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Buch - Alte Nester - Raabe, Wilhelm

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Originalwerk · Lesefassung

Alte Nester

Raabe, Wilhelm · 1877–1878

Alte Nester von Raabe, Wilhelm. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

RomanKlasse 9–10 · 11–134 Abschnitte
Porträt von Raabe, Wilhelm; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Porträt · Raabe, Wilhelm · Wilhelm Immenkamp (1870–1931) · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 3 von 4

Erstes Buch

1
Erstes Kapitel
Vorlage S. 6
2
Eine Blume, die sich erschließt, macht keinen Lärm dabei; auch das, was man von der Aloe in dieser Beziehung behauptet, halte ich für eine Fabel. Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit, das wahre Glück; und das echte Heldentum. Unbemerkt kommt alles, was Dauer haben wird in dieser wechselnden lärmvollen Welt voll falschen Heldentums, falschen Glückes und unechter Schönheit; und es ist kein eitles, sich überhebendes Wort, was ich hier zu Anfang dieser Blätter hinsetze; denn es sind die Lebensgeschichten anderer Leute, die ich beschreiben will, nicht meine eigenen. Das Heldentum und die Schönheit der Rolle, die ich dabei abspiele, lassen sich wohl halten in der hohlen Hand. Aber eines ist auch wahr und darf gesagt werden Glück, viel Glück habe ich wohl nicht gehabt, aber doch dann und wann mein Behagen, meine Belustigung und meine Ergötzlichkeiten; und das alles ist gleichfalls ganz natürlich und ziemlich unbemerkt gekommen und gegangen – so dass es heute in den gegenwärtigen stillen, nachdenklichen, überlegenden Stunden nichts Erstaunenswürdigeres für mich gibt als mein unleugbar vorhandenes Wohlgefallen nicht nur an der Welt, sondern auch immer noch an mir.
Vorlage S. 6
3
Mein erstes Aufblicken in dieser Welt fällt in die Zeit der Gründung des Deutschen Zollvereins, also in den Anfang der vierziger Jahre dieses Säkulums. Wer eine Ahnung davon hatte, dass aus dieser anfangs etwas unbequemen und vielbestrittenen Institution einmal das einige Deutsche Reich aufwachsen könne, behielt dieselbe ruhig für sich, und eine kleine Ausnahme machte da vielleicht nur ein kleiner Mann im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten in Paris, M. Louis-Adolphe Thiers genannt. Das deutsche Volk ließ sich murrend, wenn auch nach seiner Art gutwillig die ersten Lebensbedürfnisse und vor allem das Salz durch den segensreichen politischen Schachzug verteuern.
Vorlage S. 6
4
Da war nun so ein Stätlein (auf die Landkarte bitte ich dabei nicht zu sehen), das diesem »preußischen Verein« beigetreten war, aber seine Planetenstelle nicht verändern konnte, sondern liegenbleiben musste, wo es lag, nämlich ganz und gar umgehen von einem anderen Staat, der nicht »beigetreten« war, und das junge Reichsvolk von heute hat gottlob keine Idee davon, was das seinerzeit bedeutete, obgleich es eigentlich noch gar so lange nicht her ist. Zog der eine deutsche Bruder seinen Grenzkordon, so zog ihn der andere ebenfalls. Dass wir im ganzen das Deutsche Volk und der erlauchte Deutsche Bund dabei blieben, konnte den Zeitungsleser nur mäßig erquicken und ihn höchstens ganz kosmopolitisch in seiner Selbstachtung über dem Wasser erhalten.
Vorlage S. 7
5
Die Hauptsache für mich, auch heute noch, ist, dass das, was damals von zivilversorgungsberechtigten Militärpersonen vorhanden war, fest darauf rechnen durfte, »unter die Steuer gesteckt zu werden«, und dass mein braver, seliger Vater mit dem Titel Herr Kontrolleur natürlich gleichfalls hineinfiel und meine Mutter ebenso selbstverständlich mit ihm. Meine erste deutliche Lebenserinnerung aber ist, dass ich von einem Wagen gehoben und in ein Haus getragen wurde, das mir aus einem einzigen großmächtigen, kindlich-ungeheuerlichen schwarzen Scheunenflur, einer Rauchwolke unter der Decke und zwei Reihen Kuhkrippen nebst den dazugehörigen heraäugigen, hauptschüttelnden, kettenrasselnden gekrönten Herrschaften zu bestehen schien.
Vorlage S. 7
6
Dem war jedoch nicht ganz so. Es fanden sich in dem unteren Raume dieses Hauses noch zwei oder drei Gemächer, die den zu dem Feuerherde und den Haustieren gehörigen Menschen zu allerlei Gebrauche dienten; und eine leiterartige, steile Stiege führte sogar in ein oberes Stockwerk, wenigstens in der Front des Gebäudes, empor – in unsere Wohnung, die einzige, die meinen Eltern bei ihrer Versetzung in dieses Gebirgsstädtchen offengestanden hatte. Dicht an unsere Wohnung stieß der Heuboden, und wir hatten deshalb mit Feuer und Licht sehr vorsichtig umzugehen, was wir denn auch taten, und vorzüglich ich, dem alles unnötige Spiel damit mehrfach in schlagender Weise verleidet wurde.
Vorlage S. 7
7
Mein Vater, der reitende Steuerkontrolleur Hermann Langreuter, trug einen Säbel und eine Uniform, die mir heute in der Erinnerung den Eindruck von Grünblau und Blau und vielen gelben Metallknöpfen mit dem Landeswappen macht. Was den Anzug meiner Mutter betrifft, so halte ich es hell in dem Gedächtnis fest, dass sie stets in hellen Kleidern ging – bis zu dem Ereignis, das sie für immer in Schwarz und Grau warf.
Vorlage S. 8
8
Die Salzschmuggler haben mir nämlich meinen Vater erschossen. Um einen Sack voll Salz musste er damals sein Leben im Walde auf der lächerlichen Grenze lassen. Ich aber habe wahrlich später keine Verlustliste, die um des deutschen Volkes Einheit ausgegeben wurde, gelesen, ohne an den alten Griesgram auf seinem Felde der Ehre wehmütig und kopfschüttelnd zu denken. Der Donner der tausend Kanonen in den großen Siegesschlachten der Gegenwart hat die Schüsse, die seinerzeit hinüber und herüber gewechselt wurden, nicht übertönen können. Gottlob ist es heute nur höchstens ein Drittel der Nation, das sich jenes brüderliche Nachbargeplänkel zurückwünscht, was in Anbetracht des Nationalcharakters merkwürdig wenig ist, zumal wenn man noch die sehr verschiedenartigen Gründe, aus denen jener Wunsch aufwächst, in Betracht und in Rechnung zieht.
Vorlage S. 8
9
Auch aus diesem letzten politisch-historischen Exkurs wird meinem Leser einleuchtend hervorgehen, dass der schöne Sommermorgen, an dem uns die schlimme Nachricht über den Vater gebracht wurde, ziemlich weit zurückliegt. So ist es; es ist viel mehr als ein Menschenalter seit dem Tage hingegangen, und ich kann dreist die objektivsten Bemerkungen an ihn anknüpfen.
Vorlage S. 8
10
Dessenungeachtet liegt jener Tag und alle seine Stimmungen heute schier klarer vor meiner Seele als der gestrige, an dem es mir zuerst einfiel, mir selbst einmal schriftlich von mir selber und dem, was dazu gehört, Rechenschaft zu geben.
Vorlage S. 8
11
Dass der Sommermorgen schön war, sage ich, weil ich heute noch sein Licht, seine Wärme, seinen Landstraßenstaub und seinen Waldduft in mir und um mich spüre. Wir aber, meine Mutter und ich, sind um Sonnenaufgang mit der schrecklichen Nachricht geweckt worden, kurz vor dem längsten Tage.
Vorlage S. 8
12
Ich saß aufrecht in meinem kleinen Bette, und meine Mutter hielt mich und hielt sich an mir. Da erscholl das ewige, jedenfalls Jahrhunderte alte Leibstücklein des Kuhhirten in der Gasse des Ackerstädtchens. Die Sonne schien mir auf die Bettdecke, unten im Hause brüllten die Kühe. Meine Mutter war in einem Weinkrampf, und die Hausgenossenschaft und ein paar Nachbarinnen und ein alter eisgrauer Kamerad und Steuerkollege meines Vaters waren auch in der Kammer, und die Stube nebenan war voll von Menschen. Unter den Leuten in der Stube aber befand sich ein Mann in einer fremden Uniform, wie es mir schien. Das war aber die Livree derer von Everstein, die ich nachher sehr genau kennengelernt habe.
Vorlage S. 9
13
Der Herr Graf hatte den Diener mit dem Eberkopfe auf den Rockknöpfen an meine Mutter geschickt und seinen Wagen dazu. Mein toter Vater lag auf dem Hause Werden, dem Wohnsitze des Herrn Grafen, und ich hörte, wie der alte Kamerad des Vaters zu meiner Mutter sagte:
Vorlage S. 9
14
»Frau Steuerkontrolleurin, liebe Frau, Sie müssen es ja leider Gottes, also fassen Sie sich! Sehen Sie doch mal an, gefasst mussten Sie ja immer im Grunde auf so was sein. Wie wäre es denn nun gewesen, wenn uns der liebe Herrgott während unserer Militärdienstzeit einen guten, braven Krieg beschert hätte? Eben vielleicht nicht anders als jetzt; nur wäre es vielleicht dann noch früher eingetroffen, und das wäre denn noch viel betrübter für Sie gewesen. Nicht wahr? Sie sind doch nun gottlob eine Soldatenfrau, und Ihren Jungen haben Sie ja da auch noch, und er nimmt sich gewiss in dieser ernsthaften Stunde ein Beispiel an seinem lieben Vater und macht es ihm in allen Dingen nach. Nicht wahr, Fritz, das versprichst du uns?«
Vorlage S. 9
15
»Ja, ja!« heulte ich, ohne im geringsten zu wissen, was alles ich hier versprach; aber ich fühlte, wie meine Mutter mich fester fasste und heftiger mich an sich drückte, als werde sie mich nie mehr aus ihren lieben schützenden Armen loslassen:
Vorlage S. 9
16
»Fritz, du bleibst bei mir! Du gehst nie von mir!«
Vorlage S. 9
17
»Ja, Mutter, ich fahre mit, ich darf mit ausfahren zum Vater! Nicht wahr, und ich darf auf des Vaters Braunem nach Hause reiten?«
Vorlage S. 10
18
»Der Wagen hält schon seit einer Stunde vor der Tür«, sagte der alte Kamerad. »Und es ist doch auch recht freundlich von der Herrschaft auf Schloß Werden, dass sie ihre eigene Equipage schickt. Von Amts wegen sind wir schon längst zu Pferde hinaus; da wird nicht das geringste verabsäumt werden, was Ihnen zum Trost gereichen kann, Frau. Und jetzt kommen Sie; – die Nachbarinnen ziehen Ihnen den Jungen an, und dann fahren wir langsam nach. Es geht ja alles im menschlichen Leben hin und eins in das andere. Erinnern Sie sich nur recht genau an alles, was Sie mir so gut und brav zum Troste sagten, als ich so bei meiner seligen Frau saß und sie dalag. Sie wissen ja also alles Beste, was Ihnen einer jetzt sagen kann, schon von selber. Fritze, du kannst mitfahren.«
Vorlage S. 10
19
Zweites Kapitel
Vorlage S. 10
20
Was für eine Magie liegt selbst für die Erwachsenen in dem sich drehenden Rad! Fahren!... Ausfahren! Fahren durch einen frischen, sonnigen Sommermorgen in die weite, weite Welt hinein! Gibt es ein glückseligeres Fieber als das, was bei diesem Worte und dieser Vorstellung das Kind ergreift und ihm in erwartungsvoller Wonne fast den Atem benimmt?
Vorlage S. 10
21
Ich war an jenem schrecklichen Morgen ungefähr fünf oder sechs Jahre alt; aber wie deutlich steht er mir noch vor der Seele! Mit allen seinen Einzelheiten! Da war das hastige Ankleiden, bei dem ein Dutzend aufgeregte Hände helfen wollten. Da war das Geflüster rundum und dazwischen das stille Weinen und laute Schluchzen der Mutter, von Zeit zu Zeit ein neues Gesicht, das sich in die Tür schob und in einem Winkel sich »des genaueren« berichten ließ. Dazwischen immer wieder von neuem die braven, guten Worte des alten Kameraden und Kollegen und dann – das Peitschenknallen des Kutschers in der Gasse, das allmählich immer mehr von steigender Ungeduld zeugte.
Vorlage S. 10
22
Und dann waren wir auf der Treppe und dann in der Gasse, und die Gasse rund um die gräfliche Kutsche war auch voll Menschen, die sich verhältnismäßig still verhielten, aber desto mehr und dichter sich im Kreis herandrängten und, wie mir schien, sämtlich nur allzugern mitgefahren wären in die Weite hinaus und nach Schloß Werden.
Vorlage S. 11
23
Und die Mutter bekümmerte sich nun gar nicht mehr um mich. Ich hielt mich an ihrem Rocke, sie aber ließ sich starr, stumm und willenlos führen, und ich fürchtete mich vor ihren Augen, mit denen sie gar nichts mehr sah, selbst mich nicht. Ich aber sah auch nur beiläufig auf sie; denn der hellblaue Kutscher sah auf mich, und er hatte zwei Braune vor seinem Wagen.
