögen mit der Tänzerin Grilli durchgebracht hat, jetzt eine reiche Bankierstochter heiraten soll? – Nun – empfangen wird sie doch niemand ... Kommst Du heute Abend zur englischen Botschaft? Wieder nicht? Eigentlich hast Du recht – in diesen Gesandtschafts-Raouts fühlt man sich doch nicht so ganz unter sich: es sind so viele fremdartige Leute dabei, von denen man nicht sicher weiß, ob sie comme il faut sind; jeder durchreisende Engländer, der sich bei seinem Gesandten vorstellen lässt, wird da eingeladen – wenn es auch ein bürgerlicher Gutsbesitzer, oder gar Industrieller oder so etwas ist. Ich habe die Engländer nur in der Tauchnitz-Edition gern ... Hast Du »Jane Eyre« schon ausgelesen? – nicht wahr, wunderhübsch? Wenn Beatrix zu sprechen anfängt, werde ich ihr eine englische Bonne nehmen ... Mit der Französin des Xaver bin ich gar nicht zufrieden ... Neulich bin ich ihr auf der Straße begegnet, wie sie den Kleinen ausführte, und ein junger Mann – anscheinend ein Kommis – ging nebenher, in angelegentlichstem Gespräch mit ihr. Plötzlich stand ich vor ihnen – die Verlegenheit hättest Du sehen sollen! Überhaupt, mit den Leuten hat man sein Kreuz! ... Da ist meine Jungfer, die hat mir gekündigt, weil sie heiratet – jetzt, wo ich sie gewohnt war – es ist nichts unausstehlicher, als neue Gesichter zum bedienen ... Was? Du willst schon fort?«
Und ich ließ mich nicht bewegen auch »nur noch fünf Minuten!« zu bleiben, obwohl die unaufschiebbaren Besuche erlogen waren. Sonst hatte ich es doch stundenlang ausgehalten, solch' inhaltsloses Geplapper anzuhören und mitzuplappern – aber an diesem Tage widerte es mich an. Eine Sehnsucht ergriff mich: ... Ach nur wieder so ein Gespräch wie gestern abends – ach Tilling – Friedrich Tilling ... Die Wagenräder hatten also doch recht mit ihrem Refrain! ... Es war eine Wandlung mit mir geschehen – ich war in eine andere Gefühlswelt hinaus gehoben; diese kleinlichen Interessen, in welche meine Freundin so ganz vertieft war: Toiletten, Bonnen, Heirats- und Erbschaftsgeschichten aus der Gesellschaft – das war doch gar zu nichtig, zu erbärmlich, zu erstickend ... Hinaus, hinauf in eine andere Lebensluft! Und Tilling war ja frei: die Prinzessin »schwärmt für einen Burgschauspieler« ... Die hat er wohl nie geliebt ... ein vorübergehendes – ein vorübergegangenes Abenteuer, weiter nichts.
Es verstrichen mehrere Tage, ohne dass ich Tilling wiedersah. Jeden Abend ging ich ins Theater und von da in eine Soirée, in der hoffenden Erwartung ihm zu begegnen, aber vergebens.
Mein Empfangstag brachte mir viele Besuche, aber natürlich nicht den seinen. Den hatte ich auch nicht erwartet. Es sah ihm nicht ähnlich, nach seinem bestimmten »Gräfin, das dürfen Sie mir nicht zumuten« und seinem am Wagenschlag gesagten »Ich verstehe – also gar nicht« sich dennoch an einem solchen Tage bei mir einzufinden. Ich hatte ihn an jenem Abend gekränkt, das war gewiss; und er vermied es, mit mir zusammenzukommen, das war offenbar. Allein, was konnte ich tun? Ich brannte danach, ihn wieder zu sehen, meine damalige Unfreundlichkeit wieder gut zu machen und eine neue solche Plauderstunde zu erleben, wie jene in meines Vaters Haus; eine Plauderstunde, deren Reiz mir jetzt noch hundertfach erhöht worden wäre, durch das mir nunmehr klar gewordene Bewusstsein meiner Liebe.
In Ermangelung Tillings brachte mir der nächstfolgende Samstag doch wenigstens Tillings Cousine – dieselbe, auf deren Ball ich ihn kennen gelernt. Als sie eintrat, fing mir das Herz zu pochen an; jetzt konnte ich doch wenigstens etwas von demjenigen er fahren, der meine Gedanken so beschäftigte. Ich brachte es jedoch nicht über mich, eine diesbezügliche Frage zu stellen; ich fühlte, dass ich nicht im stande wäre, den gewissen Namen auszusprechen, ohne verräterisch zu erglühen, und so unterhielt ich meine Besucherin von hundert verschiedenen Dingen – unter anderen auch vom Wetter – aber nur nicht von dem, was ich auf dem Herzen hatte.
»Nein ... er hat nur einen kurzen Urlaub genommen, um nach Berlin zu eilen, wo seine Mutter auf dem Sterbebette liegt. Der Arme, er dauert mich; denn ich weiß, wie er seine Mutter vergöttert.«
Nach zwei Tagen erhielt ich einen Brief von unbekannter Hand, mit dem Poststempel Berlin. Noch ehe ich nach der Unterschrift geschaut, wusste ich, dass das Schreiben von Tilling kam. Es lautete:
Teure Gräfin! Ich muss Jemandem klagen ... Warum gerade Ihnen? Habe ich ein Recht dazu? Nein – aber den unwiderstehlichen Drang. Sie werden mir nachfühlen – ich weiß es.
Hätten Sie die Sterbende gekannt. Sie würden sie geliebt haben. Dieses weiche Herz, dieser helle Verstand, diese heitere Laune, diese Hoheit und Würde – und das alles soll jetzt ins Grab – keine Hoffnung!
Sie hat viel gelitten, die Arme. Jetzt ist sie ruhig – die Kräfte schwinden, der Pulsschlug hat beinah schon aufgehört ... Außer mir wachen noch ihre Schwester und ein Arzt im Krankenzimmer.
Ach, diese schreckliche Zerreißung: der Tod! Man weiß doch, dass er alle fällen muss, und doch kann man's nie recht fassen, dass er auch unsere Lieben hinraffen darf. Was mir diese Mutter war, das vermag ich nicht zu sagen.
– Nein, nein – davon ist keine Rede, mein alter Bub'. Nimm diesem unseren letzten Beisammensein nicht die Weihe durch die üblichen Krankenbettvertröstungen. Sagen wir uns Lebewohl –
– Du weinst, Fritz? Schau, ich sage Dir auch nicht das üble ›Weine nicht‹. Es ist mir lieb, dass Dir der Abschied von Deiner besten alten Freundin leid tut. Das bürgt mir, dass ich lange unvergessen bleibe –
– Erinnere Dich dabei, dass ich viel Freude an Dir gehabt. Außer der Sorge, die mir Deine Kinderkrankheiten bereitet, und dem Bangen, während Du im Kriege warst, hast Du mir nur glückliche Gefühle verursacht und hast mir Alles tragen helfen, was das Schicksal mir Trübes auferlegt. Ich segne Dich dafür, mein Kind.
Jetzt kam wieder ein Anfall ihrer Schmerzen über sie. Wie sie jammerte und stöhnte, wie ihre Züge sich verzerrten – es war herzzerreißend. Ja, es ist ein fürchterlicher, grimmer Feind, der Tod ... und der Anblick dieser Agonie rief mir alle Agonien ins Gedächtnis, welche ich auf den Schlachtfeldern und in den Lazaretten gesehen ... Wenn ich denke, dass wir Menschen bisweilen willkürlich, frohgemut einander dem Tod entgegenhetzen, dass wir der vollkräftigen Jugend zumuten, diesem Feind sich willig zu ergeben, gegen den das müde und gebrechliche Alter sogar noch verzweifelt ringt, es ist – niederträchtig!
Diese Nacht ist schaurig lang ... Wenn die arme Kranke nur schliefe – aber sie liegt mit offenen Augen da. Ich verbringe immer halbe Stunden lang regungslos an ihrem Lager, dann schleiche ich mich zu diesem Briefbogen, um ein paar Worte zu schreiben – dann wieder zurück zu ihr. So ist es schon vier Uhr geworden. Ich habe eben die vier Schläge von allen Glockentürmen hallen gehört – es mutet einem so kalt, so teilnahmslos an, dass die Zeit stetig unbeirrt durch alle Ewigkeit fortschreitet, während eben für ein heißgeliebtes Wesen die Zeit aufhören soll – für alle Ewigkeit. Aber je kälter, je teilnahmsloser das All sich zu unserem Schmerz verhält, desto sehnsüchtiger flüchten wir an ein anderes Menschenherz, von dem wir glauben, dass es mitfühlend schlägt. Darum hat mich das weiße Papierblatt, das der Arzt beim Rezeptschreiben auf dem Tische liegen ließ, herangelockt – und darum schicke ich das Blatt an Sie ...
Diesen Brief besitze ich noch. Wie verknittert und verblaßt sieht das Blatt nicht aus! Nicht nur die verflossenen fünfundzwanzig Jahre haben diese Verwitterung verursacht, sondern auch die Tränen und Küsse, mit welchen ich damals die lieben Schriftzüge bedeckte. »Zu Tode betrübt« – ja – aber auch »himmelhochjauchzend« war mir zu Mute, nachdem ich gelesen. Deutlicher – obwohl kein Wort von Liebe darin stand – konnte kein Brief den Beweis erbringen, dass der Schreiber die Empfängerin – und keine andere – liebte. Dass er in solcher Stunde, am Sterbelager der Mutter, sein Leid nicht am Herzen der Prinzessin auszuweinen sich sehnte, sondern an dem meinen – das musste doch jeden eifersüchtigen Zweifel ersticken.
Ich überschickte am selben Tage einen Totenkranz aus hundert großen weißen Kamelien, mit einer halberblühten roten Rose drin. Ob er wohl verstehen würde, dass die blassen, duftlosen Blumen der Dahingeschiedenen galten, als Symbole der Trauer, und das glutfarbige Röschen – ihm? ...
Konrad Althaus hatte um meine Schwester Lilli angehalten und einen Korb bekommen. Er nahm jedoch die Sache nicht tragisch und blieb wie zuvor ein eifriger Besucher unseres Hauses und umschwärmte uns in den Salons der Gesellschaft.
»Es freut mich sehr,« sagte ich, »dass Du nicht zürnst; aber es beweist mir, dass Dein Gefühl für Lilli doch kein so heftiges war, wie Du vorgibst, denn verschmähte Liebe pflegt boshaft und nachträgerisch zu sein.«
»Du irrst, verehrteste Frau Cousine – ich habe die Lilli rasend gern. Zuerst glaubte ich, mein Herz gehöre Dir; Du hast Dich aber so zurückhaltend kalt erwiesen, dass ich noch rechtzeitig die keimende Leidenschaft erstickte; dann hab' ich mich eine Zeit lang für Rosa interessiert; schließlich aber hat sich meine Neigung bei Lilli fixiert – und dieser Neigung werde ich jetzt treu bleiben – bis an mein Lebensende.«
»Glaubst Du, ich wäre der erste, der einen Korb bekommen, der sich bei der Selben einen zweiten und dritten geholt und beim vierten Antrag angenommen wurde? – schon um der Zudringlichkeit ein Ende zu machen? ... Lilli hat sich nicht verliebt in mich, eine nicht ganz erklärliche – aber immerhin eine Thatsache. Dass sie unter so bewandten Umständen der für so viele Mädchen unwiderstehlichen Verlockung, Frau zu werden, widerstanden hat, und auf einen, vom weltlichen Standpunkt annehmbaren Antrag nicht ein gegangen ist, das gefällt mir eigentlich sehr gut von ihr, und ich bin noch verliebter als zuvor. Nach und nach wird meine Anhänglichkeit sie rühren und Gegenliebe erwecken; dann sollst Du doch meine Schwägerin werden, liebste Martha. Hoffentlich wirst Du mir nicht entgegenwirken?«
»Ich? – o nein, im Gegenteil; mir gefällt Dein Verharrungssystem. So sollte immer um uns geworben werden – mit Zeit- und Zärtlichkeitsaufwand – was die Engländer to woe and to win nennen. Aber minnen und gewinnen: dazu geben sich unsere jungen Herren wahrlich nicht die Mühe. Sie wollen ihr Glück nicht erst erringen, sondern es mühelos pflücken, wie eine Blume am Wegesrand!«
Tilling war seit vierzehn Tagen nach Wien zurückgekehrt – so hatte ich erfahren – doch kam er nicht zu mir. In den Salons konnte ich natürlich nicht erwarten, ihm zu begegnen, da ihn seine Trauer von allem gesellschaftlichen Umgang fern hielt. Doch hatte ich gehofft, dass er zu mir kommen oder wenigstens mir schreiben würde; es verging aber ein Tag um den andern, ohne mir den erwarteten Besuch oder Brief zu bringen.
»Ich begreife nicht, was Du hast, Martha,« so sprach mich eines Morgens Tante Marie an; »Du bist seit einiger Zeit so verstimmt, so zerstreut, so, ich weiß nicht wie ... Du hast sehr, sehr unrecht, dass Du keinem Deiner Bewerber Gehör schenkst. Dieses Alleinsein – das habe ich zu allem Anfang gesagt – taugt nicht für Dich. Die Folge davon ist dieser Spleen, der Dich jetzt auszeichnet. – Hast Du schon Deine österliche Andacht verrichtet? Das würde Dir auch gut tun.«
»Ich denke, beides: heiraten und beichten, sollte aus Liebe zur Sache getan werden und nicht als Spleenkur. – Von meinen Bewerbern gefällt mir keiner, und was das Beichten betrifft –«
»O das musst Du – es gibt nichts Schöneres und Erhebenderes, als diese Ceremonie ... der Triumph der christlichen Demut: Kaiser und Kaiserin auf dem Boden rutschend, um die Füße armer Pfründner und Pfründnerinnen zu waschen – symbolisiert das nicht so recht, wie klein und nichtig die irdische Majestät vor der göttlichen ist?«
»Um durch Niederknieen Demut sinnbildlich darzustellen, muss man sich eben sehr erhaben fühlen. Es drückt aus: was Gott Sohn im Verhältnis zu den Aposteln, das bin ich, Kaiser, zu Pfründnern. Mir kommt dieses Grundmotiv der Ceremonie nicht gerade demütig vor.«
»Du hast so kuriose Ansichten, Martha. In den drei Jahren, die Du in ländlicher Einsamkeit und mit Lesen schlechter Bücher zugebracht, hast, sind Deine Ideen so verschroben geworden.
»Ja, schlecht – ich halte das Wort aufrecht. Neulich, als ich in meiner Unschuld zum Erzbischof von einem Buch sprach, das ich auf Deinem Tisch gesehen und das ich dem Titel nach für ein Andachtsbuch hielt: ›Das Leben Jesu‹ von einem gewissen Strauß – da schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und rief: ›Barmherziger Himmel, wie kommen Sie zu so einem ruchlosen Werk?‹ Ich wurde ganz feuerrot und versicherte, dass ich das Buch nicht selber gelesen, sondern nur bei einer Verwandten gesehen. ›Dann fordern Sie diese Verwandte bei ihrer Seligkeit auf, diese Schrift ins Feuer zu werfen.‹ Das thue ich hiermit, Martha. Wirst Du dies Buch verbrennen?«
»Wären wir um zwei- oder dreihundert Jahre jünger, so könnten wir zusehen, wie nicht nur das Werk, sondern auch der Autor in Flammen aufginge. Das wäre wirksamer – momentan wirksamer – auch nicht für lang' ...«
»Wozu lange Reden? Wir verstehen einander in dieser Richtung doch nicht, mein liebstes Tantchen. Lass Dir lieber erzählen, was gestern der kleine Rudolf ...«
Und damit war das Gespräch glücklich auf ein anderes, sehr ergiebiges Thema gelenkt, wo es zu keiner Meinungsverschiedenheit zwischen uns kam; denn über die Thatsache, dass Rudolf Dotzky das herzigste, originellste, für sein Alter vorgeschrittenste Kind der Welt ist – darüber waren wir beide einig.
Am folgenden Tag entschloß ich mich doch, der Fußwaschung beizuwohnen. Etwas nach zehn Uhr, schwarz gekleidet, wie es sich für die Karwoche ziemt begaben wir uns, mein Schwester Rosa und ich, in den großen Ceremoniensaal der Burg. Daselbst waren auf einer Estrade Plätze für die Mitglieder der Aristokratie und des diplomatischen Korps vorbehalten. Man war da also wieder unter sich und teilte rechts und links Grüße aus. Auch die Galerie war dicht gefüllt: gleichfalls Bevorzugte, welche Eintrittskarten erlangt hatten – aber doch etwas »gemischt«, nicht zur »Crème« gehörig, wie wir da unten, auf unserer Estrade. Kurz, die alte Kastenabsonderung und -bevorrechtung – anläßlich dieser Feier der symbolisierten Demut.
Ich weiß nicht, ob den anderen irgendwie religiösweihevoll zu Mute war; aber ich erwartete das Kommende mit ganz derselben Empfindung, mit welcher man im Theater einem angekündigten Spektakelstück entgegensieht. Ebenso gespannt, wie man da – nachdem die Grüße von Loge zu Loge getauscht, den aufzurollenden Vorhang ansieht, schaute ich nach der Richtung, wo die Chöre und Solisten des bevorstehenden Schaugepränges erscheinen sollten. Die Dekoration war schon aufgestellt – nämlich die lange Tafel, an welcher die zwölf Greise und zwölf Greisinnen Platz zu nehmen hatten.
Ich war doch froh, gekommen zu sein; denn ich fühlte mich gespannt, was immerhin eine angenehme Empfindung ist, und eine Empfindung, welche momentan von kummervollen Gedanken befreit. Mein steter Kummer war der: »Warum lässt sich Tilling nicht sehen? Jetzt hatte mich diese fixe Idee verlassen; was ich zu sehen erwartete und wünschte, waren die kaiserlichen und die pfründnerischen Mitwirkenden der angesetzten Feier. Und gerade in diesem Augenblicke, wo ich seiner nicht dachte, fielen meine Augen auf Tilling. Soeben nach beendeter Messe, waren die Hofwürdenträger in den Saal getreten, gefolgt von der Generalität und dem Offizierkorps; ich ließ meinen Blick gleichgültig über alle diese uniformierten Gestalten schweifen – dieselben waren ja nicht die Träger der Hauptrollen, sondern nur zum Ausfüllen der Bühne bestimmt – da plötzlich erkannte ich Tilling, der gerade unserer Tribüne gegenüber Aufstellung genommen hatte. Es durchzuckte mich wie ein elektrischer Schlag. Er sah nicht in unsere Richtung. Seine Miene trug die Spur des in den letzten Wochen durchgemachten Leides: es lag ein tieftrauriger Ausdruck in seinen Zügen. Wie gern hätte ich durch einen stummen, innigen Händedruck mein Mitgefühl ihm ausgedrückt! Ich ließ meinen Blick hartnäckig auf ihn geheftet, hoffend, dass dies durch eine magnetische Gewalt ihn zwingen würde, auch zu mir aufzuschauen – aber vergebens.
Es waren die Greise und Greisinnen, angethan in altdeutsche Tracht, welche jetzt hereingeleitet wurden. Die jüngste von den Frauen – so hatten die Zeitungen berichtet – war achtundachtzig, der jüngste von den Männern fünfundachtzig Jahre alt. Runzlig, zahnlos, gebückt; – ich konnte Rosas »Ach wie schön« wahrlich nicht bestätigt finden. Was ihr gefiel, war jedenfalls die Verkleidung. Diese stimmte eigentlich auch vortrefflich zu der ganzen, von mittelalterlichem Geist durchwehten Ceremonie. Die Anachronismen hier waren wir, in unseren modernen Kleidern und mit unseren modernen Begriffen – wir passten nicht in dies Gemälde.
Nachdem die vierundzwanzig Alten ihre Sitze an der Tafel eingenommen hatten, trat eine Anzahl goldgestickter und ordengeschmückter, zumeist ältlicher Herren in den Saal: – die Geheimen Räte und Kammerherren; viele bekannte Gesichter – auch Minister »Allerdings« befand sich darunter. Zuletzt folgten die Geistlichen, welche bei der feierlichen Handlung fungieren sollten. Jetzt also war der Einmarsch der Statisten vorüber und die Erwartung des Publikums auf das höchste gespannt.
Meine Augen waren jedoch nicht so starr, wie diejenigen der übrigen Zuseher, nach jener Richtung geheftet, wo der Hof erscheinen sollte, sondern kehrten immer zu Tilling zurück. Dieser hatte mich nunmehr gesehen und erkannt. Er grüßte.
In der That: der Kapell- – will sagen der Oberceremonienmeister hob seinen Stab und gab das Zeichen, dass das Kaiserpaar nahe. Dies versprach nun allerdings einen lohnenden Anblick, denn abgesehen davon, dass es das höchste war – war es sicherlich eins der schönsten Paare im Lande. Mit Kaiser und Kaiserin zugleich waren auch mehrere Erzherzoge und Erzherzoginnen hereingekommen und jetzt konnte die Feier beginnen. Truchsessen und Edelknaben trugen die gefüllten Schüsseln herbei, und der Monarch und die Monarchin stellten dieselben vor die sitzenden Alten hin. Das war wieder mehr Gemälde als je. Das Geräte und die Speisen und die Art der Pagen, dieselben zu tragen, erinnerte an verschiedene berühmte Bilder von Festgelagen im Renaissancestil.
Kaum aber waren die Gerichte aufgestellt, so wurde die Tafel wieder abgeräumt, eine Arbeit, welche – gleichfalls als Zeichen der Demut – die Erzherzoge verrichteten. Hiernach ward die Tafel hinausgetragen, die eigentliche Effektscene des Stückes (was die Franzosen »le clou de la pièce« nennen) – die Fußwaschung – begann. Freilich nur eine Scheinwaschung, wie das Mahl nur ein Scheinmahl gewesen. Auf dem Boden knieend, streifte der Kaiser mit einem Tuch über die Füße der Greise hinweg, nachdem der ihm assistierende Priester aus einer Kanne scheinbar Wasser darüber gegossen, und so rutschte er vom ersten bis zum zwölften Pfründner, während die Kaiserin – die man sonst nur so majestätisch hochaufgerichtet zu sehen bekommt – in derselben demütigen Stellung, in welcher sie ihre gewohnte Anmut übrigens nicht verließ, die gleiche Prozedur an den zwölf Pfründnerinnen vornahm. Die begleitende Musik, oder, wenn man will, den erklärenden Chor, bildete das gleichzeitig vom Hofburgpfarrer vorgelesene Evangelium des Tages.
Gern hätte ich auf einige Augenblicke mitempfinden mögen, was in dem Geiste dieser Alten vorging, während sie so dasaßen, in der seltsamen Tracht, von einer glänzenden Menge angegafft, den Landesvater, die Landesmutter – Ihre Majestäten – zu ihren Füßen ... Wahrscheinlich wäre es gar keine klare Empfindung gewesen, die ich da nachgefühlt hätte, wenn mir der gewünschte momentane Bewußtseinstausch gewährt worden wäre, sondern ein verwirrter, geblendeter Halbtraum, ein zugleich frohes und peinliches, verlegenes und feierliches Gefühl, ein vollständiges Stillstehen der Gedanken in den ohnehin unwissenden und altersschwachen armen Köpfen. Das einzige Wirkliche und Faßbare an der Sache mochte den guten Alten nur die Aussicht auf das rotseidene Beutelchen mit den dreißig Silberstücken sein, welches jedem von Allerhöchster Hand umgehängt wird und auf den Korb voll Speisen, welchen man ihnen auf die Heimfahrt mitgibt.
Die ganze Ceremonie war schnell zu Ende und gleich darauf leerte sich der Saal. Zuerst zog sich der Hof zurück; hierauf entfernten sich alle anderen Mitbeteiligten, und zugleich auch das Publikum von Estrade und Galerie.
Ich antwortete nichts. Eigentlich hatte ich keine Ursache, die Verwirrung und Gedankerarmut der Festgreise zu bemitleiden, war mir doch selber das Verständnis der eben stattgehabten Feier ein ziemlich verschwommenes, und hatte ich nur noch den einen Gedanken im Sinn: »Wird er uns am Ausgang erwarten?«
Doch wir gelangten nicht so schnell zum Ausgang, als ich gewollt hätte. Zuerst hieß es noch, mit fast sämtlichen Estradezuschauern, welche gleichzeitig mit uns ihre Plätze verließen, Hände schütteln und ein paar Phrasen tauschen. Man blieb da im Stiegenhause in einer großen Gruppe stehen und es gab einen förmlichen Morgenraout. »Grüß' Dich, Tini.« – »Bonjour, Martha.« – »Ah, Sie auch da, Gräfin?« – »Bist Du für den Ostersonntag schon vergeben?« – »Guten Tag, Durchlaucht, vergessen Sie nicht, dass wir Sie Montag Abend zu einer kleinen Tanzerei erwarten.« – »Warst Du gestern bei den Dominikanern in der Predigt? – »Nein, ich war im Sacré-coeur, wo meine Töchter eine Retraite machen.« – »Die nächste Probe zu unserer Wohlthätigkeitsvorstellung ist Dienstag um zwölf Uhr, lieber Baron, seien Sie ja pünktlich.« – »Die Kaiserin hat wieder superb ausgesehen.« – »Hast Du bemerkt, Lori, wie der Erzherzog Ludwig Viktor immer zu der Götter-Fanny herüberschielte?« – Madame, j'ai l'honneur de vous présenter mes hommages.« – »Ah, c'est vous, marquis ... charmée.« – »I wish you good morning, Lord Chesterfield. – »Oh, how are you? Awfully fine woman, your Empress.« – »Haben Sie schon eine Loge gesichert für die Vorstellung der Adelina Patti? Ein ganz wunderbarer aufgehender Stern ...« – »Die Nachricht von der Verlobung des Ferdi Drontheim mit der Bankierstochter soll sich also doch bestätigen – es ist ein Skandal!«
Und so schwirrte es hin und her. Ein unbefangener Horcher hätte diesen Gesprächen wohl kaum angemerkt, dass sie der Nachstimmung einer eben verrichteten Demutsandacht entsprangen.
Endlich traten wir vor das Thor hinaus, wo unsere Wagen warteten und eine Menge Volk versammelt war. Diese Leute wollten wenigstens diejenigen sehen, welche so glücklich waren, den Allerhöchsten Hof gesehen zu haben; sie konnten dann ihrerseits als diejenigen, welche die Gesehenhabenden gesehen hatten, wieder minder Bevorzugten sich sehen lassen.
Unser Wagen war vorgefahren; wir mussten einsteigen und Rosa drängte mich vorwärts; Tilling führte die Hand an die Mütze und wollte zurücktreten. Da machte ich eine heftige Anstrengung und sagte mit einer Stimme, die mir selber ganz fremd klang:
»Du musst Dich erkältet haben, Martha,« bemerkte meine Schwester, als wir davonfuhren; »Deine Aufforderung klang furchtbar heiser. Und warum hast Du mir diesen schwermütigen Stabsoffizier nicht vorgestellt? Ich habe noch selten ein weniger aufheiterndes Gesicht gesehen.«
»Ich ahne, dass der heutige Tag über mein Schicksal entscheiden wird. Mir ist so feierlich und bang, so süß erwartungsvoll zu Mute. Diese Stimmung muss ich in diesen Blättern fixieren, damit, wenn ich einst nach langen Jahren darin blättere, ich mir recht lebhaft die Stunde ins Gedächtnis zurückrufen könne, welcher ich jetzt so bewegt entgegensehe. Vielleicht kommt es ganz anders, als ich denke – vielleicht auch genau so ... jedenfalls wird es mich einst interessiren, zu sehen, wie weit Voraussicht und Wirklichkeit sich deckten. – – – Der Erwartete liebt mich – das bewies mir sein am Sterbelager der Mutter geschriebener Brief; er ist wiedergeliebt – das muss ihm das Röslein im Totenkranz verraten haben ... Und nun kommen wir zusammen – ohne Zeugen – im Innersten bewegt – er trostbedürftig – ich vom Wunsche zu trösten durchdrungen: ich glaube, es wird gar nicht viel Worte geben ... Tränen in unserer beiden Augen, zitternd vereinte Hände – und wir werden uns verstanden haben ... Zwei liebende, zwei glückliche Menschen – ernsthaft, weihevoll, leidenschaftlich, andächtig glücklich – während in der Gesellschaft die Sache gleichgültig und trocken etwa so verkündet wird! »Wissen Sie schon? die Martha Dotzky hat sich mit Tilling verlobt – eine miserable Partie.« ... Es ist zwei Uhr und fünf Minuten – jetzt kann er jeden Augenblick eintreten. – Die Glocke ... dieses Herzklopfen dieses Zittern, ich fühle, dass – –«
So weit war ich gekommen. Die letzte Zeile ist mit beinahe unleserlichen Buchstaben gekritzelt, ein Zeichen, dass »dieses Herzklopfen, dieses Zittern« keine bloße rhetorische Figur war.
Voraussicht und Wirklichkeit deckten sich nicht. Tilling verhielt sich während seines halbstündigen Besuches ganz zurückhaltend und kalt. Er bat mich um Verzeihung für die Kühnheit, welche er gehabt, an mich zu schreiben; ich möge dieses Beiseitesetzen der Etikette der Unzurechnungsfähigkeit zu gute halten, welche einen Menschen in so schmerzlichen Augen blicken befallen kann. Dann erzählte er mir noch einiges von den letzten Tagen und aus dem Leben seiner Mutter; aber von dem, was ich erwartet hatte – kein Wort. Und so wurde auch ich immer zurückhaltender und kälter. Als er sich zum Gehen erhob, machte ich keinen Versuch, ihn zu halten und forderte ihn auch nicht auf, wiederzukommen.
»Ich fühle, dass – alles aus ist ... dass ich mich schmählich getäuscht habe, dass er mich nicht liebt und jetzt auch glauben wird, dass er mir ebenso gleichgültig ist, wie ich ihm. Beinahe abstoßend habe ich mich benommen. Ich fühle – er kommt nie wieder. Und doch enthält die Welt keinen zweiten Menschen für mich! So gut, so edel, so geistvoll ist keiner mehr – und so lieb wie ich Dich gehabt hätte, Friedrich, so lieb hat Dich keine andere, Deine Prinzessin – zu der Du zurückgekehrt zu sein scheinst – schon gewiss nicht. Mein Sohn Rudolf, Du sollst mein Trost und mein Halt sein. Fortan will ich von Frauenliebe nichts mehr wissen; nur die Mutterliebe soll mir Herz und Leben ausfüllen ... Wenn es mir gelingt, einen solchen Mann aus Dir zu bilden, wie jener einer ist – wenn ich einst von Dir so beweint werde, Rudolf, wie jener seine Mutter beweint, so werde ich mein Ziel er reicht haben.«
Eigentlich eine thörichte Einrichtung, das Tagebuchschreiben. Diese stets wechselnden, zerfließenden und neu erstehenden Wünsche, Vorsätze und Anschauungen, welche den Lauf des Seelenlebens bilden, durch aufgeschriebene Worte verewigen zu wollen, das ist ein verfehltes Beginnen und bringt dem älteren nachlesenden Ich die immerhin beschämende Erkenntnis der eigenen Veränderlichkeit. Hier standen nun auf demselben Blatte und unter demselben Datum, zwei so grundverschiedene Stimmungen verzeichnet: zuerst die zuversichtlichste Hoffnung – daneben die vollständigste Entsagung und die nächsten Blätter sollten doch wieder ganz Neues berichten ...
Der Ostermontag war vom herrlichsten Frühlingswetter begünstigt und die an diesem Tage hergekommenermaßen stattfindende Praterfahrt – eine Art Vorfeier des großen Ersten-Mai-Corso, fiel besonders glänzend aus. Ich weiß noch, wie dieser Glanz, diese Fest- und Lenzwonne, die mich da umgab, mit der Traurigkeit kontrastierte, welche mein Gemüt erfüllte. Und doch – ich hätte meine Traurigkeit nicht hergeben wollen – nicht wieder so heiteren, dabei aber leeren Herzens sein, wie vor etwa zwei Monaten, als ich Tilling noch nicht kannte. Denn wenn meine Liebe auch allem Anschein nach eine unglückliche war, so war es doch Liebe – das heißt eine Steigerung der Lebensintensität: dieses warme, zärtliche Gefühl, welches mein Herz schwellte, so oft das teure Bild mir vor das innere Auge trat – ich hätte es nimmer missen mögen.
Dass ich den Gegenstand meiner Träume hier im Prater, mitten im Gewühle weiblicher Fröhlichkeit zu Gesicht bekommen würde, erwartete ich nicht. Und doch: als ich einmal zerstreut die Blicke nach der Reit- Allee schweifen ließ, sah ich von weitem, die Allee in unserer Richtung herabgaloppierend, einen Offizier in welchem ich sogleich – obschon mein kurzsichtiges Auge ihn nur undeutlich ausnahm – Tilling erkannte. Als er nun in die Nähe kam und, zu uns herübersalutierend, sich mit unserem Wagen kreuzte, da erwiderte ich seinen Gruß nicht nur mit einem Kopfnicken, sondern mit lebhaften Winken. Im selben Augenblick war ich gewahr, dass ich da etwas Unpassendes und Ungerechtfertigtes getan.
»Wem hast Du solche Zeichen gemacht?« fragte meine Schwester Lilli: »War es etwa Papa? ... Ah, ich sehe,« fügte sie hinzu, »da spaziert ja eben der unvermeidliche Konrad – dem galt Deine Handverrenkung?«
Dieses rechtzeitige Erscheinen des »unvermeidlichen Konrad« kam mir sehr gelegen. Ich war dem treuen Vetter dankbar dafür und bethätigte diese Dankbarkeit sofort:
»Schau, Lilli,« sagte ich, »er ist doch ein lieber Mensch und gewiss nur wieder Deinetwegen hier – Du solltest Dich seiner erbarmen, Du solltest ihm gut sein ... O, wenn Du wüsstest, wie süß es ist, Jemanden lieb zu haben, Du würdest Dein Herz nicht so verschließen. Geh, mach ihn glücklich, den guten Menschen.«
Wir fuhren noch zwei- oder dreimal die Allee auf und nieder. Aber denjenigen, nach welchem meine Blicke jetzt spähend umhersuchten, sah ich kein zweites Mal. Er hatte den Prater wieder verlassen.
Einige Tage später, um die Nachmittagsstunde, trat Tilling bei mir ein. Er traf mich jedoch nicht allein. Mein Vater und Tante Marie waren auf Besuch gekommen, und außerdem befanden sich noch Rosa und Lilli, Konrad Althaus und Minister »Allerdings« in meinem Salon.
