Abschnitt 3 von 10
Einleitung. Von der Idee einer Critik der praktiſchen Vernunft.
tigte sich mit Gegenſtaͤnden des bloßen Er-
kenntnißvermoͤgens, und eine Critik derselben, in Ab-
sicht auf diesen Gebrauch, betraf eigentlich nur das
reine Erkenntnißvermoͤgen, weil dieses Verdacht er-
regte, der sich auch hernach beſtaͤttigte, dass es sich leicht-
lich uͤber seine Grenzen, unter unerreichbare Ge-
genstaͤnde, oder gar einander widerstreitende Be-
griffe, verloͤhre. Mit dem practischen Gebrauche der
Vernunft verhaͤlt es sich schon anders. In diesem be-
schaͤfftigt sich die Vernunft mit Bestimmungsgruͤnden
des Willens, welcher ein Vermoͤgen ist, den Vor-
stellungen entsprechende Gegenſtaͤnde entweder hervor-
zubringen, oder doch sich selbst zu Bewirkung dersel-
ben (das physische Vermoͤgen mag nun hinreichend sein,
oder
Einleitung von der Idee
oder nicht) d. i. seine Cauſalitaͤt zu bestimmen. Denn
da kann wenigstens die Vernunft zur Willensbestim-
mung zulangen, und hat so fern immer objective Rea-
litaͤt, als es nur auf das Wollen ankommt. Hier
ist also die erste Frage: ob reine Vernunft zur Be-
stimmung des Willens fuͤr sich allein zulange, oder ob
sie nur als empirisch-bedingte ein Bestimmungs-
grund derselben sein koͤnne. Nun tritt hier ein durch
die Critik der reinen Vernunft gerechtfertigter, ob-
zwar keiner empirischen Darstellung faͤhiger Begriff der
Cauſalitaͤt, nemlich der der Freyheit, ein, und wenn
wir anjetzt Gruͤnde ausfindig machen koͤnnen, zu bewei-
sen, dass diese Eigenschaft dem menschlichen Willen
(und so auch dem Willen aller vernuͤnftigen Weſen)
in der That zukomme, so wird dadurch nicht allein
dargethan, dass reine Vernunft practisch sein koͤnne,
sondern dass sie allein, und nicht die empirisch-be-
schraͤnkte, unbedingterweise practisch sei. Folglich
werden wir nicht eine Critik der reinen practischen,
sondern nur der practischen Vernunft uͤberhaupt,
zu bearbeiten haben. Denn reine Vernunft, wenn al-
lererst dargethan worden, dass es eine solche gebe, be-
darf keiner Critik. Sie ist es, welche selbst die Richt-
schnur zur Critik alles ihres Gebrauchs enthaͤlt. Die
Cri-
einer Critik d. practischen Vernunft.
Critik der practischen Vernunft uͤberhaupt hat also
die Obliegenheit, die empirisch bedingte Vernunft von
der Anmaßung abzuhalten, ausschließungsweise den
Bestimmungsgrund des Willens allein abgeben zu
wollen. Der Gebrauch der reinen Vernunft, wenn,
dass es eine solche gebe, ausgemacht ist, ist allein im-
manent; der empirisch-bedingte, der sich die Allein-
herrschaft anmaßt, ist dagegen transscendent, und
aͤußert sich in Zumuthungen und Geboten, die ganz
uͤber ihr Gebiet hinausgehen, welches gerade das um-
gekehrte Verhaͤltniß von dem ist, was von der reinen
Vernunft im speculativen Gebrauche gesagt werden
konnte.

deren Erkenntnis hier dem practischen Gebrauche zum
Grunde liegt, so wird doch die Eintheilung einer Cri-
tik der practischen Vernunft, dem allgemeinen Abrisse
nach, der der speculativen gemaͤß angeordnet werden
muͤssen. Wir werden also eine Elementarlehre und
Methodenlehre derselben, in jener, als dem ersten
Theile, eine Analytik, als Regel der Wahrheit, und
eine Dialectik, als Darstellung und Aufloͤsung des
Scheins in Urteilen der practischen Vernunft haben
muͤssen. Allein die Ordnung in der Unterabtheilung
der
Einleitung von der Idee einer Critik etc.
der Analytik wird wiederum das Umgewandte von der
in der Critik der reinen speculativen Vernunft sein.
Denn in der gegenwaͤrtigen werden wir von Grund-
saͤtzen anfangend zu Begriffen und von diesen aller-
erst, wo moͤglich, zu den Sinnen gehen; da wir hin-
gegen bei der speculativen Vernunft von den Sinnen
anfingen, und bey den Grundſaͤtzen endigen mussten.
Hievon liegt der Grund nun wiederum darin: dass
wir es jetzt mit einem Willen zu tun haben, und die
Vernunft nicht im Verhaͤltniß auf Gegenſtaͤnde, son-
den auf diesen Willen und dessen Cauſalitaͤt zu erwaͤ-
gen haben, da denn die Grundſaͤtze der empirisch un-
bedingten Cauſalitaͤt den Anfang machen muͤssen,
nach welchem der Versuch gemacht werden kann, un-
sere Begriffe von dem Bestimmungsgrunde eines sol-
chen Willens, ihrer Anwendung auf Gegenſtaͤnde,
zuletzt auf das Subject und dessen Sinnlichkeit, aller-
erst festzusetzen. Das Gesetz der Cauſalitaͤt aus
Freyheit, d. i. irgend ein reiner practischer Grundsatz,
macht hier unvermeidlich den Anfang, und bestimmt
die Gegenſtaͤnde, worauf er allein bezogen werden
kann.