Vorlage S. 11
24
Das holperige Pflaster der einzigen Hauptstraße des Städtchens – aus dem Tor, an den Gärten hin auf die Landstraße; – ich neben der Mutter im Rücksitz des Wagens, und des Vaters Kamerad und Kollege uns gegenüber! Da ist die Mühle, wo sich das Wasser aus ziemlicher Höhe auf das Rad stürzt und mir mit seinem ewigen Brausen und weißen Schäumen und eiligen Weitertosen im Bach immer einen so wonnigen Schauder einjagt. Da ist die Gänseweide, unser Hauptspielplatz; Schulkinder mit ihren Schiefertafeln und Abc-Büchern stehen am Rande des Grabens und starren uns an und sind im nächsten Augenblick zurückgeblieben, während ich weiterfahre. Auf der weißen Landstraße liegt die Sonne schon ziemlich heiß; – was wohl der Steinklopfer denkt, der uns auch nach sieht? Was er wohl denkt über unseren Kutscher in dem hellblauen Rock und mit dem Silberstreifen um den Hut? Und über den anderen Mann vor uns auf dem Bocke, auch in Hellblau und Silber?! Ich sehe um die Schultern der beiden Leute von Schloß Werden auf die im Traben sich hebenden und senkenden Pferdeköpfe und die schwarzen Mähnen. Wer doch das alles immer so vor sich haben könnte und vorbeifahren immerzu an den Menschen und Bäumen, Zäunen und Hecken immer, auch wenn die Sonne noch heißer scheinen sollte!... Ich stehe auf, um in die zurückbleibenden weißen Staubwolken hineinzusehen. Meine Mutter zieht mich wieder auf den Sitz, und wir fahren in das Freie, Klare, Frische hinein.
Vorlage S. 11
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»Bald sind wir glücklicherweise im Schatten«, sagte der Kamerad. Seine Säbelscheide wird heiß; ich habe den Finger darauf gelegt, weil die Sonne auch auf ihr blitzt und blinkert – zu verlockend, um nicht auch da von ihrem Glanze verlockt zu werden. Es ist acht Uhr am neuen Tage – auch das bemerkt der Kamerad, seine Uhr hervorziehend.
Vorlage S. 12
26
»Nun sehen Sie einmal, liebe Frau, wie es doch immer viel später wird, als man denkt, wenn man es auch noch so eilig haben will. Da sind wir aber gottlob wenigstens endlich im Walde und im Schatten.«
Vorlage S. 12
27
Ja, wir fuhren jetzt im Walde, und es gab nichts Schöneres als ihn an diesem Morgen. Die Buchen streckten ihre Zweige zu einem grünen Dache über uns hin. Wasserläufe rieselten hervor und begleiteten uns stellenweise. Dann und wann sah man hinein in ein Tal, und dann wieder trat der rote Sandstein bis dicht an den Weg hinan, und die Grillen schrillten in dem Spalte des heißen Gesteines, und nie in ihrem glücklichen Dasein und Weiterweilen gestörte Blumen – gelb und blau – sahen uns vorüberfahren.
Vorlage S. 12
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Doch uns drohte nun in all der Pracht, Lieblichkeit und Schönheit ein Schreckliches.
Vorlage S. 12
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Ein leises Klirren kam heran an einer Wendung der Chaussee und dazu Pferdehufschlag und eine andere Staubwolke. Zwei gefesselte Männer wurden inmitten dieser Staubwolke und zwischen den Pferden der begleitenden Landreiter geführt. Der Kamerad des toten Vaters zog seinen Säbel an sich und trat mit dem Fuß auf und sprach einen Fluch. Die Mutter aber richtete sich empor und bog sich vor und starrte auf die gebundenen zwei Männer aus ihren verweinten Augen:
Vorlage S. 12
30
»Die...?!«
Vorlage S. 12
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»Da könnte man lernen, was es heißen muss, im Ernst einhauen!« sagte leise der Kamerad, und er hatte die Hand auf den Wagenschlag gelegt und rüttelte daran. Die beiden Leute auf dem Bocke aber sahen auch zur Seite und dann auf meine Mutter und mich, und dann schlug der Kutscher plötzlich auf die Pferde, und vorüber ging das auch in Staubwolken, Sonnenlicht und Waldschatten. Im raschesten Trabe gingen die Gäule weiter, obgleich der Weg sich eben bergan zog.
Vorlage S. 12
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Es ist ein sehr angenehmes Waldgebirge, durch welches damals die Grenze gegen den Nachbarstaat, der das deutsche Salz in anderer Weise als wir besteuerte, sich zog. Eine Grenze ist dort auch heute noch vorhanden, aber jener Staat nicht mehr; doch davon ist jetzt nicht die Rede, sondern von der Gegend – der Landschaft überhaupt. Forsten und Steinbrüche überwiegen; das Ackerland lässt manches zu wünschen übrig; doch es ist in den Händen der Bauern und Kleinbürger, und das ist immer viel wert. Nur einige große Landesdomänen bilden zusammenhängendere Komplexe, und zwei oder drei Rittergüter mit alten Geschlechtern darauf haben gleichfalls ihr größer Teil vom alten Erbe Adams festgehalten. Schloß Werden hatte in dieser Hinsicht den weitesten Besitz aufzuweisen, freilich aber auch, vom trefflichen Walde abgesehen, den steinigsten und unfruchtbarsten. Der Zweig der alten Familie, die es bewohnte, stammte von einem Bergschlosse, fünfzehn Meilen weiter nach Norden im Lande gelegen und durch viele andere bunte Grenzpfähle von dem Absenker getrennt, dazu auch nur als Ruine, zu der es schon, wenn wir nicht irren, im Jahre der Entdeckung Amerikas mit Aufwendung aller damaligen kriegerischen Ingenieurkünste gemacht wurde.
Vorlage S. 13
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In Wien sitzen Fürsten zu Everstein, in München Freiherren desselbigen Namens, und hier in diesem Waldgebirge, verschollen wie Amerika nach der Entdeckung durch die Chinesen oder die Norweger, oder wer es sonst zuerst aufgefunden haben soll, Herr Friedrich Graf Everstein mit einer einzigen Tochter, Komtesse Irene; und sonderbare Geschichten und Gerüchte gingen über den Herrn und seinen Haushalt im Lande herum. Je genauer man aber darauf hinhörte, desto weniger wirklich Genaues hat man darüber erfahren, außer dass »von Anfang an wenig dort zu suchen und noch weniger zu finden« war. Ein Verbrechen ist das gerade nicht, doch angenehm und behaglich ist's auch nicht. So sagten wenigstens die Leute später.
Vorlage S. 13
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Noch eine Stunde hatten wir durch den Buchenwald zu fahren, dann kamen wir an einen sumpfigen Graben voll Riedgras und Binsen. Ein altersgrauer Grenzstein stand, halb versunken, dicht an der Chaussee. Um ihn herum war das Gras niedergetreten wie von vielen Füßen. Unser grauschnauzbärtiger Begleiter schob die Schultern plötzlich hin und her und sah grimmig verlegen auf den Platz hin und legte dann meiner Mutter die Hand auf das Knie und sah dann meine Mutter an, indem er sich mit den Knöcheln der anderen Hand die Stirn rieb.
Vorlage S. 14
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»Ich weiß nicht, ob es recht von mir ist, Frau, aber ich – der Junge – mag sich wohl einmal daran erinnern wollen. Da!«
Vorlage S. 14
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»Da hat man ihn gefunden!... Gemordet!... Mir und unserem armen Kinde in seinem Blute!« schrie meine Mutter, und –
Vorlage S. 14
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»Ja!« sagte der alte Kamerad. »Zum Henker, Kutscher, fahr zu!«
Vorlage S. 14
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Das kam wohl schroff und hart heraus, aber doch aus dem weichsten, teilnehmendsten Gemüte. Und es war auch in der Tat wohl sehr gut, dass der Kutscher wirklich rasch zufuhr. Es war wohl besser, die Frau sanft um den Leib zu fassen und sie zurückzuhalten, als sie blind nach dem Griff des Wagenschlages fasste, um sich hinaus und auf die schreckliche Stätte zu stürzen. Der Tau hing im Schatten noch überall an Gras, Blumen und Blättern; aber da – unterm Erlenbusch – da, wo der Boden am meisten zerstampft war, mochte wohl noch ein anderer Tau an den Gräsern und dem niedergetretenen Gezweige hängen.
Vorlage S. 14
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Beiläufig, es erregt ganz eigentümliche Gefühle, wenn man sich heute nach so langen Jahren erinnert, damals, wenn auch nicht auf der schweren Fahrt, ein Wort aufgeschnappt zu haben, dahin lautend, dass »der Alte in der Tat merkwürdig viel Blut verloren habe«!
Vorlage S. 14
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Fünf Minuten weiter von der furchtbaren Stelle entfernt zweigte sich ein Fahrweg von der Landstraße ab, quer über Wiesen. Da bog auch unser Wagen ein. Jenseits der Wiesen, über dichte Lindenwipfel und andere parkähnliche Baum- und Buschgruppen, erhoben sich die blauschwarzen Schieferdächer und die beiden altersgrauen Ecktürme von Schloß Werden.
Vorlage S. 14
41
Ein Pfahl am Wege verbot hier das Fahren und Reiten.
Vorlage S. 15
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»Sonst fährt hier nur die Herrschaft«, erklärte der Kamerad und Steuerkollege; und es war freilich für uns eine bittere Ausnahmswegegelegenheit! Ich hörte das Wort; aber nach dem Fahren hätte ich in diesem Augenblick wenig gefragt, wenn ich zu allem anderen freie Verfügung über die sonnige grüne Fläche gehabt hätte.
Vorlage S. 15
43
Die große Wiese stand in der vollsten, buntesten Pracht ihrer sommerlichen Schönheit. Es schrillte tausendstimmig über ihr; die Schmetterlinge, Käfer und Mücken flatterten und tanzten, es tanzte die heiße Luft über ihr. Wir aber, wir fuhren weiter diesmal – die Kinderjagd nach den Farben und den Tönen des Sommers sollte mir diesmal noch nicht erlaubt sein; – wir fuhren an einem Teil der hohen Hecke des Parkes entlang und dann an einer noch höheren Mauer hin bis zu einem alten, aber immer noch festen und stattlichen Eingangstor, über dessen beiden Pfeilern zwei greifenartige Wappentiere auf Steinschilden in ihren Tatzen das Wappen mit dem Eberkopf der Morgensonne hinhielten.
Vorlage S. 15
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Der Wagen rasselte auf einen weiten, stillen Hof an ein langgedehntes graues Gebäude heran und dicht an eine breite Steintreppe, die hier zu einer großen offenen Tür führte, sich aber an der ganzen Fronte dieses Hauptflügels des Schlosses Werden hinzog.
Vorlage S. 15
45
Der Diener sprang vom Bock und öffnete den Schlag, ein anderer älterer Mann in derselben Livree kam heran und nannte meine Mutter seltsamerweise »gnädige Frau« und fügte ganz leise hinzu:
Vorlage S. 15
46
»Belieben auszusteigen.«
Vorlage S. 15
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Auf den stummen Jammerblick und die hastige Frage der armen Frau aber hob er nur die Achseln und sagte:
Vorlage S. 15
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»Da sind der Herr Graf schon selber... Ach ja, es geht – den Umständen nach!«
Vorlage S. 15
49
Das letztere Wort bezog sich wohl auf meinen Vater und hieß soviel als: »Noch lebt er wohl, Frau reitende Steuerkontrolleurin, aber – wie lange?!«
Vorlage S. 15
50
Es ist ein nicht mehr ganz junger Mann gewesen, der uns aus der Pforte und an der Auffahrt entgegentrat und den Namen Graf Friedrich Everstein führte. Er hat manches Auffällige in seiner Erscheinung an sich getragen, mir aber ist nichts, aus jener Stunde wenigstens, davon bewusst. Nur sprach er so leise wie sonst niemand von allen anderen Menschen in meiner Umgebung.
Vorlage S. 16
51
Drittes Kapitel
Vorlage S. 16
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Leise sagte er etwas zu meiner Mutter, und dann bot er ihr den Arm. Wir wurden durch die weite, kühle, mit Hirschkronen, alten Blumen-, Frucht- und Jagdstücken gezierte Halle geführt bis zu einer dunkeln Tür. Der ältere Diener öffnete diese Tür, und wir standen in dem Sterbezimmer meines Vaters. Mich hatten der plötzliche Übergang aus dem heißen Sonnentage in diese Kühle, die ganz veränderte Umgebung, die fremden Gesichter vollständig betäubt. Ich ging, den Rock meiner Mutter haltend, wie zu unserem Platz in der Kirche – es waren ganz die nämlichen Gefühle in Bangen, Frösteln, Unbehagen und – Behagen.
Vorlage S. 16
53
Ich erinnere mich auch hier noch der Äußerlichkeiten: der braunen Täfelung dieses Gartensaales, des Grüns, das aus dem sonnigen Garten in die beiden hohen Bogenfenster hineinsah, der offenen Glastür, die zu den Gebüschen und Blumenbeeten führte, und des Pfaus, der wie neugierig in dieser Tür stand und seinen schönen Schweif gravitätisch langsam im Kreis über den feinen Kies zog. Wir haben nachher diesen Ort zu allen Jahreszeiten als Spielplatz gern gehabt, und es hat mich wenig gekümmert, dass man einst meinen sterbenden Vater dahin als in das nächst und bequemst gelegene Gemach bettete.
Vorlage S. 16
54
An jenem Morgen waren viele Leute darin, und wahrscheinlich darunter auch ein Arzt. Meine Mutter warf sich jammernd über das Lager, und ich stand einen Augenblick wie allein unter den vielen Fremden.
Vorlage S. 16
55
Es war der Herr Graf, der mich an der Hand nahm und mich gleichfalls zu dem Bette hinführte. Die Mutter lag da bewusstlos, und der Vater war tot.