Ich hatte Mühe, einen Überraschungsschrei zu unterdrücken: der Besuch kam mir so unerwartet und so freudig erregend zugleich. Aber mit der Freude war es bald vorüber, als Tilling, nachdem er die Anwesenden begrüßt und sich auf meine Einladung mir gegenüber niedergesetzt hatte, in kaltem Tone sagte:
»Vielleicht auf immer. – Nach Ungarn. – Zu einem anderen Regiment versetzen lassen. – Aus Vorliebe für die Magyaren,« gab Tilling nach den verschiedenen Seiten Bescheid.
»Das war ein rascher Entschluss,« sagte ich möglichst ruhig. »Was hat Ihnen denn unser Wien zu leid getan, dass Sie es auf so gewaltsame Weise verlassen?«
»Ach was,« meinte Konrad, »je trüber die Stimmung, desto mehr soll man Zerstreuung suchen. Ein Abend im Carltheater wirkt jedenfalls erfrischender, als tagelange beschauliche Einsamkeit.«
»Das beste, um Sie aufzurütteln, lieber Tilling,« sagte mein Vater, »wäre wohl ein frischer, fröhlicher Krieg – aber leider ist jetzt gar keine Aussicht dazu vorhanden; der Friede droht sich unabsehbar auszudehnen.«
»Allerdings,« bestätigte der Minister, »der politische Horizont zeigt vor der Hand noch keinen schwarzen Punkt; doch es steigen Wetterwolken mitunter ganz unerwartet rasch auf, und die Chance ist niemals ausgeschlossen, dass eine – wenn auch geringfügige – Differenz einen Krieg zum Ausbruch bringt. Das sage ich Ihnen zum Trost, Herr Oberstlieutenant. Was mich anbelangt, der ich kraft meines Amtes die inneren Angelegenheiten meines Landes zu verwalten habe, so müssen meine Wünsche allerdings nur nach möglichst langer Erhaltung des Friedens gerichtet sein; denn dieser allein ist geeignet, die in meinem Ressort liegenden Interessen zu fördern; doch hindert dies mich nicht, die berechtigten Wünsche derer anzuerkennen, welche vom militärischen Standpunkt allerdings –«
»Gestatten Sie mir, Excellenz,« unterbrach Tilling, »für meine Person gegen die Zumutung mich zu verwahren, dass ich einen Krieg herbeiwünsche. Und auch gegen die Unterstellung zu protestieren, als dürfe der militärische Standpunkt ein anderer sein, als der menschliche. Wir sind da, um, wenn der Feind das Land bedroht, dasselbe zu schützen, geradeso wie die Feuerwehr da ist, um, wenn ein Brand ausbricht, denselben zu löschen. Damit ist weder der Soldat berechtigt, einen Krieg, noch der Feuerwehrmann, einen Brand herbeizuwünschen. Beides bedeutet Unglück, schweres Unglück, und als Mensch darf keiner am Unglück seiner Mitmenschen sich erfreuen.«
»Ich weiß wohl, dass die Gelegenheit zu persönlicher Auszeichnung dem einen nur bei Feuersbrünsten dem anderen nur bei Feldzügen geboten wird; aber wie kleinherzig und enggeistig muss ein Mensch nicht sein, damit sein selbstisches Interesse ihm so riesig erscheine, dass es ihm den Ausblick auf das allgemeine Weh verrammelt. Oder wie hart und grausam, wenn er es dennoch sieht und nicht als solches mitempfindet. Der Friede ist die höchste Wohlthat – oder vielmehr die Abwesenheit der höchsten Übelthat, – er ist, wie Sie selber sagten, der einzige Zustand, in welchem die Interessen der Bevölkerung gefördert werden können, und Sie wollten einem ganzen großen Bruchteil dieser Bevölkerung – der Armee – das Recht zuerkennen, den gedeihlichen Zustand wegzuwünschen und den verderblichen zu ersehnen? Diesen ›berechtigten‹ Wunsch großziehen, bis er zur Forderung anwächst, und dann vielleicht sogar erfüllen? Krieg führen, damit die Armee doch beschäftigt und befriedigt werde – Häuser anzünden, damit die Löschmannschaft sich bewähren und Lob ernten könne?«
»Ihr Vergleich hinkt, lieber Oberstlieutenant,« entgegnete mein Vater, indem er gegen seine Gewohnheit Tilling mit seinem militärischen Titel ansprach, vielleicht um ihn zu ermahnen, dass seine Gesinnungen mit seiner Charge nicht übereinstimmten. – »Feuersbrünste bringen nur Schaden, während Kriege dem Lande Macht und Größe zuführen können. Wie anders haben sich denn die Staaten gebildet und ausgebreitet, als durch siegreiche Feldzüge? Der persönliche Ehrgeiz ist wohl nicht das einzige, was dem Soldaten Freude am Kriege macht, vor allem ist es der nationale, der vaterländische Stolz, der da seine köstliche Nahrung findet; – mit einem Wort, der Patriotismus –«
»Nämlich die Liebe zur Heimat?« fiel Tilling ein. »Ich begreife wirklich nicht, warum gerade wir Militärs machen, als hätten wir dieses, den meisten Menschen natürliche Gefühl, allein in Pacht. Jeder liebt die Scholle, auf der er aufgewachsen; jeder wünscht die Hebung und den Wohlstand der eigenen Landsleute; aber Glück und Ruhm sind durch ganz andere Mittel zu erreichen, als durch den Krieg; stolz kann man auf ganz andere Leistungen sein, als auf Waffen thaten; ich bin zum Beispiel auf unseren Anastasius Grün stolzer, als auf diesen oder jenen Generalissimus.«
»Aber, lieber Baron, sagte nun meine Tante, so habe ich noch keinen Soldaten sprechen hören. Wo bleibt da die Kampfbegeisterung, wo das kriegerische Feuer?«
»Das sind mir keine unbekannten Gefühle, meine Gnädige. Von solchen beseelt, bin ich als neunzehnjähriger Junge zum erstenmal zu Feld gezogen. Als ich aber die Wirklichkeit des Gemetzels gesehen, nachdem ich Zeuge der dabei entfesselten Bestialität gewesen, da war es mit meinem Enthusiasmus vorbei, und in die nachfolgenden Schlachten ging ich schon nicht mehr mit Lust, sondern mit Ergebung.«
»Hören Sie, Tilling, ich habe mehr Campagnen mitgemacht als Sie und auch Schauderscenen genug gesehen, aber mich hat der Eifer nicht verlassen. Als ich im Jahre 49 schon als ältlicher Mann mit Radetzky marschierte, war's mit demselben Jubel wie das erste Mal.«
»Entschuldigen Sie, Excellenz – aber Sie gehören einer älteren Generation an, einer Generation, in welcher der kriegerische Geist noch viel lebendiger war, als in der unseren, und in welcher das Weltmitleid, welches nach Abschaffung alles Elends begehrt, und das jetzt in immer größere Kreise dringt, noch sehr unbekannt war.«
»Sehen Sie, Graf Althaus, mit diesen Worten kennzeichnen Sie den einstigen, jetzt schon sehr erschütterten Standpunkt, auf welchem sich die Vergangenheit allen sozialen Übeln gegenüber verhielt, nämlich den Standpunkt der Resignation, mit der man das Unvermeidliche, das Naturnotwendige betrachtet. Wenn aber einmal beim Anblick eines großen Elends die zweifelnde Frage ›Musste es sein?‹ ins Herz gedrungen, so kann das Herz nicht mehr kalt bleiben, und es steigt neben dem Mitleid zugleich eine Art Reue auf – keine persönliche Reue, sondern – wie soll ich sagen? – ein Vorwurf des Zeitgewissens.«
Mein Vater zuckte die Achseln. »Das ist mir zu hoch,« sagte er. »Ich kann Sie nur versichern, dass nicht nur wir Großväter mit Stolz und Freude auf die durchgemachten Feldzüge zurückdenken, sondern dass auch die meisten von den Jungen und Jüngsten, wenn befragt, ob sie gern in den Krieg zögen, lebhaft antworten würden: Ja gern – sehr gern.«
»Die Jüngsten – gewiss. Die haben noch den in der Schule eingepflanzten Enthusiasmus im Herzen. Und von den anderen antworteten viele dieses ›Gern‹, weil dasselbe nach allgemeinen Begriffen als männlich und tapfer erscheint, das aufrichtige ›Nicht gern‹ aber gar zu leicht als Furcht gedeutet werden könnte.«
»Ach,« sagte Lilli mit einem kleinen Schauder, »ich würde mich auch fürchten ... Das muss ja entsetzlich sein, wenn so von allen Seiten die Kugeln fliegen, wenn jeden Augenblick der Tod droht –«
»So etwas klingt aus Ihrem Mädchenmunde ganz natürlich,« entgegnete Tilling, »aber wir müssen den Selbsterhaltungstrieb verleugnen ... Soldaten müssen auch das Mitleid, den Mitschmerz für den auf Freund und Feind hereinbrechenden Riesenjammer verleugnen, denn nächst der Furcht wird uns jede Sentimentalität, jede Rührseligkeit am meisten verübelt.«
»Ja, ich weiß: das ist so eine Art Verzauberung. Nach der Kriegserklärung heißt es plötzlich von allen Schrecknissen: ›Es gilt nicht‹. Kinder lassen manchmal diese Konvention in ihren Spielen walten. ›Wenn ich dies oder jenes thue, so gilt es nicht,‹ hört man sie sagen. Und im Kriegsspiel herrschen auch solche unausgesprochene Übereinkommen; Totschlag gilt nicht mehr als Totschlag; Raub ist nicht Raub – sondern Requisition; brennende Dörfer stellen keine Brandunglücke, sondern ›genommene Positionen‹ vor. Von allen Satzungen des Gesetzbuches, des Katechismus, der Sittlichkeit heißt es da – solange die Partie dauert – ›Es gilt nicht.‹ Wenn aber manchmal der Spieleifer nachläßt, wenn das verabredete ›Gilt nicht‹ für einen Moment aus dem Bewusstsein schwindet, und man die umgebenden Scenen in ihrer Wirklichkeit erfasst und dies abgrundtiefe Unglück, das Massenverbrechen als geltend begreift, da wollte man nur noch eins, um sich aus dem unerträglichen Weh dieser Einsicht zu retten: – tot sein.«
»Eigentlich, es ist wahr,« bemerkte Tante Marie nachdenklich, »Sätze wie: Du sollst nicht töten – sollst nicht stehlen – liebe deinen Nächsten wie dich selbst – verzeihe deinen Feinden –«
»Gilt nicht,« wiederholte Tilling. »Und diejenigen, deren Beruf es wäre, diese Sätze zu lehren, sind die ersten, welche unsere Waffen segnen und des Himmels Segen auf unsere Schlachtarbeit herabflehen.«
»Und mit Recht,« sagte mein Vater. »Schon der Gott der Bibel war der Gott der Schlachten, der Herr der Heerschaaren ... Er ist es, der uns befiehlt, das Schwert zu führen, er ist es –«
»Als dessen Willen die Menschen immer dasjenige dekretieren,« unterbrach Tilling, »was sie getan sehen wollen – und dem sie zumuten, ewige Gesetze der Liebe erlassen zu haben, welche er, – wenn die Kinder das große Haßspiel aufführen –, durch göttliches ›Gilt nicht‹ aufhebt. Genau so roh, genau so inkonsequent, genau so kindisch wie der Mensch, ist der jeweilig von ihm dargestellte Gott. Und jetzt, Gräfin,« fügte er hinzu, indem er aufstand, »verzeihen Sie mir, dass ich eine so unerquickliche Diskussion heraufbeschworen und lassen Sie mich Abschied nehmen.«
Stürmische Empfindungen durchbebten mich. Alles, was er eben gesprochen, hatten mir den teuren Mann noch teurer gemacht ... Und jetzt sollte ich von ihm scheiden – vielleicht auf Nimmerwiedersehen? So vor anderen Leuten ein kaltes Abschiedswort mit ihm wechseln und damit alles zu Ende sein lassen? ... Es war nicht möglich: ich hätte, wenn die Thüre sich hinter ihm geschlossen, in Schluchzen ausbrechen müssen. Das durfte nicht sein. Ich stand auf:
Er schaute mich erstaunt an, denn es war zwischen uns niemals von einer Photographie die Rede gewesen. Dennoch folgte er mir in die andere Ecke des Salons, wo auf einem Tische verschiedene Albums lagen und – wo man sich außer Gehörweite der anderen befand.
Wir waren einig. Ich kehrte zu den andern zurück und Tilling, nachdem er noch meine Hand an seine Lippen geführt und die übrigen mit einer Verbeugung begrüßt, ging zur Thür hinaus.
Ich sah der kommenden Unterhaltung mit gemischten Gefühlen leidenschaftlichen Bangens, süßer Ungeduld und – einiger Verlegenheit entgegen. Was ich eigentlich ihm sagen wollte, das wusste ich nicht genau – darüber wollte ich gar nicht nachdenken ... Wenn Tilling etwa die Frage an mich stellte: »Nun denn, Gräfin, was haben Sie mir mitzuteilen – was wünschen Sie von mir?« so konnte ich doch nicht die Wahrheit antworten, nämlich: »Ich habe Ihnen mitzuteilen, dass ich Sie liebe; ich wünsche, dass – Du bleibst.« – Aber in so trockener Form würde er mich wohl nicht verhören und wir würden uns schon verstehen, ohne solche kategorische Fragen und Antworten. Die Hauptsache war: ihn noch einmal sehen – und wenn schon geschieden sein musste, so doch nicht ohne vorher ein herzliches Wort gesprochen, ein inniges Lebewohl getauscht zu haben ... Bei dem bloß gedachten Worte Lebewohl füllten sich meine Augen mit Tränen. –
»Und ich glücklich, dass Sie mir befohlen haben zu kommen – erinnern Sie sich? im Namen meiner Mutter befohlen ... Auf das hin habe ich mir vorgenommen, Ihnen alles zu sagen, was mir auf dem Herzen liegt. Ich –«
»Sie zeigten mir doch so viel Vertrauen – in jener schmerzlichen Nacht, wo Sie an einem Sterbebette wachten. – Wie kommt es, dass Sie jetzt so alles Vertrauen wieder verloren haben?«
»In jener feierlichen Stunde war ich aus mir selber herausgetreten – seither hat mich wieder meine gewohnte Schüchternheit erfasst. Ich sehe ein, dass ich damals mein Recht überschritten – und um es nicht wieder zu überschreiten, hatte ich Ihre Nähe geflohen.« ...
Es war zum zweitenmale, dass er mich bei meinem Namen nannte. Diese beiden Silben hatten einen berauschenden Klang für mich ... Darauf musste ich etwas erwidern, was ihm ebenso süß klänge – auch zwei Silben, in welchen alles lag, was mir das Herz schwellte, und meinen Blick zu ihm erhebend, sagt' ich leise:
»Ah, da bist Du ja! Der Bediente sagte, Du seist nicht zu Hause ... ich aber antwortete, dass ich auf Dich warten wolle ... Guten Tag, Tilling! Nach Ihrem gestrigen Abschied bin ich sehr überrascht, Sie hier zu finden –«
Ich wünschte Papa samt seiner Familienangelegenheit zu den Antipoden. Ungelegener hätte mir keine Unterbrechung kommen können. Tilling blieb jetzt nichts Anderes übrig, als zu gehen. Aber nach dem, was eben zwischen uns vorgefallen, bedeutete Entfernung keine Trennung: unsere Gedanken, unsere Herzen blieben bei einander.
»Das ist sie. Ich wollte Deinen Courmacher nur entfernen, um Dir meine Meinung sagen zu können ... Und ich betrachte es als eine für unsere Familie sehr wichtige Angelegenheit, dass Du, Gräfin Dotzky, geborene Althaus, Deinen Ruf nicht etwa verscherzest.«
»Lieber Vater, der sicherste Wächter meines Rufes und meiner Ehre ist mir in der Person des kleinen Rudolf Dotzky gegeben, und was die väterliche Autorität des Grafen Althaus anbelangt, so lasse mich in aller Ehrerbietung Dich erinnern, dass ich in meiner Eigenschaft als selbstständige Witwe derselben entwachsen bin. Ich beabsichtige nicht, mir einen Liebhaber zu nehmen, denn das ist's, was Du zu vermuten scheinst; aber wenn ich mich entschließen wollte, wieder zu heiraten, so behalte ich mir vor, ganz frei nach meinem Herzen zu wählen.«
»Den Tilling heiraten? wo denkst Du hin? Das gäbe erst eine rechte Familienkalamität. Da wäre mir beinahe noch lieber ... nein, das will ich nicht gesagt haben ... aber ernstlich, Du führst doch keine solche Idee im Schilde?«
»Was wäre dagegen einzuwenden? Du hast mir erst neulich einen Oberlieutenant, einen Hauptmann und einen Major in Vorschlag gebracht – Tilling ist nun gar schon Oberstlieutenant –«
»Das ist das schlimmste an ihm. Wäre er Civilist, so könnte man ihm die Ansichten noch verzeihen, die er gestern vorgebracht hat; aber bei einem Militär grenzen dieselben hart an Verrat ... Er möchte wohl gern seinen Abschied nehmen, um ja nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, einen Feldzug mitzumachen, dessen Strapazen und Leiden er offenbar fürchtet. Und da er kein Vermögen besitzt, so ist es eine ganz kluge Idee von ihm, eine reiche Heirat machen zu wollen. Ich hoffe aber zu Gott, dass sich zu diesem Zwecke keine Frau hergeben wird, welche die Tochter eines alten Soldaten ist, der in vier Kriegen gefochten hat, und bereit wäre, heute noch mit Begeisterung auszurücken – und die Wittwe eines tapferen jungen Kriegers, welcher auf dem Felde der Ehre einen ruhmvollen Tod gefunden.«
Mein Vater, welcher während des Sprechens mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging, war hochgerötet und seine Stimme zitterte vor Erregung. Auch ich war im Innersten erregt. Das Phrasenwerk, das hohle Wortgeklingel, in welche die Angriffe auf den Mann meiner Liebe eingekleidet waren, widerte mich an. Aber ich fand keine Entgegnung. Dass meine Verteidigung das bodenlose Unrecht, welches Tilling hier geschah, nicht aufheben konnte, das fühlte ich. Wenn mein Vater die gestern geäußerten Ansichten so falsch beurteilte, so lag das eben an einem gänzlichen Unverständnis. Gegen die Gesichtspunkte, welche Tilling vertreten hatte, war mein Vater einfach blind. Ich konnte ihn nicht sehend machen. Ich konnte ihn nicht lehren, einen anderen ethischen Maßstab – als den soldatischen, der ja in General Althaus' Augen der höchste Maßstab war – an die Gesinnungen zu legen, welche jener als Mensch und Denker hegte. Aber während ich den eben gehörten Ausfall gegenüber so stumm dastand, dass mein Vater wohl glauben mochte, er habe mich beschämt und meine Absichten im Keime erstickt, fühlte ich mich doppelt sehnsüchtig zu dem verkannten Manne hingezogen und in dem Entschluss bestärkt, die Seine zu werden. Ich war ja zum Glück frei. Des Vaters Missbilligung konnte mich allerdings betrüben, allein mich von dem Zuge meines Herzens zurückhalten, das konnte sie nicht. Und auch zu großer Betrübnis war kein Raum in meiner Seele. Das wunderbare, das mächtige Glück, welches in der letzten Viertelstunde sich mir eröffnet hatte, war zu lebhaft, um daneben den Verdruss aufkommen zu lassen.
Am folgenden Morgen erwachte ich mit einem Gefühle, das demjenigen glich, mit welchem ich jedesmal als Kind am Weihnachtstage und einmal als Braut an meinem Vermählungsmorgen erwachte: dieselbe unaussprechliche Erwartung, dasselbe erregte Bewusstsein, dass heute Frohes, Großes bevorstand. Einige Mißstimmung brachte mir zwar die Erinnerung an die Worte, welche Tags vorher mein Vater gesprochen – aber diesen Gedanken hatte ich schnell wieder verscheucht.
Es war noch nicht neun Uhr, als ich am Eingang der Praterallee den Wagen verließ und mein mit dem Reitknecht vorausgeschicktes Pferd bestieg. Das Wetter war frühlingsduftend und mild – zwar sonnenlos, darum aber nur desto milder, und Sonnenschein trug ich ohnehin im Herzen. Es hatte in der Nacht geregnet; die Blätter prangten in frischem Grün und aus dem Boden drang feuchter Erdgeruch herauf.
Es war Konrad, der Unvermeidliche. Mich freute diese Begegnung gar nicht. Nun freilich, der Prater war nicht mein Privatpark und an so schönen Frühlingsmorgen ist die Reit-Allee stets gefüllt: wie konnte ich nur so ungeschickt sein, hier auf ein ungestörtes Stelldichein zu rechnen? Althaus hatte seinem Pferd die Gangart des meinen annehmen lassen und schickte sich offenbar an, der treue Begleiter meines Spazierrittes zu sein. Jetzt erblickte ich von weitem Friedrich von Tilling, der in unserer Richtung die Allee herabgaloppierte.
»Erst gestern abends habe ich ihr wieder Deine guten Eigenschaften gepriesen ... denn Du bist wirklich ein prächtiger Junge: gefällig rücksichtsvoll –«
Schon war Tilling ganz nahe. Zuerst schaute Konrad ihn, dann mich an, und ohne ein Wort zu sagen, nickte er mir lächelnd zu und stürmte davon, als wäre er auf der Flucht.
»Wieder dieser Althaus!« waren Tillings erste Worte, nachdem er Kehrt gemacht, um an meiner Seite weiterzureiten. In seinem Tone und seinen Mienen drückte sich deutlich Eifersucht aus. Das freute mich. »Ist er bei meinem Anblicke so ausgerissen, oder geht sein Pferd durch?«
»Sie wälzen mir einen Stein vom Herzen. Dieser Mensch war mit ein Grund, warum ich Wien verlassen wollte. Ich hätte es nicht ertragen können, sehen zu müssen –«
»Die Angst, dass meine Leidenschaft zunehme, dass ich dieselbe nicht länger würde verhehlen können – dass ich mich lächerlich mache und unglücklich zugleich –«
»O Martha!« ... Ich lebe seit gestern in einem solchen Taumel der Gefühle, dass ich fast bewusstlos bin. Aber nicht ohne Angst – wie wenn man gar zu süß träumt – dass ich plötzlich wieder zu einer schmerzlichen Wirklichkeit erweckt werde. Im Grunde ist ja meine Liebe doch aussichtslos ... Was kann ich Ihnen bieten? Heute lächelt mir Ihre Huld und erhebt mich in den siebenten Himmel ... Morgen – oder etwas später – werden Sie mir die unverdiente Huld wieder entziehen und mich in einen Abgrund der Verzweiflung stürzen ... Ich kenne mich selbst nicht mehr: wie hyperbolisch ich da rede – der ich sonst ein ruhiger, besonnener Mensch, ein Feind aller Übertreibungen bin ... Aber Ihnen gegenüber kommt mir nichts mehr übertrieben vor: in Ihrer Macht liegt es, mich selig und elend zu machen« ...
»Die betreffende Dame, deren Herz jetzt bekanntermaßen in der Burg gefesselt ist – auf wie lang? denn dieses Herz verschenkt sich häufig – die Dame würde auch den diskretesten Menschen nicht zu Grabesverschwiegenheit verpflichten – also können Sie mir doppelt glauben. Und übrigens: hätte ich Wien verlassen wollen, wenn jenes Gerücht begründet wäre?«
»Es wird mir schwer, Martha, so ruhig neben Ihnen einzureiten ... Ich wollte Ihnen zu Füßen fallen – wollte wenigstens Ihre geliebte Hand an meine Lippen führen –«
»Lieber Friedrich,« sagte ich zärtlich, »solche Ergüsse sind nicht nötig – auch mit Worten kann man huldigen, wie mit einem Kniefall und liebkosen, wie –«
Nach diesem letzten Worte, das uns beide elektrisch durchzuckte, schauten wir uns eine Zeit lang in die Augen und erfuhren, dass man auch mit Blicken küssen kann ...
»Ich? Wohl auch seit demselben Abend. Aber so recht klar wurde es mir erst am Sterbebett meiner armen Mutter ... Wie sehnsüchtig meine Gedanken zu Dir flüchteten!«
»Das habe ich auch so verstanden. Du hingegen, hast die Sprache der roten Rose nicht verstanden, welche zwischen den weißen Totenblumen eingeflochten war, sonst hättest Du bei Deiner Ankunft mich nicht so gemieden. Ich begreife noch jetzt den Grund dieses Fernhaltens nicht – und warum Du abreisen wolltest?«
»Weil sich mein Gedanke nie bis zu der Hoffnung verstieg, dass ich Dich erringen könnte. Erst als Du mir bei dem Andenken meiner Mutter befahlst, zu Dir zu kommen und zu bleiben befahlst – da habe ich verstanden, dass Du mir gewogen bist – dass ich Dir mein Leben weihen dürfe.«
»Siehst Du – mit diesem Wort ist die Schranke bezeichnet, die mich von der Bewerbung abhielt: eine reiche Witwe – und ich – ganz ohne Vermögen. Lieber an unglücklicher Liebe zu Grunde gehen, als von der Welt und namentlich von der Frau, die ich anbete, dessen verdächtigt zu werden, wessen Du Deinen Bewerbertroß soeben beschuldigt hast.«
Und jetzt forschten wir einander noch weiter aus. Auf diese Frage »seit wann« wir uns liebten, folgten nun die Erörterungen »warum«? Was mich zuerst angezogen, war die Art gewesen, in welcher er vom Kriege gesprochen. Was ich im Stillen gedacht und gefühlt – glaubend, es könne kein Soldat ein Gleiches denken und am allerwenigsten äußern – das hat er mit größerer Klarheit gedacht, als ich, stärker gefühlt, – und ganz freimütig ausgesprochen. So sah ich, wie sein Herz die Interessen seines Standes und sein Geist die Ansichten seiner Zeit überragten. Das war's, was sozusagen die Grundlage meiner ihm geweihten Liebe bildete – daneben gab es für das aufgestellte »warum« noch unzählige »weil«. Weil er eine so hübsche, vornehme Erscheinung besaß; – weil in seiner Stimme ein eigens sanfter und doch fester Ton vibrierte; – weil er ein so liebender Sohn gewesen; – weil –
»Das große Herz – der kleine Fuß – die schönen Augen – der glänzende Geist – das sanfte Lächeln – der scharfe Witz – die weiße Hand – die frauliche Würde – der wunderbare –«
»Das ist auch einfacher, denn der eine in seiner Kraft und Unwiderstehlichkeit umfasst die anderen alle. Ich lieb' Dich, Martha, weil – ich Dich liebe. Darum.«
Die Mitteilung, die ich ihm zu machen hatte, würde zu unangenehmen Erörterungen Anlass geben, das sah ich voraus. Doch ich wollte diese unausbleibliche Unannehmlichkeit sobald als möglich überstanden haben, und ihr lieber noch unter dem ersten Eindruck meines eben erworbenen Glückes die Stirne bieten.
Mein Vater, der ein Spätaufsteher war, saß noch bei seinem Frühstück über den Morgenblättern, als ich in sein Arbeitszimmer eindrang Tante Marie war gleichfalls anwesend und gleichfalls mit Zeitunglesen beschäftigt.
»Das bedeutet, dass ich von einem Ritt im Prater komme, wo etwas vorgefallen ist, das ich euch ohne Aufschub mitteilen wollte. Ich nahm daher nicht einmal die Zeit, nach Hause zu fahren und Toilette zu wechseln –«
Sollte ich weiter ausholen? Sollte ich Einleitungen und Vorbereitungen machen? Nein: lieber kopfüber mich hineinstürzen, wie man vom Springbrett sich ins Wasser schwingt –:
Aber ich ließ ihn nicht ausreden: »Verlobt mit einem Manne, den ich von Herzen liebe und hochachte, von dem ich glaube, dass er mich vollständig glücklich machen kann – mit Baron Friedrich von Tilling.«
»Ich hätte lieber einen anderen Namen gehört,« sagte sie. »Erstens ist Baron Tilling keine Partie er soll gar nichts haben; zweitens scheinen mir seine Grundsätze und Ansichten ...«
»Seine Grundsätze und Ansichten stimmen mit den meinen überein, und eine sogenannte ›Partie‹ zu suchen – darauf bin ich nicht angewiesen ... Vater – mein Herzensvater, schau' nicht so bitter drein – verdirb mir das hohe Glück nicht, welches ich zu dieser Stunde empfinde – mein guter, geliebter alter Papa!
»Aber Kind,« antwortete er in etwas besänftigtem Tone, denn ein wenig Zärtlichkeit pflegte ihn gleich zu entwaffnen: »es ist ja eben Dein Glück, welches ich im Auge habe. Ich könnte mit keinem Soldaten glücklich werden, der nicht mit Leib und Seele Soldat ist.«
»Du brauchst ja Tilling nicht zu heiraten,« bemerkte Tante Marie ganz zutreffend. »Das Soldatentum ist das geringste,« fügte sie hinzu; »aber ich könnte mit einem Manne nicht glücklich werden, der von dem Gott der Bibel in so wenig ehrerbietigem Tone redet, wie neulich –«
»Wenn ich denke, dass Du einem Fürsten einen Korb gegeben hast,« seufzte Tante Marie, »und jetzt, statt Dich zu erheben, wirst Du auf der gesellschaftlichen Leiter herabsteigen!«
»Wie unfreundlich Ihr beide seid – und Ihr behauptet doch, mich lieb zu haben. Da komme ich zu euch – das erste Mal seit des armen Arno Tode – mit der Nachricht, dass ich mich vollkommen glücklich fühle, und anstatt Euch dessen zu freuen, sucht Ihr allerlei Vergällungsgründe hervor – und was für welche: Militarismus, Jehovah, soziale Leiter!«
Nach einem halben Stündchen war es mir doch gelungen, die alten Leute einigermaßen umzustimmen. Ich hatte mir – nach der Tags zuvor gehaltenen Rede zu schließen – den Widerstand meines Vaters viel heftiger gedacht. Vermutlich wurde er auch, falls meinerseits bloße Absicht und Neigung vorgelegen hätte, energisch versucht haben, Absicht und Neigung zu ersticken; aber dem »fait accompli« gegenüber sah er wohl ein, dass Widerstand nichts mehr nützen konnte. Oder war es doch der Einfluss des überströmenden Glücksgefühls, welches in meinen Augen leuchten und in meiner Stimme beben mochte, das seinen Verdruss verscheuchte und woran er unwillkürlich freudigen Anteil nehmen musste? – kurz, als ich zum Gehen aufstand und ihm adieu sagte, drückte er einen herzhaften Kuß auf meine Wange und versprach, noch am selben Abend zu mir zu kommen, um daselbst seinen künftigen Schwiegersohn als solchen zu begrüßen.
Wie noch weiter jener Tag und der darauf folgende Abend verlief – schade, dass die roten Hefte es nicht verzeichnet haben. Die Einzelheiten sind nach so langer Zeit meinem Gedächtnis entschwunden – ich weiß nur noch, dass es herrliche Stunden waren.
Rosa und Lilli waren entzückt; Konrad Althaus rief: »Bravo, Martha! – und Du, Lilli, nimm Dir ein Beispiel daran!« Mein Vater hatte seine frühere Antipathie entweder überwunden, oder es gelang ihm, dieselbe mir zu liebe zu verbergen; und Tante Marie war weich und gerührt:
»Die Ehen werden im Himmel geschlossen,« sagte sie, »und jedem geschieht nach seiner Bestimmung. Mit Gottes Segen werdet ihr glücklich werden und den will ich unermüdlich auf euch herabflehen.«
Auch mein Sohn Rudolf wurde dem künftigen »neuen Papa« vorgestellt, und es war mir ein eigenes Wohl- und Weihegefühl, als der geliebte Mann mein geliebtes Kind in seine Arme hob, es innig küsste und sagte: »Aus Dir, kleiner Bursch', werden wir einen ganzen Mann machen.«
»Meine Karrière aufgeben? Ich habe ja keine andere .... Und man braucht doch kein Freund vom Kriege zu sein, um den Militärdienst zu leisten, ebenso wenig als man –«
»Ich könnte noch mehr Beispiele anführen: ebenso wenig als ein Arzt den Krebs und den Typhus lieben, oder als ein Richter ein besonderer Verehrer von Einbruchsdiebstählen sein muss. Aber meine Laufbahn aufgeben? Was hätte ich für eine Veranlassung dazu?«
»Veranlassung wäre,« sagte Tante Marie, »Ihrer Frau das Garnisonleben zu ersparen – und die Angst zu ersparen, falls ein Krieg ausbricht .... Obgleich diese Angst ein Unsinn ist; denn wenn es einem bestimmt ist, alt zu werden, so lebt er lange, trotz aller Gefahren.«
»Die genannten Gründe wären freilich gewichtig. Meiner künftigen Gefährtin die Unannehmlichkeiten des Lebens so viel als möglich fernzuhalten, wird ja mein eifrigstes Bestreben sein; aber die Unannehmlichkeit einen Mann zu haben, der berufs- und beschäftigungslos wäre, müsste doch noch größer sein, als diejenige des Garnisonlebens. Und die Gefahr, dass mein Rücktritt von irgend jemand als Faulheit oder Feigheit ausgelegt werden könnte, wäre doch noch schlimmer, als die Gefahren eines Feldzuges. Mir ist der Gedanke wirklich keinen Augenblick gekommen .... Hoffentlich auch Ihnen nicht, Martha?« (Vor Leuten hatten wir das »Du« wieder eingestellt.)
»Das werden Sie nicht. Denn sonst müsste ich auf das höchste Glück verzichten. Sie sind reich – ich besitze nichts, als meine militärische Charge, als die Aussicht auf künftige höhere Rangstufen – und diesen Besitz gebe ich nicht her. Es wäre gegen alle Würde, gegen meine Begriffe von Ehre –«
»Brav, mein Sohn ... jetzt bin ich ausgesöhnt. Es wäre Sünd' und Schand' um Ihre Laufbahn. Sie haben gar nicht mehr weit zum Obersten und bringen es sicher zum General – können schließlich Festungskommandant, Gouverneur oder Kriegsminister werden. Das giebt auch der Frau eine angenehme Stellung.«
Ich schwieg still. Um die Aussicht, Frau Kommandantin zu werden, war es mir gar nicht zu tun. Am liebsten wäre es mir gewesen, mit dem Manne meiner Wahl das Leben in ländlicher Zurückgezogenheit zu verbringen; aber dennoch waren mir seine eben geäußerten Entschlüsse lieb. Denn dieselben bewahrten ihn vor dem Makel des Verdachtes, welchen mein Vater gegen ihn gehegt, und der ihn sicherlich auch in den Augen der Welt getroffen hätte.