Vorlage S. 17
56
Das letztere Wort wurde im Kreise umhergeflüstert; ich aber weiß nunmehr von jenem Tage nur noch, dass ich in ein anderes Zimmer geführt wurde und daselbst mit Irene, Komtesse Everstein, Milch trank und Weißbrot aß. Alles andere ist dämmerig, unbestimmt, dunkel – ist nichts. Es war mein Recht, durstig, hungrig und schläfrig zu sein von der Fahrt durch den heißen Sommermorgen; nachher sehe ich mich wieder um in meiner Umgebung und – sie ist eine andere geworden, als sie war. Und hier ist die Stelle, ein weniges mehr von meiner Mutter zu reden, und wie sie in eine hohe Verwandtschaft gehörte und das Recht dazu von Gottes Gnaden besaß und aufweisen konnte.
Vorlage S. 17
57
Den gottlob kaum erwähnenswerten Ansatz von Buckel, den mir das Schicksal zwischen die Schultern und, wie einige wissen wollen, in bedeutend höherem Grade auch auf die Seele gelegt hat, habe ich gewißlich nicht von ihr. Schlank, zart, scheu-mutig steht sie mir vor der Erinnerung, und ein Licht geht von ihr aus, das von keiner Dunkelheit und noch viel weniger von einem anderen Licht in der Welt überwältigt werden kann. Sie trägt ihre Freuden wie ihre bittersten, schwersten Schmerzen still und so, dem Schein nach, leicht. Ihr wurde alles zu einem Kranze, und woher sie ihre Bildung hatte, das bleibt ein Rätsel, und sie selber wusste vielleicht am allerwenigsten Rechenschaft darüber abzulegen. In der »Mädchenschule« einer kleinen Provinzialstadt hatte sie im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts Lesen, Schreiben, Rechnen und – Singen gelernt, das war alles; aber wenn wo die ersten neun Worte, mit denen ich diesen meinen Lebensbericht eröffnet habe, zur Geltung kommen, so war das bei ihr der Fall. Sie ist dagewesen wie das große Kunstwerk von Gottes Gnaden; sie ist vorübergegangen. Sie sind alle bei ihr wie bei ihresgleichen gewesen; sie haben keine Ahnung davon gehabt, dass dem nicht so war; ihr ist es nie in den Sinn gekommen, sie zu enttäuschen; denn sie hatte ja eigentlich auch keine Ahnung davon.
Vorlage S. 17
58
Ich bin fest überzeugt, sie hat einen argen Schrecken bekommen, als der Herr Graf sagte:
Vorlage S. 18
59
»Meine verehrte Frau, Sie sind die Dame, die mir für die Erziehung meines armen Kindes in seiner jetzigen Lebensepoche gefehlt hat und die ich seit langem vergeblich gesucht habe. Bleiben Sie bei uns. Betrachten Sie sich als zu diesem Hause gehörig. Sie erziehen meine Tochter, und ich nehme die Erziehung Ihres Sohnes nach besten Kräften über mich. Wir haben einen recht gelehrten Pfarrer im Dorfe, der wird das Seinige dazugeben. Ist der Junge für das Gymnasium herangewachsen, so wird sich ja wohl auch das Weitere finden. Lassen Sie uns einander gegenseitig aushelfen, da uns das Schicksal in dieser Weise zusammengeführt hat. Sie wissen nicht, wie hülflos ich in hundert Beziehungen bin.«
Vorlage S. 18
60
Nun war auch meine Mutter, wie sich das ja eigentlich von selber verstand, fast nach allen Richtungen und in allen Beziehungen hülflos. Außerdem aber, wie es sich baldigst herausstellte, für ihren und meinen Unterhalt nach dem Tode des Vaters auf eine Pension von sechzig Talern angewiesen, sonst aber auf ihrer Hände Arbeit.
Vorlage S. 18
61
»Was soll ich Ihrem Kinde geben können?« fragte sie in heftiger Aufregung; aber der Herr Graf hat gelächelt, wenn auch sehr melancholisch. Er hat es sehr genau gewusst, was die arme Frau aus ihrem Reichtum zu geben hatte.
Vorlage S. 18
62
Wir, das heißt meine Mutter und ich, siedelten im Laufe desselben Sommers nach Schloß Werden über. Der Herr Graf hatte sich aber nicht geirrt: wenn die Leute, die man in der Ferne aufsucht, sich stets in die Leute verwandeln, die man rundum in der nächsten Nachbarschaft wohnen hat, so ist das für seine Tochter und für ihn selber in Hinsicht auf die Witwe des reitenden Steuerkontrolleurs Langreuter nicht der Fall gewesen. Und ich – ich, wenn ich in die Sonne sehen will, so hebe ich nicht das Auge zu dem öden brennenden Stern auf, sondern denke mich in jene Tage und Jahre zurück, die da folgten.
Vorlage S. 18
63
Viertes Kapitel
Vorlage S. 19
64
Ich bin im Verlaufe der Tage in des Lebens Ernüchterungen wie andere tief genug hineingeraten, aber meine in Blau, Silber, Grün, Gold und Purpur schimmernden Märchenjahre habe ich auch gehabt. Hier beginnen sie und verwandeln mir auch den heutigen Tag in sein vollständiges Gegenteil. Dass ich ein poetisch Gemüt sei, das hat nachher wohl niemand von mir behauptet (ich habe wenigstens alles dahin Einschlägige vorsichtig und fest für mich selber behalten), aber damals war doch manches Gedicht – echte Naturdichtung – in mir und um mich, und alles Heimweh – die Quelle aller Poesie –, das ich in leereren Tagen gefühlt habe, stammt aus dieser Zeit und geht dahin.
Vorlage S. 19
65
Wir grübeln viel, wir gebildeten, klug, das heißt dumm gewordenen Menschen, über den Schein in dieser Welt, der sich den Anschein des Wesens gibt; ach, wenn er nur schön war, dieser Schein, wer möchte ihn missen wollen aus seinen Tagen? Wer möchte nicht dumm, das heißt klug gewesen sein, wenn auch nur in den Tagen, da er noch jung war?!...
Vorlage S. 19
66
Ich bin natürlich zuerst nur mit in den Kauf genommen worden auf Schloß Werden. Ich kam als ein Appendix meiner Mutter dahin; und es war mir ganz recht so, und es war gut so; es war alles ganz vortrefflich. Die Welt am siebenten Schöpfungstage konnte unserem Herrgott nicht um das mindeste besser gefallen; das Behagen des einen wäre hier freilich ohne die Seligkeit des anderen gar nicht möglich gewesen!
Vorlage S. 19
67
»Gib mir deine Hand, Junge; ich will dir alles zeigen, was ich habe«, sagte Komtesse Irene Everstein. »Du kommst aus der weiten Welt, und ich bin hier immer bei Papa gewesen. Mach dich aber nicht mausig; Ewald wird dich sonst durchprügeln, wenn Eva nicht dabei ist.«
Vorlage S. 19
68
Ich habe erst später, als wir »in das Griechische kamen« erfahren, dass der Name Irene eigentlich Friede oder die Friedliche bedeutet; aber Namen und Sachen, Worte und Begriffe passen nicht zu jeder Zeit aufeinander. Es ginge so sonst ja wohl auch ein wenig zu glatt ab in dieser doch einmal auf das Rauhe gestellten Welt.
Vorlage S. 19
69
»Weißt du, Junge«, sagte das Kind »ich bin die Prinzessin aus dem Bilderbuche, ich bin die Fee, ich zaubere. Wenn du nicht artig bist, so verwandle ich dich in einen schnurrenden buckeligen Kater. Wenn du aber Ewald was davon sagst, so prügele ich selber dich, denn ich will nicht, dass Ewald über mich lacht. Mein Vater lacht niemals über mich, oh, und ich will genau aufpassen, was deine Mutter tut, wenn sie aufgehört hat zu weinen. Aber deine Mutter ist gut, und so kannst du auch gut sein. Du kannst ja auch mit Eva gehen, wenn Ewald und ich dir nicht gefallen.«
Vorlage S. 20
70
Der trübe Tag vermag nichts dagegen; die Namen, die hier zum erstenmal auftauchen, liegen doch im ewigen Sonnenschein, und andere werden dazukommen; wartet es nur ab, dass die Nebel sinken; man sieht auch von der besten Aussichtsstelle nicht an jedwedem Tage, den Gott gibt, die Höhen über den Tälern leuchten vom Großglockner bis zum Monte Rosa.
Vorlage S. 20
71
Es sind die beiden Kinder des Försters Sixtus im Dorfe Werden, von denen die Rede ist. Von dem Papst Sixtus dem Fünften stammte der alte Herr in Grün nicht ab; aber der Zufall hatte ein altes Buch in seinen Besitz gebracht: »Leben des berühmten Papsts Sixti V., beschrieben durch Gregorio Leti. Aus dem Italienischen übersetzt. Frankfurt, bei Thomas Fritschen, 1720«; und darauf hat oft seine brave schwere Hand, zur Faust geballt, gelegen, und heute klingt mir noch der Brummseufzer in den Ohren:
Vorlage S. 20
72
»Das war ein Kerl, Fritze! Alle Hagel, der ist ja gerade so mit seiner Satansbande umgesprungen wie der Doktor Luther hier bei uns mit uns, mit seiner, und wie ich mit euch umgehen werde, ihr Raubzeug und Teufelskinder, wenn ihr es mir zu bunt macht. Fritze, da sieht man's wieder, dass der Herrgott mehr von einer Sorte im Sacke hat und nur hereinzugreifen braucht, um einen rauszulangen und hinzustellen, wo er zu brauchen ist. Aus dem Buch hat mir mein Junge vorlesen müssen und nachher mein Mädchen, und bei Gelegenheit kannst du auch an die Reihe kommen, aber die Hauptstellen lese ich doch lieber für mich allein, die passen für euch naseweises Geziefer jetzt noch nicht. So 'nen Papst lass ich mir gefallen, und es ist mir eine Ehre, dass er meinen Familiennamen sich angenommen hat.«
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Ich habe später über manchem anderen, in der Menschen Kunde abschmeckend gewordenen Tröster mit beiden Armen aufgestützt gelegen, aber nie wieder über einem so wie über diesem. Das langweilige Buch in dem edeln Deutsch von siebenzehnhundertzwanzig ist gottlob in meinen Besitz übergegangen und nimmt einen griffgerechten Ehrenplatz in meiner Bibliothek hier in Berlin ein. Ich brauche es nur wie ein richtiges Zauberbuch aufzuschlagen, um über seine vergilbten Blätter hinweg alles vor mir lebendig zu haben, was damals mein Leben nicht bloß bedeutete, sondern war. Treffe ich auf eine Daumenspur des Alten am Rande der Blattseite, so ist es noch besser und gibt die wärmere Farbe. Freilich eine wärmere Farbe! Ich ergreife hier mit beiden Händen die Gelegenheit, zu versichern, dass hier nichts, gar nichts allzu reinlich, zierlich und frisch lackiert aus dem Putz und Schmuckkästchen der Romantik entnommen ist. Wir rochen um uns her alle Gerüche und sahen alle Dinge, wie sie die Menschen und die Natur im ewigen Hervorbringen vergänglich hinstellen. Alles war seit lange im Gebrauch gewesen und wurde weiter abgenutzt; und wenn ich vorhin von den Livreen des Schlosses Werden gesprochen habe, so stelle der Leser sich dieselben ja nicht zu farbenfrisch und tressenglitzernd, sondern ganz im Gegenteil vor. Wir trugen sämtlich unsere Kleider so lange als möglich und schämten uns eines Flickens an der rechten Stelle wenig. Wir trugen den Frühjahrsregenschmutz, jegliche Gewitterspur und alles, was Herbst und Winter da geben, überallhin, wo eine Tür offen war. Wir hatten alle Wünsche, die nur durch mehr irdische Güter, als wir besaßen, befriedigt werden konnten, und der Herr Graf war da durchaus nicht ausgenommen, sondern auch im Gegenteil. Das Schloß war kein pomphaft Epos und die Försterei keine geleckte Idylle. Sie trugen inwendig und auswendig gleichfalls ihr Flickwerk und ihre Erdgerüche an sich und um sich, und was die letzteren anbetraf, so hatten der Wald mit seinen Buchen- und Tannendüften und die Wiesen mit ihrem Heugeruch recht häufig das Beste dazuzutun, um die Atmosphäre für fremde heikle Nasen zu verbessern.
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Da ist so eine Daumenspur – hier auf Seite 595:
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»Wer unter dem itzigen Papste dem galgen entgehen will, der muss kein bedencken tragen, sich in ein kloster einzusperren, solte es auch das allerunglückseligste sein.«
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Und ein süßer Duft weht über die Stelle, aber ein ganz eigentümlicher. Es war ein braver Tabak, den der Alte bei seiner absonderlichen Lektüre verqualmte, und ich erkenne die Sorte heute noch mit innigstem Behagen wieder auf Spaziergängen und im Eisenbahnwagen dritter Klasse. Rauchte ich selber, so würde ich nur diese rauchen! Und nun, um es kurz zu machen und es mit dem treffendsten Idiotismus zu nennen: wir waren allesamt und auf Meilen in die Runde ein schmuddeliges Volk, ausgenommen vielleicht der Herr Graf, meine Mutter und Evchen Sixtus; Komtesse Irene Everstein dagegen nicht ausgenommen. – Wir waren ein ganz unromantisches Völklein; aber zu seinem Recht soll das hübsche Wort »romantisch« doch auch hier gelangen, und wir hängen es wie gewöhnlich an ein Haar. Ach, es gibt sich leider nichts leichter, als in irgendein Handwerk hineinzupfuschen!
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Irene war eine Goldblondine, die die Leute ansahen und für sanft hielten; Eva war dunkel und sanft, und Ewald hielt allen seinen Schulmeistern einen braunen Lockenkopf zum Dreingreifen und Zerzausen hin. Von dem, was der Herrgott auf meinem Schädel wachsen ließ, rede ich lieber nicht; aber stimmungsvoll war's! Es stimmte merkwürdig gut zu allem übrigen, und die gütige Vorsehung erhalte es mir so lange als möglich, wenn nicht der Schönheit, so doch der Nützlichkeit wegen.