»Ja, ganz ausgesöhnt« – fuhr mein Vater fort. »Denn aufrichtig: ich glaubte, es sei Ihnen hauptsächlich darum zu tun .... nun, nun – Sie brauchen nicht so wütend zu schauen – ich meine: nebenbei darum zu tun, sich ins Privatleben zurückzuziehen, und da hätten Sie sehr unrecht getan. Auch meiner Martha gegenüber – die ist nun schon einmal ein Soldatenkind, eine Soldatenwitwe – und ich glaube kaum, dass sie einen in Civilkleidern auf die Dauer lieb haben könnte.«
Mein Bräutigam hatte sich für die Hochzeitsreise einen zweimonatlichen Urlaub erwirkt. Unsere erste Etappe war Berlin. Ich hatte den Wunsch geäußert, einen Kranz auf das Grab von Friedrichs Mutter niederzulegen und unsere Reise mit diesem Pilgergang zu eröffnen.
In der preußischen Hauptstadt hielten wir uns acht Tage auf. Friedrich machte mich mit seinen dort lebenden Verwandten bekannt und alle erschienen mir als die liebenswürdigsten Leute von der Welt. Freilich – wenn man eben die rosafarbenen Brillen trägt, durch welche man während der Honigwochen die Außenwelt zu betrachten pflegt, da findet man alles lieb und schön. Zudem wird neuvermählten Paaren allseitig mit heiterer und freundlicher Zuvorkommenheit begegnet: alles hält sich für verpflichtet, auf ihre ohnedies so blühenden Pfade immer neue Rosen zu streuen.
Was mir an den Norddeutschen besonders wohlgefiel, war die Sprache. Nicht nur, weil dieselbe den Accent meines Mannes aufwies – eine seiner Eigentümlichkeiten, in welche ich mich zuerst verliebt hatte – sondern weil sie mir, im Vergleich zu der in Österreich üblichen Redeweise, ein höheres Bildungsniveau zu bekunden schien; oder vielmehr, nicht nur schien, sondern in der That bekundete. Grammatikalische Verstöße, wie solche die Umgangssprache der besseren wiener Kreise verunstalten, kommen in der guten berliner Gesellschaft nicht vor. Die preußische Verwechselung des Dativ und Accusativ: »Gieb mich einen Federhut« bleibt auf die unteren Klassen beschränkt, während die in Wien üblichen Kasus-Fehler: »Ohne Dir« – »Mit die Kinder« häufig genug in den ersten Salons gehört werden. »Gemütlich mögen wir immerhin unsere Sprache nennen und dieselbe von den Ausländern auch so befunden werden lassen – eine Inferiorität stellt sie jedenfalls vor. Wenn man Menschenwert nach der Bildungsstufe mißt – und welchen richtigeren Maßstab gäb' es wohl, als diesen? – so ist der Norddeutsche um ein Stückchen mehr Mensch, als der Süddeutsche – ein Ausspruch, der im Munde eines Preußen sehr »arrogant« klänge, und aus der Feder einer Österreicherin sehr »unpatriotisch« erscheinen mag; – aber wie selten gibt es eine ausgesprochene Wahrheit, die nicht irgendwo oder irgendwen verletzte ...
Unser erster Besuch in Berlin – nachdem wir auf dem Friedhofe gewesen – galt der Schwester der Verstorbenen. Aus der Liebenswürdigkeit und geistigen Bedeutendheit dieser Frau konnte ich schließen, wie liebenswürdig und bedeutend Friedrichs Mutter gewesen sein musste, wenn sie Frau Kornelie von Tessow glich. Letztere war die Witwe eines preußischen Generals und besaß einen einzigen Sohn, welcher damals eben Lieutenant geworden war.
Einem schöneren Jüngling wie diesem Gottfried von Tessow bin ich in meinem ganzen Leben nicht begegnet. Rührend anzusehen war es, wie Mutter und Sohn an einander hingen; auch darin schien Frau Kornelie Ähnlichkeit mit ihrer verstorbenen Schwester gehabt zu haben. Wenn ich den Stolz sah, welchen sie augenscheinlich in Gottfried setzte, und die Zärtlichkeit, mit welcher dieser seine Mutter behandelte, so freute ich mich schon in Gedanken auf die Zeit, wo mein Sohn Rudolf erwachsen sein würde. Nur eines konnte ich nicht begreifen, und ich äußerte dies auch zu meinem Manne:
»Es gibt einfach Gedanken, liebes Herz,« antwortete mir Friedrich, »die niemand denkt, naheliegende Erwägungen, die niemand anstellt. Ein solcher Gedanke ist die Gefährlichkeit des Soldatenberufes. Den lässt man nicht aufkommen: es liegt – so meint man – eine Art Unanständigkeit und Feigheit darin, diese Erwägung in Betracht zu ziehen. Es wird als so selbstverständlich und unvermeidlich angenommen, dass diese Gefahr bestanden werden muss und eigentlich fast immer glücklich bestanden wird (die Prozente der Gefallenen verteilen sich auf die anderen), dass man an die Todeschance gar nicht denkt. Sie ist zwar da – aber das ist sie ja für jeden Geborenen, und keiner denkt an den Tod. In dem Verjagen lästiger Begriffe vermag der Geist Großes zu leisten. Und schließlich: was kann ein preußischer Edelmann wohl für eine angenehmere und angesehenere Stellung haben als die eines preußischen Kavallerieoffiziers?«
»Ach,« seufzte sie einmal –, »dass meine arme Schwester die Freude nicht erleben sollte, solch eine Schwiegertochter zu besitzen und ihren Friedrich so glücklich zu sehen wie er es jetzt an Deiner Seite ist. Es war immer ihr sehnlichster Wunsch, ihn verheiratet zu sehen. Aber er stellte so hohe Anforderungen an die Ehe –«
»›A trap for a compliment‹ nennen das die Engländer. – Ich wollte, mein Gottfried könnte auch einst solchen Treffer machen. Ich bin jetzt schon ungeduldig, Großmutterfreuden zu erleben. Doch da werde ich wohl noch lange warten können: mein Sohn ist erst einundzwanzig Jahre alt.«
»Noch kannst Du das nicht wissen, liebes Herz; darüber müssen wir nach zehn Jahren wieder reden. In den ersten Wochen sind fast alle Ehen glücklich. Damit will ich jedoch keinen Zweifel an meinem Neffen, noch an Dir ausgedrückt haben – ich glaube selber, dass Euer Glück ein dauerhaftes sein wird.«
Von Berlin aus begaben wir uns nach den deutschen Bädern. Meine kurze Italienreise mit Arno – von der ich übrigens nur eine ganz traumhafte Erinnerung hatte – abgerechnet, war ich von Hause nie weggekommen. Dieses Kennenlernen neuer Orte, neuer Menschen und neuen Lebens versetzte mich in gehobenste Stimmung. Die Welt schien mir plötzlich so schön und noch einmal so interessant geworden. Wäre mein kleiner Rudolf nicht gewesen, den ich zurückgelassen hatte, ich würde Friedrich vorgeschlagen haben: »Lass uns jahrelang so herumreisen, wie jetzt. Besuchen wir ganz Europa und hernach die übrigen Weltteile; genießen wir diese Wanderexistenz, dieses ungebundene Umherstreifen; sammeln wir die Reichtümer neuer Eindrücke und Erfahrungen. Überall, wo wir hinkommen – und seien uns Land und Leute noch so fremd – bringen wir ja durch unser Beisammensein ein genügendes Stück Heimstätte mit.« Was hätte mir Friedrich auf solchen Vorschlag geantwortet? Wahrscheinlich, dass man es sich nicht zum Beruf machen kann, bis an sein Lebensende »hochzeitzureisen,« dass sein Urlaub nur zwei Monate dauert und dergleichen vernünftige Sachen mehr.
Wir besuchten Baden-Baden, Homburg und Wiesbaden. Überall dasselbe fröhliche, elegante Treiben – überall so viele interessante Menschen aus aller Herren Ländern. Im Umgang mit diesen Fremden wurde ich erst gewahr, dass Friedrich die französische und englische Sprache vollkommen beherrschte; dies ließ ihn in meiner Bewunderung noch um einen Grad steigen. Immer wieder entdeckte ich neue Eigenschaften an ihm: Sanftmut, Heiterkeit, lebhafteste Empfänglichkeit für alles Schöne. Eine Rheinfahrt setzte ihn in Entzücken und im Theater oder Konzertsaal, wenn die Künstler Hervorragendes leisteten, leuchtete ihm der Genuss aus den Augen. Dadurch erschien mir der Rhein mit seinen Burgen doppelt romantisch, darum bewunderte ich die Vorträge berühmter Virtuosen doppelt.
Diese zwei Monate vergingen leider viel zu schnell. Friedrich kam um Verlängerung seines Urlaubs ein, wurde aber abschlägig beschieden. Das war mir seit unserer Verheiratung der erste Moment des Ärgers, als dieses offizielle Papier anlangte, welches im trockenen Stile unsere Heimkehr befahl.
Von unserer Reise zurückgekehrt, rückten wir nach einer kleinen mährischen Stadt – der Festung Olmütz – ein, wo Friedrichs Regiment in Garnison lag. Von geselligem Verkehr war in dem Neste keine Rede, und so lebten wir beide in völliger Zurückgezogenheit. Außer den Stunden, die wir dem Dienst widmeten – er als Oberstlieutenant bei seinen Dragonern, ich als Mutter bei meinem Rudolf – widmeten wir uns gegenseitig nur einander. Mit den Damen des Regiments waren die nötigen Ceremonienbesuche und Gegenbesuche ausgetauscht worden, aber auf näheren Umgang ließ ich mich nicht ein; es gelüstete mich nicht im geringsten darnach, bei Nachmittag-Kaffeegesellschaften Dienstbotengeschichten und Stadtklatsch zu hören, und ebenso fern hielt sich Friedrich den Spielpartien des Obersten und den Trinkgelagen der Offiziere. Da hatten wir Besseres zu tun. Die Welt, in der wir uns bewegten – wenn wir des Abends zusammen beim brodelnden Theekessel saßen – die war von der Welt der Olmützer Geselligkeitskreise sternenweit entfernt. »Sternenweit« mitunter im buchstäblichen Sinne – denn einige unserer liebsten geistigen Ausflüge waren nach dem Firmament gerichtet. Wir lasen nämlich miteinander wissenschaftliche Werke und unterrichteten uns über die Wunder des Weltalls. Da durchstreiften wir die Tiefen des Erdballs und die Höhen der Himmelsräume; da drangen wir in die Geheimnisse der mikroskopisch unendlichen Kleinheiten und der teleskopisch unendlichen Fernen, und je größer die Welt vor unseren Blicken sich entfaltete, in desto winzigere Dimensionen schrumpfte der Olmützer Interessenkreis ein. Unsere Lektüren beschränkten sich nicht auf Naturkunde allein, sondern umfassten noch viele andere Zweige der Forschung und des Gedankens. So nahm ich unter anderem zum drittenmal meinen geliebten Buckle vor, um Friedrich mit diesem Autor bekannt zu machen, den er dann ebensosehr bewunderte, wie ich; dabei vernachlässigten wir auch die Dichter und Romanschriftsteller nicht, und so gestalteten sich unsere gemeinschaftlichen Leseabende zu wahren Festen des Geistes – während unsere übrige Existenz eigentlich ein ununterbrochenes Fest des Herzens war. Täglich gewannen wir uns lieber; was die Leidenschaft an Feuer einbüßte, das gewann die Zuneigung an Innigkeit, die Achtung an Festigkeit. Das Verhältnis zwischen Friedrich und Rudolf war der Gegenstand meines Entzückens. Die beiden waren die besten Kamera den der Welt, und sie miteinander spielen zu sehen, war köstlich. Friedrich war dabei von den zweien beinah der kindischere. Natürlich mischte ich mich sofort auch in die Partie, und was da für Dummheiten getrieben und geredet wurden, das mögen uns die Weisen und Gelehrten verzeihen, deren Werke wir lasen – wenn Rudolf zu Bett gebracht war. Zwar behauptete Friedrich, dass er von Hause aus kein besonderer Kinderfreund sei; aber einmal war der Kleine seiner Martha Sohn, und zweitens war er wirklich lieb und herzig und schmiegte sich seinem Stiefvater gar so zärtlich an. Wir machten häufig Pläne über die Zukunft des Knaben. Soldat? ... Nein. Dazu würde er nicht taugen, denn in unserem Erziehungsplan würde die Drillung zur Kriegsruhmliebe keinen Platz finden. Diplomat! Vielleicht. Am wahrscheinlichsten aber Landwirt. Als künftiger Erbe des Dotzkyschen Majorats, welches ihm von dem nunmehr sechsundsechzigjährigen Onkel Arnos einst zufallen musste, würde es ihm Berufs genug sein, seine Besitzungen rationell zu verwalten. Dann sollte er seine kleine Braut Beatrix heimführen und ein glücklicher Mensch werden. Wir waren selber so glücklich, dass wir gern für die ganze Mitwelt, und für die künftigen Geschlechter obendrein, Schätze von Lebensfreude hätten gesichert sehen wollen ... Dennoch verschloss sich unsere Einsicht dem Elend nicht, unter welchem der größte Teil der Menschheit seufzt und wohl noch durch manche Generation wird seufzen müssen: Armut, Unwissenheit, Unfreiheit – so vielen Gefahren und Übeln ausgesetzt – unter diesen Übeln das fürchterlichste: der Krieg. »Ach, wenn man beitragen könnte, es abzuwälzen!« Dieser seufzende Wunsch entrang sich oft unseren Herzen, aber die Betrachtung der herrschenden Zustände und Ansichten stellte solchen Wünschen ein entmutigendes »Unmöglich« entgegen. Leider – der schöne Traum, dass es allen »wohlergehe, und alle lange leben mögen auf Erden«, lässt sich nicht erfüllen – wenigstens nicht in der Gegenwart. Aber die pessimistische Lehre, dass das Leben ein Übel sei, dass es allen besser wäre, sie wären nie geboren – die war uns durch unser eigenes Dasein gründlich widerlegt.
Zu Weihnachten unternahmen wir einen Abstecher nach Wien, um die Festtage im Kreise meiner Familie zuzubringen. Mein Vater war nunmehr mit Friedrich völlig ausgesöhnt. Die Thatsache, dass letzterer den Militärdienst nicht verlassen, hatte die anfänglichen Zweifel und Verdächtigungen verscheucht. Dass ich eine »schlechte Partie« gemacht, das blieb freilich sowohl meines Vaters als auch Tante Mariens Überzeugung; andererseits mussten sie aber auch die Thatsache anerkennen, dass mich mein Mann sehr glücklich machte, und das rechneten sie ihm doch zu gute.
Rosa und Lilli that es leid, dass sie im kommenden Fasching nicht unter meiner, sondern unter der weit strengeren Aussicht der Tante in »die Welt« gehen sollten. Konrad Althaus war nach wie vor ein eifriger Besucher des Hauses, und es wollte mir scheinen, als hätte er in der Gnade Lillis einige Fortschritte gemacht.
Der heilige Abend fiel sehr heiter aus. Es ward ein großer Christbaum angezündet und von einem zum andern wurden allerlei Geschenke getauscht. Der König des Festes und der Meistbeschenkte war natürlich mein Sohn Rudolf; aber auch alle übrigen wurden bedacht. So erhielt Friedrich von mir einen Gegenstand, bei dessen Anblick er einen Freudenschrei nicht unterdrücken konnte. Es war ein silberner Briefbeschwerer in Gestalt eines Storches. Derselbe hielt einen Zettel im Schnabel, auf welchem von meiner Schrift die Worte standen: Im Sommer 1864 bringe ich etwas.
Am ersten Feiertag versammelte sich die ganze Familie wieder bei meinem Vater zum Diner. Von Fremden war nur Excellenz »Allerdings« und Doktor Bresser anwesend. Als wir da in dem altbekannten Speisezimmer bei Tische saßen, musste ich lebhaft jenes Abends gedenken, wo uns beiden unsere Liebe zuerst deutlich ins Bewusstsein getreten. Doktor Bresser hatte denselben Gedanken:
»Erinnern Sie sich noch der Piketpartie, die ich mit Ihrem Herrn Vater spielte, während Sie am Kamin mit Baron Tilling plauderten?« fragte er mich. »Ich sah aus, nicht wahr, als wäre ich ganz in mein Spiel vertieft, aber dennoch hatte ich mein Ohr in Ihrer Richtung gespitzt und hörte aus dem Klang der Stimmen – die Worte konnte ich nicht vernehmen – ein gewisses Etwas heraus, welches in mir die Überzeugung weckte: Die zwei werden ein Paar. Und wenn ich Sie jetzt mit einander beobachte, so steigt mir eine neue Überzeugung auf, nämlich: Die zwei sind und bleiben ein glückliches Paar.«
»Ich bewundere Ihren Scharfsinn, Doktor. Ja, wir sind glücklich. Ob wir es bleiben? Das hängt leider nicht von uns ab, sondern vom Schicksal ... Über jedem Glück schwebt eine Gefahr, und je inniger das erste, desto grausiger die letzte.«
»Ah so. Der war mir gar nicht eingefallen. Ich habe zwar als Arzt öfters Gelegenheit, dem Gesellen zu begegnen – aber ich denke nicht daran. Der liegt ja bei gesunden und jungen Leuten, wie das in Rede stehende glückliche Paar, in so entrückter Ferne –«
»Verscheuchen Sie solche Ideen, liebste Baronin. Es ist ja kein Krieg in Sicht. Nicht wahr, Excellenz,« wandte er sich an den Minister, »gegenwärtig ist am politischen Himmel der mehrfach erwähnte schwarze Punkt nicht zu sehen?«
»Ah so, Dänemark,« sagte ich erleichtert. »Die Wolke droht also nicht uns? Es ist mir zwar unter allen Umständen betrübend, wenn ich höre, dass man sich irgendwo schlagen will – aber wenn es die Dänen sind und nicht die Österreicher, dann flößt mir das wohl Beileid, aber keine Furcht ein.«
»Du brauchst Dich auch nicht zu fürchten,« fiel mein Vater lebhaft ein, »falls Österreich sich beteiligt. Wenn wir die Rechte Schleswig-Holsteins gegen die Vergewaltigung Dänemarks verteidigen, so riskieren wir ja nichts dabei. Es handelt sich da um kein österreichisches Territorium, dessen Verlust ein unglücklicher Feldzug herbeiführen könnte –«
»Glaubst Du denn, Vater, dass – wenn unsere Truppen ausmarschieren müssten – ich an solche Dinge, wie österreichisches Territorium, schleswig-holsteinsche Rechte und dänische Vergewaltigung dächte? Ich sähe blos eins: die Lebensgefahr unserer Lieben. Und die bleibt gleich groß, ob nun aus diesem oder jenem Grund Krieg geführt wird.«
»Die Schicksale der Einzelnen kommen nicht in Betracht, mein liebes Kind, da wo es sich um weltgeschichtliche Ereignisse handelt. Bricht ein Krieg aus, so verstummen die Fragen, ob der oder der dabei fällt, oder nicht, vor der einen gewaltigen Frage, was das eigene Land dabei gewinnen oder verlieren wird. Und wie gesagt: wenn wir uns mit den Dänen raufen, so ist nichts zu verlieren dabei, wohl aber unsere Machtstellung im deutschen Bund zu erweitern. Ich träume immer, dass die Habsburger noch einmal die ihnen gebührende deutsche Kaiserwürde zurückerlangen. Es wäre auch ganz in der Ordnung. Wir sind der bedeutendste Staat im Bunde! die Hegemonie ist uns gesichert – aber das genügt nicht ... Ich würde den Krieg mit Dänemark als eine sehr günstige Gelegenheit begrüßen, nicht nur die Scharte von 59 auszuwetzen, sondern auch unsere Stellung im deutschen Bunde so zu gestalten, dass wir für den Verlust der Lombardei reichen Ersatz finden und – wer weiß – so an Macht gewinnen, dass uns die Rückeroberung dieser Provinz ein leichtes wäre.«
Ich blickte zu Friedrich hinüber. Er hatte sich an dem Gespräche nicht beteiligt, sondern war in eine eifrige lachende Unterhaltung mit Lilli verwickelt. Ein stechender Schmerz schnitt mir durch die Seele: ein Schmerz, der in ein Bündel zwanzig verschiedene Vorstellungen vereinte: Krieg ... und er, mein alles, musste mit ... verkrüppelt, erschossen ... das Kind unter meinem Herzen, dessen angekündigtes Kommen er gestern mit solchem Jubel begrüßt – es sollte vaterlos zur Erde kommen? ... Zerstört, zerstört – unser kaum erblühtes, noch so reiche Frucht verheißendes Glück! ... Diese Gefahr in der einen Wagschale, und in der anderen? Österreichisches Ansehen im deutschen Bund, schleswig-holsteinische Befreiung – »frische Lorbeerblätter im Ruhmeskranze des Heeres« – das heißt ein paar Phrasen für Schulvorträge und Armeeproklamationen ... und sogar das nur zweifelhaft, denn ebenso möglich wie der Sieg, ist ja die Niederlage ... Und nicht nur einem vereinzelten Leid, dem meinen, wird das vermeintliche vaterländische Wohl entgegengestellt, sondern tausend und abertausend einzelne im eigenen und im Feindeslande müssten denselben Schmerz einsetzen, der mich jetzt durchbebte ... Ach, war denn dem nicht vorzubeugen – war's nicht abzuwehren? Wenn sich alle vereinten – alle Vernünftigen, Guten, Gerechten – um das drohende Übel zu verhüten –
»Sagen Sie mir doch,« wandte ich mich laut an den Minister, »stehen die Dinge wirklich schon so schlimm? Habt Ihr, Minister und Diplomaten, habt Ihr denn solche Konflikte nicht zu vermeiden gewusst, werdet Ihr deren Ausbruch nicht zu verhindern wissen?«
»Glauben Sie denn, Baronin, dass es unseres Amtes ist, den ewigen Frieden zu erhalten? Das wäre allerdings eine schöne Mission – aber unausführbar Wir sind nur da, über die Interessen unserer respektiven Staaten und Dynastien zu wachen, jeder drohenden Verringerung ihrer Machtstellung entgegenzuarbeiten und jede mögliche Suprematie zu erringen trachten, eifersüchtig die Ehre des Landes hüten, uns angethanen Schimpf rächen –«
»Kurz,« unterbrach ich, »nach dem kriegerischen Grundsatze handeln: dem Feind – das ist nämlich jeder andere Staat – thunlichst zu schaden und, wenn ein Streit entsteht, so lange hartnäckig behaupten, dass man im Recht ist, – auch wenn man sein Unrecht einsieht, nicht wahr?«
»Ebensowenig wie die Wilden,« kam mir Doktor Bresser zu Hilfe. »Ergo sind die Völker in ihrem Verkehr noch ungesittet und es dürfte wohl noch lange Zeit vergehen, bis sie dazu gelangen, ein internationales Schiedsgericht einzusetzen.«
Dazu wird es nie kommen,« sagte mein Vater »Es gibt Dinge, die nur ausgefochten und nicht ausprozessiert werden können. Selbst wenn man versuchen wollte, ein solches Schiedsgericht zu errichten – die starken Regierungen würden sich demselben ebensowenig beugen, wie zwei Edelleute, von denen der eine beleidigt worden, ihre Differenz zu Gericht tragen. – Die schicken einander einfach ihre Zeugen und schlagen sich rechtschaffen.
»Was sagst denn Du, Friedrich?« wandte sich nun mein Vater an den Schwiegersohn. »Bist Du etwa auch der Ansicht, dass man nach einer erhaltenen Ohrfeige zu Gericht gehen soll und um 5 fl. Schadenersatz klagen?«
»Aha, Doktor – aha, Martha,« triumphierte mein Vater, »hört Ihr? Auch Tilling, der doch kein Freund des Krieges ist, gibt zu, ein Freund des Duells zu sein.«
»Ein Freund? Das habe ich nie behauptet. Ich sagte nur, dass ich gegebenen Falls selbstverständlich zum Duell greifen würde – wie ich es übrigens auch schon ein und das andere Mal getan; gerade so selbstverständlich, wie ich schon mehreremale in den Krieg gezogen, und bei dem nächsten Anlass wieder ziehen werde. Ich füge mich den Satzungen der Ehre. Damit will ich aber keineswegs gesagt haben, dass diese Satzungen, wie sie unter uns bestehen, meinem sittlichen Ideal entsprechen. Nach und nach, wenn dieses Ideal die Herrschaft gewinnt, wird der Begriff der Ehre auch eine Wandlung erfahren: einmal wird eine erhaltene Injurie, wenn sie unverdient ist, nicht auf den Empfänger, sondern auf den rohen Geber als Schmach zurückfallen; zweitens wird das Selbsträcheramt auch in Sachen der Ehre ebenso außer Gebrauch kommen, wie in kultivierter Gesellschaft die Selbstjustiz in anderen Dingen thatsächlich schon verschwunden ist. Bis dahin –
»Es wird keine einfallenden Nachbarstaaten geben – ebensowenig als jetzt unsere Landsitze von feindlichen Nachbarburgen umgeben sind. Und wie der heutige Schloßherr keinen Troß bewaffneter Knappen mehr braucht –«
So hatte sich der alte Streit wieder einmal entsponnen und derselbe wurde noch eine Zeit lang fortgesetzt Ich hing mit Entzücken an Friedrichs Lippen; es that mir unsäglich wohl, die Sache erhöhter Gesittung von ihm so fest und sicher vertreten zu sehen, und im Geiste verlieh ich ihm selber den Titel, den er vorhin genannt hatte: »Edelmensch«!
Wir blieben noch vierzehn Tage in Wien. Es war aber keine fröhliche Urlaubszeit für mich. Dieses fatale »Krieg in Sicht«, welches nunmehr alle Zeitungen und alle Gespräche ausfüllte, benahm mir jede Lebensfreudigkeit. So oft mir etwas von den Dingen einfiel, aus welchen mein Glück zusammengesetzt war – vor allem der Besitz eines täglich teurer werdenden Gatten –, so oft musste ich auch an die Unsicherheit denken, an die unmittelbare Gefahr, welche der in Aussicht stehende Krieg über mein Glück verhängte. Ich konnte desselben, wie man zu sagen pflegt, »nicht froh werden«. Der Zufälligkeiten von Krankheit und Tod, von Feuersbrunst und Überschwemmungen – kurz, der Natur- und Elementardrohungen giebt es genug; aber man hat sich gewöhnt, nicht mehr daran zu denken, und lebt trotz dieser Gefahren in einem gewissen Stabilitätsbewußtsein. Doch wozu haben die Menschen sich auch noch willkürlich selbst verhängte Gefahren geschaffen, und so den ohnehin vulkanischen Boden, auf den ihr Erdenglück gebaut ist, noch eigenmächtig und mutwillig in künstliches Schwanken versetzt! Zwar haben sich die Leute daran gewöhnt, auch den Krieg als Naturereignis zu betrachten und denselben als vertragsaufhebend in einer Linie mit Erdbeben und Wassernot zu nennen – daher auch so wenig als möglich daran zu denken. Aber ich konnte mich in diese Auffassung nicht mehr finden. Jene Frage: »Muss es denn sein?« von welcher einst Friedrich gesprochen, die hatte ich mir mit Bezug auf den Krieg oft mit »nein« beantwortet; und statt Resignation empfand ich dann Schmerz und Groll – ich hätte ihnen allen zurufen wollen: »Tut es nicht! – tut es nicht!« Dieses Schleswig-Holstein und die dänische Verfassung – was ging denn das uns an? Ob der »Protokoll-Prinz« die Grundgesetze vom 13. November 1863 aufhob oder bestätigte – was war denn das uns? Aber da waren alle Blätter und Gespräche nur immer voll von Erörterungen über diese Frage, als wäre das das Wichtigste, Entscheidendste, Weltumwälzendste, was sich denken lässt, sodaß die Frage: »Sollen unsere Männer und Söhne totgeschossen werden oder nicht?« daneben gar nicht aufkommen durfte. Nur einigermaßen versöhnen, wenn mir nämlich der Begriff »Pflicht« so recht vor die Seele trat. Nun ja: – wir gehörten zum deutschen Bunde und mit den verbündeten deutschen Brüdern im Verein mussten wir für die Rechte unterdrückter deutscher Brüder kämpfen. Das Nationalitätsprinzip war vielleicht doch etwas, das mit elementarer Kraft Bethätigung er heischte – von diesem Standpunkte aus also musste es sein ... Beim Anklammern an diese Idee ließ der schmerzende Groll in meiner Seele ein wenig nach. Hätte ich voraussehen können, wie zwei Jahre später diese ganze deutsche Verbrüderung in bitterste Feindschaft sich auflösen sollte; wie dann der Preußenhaß in Österreich noch viel wütender angefacht würde, als jetzt der Dänenhaß – so hätte ich damals schon erkannt, wie ich das seither erkennen gelernt, dass die Motive, welche als Rechtfertigung der Feindseligkeiten angeführt werden, nichts als Phrasen sind, Phrasen und Vorwände.
»Möge der Feldzug, welcher uns in dem neugeborenen Jahre bevorsteht, ein für unsere Waffen glorreicher werden« – sprach er feierlich; – ich stellte mein schon erhobenes Glas auf den Tisch zurück – »und mögen unsere Lieben uns erhalten bleiben!« beschloss er.
»Was hast Du, Martha? Du weinst ... heute in der Neujahrsnacht? Warum denn das junge 1864 mit Tränen einweihen, mein Liebling? Bist Du denn nicht glücklich? Habe ich Dich irgendwie gekränkt?«
»Du spielst auf den möglichen Krieg an? Es ist ja noch nichts entschieden, wozu denn der vorzeitige Kummer? Wer weiß, ob es zum Kampfe kommt, wer weiß, ob ich mitgehen muss? ... Komm her, mein Liebling, setzen wir uns« – er zog mich neben sich auf das Sofa – »verschwende Deine Tränen nicht an eine bloße Möglichkeit.«
»Schon die Möglichkeit ist mir schmerzlich. Wäre es Gewissheit, Friedrich, ich würde nicht sanft und still an Deiner Schulter weinen – ich müsste laut aufschreien und aufjammern ... Aber die Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit, dass in dem anbrechenden Jahre Du mir mittelst Armeebefehl aus den Armen gerissen würdest – die genügt schon, mich in Bangen und Trauer zu versetzen.«
»Bedenke, Martha, Du gehst ja auch selber einer Gefahr entgegen – wie mir dies Dein Weihnachtsgeschenk so lieb verkündet hat – und doch denken wir beide nicht an die grause Möglichkeit, welche jeder Frau im Wochenbette beinahe ebenso häufig droht, wie jedem Manne auf dem Schlachtfelde ... Freuen wir uns des Lebens und denken wir nicht an den über unser aller Häupter schwebenden Tod.«
»Du sprichst ja wie Tante Marie, Liebster – als ob unser Loos nur von der ›Bestimmung‹ abhinge und nicht von den Unvorsichtigkeiten, Grausamkeiten, Wildheiten und Dummheiten unserer eigenen Mitmenschen. Wo liegt die unabwendbare Notwendigkeit dieses Krieges mit Dänemark?«
»Ich weiß, ich weiß: – noch können Zufälligkeiten das Übel verhüten. Aber nicht der Zufall, nicht politische Ränke und Launen sollten über eine solche Schicksalsfrage entscheiden, sondern der feste, aufrichtige Wille der Menschen. Doch was nützt mein »es sollte nicht« und »es sollte« – ich kann die Ordnung der Dinge nicht ändern, nur darüber klagen. Aber darin hilf mir, Friedrich – versuche nicht, mit den landläufigen leeren Ausflüchten mich zu trösten! Du glaubst selber nicht daran – Du selbst erbebst vor edlem Widerwillen ... Nur darin finde ich Genugthuung, wenn Du mit mir verdammst und beklagst, was mich und unzählige Andere so unglücklich machen soll.«
»Ja, mein Herz, wenn es hereinbricht, das Verhängnis, dann will ich Dir recht geben; dann will ich Dir den Schauder und den Haß nicht verhehlen, den mir der anbefohlene Völkermord einflößt ... Aber heute lass uns noch des Lebens froh sein ... Wir haben einander ja – nichts trennt uns ... nicht die geringste Schranke zwischen unseren Seelen! Lass uns dieses Glück genießen – so lange es unser ist – mit Inbrunst genießen ... Denken wir nicht an die angedrohte Zerstörung desselben ... Ewig kann ja keine Freude dauern. In hundert Jahren ist's doch einerlei, ob wir lang oder ob wir kurz gelebt. Auf die Zahl der schönen Tage kommt es schließlich nicht an, sondern auf den Grad ihrer Schönheit. Die Zukunft bringe was sie wolle, mein vielgeliebtes Weib – unsere Gegenwart ist so schön, so schön, dass ich jetzt nichts fühlen mag, als seliges Entzücken.«
Während er so sprach, schlang er seinen Arm um mich und küsste mein an seiner Brust ruhendes Haupt. Da schwand auch mir die drohende Zukunft aus dem Bewusstsein und auch ich versenkte mich in den süßen Frieden des Augenblickes.
Niemand zweifelte mehr an dem Ausbruch des Krieges. In Wien hatte ich noch vereinzelte Stimmen vernommen, welche meinten, dass die dänisch-holsteinische Frage vielleicht doch noch auf diplomatischem Wege beigelegt werden könne; aber in den militärischen Kreisen unserer Festungsbesatzung galt die Friedensmöglichkeit für ausgeschlossen. Unter den Offizieren und ihren Frauen herrschte eine aufgeregte, aber zumeist freudig aufgeregte Stimmung: Gelegenheit zu Auszeichnung und Avancement in Sicht – zur Befriedigung des Thatendurstes des einen, des Ehrgeizes des zweiten, des Gage-Erhöhungsbedürfnisses des dritten.
»Das ist ein famoser Krieg, der sich da vorbereitet,« sagte der Oberst, bei dem wir nebst mehreren anderen Offizieren samt Gemahlinnen zu Tische geladen waren, »ein famoser Krieg, der auch ungeheuer populär sein wird. Keine Gefahr für unser Territorium – auch der Landbevölkerung erwächst kein Schaden, denn der Kriegsschauplatz liegt auf fremdem Gebiet. Unter solchen Umständen ist es wirklich eine doppelte Lust sich zu schlagen.«
»Was mich daran begeistert,« sagte ein junger Oberlieutenant, »ist das edle Motiv: unterdrückte Rechte unserer Brüder verteidigen. Dass die Preußen mit uns gehen, oder vielmehr wir mit ihnen, das sichert erstens den Sieg und zweitens wird es die nationalen Bande noch enger verknüpfen. Die Nationalitätsidee –«
»Reden Sie lieber nichts von der,« unterbrach der Regimentschef etwas strenge. »Für einen Österreicher schickt sich dieser Schwindel nicht wohl. Der war's, der uns den 59er Krieg heraufbeschworen hat, denn auf diesem Steckenpferd, ›ein italienisches Italien‹, ist ja Louis Napoleon stets herumgeritten. Und überhaupt passt dieses ganze Prinzip nicht für Österreich; Böhmen, Ungarn, Deutsche, Kroaten – wo ist da das Nationalitätsband? Wir kennen nur ein Prinzip, das uns vereint, das ist die loyale Liebe zu unserer Dynastie. Was uns also begeistern soll, wenn wir zu Felde ziehen, ist nicht der Umstand, dass wir für Deutsche und mit Deutschen kämpfen, sondern dass wir unserem erhabenen und geliebten Kriegsherrn Heeresfolge leisten dürfen. Es lebe der Kaiser!«
Alle erhoben sich und thaten stehend Bescheid. Ein Funken Begeisterung fiel auch mir ins Herz und erfüllte es – einen Augenblick aufflammend – mit wohlthuender Wärme. Eine und dieselbe Sache, eine und dieselbe Person lieben, wenn man Tausend ist, das gibt eine eigentümliche, vertausendfachte Hingebungslust ... Das ist's, was als Loyalität, als Patriotismus, als Korpsgeist die Herzen schwellt. Es ist nichts anderes als Liebe, und die wirkt so mächtig, dass einem das in ihrem Namen gebotene Werk des Hasses – das allerscheußlichste Werk des tödlichsten Hasses, der Krieg – als erfüllte Liebespflicht erscheint.