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Es kam aber keinem von uns darauf an, wie er eigentlich aussah. Auch was die Mädchen angeht, so macht es mir heute den Eindruck in der Erinnerung, als ob sie sich wenig darum gekümmert hätten; wenn ich dieses auch nicht als feste Behauptung hinstellen darf.
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Die Sonne lag uns auf den Köpfen bei jeglicher Witterung, und so trieben wir uns um in den Wäldern, auf den Wiesen und Feldern, in der Schulstube und in den Gängen und Sälen von Schloß Werden. Was jenseits der Berge war, davon wussten wir gar nichts; und wie das so häufig geht, haben wir alle später viel davon erfahren – mehr jedenfalls, als zu unserem Glücke nötig war. Andere freilich haben das vielleicht dann und wann unser Glück genannt; da ist eben mit der »anderen« Anschauungen und Einbildungen nicht zu rechnen.
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Das rechte Licht! War es das rechte Licht, das damals über unsere Köpfe und Tage fiel?
Vorlage S. 23
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Darüber ließe sich viel sagen; und am Ende ist es gar nicht der einzelne Mensch mit seinen zwei Augen, der etwas darüber zu sagen hat. Nur die auserwähltesten Geister sind es, die hier und da in höchst seltenen Fällen ihre Meinung ausdrücken dürfen. Sie können dann wie der Maler der Heiligen Nacht den Schein vom neugeborenen Erlöser in der Krippe ausgehen lassen oder wie auf der Rubensschen Heuernte, die der alte Goethe seinem Eckermann entzückt vorweist, die Sonne von den Dingen zwei Schatten geradeweg einander entgegenwerfen lassen.
Vorlage S. 23
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Auch die allerniedrigsten oder einfachsten Geister reden da oft das Richtige. Aber alle zwischen der Höhe und der Tiefe liegende Verständigkeit der Erde hält einfach am besten den Mund und lässt sich bescheinen – schwitzt und ärgert sich, wenn es ihr zu heiß wird, und kriecht in die Sonne und lobt sie im Vorfrühling und Spätherbst oder im Winter, wenn die Knochen dürr werden, die Zähne wackeln oder ganz mangeln und die romantischen Locken verwehen, »gleich den Blättern der Bäume«, wie Vater Homer davon sang, nicht in einem seiner schläfrigen Augenblicke, sondern an einem der hellsten ionischen Sonnentage, wo er nicht schlief.
Vorlage S. 23
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Bin ich von der Daumenspur in dem kuriösen Geschichtsschreiber Gregorius Leti zu weit abgekommen? Ich glaube nicht.
Vorlage S. 23
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Da sitzt der Alte noch vor mir in seiner Amtswohnung am Ende des Dorfes. Alle Türen und Fenster des Hauses stehen offen, und alle Lichter, Töne und Düfte haben freiesten Zutritt, Vieh und Mensch und also auch der Herr Graf. Da kommt er, ein wenig schwerfällig auf seinen Stock sich stützend und seinen Weg mit den Fußspitzen vorsichtig vorausfühlend. Ein gewisser Lehnstuhl wird ihm hingerückt, und da sitzt er, und eines von beiden wird sofort geschlossen, entweder die Tür oder das Fenster, meistens aber beides.
Vorlage S. 23
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»Wie steht das Befinden, alter Freund?«
Vorlage S. 24
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»Danke, Herr. Ohne die verflixten Holzwrogen könnte man es vielleicht wohl zu einem hübschen Alter bringen; aber nun sehen Sie mal diese Schandliste von Frevlern! Und alle aus dem Dorf! Und jeder Halunke mit einem Handbeil unter der Weste, und jedwedes Subjektum vom schönen Geschlecht mit einer Säge unterm Unterrock. Und die letzten sind die schlimmsten, denn sie ruinieren den Forst von unten auf. Kein junger Trieb ist da vor der ältesten Wackelliese sicher, und von den jungen Spitzbübinnen will ich gar nicht reden. Da möchte man doch lieber Papst in Rom sein; und meinen Namensahnherrn wünsche ich mir auf vier Wochen hierher an meine Stelle.«
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Der Herr Graf lächelt matt und seufzt:
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»Wäre es mein Wald, so würde ich sagen, sehen Sie durch die Finger, Sixtus. Jetzt sehen Sie allein zu, wie Sie Ihr gutes Herz und die Feuerungsbedürfnisse unserer braven Nachbarn mit Ihrer Amtspflicht in Harmonie bringen. Das Kind ist auch wieder den ganzen Morgen durch aus unserem Gesichtskreise verschwunden und hilft wahrscheinlich ebenfalls beim Holzstehlen. Frau Langreuter ist in Verzweiflung und kündigt mir sicherlich demnächst ihr Gouvernantentum. Was haben Sie von Ihren Sorgen zu Hause?«
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»Nichts! Sie haben gesagt, sie seien in den Sommerferien, und sind auf und davon. Mein Evchen wollte eigentlich nicht; aber es musste. Der Junge muss mir zu Michaelis sicher auf die Schule; der Pastor kommt nicht mehr mit ihm zu Rande. Das Fritzchen da hab ich nur allein noch am Hoftor erwischt und gesagt: ›Hier; halt mal!‹ und ihn mit an meine Rechnungen gesetzt. Da sitzt er, Herr Graf, und nun fragen Sie ihn selber einmal, wo die anderen stecken!«...
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Das »Fritzchen«, das war ich – der Weltweisheit Doktor Friedrich Langreuter, und der Herr Graf dreht seine silberne Dose zwischen den Fingern, nimmt bedächtig eine Prise und wendet sich in der Tat an mich und fragt:
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»Wo ist Irene, mein Sohn?«
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Und bei dieser Frage öffnet es sich vor mir breit, weit, sonnig, grün, Berghügel und Berghügel, Tal und Tal, und dann einmal zwischen zwei Bergen das Glitzern einer Flußwindung, und dann auf der Ferne rund um ein blauer, lichter, magischer Dunstschleier, den man – wie Ewald behauptet – sich am besten zwischen seinen ausgespreizten Beinen durch besieht: da ist Eva Sixtus und ihr Bruder Ewald und Irene Everstein und – ich auch, Friedrich Langreuter, der Weltweisheit Beflissener! Den unsterblichen Göttern sei Dank, dass dem so war, dass wir einmal so da waren! – – –
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Wir wissen noch nichts von den Vermögens- und Familienverhältnissen des Herrn Grafen und von unseren eigenen noch weniger. Wir leben in den Tag hinein, und wie kann man besser oder vielmehr angenehmer leben? – Wenn die Frage: Wo ist Irene, wo sind Ewald und Eva, wo sind die anderen? von neuem gestellt werden wird, dann hat sich alles geändert, und nicht zum Besseren. Wir leben dann nicht mehr in den Tag, in das Licht hinein; wir wissen dann leider ganz genau, mit welcher Regelmäßigkeit die Dämmerung und die Nacht kommen und wie es am hellsten Mittage dunkel werden kann über dem Menschen und seinem Zubehör.
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Fünftes Kapitel
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Von dem gelehrten Herrn Pastor, den der Herr Graf gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft meiner Mutter rühmte, habe ich wenig zu sagen. Der Herr Graf verstand es wohl nicht besser, aber die Gelehrtheit des guten Mannes war nicht weit her und sein Einfluss auf uns unbedeutend.
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Hierüber aber erhält Ewald am besten das Wort. Er nahm mich seinerzeit beiseite, das heißt, indem er mich am Kragen fasste und, mich auf offener Dorfgasse abschüttelnd, bemerkte:
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»Tust du dumme Stadtpflanze noch ein einzig Mal da« (dieses war von einer Schulterbewegung dem Pfarrhause zu begleitet), »als wüsstest du mehr als ich von all den Dummheiten, so pass auf! Wie die Engel im Himmel singen, das weißt du wohl noch nicht? Hör mal, so!«
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Nun ist es durchaus nicht angenehm, seiner Wissenschaften wegen an den Ohren auf- und von den Füßen gehoben zu werden.
Vorlage S. 26
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»Hörst du sie?! Nicht wahr, sie singen wirklich wie die Engel? Und nun tu's nicht wieder und heb den Finger in die Höhe, wenn ich feststecke! Frag nur Irene, ob die alten Ritter das getan haben. In der Dorfschule beim Kantor tun sie es alle, und da tue ich es auch, und du kannst es auch tun; aber bei dem dummen Lateinischen und dem Herrn Pastor, da probiere es mir nur noch ein einziges Mal, und du sollst scheu, was du erlebst, und wenn du mir auch hundertmal deinen ›Robinson‹ und deine Campes ›Eroberung von Mexiko‹ geliehen hast.«
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»Was soll ich aber denn tun, wenn ich was weiß?« heulte ich, während Irene lachte und Eva ihren Bruder am Hosenbund nach rückwärts zog.
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»Die dumme Schnauze halten! Der Alte sagt es schon ganz von selber her. Ich gehe doch schon lange genug bei ihm in die Privatstunde und muss es wissen, was er alles weiß! Oh, der weiß für uns beide noch lange genug!«
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102
So war es; aber leider war das, was der gute geistliche Herr wusste, auch wenig genug, und was das schlimmste war, seine Begabung zum Lehrer stand noch tief unter der Wasserhöhe seiner Wissenschaft. In der Hinsicht war es jedenfalls für uns sehr von Nutzen, dass die Jahre hingingen und wir ihm entwuchsen. Und der Herr Graf, der meiner Mutter wegen in der Tat allen Grund hatte, Wort zu halten, hielt es auch. Ich wurde mit Ewald auf das Gymnasium der größeren Provinzialstadt des anderen Staates jenseits des Flusses »getan«; und wir kamen von da an nur in den Ferien nach Hause, das heißt zurück nach Schloß Werden, in das Försterhaus, das Dorf und den Wald und zu den beiden Mädchen.
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Die beiden Mädchen! Als wir zum erstenmal abzogen, sagte Irene:
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»Ihr habt es gut.«
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Worauf Ewald mit einem bedenklichen Griff nach seinem Rücken erwiderte:
Vorlage S. 27
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»Weißt du das? Erst probieren und nachher weise Redensarten! Na, was mich angeht, so ist die Hauptsache, dass ich endlich einmal aus dem dummen Dachsbau herauskomme. So 'n langweiliges Volk als euch findet man ja immer, und nachher geht der Weg ja auch weiter, und deshalb haben wir zwei es sicher besser als ihr beiden dummen Frauenzimmer.«
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»Und ich verbitte mir endlich diese ewigen dummen Dummheiten«, rief Irene. »Das wird auch auf die Länge dumm und langweilig, du – dummer Junge. Lass sie stehen, Eva, und komm in die französische Stunde; so wie auf morgen, wo wir endlich mal Ruhe vor ihnen haben, habe ich mich noch auf keinen anderen Tag gefreut. Schafskopf!... Herrgott, Fritz, da ist deine Mama! Ach, nun hat sie auch das wieder gehört! Komm rasch, Evchen! Adieu, messieurs, mademoiselle Martin nous attend. Ach Gott, ach Gott, ach Gott!«
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Es war freilich meine Mutter, die um das Gartengebüsch trat und in der Tat das Wort »Schafskopf« noch vernommen hatte. Und obgleich sie die richtige Adresse sicherlich ganz genau kannte, wendete sie sich dessenungeachtet an die falsche, nämlich an mich, und sagte nichts weiter als:
Vorlage S. 27
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»Aber Fritz?!«
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»Ich war es, mit dem sie sich gezankt haben«, murmelte Ewald kleinlaut, aber ehrlich.
Vorlage S. 27
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»Von deiner Schwester ist gar nicht die Rede, Kind«, sagte meine Mutter und ging weiter den sonnigen Kiesweg entlang, um als Frau Aja mit dem Strickstrumpf in einer Fensternische der französischen Stunde beizuwohnen und die Vokabeln leise mit nachzusprechen. Mademoiselle Martin aus Nanzig in Lothringen, die »alte Kammerfrau« der verstorbenen Frau Gräfin, befleißigte sich der besten Aussprache des Idioms.
Vorlage S. 27
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»Es ist zwar schauderhaft«, seufzte der Herr Graf, »aber ich habe das meinige doch auch nur in Wien gelernt, und sie hat es wenigstens aus Büchern und ist mit der Grammatik in ihrem Geburtsort in die Schule gegangen. In Nizza hat meine selige Frau sie gefunden, und sie hat treu bei uns ausgehalten durch Gut und durch Böse. Durch das letztere meistens mehr als durch das erstere. Ihre Eltern hatten sie zur sœur ignorantine bestimmt; aber sie fand in sich keinen Beruf dazu, und mir ist es lieb, dass wir sie gefunden haben. Sie hat sehr treu bei mir ausgehalten, Madam Langreuter, und, wie gesagt, durch gute und durch böse Zeiten, und durch die letzteren mehr als durch die ersteren.«
Vorlage S. 27
113
Auch mein Französisch stammt in seinen Elementen aus der Schule der Mamsell Martin, und es ist danach geblieben. Irene und Ewald hatten Gelegenheit, das ihrige sehr zu verbessern, und Ewald spricht und schreibt es heute fast ebenso gut wie das Englische, das er mit einer spaßhaften Neigung ins Irische zu seiner zweiten Muttersprache gemacht hat.
Vorlage S. 28
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Wir gingen ab nach dem Gymnasium und kamen von da an nur in den Ferien nach Schloß Werden zurück. Wenn ich anfangen wollte, davon zu reden und zu schildern, so würde wohl nicht an ein Aufhören zu denken sein. So ist es aber hundert und aber hundert Autobiographen und Biographen ergangen, und sie sollen für mich mit gesprochen und geschrieben haben. Es wiederholt sich und bleibt sich vieles gleich in der Welt, was an und für sich den Eindruck der individuellsten Originalität macht.