Aber nur einen Augenblick hatte es in meinem Herzen so geglüht, denn eine stärkere Liebe als die zu allen erdenklichen Vaterländern und Landesvätern ruhte in dessen Grunde – die Liebe zu meinem Mann. Sein Leben war mir doch das höchste aller Güter, und wenn dieses aufs Spiel gesetzt werden sollte, konnte ich die Partie – gelte es nun Schleswig-Holstein oder Japan – nur verwünschen.
Die jetzt folgende Zeit lebte ich in unerhörtem Bangen. Am 16. Januar stellten die Bundesmächte an Dänemark das Ansinnen, ein gewisses Gesetz, gegen welches die holsteinische Ständeversammlung und Ritterschaft den Schutz des Bundes anrief, aufzuheben, und zwar innerhalb vierundzwanzig Stunden. Dänemark verweigerte dies. Wer wird auch so sich befehlen lassen? Diese Weigerung war natürlich vorausgesehen worden, denn schon standen preußische und österreichische Truppen an den Grenzen postiert, und am 1. Februar überschritten sie die Eider.
»Freut Euch, Kinder,« schrieb er. »Jetzt haben wir doch Gelegenheit, die erhaltenen Schläge von 59 wieder gut zu machen, indem wir den Dänen Schläge geben Wenn wir von Norden siegreich heimkehren, so können wir uns auch wieder nach Süden wenden: die Preußen bleiben unsere Alliirten, und dann können uns die schäbigen Italiener samt ihrem intriganten Louis Napoleon nicht mehr aufkommen.«
Friedrichs Regiment, zur großen Enttäuschung des Obersten und des Offizierkorps, war nicht zur Grenze entsendet worden. Dies brachte uns ein väterliches Kondolenzschreiben ein:
»Ich bedaure aufrichtig, dass Tilling das Pech hat, gerade bei einem Regiment zu dienen, welches nicht berufen war, den so glorreich sich anlassenden Feldzug zu eröffnen; übrigens besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass es zum Nachrücken bestimmt werde, Martha wird der Sache freilich die gute Seite abgewinnen und sich freuen, dass ihr die Angst um den geliebten Mann erspart bleibt, und auch Friedrich ist eingestandenermaßen selber kein Freund des Krieges; aber ich denke, er ist nur im Prinzip dagegen, das heißt: es wäre ihm aus sogenannten ›humanitären‹ Gründen lieber, wenn es zu keiner Schlacht käme; ist es aber einmal dazu gekommen, so wollte er wohl auch lieber dabei sein, da regt sich wohl die männliche Kampfeslust. Es sollte wirklich immer die ganze Armee gegen den Feind geschickt werden; in solchen Zeiten zu Hause bleiben zu müssen, ist für den Soldaten doch gar zu hart.«
Aber was half's? Um meine Ruhe war es doch geschehen. Jeden Tag konnte der Marschbefehl kommen. Würde der unselige Krieg nur schnell zu Ende geführt! ... Mit größtem Eifer las ich in den Zeitungen die Berichte vom Kriegsschauplatz und wünschte heiß, dass die Verbündeten rasche und entscheidende Siege erföchten. Ich gestehe es, der Wunsch war nicht vor allem ein patriotischer. Lieber war es mir immerhin, wenn der Sieg auf unserer Seite blieb; aber was ich von diesem erhoffte, war die Beendigung des Kampfes, ehe mein Alles in der Welt dahin entsendet werde, in zweiter Linie erst der Triumph meiner Landsleute und in allerletzter Linie die Interessen des »meerumschlungenen« Stück Landes. Ob nun Schleswig zu Dänemark gehörte, oder nicht, was in aller Welt konnte mich das anfechten? Und schließlich – was focht es die Dänen und die Schleswig-Holsteiner selber an? Sahen denn die beiden Völker nicht ein, dass es nur ihre Lenker waren, welche um Land- und Machtbesitz sich stritten, dass es in diesem Fall zum Beispiel nicht um ihr Wohl und Wehe, sondern um die Gelüste des Protokoll-Prinzen und des Augustenburgers sich handelte? Wenn mehrere Hunde um ein paar Knochen sich raufen, so zerfleischen einander doch nur die Hunde; in der Völkergeschichte sind es aber meist die dummen Knochen selber, welche auf einander losschlagen und sich gegenseitig zertrümmern, um für die Rechte der sie begehrenden Streiter zu kämpfen. »Mich will Azor haben« – und »Auf mich hat Pluto Anspruch« – »Ich protestiere gegen Karo's Fänge« und »Ich rechne es mir zur Ehre, von Minka gefressen zu werden,« sagen die Knochen. »Dänemark bis zur Eider,« riefen die dänischen Patrioten. »Wir wollen Friedrich von Augustenburg zum Herzog,« riefen die Loyalen von Holstein. Unsere Zeitungsartikel und die Gespräche unserer Kannegießer waren natürlich alle von dem Grundsatz durchdrungen, dass die Sache für welche »Wir« eingetreten, die gerechtere, die einzig »historisch entwickelte«, die einzig für Erhaltung des »europäischen Gleichgewichtes« erforderliche war. Natürlich wurde in den Leitartikeln und den politischen Unterhaltungen in Kopenhagen das gegenteilige Prinzip mit gleichem Nachdruck verfochten. Warum nicht gegenseitig die Rechte abwägen, um sich zu verständigen, und wenn dies nicht gelingt, eine dritte Macht zum Schiedsrichter machen? Warum nur immer beiderseitig schreien. »Ich – ich bin im Rechte.« Sogar gegen die eigene Überzeugung schreien, so lange, bis man sich heiser geschrien und losschlägt – die Entscheidung der Gewalt überlassend? Ist das nicht Wildheit? Und wenn nun eine dritte Macht sich in den Streit mischt, so tut auch sie es nicht mit Rechtserwägung und Urteilsspruch, sondern gleichfalls mit Dreinschlagen? ... Und das nennen die Leute »äußere Politik?« Außere und innere Rohheit ist es – staatskluge Schildbürgerei – internationale Barbarei. – – –
Mit solcher Bestimmtheit fasste ich wohl damals die Ereignisse noch nicht in diesem Lichte auf. Nur momentan erwachten mir derlei Zweifel, und dann gab ich mir Mühe, dieselben zu verscheuchen. Ich versuchte, mir einzureden, dass das geheimnisvolle Ding »Staatsraison« genannt, ein über alle Privat- und namentlich über meine kleine Vernunft erhabenes, das Leben der Staaten bedingendes Prinzip sei, und eifrig studierte ich in der Geschichte Schleswig-Holsteins nach, um einen Begriff von dem »historischen Recht« zu erlangen, zu dessen Wahrung der gegenwärtige Prozess geführt ward.
Da fand ich denn, dass der fragliche Landstrich schon im Jahre 1027 an Dänemark abgetreten worden war. Also haben eigentlich die Dänen recht; sie sind die legitimen Könige des Landes ...
Nun aber, zweihundert Jahre später, wird das Land einer jüngeren Linie des Königshauses zugeteilt und gilt nur noch als ein dänisches Fahnenlehen. 1326 wird Schleswig dem Grafen Gerhard von Holstein überlassen und die »Waldemarsche Konstitution« verbrieft, dass »es nie wieder mit Dänemark so verbunden werden soll, dass ein Herr sei.« Ah so, dann ist das Recht doch auf Seite der Verbündeten: wir kämpfen für die »Waldemarsche Konstitution«. Das ist wohl in der Ordnung, denn wozu wären denn verbriefte Zusicherungen, wenn man sie nicht aufrecht erhielte?
Im Jahre 1448 wird die Waldemarsche Konstitution nochmals durch König Christian I. bestätigt. Also kein Zweifel; nie soll und darf wieder »Ein Herr sein«. Was wollte da der Protokoll-Prinz?
Zwölf Jahre später stirbt der Herrscher von Schleswig kinderlos und die Landstände versammeln sich zu Ripen (gut, dass man immer so genau weiß, wann und wo sich Landstände versammelten: es war also 1460 zu Ripen) und proklamieren den dänischen König zum Herzog von Schleswig, wogegen er ihnen verspricht, dass die Lande »ewig zusammenbleiben sollen – ungeteilt«. Das macht mich wieder ein wenig konfus. Der einzige Anhaltspunkt ist noch das »ewig zusammenbleiben«.
Aber die Verwirrung nimmt im weiteren Verlauf dieses historischen Studiums fortwährend zu, denn jetzt beginnt, trotz der »Formel: ›ewig ungeteilt‹ (das Wort ›ewig‹ spielt in politischen Verträgen überhaupt eine niedliche Rolle) ein ewiges Spalten und Teilen des Besitzes zwischen den Söhnen des Königs und Wiedervereinen unter einem nächsten König und Gründen neuer Linien – Holstein-Gottorp und Schleswig- Sonderburg – welche sich unter gegenseitigen Verschiebungen und Abtretungen der Anteile abermals spalteten in die Linien Sonderburg-Augustenburg, Beck-Glücksburg, Sonderburg-Glücksburg, Holstein- Glückstadt – kurz, ich kenne mich gar nicht mehr aus.«
Christian IV. mischt sich in den dreißigjährigen Krieg und die Kaiserlichen und Schweden fallen in die Herzogtümer ein. Jetzt wird wieder (zu Kopenhagen, 1658) ein Vertrag gemacht, worin dem Hause Holstein- Gottorp die Oberherrschaft über den schleswigschen Anteil zugesichert wird, und da ist es endlich mit der dänischen Lehenshoheit vorbei.
Was geschieht aber durch Patent vom 22. August 1721? Einfach dies: der gottorpsche Anteil von Schleswig wird der dänischen Monarchie einverleibt. Und am 1. Juni 1773 wird auch Holstein dem dänischen Königshause überlassen – das Ganze gilt nun als dänische Provinz.
Aber doch nicht so ganz. Denn der wiener Kongreß von 1815 erklärt Holstein für einen Teil des deutschen Bundes. Dies aber wurmt die Dänen. Sie erfinden das Schlagwort: »Dänemark bis zur Eider« und streben nach der totalen Besitznahme des von ihnen »Südjütland« benannten Schleswig. Hier hingegen wird das »Erbrecht des Augustenburgers« als Losung gebraucht und zu deutschnationalen Kundgebungen benutzt. Im Jahre 1846 schreibt der König Christian einen offenen Brief, worin er die Integrität des Gesamtstaates als Ziel hinsetzt, wogegen die »deutschen Lande« protestieren. Zwei Jahre später wird vom Throne aus die völlige Vereinigung nicht mehr als Ziel, sondern als fait accompli verkündet, worauf in den »deutschen Landen« der Aufstand ausbricht Jetzt geht das Raufen los. Bald siegen die Dänen in diesem Gefecht, bald die Schleswig-Holsteiner in einem anderen. Dann mischt sich der deutsche Bund hinein. Die Preußen »nehmen« die Düppeler Höhen; aber das macht dem Streit kein Ende. Preußen und Dänemark schließen Frieden; Schleswig-Holstein muss nun allein gegen die Dänen kämpfen und wird bei Idstedt geschlagen.
Der Bund verlangt nun von den »Aufständischen«, dass sie den Krieg einstellen. Was sie denn auch tun. Österreichische Truppen besetzen Holstein, und die zwei Herzogtümer werden getrennt. Wo ist nun das verbriefte »ewig zusammenbleiben« hin?
Aber noch immer ist die Angelegenheit nicht festgesetzt. Da finde ich ein Londoner Protokoll, vom 8. Mai 1852 (gut, dass man das immer so ganz genau weiß, unter welchem Datum die zerbrechlichen Verträge gemacht wurden), welches die Erbfolge Schleswigs dem Prinzen Christian von Glücksburg sichert. (»Sichert« ist gut.) Jetzt weiß ich doch auch, woher die Benennung »Protokoll-Prinz« stammt.
Im Jahre 1854, nachdem jedes Herzogtum eine eigene Verfassung erhalten, werden sie beide »danisiert«. Aber 1858 muss die Danisierung Holsteins wieder aufgehoben werden. Jetzt ist diese geschichtliche Darstellung der Gegenwart schon ganz nahe gerückt, aber noch immer ist mir nicht klar, wo die zwei »Lande« rechtmäßig hingehören, und was eigentlich den Ausbruch des gegenwärtigen Krieges veranlaßt hat.
Am 18. November 1858 wird das famose »Grundgesetz für die gemeinschaftlichen Angelegenheiten Dänemarks und Schleswigs« vom Reichsrat genehmigt. Zwei Tage darauf stirbt der König. Mit ihm erlischt wieder einmal eine Linie – nämlich die Linie Holstein-Glückstadt, und als der Nachfolger des Monarchen das zwei Tage alte Gesetz bestätigt, erscheint Friedrich von Augustenburg (diese Linie hätte ich beinahe vergessen) auf dem Plan, erhebt seine Ansprüche und wendet sich samt der Ritterschaft um Beistand an den deutschen Bund.
Es heißt, das Londoner Protokoll müsse respektiert werden. Warum? Sind denn Protokolle über Dinge, die einem absolut nichts angehen, gar so respektabel, dass man sie mit dem Blut der eigenen Söhne verteidigen muss? Da steckt wohl wieder irgend eine verborgene »Staatsraison« dahinter ... Als Dogma muss man festhalten: Was die Herren am grünen Diplomatentisch entscheiden, das ist die höchste Weisheit und bezweckt die größtmögliche Förderung der vaterländischen Machtstellung. Das Londoner Protokoll vom 8. Mai 1852 musste aufrecht erhalten, aber das Kopenhagener Grundgesetz vom 13. Januar 1863 musste aufgehoben werden, und zwar binnen vierundzwanzig Stunden. Daran hing Österreichs Ehre und Wohl. Das Dogma war ein bischen schwer zu glauben; aber in politischen Dingen, beinahe noch williger als in religiösen, lässt sich die Masse von dem Prinzip des quia absurdum lenken; auf das Verstehen und Begreifen wird von vornherein verzichtet. Ist das Schwert einmal gezogen, dann bedarf es nichts mehr, als des Rufes »Hurrah« und des heißen Siegesdranges. Dazu ruft man nur noch den Segen des Himmels auf den Kampf herab. Denn soviel ist gewiss: dem lieben Gott muss daran gelegen sein, dass das Protokoll vom 8. Mai eingehalten und das Gesetz vom 13. Januar zurückgenommen werde; er muss es so lenken, dass genau so viele Menschen verbluten und Dörfer verbrennen, als es erforderlich ist, damit die Linie von Glückstadt oder die von Augustenburg über ein gewisses Stück Erde regiere ... O du thörichte, grausame, gedankenlose, gängelbandgeführte Welt! Das war das Ergebnis meiner Geschichtsstudien.
Vom Kriegsschauplatze her kamen gute Nachrichten. Die Verbündeten siegten Schlag auf Schlag. Nach den ersten Gefechten schon mussten die Dänen das ganze Danewerk räumen; Schleswig und Jütland bis Limfjord wurde von den Unseren besetzt und der Feind behauptete sich nur noch in den Düppeler Schanzen und auf Alsen.
Das wusste ich alles so genau, weil auf den Tischen wieder die stecknadelbespickten Landkarten auflagen, auf welchen die Bewegungen und Stellungen der Truppen, je nach den einlaufenden Berichten, markiert wurden.
»Wenn wir jetzt auch noch die Düppeler Schanzen nehmen, oder wenn wir gar Alsen erobern,« sagten die Olmützer Bürger (denn niemand spricht so gern von den kriegerischen Taten per »wir« als diejenigen, welche niemals dabei waren), »dann sind wir fertig ... Jetzt zeigen doch wieder unsere Österreicher, was sie können. Auch die braven Preußen schlagen sich prächtig – die beiden miteinander sind natürlich unüberwindlich. Das Ende wird sein, dass ganz Dänemark erobert und dem deutschen Bunde zugeteilt wird – ein glorreicher, glückbringender Krieg!«
Auch ich wünschte jetzt nichts sehnlicher, als die Erstürmung von Düppel – je früher, je lieber – denn diese Aktion würde doch entscheidend sein und der Schlägerei ein Ende machen. Hoffentlich ein Ende machen, ehe Friedrichs Regiment Marschbefehl erhielt.
O dieses Damoklesschwert ... Jeden Tag beim Erwachen fürchtete ich mich, dass die Nachricht gebracht werde: »Wir marschieren ab!« Friedrich war gefasst darauf. Er wünschte es nicht, aber er sah es kommen.
»Gewöhne Dich an den Gedanken, Kind,« sagte er mir. »Gegen die unerbittliche Notwendigkeit hilft kein Sträuben. Ich glaube nicht, selbst wenn Düppel fällt, dass der Krieg darum zu Ende sein wird. Die ausgesandte Doppelarmee ist viel zu klein, um den Dänen eine Entscheidung aufzuzwingen; wir werden noch bedeutenden Nachschub schicken müssen – und da wird auch mein Regiment nicht verschont bleiben.«
Schon dauerte dieser Feldzug über zwei Monate, und noch kein Resultat. Wenn sich die grause Partie doch in einem Kampfe entscheiden wollte, wie bei dem Duell. Aber nein: ist eine Schlacht verloren, so wird eine zweite geliefert; muss eine Position aufgegeben werden, so wird eine andere behauptet, und so fort bis zur Vernichtung des einen oder des anderen Heeres, oder zur Erschöpfung beider ...
Die Nachricht ward mit einem Jubel aufgenommen, als wäre hinter diesen Schanzen das nunmehr eroberte Paradies gelegen. Man umarmte sich auf den Straßen: »Sie wissen schon? Düppel! ... O unser tapferes Heer ... Eine unerhörte Großthat! ... Jetzt danket alle Gott.« Und in sämtlichen Kirchen Absingung des Tedeums; unter den Militärkapellmeistern emsiges Komponieren von »Düppelerschanzenmarsch«, »Sturm von Düppel-Galopp« und so weiter.
Die Kameraden meines Mannes und deren Frauen hatten zwar einen Tropfen Bitterkeit in ihrem Freudenbecher; nicht dabei gewesen zu sein ... bei einem solchen Triumph fehlen zu müssen – solches »Pech«!
Mir verursachte dieser Sieg eine große Freude; denn gleich darauf trat in London eine Friedenskonferenz zusammen und vermittelte einen Waffenstillstand. Welches freie Aufatmen dieses Wort »Waffenstillstand« doch gewährt! ... Wie müsste die Welt erst aufatmen – dachte ich damals zum erstenmal – wenn es allenthalben hieße: die Waffen nieder – auf immer nieder! Ich trug das Wort in die roten Hefte ein. Daneben aber schrieb ich verzagt, zwischen Klammern: »Utopia«.
Dass der Londoner Kongreß dem schleswig-holsteinschen Kriege ein Ende machen würde, daran zweifelte ich gar nicht. Die Verbündeten hatten gesiegt, die Düppeler Schanzen waren genommen – diese Schanzen hatten in letzter Zeit eine so große Rolle gespielt, dass mir deren Einnahme als endgültig entscheidend erschien – wie wollte Dänemark jetzt noch weiter sich behaupten? Die Verhandlungen zogen sich unglaublich lange hin. Dies wäre mir eine Qual gewesen, wenn ich nicht von allem Anfang an die Überzeugung gehabt hätte, dass das Ergebnis ein befriedigendes sein müsse. Wenn die Vertreter mächtiger Staaten, dabei vernünftige, wohlmeinende Leute, sich zusammenthun, um ein so wünschenswertes Ziel zu erreichen, wie Friedensschließung, wie könnte das mißlingen? Desto entsetzlicher war meine Enttäuschung, als nach zwei Monate lang geführten Debatten die Nachricht eintraf, dass der Kongreß unverrichteter Dinge wieder auseinandergehe.
Zur Vorbereitung und zum Abschied hatte er vierundzwanzig Stunden Zeit. Und ich war auf dem Punkte, niederzukommen. In der toddräuenden, schweren Stunde, wo eines Weibes einziger Trost darin besteht, den geliebten Mann neben sich zu haben, würde ich allein bleiben müssen – allein mit dem über alles bangen Bewusstsein, dass der geliebte Mann in den Krieg gegangen – wissend, dass es ihm ebenso schmerzlich sein musste, in solcher Stunde seine arme Frau zu verlassen, als es mir schmerzlich sein würde, ihn zu missen ...
Draußen herrschte drückende Hitze und um diese auszuschließen, waren die Rollvorhänge in meinem Zimmer herabgelassen. In leichte und lose Gewänder gehüllt, lag ich ermattet auf der Chaiselongue. Ich hatte die Nacht ziemlich schlaflos verbracht, und jetzt hatte mir ein traumhafter Halbschlummer die Augen geschlossen. Neben mir, auf einem Tischchen, stand eine Vase mit stark duftenden Rosen. Durch das offene Fenster drang der Ton entfernter Trompetenübungen herein. Das alles wirkte einschläfernd, dennoch hatte mich das Bewusstsein nicht ganz verlassen. Nur die eine Hälfte davon – die Sorgenhälfte – war mir geschwunden. Die Kriegsgefahr und die mir bevorstehende Gefahr hatte ich vergessen; ich wusste nur, dass ich lebte, dass die Rosen – nach dem Rhythmus des Reveille-Signals – betäubend süße Düfte hauchten; dass mein geliebter Mann jede Minute hereinkommen konnte und, wenn er mich schlafen sähe, nur ganz leise träte, um mich nicht zu wecken. Und richtig: im nächsten Augenblick öffnete sich die mir gegenüberliegende Thüre. Ohne die Lider zu heben – nur durch eine linienbreite Spalte unter den Wimpern – konnte ich sehen, dass es der Erwartete war. Ich machte keinen Versuch, mich aus meinem Halbschlummer herauszureißen – dadurch hätte ich möglicherweise das ganze Bild verscheuchen können, denn vielleicht war die Erscheinung an der Thür nur ein fortgesetzter Traum, und vielleicht träumte ich nur, dass ich die Lider linienbreit geöffnet ... Jetzt schloss ich dieselben ganz und gab mir Mühe, weiter zu träumen, dass der Teuere näher kommt – sich herabbeugt und mir die Stirne küsst ...
So geschah es auch. Dann kniete er neben mein Lager nieder und blieb eine Weile regungslos. Noch immer dufteten die Rosen und trarate das ferne Hornsignal ...
»Um Gotteswillen, was ist's?« rief ich, zu Tode erschreckt – denn das Antlitz des an meiner Seite knieenden Gatten war von so tiefer Trauer übergossen, dass ich mit einemmal erriet, es sei ein Unglück hereingebrochen. Statt zu antworten, legte er sein Haupt an meine Brust.
»Nein, nein, lass mich jammern ... Mein Unglück ist zu groß – und ich weiß – ich seh' Dir's an: das Deine auch. So viel Schmerz, wie ich vorhin in Deinen Zügen gelesen, habe ich noch in keines Menschen Angesicht gesehen.«
Es war ein herzzerreißender Abschied, der diese letzten vierundzwanzig Stunden füllte ... Das war nun das zweite Mal im Leben, dass ich einen teueren Gatten zu Felde ziehen sah. Doch unvergleichlich schwerer war diese zweite Losreißung, als die erste. Damals war meine und besonders Arnos Auffassung eine ganz andere, primitivere gewesen: ich hatte das Ausrücken als eine alle persönlichen Gefühle überwiegende Naturnotwendigkeit – er sogar als eine freudige Ruhmesexpedition betrachtet. Er ging mit Begeisterung, ich blieb ohne Murren. Noch haftete etwas von der Kriegsbewunderung an mir, die ich in meiner Jugenderziehung eingesogen; noch fühlte ich dem Hinausstürmenden etwas von dem Stolze nach, welchen er angesichts der großen Unternehmung empfand. Aber jetzt wusste ich, dass der Scheidende eher mit Abscheu, denn mit Jubel an die Mordarbeit ging; ich wusste, dass er das Leben liebte, welches er aufs Spiel setzen musste; dass ihm über alles – ja, alles, auch über die Rechtsansprüche des Augustenburgers – sein Weib teuer war, sein Weib, das in wenigen Tagen Mutter werden sollte. Während ich bei Arno die Überzeugung gehabt, dass er mit Gefühlen schied, um die er immerhin zu beneiden war, erkannte ich, dass bei die ser zweiten Trennung wir beide gleiches Mitleid verdienten. Ja, wir litten in gleichem Maße und wir sagten und klagten es einander. Keine Heucheleien, keine leeren Trostphrasen, keine Prahlworte. Wir waren ja eins und keines suchte das andere zu betrügen. Es war noch unser bester Trost, dass jedes seine Trostlosigkeit vom andern voll verstanden wusste. Die Größe des über uns hereingebrochenen Unglückes suchten wir durch keine konventionellen, patriotischen und heroischen Mäntelchen und Lärvchen zu verhüllen. Nein – die Aussicht, auf Dänen schießen und hauen zu dürfen, war ihm keine, gar keine Wettmachung des Leides, mich verlassen zu müssen; im Gegenteile – eher eine Verschärfung: denn Töten und Zerstören widert jeden »Edelmenschen« an. Und mir war es kein, gar kein Ersatz für mein Leid, dass der Vielgeliebte etwa um eine Rangstufe vorrücken könnte. Und falls das Unglück der gefährlichen Trennung noch zum Unglück der ewigen Trennung sich steigerte – sollte Friedrich fallen – so war mir die Staatsraison, wegen welcher dieser Krieg geführt werden musste, nicht im entferntesten erhaben und heilig dünkend genug, um solches Opfer aufzuwiegen. – Vaterlandsverteidiger: das ist der schön klingende Titel, mit welchem der Soldat geschmückt wird. Und in der That: was kann es für die Glieder des Gemeinwesens für eine edlere Pflicht geben, als die, die bedrohte Gemeinschaft zu verteidigen? Warum aber bindet dann den Soldaten sein Fahneneid zu hundert anderen Kriegspflichten, als die der Schutzwehr? Warum muss er angreifen gehen, warum muss er – wo dem Vaterlande nicht der mindeste Einfall droht – wegen der bloßen Besitz-und Ehrgeizstreitigkeiten einzelner fremder Fürsten, dieselben Güter – Leben und Herd – einsetzen, als ob es sich, wie es doch zur Rechtfertigung des Krieges heißt, um die Verteidigung des gefährdeten Lebens und Herdes handelte? Warum musste hier zum Beispiel das österreichische Heer ausziehen, um den Augustenburger auf das fremde Thrönchen zu setzen? Warum – warum? – das ist ein Fragwort, welches an Kaiser oder Papst zu richten, an sich schon hochverräterisch und lästerlich ist, welches dort als Irreligiosität und hier als Illoyalität gilt und welches nie beantwortet zu werden braucht ...
Um zehn Uhr morgens sollte das Regiment ausrücken. Wir waren die ganze Nacht aufgeblieben. Nicht eine Minute des uns noch beschiedenen Zusammenseins hatten wir verlieren wollen.
Es war so viel, was wir uns noch zu sagen hatten, und doch sprachen wir nur wenig. Küsse und Tränen waren es zumeist, welche beredter als alle Worte sagten: Ich hab' Dich lieb und muss Dich lassen. Dazwischen fiel auch wieder ein hoffnungsvolles Wort: »Wenn Du wiederkommst« ... Es war ja möglich ... es kommen ja so viele heim. Doch sonderbar! ich wiederholte: »Wenn Du wiederkommst« und bemühte mich, mir das Entzückende dieser Eventualität vorzustellen, aber vergebens: meine Einbildungskraft vermochte kein anderes Bild zu schaffen, als des Gatten Leiche auf der Wahlstatt oder mich selber auf der Bahre mit einem toten Kind im Arm ...
Friedrich war von ähnlichen trüben Vermutungen erfüllt; denn sein »Wenn ich wiederkomme« klang nicht aufrichtig, und häufiger sprach er von dem, was geschehen sollte, »wenn ich bleibe«.
»Heirate kein drittes Mal, Martha! Verwische nicht durch neue Liebeseindrücke die Erinnerungen dieses herrlichen Jahres ... nicht wahr, es ist eine glückliche Zeit gewesen?«
Wir ließen nun hundert kleine Einzelheiten, welche von unserer ersten Begegnung bis zu dieser Stunde sich uns eingeprägt hatten, an unserem Gedächtnis vorüberziehen.
Als der Tag zu grauen begann, fielen mir die thränenmüden Augen zu. Ein leichter Schlummer senkte sich auf uns beide; mit verschlungenen Armen lagen wir da, ohne das Bewusstsein zu verlieren, dass dies unsere Scheidestunde war.
»Augenblicklich zum Arzt, zur Wärterin!« rief er der herbeigeeilten Dienerin zu. Dann warf er sich an meine Seite knieend nieder und küsste meine herabhängende Hand:
Ich konnte nicht sprechen. Der heftigste physische Schmerz, den man sich vorstellen kann, wand und krümmte meinen Leib und dabei war das Seelenweh doch noch entsetzlicher, dass er »jetzt, jetzt fort musste« und dass er darüber so unglücklich war ...
Bald kamen die Gerufenen herbei und machten sich um mich zu schaffen. Zu gleicher Zeit musste Friedrich die letzte Vorbereitung zum Abmarsch treffen. Nachdem er damit fertig geworden:
»Doktor, Doktor,« rief er, den Arzt bei beiden Händen fassend, »nicht wahr – Sie versprechen mir – Sie bringen sie durch? Und Sie telegraphieren mir heute noch dort- und dahin? Er nannte die Stationen, welche er auf der Reise berühren sollte. »Und wenn eine Gefahr wäre ... Ach, was hilft's? unterbrach er sich selber – »wenn auch die Gefahr die äußerste wäre, könnte ich denn zurück?«
»Es ist hart, Herr Baron,« bestätigte der Arzt. »Aber seien Sie unbesorgt – die Patientin ist jung und kräftig ... heut' abend ist alles überstanden und Sie erhalten beruhigende Depeschen.«
»Ja, Sie werden mir auf jeden Fall günstig berichten, da ja das Gegenteil nichts nützen könnte ... Ich will aber die Wahrheit! Hören Sie, Doktor, ich verlange Ihren heiligsten Ehreneid darauf: die ganze Wahrheit! Nur unter dieser Voraussetzung kann eine beruhigende Nachricht mich wirklich beruhigen – sonst halte ich alles für Lüge. Also schwören Sie.«
»O, mein armer, armer Mann« – schnitt es mir durch die Seele. – »Wie, wenn du heute noch die Nachricht erhältst, deine Martha liege im Sterben und darfst nicht umkehren, ihr die Augen zuzudrücken ... Du hast wichtigeres zu tun: es gilt des Augustenburgers Thronansprüche. – Friedrich!« rief ich laut.
Im selben Augenblick schlug die Uhr. Wir hatten nur noch ein paar Minuten Zeit. Aber auch um diese letzte Frist wurden wir betrogen, denn wieder erfasste mich ein Anfall, und statt der Abschiedsworte konnte ich nur Schmerzenslaute ausstoßen.
Gestern verließ das –te Regiment unter klingendem Spiel und mit flatternden Fahnen unsere Stadt, um sich in dem meerumschlungenen Bruderlanden grüne Lorbeeren zu holen. Helle Begeisterung erfüllte die Reihen, man sah den Leuten die Kampfesfreude aus den Augen leuchten u.s.w., u.s.w. ...
Friedrich hatte vor seiner Abreise noch an Tante Marie telegraphiert, dass ich ihrer Pflege bedürfe, und sie kam einige Stunden später bei mir an. Sie fand mich bewusstlos und in großer Gefahr.
Mehrere Wochen schwebte ich zwischen Leben und Tod. Mein Kind war am Tage seiner Geburt gestorben. Der moralische Schmerz, den mir der Abschied von dem geliebten Manne verursacht hatte – gerade in dem Zeitpunkt, wo ich aller Kräfte bedurft hätte, um den physischen Schmerz zu bewältigen – durch den war ich widerstandsunfähig geworden, und es fehlte nicht viel, so wäre ich unterlegen.
Meinem armen Manne musste der Arzt, seinem eidlichen Versprechen gemäß, den traurigen Bericht schicken, dass das Kind gestorben und die Wöchnerin in Todesgefahr sei.
Was die Nachrichten betraf, die von ihm anlangten, so konnten mir dieselben nicht mitgeteilt werden. Ich kannte niemand und delirierte Tag und Nacht. Ein sonderbares Delirium. Ich habe davon eine schwache Erinnerung in das zurückgekehrte Bewusstsein mit hinübergenommen – aber dies mit vernünftigen Worten wiederzugeben, wäre mir unmöglich. In dem anormalen Wirbel des fiebernden Hirns bilden sich eben Begriffe und Vorstellungen, für welche die dem normalen Denken angepaßte Sprache keine Ausdrücke hat. Nur so viel kann ich andeuten – ich habe das phantastische Zeug in die roten Hefte einzuzeichnen versucht –: dass ich die beiden Ereignisse, den Krieg und meine Niederkunft, miteinander verwechselte; mir war, als wären Kanonen und blanke Waffen – ich fühlte deutlich die Bajonettstiche – das Werkzeug der Geburt und als läge ich da, das Streitobjekt zwischen zwei aufeinander losstürmende Armeen ... Dass mein Gatte fortgezogen, wusste ich; doch sah ich ihn in Gestalt des toten Arno, während Friedrich an meiner Seite, als Krankenwärterin verkleidet, den silbernen Storch streichelte. Jeden Augenblick erwartete ich die platzende Granate, welche uns alle drei – Arno, Friedrich und mich zersplittern sollte, damit das Kind zur Welt kommen könne, welches bestimmt war, über Dänewig, Schlesstein und Holmark zu regieren ... Und das alles that so unsäglich weh und war so überflüssig ... Es musste doch irgendwo jemand geben, der es hätte ändern und aufheben können, der diesen Alp von meiner Brust und von der ganzen Menschheit mittelst eines Machtwortes hätte abwälzen können – und die Sehnsucht verzehrte mich, diesem jemand mich zu Füßen zu werfen und zu flehen: Hilf ab – aus Barmherzigkeit, aus Gerechtigkeit hilf ab! – Die Waffen nieder – nieder!!