Vorlage S. 28
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Aber die großen italienischen Nußbüsche an der letzten Hecke des äußersten Gemüsegartens derer von Everstein und den Vetter Just hat nicht jedermann erlebt, und so machen wir die beiden zu unserer Spezialität, und den letzteren durch alle Blätter dieser Aufzeichnungen hindurch.
Vorlage S. 28
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Sie haben eigentlich nichts miteinander zu schaffen; der Vetter hat nie in ihnen gesessen, in den Nußbüschen nämlich; aber doch kann ich nie an den einen ohne die anderen denken. Sie gehören in der grünsten, lichtesten, lachendsten und doch zugleich ernsthaftesten Weise zusammen in meiner Seele. Wie hundertmal in der Wirklichkeit besuche ich heute in der Erinnerung den einen von dem anderen aus, den Vetter Just auf seinem Hofe jenseits des Flusses von dem Gezweige unseres alten Wunderbaums herunter.
Vorlage S. 28
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Es war eigentlich gar kein einzelner Baum, sondern ein Bündel dick- und hochstämmigen Gebüsches, das der liebe Gott aus einem halben Dutzend Kernen zu unserem Vergnügen auf einer Bodenerhöhung an der Hecke zu außergewöhnlicher Höhe und Pracht hatte aufschießen und sich ineinander weitästig verwirren lassen. In weit entlegene, uns ganz und gar vorgeschichtliche Zeit war das Aufsprießen gefallen, aber der Gipfel der Verwirrung nur allein für uns, wie wir glaubten, in die unserige, und das war das Schöne. Die Vorsehung hatte es auch in diesem Falle gewusst, was alles in dem Keime lag, den sie hier in seiner Hülse auf den Boden fallen ließ, den sie erst mit gelben Blättern, dann mit trefflicher Gartenerde bedeckte und ungestört Wurzeln nach unten in die Dunkelheit und zwei zarte grüne Blättchen nach oben in das Licht, in die Sonne treiben ließ! Der Mensch denkt nie daran, wenn er im großen Walde geht, was alles in zwei solchen grünen Keimblättchen zu seinen Füßen für ihn und seine Art auseinanderklappt. Wo bliebe aber auch das Spazierengehen, wenn dem so wäre? Es würden manche dafür danken, und unter diesen ich zuerst. Zu Hause, innerhalb seiner vier Wände, unter alledem, was man sich selber allgemach zusammengetragen hat, würde es bei weitem behaglicher sein als draußen im Freien.
Vorlage S. 28
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Es war natürlich Ewald Sixtus gewesen, der zuerst herausgefunden hatte, wozu dieses Baumgebüsch gut sei. Er hatte die Leiterstufen gezimmert, die an dem knorrigen Hauptstamm in die Höhe führten bis zu der ersten Gabelung, von wo dann Irenes Ruhe, Evas Höhe, Friedrichs Lust und Ewalds Heim mit mehr oder weniger Beschwerlichkeit und Gefahr des Hals-, Arm- und Beinbrechens zu erreichen waren. Die »Ruhe« und das »Heim« hingen selbstverständlich im schwanksten und luftigsten Gezweig; Evas Höhe saß ebenso selbstverständlich am tiefsten und sichersten, und ich – ich wäre mit und zu meiner Lust am liebsten unten am Baum auf festem Erdhoden geblieben; aber hinauf musste ich wie die anderen, und wenn ich einmal oben saß, so gab es freilich auch für mich keinen besseren Platz im Himmel und auf Erden als diesen zwischen Himmel und Erde.
Vorlage S. 29
119
Da waren es einzig und allein die Vögel, die es noch besser hatten als wir und die wir dann und wann immer noch beneiden durften.
Vorlage S. 29
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»Wer es wie die könnte!« seufzte Irene im äußersten Gezweig, schon jenseits der Hecke des Schloß-Küchengartens in ihrer gefahrvollen Ruhe, zwanzig Fuß hoch über der Wiese hängend. Und das war wieder einmal an einem Sommermorgen, gerade als die Sonne aufging und alle Frische und aller Tau und alle Erwartungen vom Tage und sämtliche Pläne für die angenehmste Verwendung desselben noch vorhanden waren.
Vorlage S. 30
121
Es ist kaum zu glauben, aber es war doch so: wir, Ewald und ich, wir schmauchten frech hinein in die heilige Frühe, und noch dazu Zigarren, von denen der Herr Pastor nie begreifen konnte (während unserer Ferien), wie sie ihm so rasch zu Ende gingen.
Vorlage S. 30
122
Der Herr Graf rauchte leider nicht; er würde sich sonst gewiss an eine bessere Sorte gehalten haben. Den Knaster, den Vater Sixtus aus seiner kurzen Jägerpfeife verdampfte, hatten sich die beiden Herrinnen von Evenshöhe und Irenensruhe in »ihrem Baum und so früh in der Natur« ganz ernsthaft verbeten. Ich habe es schon gesagt, ich rauche heute auch nicht mehr; aber ich weiß das Blatt aus jener Zeit her noch zu würdigen und zöge es jetzt jedem anderen vor. Ewald hatte gewöhnlich alle Taschen voll davon und meinte: »Das nenne ich gar nicht einem was ausführen, sondern nur gerechte Sühne! Es ist einfach scheußlich, wie billig der Alte den himmlischen Äther (nicht wahr, so heißt's, Fritz?) verstänkert. Es ist aber ganz sicher ganz dasselbe Kraut, was sich sein lieber Papst Sixtus der Fünfte hier im Walde verstattet haben würde; nicht wahr, Fritzchen? Du musst es wissen.«
Vorlage S. 30
123
Weshalb musste ich das wissen?... Weil ich den »Schlingel aus dem Försterhause« um drei Eselsohrenlängen in der Gymnasialbildung hinter mir zurückgelassen hatte? Es hat sich nachher ausgewiesen, dass das ziemlich wenig zu bedeuten hatte.
Vorlage S. 30
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Da sitzt Eva im Zweig und sagt vorwurfsvoll: »Aber Ewald, sprich doch nicht so vom Vater!«
Vorlage S. 30
125
»Wozu hat man denn sein Taschengeld von ihm?« klingt es zurück; und – es ist immer noch der Sommer und der Sommermorgen, die Jugend und die Frage: Was fangen wir heute mit dem unendlichen Tage bis Sonnenuntergang an? auf der Tagesordnung!
Vorlage S. 30
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»Heute geben wir ihnen einmal recht ordentlich durch. Nachher kriegen wir dann alles auf einmal über die Köpfe und sind für ein Vierteljahr hübsch reuig. Übermorgen geht ihr ja doch wieder ab, und wir haben Zeit für alle guten Ermahnungen und Weisheit und Tugend, nicht wahr, Evchen?« ruft die Gräfin von Everstein von ihrem Aste und greift nach dem nächsten über ihr und steht aufrecht, in tollster Lust sich wiegend. Das ganze jetzt von der vollsten, klarsten Morgensonne durchleuchtete grüne Haus schwankt bis in seine Grundfesten, das heißt bis in die äußersten Wurzelfasern.
Vorlage S. 31
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»Nicht schütteln! O Irene!« ruft Eva ängstlich; aber wohl rüttelt und schüttelt sich alles rundum, der Nußbaum und die weite wonnige Welt. Die blitzenden Tautropfen sprühen im buntesten Glanze um uns hernieder, und jenseits der Hecke von seinem Zweige hängt Ewald bereits wie ein Affe auf die freie, weite Wiese herunter, mit den Füßen in freier Luft, nach dem nächsten Aste unter ihm tastend. Dass er das Experiment nicht mit dem Kopfe nach unten hängend ausführt, ist ein schöner Zug seiner Nachgiebigkeit und Herzensgüte; versucht hat er's selbstverständlich, aber Eva hat es sich für »unseren Baum« verbeten, wie Irene eben dafür den Knaster aus der Schweinsblase seines Vaters.
Vorlage S. 31
128
Er kommt richtig auch diesmal wieder mit ungebrochenen Gliedmaßen im hohen Grase und unter den Sternblumen und Kuckucksblumen der Wiese an und schlägt zur Erholung von der Anstrengung noch ein dutzendmal Rad im Kreise. Schon kriecht die Komtesse durch die Hainbuchenhecke, und mehr als dass sie springt, fliegt sie über die hohen Kletten- und Brennesselbüsche im Graben. Aus dem Wunderbaum erschallt noch ein flehend klägliches Stimmchen:
Vorlage S. 31
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»Ach Gott, Fritz?!«
Vorlage S. 31
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Ich reiche beide Arme an der Leiter empor, um das ängstliche Vöglein aus dem Baum im Notfall im Fall auffangen zu können.
Vorlage S. 31
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»Da rennen sie schon über die Wiese nach dem Walde! Mach rasch, Evchen!«
Vorlage S. 32
132
»Ach Gott, ja! Sie hören ja nun wieder nicht! Und ich ginge doch so gern erst hin und sagte es zu Hause, wo wir geblieben sind.«
Vorlage S. 32
133
»Wir sind ja zu vier, Evchen! Und einer wird doch wohl übrigbleiben und Nachricht bringen, wenn drei von uns zu Schaden kommen.«
Vorlage S. 32
134
»Ja, und ihr wollt dann, dass ich das bin! Mein Vater ängstigt sich wohl nicht; der kommt vielleicht auch erst zum Abendessen heim. Aber deine Mutter!... Und Irenes Vater?!«
Vorlage S. 32
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»Das ist nun zu spät. Sie rufen schon vom Walde her; hörst du?«
Vorlage S. 32
136
Sie rufen wirklich, und wir kommen. Wir folgen der glücklichen, seligen Spur durch den Tau der Wiese; und nun sind auch wir, Eva Sixtus und ich, in dem kühlen Schatten der Buchen, und – wunderte! – ein Gewissen hatten wir bis eben, aber nun ist es uns gleichfalls abhanden gekommen. Sie haben alle kein Gewissen in den Gebrüdern Grimm, und wir stecken voll und ganz darin, in dem Märchen, in der Wonne des Abenteuers der Kinderwelt – ganz und gar darin wie die zwei anderen, Ewald Sixtus und Irene Everstein!
Vorlage S. 32
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Was geht in der Menschheit Behagen über diese ganze volle Gewissenslosigkeit des Märchens oder noch besser der Jugendzeit? – Die »ewige Seligkeit«; denn die wird freilich in einem noch etwas höheren Grade gewissenslos sein.
Vorlage S. 32
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Sechstes Kapitel
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139
Sie hatten vom Walde, dem großen Walde her gerufen; und hinter dem Walde saß der Vetter – der Vetter Just Everstein und wenn es für Namen kein besser Sieb gibt als ein Konversationslexikon in der Reihenfolge seiner Auflagen, so ist es sehr schade, dass der Vetter durch einen der gewöhnlichen Zufälle nicht hineingekommen ist. Er gehörte von Rechts wegen hinein und von Gottes Gnaden darin zum eisernen Bestande irdischen guten Gerüchtes.
Vorlage S. 32
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Jenseits unseres Waldes und jenseits des Flusses hatte sich da eine Seiten-Seitenlinie des Geschlechtes derer von Everstein allgemach von Generation zu Generation, von Glückswechsel zu Glückswechsel in den Bauernstand zurückverloren. Schon vor hundertundfünfzig Jahren, gerade als eben dem Bruchteil von Adams Geschlechte auf Schloß Werden das Grafentum als höhere Betitelung von oben zufiel, hatten die Vettern drüben den letzten Ring, der sie an den Adel des deutschen Volkes knüpfte, fallenlassen. Das Wörtlein von war ihnen abhanden gekommen, wie ein Taler in die Stubenritze rollt. Sie wussten selber nicht recht anzugeben, wie es eigentlich zugegangen war.
Vorlage S. 33
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»Das einzige, was ich gewiss darüber weiß, ist, dass wir damals scheußlich auf dem Hunde waren«, sagte der Vetter Just. »Was will ein Kotsasse, dem der Siebenjährige Krieg die letzte Kuh aus dem Stalle holt, mit einem adeligen Wappen über seiner Stalltür? Sich bei den anderen Bauern und alle Abend im Kruge lächerlich machen? Das kann er! Siehst du, Fritze, das ist eben die Sache beim Kriege, dass er den einen zum Kaiserlichen Feldmarschall-Leutnant macht, wenn's beim anderen um die letzte Kuh gilt. Studiere du deine mittelalterlichen Geschichtsquellen ruhig weiter; aber meine lass mir lieber doch unaufgerührt. Ich meine, der alte Brunnen kommt immer doch noch klar genug aus der Tiefe in die Höhe. Nur immer kühl und klar, das ist die Hauptsache; am Ende bleibt alles, was dem Menschen überhaupt auf dieser Erde passieren kann, in der Verwandtschaft, und das ist ein Trost; – nicht etwa?«
Vorlage S. 33
142
»Jawohl, jawohl!« holte ich die Antwort tief aus der Seele herauf. Das war aber alles nicht an dem Morgen, an dem wir wieder einmal von dem Nußbaum zum Vetter Everstein jenseits des Flusses »durchgingen«, sondern lange, beschwerliche Jahre später. – Der Nußbaum oder die Nußbäume waren damals längst ebenso unmotiviert umgehauen worden wie die, welche den Legationssekretär Werther in solche Wut gegen die neue Frau Pfarrern zu St. Brachten; – »wie kühn und wie herrlich die Äste waren!... Abgehauen! Ich möchte rasend werden, ich könnte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat!... Siehst du, ich komme nicht zu mir!... O wenn ich Fürst wäre! Ich wollt die Pfarrern, den Schulzen und die Kammer – – –«
Vorlage S. 33
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Eine neue Chaussee führt über die Stelle weg, wo meine Nußbäume standen, und wer weiß, wie bald auch über diesen Weg sich ein Eisenbahndamm hinlegt und wie bald die Personen- und Güterzüge vom und zum Rhein über die Stätte brausen und keuchen. Es ändern sich stets die äußerlichen Umstände, unter denen die Natur und der Mensch ihren Adel gewinnen oder verlieren!...
Vorlage S. 34
144
»Passierte es nur einmal, so wäre es freilich schlimm«, sagte der Vetter Just. »Aber da es immerdar sich so ereignet hat und sich auch fernerhin nicht anders machen lassen will, so stelle ich mich auch hier auf den Fuß der Philosophie, nachdem ich mich geärgert habe.« – Das sagte er aber von den Nußbäumen.
Vorlage S. 34
145
Selbst auf die Vetternschaft mit dem vornehmen Schloß Werden erhuben die Mannen jenseits des Flusses ihrerseits nicht den geringsten Anspruch mehr. Der »Vetter« war auch eigentlich nur dem gegenwärtigen letzten Sproß der Familie angehängt worden, und zwar von der Gegend. Es war so etwas von der »Vetter Michelschaft« dabei, aber im besten und vergnüglichsten Sinne.
Vorlage S. 34
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»Gestern abend war Vetter Just da!« war ein Wort, das einen ungemein behaglichen Klang weit umher in jedem Hause hatte.
Vorlage S. 34
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»Wenn ich nur wüsste, wie es mit dem Kerl zuletzt einmal zu Ende gehen wird!« war dann freilich ein Nachklang von etwas bedenklicherer Tonfarbe; allein es waren immer nur die Unverständigsten im Lande, die sich also achselzuckend äußerten, und was überall in der Welt auf deren Bedenken und heimtückisch-wohlwollende Sorglichkeit für den lieben Nächsten zu geben ist, das weiß man; – ich wenigstens weiß es. Ist es nicht leider meistens der Verstand der Verständigen, bei dem sich am liebsten die Schadenfreude hinter dem freundschaftlichen, sorgenvollen Nachdenken und teilnehmenden, bedauernden Kopfschütteln versteckt?
Vorlage S. 34
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Welch ein Glück ist es da, dass wir soeben erst aus unserem Nußbaum in den Sonnenschein auf der morgendlichen, glitzernden, grünenden, blühenden Kindheitswiese hinuntergepurzelt, – geglitten und – gehüpft sind und uns immer noch, unverständig und sorgenlos, mit dem allermöglichst wenigsten Nachdenken über uns selbst und den Vetter Just Everstein auf dem Wege zu diesem Vetter befinden!
Vorlage S. 34
149
Auf dem Wege? O ja, wenn nur nicht die Umwege gewesen wären! Wann sind wir damals unseren Angehörigen je anders als auf Umwegen zu dem Vetter durchgegangen? Gab es aber überhaupt noch eine andere Gegend, die »vier dumme Krabben«, wie der Vater Sixtus sich auszudrücken beliebte – in gleicher Weise zu Dummheiten und auf Seiten- und Schleichpfade zu verlocken imstande war?
Vorlage S. 35
150
Für uns nicht, wenn mich gleich das Leben gelehrt hat, einem jeden das Recht unverkümmert zu lassen, das theatrum mundi seiner Jugend in gleicher Weise allen anderen Feldern und Wäldern, hier den Fichten und dort den Palmen, wehmütig und freudig vorzuziehen.
Vorlage S. 35
151
Nach rechts und links, im Schatten und Licht, im Trocknen und Feuchten lockte es, und natürlich da immer am verführerischsten, wo das Dickicht am verworrensten war, wo Berg und Fels am steilsten sich erhoben und wo der Bach am mutwilligsten durchs Tal schäumte. Wann hätte zur Zeit der Kibitzeier die Komtesse jemals eine Gelegenheit, bis an die Knie im Sumpfe zu versinken, verabsäumt? Wann hätte Ewald Sixtus je ein heiles Knie einem zerschundenen, eine ganze Hose einer halben vorgezogen?
Vorlage S. 35
152
Und dann die Jahreszeiten, die wir zählten durch die Schneeglöckchen, die Maiblumen über die Erdbeeren weg bis in die Brombeeren und den Dohnenstieg! Auch ich habe damals mit den anderen gelacht, wenn die liebe Eva ein bitteres Tränchen über die armen erhängten Krammetsvögel vergoß und den Sack nie tragen wollte, der die gefiederte Jagdbeute enthielt.
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»Wenn sie sie in der Schüssel auch nicht riechen könnte, so wollte ich gar nichts sagen«, brummte Ewald. »Dich meine ich nicht, Irene; aber so seid ihr Frauenzimmer! Nicht wahr, Fritze, wir genieren uns nicht:
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Was ich gebraten sehen kann,
Vorlage S. 36
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Seh ich nie als 'ne Mordtat an!
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Also ist die Reihe an dir, den Ranzen zu schleppen, Irene. ›Immer galant gegen die Damen!‹ sagt Mamsell Martin; wenn es wieder bergan geht, nimmt ihn Fritzchen dir ab. Aber Riesenkreaturen haben wir diesmal, was?! Es ist wahrhaftig ein Spaß, was für eine Menge unschuldig Blut so 'n paar rote Vogelbeeren an den Galgen bringen! Nicht wahr, Eva?«
Vorlage S. 36
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»Famos!« ruft die Komtesse hochrot, zerzaust und glühend vor Jagdlust; und der Herbstwind fegt und rasselt durch den Niederwald und treibt ihr die blonden Locken über das Gesicht und treibt mich zurück in den Sommermorgen, den ich immer von neuem unter der Federweg verliere, um mich immer wieder zu ihm zurückzufinden.
Vorlage S. 36
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»So? Haben sich die beiden Puppen noch herangefunden?« fragt Ewald grinsend, als seine Schwester und ich ihn und die Gräfin unter den Bäumen des Waldes wieder einholen. »Das ist schön! Nun haben wir auch die Tugend und die Vorsicht in der Bande, und nun kann's losgehen! Was an mir in Fetzen heute davonfliegt, das flickst du zusammen, Evchen. Für die schändlichen Redensarten, die heute abend über Irene losgelassen werden, bist du vorhanden, Fritzchen. Und nun rasch weiter; – deine Alte merkt wahrscheinlich jetzt schon Unrat, Fritz, und hängt schon an der Sturmglocke –«
Vorlage S. 36
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»Und Papa kommt die Treppe herunter und schüttelt in dem Gartensaale den Kopf. Und deine Mama ringt die Hände, Fritz, und Papa ist zu allerletzt noch am wenigsten ärgerlich und in Sorgen. Ach, es soll aber heute auch das allerletzte Mal sein, dass wir so böse sind! Ich gehe ganz gewiss nicht wieder mit durch, ohne vorher um Erlaubnis gebeten zu haben.«
Vorlage S. 36
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»Ich auch nicht«, ruft Eva Sixtus mit Tränen in den Augen.
Vorlage S. 36
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»Ich auch nicht!« sage ich kleinlaut, und –
Vorlage S. 36
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»Na, denn ich auch nicht; aber fürs erste stecke ich mir jetzt 'ne Pfeife an. Hier sind wir auf Staatsforstgrund, und die Grafen von Everstein können mir meinetwegen kommen. Übrigens könnt ihr ja alle noch umkehren; im Notfall laufe ich ganz gern allein, und dem Vetter Just ist es auch recht. Geh du dreist wieder nach Hause, Fritzchen, und nimm alles ruhig mit, was sonst noch von Teesimpeln da ist. Au!... Alle Donner!«
Vorlage S. 36
163
Eine gute Handvoll Haare aus der Lockenfülle des »höhnischen Hanswurstes« streut Irene Everstein in die Morgenlüfte, und fünf Minuten später sind wir allesamt so weit von dem Schlosse Werden fern, dass uns auch der lauteste Klage- oder Warnungsruf von dorther nicht mehr zu erreichen vermöchte. Wir sind gerettet aus aller Kultur in die schönste Wildnis, in die sich der gebildete, älter gewordene Mensch nur in seinen allerhöchsten Feierstunden zurückdenken kann – in den Stunden oder Augenblicken, die wie ein leichter schöner Rausch kommen und schwinden und leider nicht jeden Tag auf der Tagesordnung stehen, was auch die Leute, die es so ausnehmend gut verstehen, »zur Sache!« zu rufen, davon halten mögen.
Vorlage S. 37
164
In an indian file, wie Ewald, der damals mit größestem Eifer seine amerikanischen Abenteuerromane englisch las, sagte, schlüpften wir durch die Büsche; und wenn die beiden Mädchen alle Augenblicke aus der Bahn brachen und ins Blumenpflücken gerieten, so fand sich für uns zwei Jungens wieder mancherlei anderes, was uns auf dem Wege aufhielt. Gut zehn Uhr wird es in Bodenwerder geschlagen haben, wenn wir endlich eine halbe Stunde weiter stromaufwärts das Flußufer, den Vater Klaus und den Kahn desselbigen bei seiner Fischerhütte erreichen.
Vorlage S. 37
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Es führt eine Schiffbrücke bei Bodenwerder über den Fluss. Das weiß ein jeder, so gut als ein jeder den Freiherrn von Münchhausen aus Bodenwerder kennt. Was wäre aber unsere Fahrt zu dem Vetter Just Everstein ohne den Vater Klaus und seinen Kahn inmitten des Weges? Unbedingt nur das halbe Vergnügen.
Vorlage S. 37
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Wenn wer mit in die Lust des wolkenlosen Tages hinein gehörte, so war's der alte Fischer Klaus, obgleich Ewald jedesmal bemerkte:
Vorlage S. 37
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»Wären die Mädchen nicht dabei, so sparte ich sicher meinen Groschen dem Alten am Leibe ab. Wer schwimmen kann, braucht auf dem Lumpenwasser noch lange keine Bretter unter sich.«
Vorlage S. 37
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»O du Renommist!« ruft Irene, die, wenn sie sich ganz allein zwischen den Buchen und Weiden hüben und drüben gewusst hätte, wahrscheinlich gleichfalls keine Bretter und Balken zwischen sich und das sonnenbeglänzte, weich hingleitende Element gelegt haben würde.
Vorlage S. 38
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Schon zupft mich Eva Sixtus scheu und erschreckt am Rockärmel.
Vorlage S. 38
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»Sei nur ruhig, Evchen. Sie renommieren beide furchtbar. Das Großmaul da mit seinen Händen in den Hosentaschen und Irene – innerlich! Komm nicht ins Rutschen den Abhang herunter. Da liegt der Vater Klaus bei seinen Reusen, und da steigt sein Rauch auf von seinem Herde. Irene kann ja gar nicht schwimmen!«
Vorlage S. 38
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Dieser Rauch von dem Feldsteinherde des Alten am Wasser ist wahrscheinlicherweise die Rettung meiner Nase vor zwei Fäusten, die von rechts und links her dicht unter sie gehalten werden.
Vorlage S. 38
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»Hurra, der Vater Klaus!« schreit Ewald und rutscht bereits auf seines Vaters erst vor einem halben Jahre an den Dorfschneider abgegebenen Hochzeitshosen über das Steingeröll in die Tiefe, als ob er den Stoff gleichfalls für »absolut unverwüstlich« erachte.
Vorlage S. 38
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Die Komtesse wirft mir noch ein »Ach, so 'n gutes Fritzchen!« zu und folgt dem Kameraden bergunter gleichfalls in sitzender Stellung und nur um ein weniges mehr als er um den äußerlichen Anstand besorgt.
Vorlage S. 38
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»Na, na, wat kummt mi da? Ach, Herrje, i sehn Sie mal!« meint der Vadder Klaus, und wir sind alle bei ihm angelangt alle mit heiler Haut, bis auf den Meister Ewald, der sich etwas nachdenklich die Posteriora reibt und mehrfach den vergeblichen Versuch macht, sich dieselben über die Schulter genauer zu betrachten und seinen Schaden zu besehen.
Vorlage S. 38
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Nach dem Walde das Wasser! Es ist sehr heiß an dem Ufer; aber keiner merkt es. Der Fluss ist breit genug, um alles, was in der jungen Brust noch gebunden lag, frei zu machen. Eilig drängen sich und lautlos die Wirbel vorbei und nehmen uns geheimnisvoll verführerisch in der Phantasie mit sich in das Hellste, Kühlste, Grenzenloseste – immer weiter und weiter durch alle geographischen Schulstubenerinnerungen bis hin auf das große Meer. Juan Fernandez und Salas y Gomez liegen im magischen Blau als einzige feste Punkte, an denen die Erfahrung mit wonnigem Herzpochen haften kann; darüber hinaus in wiederum undenklicher Ferne spült und sprüht's nur in die Buchten und Palmenwälder von Traumland hinein, selbst für Ewald Sixtus, der schon ganz genau weiß, dass die Weser einfach bei Bremerhaven in die Nordsee mündet, dass vor Neuyork Long Island liegt und dass Staat und Stadt Neuyork zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika gehören. Auch für mich, der ich in der neueren Geographie ziemlich und in der alten recht gut Bescheid weiß, der ich den Weg des Königs Alexander zum Indus und nachher die unvereinigten Staaten von Asia minor ganz genau auf der Karte zeigen kann.
Vorlage S. 38
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Während nun Vater Klaus seinen langgedienten Kahn zur Überfahrt bereit macht, durchstöbern die zwei Mädchen »zum wer weiß wievielten Male« sein einsiedlerisch halbwildes Hauswesen.
Vorlage S. 39
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»Eins steht fest«, ruft Irene, den blonden Lockenkopf aus der Pforte der Hütte vorstreckend; »das nächstemal bitten wir zu Hause um die Erlaubnis, und dann bleiben wir eine Nacht hier. Da liegen wir hier am Feuerherde und braten uns unsere Fische selber, und der Mond muss scheinen, und wir singen dazu und rufen die Kähne und Flößer an –«
Vorlage S. 39
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»Und kriegen dumme Redensarten zurück«, grinst Ewald.