Mit diesem Ruf auf den Lippen erwachte ich eines Tages zum Bewusstsein. Mein Vater und Tante Marie standen am Fuße des Bettes, und beschwichtigend sagte mir der erstere:
Dieses Wiedererlangen des Ichgefühls nach langer Geistesabwesenheit ist doch ein eigentümlich Ding. Zuerst die frohe erstaunte Wahrnehmung, dass man lebt und dann die gespannte, an sich selber gerichtete Frage: wer man eigentlich sei ...
Aber die plötzlich mit vollem Licht hereinbrechende Antwort auf diese Frage verwandelte mir die eben erwachte Daseinslust in heftigen Schmerz. Ich war die kranke Martha Tilling, deren neugeborenes Kind gestorben, deren Mann in den Krieg gezogen war ... Seit wann? Das wußt' ich nicht.
Ja, es hatte sich ein ganzer kleiner Stoß von Briefen und Telegrammen angesammelt, welche während meiner Krankheit eingelangt. Zumeist waren es nur Anfragen über meinen Zustand, Bitten um tägliche, um möglichst stündliche Benachrichtigung. Dies natürlich nur, solange der Schreiber an Orten sich befand, wo der Telegraph ihn erreichen konnte.
Man wollte mir nicht gleich erlauben, die Briefe Friedrichs zu lesen; – es hätte mich zu sehr aufregen und erschüttern können, meinten sie, und jetzt, da ich kaum aus dem Delirium erwacht, musste ich vor allem Ruhe haben. So viel konnten sie mir sagen: Friedrich war bis jetzt unversehrt. Er hatte schon mehrere glückliche Gefechte durchgemacht – der Krieg müsste bald zu Ende sein; der Feind behauptete sich nur noch auf Alsen; und war dies einmal genommen, so würden unsere Truppen – ruhmgekrönt – heimkehren.
So sprach mein Vater tröstend auf mich ein. Und Tante Marie erzählte mir meine eigene Krankheitsgeschichte. Es waren nun mehrere Wochen seit dem Tage ihrer Ankunft vergangen, welcher zugleich der Tag war, an welchem Friedrich schied und an welchem mein Kind geboren wurde und starb ... Daran war mir die Erinnerung geblieben, aber was dazwischen lag: des Vaters Ankunft, die laufenden Nachrichten von Friedrich, der Verlauf meiner Krankheit – von dem allen wusste ich nichts. Jetzt erst erfuhr ich, mein Zustand sei ein so schlimmer gewesen, dass die Ärzte mich bereits aufgegeben hatten und mein Vater gerufen worden war, um mich »ein letztes Mal« zu sehen. An Friedrich waren die bösen Nachrichten gewissenhaft geschickt worden, aber auch die besseren Nachrichten – seit einigen Tagen nämlich gaben die Ärzte wieder Hoffnung – mussten zur Stunde schon in seinen Händen sein.
»Versündige Dich nicht, Martha,« ermahnte die Tante; »der liebe Gott und seine Heiligen werden Dich nicht auf unser Flehen hin gerettet haben, um Dich dann so heimzusuchen. Auch Dein Mann wird Dir erhalten bleiben, für den ich, Du kannst es mir glauben, ebenso heiß gebetet habe, wie für Dich ... sogar ein Skapulier habe ich ihm nachgeschickt ... Ja, ja – zucke nur die Achseln – aber schaden können sie doch keinesfalls, nicht wahr? Und wie viele Beispiele hat man, dass sie genützt haben ... Du selber bist mir auch wieder ein Beweis, was die Fürsprache der Heiligen vermag – denn Du warst schon am Rande des Grabes, glaube mir – da habe ich mich an Deine Schutzpatronin, die heilige Martha, gewendet –«
»Und ich,« unterbrach mein Vater, welcher in politischer Hinsicht zwar sehr klerikal gesinnt war, in praktischer Hinsicht jedoch durchaus nicht mit seiner Schwester sympathisierte, »ich habe aus Wien den Doktor Braun verschrieben, und der hat Dich gerettet.«
Am nächsten Tage, auf mein dringendes Bitten, wurde mir gestattet, sämtliche von Friedrich eingelaufenen Sendungen durchzulesen. Zumeist waren es nur zeilenlange Anfragen oder ebenso lakonische Berichte: »Gestern Gefecht – bin unversehrt.« – »Marschieren heute weiter – Depeschen zu adressieren nach * * *.« Ein längerer Brief trug auf dem Umschlag den Vermerk: »Nur zu übergeben, wenn jede Gefahr vorüber ist.« Diesen las ich zuerst:
»Mein Alles! Ob Du dieses jemals lesen wirst? Die letzte Nachricht, die ich von Deinem Arzt erhalten, meldete: Patientin in heftigem Fieber: Zustand bedenklich, ›Bedenklich‹ – den Ausdruck hat der Mann vielleicht aus Schonung gebraucht, um nicht zu sagen ›hoffnungslos‹ ... Wenn Dir dieses eingehändigt wird, so weißt Du ja, dass Du der Gefahr entronnen bist; aber Du mögest denn nachträglich erfahren, wie mir zu Mute war, während ich – am Vorabend einer Schlacht – mir vorstellte, dass mein angebetetes Weib im Sterben liegt. Dass sie nach mir ruft – die Arme nach mir ausstreckt ... Wir hatten uns ja nicht einmal ordentlich Lebewohl gesagt ... Und unser Kind, auf das ich mich so gefreut – tot! Und ich selber morgen – ob mich eine Kugel trifft? Wenn ich vorher wüsste, dass Du nicht mehr bist, so wäre mir die tödliche Kugel das liebste – aber wenn Du gerettet werden sollst – nein; dann will ich vom Sterben noch nichts wissen. »Todesfreudigkeit«, dieses widernatürliche, von den Feldpredigern uns stets angepriesene Ding, das kann ein glücklicher Mensch nicht empfinden – und wenn Du lebst und ich heimkomme, so habe ich noch unberechenbare Schätze von Glück zu beheben. O, welche Lebensfreudigkeit, mit der wir beide noch die Zukunft genießen wollten, wenn uns eine solche beschieden ist!
Heute trafen wir zum erstenmal mit dem Feind zusammen. Bisher ging unser Weg durch eroberte Länderstriche, aus welchen die Dänen sich zurückgezogen. Rauchende Dorftrümmer, zertretene Saaten, herumliegende Waffen und Tornister, durch Granaten aufgewirbelte Erde, Blutlachen, Pferdeleichen, Massengräber: – das sind die Landschaften und deren Staffage, durch welche wir hinter dem Sieger hergewandelt sind, um womöglich neue Siege daran zu reihen, das heißt neue Dörfer anzuzünden und so weiter ... Das haben wir nun heute auch getan. Die Position ist unser. Hinter uns steht ein Dorf in Flammen. Die Einwohner hatten es zum Glück vorher verlassen. Aber in einem Stall war ein Pferd vergessen worden – ich hörte das verzweifelte Tier stampfen und schreien ... Weißt Du, was ich that? das hat mir wahrlich keinen Orden eingetragen – denn statt ein paar Dänen niederzumachen, sprengte ich auf jenen Stall zu, um das arme Roß zu befreien. Unmöglich: schon brannte die Krippe, schon das Stroh unter seinen Hufen, schon seine Mähne ... Da schoss ich ihm zwei Revolverkugeln durch den Kopf – es fiel getroffen nieder und war von dem qualvollen Flammentod gerettet. Dann zurück in den Kampf, in den Mordgestank des Pulvers, in den wüsten Lärm knatternder Schüsse, stürzenden Gebälks, wütenden Kriegsgeschreies. Die Meisten um mich her, Freund und Feind, waren wohl vom Kriegstaumel erfasst – ich aber blieb in unseliger Nüchternheit. Zu Dänenhaß konnte ich mich nicht aufschwingen – was thaten die Braven, indem sie über uns herfielen? weiter nichts als ihre Pflicht. – Meine Gedanken waren bei Dir, Martha ... Ich sah Dich auf dem Paradebette liegen, und was ich mir wünschte, war, dass mich eine Kugel treffe. Dazwischen blitzte doch wieder ein Sehnsuchts- und ein Hoffnungsstrahl: ›Wie, wenn sie lebt? Wie, wenn ich heimkehrte?‹ ... Das Gemetzel dauerte über zwei Stunden und wir behaupteten, wie gesagt, das Feld. Der geschlagene Feind entfloh. Wir verfolgten ihn nicht. Auf dem Platze blieb uns Arbeit genug zu verrichten. Von dem Dorfe einige hundert Schritte entfernt und vom Brande unversehrt geblieben, steht ein großer Meierhof, mit zahlreichen leeren Wohnräumen und Ställen; hier werden wir die Nacht über ausruhen und hierher haben wir unsere Verwundeten gebracht. Das Begraben der Toten bleibt auf morgen früh. Dabei werden natürlich wieder einige Lebendige verscharrt, denn der Starrkrampf nach Verwundungen ist eine häufige Erscheinung. Manche, die drüben geblieben, ob tot, oder verletzt, oder auch unverletzt, werden wir ganz zurücklassen müssen; diejenigen nämlich, welche unter den Trümmern der eingestürzten Häuser liegen. Die können dann hier, wenn sie tot sind, langsam vermodern; wenn verwundet – langsam verbluten, und wenn unversehrt – langsam verhungern. Und wir – hurrah! – können weiterziehen, in unseren frischen, fröhlichen Krieg ... Der nächste Zusammenstoß wird wohl eine Feldschlacht abgeben. Allem Anschein nach werden sich zwei große Armeekorps gegenüberstehen. Dann kann die Zahl der Toten und Verwundeten leicht in die Zehntausend gehen; denn wenn die Kanonen ihres vernichtungspeienden Amtes walten, so werden beiderseitig die vorderen Reihen schnell weggefegt. Das ist ja eine wunderschöne Einrichtung. Aber noch besser wird es sein, wenn einst die Schießtechnik so weit vorgeschritten ist, dass jede Armee ein Geschoß abfeuern kann, welches die ganze feindliche Armee mit einem Schlag zertrümmert. Vielleicht würde so das Kriegführen überhaupt unterbleiben. Der Gewalt könnte dann – wenn zwischen zwei Streitenden die Allgewalt eine gleich große wäre – nicht mehr die Rechtsentscheidung überantwortet werden. Warum schreibe ich Dir dies alles? Warum breche ich nicht, wie es einem Kriegsmann ziemt, in begeisterte Lobeshymnen auf das Kriegshandwerk aus? Warum? Weil ich nach Wahrheit – und nach rückhaltloser Äußerung derselben – dürste; weil ich jederzeit die lügenhafte Phrase hasse, – in diesem Augenblick aber – wo ich dem Tode so nahe bin; und wo ich zu Dir spreche, die Du vielleicht auch im Sterben liegst – es mich doppelt drängt, zu sprechen, wie es mir ums Herz ist. Mögen tausend Andere auch anders denken, oder doch anders zu sprechen sich verpflichtet dünken, ich will, ich muss es noch einmal gesagt haben, eh' ich dem Krieg zum Opfer falle: ich hasse den Krieg. Würde nur jeder, der das Gleiche fühlt, es laut zu verkünden wagen – welch ein dröhnender Protest schrie da zum Himmel auf! Alles jetzt erschallende Hurrah samt dem begleitenden Kanonendonner würde dann durch den Schlachtruf der nach Menschlichkeit lechzenden Menschheit übertönt, durch das siegesgewisse: ›Krieg dem Kriege!‹
Obiges schrieb ich gestern nachts. Dann habe ich mich auf einen Strohsack gelegt und ein paar Stunden geschlafen. In einer halben Stunde wird aufgebrochen, und dies kann ich noch der Feldpost übergeben. Alles ist schon wach und rüstet zum Abmarsch. Die armen Leute: wenig Ruhe haben sie gefunden, nach der gestern vollbrachten – wenig Kräftigung zu der heute zu vollbringenden Blutarbeit ... Vorhin habe ich noch einen Rundgang durch unser improvisiertes Lazareth gemacht, welches hier zurückbleibt. Da sah ich unter den Verwundeten und Sterbenden ein paar, denen ich es gern so gemacht hätte, wie dem brennenden Pferde: ihnen eine Gnadenkugel durch den Kopf gejagt. Da ist einer, dem der ganze Unterkiefer weggeschossen ist; da ist ein anderer, der – Genug ... Ich kann nicht helfen – niemand kann da helfen, als der Tod. Leider ist der oft so langsam ... Wer ihn verzweifelt anruft, dem gegenüber stellt er sich taub. Er ist anderweitig viel zu sehr beschäftigt, diejenigen hinzuraffen, die inbrünstig auf Genesung hoffen, die ihn flehentlich anrufen: O verschone mich! Mein Pferd ist gesattelt – jetzt heißt es, diese Zeilen schließen. Leb wohl! Martha – wenn Du lebst.«
Zum Glück befanden sich in dem Briefpaket noch Nachrichten jüngeren Datums, als das eben angeführte Schreiben ... Nach der in letzterem vorhergesagten großen Schlacht hatte Friedrich berichten können:
»Der Tag ist unser. Ich bin unversehrt geblieben. Das sind zwei gute Nachrichten – die erste namentlich für Deinen Vater, die zweite für Dich. Dass für unzählige andere derselbe Tag unzähligen Jammer gebracht hat, vermag ich nicht zu übersehen.«
»Stelle Dir vor, welche Überraschung: Wen sehe ich an der Spitze eines Detachements an mir vorüber reiten? Tante Korneliens einzigen Sohn. Muss die Arme jetzt doch zittern ... Der Junge selber ist ganz begeistert und kampfesfroh. Ich sah es seiner stolzen, leuchtenden Miene und er hat es mir auch bestätigt. Am selben Abend waren wir zusammen im Lager und ich ließ ihn in mein Zelt rufen. ›Das ist ja herrlich,‹ rief er entzückt, ›dass wir für dieselbe Sache kämpfen, Vetter – und nebeneinander! Hab' ich nicht Glück, dass gleich im ersten Jahre meiner Lieutenantschaft Krieg ausgebrochen? Ich werde mir ein Verdienstkreuz holen.‹ – ›Und die Tante – wie hat sie Dein Ausrücken aufgenommen?‹ – ›Wie das nun schon 'mal der Mütter Brauch: mit Tränen – die sie übrigens zu verbergen suchte, um meine Lust nicht zu dämpfen – mit Segenswünschen, mit Kummer und mit Stolz.‹ – ›Und wie war's Dir selber zu Mute, als Du zum erstenmale ins Gemenge kamst?‹ – ›O wonnig, erhebend!‹ – ›Du brauchst nicht zu lügen, mein Junge. Nicht der Stabsoffizier fragt nach Deinen pflichtschuldigen Lieutenantsgefühlen, sondern der Mensch und Freund.‹ – ›Ich kann nur wiederholen: wonnig und erhebend. Schauerlich – ja ... aber: so großartig! Und das Bewusstsein, dass ich die höchste Mannespflicht erfülle mit Gott für König und Vaterland! Und dann: dass ich den Tod, dieses sonst so gefürchtete und gemiedene Gespenst, hier so nahe um mich herum walten sehen, – seine Sense auch über mir erhoben – das versetzt mich in eine eigene, über die Gewöhnlichkeit so erhabene, epische Stimmung ... Die Muse der Geschichte fühle ich uns zu Häupten schweben und unserem Schwert die Siegeskraft verleihen. Ein edler Zorn durchglüht mich gegen den frechen Feind, der das Recht der deutschen Lande niedertreten wollte, und es ist mir ein Hochgefühl, diesen Haß befriedigen zu dürfen ... das ist ein eigen, geheimnisvolles Ding, dieses Umbringendürfen – nein, Umbringen müssen – ohne ein Mörder zu sein und mit unerschrockener Preisgebung des eigenen Lebens‹ ...
So faselte der Knabe weiter. Ich ließ ihn reden. Habe ich doch Ähnliches empfunden, als mich die erste Schlacht umtoste. ›Episch‹ ja, da hat er das richtige Wort getroffen. Die Heldengedichte und Heldengeschichten, mittelst deren uns die Schule zu Kriegern aufzieht, die sind es, welche dann durch den Donner der Geschütze, durch das Blitzen der blanken Waffen und durch das Feldgeschrei der Kämpfer in unserem Hirn zum Vibrieren gebracht werden. Und die Außergewöhnlichkeit, die unverständliche Außergesetzlichkeit, in der man plötzlich sich befindet, die macht, als wäre man in eine andere Welt versetzt ... es ist wie ein Ausblick von dem banalen Erdendasein mit seiner friedlichen, bürgerlichen Ruhe, in ein titanisches Gewühl von Höllengeistern ... Aber mir war dieser Taumel bald verflogen und nur mühsam kann ich mich in die Empfindungen zurückdenken, wie sie mir der junge Tessow geschildert. Ich habe es zu früh erkannt, dass der Schlachteneifer nichts Übermenschliches, sondern – Untermenschliches ist; keine mystische Offenbarung aus dem Reiche Luzifers, sondern eine Reminiscenz aus dem Reiche der Tierheit – ein Wiedererwachen der Bestialität. Nur wer sich bis zur wilden Mordlust berauschen kann, wer – wie ich das bei Manchen unter uns gesehen – mit weit ausgeholtem Hiebe den Schädel eines entwaffneten Feindes spaltet; wer zum Berserker – tiefer noch – zum blutdurstigen Tiger herabgesunken, der hat für Augenblicke ›des Kampfes Wollust‹ genossen. Ich nie – mein Weib – glaube es mir, ich nie. Gottfried ist entzückt, dass wir Österreicher für dieselbe ›gerechte Sache‹ (was weiß denn er? Als ob nicht jede Sache im Armeebefehl als die ›gerechte‹ hingestellt würde) wie die Preußen eingetreten sind. ›Ja, wir Deutsche sind doch alle ein einig Volk von Brüdern.‹ – ›Das hat sich schon im dreißigjährigen Krieg – und auch im siebenjährigen Krieg gezeigt,‹ schaltete ich halblaut ein. Gottfried überhörte mich und fuhr fort: ›Füreinander, miteinander besiegen wir jeden Feind.‹ – ›Wie dann, mein Junge, wenn heute oder morgen die Preußen mit den Österreichern kämpfen und wir zwei als Feinde gegeneinander gestellt werden?‹ – ›Nicht denkbar. Jetzt, nachdem unser beider Blut für eine Sache geflossen, jetzt kann doch nie mehr ...‹ – ›Nie mehr? Ich warne Dich vor den Ausdrücken nie und ewig in politischen Dingen. Was die Eintagsfliegen im Reiche der Lebewesen, das sind die Völkerfeindschaften und Freundschaften im Reiche der geschichtlichen Erscheinungen.‹ Ich schreibe das alles nieder, Martha, nicht, weil ich glaube, dass es Dich – arme Kranke – interessieren könne; noch, weil ich Dir gegenüber Betrachtungen anstellen will: aber ich habe eine Idee, dass ich bleiben werde und da will ich nicht, dass meine Gefühle unausgesprochen mit mir ins Grab versinken. Mein Brief kann – auch noch von anderen als Dir – gefunden und gelesen werden. Es soll nicht ewig verschwiegen und vertuscht bleiben, was sich im Geiste unbefangen denkender und menschlich fühlender Soldaten regt. ›Ich hab's gewagt‹, war Ulrich von Huttens Wahlspruch. ›Ich hab's gesagt –: mit dieser Gewissensberuhigung will ich aus dem Leben geschieden sein.‹«
Die jüngste der vorhandenen Nachrichten war vor fünf Tagen abgesendet worden und vor zwei Tagen angekommen. Was kann in fünf Tagen – fünf Kriegstagen – nicht alles geschehen sein? Sorge und Bangen ergriff mich. Warum war gestern, warum heute kein Zeichen angelangt? O diese Sehnsucht nach einem Briefe – lieber noch Telegramme –: ich glaube, kein von Fieberdurst Gequälter kann so nach Wasser lechzen, wie ich damals nach einer Nachricht lechzte. Ich war gerettet; ihm sollte die große Freude werden, mich lebend zu finden, wenn – – immer dieses »wenn« – dieses jede Zukunftshoffnung in der Knospe erstickende »wenn«!
Mein Vater musste wieder abreisen. Nunmehr konnte er mich beruhigt verlassen – die Gefahr war vorüber und er hatte schon dringend in Grumitz zu tun. Ich sollte, sobald ich hierzu die nötigen Kräfte zurückerlangt, ihm dorthin mit meinem kleinen Rudolf folgen. Der Aufenthalt in der frischen Landluft würde mich erst vollständig herstellen können, und auch dem Kleinen förderlich sein. Tante Marie blieb zurück; sie wollte mich weiter pflegen und dann mit mir zugleich nach Grumitz fahren, wohin uns Rosa und Lilli schon vorangegangen waren. Ich ließ sie reden und für mich Pläne machen. Im Stillen nahm ich mir vor – sobald ich nur halbwegs dazu fähig sein würde – nach Schleswig-Holstein abzureisen.
Wo Friedrichs Regiment in diesem Augenblicke sich befand, wussten wir nicht. Es war unmöglich, ihm eine Depesche zukommen zu lassen, und am liebsten hätte ich jede Stunde telegraphiert, um zu fragen: »Lebst Du?«
»Du musst Dich nicht so aufregen,« predigte mein Vater, als er von mir Abschied nahm, »sonst bekommst Du gar noch einen Rückfall. Zwei Tage ohne Nachricht: was ist das? Doch wahrlich kein Grund zur Besorgnis. Im Felde findet man nicht überall Briefkasten und Telegraphenstationen – abgesehen davon, dass man während des Marsches und des Schlagens und des Ruhens gar nicht im stande ist, zu schreiben. Die Feldpost funktioniert nicht immer regelmäßig; da kann man leicht vierzehn Tage nachrichtslos bleiben, ohne dass dies Schlimmes bedeutet. Zu meiner Zeit habe ich oft noch länger nicht nach Hause geschrieben und man war darum nicht besorgt um mich.«
»Wir waren gottvertrauender als Du,« antwortete diese; »wir wussten, dass, wenn die gütige Vorsehung es so lenken wollte, dass – ob wir nun Nachrichten er hielten oder keine – Dein Vater zu uns zurückkehren würde.«
»Und wäre ich nicht zurückgekehrt, alle Kuckuck, so waret ihr auch vaterlandsliebend genug, um einzusehen, dass eine so geringe Sache, wie eines einzelnen Soldaten Leben in der großen Sache, für die er es gelassen hat, gänzlich verschwindet. Du, meine Tochter, bist lange nicht patriotisch genug gesinnt. Aber ich will jetzt mit Dir nicht zanken ... Die Hauptsache ist, dass Du wieder gesund wirst, und Dich für Deinen Rudi erhältst, um einen tüchtigen Mann und Vaterlandsverteidiger aus ihm heranzubilden.
Ich genas nicht so schnell, als man anfangs gehofft. Die fortdauernde Nachrichtslosigkeit versetzte mich in solche bange Aufregung, dass ich aus dem fieberhaften Zustand eigentlich gar nicht herauskam, Die Nächte waren mit schauerlichen Phantasien gefüllt und die Tage vergingen in harrender Sehnsucht oder trübem Hinbrüten; dabei war es schwer, wieder zu Kräften zu gelangen.
Einmal, nach einer Nacht, da ich besonders schauderhafte Gesichte gehabt – Friedrich – lebend unter einem Haufen von Menschen- und Pferdeleichen verschüttet – stellte sich sogar ein Rückfall ein, der mein Leben neuerdings in Gefahr brachte. Die arme Tante Marie hatte ein schweres Amt. Sie hielt es für ihre Pflicht, mir unablässig Trost und Ergebung zuzusprechen und ihre Gründe – namentlich die immer wiederkehrende »Bestimmung« hatten die Wirkung, mich aufs höchste aufzubringen; und statt sie ruhig predigen zu lassen, ließ ich mich zu leidenschaftlichem Widersprechen, zu auflehnenden Klagen gegen das Geschick, zu unumwundenem Versichern hinreißen, dass mir ihre »Bestimmung« als ein Unsinn erschiene. Das Alles klang natürlich lästerlich, und die gute Tante fühlte sich nicht allein persönlich verletzt, sondern zitterte auch für meine rebellische, jetzt vielleicht so bald vor den ewigen Richterstuhl gerufene Seele ...
Nur ein Mittel gab es, mich für einige Momente zu beruhigen. Das war, wenn man mir den kleinen Rudolf ins Zimmer brachte. »Du mein geliebtes Kind – Du mein Trost, meine Stütze, meine Zukunft!« ... so rief ich den Kleinen in meinem Innern an, wenn ich ihn erblickte. Er blieb aber nicht gern in dem traurigen, verhängten Krankenzimmer. Es war ihm wohl unheimlich, seine sonst so lustige Mama jetzt unaufhörlich im Bette liegen zu sehen, verweint und blass. Er wurde selber ganz niedergeschlagen, und so behielt ich ihn immer nur für kurze Augenblicke bei mir.
Von meinem Vater kamen häufig Anfragen und Nachrichten. Er hatte an Friedrichs Obersten und noch an mehrere Andere geschrieben, doch »noch keine Antwort erhalten«. Wenn eine Verlustliste eintraf, schickte er eine Depesche an mich:
Solche Versicherung that mir unsäglich wohl, denn mit aller Macht klammerte ich mich an meine Hoffnung ... Stündlich erwartete ich das Eintreffen eines Briefes, einer Depesche. Bei jedem Lärm im Nebenzimmer stellte ich mir vor, dass es der Bote sei; fast beständig waren meine Blicke zur Thür gerichtet, mit der beharrlichen Vorstellung, dass einer da eintreten müsse, die beglückende Botschaft in der Hand ... Wenn ich auf jene Tage zurückschaue, so liegen sie wie ein langes, qualgefülltes Jahr in meiner Erinnerung. Der nächste Lichtblick war mir die Nachricht, dass abermals ein Waffenstillstand geschlossen worden sei – das bedeutete diesmal wohl den Frieden. An dem Tage nach dem Eintreffen dieser Neuigkeit stand ich zum erstenmale ein wenig auf. Der, Friede! Welch ein süßer, wohliger Gedanke ... Vielleicht zu spät für mich! ... Gleichviel: ich fühlte mich doch unsäglich beruhigt: wenigstens brauchte ich mir nicht mehr täglich, stündlich den tosenden Kampf vorzustellen, von welchem Friedrich vielleicht gerade umgeben war ...
»Gott sei Dank, jetzt wirst Du bald gesund werden,« sagte die Tante eines Tages, nachdem sie mir geholfen, mich auf einen Ruhesessel niederzulassen, den man mir zum offenen Fenster geschoben hatte. »Und da können wir nach Grumitz ...«
»Soll ich den kleinen Rudolf holen?« fragte die Tante nach einer Weile. Sie wusste, dass dies das beste Mittel sei, um meine trüben Gedanken für eine Zeit zu verscheuchen.
»Nein, jetzt nicht – ich möchte ganz ruhig und allein bleiben ... Auch Du thätest mir einen Gefallen, Tante, wenn Du in das Nebenzimmer gingest ... vielleicht werde ich ein wenig schlafen. Ich fühle mich so matt ...«
»Gut, mein Kind, ich will Dich in Ruhe lassen ... Hier auf dem Tischchen neben Dir steht eine Glocke. Wenn Du etwas brauchst, wird gleich jemand zur Hand sein.«
Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen. Leisen Schrittes ging die Tante hinaus. Dieses unhörbare Auftreten hatten sich in letzter Zeit alle Hausgenossen angewöhnt.
Nicht schlafen wollte ich, sondern nur mit meinen Gedanken allein bleiben ... Ich befand mich in demselben Zimmer, auf demselben Ruhesessel, wie an jenem Vormittage, wo Friedrich gekommen war, mir mitzuteilen: »Wir haben Marschbefehl«. Es war auch eben so schwül, wie an jenem Tage, und wieder dufteten Rosen in einer Vase neben mir, wieder tönten von der Kaserne Trompetenübungen her. Ich konnte mich ganz in die Stimmung von damals zurückversetzen ... Ich wollte, ich hätte wieder so einschlummern können und träumen, wie ich damals zu träumen wähnte: dass die Thür leise aufging und der geliebte Mann hereintrat ... Die Rosen dufteten immer schwerer und durch das offene Fenster hallten die fernen Tra – ra – – – allmählich schwand mir das Bewusstsein der Gegenwart, immer mehr und mehr fühlte ich mich in jene Stunde zurückversetzt – vergessen war alles, was seither vorgefallen, nur die eine fixe Idee ward immer intensiver, dass jetzt und jetzt die Thür sich öffnen müsse, um dem Teuren Einlaß zu gewähren. Zu diesem Zwecke musste ich aber träumen, dass ich die Augen halb offen hielt. Es war mir eine Anstrengung dies zu erzwingen, aber es gelang – linienbreit hob ich die Lider und – –
... Und da war es, das ersehnte, das beglückende Bild: Friedrich, mein geliebter Friedrich auf der Schwelle ... Laut aufschluchzend und das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, fuhr ich aus meinem traumhaften Zustand auf. Mit einem Schlag war es mir klar geworden, dass dies nur eine Hallucination gewesen, und das himmelshelle Glückslicht, welches von diesem Wahnbild ausgeflossen, ließ mir die höllenfinstere Nacht meines Unglücks nun desto schwärzer erscheinen.
Was war das? Eine wirkliche Stimme – die seine – und wirkliche Arme, die mich stürmisch umfingen ... Es war kein Traum: ich lag an meines Mannes Herzen.
Wie in der letzten Abschiedsstunde unser Schmerz sich mehr in Tränen und Küssen, denn in Worten geäußert hatte – so auch unser Glück in dieser Wiedersehensstunde. Dass man vor Freude wahnsinnig werden kann, ich fühlte es deutlich, als ich den Verlorengeglaubten wieder fest hielt, als ich schluchzend und lachend und erregungszitternd immer wieder den teuren Kopf mit beiden Händen fasste, um ihm Stirn und Augen und Mund zu küssen, unverständliche Worte stammelnd ...
Auf meinen ersten Jubelschrei war Tante Marie aus dem Nebenzimmer herheigeeilt. Auch sie hatte von Friedrichs Rückkunft keine Ahnung gehabt und bei seinem Anblick ließ sie sich mit einem lauten »Jesus, Maria und Joseph!« auf den nächsten Sessel fallen.
Es dauerte lange, bis der erste Freudentaumel sich genug gelegt hatte, um gegenseitigen Fragen und Gegenfragen, Mitteilungen und Berichten Raum zu lassen. Dann erfuhren wir, dass Friedrich in einem Bauernhause liegen geblieben war, während sein Regiment weiter gezogen. Die Wunde war keine schwere gewesen, dennoch hatte er mehrere Tage bewusstlos im Fieber gelegen. Briefe waren ihm in letzter Zeit keine zugekommen, und es war auch nicht möglich gewesen, solche abzuschicken. Als er genesen, da war der Waffenstillstand bereits erklärt und eigentlich der Krieg zu Ende. Nichts hinderte ihn, nach Hause zu eilen. Jetzt schrieb und telegraphierte er nicht mehr und reiste Tag und Nacht, um so schnell als möglich anzukommen. Ob ich noch am Leben, ob ich außer Gefahr war – das wusste er nicht. Er wollte sich auch gar nicht darum erkundigen – nur hin, nur hin, ohne eine Stunde zu verlieren und ohne seiner Heimfahrt etwa die Hoffnung abzuschneiden, dass er sein Liebstes wiederfindet ... Und diese Hoffnung ward nicht getäuscht: jetzt hatte er sein Liebstes wiedergefunden: gerettet und selig – über die Maßen selig ...
Bald übersiedelten wir alle nach meines Vaters Landsitz. Friedrich hatte zur Herstellung seiner Gesundheit einen längeren Urlaub erhalten und die ihm vom Arzt verordneten Mittel: Ruhe und gute Luft, konnte er am besten bei uns in Grumitz finden.
Das war ein glücklicher Nachsommer ... Ich erinnere mich keines Zeitabschnittes in meinem Leben, der schöner gewesen wäre. Die endliche Vereinigung mit einem lang ersehnten Geliebten mag wohl unendlich sein; aber fast noch süßer will mir die Wiedervereinigung mit einem schon halb Verlorengegebenen scheinen. Wenn ich mich für einen Moment in das Angstgefühl zurück versetzte, welches mich vor Friedrichs Rückkunft erfüllte, oder mir die Bilder herauf beschwor, welche meine Fiebernächte gequält hatten – Friedrich, allerlei Todesqual erleidend – und mich dann an seinem Anblick weidete, so jubelte mir das Herz. Ich hatte ihn jetzt noch lieber, noch hundertmal lieber, den wiedererlangten Gatten, und ich empfand seinen Besitz als einen immer anwachsenden Reichtum. Schon hatte ich mich für eine Bettlerin gehalten – und jetzt: – die Freudenmillion war mein!
Die ganze Familie war in Grumitz versammelt. Auch Otto, mein Bruder, brachte seine Ferien bei uns zu. Er war jetzt fünfzehn Jahre alt und sollte noch drei Jahre in der Wiener-Neustädter Militärakademie zubringen. Ein herziges Bürschchen, mein Bruder, und des Vaters Liebling und Stolz. Er sowohl, als Lilli und Rosa füllten das Haus mit ihrer Lustigkeit. Das war ein ewiges Lachen und Springen und Ball- und Raquette-Spiel und allerlei tolles Streiche-machen. Vetter Konrad, dessen Regiment unweit von Grumitz in Garnison lag, kam so häufig als möglich herübergeritten und hielt bei den Ausgelassenheiten der Jungen wacker mit. Eine zweite Partei bildeten die Alten – nämlich Tante Marie, mein Vater und einige als Gäste bei uns weilende Kameraden des Letzteren. Unter diesen wurde fleißig Karten gespielt, gemäßigte Parkpromenaden gemacht, den Tafelfreuden gehuldigt und unabsehbar viel »kannegegossen«. Die eben stattgehabten kriegerischen Ereignisse und die durch letztere durchaus nicht zum Abschluss gebrachte schleswig-holsteinische Frage boten ein ergiebiges Feld hierzu. Friedrich und ich lebten von den anderen eigentlich so ziemlich abgeschieden – nur zu den Mahlzeiten trafen wir mit ihnen zusammen – und auch das nicht immer. Man ließ uns gewähren. Es galt als ausgemacht, dass wir in einer zweiten Auflage des Honigmondes uns befanden und uns Einsamkeit gebühre. Und wir waren auch am liebsten allein. Nicht etwa, um, wie die anderen vermutlich glaubten, in Honigmondesart zu schäkern und zu kosen – dazu waren wir doch nicht »neuvermählt« genug; aber weil wir im gegenseitigen Umgang die meiste Befriedigung fanden. Nach den kürzlich durchgemachten schweren Sorgen konnten wir die naive Munterkeit der Jugendpartei nicht teilen und noch weniger sympathisierten wir mit den Interessen und Unterhaltungen der Würdenspersonen, und so zogen wir es vor – unter dem uns stillschweigend zuerkannten Privilegium eines verliebten Paares – uns ein gutes Stück Abgeschiedenheit zu wahren. Wir unternahmen zusammen lange Spaziergänge, mitunter Ausflüge in die Umgebung, wobei wir den ganzen Tag abwesend blieben; viele Stunden verbrachten wir zu zweien im Bibliothekzimmer, und abends, wenn die verschiedenen Spielpartien in Angriff genommen wurden, zogen wir uns in unsere Gemächer zurück, wo wir bei Thee und Cigarette unsere vertraulichen Plaudereien wieder aufnahmen. Wir fanden immer unendlich viel uns zu sagen. Am liebsten erzählten wir einander von den Trauer- und Schreckgefühlen, die wir während unserer Trennungszeit empfunden, dies weckte die Freude unseres Wiederfindens immer aufs neue. Wir kamen überein, dass Todesahnungen und dergleichen nichts als Aberglaube seien, denn beide waren wir seit der Stunde unseres Abschiedes von der Voraussicht erfüllt gewesen, dass eins oder das andere sterben müsse – und jetzt hatten wir uns wieder! Friedrich musste mir genau alle die Gefahren und Leiden erzählen, die er eben durchgemacht, und die Greuelbilder des Schlachtfeldes und des Lazareths beschreiben, welche er neuerdings in seine schaudernde Seele aufgenommen. Ich liebte den Ton des Unwillens und des Schmerzes, der bei solchen Berichten in seiner Stimme zitterte. Aus der Art, wie er von den Grausamkeiten sprach, deren Zeuge er im Kriegsgetümmel gewesen war, hörte ich die Verheißung der Edelmenschlichkeit heraus, welche berufen ist, erst bei Einzelnen, später bei Vielen, endlich bei – Allen die alte Barbarei zu überwinden.
Auch mein Vater und Otto forderten Friedrich häufig auf, Episoden aus dem stattgehabten Feldzuge zum besten zu geben. Freilich geschah dies in ganz anderem Geiste, als wenn ich um eine solche Erzählung bat, und in anderem Geiste war dann auch Friedrichs Vortrag gehalten. Er begnügte sich damit, die taktischen Bewegungen der Truppen, die Ergebnisse der Gefechte, die Namen der genommenen und der verteidigten Ortschaften zu berichten, einzelne Lagerscenen zu beschreiben, Worte zu wiederholen, welche von den Heerführern gesprochen wurden, und was dergleichen Kriegsmiscellen mehr sind. Sein Auditorium war entzückt davon; mein Vater lauschte mit Genugthuung, Otto mit Bewunderung, die Generäle mit sachverständiger Wichtigkeit. Nur ich konnte an dieser trockenen Erzählungsweise keinen Geschmack finden; ich wusste, dass dieselbe eine ganze Welt von Gefühlen und Gedanken verschwieg, welche die berichteten Dinge in des Erzählers Seelengrund geweckt hatten. Als ich ihm einst unter vier Augen darüber einen Vorwurf machte, entgegnete er:
»Falschheit? Unaufrichtigkeit? Mangel an Meinungsmut? Nein, liebes Kind, Du irrst – bloße Anständigkeit ist es. Erinnerst Du Dich unserer Hochzeitsreise, – unserer Abfahrt von Wien, das erste Alleinsein im Waggon – die Nacht im prager Hotel? Hast Du die Einzelheiten jener Stunden jemals hier erzählt – und jemals Deinen Freunden und Verwandten die Gefühle und Regungen dieser Rosenzeit geschildert?«
»Nun siehst Du, es gibt auch Dinge, von welchen jeder Mann zu schweigen pflegt. Ihr dürft von Euren Liebesfreuden nichts berichten; wir nichts von unseren Kriegsleiden. Ersteres könnte Eure Haupttugend – die Keuschheit – bloßstellen; letzteres die unsere – den Mut. Die Wonnen der Flitterwochen und die Schrecken des Schlachtfeldes: davon kann doch in gesitteter Gesellschaft kein ›weibliches‹ Weib, kein ›männlicher‹ Mann etwas erzählen. Wie? Du hättest in der Verzückung der Liebe süße Tränen vergossen – wie? – ich hätte unter dem Hieb der Todessense aufgeschrieen – wie könntest Du Dich zu solcher Sinnlichkeit, wie dürfte ich zu solcher Feigheit mich bekennen?«
»Und hast Du geschrieen – hast Du gezittert, Friedrich? Mir kannst Du es sagen. Ich verschweige Dir auch die Geheimnisse meiner Liebesfreuden nicht, so magst Du –«
»Dir das Todesbangen eingestehen, das uns Soldaten auf der Wahlstatt erfasst? Wie wäre es denn anders möglich? Die Phrase und die Dichtung lügt darüber hinweg – die durch Phrase und Dichtung künstlich angefachte Begeisterung vermag sogar den Naturtrieb der Selbsterhaltung momentan zu überwinden – aber nur momentan ... Bei den Rohen kann auch mitunter Mord- und Zerstörungslust die Angst um das eigene Leben verscheuchen; bei den Ehrenfesten wird der Stolz vermögen, die äußere Kundgebung dieser Angst zu unterdrücken ... Aber wie viele habe ich stöhnen und wimmern gehört, von den armen jungen Burschen – welche verzweifelnde Blicke, welch todesfurcht-verzerrte Gesichter hab' ich gesehen – welche wilde Klagen und Flüche und flehendes Bitten vernommen!«
»Oft zum Aufschreien weh, Martha. Und doch weniger, als es meiner Mitleidsfähigkeit eigentlich entspräche ... Man sollte glauben, wenn man beim Anblick eines vereinzelten Leidens von Mitgefühl ergriffen ist, dass vertausendfachtes Leid auch tausendmal stärkeres Mitgefühl wecken müsste. Aber das Gegenteil tritt ein: die Massenhaftigkeit stumpft ab. Man kann den einen nicht so heftig bedauern, wenn man um ihn herum 999 ebenso Unglückliche sieht. Aber wenn man auch die Fähigkeit nicht hat, über einen gewissen Grad von Mitschmerz hinaus zu fühlen – zu denken und zu berechnen vermag man es doch, dass die unfaßbare Jammerquantität vorhanden ist –«
Es war mir gelungen, Friedrich zu dem Entschlusse zu bewegen, den Dienst zu verlassen. Der Umstand, dass er – nach seiner Verheiratung – noch über ein Jahr gedient und mit Auszeichnung einen Feldzug mitgemacht, schützte ihn vor dem, meinem Vater in der Brautzeit aufgestiegenen Verdacht, dass die ganze Heirat nur den Zweck hatte, seine Laufbahn aufgeben zu können. Jetzt, wenn der Friede, dessen Präliminarien im Gange waren, geschlossen sein würde, und da voraussichtlich lange Jahre des Friedens bevorstanden – jetzt hatte ein Austritt aus dem Militärverband nichts Ehrverletzendes an sich. Zwar widerstrebte es noch einigermaßen Friedrichs Stolz, auf Stellung und Einkommen zu verzichten, um, wie er sagte, »nichts zu tun, nichts zu sein und nichts zu haben«; aber seine Liebe zu mir war doch ein mächtigeres Gefühl, als sein Stolz, und er konnte meinen Bitten nicht widerstehen. Ich erklärte, ein zweites Mal könne ich die Seelenangst nicht durchmachen, die mir die letzte Trennung verursacht – und er mochte wohl selber solchen Schmerz nicht wieder auf uns Beide herabbeschwören. Das Zartgefühl, welches vor seiner Verheiratung mit mir ihn vor der Idee zurückschrecken ließ, von dem Vermögen der reichen Frau zu leben, das war jetzt nicht mehr im Spiele, denn wir waren so sehr eins geworden, dass zwischen »mein« und »dein« kein fühlbarer Unterschied mehr waltete, und verstanden einander so gut, dass er eine Mißbeurteilung seines Charakters von meiner Seite nicht mehr befürchten durfte. Der letzte Feldzug hatte zudem seine Abneigung gegen die Mordpflichten des Krieges noch so sehr vergrößert und das rückhaltlose Aussprechen dieser Abneigung hatte dieselbe so gefestigt, dass ihm das Quittieren nicht nur als eine unserem häuslichen Glücke gemachte Konzession, sondern zugleich als eine Bethätigung seiner Gesinnung, als einen Überzeugungstribut erscheinen ließ, und so versprach er mir, im kommenden Herbste – bis dahin mussten die Friedensverhandlungen doch beendet sein – seinen Abschied zu nehmen.
Wir planten, mit meinem, gegenwärtig im Bankhause Schmitt & Söhne liegenden Vermögen ein Gut zu kaufen, an dessen Bewirtschaftung Friedrich Beschäftigung finden würde. Damit sollte der erste Teil seiner Sorge »nichts zu tun, nichts zu sein und nichts zu haben«, schon beseitigt werden. Für das Sein und Haben würde auch Abhilfe geschaffen:
»Sein: k. k. Oberst a. D. und ein glücklicher Mensch – ist das nicht genug?« fragte ich Und haben: Du hast uns – mich und Rudi und – – die Kommenden ... ist das nicht auch genug?«
Meinem Vater und den Anderen wollten wir von unseren Plänen vorläufig noch nichts mitteilen. Jedenfalls würden jene Einwände erheben, Ratschläge erteilen, Rügen aussprechen – und das war jetzt noch überflüssig. Später würden wir uns über derlei hinauszusetzen wissen; denn wenn sich zwei alles in allem sind, prallt jede fremde Meinung wirkungslos von ihnen ab. Diese gewonnene Sicherheit für die Zukunft erhöhte noch den Genuss der Gegenwart, welche sich ohnehin von der Folie der durchgemachten schweren Vergangenheit so vorteilhaft abhob ... ich kann es nur wiederholen: es war eine schöne Zeit.
Mein Sohn Rudolf, nunmehr ein siebenjähriger kleiner Mann, fing jetzt an lesen und schreiben zu lernen, und seine Lehrerin – war ich. Ich hätte keiner »Bonne« die Freude gegönnt – was ihr übrigens vermutlich gar keine gewesen wäre – diese kleine Seele langsam sich entfalten zu sehen und derselben die ersten Überraschungen des Wissens beizubringen. Oftmals war der Kleine unser Begleiter auf unseren Spaziergängen und wir wurden nicht müde, die Fragen, welche seine erwachende Wißbegier an uns stellte, zu beantworten. Zu beantworten so gut und so weit wir konnten. Auf Lügen ließen wir uns nicht ein. Wir scheuten uns nicht, solche Fragen, auf die wir keinen Bescheid wussten – auf die kein Mensch Bescheid weiß – mit einem aufrichtigen »das weiß man nicht, Rudi« zu beantworten. Anfänglich geschah es, dass Rudolf, mit solcher Antwort nicht zufrieden, seine Frage nochmals bei Tante Marie, bei seinem Großvater oder bei – der Kinderfrau vorbrachte, und da wurden ihm stets unzweifelhafte Aufschlüsse zu teil. Triumphierend kam er dann zu uns: »Ihr wisst nicht, wie alt der Mond ist? Ich weiß es jetzt: sechs tausend Jahre – merkt euch das.« Friedrich und ich wechselten einen stummen Blick. Ein ganzes Buch voll pädagogischer Klagen und Bedenken lag in diesem Blick und diesem Schweigen.
Besonders unliebsam war mir die Soldatenspielerei, welche sowohl mein Vater wie mein Bruder mit dem Kleinen trieben. Die Begriffe von »Feind« und von »Dreinhauen« wurden ihm beigebracht, ich weiß gar nicht wie. Eines Tages kamen wir dazu, Friedrich und ich, wie Rudolf mit einer Reitgerte unbarmherzig auf zwei wimmernde junge Hunde einhieb.
»Und das ist ein herzloser Österreicher,« sagte er, indem er ein paar tüchtige Schläge auf Rudolfs Schultern fallen ließ. Italiener und Däne liefen vergnügt davon, und das Wimmern wurde jetzt von unserem kleinen Landsmann besorgt.
»Bist Du mir böse, Martha, dass ich Deinen Sohn geschlagen? Ich bin sonst wahrlich nicht für die Prügelstrafe eingenommen, aber Grausamkeit gegen Tiere kann mich entrüsten –«
»Und heute oder morgen« – wandte sich Friedrich leise an mich – »wird ihm der Pfarrer sagen, dass man seine Feinde lieben solle – o Logik!« Dann laut zu Rudolf: »Nicht, weil wir sie hassen, dürfen wir unsere Feinde schlagen, sondern weil sie uns schlagen wollen.«
»Weil wir sie – nein, nein,« unterbrach er sich, »aus diesem Cirkel find' ich keinen Ausweg. Geh spielen, Rudi – wir verzeihen Dir – aber thu's nicht wieder.«
Vetter Konrad machte, wie mir schien, einige Fortschritte in Lillis Gnade. Es geht doch nichts über Ausdauer. Ich hätte diese Verbindung sehr gern gesehen, und beobachtete mit Vergnügen, wie die Blicke meiner Schwester froh aufleuchteten, wenn von weitem der Hufschlag von Konrads Pferde sich vernehmen ließ, und wie sie seufzte, wenn er wieder davonritt. Er machte ihr nicht mehr den Hof, das heißt er sprach nichts von seiner Liebe, brachte seine Werbung nicht von neuem vor – dennoch war sein Benehmen eine regelrechte Belagerung.
»Wie es verschiedene Arten gibt, eine Festung zu nehmen,« so erklärte er mir eines Tages, »durch Sturm, – durch Hunger – so gibt es auch mehrfache Mittel, ein Frauenherz zur Kapitulation zu bringen. Darunter eins der wirksamsten: die Gewohnheit – die Rührung ... Es muss sie doch rühren, dass ich so beharrlich liebe, dabei so beharrlich schweige und immer wiederkomme. Wenn ich ausbliebe, risse das eine gewaltige Lücke in ihre Existenz; und wenn ich noch eine Zeit lang so fortfahre, so wird sie ohne mich es gar nicht mehr aushalten.«
»Für mich nicht. Ich habe mir die Lilli in den Kopf gesetzt. Sie hat ein gewisses Etwas um die Mundwinkel, im Gang, in der Art zu sprechen, das mir keine Andere ersetzen kann ... Du, Martha, bist zum Beispiel zehnmal hübscher und hundertmal gescheiter –«
»Eben weil Du zu gescheit bist – Du würdest mich so gewiss von oben herab ansehen. Mein Kreuzchen am Kragen, mein Säbel, die Sporen imponieren Dir nicht. Lilli hat doch Respekt vor einem streitbaren Mann – ich weiß, sie betet das Militär an, während Du –«
Während der Mahlzeiten, an dem oberen Ende der Tafel, wo mein Vater und seine alten Freunde den Ton angaben und wo auch ich und Friedrich saßen – die Jugend war am anderen Ende und unterhielt sich untereinander – wurde zumeist »politisiert«; das war so der alten Herren Lieblingsgesprächsstoff. Die schwebenden Friedensverhandlungen boten genügenden Anlass zu dieser Weisheitsentfaltung; denn dass politische Erörterungen die gediegenste und ernster Männer würdigste Unterhaltung sei, das steht bei den meisten Leuten fest. Aus Galanterie und in freundlicher Rücksicht auf meine weibliche Verstandesschwäche, sagte wohl mitunter einer der Generäle: »Diese Dinge können unsere junge Baronin Martha kaum interessieren – wir sollten darüber nur sprechen, wenn wir unter uns sind, nicht wahr, schönes Frauchen?«
Aber dagegen verwahrte ich mich und bat ernstlich, das Gespräch fortzusetzen. Ich nahm an den Vorgängen in der militärischen und diplomatischen Welt wirklichen und gespannten Anteil. Nicht vom selben Standpunkt, wie diese Herren; doch war mir daran gelegen, die »dänische Frage«, deren Ursprung und Verlauf ich anläßlich des Krieges so aufmerksam studiert hatte, bis zu ihrem endgültigen Abschluss zu verfolgen. Jetzt, nach diesen Kämpfen und Siegen, hätte es wohl entschieden sein sollen, was mit den fraglichen Herzogtümern zu geschehen habe – aber immer noch schwebten die Fragen und die Zweifel. Der Augustenburger – der famose Augustenburger, wegen dessen altbegründeten Rechten der ganze Streit entbrannt war – war er denn jetzt eingesetzt? Durchaus nicht. Sogar ein ganz neuer Prätendent erschien auf dem Plan. Mit Glücksburg und Gottorp und wie alle die Linien und Nebenlinien hießen, deren Namen ich mir mühsam angeeignet hatte, war's noch nicht genug. Jetzt trat Rußland auf und schob dem Augustenburger einen – Oldenburger vor. Das Resultat des Krieges aber war bisher, dass weder einem Glücks-, noch Augusten-, noch Olden-, noch sonst einem-burger die Herzogtümer gehören sollten, sondern den verbündeten Siegern. Folgendes, so erfuhr ich, waren die Artikel der eben im Gang befindlichen Friedensunterhandlungen:
Damit war ich zufrieden. Die Verbündeten würden sich nun natürlich beeilen, das nicht für sich, sondern für einen anderen eroberte Land diesem anderen zu übergeben.
Das wäre auch ganz hübsch; wenn nur diese Regulierungen ein bischen mehr Verharrungskraft hätten; aber es ist ja erbärmlich, welche ewige Verschiebungen solche blaue und grüne Striche auf den Landkarten unaufhörlich zu erleiden haben.
Das verstand ich nicht. Bis zu volkswirtschaftlichen und finanziellen Fragen hatte ich mich in meinen Studien nicht aufgeschwungen; ich nahm an der Politik nur sofern Anteil, als sie auf Krieg und Frieden Bezug hatte, denn dies war mir – als Mensch und Gattin – Herzensfrage.
Das was mir wieder einigermaßen klar. Das Land war verwüstet worden, die Saaten zertreten, dessen Söhne getötet: einiger Ersatz gebührte ihm doch – nun denn: es durfte die Kriegskosten tragen.
»Das neueste ist,« berichtete am 13. August mein Vater, »dass Herr von Beust an den Bundestag die Frage gestellt hat, mit welchem Rechte die Verbündeten sich die Herzogtümer von einem Könige abtreten ließen, den der Bund gar nicht als rechtmäßigen Besitzer anerkannt hatte.«
»Das ist eigentlich ein ganz vernünftiger Einwand,« bemerkte ich; »denn es hieß ja doch, der Protokoll-Prinz sei nicht der legitime Herr der deutschen Lande, und nun lasst Ihr Euch feierlich von Christian IX. –«
»Das verstehst Du nicht, Kind« – unterbrach mein Vater. »Eine Frechheit, eine Chicane ist es von diesem Herrn von Beust, weiter nichts. Die Herzogtümer gehören ohnehin schon uns, da wir sie erobert haben.«
»Das verstehst Du wieder nicht. Die Gründe, welche vor Ausbruch eines Krieges von den Kabinetten als Veranlassung desselben angegeben werden, die treten in den Hintergrund, sobald die Schlachten einmal geschlagen worden. Da bringen die Siege und Niederlagen ganz neue Kombinationen hervor; dann vermindern und vermehren und bilden sich die Reiche in vorher ungeahnten Verhältnissen.«
»Vorwände? nein« – kam einer der Generäle meinem Vater zu Hilfe. – »Anlässe vielmehr, Anstöße zu den Ereignissen, welche sich dann selbständig nach Maßstab der Erfolge gestalten.«
»Hätte ich zu sprechen,« sagte mein Vater, »so würde ich nach Düppel und Alsen wahrlich zu keinen Friedensverhandlungen mich hergegeben haben – ganz Dänemark hätte man erobern können.«
»Wenn jetzt nur nicht,« bemerkte Doktor Bresser, »zwischen den beiden Mächten über das Objekt, für welches sie vereint gefochten haben, ein Streit entsteht. Die Elbprovinzen erobern – das war eine Kleinigkeit – aber was nun damit anfangen? Das kann noch zu allerlei Verwickelungen Anlass geben. Jeder Krieg – was immer dessen Ausgang sei – enthält unweigerlich den Keim eines folgenden Krieges in sich. Ganz natürlich: ein Gewaltakt verletzt immer irgend ein Recht. Dieses erhebt über kurz oder lang seine Ansprüche und der neue Konflikt bricht aus – wird dann von neuem durch unrechtsschwangere Gewalt zum Austrag gebracht – und so ins Unendliche.«
Einige Tage später gab es wieder eine Neuigkeit. König Wilhelm von Preußen stattete unserem Kaiser in Schönbrunn einen Besuch ab. Äußerst herzlicher Empfang, Umarmung. Aufgehißte preußische Adler. Von allen Militärkapellen vorgetragene preußische Volkshymne. Jubelnde Hochrufe. Mir waren diese Berichte wohlthuend, denn durch sie wurde die schlimme Prophezeiung Doktor Bressers zu Schanden gemacht, dass die beiden Mächte über das gemeinschaftlich befreite Ländchen miteinander in Streit geraten würden. Dieser beruhigten Zuversicht gaben auch allenthalben die Zeitungen Ausdruck.
Mein Vater freute sich gleichfalls über die freundschaftlichen Kundgebungen in Schönbrunn. Aber nicht vom friedlichen, sondern vom kriegerischen Standpunkte aus.
»Ich bin froh,« sagte er, »dass wir nun einen neuen Alliierten haben. Mit Preußen im Bunde, werden wir – ebenso leicht, wie wir die Elbherzogtümer erobert haben – uns die Lombardei zurückholen können.«
»Das wird Napoleon III. nicht zugeben, und mit dem wird sich der Preuße auch nicht brouillieren wollen,« meinte einer der Generäle. »Es ist ohnehin ein schlechtes Zeichen, dass Benedetti, Österreichs ärgster Feind, jetzt Gesandter in Berlin ist.«
»Aber sagt mir doch, Ihr Herren, rief ich, die Hände faltend, warum schließen denn nicht die sämtlichen gesitteten Mächte Europas einen Bund? das wäre doch das einfachste.« ...
Die Herren zuckten die Achseln, lächelten überlegen und gaben mir keine Antwort. Ich hatte offenbar wieder eine jener Dummheiten ausgesprochen, wie sie »die Damen« zu sagen pflegen, wenn sie sich in das ihnen unzugängliche Gebiet der höheren Politik wagen.
Der Herbst war gekommen. Am 30. Oktober wurde zu Wien der Friede unterzeichnet und somit war der Zeitpunkt da, wo mein Lieblingswunsch – Friedrichs Quittierung – erfüllt werden sollte.
Aber der Mensch denkt und die Umstände lenken. Es traf ein Ereignis ein – ein schwerer Schlag für mich – das unsere so froh gehegten Pläne scheitern machte. Einfach dies: das Haus Schmitt & Söhne brach zusammen und mein gesamtes Privatvermögen war hin.
Auch eine Folge des Krieges, dieses Fallissement. Nicht nur die Mauern, auf welche sie gezielt sind, schießen die Kartätschen und Bomben zusammen –: durch diese Erschütterung fallen auch in weitem Umkreis Bankhäuser und Kreditgebäude in Trümmer ...
Ich war darum nicht – wie so manche andere – an den Bettelstab gebracht; denn mein Vater würde es mir an nichts fehlen lassen. Aber mit dem Quittierungsplane war es jetzt vorbei. Wir waren keine unabhängigen Leute mehr; jetzt war Friedrichs Gehalt unsere einzige selbständige Hilfsquelle. Wenn mir mein Vater auch eine genügende Zulage gewähren würde – unter solchen Umständen war es ausgeschlossen, dass Friedrich den Dienst verlasse. Ich selber konnte es ihm nicht zumuten: welche Rolle hätte er da meinem Vater gegenüber gespielt?
Es war nichts zu machen – wir mussten uns fügen. »Bestimmung« hätte Tante Marie gesagt. Von der Kränkung, die ich über diesen bedeutenden pekuniären Verlust empfand – es handelte sich um mehrere Hunderttausend – weiß ich nicht viel zu berichten. Es finden sich nämlich in meinem Tagebuch keine weitläufigen Eintragungen darüber, und auch mein Gedächtnis – das seither so viel tiefer schmerzende Eindrücke aufgenommen hat – weist von diesen Vorfällen keine sehr lebhaften Spuren mehr auf. Ich weiß nur, dass mir hauptsächlich um das schöne Luftschloß leid war, welches wir uns da gebaut hatten: Quittierung, Gutsankauf, unabhängige, von der sogenannten »Welt« abgeschiedene Existenz; im übrigen traf mich der Verlust nicht gar so schwer. Denn, wie gesagt: mein Vater würde mir bei seinen Lebzeiten nichts abgehen lassen und hernach mir ein genügendes Erbe hinterlassen; auch meinem Sohn Rudolf stand in Zukunft sicherer Reichtum bevor. Eins tröstete mich: es war ja nicht der mindeste Krieg in Sicht; man konnte gut auf zehn bis zwanzig Friedensjahre hoffen. – Bis dahin! ...
Schleswig-Holstein und Lauenburg waren im Vertrag vom 30. Oktober endgültig an Preußen und Österreich zu freier Verfügung abgetreten. Diese beiden, nunmehr die besten Freunde, würden sich dieses Erfolges freuen, die hieraus erwachsenden Vorteile brüderlich teilen und keinen Grund finden, zu streiten. Nirgends – am ganzen politischen Horizont – der berüchtigte »schwarze Punkt«. Die Scharte der in Italien erlittenen Niederlage war durch den in Schleswig-Holstein geholten Waffenruhm genügend ausgewetzt, es lag also auch für den militärischen Ehrgeiz keine Veranlassung mehr vor, neue Feldzüge heraufzubeschwören. In dieser Hinsicht also war ich beruhigt. Dass der Krieg vor so kurzer Zeit gewesen, fasste ich als Bürgschaft auf, dass derselbe sich nicht so bald wiederholen würde. Auf Regen folgt Sonnenschein und im Sonnenschein vergisst man den Regen. Auch nach Erdbeben und Vulkanausbrüchen bauen die Menschen auf der Schuttstätte wieder neue Wohnungen auf und denken nicht an die Gefahr, dass die überstandene Katastrophe sich wiederhole. Ein Hauptbestandteil unserer Lebensenergie scheint in der Vergeßlichkeit zu liegen.
Wir nahmen Winterquartier in Wien. Friedrich hatte nunmehr Beschäftigung im Kriegsministerium, eine Thätigkeit, die er dem Kasernendienst jedenfalls vorzog. Dieses Jahr waren meine Schwestern mit Tante Marie den Fasching über nach Prag gezogen. Dass Konrads Regiment gegenwärtig in der böhmischen Hauptstadt lag, war doch nur eine Zufälligkeit? Oder sollte dieser Umstand einigermaßen auf die Wahl des Winteraufenthaltes Einfluss gehabt haben? Als ich letztere Vermutung meiner Schwester Lilli gegenüber fallen ließ, errötete sie tief und antwortete achselzuckend:
Mein Vater bezog seine alte Wohnung in der Herrengasse. Er trug uns an, wir möchten uns bei ihm niederlassen, da er genügend Raum dazu hätte; wir zogen es aber vor, allein zu leben, und mieteten am Franz-Joseph-Quai ein kleines Mezzanin. Meines Mannes Gehalt und das mir von meinem Vater ausgestellte Monatsgeld genügten für unseren bescheidenen Haushalt reichlich. Auf abonnierte Logen, Hofbälle – überhaupt auf »in die Welt gehen« musste freilich verzichtet werden. Aber wie leicht verzichteten wir da! Es war uns sogar angenehm, dass meine pekuniären Verluste dieses Zurückziehen rechtfertigten – denn wir liebten die Zurückgezogenheit.
Einem kleinen Kreise von Verwandten und Freunden blieb unser Haus immerhin offen. Besonders meine Jugendfreundin Lori Griesbach besuchte uns oft, öfter beinahe, als mir lieb war. Ihre Gespräche, die mir schon früher stark oberflächlich erschienen waren, fand ich jetzt gar ermüdend schal, und ihr Interessenhorizont, dessen Enge ich immer erkannt hatte, machte mir den Eindruck, jetzt noch zusammengeschrumpfter zu sein. Aber hübsch war sie und lebhaft und kokett. Ich begriff, dass sie in der Gesellschaft so manchen den Kopf verdrehte – und es hieß, dass sie sich nicht ungern den Hof machen ließ. Was mir nicht ganz angenehm war, war die Wahrnehmung, dass ihr Friedrich sehr wohl gefiel und dass sie manche Blickpfeile auf ihn abschoss, welche offenbar die Bestimmung hatten, in seinem Herzen sitzen zu bleiben. Loris Mann, eine Zierde des Jockeyclubs, des Rennplatzes und der Theatercoulissen, war bekanntermaßen so wenig treu, dass eine kleine Rachenahme ihrerseits nicht allzustreng zu verdammen gewesen wäre; aber dass Friedrich als Revanchemittel dienen sollte – dagegen hätte ich doch einiges einzuwenden gehabt ...
Eifersüchtig – ich? ... Ich wurde rot, als ich mich bei dieser Erregung ertappte. Ich war ja seines Herzens so sicher ... Keine, keine auf der Welt konnte er so lieben wie mich. Nun ja: lieben – aber eine kleine Verliebtseinsflamme – die hätte immerhin neben der mir geweihten, sanften Glut aufflackern können ...
»Hörst Du, Martha – Du bist wirklich zu beneiden um diesen charmanten Mann.« Oder: »Bewache ihn nur ordentlich, Deinen Friedrich, denn dem setzen gewiss alle Frauenzimmer nach.«
»Lass Dich nicht auslachen – als ob »treu« und »Ehemann« nebeneinander genannt werden könnten. Das gibt's nicht. Du weißt, wie zum Beispiel mein Mann –«
»Alle, alle – glaube mir. Ich kenne keinen von unseren Herren, der nicht ... Unter denen, die mir den Hof machen, sind mehrere verheiratet – was wollen die nun? Offenbar nicht mich und nicht sich in ehelicher Treue üben.«
»Das werde ich Dir doch nicht sagen, Gänschen. Es ist ohnehin sehr schön von mir, Dich aufmerksam zu machen, wie gut er mir gefällt. Jetzt heißt es nur, ein wachsames Auge öffnen.«
Wir lachten beide; dennoch fühlte ich, dass – so wie hinter meiner scherzhaft vorgebrachten Eifersucht eine wirkliche Regung dieser Leidenschaft sich verbarg – so auch unter ihrer vermeintlich neckenden Rede ein Kern von Wahrheit lag.
»So ein schöner, siegreicher Krieg!« klagte sie. »Jetzt wäre Griesbach gewiss um eine Stufe im Rang vorgerückt. Nun, das Tröstliche ist, dass bei einer nächsten Campagne –«
»Was fällt Dir ein?« unterbrach ich. »Dazu ist nicht die mindeste Aussicht. Oder weißt Du einen Anlass? Wofür sollte denn jetzt ein Krieg geführt werden?«
»Wofür? Darum kümmere ich mich wahrlich nicht. Die Kriege kommen und sind da. Alle fünf oder sechs Jahre bricht immer wieder etwas aus – das ist so der Gang der Geschichte.«
»Vielleicht ... doch wer kennt sie? Ich gewiss nicht, und mein Mann auch nicht. ›Warum schlägt man sich denn eigentlich dort droben,‹ fragte ich ihn während des letzten Krieges. ›Das weiß ich nicht – ist mir auch ganz egal,‹ antwortete er achselzuckend. Ärgerlich ist nur, dass ich nicht mit dabei bin, fügte er hinzu. O, Griesbach ist ein echter Soldat. – Das ›warum‹ und das ›wozu‹ der Kriege, das geht den Soldaten nichts an. Das machen die Diplomaten untereinander ab. Ich habe mir nie den Kopf zerbrochen über alle die politischen Streitigkeiten. Uns Frauen geht es schon gar nichts an – wir würden doch nichts davon verstehen. Ist das Gewitter einmal losgebrochen, so heißt es beten –«
Ein Freund – vielleicht auch ein Feind, gleichviel – ein Wissender, der sich nicht nennen will, benachrichtigt Sie hierdurch, dass Sie betrogen werden. Auf die verräterischste Weise betrogen. Ihr scheinheiliger Mann und Ihre unschuldigthuende Freundin lachen Sie aus ob Ihres gutmütigen Vertrauens, Sie arme, verblendete Frau. Ich habe meine Gründe, den Beiden die Maske vom Gesicht zu reißen. Nicht aus Wohlwollen für Sie handle ich da, denn ich kann mir denken, dass diese Entlarvung zweier geliebter Wesen Ihnen eher Schmerz als Gewinn bringen wird – aber ich bin Ihnen nicht wohlwollend gesinnt. Vielleicht bin ich sogar ein verstoßener Anbeter, der sich rächt ... Was liegt am Motiv? Die Thatsache ist da, und wenn Sie Beweise wollen, so kann ich Ihnen dieselben liefern. Ohne Beweise würden Sie einem anonymen Brief ohnehin keinen Glauben schenken. Beifolgendes Billet hat Gräfin Gr*** verloren.
Diese überraschende Epistel lag eines schönen Frühlingsmorgens auf unserem Frühstückstisch. Friedrich saß mir gegenüber, mit seiner Post beschäftigt, während ich Obiges las und zehnmal wiederlas. Das dem verräterischen Schreiben beigelegte Billet war in einen Extra-Umschlag verschlossen und ich zögerte, denselben aufzureißen.
Ich schaute zu Friedrich auf. Er war in ein Morgenblatt vertieft, doch musste er meinen auf ihn gerichteten Blick gefühlt haben, denn er ließ die Zeitung sinken und mit seinem gewohnten lieben, lächelnden Ausdruck wandte er den Kopf zu mir:
Ich schwankte. Sollte ich ihm den Brief zeigen? Sollte ich vorher das Beweisstück besehen, welches ich noch immer unerbrochen in der Hand hielt? Die Gedanken schwirrten mir im Kopfe ... Mein Friedrich, mein alles, mein Freund und Gatte, mein Vertrauter und Geliebter – könnte er mir verloren sein? Untreu – er? Ach, ein momentaner Sinnentaumel, weiter nichts ... War da in meinem Herzen nicht Nachsicht genug, um das zu verzeihen, zu vergessen, als nicht geschehen zu betrachten? ... Aber die Falschheit! Wie, wenn auch sein Herz sich von mir abwendete, wie, wenn er die verführerische Lori lieber hatte als mich? ...