Vorlage S. 39
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»Und dumme Jungen werden draußen mit dem Kopf ins Nasse untergeduckt –«
Vorlage S. 39
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»Und ich bin dabei!« schreit Ewald mit einem Sprunge und die Mütze schwingend. »Das ist eine ganz rasend heitere Idee! Das nächstemal gehen wir ihnen sicherlich erst bei Sonnenuntergang durch!«
Vorlage S. 39
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Und der Alte am Wasser, bedenklich seine Kappe von einem Ohr aufs andere schiebend, meint:
Vorlage S. 39
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»Ich wäre wohl schon dabei, und zu Schaden sollten die jungen Herrschaften bei mir auch wohl nicht kommen; aber schriftlich muss ich die Erlaubnis doch wohl vor mir haben; denn nachher kenne ich sonst die Herren beim Amte gut genug, wenn ich wieder von wegen meiner Berechtigung allhier vor sie muss. In alten Zeiten, allwo man noch gar keine Papiere nötig hatte, soll das alles viel besser gewesen sein, und da hätte auch ich, nichts Schriftliches verlangt, sondern im Gegenteil.«
Vorlage S. 39
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»Dies ist doch großartig!« meint Irene Everstein, eine der gewohntesten Redensarten ihres Freundes Ewald sich aneignend.
Vorlage S. 40
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Nun fahren wir über.
Vorlage S. 40
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»Nicht schaukeln! Bitte, bitte, nicht schaukeln, Irene!« fleht Eva, wie sie vorhin »Nicht schütteln!« ängstlich gerufen hat.
Vorlage S. 40
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Die Strömung ist ziemlich heftig und das »Schaukeln« in der Tat durchaus nicht notwendig.
Vorlage S. 40
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»Ja, lassen Sie es lieber, junge Herrschaft«, meint der Vater Klaus. »Erst vor acht Tagen habe ich da ein bisschen weiter unten eine herausgeholt. Die musste ziemlich weit von oben her zugereist sein; hier herum, und so weit unsere Gerichtsherren hinreichen, hat sie niemand gekannt. In Bodenwerder haben wir sie denn auch unbekannterweise beerdigt, und ich bin auch der einzigste gewesen, der mit ihr gegangen ist; und das ist nicht das erstemal in meinem Leben gewesen. So 'n alter Fischersmann will doch nicht so ganz als ein Vieh an seinem Wasser sitzen, sondern sie geben sich, mit Respekt zu sagen, gegenseitig alle Ehren. Ja, so 'nen Wasserlauf soll man nur recht kennen durch die Jahre und Tage und Nächte und alle Witterungen – das ist wohl was Nachdenkliches, junge Herrschaften!«
Vorlage S. 40
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Wir sahen alle nach dem Weidenbusch hinüber, wo die unbekannte Fremde anlandete nach ihrer langen Reise. Irene schaukelt nicht mehr; aber nun sind wir mitten im Strom, und wo ist der Sonnenschein heller als mitten auf den Wassern? Die Wellen flimmern, silberne Flossen schnellen rundum auf, um blitzschnell wieder in der Tiefe zu verschwinden. Wir lassen alle eine Hand in die laue Flut herniederhängen und sie um die erhitzten Pulse spülen.
Vorlage S. 40
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»Na aber, Fritze, dein zarter Teint!« grinst Ewald... »Nun guckt nur, ob seine liebe Nase bei der Temperatur nicht schon abblättert wie eine Zwiebel. Von euch zwei Backfischen sage ich gar nichts; denn ihr seid ja ganz in eurem Elemente, und übrigens wird es euch auch Fritzchens Mama heute abend schon sagen und morgen früh noch einmal.«
Vorlage S. 40
190
Die beiden Mädchen unter ihren breiten Sommerstrohhüten glühen freilich wie die Pfingstrosen; aber von der unbekannten Leiche, welcher neulich unser alter Fährmann in Bodenwerder allein das letzte Ehrengeleit zu Ehren seines Flusses gab, ist nicht weiter die Rede. Wir landen auf dem anderen Ufer, der Vater Klaus bekommt seinen Fährlohn und ruft uns nach:
Vorlage S. 41
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»Also auf das schriftliche Attestat verlasse ich mich. Nachher wünsche ich mir nichts Besseres als die junge Herrschaft bei mir zu Gaste, wenn mal der Mond voll im Kalender steht und der Fisch zutunlich gewesen ist. Und mitsingen tu ich auch. In meinen jungen Jahren habe ich immer über der Bratpfanne alle hübschen jungen Mädchens hüben und drüben in den schönsten Liedern vom Jahrmarkt mit besungen.«
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Es schlägt eben in der Ferne, in Bodenwerder, elf Uhr, als wir lachend, die Mützen und die Taschentücher schwenkend, unseren Weg auf dem Schifferpfade durch Weiden, Röhricht, über die harten Kiesel und Flußmuscheln fortsetzen stromabwärts.
Vorlage S. 41
193
Unser grauer Charon bleibt noch eine ziemliche Weile auf seine Ruderstange gelehnt stehen und sieht uns nach – lächelnd, kopfschüttelnd und eine Prise nehmend. Er hat zu allen diesen drei Äußerungen seiner Meinung und Ansichten über uns vollkommen die Berechtigung und braucht sich nicht im geringsten auf irgend etwas Schriftliches einzulassen.
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Siebentes Kapitel
Vorlage S. 41
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Es ist, als schwände der Vetter in immer unbestimmtere, idealere Ferne Aber wir erreichen ihn und das Seinige doch; und wenn wir ihn haben werden, so wird er hoffentlich um so näher zu Sinn und Herzen wirken und also in der einzig wahren Weise ganz realistisch dasein. Mein Wort darauf, wir wissen Bescheid und stehen mit den echten Wirklichkeiten oder Realien in dieser Welt auf ganz gutem Fuße und verkehren miteinander nicht bloß in Schlafrock und Pantoffeln – denn das will nicht viel bedeuten! –, sondern auch dann und wann im Fest- und Feiertagskleide, und das will viel sagen!
Vorlage S. 41
196
Nun querlandein durch die Sommerglut! Wir haben jedoch glücklicherweise nur noch eine kleine halbe Stunde zu marschieren, bis wir den Steinhof erreichen, und wir legen den Weg nunmehr rasch genug zurück, denn jetzt hält uns nichts mehr auf demselbigen auf. Die Mädchen wollen zwar anfangen, ihre Füße nachzuziehen; aber Ewald, im kurzen Trabe sich zu mir wendend, meint grinsend:
Vorlage S. 42
197
»Jetzt ist es ein wahres Glück, dass sie ihren Magen geradesogut als wir spüren, sie drehten sonst richtig noch um und gingen nach Hause. – Alle Donner, Rührei und Schinken, Kinder, ich sage euch, so fressig wie jetzt ist's mir – seit gestern mittag noch nicht im Leibe zumute gewesen! Ho, jetzt will ich nur wünschen, dass dem Vetter diese letzte Nacht recht lebendig von mir geträumt hat und er sich wenigstens annähernd anständig auf die Visite eingerichtet hat. Nun, Leute, im Notfall steigen wir ihm selber in die Rauchkammer und brechen ihm wie Schillers ganze Bande in seine Würste ein. Die anderen Stücke von ihm, ich meine Schillern – kann er ja dann derweilen mit euch herdeklamieren. Von mir weiß ich Bescheid und sage, erst essen, und zwar ordentlich, und dann meinetwegen soviel Poesie und Geschichte und Philosophie und Ästhetik, als ihr wollt und leisten könnt. Was sagst du, Fräulein Gräfin?«
Vorlage S. 42
198
»Nach dem Essen! In dem Grasgarten im Grase und im Schatten. Lass aber jetzt nur das lange Reden; die Sonne sticht zu arg. Evchen, ach Gott, am besten ist's, man macht die Augen zu und läuft zu und denkt sich lang hin in das Gras in dem Grasgarten unter den großen Kirschbaum.«
Vorlage S. 42
199
»Siehst du! Und heute abend müssen wir auch wieder nach Haus. Oh, ihr habt ja nicht auf mich hören wollen!«
Vorlage S. 42
200
»Mit einer Mamsell wie du drei Schritte über die Gartenhecke hinaus spazierenzugehen ist wirklich ein Pläsier«, brummt Ewald halb höhnisch, halb verdrießlich.
Vorlage S. 42
201
Wäre der Weg noch eine Viertelstunde länger, so ist nicht abzusehen, wie tief unsere Stimmung noch sinken könnte. Das ist die gewichtige Viertelstunde, auf die es in so vielen Erdenlagen und Stimmungen ankommt zu unserem Behagen oder Elend. Wir haben diesmal glücklicherweise nur noch fünf Minuten in einem steinigen, holperichten, ausgefahrenen Feld-und Hohlwege zurückzulegen, um wieder auf allen Höhen unseres jungen, taufeuchten Sommer- und Sonnenrausches festen Fuß zu fassen.
Vorlage S. 43
202
»Hurra, der Steinhof!... Vivat der Vetter Just Everstein!«
Vorlage S. 43
203
»I, i, wat kümmt mi denn da?« sagte der Vetter. »Das ist aber schön! I, siehst du wohl, hier sitze ich nun schon den halben geschlagenen Morgen und warte auf Trost. Da kommt er mir vierspännig, gerade als ich denke, Just, jetzt gehst du zum Essen, ohne dass sie dich suchen, sonst gibt es noch mehr Spektakel und Unfrieden auf dem Hofe, und du hast eigentlich gerade genug für heute davon.«
Vorlage S. 43
Porträt von Raabe, Wilhelm; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Kontextbild zum Werk. Porträt · Raabe, Wilhelm · Wilhelm Immenkamp (1870–1931) · Public domain Bildquelle ↗
204
Er saß wirklich auf einem Stein am Wege unter einem Dornbusch außerhalb seines Erbsitzes, dieser kuriose Vetter; und als er damals aufsteht und gähnt und grinst und sich reckt und dehnt, ist er ein lang aufgeschossener Junge von nicht ganz zwanzig Jahren. Ein vollkommener, aber aus allem rund um ihn und an ihm herausgewachsener Junge. Dass also alles was aus ihm noch werden kann, augenblicklich noch in ihm steckt, ist sicherlich etwas, was nur sehr wenige meiner fraglichen Leser vermuteten. So einer, der etwas selber erlebt und erfahren hat, ist immer klüger als derjenige, welchem er nachher davon erzählt.
Vorlage S. 43
205
»Holla, was schiebst du in die Tasche, Vetter? Richtig, da sitzt er in der Sonne und verstudiert sich weiter! Zeig gutwillig, oder ich ziehe dir mit der Jacke das Fell vom Leibe!« ruft Ewald. »Kinder, jetzt macht er auch Verse!... Gedankenspiele beim Pflügen!... Als Hannchen in die Flachsrotte fiel!... Und da hat er den alten Urlateiner, Vater Bröder, auf dem Feldsteine warm gesessen. Ei, guck mal, Fritze, gerade wie wir auf dem dummen Gymnasium! Was nicht von oben in den Kopf will, dem kommt man viel bequemer mit einem anderen Körperteile bei. Hat jemals jemand so einen verrückten Kerl erlebt? Es ist doch reinewegs nicht zu glauben, was die Menschheit alles leisten kann. Und dann möchte man sich da nicht die Haare darüber ausraufen, dass man nicht die Häute mit seinem Nebenmenschen austauschen kann? O ihr gottverdammten Götter von Rom und Griechenland, was gäbe ich dafür, wenn ich der Bauer auf dem Steinhofe wäre und dieses urverbohrte Monstrum mit seiner lateinischen Grammatik hier ich!«
Vorlage S. 43
206
»Jetzt höre auf oder du wirst langweilig, Ewald«, rief Irene Everstein. »Kommen Sie, Vetter Just, und hören Sie nicht auf den albernen Bengel –«
Vorlage S. 44
207
»Und du bist doch nicht böse, dass wir schon wieder da sind, lieber Just?« fragt Eva. »Die beiden Jungen sind schuld daran; ich wollte eigentlich nicht mit –«
Vorlage S. 44
208
»Und wenn sie alle im Grasgarten im Grase liegen und schnarchen, dann sitzen wir beide wach zusammen, Just!« sage ich, und der Vetter, blöde, freundlich, seelenvergnügt und nicht »urverbohrt«, sondern urverschämt sein glänzend Gebiß im Kreise herum zeigend, steht in unserer Mitte; und es hat gewiss selten einen anderen Menschen gegeben, der sich so wenig wie er um diese Lebenszeit gegen Güte und Bosheit der Welt zu wehren wusste.
Vorlage S. 44
209
Gottlob kommt ihm auch jetzt ein Trost und eine Hülfe aus der Ferne her, nämlich vom Zaun des Steinhofes.
Vorlage S. 44
210
»Da ruft sie zum Essen! Und wir haben gestern ein Rind ich will lieber nicht sagen gegen meinen Willen, sondern wegen Futtermangel, wie sie sagt, geschlachtet. Und jetzt kommt nur rasch; ihr kennt sie ja!«
Vorlage S. 44
211
In Bodenwerder wird es wahrscheinlich gerade zwölf Uhr schlagen. – –
Vorlage S. 44
212
Es ist ein schlechter Boden, sagten die Leute, die sich darauf verstanden, von dem Steinhofe und der dazugehörigen Länderei, und sie konnten nichts dafür, wenn sie es nicht ahnten, was für Prachtgewächse die ser schlechte Boden hervorzubringen vermochte. Es war Jule Grote, die über den Zaun rief, und zwar mit einer Stimme, in die der Himmel alles Gift, was er eben vorrätig hatte gegen die irdischen Zustände, hineingelegt zu haben schien.