»O Du meine Einzige!« ... Er war jetzt an meiner Seite und umschlang mich stürmisch – »mein Kleinod! Sieh mir in die Augen – zweifelst Du an mir? Beweis, oder kein Beweis – genügt Dir mein Wort?«
»Nein, nein, das dürfen wir nicht vernichten – ich bin zu neugierig ... wie wollen es zusammen ansehen. Ich erinnere mich nicht, je Deiner Freundin etwas geschrieben zu haben, was auf ein Verhältnis schließen ließe – welches nie bestanden hat.«
»Glaubst Du? ... Komm, lass uns dieses Dokument besichtigen. – Richtig: meine Schrift! Ah, sieh her, es sind ja die zwei Zeilen, die Du mir selber vor einigen Wochen diktiert hattest, als Deine rechte Hand verwundet war:
Die Bedeutung der Klammer nach der Unterschrift hat der Finder des Billets nicht verstanden ... Das ist wirklich ein komisches Quiproquo. Gottlob, dass dieses prächtige Beweismaterial nicht verbrannt ist – jetzt ist meine Unschuld am Tage. Oder hast Du noch immer Verdacht?«
»Schon seitdem Du mir ins Auge gesehen hast – nicht mehr. – Weißt Du, Friedrich, dass ich sehr unglücklich gewesen wäre – Dir aber doch verziehen hätte. Lori ist kokett, sehr hübsch ... Sag' – hat sie Dir nicht Avancen gemacht? – Du schüttelst den Kopf ... Nun freilich: hierin hättest Du ein Recht, ja beinah' die Pflicht, sogar mich anzulügen – ein Mann darf weder angenommene noch verschmähte Frauengunst verraten.«
»Doch – auf herzquälerische Weise ... Wenn ich Dich mir vorstelle, einer Anderen zu Füßen, von den Lippen einer Anderen Seligkeit nippend ... gegen mich erkaltet – jedes Begehren erstorben – das ist mir schrecklich. Dennoch – das Ersterben Deiner Liebe fürchte ich nicht – Dein Herz wird unter keinen Umständen mehr gegen mich erkalten, dessen fühle ich mich sicher – unsere Seelen sind ja so verschlungen, aber –«
»Ich verstehe. Du brauchst mir aber durchaus nicht zuzumuten, dass ich für Dich fühle wie ein Ehemann nach der silbernen Hochzeit. Dazu sind wir doch noch zu jung verheiratet – so weit das Feuer der Jugend (ich bin freilich schon vierzig Jahre alt) noch in mir lodert, brennt es für Dich. Du bist mir das einzige Weib auf Erden. Und sollte in der That noch einmal eine andere Versuchung an mich herankommen – ich habe den festen Willen, sie von mir abzuwehren. Das Glück, welches in dem Bewusstsein liegt, den Treueschwur bewahrt zu haben; die stolze Gewissensruhe, mit der man sich sagen kann, dass man den festgeschlungenen Lebensbund in jeder Beziehung heilig gehalten – das alles finde ich zu schön, um es durch einen vorübergehenden Sinnentaumel vernichten zu lassen. Du hast überhaupt einen so vollständig glücklichen Menschen aus mir gemacht, meine Martha, dass ich über alles, was Berauschung, was Lust, was Vergnügen ist, so erhaben bin, wie der Besitzer von Goldbarren über den Gewinn von Kupfermünzen.«
Wie wonnig mir solche Worte ins Herz fielen! Ich war dem anonymen Briefschreiber förmlich dankbar, dass er mir zu diesem süßen Auftritt verholfen. Auch habe ich jedes Wort in die roten Hefte gesetzt. Hier kann ich die Eintragung noch nachlesen, unter dem Datum 1/4. 1865. Ach wie weit – wie weit liegt das alles zurück!
Friedrich hingegen war gegen den Verleumder höchlichst aufgebracht. Er schwor, herauszubringen, wer das Machwerk verfasst, um den Thäter gehörig zu strafen.
Ich erfuhr noch am selben Tage, was Ursprung und Zweck des Schriftstücks gewesen; den Erfolg desselben – nämlich, dass Friedrich und ich uns nunmehr noch ein wenig näher gekommen – hatte der Urheber schwerlich vorausgesehen.
Am Nachmittage ging ich zu meiner Freundin Lori, um ihr den Brief zu zeigen. Ich wollte sie aufmerksam machen, dass sie einen Feind habe, von welchem sie fälschlich verdächtigt wurde, und wollte mit ihr über den Fall lachen, dass mein diktiertes Billet so mißdeutet worden.
»Du hättest am Ende noch geglaubt, dass ich Dich wirklich betrüge. Lass mich bei dieser Gelegenheit Dir beichten, dass ich in einer verrückten Stunde – es war nach dem Diner bei Deinem Vater, wo ich neben Tilling saß, und weil ich zu viel Champagner getrunken hatte – dass ich da wirklich mein Herz so zu sagen auf einem Präsentierteller ihm antrug –«
»Und er mir noch rechtzeitig sagte, dass er Dich über alles liebe und fest entschlossen sei, Dir bis zum Tode treu zu bleiben. Damit Du nun dieses Phänomen desto besser schätzen lernen mögest, ist der ganze Spaß gemacht worden.«
Näher gebracht – immer näher! Ich habe es erfahren, dass die Annäherungsfähigkeit liebender Herzen zu jenen Dingen gehört, die keine Grenzen haben – wie zum Beispiel die Teilbarkeit. Man sollte glauben, ein Partikelchen sei schon so klein, dass es nicht kleiner gedacht werden könne, und doch: es lässt sich noch in zwei Hälften spalten; und man sollte glauben, zwei Herzen seien schon so ineinander verschmolzen, dass ein innigeres Einswerden nicht mehr möglich wäre, und doch: eine äußere Einwirkung und noch fester und näher – immer näher – umschlingen und durch dringen sich die Herzensatome.
So hatte Loris ziemlich geschmackloser Aprilscherz auf uns gewirkt, und so wirkte noch ein äußeres Ereignis, welches kurz darauf eintrat. Ein heftiges Nervenfieber nämlich, das mich sechs Wochen auf das Krankenlager warf. Ein an sich zwar trübes Ereignis – und doch wie fruchtbar an glücklichen Erinnerungen für mich und wie einflußreich auf den oben geschilderten Vorgang: das »Noch-näher-bringen« von zwei so allernahesten Herzen. War es die Furcht, mich zu verlieren, die mich dem Gatten noch teurer machte, oder war mir seine Liebe nur noch offenbarer geworden durch sein Krankenwärter-Benehmen – kurz, während dieses Nervenfiebers und nach demselben fühlte ich mich noch viel mehr und noch viel sicherer geliebt als zuvor.
Vor dem Sterben hatte ich mich auch wohl gefürchtet. Einmal, weil es mir schrecklich leid getan hätte, ein Leben zu verlieren, das mir so reich an Schönheit und Glück schien, und meine Lieben – Friedrich, mit dem ich so gern alt geworden wäre, Rudolf, den ich so gern zum Manne auferzogen hätte, zu verlassen; zweitens auch – nicht in Selbstsucht, sondern im Hinblick auf Friedrich – war mir der Gedanke an den Tod entsetzlich, denn ich wusste, so gewiss als man nur wissen kann, dass der Schmerz, mich zu begraben, den Beraubten schier unerträglich wäre ... Nein, nein: glück liche Menschen und von teuern Wesen geliebte Menschen können nicht Todesverachtung empfinden. Zu dieser gehört vor allem Lebensverachtung. Ich konnte auf meinem Lager, wo die Krankheit mit ihrer tödlichen Gewalt mich umschwirrte, wie der Krieger auf dem Schlachtfeld von Kugeln umschwirrt wird, mich so recht in die Empfindung solcher Soldaten hineindenken, welche das Leben lieben, und welche wissen, dass ihr Tod geliebte Wesen in Verzweiflung stürzen würde.
»Nur das eine hat der Soldat vor dem Fieberkranken voraus: das Bewusstsein erfüllter Pflicht,« antwortete mir Friedrich, als ich ihm diese Gedanken mitteilte. »Doch darin gebe ich Dir recht: gleichgültig sterben, freudig sterben, – was uns allenthalben zugemutet wird – das kann kein glücklicher Mensch. Das konnten nur die aller Lebensnot Preisgegebenen in alter Zeit, die an der Friedensexistenz gar nichts zu verlieren hatten, oder solche, die sich und ihre Brüder nur durch den Tod von Schmach und unerträglichem Joch befreien können.«
Als die Gefahr überstanden war, wie genoss ich da meine Genesung, meine Wiedergeburt! Das war ein Fest – für uns beide. Ähnlich dem Glücke bei der Wiedervereinigung nach dem Schleswig-Holsteiner Kriege, aber doch anders. Dort kam die Freude mit einem Schlag und hier nach und nach – und zudem, wir waren uns ja seither wieder näher, immer näher.
Mein Vater hatte mich während meiner Krankheit täglich besucht und viel Besorgnis gezeigt; dennoch, ich wusste, dass er sich meinen Tod nicht übertrieben zu Herzen genommen hätte. Seine beiden jüngeren Töchter hatte er viel lieber als mich, und der Liebste von Allen war ihm Otto. Ich war ihm durch meine zwei Heiraten, namentlich durch die zweite, und vielleicht auch durch meine ganz verschiedene Denkungsart, einigermaßen entfremdet. Als ich vollständig hergestellt war – es war Mitte Juni –, übersiedelte er nach Grumitz und forderte mich lebhaft auf, samt meinem kleinen Rudolf mitzukommen. Ich aber zog es vor, da Friedrich diensteshalber die Stadt nicht verlassen durfte, meinen Landaufenthalt ganz in der Nähe von Wien zu nehmen, wo mein Mann mich täglich besuchen konnte, und so mietete ich eine Sommerwohnung in Hitzing.
»Ich muss Dir gestehen, dass Vetter Konrad anfängt, mir – gar nicht zuwider zu werden. Während so manchen Cotillons war ich in der Laune, wenn er nur die betreffende Frage gestellt hätte, ›ja‹ zu sagen. Er unterließ es aber, den entscheidenden Schritt im rechten Moment zu tun. Als es hieß, dass wir abreisen sollten, hat er zwar wieder einen neuen Antrag gemacht, aber da hatte ich einen neuen Anfall von Korbgeben. Das habe ich mir dem armen Konrad gegenüber schon so angewöhnt, dass, wenn er das bekannte: ›Willst Du nicht doch meine Frau werden, Lilli?‹ vorbringt, meine Zunge ganz von selber antwortet: ›Fällt mir gar nicht ein.‹ Diesmal aber habe ich hinzugefügt: ›Frage in sechs Monaten nochmals an.‹ Ich werde nämlich den Sommer über mein Herz prüfen. Sehne ich mich nach dem Abwesenden, verlässt mich der Gedanke an ihn – der mich jetzt so ziemlich unablässig im Wachen und Träumen verfolgt – auch in Marienbad nicht; gelingt es dort und auch in folgender Jagdsaison keinem Anderen, Eindruck auf mich zu machen – dann hat des eigensinnigen Vetters Ausdauer gesiegt.«
»Mein liebes Kind! Das war eine ermüdende Winter-Campagne: Ich werde nicht wenig froh sein, wenn Rosa und Lilli Partien gefunden haben werden. Gefunden hätten sie deren zwar genug, denn wie Du weißt, haben sie hier im Laufe des Faschings jede ein Vierteldutzend Körbe ausgeteilt – den perennierenden Konrad gar nicht mitgerechnet. Jetzt wird die Plackerei in Marienbad wieder anheben. Ich wäre für mein Leben gern nach Grumitz gegangen, oder zu Dir – und muss statt dessen die mühsame und undankbare Chaperon-Rolle bei den vergnügungssüchtigen Mädchen weiterspielen.
Ich freue mich sehr, zu hören, dass Du wieder ganz gesund bist. Jetzt, da die Gefahr vorüber, kann ich Dir sagen, dass wir sehr besorgt waren – Dein Mann schrieb uns eine Zeit lang so verzweifelte Briefe: jeden Augenblick fürchtete er, Dich sterben zu sehen. Nun das war Dir, Gott sei Dank, nicht bestimmt. Die Novene, welche ich für Deine Genesung bei den Ursulinerinnen abgehalten, hat vielleicht auch zu Deiner Rettung beigetragen. Der liebe Gott wird Dich für Deinen Rudi erhalten. Grüße mir den lieben Kleinen, und er soll nur immer recht brav lernen. Ich schicke ihm gleichzeitig ein paar Bücher: ›Das fromme Kind und sein Schutzengel‹ – eine wunderschöne Geschichte – und ›Vaterländische Helden‹ – eine Sammlung von Kriegsbildern für Knaben. Man kann den Kleinen nicht früh genug Sinn für derlei beibringen. Dein Bruder Otto z.B. war noch nicht fünf Jahre alt, als ich ihm schon vom großen Alexander, von Cäsar und anderen berühmten Eroberern erzählte – und wie ist er jetzt für alles Heroische begeistert – es ist ein Vergnügen! Ich habe vernommen, dass Du den Sommer in der Nähe von Wien bleiben willst, statt nach Grumitz zu gehen. Daran thust Du sehr unrecht. Die Luft in Grumitz würde Dir viel besser bekommen, als die des staubigen Hietzing – und der arme Papa wird sich langweilen, so allein. Vermutlich willst Du Deines Mannes wegen nicht fort; aber mir will scheinen, dass die Tochterpflichten doch auch nicht ganz vernachlässigt werden sollten. Tilling könnte ja doch bisweilen auch einen Tag nach Grumitz kommen. Gar so viel beieinander sein ist für Eheleute nicht einmal gut – glaube meiner Lebenserfahrung. Ich habe bemerkt, dass die besten Ehen diejenigen sind, wo die Gatten sich nicht immer gegenseitig auf dem Halse sitzen, sondern einander eine gewisse Freiheit lassen. Jetzt leb' wohl, schone Dich, damit Du keinen Rückfall bekommst, und überlege Dir das noch mit Hietzing. Der Himmel schütze Dich und Deinen Rudi! – Dies das aufrichtige Gebet Deiner Dich liebenden
P. S. Dein Mann hat ja Verwandte in Preußen (zum Glück ist er nicht so arrogant wie seine Landsleute), frage ihn doch, was man dort im allgemeinen spricht über die politische Lage. Dieselbe ist doch sehr bedenklich.«
Dieser Brief meiner Tante brachte mir erst wieder ins Gedächtnis, dass es eine »politische Lage« gebe. Die ganze Zeit über hatte ich mich nicht um derlei gekümmert. Vor und nach meiner Krankheit hatte ich zwar, wie immer, viel gelesen: Tag- und Wochenblätter, Revüen und Bücher, aber die Leitartikel der Zeitungen waren unbeachtet geblieben; seitdem ich nicht mehr die bange Frage aufstellte: »Krieg oder nicht Krieg«, besaß der inner- und außerpolitische Klatsch kein Interesse für mich. Erst anläßlich der Nachschrift des oben angeführten Briefes fiel mir ein, das Vernachlässigte einzuholen und mich nach den gegenwärtigen Verhältnissen zu erkundigen.
»Was will denn Tante Marie mit diesem ›bedrohlich‹ sagen, Du minder arroganter Preuße?« frug ich meinen Mann, ihm den Brief zu lesen gebend. »Gibt es denn überhaupt jetzt eine politische Lage?«
»Mehr als je spricht man davon. Nicht im geringsten abgemacht. Die Schleswig-Holsteiner haben jetzt große Lust, die Preußen – die ›arroganten‹, denn das sind wir, dem neuesten Schlagwort gemäß – wieder ganz los zu werden. ›Eher dänisch als preußisch‹, wiederholen sie eine ihnen von den Mittelstaaten gegebene Losung. Und weißt Du, wie das abgedroschene ›Meerumschlungen‹-Lied jetzt zur Abwechselung gesungen wird:
»Und was ist's mit dem Augustenburger? Den haben sie doch? O sag' mir nicht, Friedrich, dass sie ihn nicht haben ... Wegen dieses einzig berechtigten Thronerben, nach welchem die armen dänengedrückten Lande sich so gesehnt, musste der ganze Krieg, der mich Dich – Dich! – hätte kosten können, geführt werden! Lass mir also wenigstens den Trost, dass der nötige Augustenburg in seine Rechte eingesetzt worden und über die ungeteilten Herzogtümer regiert. Auf diesem ›ungeteilt‹ bestehe ich: das ist ein altes historisches Recht, das jenem seit mehreren hundert Jahren verbürgt ist und dessen Begründung ich mir mühsam genug erforscht habe.«
»Schlecht steht's um Deine historischen Rechtsansprüche, meine arme Martha,« lachte Friedrich. »Vom Augustenburger ist – außer in seinen eigenen Protesten und Manifesten – gar nicht mehr die Rede!«
Festgesetzt und anerkannt war – trotz des beim wiener Frieden gezeichneten Protokolls – eigentlich noch gar nichts. Die schleswig-holsteinische Frage war seither in allerlei Stadien gebracht worden, »schwebte« aber mehr als je. Der Augustenburger und der Oldenburger hatten sich beeilt – nach der von seiten des Glücksburgers erfolgten Abtretung –, beim Bundestag zu reklamieren. Und Lauenburg verlangte stürmisch, dem Königreich Preußen einverleibt zu werden. Niemand wusste, was die Verbündeten nun eigentlich mit den eroberten Provinzen anfangen würden. Von diesen beiden Mächten selber mutete jede der anderen zu, dass jede die andere übervorteilen wolle.
»Was will nur dieses Preußen?« Das ist nunmehr die von Österreich, von den Mittelstaaten und den Herzogtümern stets aufgeworfene, Böses ahnende Frage. Napoleon III. rät Preußen, es solle die Herzogtümer – bis auf das dänisch redende Nordschleswig annektieren. Aber daran denkt Preußen vorläufig nicht. Am 22. Februar 1865 formuliert es endlich seine Ansprüche dahin: Preußische Truppen bleiben in den Landen; die letzteren haben ihre Wehrkraft zu Wasser und zu Land mit Ausnahme eines Bundeskontingents Preußen zur Verfügung zu stellen. Der Kieler Hafen wird in Besitz genommen: Post und Telegraphen sollen preußisch werden und die Herzogtümer müssen sich dem Zollverein anschließen.
Über diese Forderungen ärgert sich – ich weiß nicht warum – unser Minister Mensdorf-Ponilly. Und noch mehr – ich weiß schon gar nicht warum – vermutlich aus Neid, diesem Grundzug in Behandlung der »äußeren Angelegenheiten« – ärgern sich die Mittelstaaten. Dieselben verlangen ungestüm, der Augustenburger möge eiligst, sofort, in die Verwaltung der Herzogtümer eingesetzt werden. Österreich hat aber auch etwas zu sagen und sagt – indem es den Augustenburger als Luft behandelt –, dass es den Besitz des Kieler Hafens gern zugestehe, aber gegen die Rekrutierung und Matrosenpresse sich verwahre.
So wird unablässig fortgestritten. Preußen erklärt, dass seine Forderungen nur im Interesse Deutschlands gemacht werden, dass es Annektierung gar nicht verlange – Augustenburg möge, unter Gewährung der gestellten Forderungen, sein Erbrecht antreten; wenn aber diese notwendigen und billigen Ansprüche nicht befriedigt werden, dann – mit drohend erhobener Stimme – dann werde es vielleicht gezwungen sein, mehr zu fordern. – Gegen diese drohenden erheben sich sofort höhnische, hämische, hetzende Stimmen. In den Mittelstaaten und in Österreich wird die öffentliche Meinung gegen Preußen und namentlich gegen Bismarck immer mehr verbittert. Am 27. Juni tragen die Mittelstaaten darauf an, von den Großmächten Auskunft zu verlangen, aber (Auskunftgeben ist auch nicht diplomatischer Brauch, nur alles schön geheim) die Großmächte unterhandeln unter sich. König Wilhelm reist nach Gastein, Kaiser Franz Joseph nach Ischl. Graf Blome fliegt zwischen beiden hin und her und man einigt sich über verschiedene Punkte: Die Besatzung soll halb österreichisch und halb preußisch werden. Lauenburg wird – wie es ja selber wünschte – Preußen einverleibt. Dafür erhält Österreich eine Entschädigung von zweieinhalb Millionen Thaler. Dieses letztere Ergebnis ist durchaus nicht im stande, mir patriotische Freude einzuflößen. Was soll den sechsunddreißig Millionen Österreichern – selbst wenn sie unter ihnen verteilt würde, was nicht geschieht – diese unbedeutende Summe nützen? Würde sie die Hunderttausende ersetzen, die zum Beispiel ich bei Schmitt & Söhne durch den Krieg verloren? Oder gar die Verluste derjenigen, die ihre gefallenen Lieben beweinen? ... Was mich freut, ist ein am 14. August zu Gastein unterzeichneter Vertrag. – »Vertrag«, das Wort klingt so friedensverheißend. Erst später habe ich die Erfahrung gemacht, dass die internationalen Verträge sehr oft dazu da sind, um durch gelegentliche Verletzungen dasjenige herbeizuschaffen, was man einen »casus belli« nennt. Da braucht denn nur einer den anderen des »Vertragsbruches« an zuklagen und sofort springen – mit allem Anschein der Verteidigung verbriefter Rechte – die Schwerter aus der Scheide.
Mir jedoch gewährte der Gasteiner Vertrag Beruhigung. Der Streit schien beigelegt, General Gablenz – der schöne Gablenz, für welchen wir Frauen alle leise schwärmten – ward Statthalter in Holstein; – Manteuffel in Schleswig. Auf meine im Jahre 1460 erhaltene Lieblingszusicherung, dass die Lande ewig zusammen bleiben, »ungeteilt«, musste ich jetzt doch endgültig verzichten. Und was meinen Augustenburger betraf, für dessen Rechte ich mich so mühsam erwärmt hatte, so geschah, dass der Prinz einmal ins Land kam und sich von seinen Getreuen anjubeln ließ, worauf ihm Manteuffel bedeutete, dass, wenn er noch einmal sich unterstände, ohne Erlaubnis in die Gegend zu kommen, er ihn unweigerlich verhaften lassen müsste. Wer das keinen guten Witz der Muse Klio findet, der hat kein Verständnis für die »Fliegenden Blätter« der Geschichte.
Trotz des Gasteiner Vertrages wollte die Angelegenheit nicht zur Ruhe kommen, und da ich nun – durch Tante Mariens Brief und die darauf erhaltenen Auskünfte aufgeschreckt – nunmehr wieder regelmäßig die politischen Leitartikel las und mich allseitig über die herrschenden Meinungen erkundigte, so konnte ich die Phasen des schwebenden Streites wieder genau verfolgen. Dass derselbe zu einem Krieg führen würde, fürchtete ich nicht. Solche Prozeßfragen mussten doch auf dem Wege der Prozesse – nämlich durch Abwägung der Rechtsansprüche und durch hiernach zu fällendem Rechtsspruch – zum Austrag zu bringen sein. Alle diese beratenden Minister- und Bundesversammlungen, diese unterhandelnden Staatsmänner und freundschaftlich verkehrenden Monarchen, würden doch mit diesen – im Grunde so unwichtigen – Streitfragen fertig werden. Mehr mit Neugierde, als mit Besorgnis folgte ich dem Gang dieser Angelegenheit, deren verschiedene Stadien ich in den roten Heften notiert finde:
1. Oktober 1865. In Frankfurt Abgeordnetentag, folgende Beschlüsse gefasst: 1) Selbstbestimmungsrecht des schleswigholsteinschen Volkes bleibt in Kraft. Der Gasteiner Vertrag wird als Rechtsbruch von der Nation verworfen. 2) Alle Volksvertreter sollen den Regierungen, welche die bisherige Politik der Vergewaltigung fordern, alle Steuern und Anlehen verweigern.
15. Oktober. Preußischer Kronsyndikus gibt sein Gutachten über die Erbrechte des Prinzen Augustenburg ab. Der Vater desselben habe für sich und seine Nachkommen, gegen eine Summe von anderthalb Millionen Speziesthaler auf die Thronanwartschaft verzichtet. Im wiener Frieden seien die Herzogtümer abgetreten – somit habe der Augustenburger gar nichts mehr zu beanspruchen.
Eine Frechheit, eine Anmaßung – wird die in Berlin geführte Sprache genannt und die »preußische Arroganz« wird zum Schlagwort. »Gegen die muss man sich schützen: das wird allenthalben als Dogma aufgestellt. König Wilhelm scheint sich auf den deutschen Viktor Emanuel aufspielen zu wollen.« – »Österreich hat die stille Absicht, Schlesien zurück zu erobern.« »Preußen buhlt mit Frankreich.« »Österreich buhlt mit Frankreich« ... et patati et patatà, wie die Franzosen sagen ... Tritschtratsch heißt es auf deutsch und pflegt in den Kaffeekränzchen der Kleinstädter, nicht eifriger betrieben zu werden, als zwischen den Kabinetten der Großmächte.
Der Winter brachte meine ganze Familie wieder nach Wien zurück. Rosa und Lilli hatten sich in den böhmischen Bädern sehr gut unterhalten, aber verlobt hatte sich keine. Konrads Aktien standen vortrefflich. In der Jagdsaison war er nach Grumitz gekommen, und obwohl bei dieser Gelegenheit das entscheidende Wort noch immer nicht gesprochen wurde, waren jetzt doch beide in ihrem Innern überzeugt, dass sie als ein Paar enden würden.
Auch zu diesen Herbstjagden war ich, trotz meines Vaters dringenden Zuredens, nicht erschienen. Friedrich hatte keinen Urlaub erhalten, und mich von ihm zu trennen, war ein Leidwesen, das ich mir ohne Notwendigkeit nicht auferlegen mochte. Ein zweiter Grund, mich nicht auf längere Zeit zu meinem Vater zu begeben, war der, dass ich meinen kleinen Rudolf nicht gern dem großväterlichen Einfluss überließ, denn dieser war dazu angethan, dem Kinde militärische Neigungen einzuflößen. Die Lust zu diesem Berufe, zu welchem ich meinen Sohn durchaus nicht bestimmen wollte, war ohnehin schon in ihm geweckt. Vermutlich lag's im Blute. Der Sproß einer langen Reihe von Kriegern muss naturgemäß kriegerische Anlagen zur Welt bringen. In den naturwissenschaftlichen Werken, deren Studium wir jetzt eifriger denn je betrieben, hatte ich von der Macht der Vererbung gelernt, von dem Wesen der sogenannten »angeborenen Anlagen«, welche weiter nichts sind, als der Drang, die von den Ahnen angenommenen Gewohnheiten zu bethätigen.
»Also ein Muttersöhnchen willst Du aus ihm ma chen? Das wird Dir hoffentlich nicht gelingen. Gutes Soldatenblut lügt nicht: ... Ist der Bursch einmal erwachsen, so wird er seinen Beruf schon selber wählen – und einen schöneren gibt es nicht, als den, welchen Du ihm verbieten willst.«
»Martha fürchtet sich, den einzigen Sohn der Gefahr auszusetzen,« bemerkte Tante Marie, welche diesem Gespräche beiwohnte; »sie vergisst aber, dass, wenn es einem bestimmt ist, zu sterben, ihn dieses Los ebensogut im Bett als im Krieg ereilt.«
»Das ist aber eine Unmöglichkeit,« rief mein Vater, und damit war das Gespräch wieder auf eine Kontroverse gebracht, welche er und ich des öfteren – und zwar stets in denselben Geleisen – zu führen pflegten. Auf der einen Seite die gleichen Behauptungen und Gründe, auf der anderen die gleichen Gegenbehauptungen und Gegengründe. Es gibt nichts, worauf die Fabel der Hydra so gut passt, wie auf das Ungetüm: stehende Meinung. Kaum hat man ihm so einen Argumentenkopf abgeschlagen und macht sich daran, den zweiten folgen zu lassen, so ist der erste schon wieder nachgewachsen.
6. Die Menschen werden immer streiten, volle Übereinstimmung in allen Ansprüchen ist unmöglich – verschiedene Interessen müssen stets aneinanderstoßen, folglich ewiger Friede ein Widersinn.
Keiner dieser Sätze, namentlich keins der darin enthaltenen »folglich« lässt sich stichhaltig behaupten, wenn man ihm zu Leibe rückt. Aber jeder dient dem Verteidiger als Verschanzung, wenn er die anderen fallen lassen musste. Und während die neue Verschanzung fällt, hat sich die alte wieder aufgerichtet.
Zum Beispiel wenn der Kriegskämpe, in die Enge getrieben, nicht mehr im stande ist, Nr. 4 aufrecht zu erhalten und zugeben muss, dass der Friedenszustand menschenwürdiger, beglückender, kulturfördernder sei als der Krieg, so sagt er:
Dieses Argument, wenn von den Verherrlichern des Krieges angeführt, ist schon das allerunaufrichtigste. Eher dient es jenen, die den Krieg verabscheuen und die für die grausige Erscheinung doch einen Grund, ein die Natur sozusagen entschuldigendes Moment auffinden wollen; aber wer im Innern den Krieg liebt und ihn erhalten hilft, der tut es sicher nicht im Hinblick auf das Wohlbefinden entfernter Geschlechter. Die gewaltthätige Dezimierung der gegenwärtigen Menschheit durch Totschlag, künstliche Seuchenbildung und Verarmung wird gewiss nicht veranstaltet, um von der künftigen die Gefahr etwaigen Mangelleidens abzulenken; wenn menschliches Eingreifen nötig wäre, um zum allgemeinen Wohle Übervölkerung zu verhüten, so gäbe es wohl direktere Mittel hierzu als Kriegführung. Das Argument ist also nur eine Finte, welche aber meist mit Erfolg angewendet wird, weil sie verblüfft. Das Ding klingt so gelehrt und eigentlich sehr menschenfreundlich – man denke nur: unsere lieben in einigen tausend Jahren lebenden Nachkommen, denen müssen wir doch genügenden Ellbogenraum schaffen! – Dieses Nr. 3 bringt viele Friedensverteidiger in Verlegenheit. Über solche naturwissenschaftliche und sozialökonomische Fragen sind die wenigsten Leute unterrichtet; die wenigsten wissen wohl, dass das Gleichgewicht von Sterblichkeit und Fruchtbarkeit von selber sich herstellt; dass die Natur über ihre Lebewesen nicht die vernichtenden Gefahren bringt, um deren Überzahl zu verhüten, sondern umgekehrt: dass sie die Fruchtbarkeit derer erhöht, die großen Gefahren ausgesetzt sind. Nach einem Kriege z, B. steigt die Zahl der Geburten und so wird der Verlust wieder ersetzt; nach langem Frieden und bei Wohlstande fällt diese Zahl – und so tritt die Übervölkerung – dieses Wahngespenst – überhaupt nicht ein. Das alles aber hat man nicht klar vor Augen; man fühlt nur instinktiv, dass das berühmte Nr. 3 nicht richtig sein kann und keinesfalls vom anderen ehrlich gemeint ist. Da begnügt man sich, das alte Sprichwort anzuführen: »Es ist schon dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen« und dann – nicht jenes Resultat haben die Machthaber im Auge ...
Und so nimmt der Streit kein Ende. Der Kriegerische behält immer recht; sein Räsonnement bewegt sich in einem Kreise, wo man ihm stets nachlaufen, ihn aber nie erreichen kann. Der Krieg ist ein schreckliches Übel, aber er muss sein. – Er muss zwar nicht sein, aber er ist ein hohes Gut. Diesen Mangel an Folgerichtigkeit, an logischer Ehrlichkeit, lassen sich alle jene zu schulden kommen, welche aus uneingestandenen Gründen – oder auch ohne Gründe, bloß instinktiv – eine Sache vertreten und hier alle ihnen je zu Ohren gekommenen Phrasen und Gemeinplätze benutzen, welche zur Verteidigung der betreffenden Sache in Umlauf gesetzt worden sind. Dass diese Argumente von den verschiedensten Standpunkten ausgehen, dass sie daher einander nicht nur nicht unterstützen, sondern mitunter geradezu aufheben, das ist jenen einerlei. Nicht weil diese oder jene Schlüsse dem eigenen Nachdenken entsprungen und der eigenen Überzeugung gemäß sind, sind sie zu ihrer aufgestellten Behauptung gelangt, sondern nur um diese letztere zu stützen, gebrauchen sie auswahllos die von anderen Leuten durchdachten Folgerungen.
Das alles konnte ich mir zwar damals, wenn ich mit meinem Vater über das Thema Krieg und Frieden stritt, nicht so ganz klar machen; erst später habe ich mir angewöhnt, den Verrichtungen des Geistes im eigenen und im Kopfe anderer beobachtend nachzuspüren. Ich erinnere mich nur, dass ich immer höchst ermüdet und abgespannt aus diesen Diskussionen hervorging, und jetzt weiß ich, dass diese Ermüdung von dem »Im-Kreise-nachlaufen« kam, zu welchem mich meines Vaters Streitweise zwang. Der Schluss war dann doch jedesmal ein seinerseits mit mitleidigem Achselzucken gesprochenes »Das verstehst Du nicht«, welches – da es sich um militärische Dinge handelte – im Munde eines alten Generals, einer jungen Frau gegenüber, gewiss sehr gerechtfertigt klang.
Neujahr 1866. Wieder saßen wir alle – bei Punsch und Faschingkrapfen – um meines Vaters Tisch versammelt, als die erste Stunde dieses verhängnisvollen Jahres schlug. Es war ein heiteres Fest. Zugleich mit Sylvester feierten wir eine Verlobung: Konrad und Lilli. Als der Zeiger auf Zwölf wies und auf der Straße einige Freudenschüsse losgingen, umschlang mein unternehmender Vetter das neben ihm sitzende Mädchen, presste – zu unser aller Staunen – einen Kuß auf ihre Lippen und fragte dann:
»Ja – ich will,« antwortete sie; »ja – ich hab' Dich lieb, Konrad.« Das war nun von allen Seiten ein Gläser-erklingen-lassen und umarmen und Händeschütteln, und Glück- und Segenwünschen ohne Ende:
»Das Brautpaar soll leben« – »Konrad und Lilli – hoch!« – »Gott segne eueren Bund, Kinder« – »Gratuliere herzlichst, Vetter« – »Sei glücklich, Schwester« und so weiter und so weiter. Eine freudige und gerührte Stimmung bemächtigte sich unser aller. Vielleicht nicht bei allen ganz neidlos; denn so wie der Tod das traurigste und bedauernswerteste Ereignis abgibt, so ist die Liebe – die zum lebenschaffenden Bunde sanktionierte Liebe – das fröhlichste und beneidenswerteste. Ich konnte zwar von Neid nichts spüren, denn mir war das der neuen Braut erst verheißene Glück schon zum wirklichen und festen Besitz geworden; es beschlich mich eher ein Gefühl des Zweifels: »So ein vollkommenes Glück, wie es mir von Friedrich bereitet wird, kann wohl der armen Lilli kaum zu teil werden ... Konrad ist zwar ein allerliebster Mensch, aber – es gibt nur einen Friedrich!«
Mein Vater machte dem Gratulationstumult ein Ende, indem er mit dem an seinem kleinen Finger befindlichen Siegelring an das Glas klopfte und sich zum sprechen erhob:
»Meine lieben Kinder und Freunde« – sagte er ungefähr – »das Jahr sechsundsechzig fängt gut an. Mir bringt es schon in der ersten Stunde die Erfüllung eines Lieblingswunsches – denn auf den Konrad als Schwiegersohn hatte ich es lange abgesehen. Hoffen wir, dass dieses freundliche Jahr auch unsere Rosa unter die Haube und euch – Martha und Tilling – einen Storchbesuch bringt ... Ihnen, Doktor Bresser, soll es zahlreiche Patienten verschaffen – was zwar mit den vielen Gesundheitswünschen, die heute ausgetauscht werden, nicht recht klappt ... und Dir, liebe Marie, bescheere es – vorausgesetzt, dass es Dir bestimmt sei, ich kenne und ehre Deinen Fatalismus – einen Haupttreffer, oder einen vollständigen Ablaß, oder was Du Dir sonst wünschen magst; ... Dich, mein Otto, beschenke es mit zahlreicher »Eminenz« zu Deiner Schlußprüfung und mit allen möglichen soldatischen Tugenden und Kenntnissen, damit Du einst eine Zierde der Armee und der Stolz Deines alten Vaters werdest ... Letzterem muss ich doch auch einiges Gute zukommen lassen, und da dieser keine höheren Wünsche kennt, als das Wohl und den Ruhm Österreichs, so möge das kommende Jahr dem Lande einen großen Gewinn bringen – die Lombardei oder – was weiß ich? – die Provinz Schlesien ... Man kann nicht wissen, was sich da alles vorbereitet – es ist gar nicht unmöglich, dass wir dieses, der großen Maria Theresia entwendete Land den frechen Preußen wieder abnehmen« ...
Ich erinnere mich, dass der Schluss von meines Vaters Trinkrede »eine Kälte« verbreitete. Die Lombardei und Schlesien – wahrlich, nach diesen fühlte niemand unter uns ein dringendes Bedürfnis. Und der darunter versteckte Wunsch: »Krieg« – also neuer Jammer, neue Todesqual – der stimmte schon gar nicht zu der weichen Fröhlichkeit, welche diese, durch einen neuen Liebesbund geweihte Stunde in unseren Herzen wachgerufen. Ich erlaubte mir sogar eine Entgegnung:
»Nein, lieber Vater – für die Italiener und für die Preußen ist heute auch Neujahr ... da wollen wir ihnen kein Verderben wünschen. Mögen im Jahre 66 und in den folgenden alle Menschen besser, einträchtiger und glücklicher werden!«
»Durchaus nicht,« nahm mich Friedrich in Schutz. »Der von Martha ausgedrückte Wunsch beruht nicht auf Schwärmerei – denn seine Erfüllung ist uns wissenschaftlich verbürgt. Besser und einträchtiger und glücklicher werden die Menschen beständig – seit den Uranfängen bis auf heute. Aber so unmerklich langsam, dass eine kleine Spanne Zeit, wie ein Jahr, kein sichtbares Vorwärtsschreiten aufweisen kann.«
»Wenn Ihr so fest an den ewigen Fortschritt glaubt,« warf mein Vater ein, »warum dann euer häufiges Klagen über Reaktion, über Rückfall in die Barbarei?« ...
»Weil« – Friedrich zog einen Bleistift aus der Tasche und zeichnete auf ein Blatt Papier eine Spirale – »weil der Gang der Civilisation so beschaffen ist wie dieses ... Bewegt sich diese Linie, trotz ihrer gelegentlichen Rückwärtskrümmungen, nicht sicher voran? Das beginnende Jahr kann freilich eine der Krümmungen vorstellen, besonders wenn, wie es den Anschein hat, wieder ein Krieg geführt werden sollte. So etwas schleudert die Kultur – in jeder, in materieller wie in moralischer Beziehung – immer wieder um ein gutes Stück zurück.«
»Ich spreche von einer allgemeinen Sache, mein lieber Schwiegervater. Darüber kann meine Ansicht eine richtige oder falsche sein – ob sie nun eine soldatische sei oder nicht, ist eine andere Frage. Wahrheit gibt es doch überall nur eine ... Wenn ein Ding rot ist – soll es einer grundsätzlich blau nennen, wenn er eine blaue Uniform, und schwarz, wenn er eine schwarze Kutte trägt?«
»Eine – was?« Mein Vater pflegte, wenn ihm eine Diskussion nicht recht genehm war, etwas Schwerhörigkeit hervorzukehren. Auf solches »was« die ganze Rede zu wiederholen – dazu hatten die wenigsten Leute die Geduld und man gab den Streit lieber auf.
»Was hast Du meinem Vater gesagt? ... Dass es allen Anschein habe, man würde sich in diesem Jahre wieder schlagen? Ich will Dich in keinen Krieg mehr ziehen lassen, ich will nicht« ...
»Was hilft dieses leidenschaftliche ›ich will‹, meine Martha? Du wärest doch die erste, die es angesichts der Umstände wieder zurückzöge. Je wahrscheinlicher ein Krieg vor der Thür steht, desto unmöglicher wäre es mir, um Entlassung einzukommen. Unmittelbar nach Schleswig-Holstein wäre es thunlich gewesen –«
»Ich glaube, diese Wolken werden sich wieder verziehen – die beiden Großmächte werden sich doch jener Nordländchen wegen nicht zerfleischen. Aber weil es nun einmal drohend aussieht, würde ein Zurückziehen feige erscheinen. Das leuchtet Dir wohl ein?«
Mit Spannung folgte ich nunmehr der Entwickelung der politischen Ereignisse und den darüber in Zeitungen und Gesprächen kursierenden Meinungen und Vorhersagungen. »Rüsten,« »rüsten« war jetzt die Losung. Preußen rüstet im Stillen. Österreich rüstet im Stillen. Die Preußen behaupten, dass wir rüsten, und es ist nicht wahr – sie rüsten. Sie leugnen – nein, es ist nicht wahr: wir rüsten. Wenn jene rüsten, müssen wir auch rüsten. Wenn wir abrüsten, wer weiß, ob jene abrüsten? So schlug die Rüsterei in allen möglichen Varianten an mein Ohr. – Aber wozu denn dieses Waffengeklirre, wenn man nicht angreifen will? fragte ich, worauf mein Vater den alten Spruch vorbrachte: Sie vis pacem, para bellum: Wir rüsten ja doch nur aus Vorsicht. – Und die Andern? – In der Absicht, uns zu überfallen. – Jene sagen aber auch, dass sie sich nur gegen unseren Überfall vorsehen. – Das ist Heimtücke. – Und sie sagen, dass wir heimtückisch seien. – Das sagen sie nur als Vorwand, um besser rüsten zu können.
Wieder so ein endloser Cirkel, eine sich in den Schwanz beißende Schlange, deren oberes und unteres Ende zweifache Unaufrichtigkeit ist ... Nur um einem Feinde zu imponieren, der den Krieg will, kann die rüstende Schreckmethode etwa des Friedens willen am Platze sein; aber zwei Gleichgesinnte, Frieden Wollende, können unmöglich nach diesem System handeln, ohne dass Jeder fest überzeugt sei, dass der Andere mit leeren Phrasen lügt. Und diese Überzeugung wird nur so fest, wenn man selber hinter den gleichen Phrasen dieselben Absichten versteckt, deren man den Gegner beschuldigt. Nicht nur die Auguren – auch die Diplomaten wissen voneinander genau, was jeder hinter den öffentlichen Ceremonien und Redeweisen im Sinne führt ...
Das beiderseitige In-Kriegsbereitschaft-setzen dauerte die ersten Monate des Jahres fort. Am 12. März kam mein Vater freudestrahlend in mein Zimmer gestürzt.
»Warum nicht gar! Im Gegenteil, die gute Nachricht ist die: Gestern wurde großer Kriegsrat gehalten ... Es ist wirklich glänzend, über welche Streitmacht wir verfügen ... da kann sich der arrogante Preuße verstecken. – Mit 800 000 Mann sind wir stündlich bereit, auszurücken. Und Benedek, unser tüchtigster Stratege, wird Oberfeldherr mit unbeschränkter Vollmacht ... Ich sag' Dir's im Vertrauen, Kind: Schlesien ist unser, wenn wir nur wollen« ...
»O Gott, o Gott,« – stöhnte ich – »soll denn wieder diese Geißel über uns kommen! Wer – wer kann denn nur so gewissenlos sein – aus Ehrgeiz, aus Ländergier –«
»Beruhige Dich. Wir sind nicht so ehrgeizig – noch sind wir ländergierig. Wir wollen – (das heißt ich gerade nicht, mir wäre die Wiedergewinnung unseres Schlesiens schon recht) aber die Regierung will Frieden halten – das hat sie oft genug versichert. Und der ungeheuere Stand unserer aktiven Armee, wie derselbe aus den im gestrigen Kriegsrat dem Kaiser vorgelegten Mitteilungen sich ergibt, wird allen anderen Mächten gehörigen Respekt einflößen ... Preußen wird wohl zu allererst klein beilegen und aufhören, das große Wort führen zu wollen ... Wir haben, Gott sei Dank, in Schleswig-Holstein auch noch mitzureden – und werden sicher nie dulden, dass sich der andere Großstaat durch allzustarke Machtausdehnung eine überwiegende Stellung in Deutschland erringe ... Da handelt es sich um unsere Ehre, um unser »prestige« – vielleicht um unsere Existenz – das verstehst Du nicht ... Das Ganze ist ja doch nur ein Hegemoniestreit – um das miserable Schleswig handelt es sich am wenigsten – aber der prächtige Kriegsrat hat deutlich gezeigt, wer den ersten Rang einnimmt und wer den Anderen Bedingungen vorschreiben darf; die Nachkommen der kleinen brandenburger Kurfürsten oder diejenigen der langen römisch-deutschen Kaiser- Reihe! Ich halte den Frieden für gesichert. Sollten aber die anderen dennoch fortfahren, sich unverschämt und arrogant zu gebärden und dadurch einen Krieg unvermeidlich machen, so ist uns der Sieg verbürgt und mit demselben ganz unberechenbare Gewinne ... Es wäre zu wünschen, dass es losginge –«
»Nun ja, das wünschest Du auch, Vater – und mit Dir wahrscheinlich der ganze Kriegsrat! So ist's mir lieber, wenn das aufrichtig gesagt wird ... Nur nicht diese Falschheit, dem Volke und den Friedliebenden zu versichern, dass all die Waffenanschaffungen und Heerverstärkungen und Militärkreditforderungen nur um des lieben Friedens willen geschehen. Wenn ihr schon die Zähne zeigt und die Fäuste ballt, so flüstert keine sanften Worte dazu – wenn ihr schon vor Ungeduld zittert, das Schwert zu schwingen, so macht doch nicht, als legtet ihr aus bloßer Vorsicht die Hand an den Knauf« ...
So redete ich eine Weile mit bebender Stimme und steigendem Affekte fort – ohne dass mein verblüffter Vater ein Wort erwiderte – und brach schließlich in Tränen aus.
Jetzt folgte eine Zeit der schwankenden Hoffnungen und Befürchtungen. Heute hieß es »der Friede gesichert«, morgen – »der Krieg unvermeidlich«. Die meisten Leute waren letzterer Ansicht. Nicht so sehr, weil die Verhältnisse auf die Notwendigkeit eines blutigen Austrages wiesen, als deshalb, weil, wenn das Wort »Krieg« einmal gefallen, wohl noch sehr lange hin und her debattiert werden kann, aber erfahrungsgemäß das Ende jedesmal Krieg ist. Das kleine, unscheinbare Ei, welches den »Casus belli« enthält, wird da so lange ausgebrütet bis das Ungetüm hervorkriecht.
Täglich zeichnete ich in die roten Hefte die Phasen des schwebenden Streites auf und so wusste ich damals, und weiß noch heute, wie der verhängnisvolle »66er ›Krieg‹ sich vorbereitet hat und wie er ausgebrochen ist. Ohne diese Eintragungen wäre ich wohl über das betreffende Stück Geschichte in derselben Unkenntnis, in welcher die meisten, inmitten der Geschichtsabspielung lebenden Menschen sich befinden. Gewöhnlich weiß die große Mehrzahl der Bevölkerung nicht, warum und wie ein Krieg entsteht – man sieht ihn nur eine Zeit lang kommen – dann ist er da. Und wenn er da ist, so frägt man schon gar nicht mehr nach den kleinen Interessen und Meinungsverschiedenheiten, die ihn herbeigeführt, sondern ist nur noch mit den gewaltigen Ereignissen beschäftigt, die sein Fortgang mit sich bringt. Und ist er einmal vorüber, so erinnert man sich höchstens der dabei persönlich erlebten Schrecken und Verluste – beziehungsweise Gewinne und Triumphe – aber an die politischen Entstehungsgründe wird nicht mehr gedacht. In den verschiedenen Geschichtswerken, welche nach jedem Feldzuge unter Titeln wie »Der Krieg vom Jahre – historisch und strategisch dargestellt –« und dergleichen erscheinen, werden alle vergangenen Streitmotive und alle taktischen Bewegungen des betreffenden Feldzuges aufgezählt, und wer dafür Interesse hat, kann in der einschlägigen Litteratur sich Aufschluß holen; – aber im Gedächtnis des Volkes lebt diese Geschichte gewiss nicht fort. Auch von den Gefühlen des Hasses und der Begeisterung, der Erbitterung und Siegeshoffnung, mit welchen die ganze Bevölkerung den Anfang des Krieges begrüßt – Gefühle, welche sich in dem Schlagwort äußern: »dieser Krieg ist sehr populär«, auch davon ist nach ein paar Jahren alles verwischt.
Am 24. März erläßt Preußen ein Rundschreiben, worin es sich über die bedrohlichen österreichischen Rüstungen beklagt. – Warum rüsten wir denn nicht ab, wenn wir nicht bedrohen wollen? – Wie sollen wir? Es wird ja am 28. März preußischerseits verfügt, dass die Festungen in Schlesien und zwei Armeekorps in Bereitschaft gesetzt werden sollen ...
31. März. Gott sei Dank! Österreich erklärt, dass sämtliche umlaufende Gerüchte über geheimes Rüsten falsch seien; es falle ihm gar nicht ein, Preußen anzugreifen. Er stellt daher die Forderung, dass Preußen seine Kriegsbereitschafts-Maßnahmen einstelle.
Preußen erwidert: Es denke gar nicht im entferntesten daran, Österreich anzugreifen, aber durch des letzteren Rüstungen sei es gezwungen, sich auf Angriff gefasst zu machen.
Die Zeitungen geben die Orchesterbegleitung zu diesem Duo ab. Die Leitartikler schwelgen in sogenannter Konjekturalpolitik. Es wird geschürt, gehetzt, geprahlt, verleumdet. Geschichtswerke über den siebenjährigen Krieg werden veröffentlicht, mit der ausgesprochenen Tendenz, die einstige Feindschaft aufzufrischen.
Indessen, der Notenwechsel dauert fort. Unterm 7. April leugnet Österreich nochmals offiziell seine Rüstungen, spielt aber auf eine mündliche Äußerung an, welche Bismarck gegen Károlyi gemacht hätte, »dass man sich über den Gasteiner Vertrag leicht hinwegsetzen werde.« – Also davon sollen die Völkerschicksale abhängen, was zwei Herren Diplomaten in mehr oder minder guter Laune über Verträge sprechen? Und was sind das überhaupt für Verträge, deren Einhalten von dem guten Willen der Kontrahenten abhängig bleibt und durch keine höhere schiedsrichterliche Gewalt gesichert wird?
Auf diese Note antwortet Preußen unterm 15. April, dass die Anschuldigung unwahr sei; es müsse aber dabei beharren, dass Österreich wirklich an den Grenzen gerüstet habe; dadurch sei die eigene Gegenrüstung gerechtfertigt. Ist es Österreich mit dem Nichtangreifen Ernst, so solle es zuerst abrüsten.
Welch ein Aufatmen! So wird denn trotz aller drohenden Anzeichen der Friede erhalten bleiben! Diese Wendung verzeichnete ich freudig in die roten Hefte.
Aber zu früh. Neue Verwickelungen stellen sich ein. Österreich erklärt, es könne nur im Norden, nicht aber zugleich im Süden abrüsten, denn dort sei es von Italien bedroht.
Jetzt lässt sich Italien vernehmen: Es wäre ihm nicht im entferntesten eingefallen, Österreich anzugreifen, aber nach dessen letzter Erklärung werde es allerdings Gegenrüstungen machen.
Ich lasse mich von dieser Melodie wieder einigermaßen in Ruhe lullen. Nach solchen lauten und wiederholten Versicherungen kann doch keiner angreifen, und ohne dass einer angreife, gibt es keinen Krieg. Das Prinzip, dass nur noch Verteidigungskriege gerecht seien, hat sich schon so sehr des öffentlichen Bewusstseins bemächtigt, dass doch keine Regierung mehr einen Einfall in das Nachbarland unternehmen darf; und wenn sich nur lauter Verteidiger gegenüberstehen, so können dieselben, so drohend sie auch bewaffnet, so fest sie auch entschlossen seien, sich bis aufs Messer zu wehren – doch thatsächlich den Frieden nicht brechen.
Welche Täuschung! Neben »Offensive« gibt es ja noch verschiedene andere Arten, Feindseligkeiten zu eröffnen. Da sind die irgend ein drittes Ländchen betreffenden Forderungen und Einmengungen, die als ungerecht abgewehrt werden können; da sind die alten Verträge, die man für verletzt erklärt, und für deren Aufrechterhaltung zu den Waffen gegriffen werden muss; da ist endlich das »europäische Gleichgewicht«, welches durch die Machterweiterung des einen oder des anderen Staates gefährdet werden könnte und daher gegen solche Machterweiterung energisches Einschreiten erheischt. Uneingestandenermaßen, aber am heftigsten zum Kampfe treibend, wirkt der lang geschürte Haß, welcher schließlich ebenso sehnsüchtig und naturgewaltig nach todbringendem Handgemenge drängt, wie lang genährte Liebe nach lebenschöpfender Umarmung.
Von nun an überstürzen sich die Ereignisse, Osterreich tritt so entschieden für den Augustenburger ein, dass Preußen dies für einen Bruch des Gasteiner Vertrags erklärt und darin eine deutliche feindliche Absicht erkennt, was zur Folge hat, dass beiderseits aufs äußerste gerüstet wird und nun auch Sachsen damit beginnt. Die Aufregung ist eine allgemeine und wird täglich heftiger. »Krieg in Sicht, Krieg in Sicht!« verkünden alle Blätter und alle Gespräche. Mir ist zu Mute, als wäre ich auf dem Meere und der Sturm im Anzug ...
Der gehaßteste und geschmähteste Mann in Europa heißt jetzt Bismarck. Am 7. Mai wird auf denselben ein Mordversuch gemacht. Hat Blind, der Thäter, jenen Sturm dadurch abwenden wollen? Und hätte er ihn abgewendet?
Ich erhalte aus Preußen Briefe von Tante Kornelie, aus welchen hervorgeht, dass dort zu Lande der Krieg nichts weniger als gewünscht wird. Während bei uns allgemeine Begeisterung für die Idee eines Krieges mit Preußen herrscht, und mit Stolz auf unsere »Million auserlesener Soldaten« geblickt wird, herrscht drüben innere Zerfahrenheit. Bismarck wird im eigenen Lande nicht viel weniger geschmäht und verleumdet, als bei uns; das Gerücht geht, dass die Landwehr sich weigern werde, in den »Bruderkrieg« zu ziehen, und man erzählt, dass die Königin Augusta sich ihrem Gemahl zu Füßen geworfen, um für den Frieden zu flehen. O, wie gern hätte ich an ihrer Seite gekniet und alle meine Schwestern – alle – zu gleicher That hinreißen wollen. Das, das allein sollte aller Frauen Bestreben sein: »Friede, Friede – die Waffen nieder!« Hätte doch unsere schöne Kaiserin sich auch zu Füßen ihres Gemahls geworfen und weinend, mit erhobenen Händen, um Entwaffnung gefleht! Wer weiß? Vielleicht hat sie es getan – vielleicht hätte der Kaiser selber auch gewünscht, den Frieden zu erhalten, aber der Druck, der von den Räten, von den Sprechern, Schreiern und Schreibern kommt, dem kann ein einzelner Mensch, – selbst auf dem Thron – nicht widerstehen.
Am 1. Juni erklärt Preußen dem Bundestage, es werde sofort abrüsten, wenn Österreich und Sachsen das Beispiel geben. Dagegen erfolgt von Wien geradeheraus die Anschuldigung, dass Preußen schon lange mit Italien einen Angriff auf Österreich geplant habe, weshalb Letzteres sich nunmehr ganz dem deutschen Bund in die Arme werfen wolle, um diesen aufzufordern, die Entscheidung in Sachen der Elbherzogtümer zu übernehmen. Gleichzeitig wolle es die holsteinischen Stände einberufen.
Gegen diese Erklärung legte Preußen Protest ein, weil dieselbe gegen den Gasteiner Vertrag verstoße. Damit sei zum wiener Vertrag zurückgekehrt, nämlich zum gemeinschaftlichen Condominat; folglich habe Preußen auch das Recht, Holstein zu besetzen, wie es seinerseits den Österreichern den Besitz Schleswigs nicht verwehre. Und zugleich rücken die Preußen in Holstein ein. Gablenz weicht ohne Schwertstreich, aber unter Protest zurück.
Vorher hat Bismarck in einem Rundschreiben gesagt: Von Wien hatten wir gar kein Entgegenkommen gefunden. Im Gegenteil: es waren dem Könige von authentischer Quelle Auslassungen von österreichischen Staatsmännern und Ratgebern des Kaisers zu Ohren gekommen (Tritschtratsch), welche beweisen, dass die Minister den Krieg um jeden Preis wünschen (Völkermord wünschen: welche furchtbare Verbrechensanklage!), teils auf Erfolg im Felde hoffend, teils, um über innere Schwierigkeiten hinwegzukommen und um den eigenen zerrütteten Finanzen durch preußische Kontribution aufzuhelfen. (Staatsklugheit.)
Unterm 9. Juni erklärt Preußen dem Bundestag, derselbe habe kein Recht zur alleinigen Entscheidung in der schleswig-holsteinischen Frage. Ein neuer Bundesreformplan wird vorgelegt, nach welchem die Niederlande und Österreich ausgeschlossen bleiben sollen.
Die Presse ist nunmehr ganz kriegerisch und zwar, wie dies patriotische Sitte ist, siegesgewiß. Die Möglichkeit einer Niederlage muss für den loyalen Unterthan, den sein Fürst zum Kampfe ruft, völlig ausgeschlossen sein. Verschiedene Leitartikel malen den bevorstehenden Einzug Benedeks in Berlin aus, sowie die Plünderung dieser Stadt durch die Kroaten. Einige empfehlen auch, Preußens Hauptstadt dem Erdboden gleich zu machen. »Plünderung«, »Erdboden gleich machen«, »über die Klinge springen lassen« – diese Worte entsprechen zwar nicht mehr dem neuzeitlichen Völkerrechtsbewußtsein, sie sind aber, von den Schulstudien der alten Kriegsgeschichte her, an den Leuten hängen geblieben; derlei ward in den auswendig gelernten Schlachtberichten so oft hergesagt, in den deutschen Aufsätzen so oft niedergeschrieben, dass, wenn nun über das Thema Krieg Zeitungsartikel verfasst werden sollen, solche Worte von selber in die Feder fließen. Die Verachtung des Feindes kann nicht drastisch genug ausgedrückt werden; für die preußischen Truppen haben die wiener Zeitungen keine an dere Bezeichnung mehr, als »die Schneidergesellen«. General-Adjutant Graf Grünne hat geäußert: »Diese Preußen werden wir mit nassen Fetzen verjagen«. Mit derlei macht man einen Krieg eben »populär«. So etwas kräftigt das nationale Selbstgefühl.
11. Juni. Österreich beantragt, der Bund solle gegen die preußische Selbsthilfe in Holstein einschreiten und das ganze Bundesheer mobil machen. Am 14. Juni wird über diesen Antrag abgestimmt und mit neun gegen sechs Stimmen – angenommen. O, diese drei Stimmen! Wie viel Jammer- und Wehgeheul hat diesen drei Stimmen als Echo nachgedröhnt!
Es ist geschehen. Die Gesandten erhalten ihre Pässe. Am 16. fordert der Bund Österreich und Bayern auf, den Hannoveranern und Sachsen, welche bereits von Preußen angegriffen seien, zu Hilfe zu kommen.
Am 18. ergeht das preußische Kriegsmanifest. Zu gleicher Zeit das Manifest des Kaisers von Österreich an sein Volk und die Proklamation Benedeks an seine Truppen. Am 22. erläßt Prinz Friedrich Karl einen Armeebefehl und eröffnet damit den Krieg. Ich habe die vier Urkunden zur Zeit abgeschrieben; hier sind sie:
»Österreich will nicht vergessen, dass seine Fürsten einst Deutschland beherrschten, will im jungen Preußen keinen Bundesgenossen, sondern nur einen feindlichen Nebenbuhler erkennen. Preußen, meint es, sei in allen seinen Bestrebungen zu bekämpfen, weil, was Preußen frommt, Österreich schade. Alte, unselige Eifersucht ist in hellen Flammen wieder aufgelodert; Preußen soll geschwächt, vernichtet, entehrt werden. Ihm gegenüber gelten keine Verträge mehr. Wohin wir in Deutschland schauen, sind wir von Feinden umgeben und deren Kampfgeschrei ist Erniedrigung Preußens. Bis zum letzten Augenblick habe ich die Wege zu gütigem Ausgleich gesucht und offen gehalten – Österreich wollte nicht.«
»Die neuesten Ereignisse erweisen es unwiderleglich, dass Preußen nun offen Gewalt an Stelle des Rechtes setzt. So ist der unheilvollste Krieg – ein Krieg Deutscher gegen Deutsche – unvermeidlich geworden! Zur Verantwortung all des Unglücks, das er über einzelne, Familien, Gegenden und Länder bringen wird, rufe ich diejenigen, welche ihn herbeigeführt, vor den Richterstuhl der Geschichte und des ewigen allmächtigen Gottes.«
Immer der »Andere« ist der Kriegwünschende. Immer dem »Anderen« wird vorgeworfen, dass er Gewalt an Stelle des Rechtes setzen will. Warum ist es denn überhaupt noch völkerrechtlich möglich, dass dies geschehe? Ein »unheilvoller Krieg«, weil »Deutsche gegen Deutsche«. Ganz richtig: es ist schon ein höherer Standpunkt, der über »Preußen« und »Österreich« den weiteren Begriff »Deutschland« erhebt – aber nur noch einen Schritt: und es wäre jene noch höhere Einheit erreicht, in deren Licht jeder Krieg – Menschen gegen Menschen, namentlich civilisierte gegen civilisierte – als unheilvoller Bruderkrieg erscheinen müsste. Und vor den »Richterstuhl der Geschichte« rufen – was nützt das? Die Geschichte, wie sie bisher geschrieben wurde, hat noch niemals anders gerichtet, als dass sie dem Erfolge huldigte. Derjenige, der aus dem Kriege als Sieger hervorgeht, vor dem fällt die historienskribbelnde Gilde in den Staub und preist ihn als den Erfüller einer »Kulturmission«. Und »vor dem Richterstuhl Gottes, des Allmächtigen«? Ja, ist es denn dieser selber nicht, der stets als der Lenker der Schlachten hingestellt wird – geschieht denn mit dem Ausbruch sowohl als mit dem Ausgang jedes Krieges nicht eben dieses Allmächtigen unverrückbarer Wille? O Widerspruch über Widerspruch! Ein solcher muss sich eben überall einstellen, wo unter Phrasen die Wahrheit versteckt werden soll, wo man zwei einander aufhebende Prinzipien – wie Krieg und Gerechtigkeit, wie Völkerhaß und Menschlichkeit, wie Gott der Liebe und Gott der Schlachten – nebeneinander gleich heilig halten will.
»Wir stehen einer Streitmacht gegenüber, die aus zwei Hälften zusammengesetzt ist: Linie und Landwehr. Erstere bilden lauter junge Leute, die, weder an Strapazen und Entbehrungen gewöhnt, niemals eine bedeutende Campagne mitgemacht haben. Letztere besteht aus jetzt unzuverlässigen, mißvergnügten Elementen, die lieber die eigene mißliebige Regierung stürzen, als gegen uns kämpfen möchten. Der Feind hat infolge langer Friedensjahre auch nicht einen einzigen General, der Gelegenheit gehabt hätte, sich auf den Schlachtfeldern heranzubilden. Veteranen von Mincio und Palestro, ich denke, ihr werdet unter euren alten bewährten Führern es euch zur besonderen Ehre rechnen, einem solchen Gegner auch nicht den leisesten Vorteil zu gestatten. Der Feind prahlt seit langer Zeit mit seinem schnellen Kleingewehrfeuer – aber, Leute, ich denke, das soll ihm wenig Nutzen bringen. Wir werden ihm wahrscheinlich keine Zeit dazu lassen, sondern ungesäumt ihm mit Bajonett und Kolben auf den Leib gehen. Sobald mit Gottes Hilfe der Gegner geschlagen und zum Rückzug gezwungen sein wird, werden wir ihn auf dem Fuße verfolgen und ihr werdet in Feindesland euch ausrasten und diejenigen Erholungen im reichlichsten Maße in Anspruch nehmen, die sich eine siegreiche Armee mit vollstem Rechte verdient haben wird.«
Soldaten! Das treulose und bundesbrüchige Österreich hat ohne Kriegserklärung schon seit einiger Zeit die preußischen Grenzen in Oberschlesien nicht respektiert. Ich hätte also ebenfalls ohne Kriegserklärung die böhmische Grenze überschreiten dürfen. Ich habe es nicht getan. Heute habe ich eine betreffende Kundgebung überreichen lassen und heute betreten wir das feindliche Gebiet, um unser eigenes Land zu schonen. Unser Anfang sei mit Gott. (Ist das derselbe Gott, mit dessen Hilfe Benedek versprochen hat, den Feind mittels Bajonett und Kolben zurückzuschlagen? ...) Auf ihn lasst uns unsere Sache stellen, der die Herzen der Menschen lenkt, der die Schicksale der Völker und den Ausgang der Schlachten entscheidet. Wie in der heiligen Schrift geschrieben steht: Lasst eure Herzen zu Gott schlagen und eure Fäuste auf den Feind. In diesem Kriege handelt es sich – ihr wisst es – um Preußens heiligste Güter und um das Fortbestehen unseres teuren Preußens. Der Feind will es ausgesprochenermaßen zerstückeln und erniedrigen. Die Ströme von Blut, welche eure und meine Väter unter Friedrich dem Großen und wir jüngst bei Düppel und auf Alsen vergossen haben, sollten sie umsonst vergossen sein? Nimmermehr! Wir wollen Preußen erhalten wie es ist, und durch Siege kräftiger und mächtiger machen. Wir werden uns unserer Väter würdig zeigen. Wir bauen auf den Gott unserer Väter, der uns gnädig sein und Preußens Waffen segnen möge. Und nun vorwärts mit unserem alten Schlachtruf:
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »»Und eine schlimme Zeit für die Nation,« entgegnete der Professor, »bei welcher solche […] natürlich geistigen Niedergang zur Folge hat.««
4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.
5. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »»Sie zeigten mir doch so viel Vertrauen – in jener […] Nacht, wo Sie an einem Sterbebette wachten. – Wie kommt es, dass Sie jetzt so alles Vertrauen wieder verloren haben?««
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »»Ach, gräfliche Gnaden, nicht alle,« antwortete sie, von neuem in Tränen ausbrechend.«
B: »Zu diesem Zwecke musste ich aber träumen, dass ich die Augen halb offen hielt.«
C: »Ich reichte ihm die Hand – aber konnte kein Wort sprechen.«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Der Aufenthalt in der frischen Landluft würde mich erst […] herstellen können, und auch dem Kleinen förderlich sein.«
9. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Als ich letztere Vermutung meiner Schwester Lilli gegenüber …«
10. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Mit siebzehn Jahren war ich ein recht […] Ding.«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Lies den Abschnittsbeginn: »Mit siebzehn Jahren war ich ein recht überspanntes Ding. Das könnte ich wohl heute nicht mehr wissen, wenn die aufbewahrten Tagebuchblätter nicht wären. Aber darin haben die längst verflüchtigten […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »»Für meinen Sohn Rudolf wurde mir heute auch eine Schachtel Bleisoldaten gebracht – ich werde sie ihm nicht geben. – Doch warum – als der Fritzl zum Friedrich sich entwickelt hatte, warum haben Sie da nicht […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] sagte ein junger Oberlieutenant, »ist das edle Motiv: unterdrückte Rechte unserer Brüder verteidigen. Dass die Preußen mit uns gehen, oder vielmehr wir mit ihnen, das sichert erstens den Sieg und zweitens wird es die nationalen Bande noch […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] erfasst? Wie wäre es denn anders möglich? Die Phrase und die Dichtung lügt darüber hinweg – die durch Phrase und Dichtung künstlich angefachte Begeisterung vermag sogar den Naturtrieb der Selbsterhaltung momentan zu überwinden – aber nur […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] sah der kommenden Unterhaltung mit gemischten Gefühlen leidenschaftlichen Bangens, süßer Ungeduld und – einiger Verlegenheit entgegen. Was ich eigentlich ihm sagen wollte, das wusste ich nicht genau – darüber wollte ich gar nicht nachdenken […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] ebenso süß klänge – auch zwei Silben, in welchen alles lag, was mir das Herz schwellte, und meinen Blick zu ihm erhebend, sagt' ich leise:«
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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
7. Vergleiche diese beiden Stellen: »»Für meinen Sohn Rudolf wurde mir heute auch eine Schachtel Bleisoldaten gebracht – ich werde sie ihm nicht geben. – Doch warum – […]« und »Niemand zweifelte mehr an dem Ausbruch des Krieges. In Wien hatte ich noch vereinzelte Stimmen vernommen, welche meinten, dass die […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
8. Am Abschnittsende steht: »Mit Gott für König und Vaterland. Es lebe der König!« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Mit siebzehn Jahren war ich ein recht überspanntes Ding. Das könnte ich wohl heute nicht mehr wissen, wenn […]« / »Mit Gott für König und Vaterland. Es lebe der König!«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Mit siebzehn Jahren war ich ein recht überspanntes Ding.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Soll ich die Frage beantworten, so werde sie anders formuliert.««. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Und nun vorwärts mit unserem alten Schlachtruf:«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Die Waffen nieder! von Suttner, Bertha von ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).
Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.
Die Waffen nieder!
Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! Eine Lebensgeschichte. 4. Tsd., 2 Bände, Band 1, Dresden und Leipzig: E. Pierson’s Verlag, 1892. Suttner, Bertha von 3- Dresden und Leipzig
Das Werk Die Waffen nieder! von Suttner, Bertha von ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.