Vorlage S. 44
213
Ich kenne es heute viel besser als damals, das gute alte Mädchen nämlich, und weiß, was der Vetter an ihr hatte. Er weiß es ebenfalls heute besser als damals. Damals, das heißt an jenem Tage, schob er uns sich voran auf dem Feldwege durch den kärglichen Haferacker und brummte:
Vorlage S. 45
214
»Ich komme mit; aber, Kinder, ich sage euch, gerne wäre ich heute allein nicht nach Hause gegangen! Es ist alles mal wieder vom frühen Morgen an kopfüber kopfunter gegangen, und ich bin an allem schuld gewesen. Ach Gott, ach Gott, wo ich meine Hände habe, soll ich meinen Kopf haben, und wo ich meinen Kopf habe, da will sie meine Hände sehen. Und dann soll ich meine fünf gesunden Sinne zusammennehmen und bedenken, wozu mich der liebe Herrgott in die Welt und hier auf den Steinhof hingesetzt hat. Und wenn sie nur wüsste, wer ihr all das Elend mit mir eingebrockt hat, sagt sie. Es muss wohl von weit her kommen, meint sie, und das ist das einzige, was sie darüber weiß; und ich, Fritz, ich weiß auch nicht mehr. Sie hat doch meinen Vater gekannt, und meinen Großvater dunkel; von den zwei habe ich es wohl auch etwas, aber nicht ganz, sagt sie, wenn ihr die Hände anfangen vor Ärger zu zittern und sie mit der Schürze vor den Augen abgeht und ich auch und ihr doch nichts in der Wirtschaft in den Weg lege, sondern sie mit der Vormundschaft ruhig regieren lasse hier auf dem Steinhofe. Und dann werde ich doch auch erst nächste Ostern übers Jahr mündig und mein eigener Herr!«
Vorlage S. 45
215
Mit einer uns an ihr ganz fremden Grazie schiebt Irene Everstein ihren Arm in den des armen Teufels und sagt:
Vorlage S. 45
216
»Bitte, Herr Just.«
Vorlage S. 45
217
Das war ganz und gar meine Mutter in ihrem Verkehr mit ihrer Umgebung; aber bei meiner Mutter hatte ich noch nie darauf geachtet, wie vornehm sie mit den Leuten umzugehen wusste.
Vorlage S. 45
218
In diesem Moment aber war es natürlich Herr Ewald Sixtus, Untersekundaner usw., der's bewies, wie weit man mit einer guten Lunge und mit zärtlich tuender Unverschämtheit in der Welt reicht. Mit der ersten erschütterte er durch ein Jubelgeschrei die Lüfte auf eine Viertelstunde im Umkreis, mit der zweiten sprang er über den Zaun des Steinhofes und hing sich der braven Jungfer Grote an den Hals:
Vorlage S. 45
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»Da sind wir wieder, Jule! Sehen Sie, so wird die Sehnsucht endlich doch belohnt! Wie lange stehen Sie denn schon hier und gucken nach mir aus über die Planken, Mamsell Grote? Komm her, Fritz, und gib Pfötchen. Gibt sie dir aber auch einen Kuß, so morde ich dich heute abend auf dem Rückwege. Lebendig kommst du dann nicht wieder auf Schloß Werden an. Und nun rasch, Jule, Sie wissen es, dass Sie für mich zum Fressen sind! Rasch – jeder holt sich Messer und Gabel und seinen Teller selber aus der Küche.«
Vorlage S. 46
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»O herrje, herrje – und die jungen Damens auch wieder!« rief die wackere Haushälterin und Vormünderin auf dem Steinhofe, ächzend sich aus den Armen ihres stürmischen Verehrers und zweiten Lieblings frei machend. »Ich habe es seiner Mutter im Kindbett und Totenbett versprochen, dass ich so lange bei ihm aushalte, als er mich bei sich behält!« sagte sie von ihrem ersten Liebling – dem Vetter Just Everstein.
Vorlage S. 46
221
Nun bekommt Eva Sixtus eine bewillkommnende Hand und dann Irene auch; letztere aber erst, nachdem diese Hand vorher noch einmal in der blauen Kattunschürze unnötigerweise abgetrocknet und abgewischt worden ist.
Vorlage S. 46
222
»Aber das ist mal schön! Nehmen sie es nur nicht übel; aber es ist mein Schicksal: jedesmal, wenn wir die Ehre haben, haben wir gemistet auf dem Steinhofe und ist der Herr Just den ganzen Morgen durch nicht aufzufinden und abzurufen gewesen. Ich brauche nur am Abend zu sagen: ›Just, jetzt passt du mir aber auf die Gottesgabe morgen früh‹, so geht er durch mit sei nen Lateinerbüchern, und ich sitze allein mitten drin in der Wirtschaft und den Tagelöhnern. Was daraus werden soll, weiß ich nicht; na, aber Essenszeit ist's freilich jetzo längst, und nächste Ostern übers Jahr wird er einundzwanzig alt und sein eigener Herr. Ach Gott, gnädigstes Fräulein Gräfin, Ihr Herr Vater sollte nur einmal einen einzigsten Tag lang an meiner Stelle sein! Und – Ihre Mutter auch, Herr Langreuter, aber davon will ich weniger sagen, denn die ist ja auch ein Frauenzimmer und hat das Ihrige durchgemacht in ihrem eigenen Haushalt und bei anderen Leuten.«
Vorlage S. 46
223
Achtes Kapitel
Vorlage S. 47
224
Wie viele schöne, geistreiche, vornehme Menschen habe ich auf meinem Lebenswege kennengelernt!
Vorlage S. 47
225
Auf die körperliche Schönheit am Menschen achte ich sehr genau und mit größester Teilnahme und bin noch heute imstande, einen ziemlichen Umweg zu machen, um ihr in den Gassen und Häusern begegnen zu können. So bin ich zu der festen Überzeugung gelangt, dass ihrer nicht weniger wird in der Welt.
Vorlage S. 47
226
Geist ist im Überfluss vorhanden. Dies weiß ja ein jeder selbst am besten. Wer glaubt nicht, von seinem Überfluss an tausend und aber tausend reichlich abgeben zu können?
Vorlage S. 47
227
Von der Vornehmheit brauche ich eigentlich gar nicht zu reden. Ich habe da nur sehr wenige kennengelernt, die sich in ihrem innersten Herzen nicht zum allerhöchsten Adel der Schöpfung rechneten und jedwede Vernachlässigung, ein jeglich Übersehenwerden dieser schmeichelhaften, aber wahren Tatsache nicht mit den grimmigsten Zugen in das goldene Buch ihrer Selbstschätzung eintrugen. Und je kälter sie dabei lächelten, desto schlimmer war's für den schnöden, mehr oder weniger unbewussten Gleichmacher. Er sank jedenfalls sehr tief in ihren Augen und sofort unbedingt aus allem Anrecht auf irgendwelche Berücksichtigung ihrerseits vollständig heraus. Und das war recht – ist recht und – wird recht bleiben; denn es ist allzu angenehm und kitzelt zu süß um das Zwerchfell herum, um jemals von uns als Recht aufgegeben zu werden.
Vorlage S. 47
228
Nun hinke ich hier durch den kümmerlichen Hafer seines Feldes hinter dem Vetter Just her. Hübsch ist er nicht, schön noch weniger. Geistreich hat ihn noch niemand genannt, und was seine Vornehmheit anbetrifft – nun, so hat er es ja selber gesagt, dass er mit dem etwas recht fraglich gewordenen Wappen seiner Ahnen über seiner Stalltür nicht das mindeste mehr anzufangen wusste.
Vorlage S. 47
229
Was ist es nun, das diesen lang aufgeschlodderten, wehleidigverblüfft um sich stierenden großen Jungen uns als ein Ideal alles dessen, was die Jugend liebhat an der Sonne, der Erde, den Weibern, den Professoren und den Königen, hinstellte?
Vorlage S. 48
230
Eine ganz einfache Sache, nämlich, dass er von allen diesen schönen und herrlichen und großartigen Dingen und Wesen etwas an sich hatte, und zwar das, was die Jugend am ersten und mit der glücklichsten Bewunderung aus ihnen herausfühlt. Die, welchen das zu hoch klingt, haben nie zwischen dem vierzehnten und fünfzehnten Lebensjahre an einem Julitage auf der Erde lang ausgestreckt gelegen und, die Hände unter dem Hinterkopfe, sich – die Sonne ins Maul scheinen lassen, wie die Redensart lautet. Sie haben nie die Großmutter am Winterofen erzählen hören und sie nachher auf dem Sterbebette gesehen; sie haben nie die Wellen rauschen hören, die Aphrodite gebaren; und auf das Rauschen und Leuchten der hellen Sommerkleider im Walde hinter ihnen haben sie auch wenig geachtet. Ihnen hat es, was die Gelehrten anbetrifft, nie imponiert, was die verrückten Kerle im Laufe der Jahrtausende alles möglich gemacht haben. Ganz umsonst für sie ist Alexander von Mazedonien bis zum Indus vorgedrungen und hat sich von dem König Porus durch Heldenhaftigkeit gutwillig besiegen lassen. Heldenhaftigkeit ist nicht in ihnen; sie haben nie die Lebensbeschreibungen des Plutarch unter das Kopfkissen gelegt oder die Kirschblüten im Garten auf sie niederfallen lassen.
Vorlage S. 48
231
Heldenhaftigkeit und somit die Sonne, das Geheimnis und Wunder der Erde, das Weib und die Wissenschaft steckten in dem Vetter Just Everstein.
Vorlage S. 48
232
»Das ist ein ganz drolliger Patron!« sagten diejenigen, welche es immerhin noch ganz gut mit ihm meinten und ihre wahre Meinung über ihn nicht zu schroff äußern wollten.
Vorlage S. 48
233
»Kennen Sie diesen schnurrigen Kauz, den sogenannten Vetter Just, noch nicht?« fragte sich die Gegend weit umher und fügte, ohne die Antwort abzuwarten, hinzu: »Oh, dann lernen Sie ihn doch ja recht bald können; es wird Sie nicht gereuen.«
Vorlage S. 48
234
»Düt is 'nen ganz verrückten Minschen«, meinte der zum Steinhofe gehörige Teil der in diesem Augenblicke in diesen Memorabilien um den Eßtisch auf dem Steinhofe versammelten Tafelrunde. Die das sagten – die Knechte, Mägde und Tagelöhner des Steinhofes –, hatten recht, vollkommen, zweifellos recht: der Vetter Just Everstein war ein ganz und gar verrückter, das heißt ihnen und noch vielen anderen gänzlich ins namenlose Weite entrückter Mensch.
Vorlage S. 49
235
Es war eine Bauernstube der alten, rechten Art, in der wir uns jetzt mit zu Tische setzen. Und es ist der richtige alte Tisch mit den richtigen Näpfen und Schüsseln darauf. Es hat seit dem Jahre 1838, in welchem Jahre der Freiherr von Münchhausen seinen Gastfreund, den Baron Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher, in der Bocage zum Warzentrost als Syndikus bei seiner Luftverdichtungs-Aktienkompanie anstellte, manch liebes Mal mehr voll, ein Viertel, halb und drei Viertel auf dem Kirchtürme von Bodenwerder geschlagen. Der Fortschritt ist wieder ungeheuer gewesen; unsere Bauern sind die »Herren Ökonomen« geworden und gründen längst selber Zuckerfabriken und Luftverdichtungs-Aktiengesellschaften. Ihre Jungfern haben sich »mamsellen« lassen und werden Fräuleins genannt. Fräulein Emerentia von Schnuck-Puckelig ist eine Wahrheit geblieben; aber die Tochter vom Oberhofe ist zu einem schönen Phantasiebild geworden: der treue Eckart – diesmal Karl Leberecht Immermann genannt hat wieder einmal vergeblich am Wege gestanden und warnend die Hand erhoben. Wir haben uns ein Unterhaltungsstücklein aus seinem weisen, bitterernsten Buche zurechtgemacht; – kehren wir rasch auf den Steinhof zurück. Was bleibt auch mir anderes übrig, als mir heute aus den Zuständen der Vergangenheit eine angenehme Gegenwartsunterhaltung künstlerisch-chemisch abzuziehen und das Caput mortuum in den frischesten Wind zu streuen, der augenblicklich vor dem Fenster weht?!
Vorlage S. 49
236
Sie saß schon um den Tisch, die Hausgenossenschaft des Steinhofes, als wir dran und drüber hinfielen. Und da Jule Grote vollständig recht hatte und der Meister bis jetzt noch fehlte, so ging es um ein beträchtliches weniger lehrhaft an der Tafelrunde zu als damals auf dem Oberhofe, als der Jäger zum erstenmal der Unterhaltung zwischen dem Hofschulzen und seinen Leuten zuhörte.
Vorlage S. 49
237
Große Bohnen und gekochten Schinken gab es heute auch hier wie damals auf dem Oberhofe, als der Jäger dort zum erstenmal seinen Platz am Tische einnahm.
Vorlage S. 50
238
Auf des Meisters Stuhl, obgleich er kein Meister war, saß der Vetter. Ihm zur Rechten Jule Grote, ihm zur Linken Irene Everstein. Der zur Seite saß Eva Sixtus und ihr gegenüber ich neben der grimmig-klugäugigen Haushälterin und unbestrittenen Herrin des Steinhofes. Dem Freund Ewald gegenüber lag schwer auf den Tisch hin der Oberknecht, ihm zur Seite saß die Großmagd, und die anderen bis zum Hofjungen schlossen sich in bunter Reihe an. Millionen von Fliegen waren gleichfalls vorhanden, auch Bienen und anderes Flügelgesindel kamen aus dem Garten und der übrigen freien Natur, gerade wie wir von Schloß Werden, ohne vorher um Erlaubnis anzufragen. Die Temperatur in der niedrigen Stube war sehr hochgradig; die Balken der geweißten Decke drückten schwer herab, und es half gar nichts zur Kühle, dass die schmalen, niedrigen Fenster geöffnet standen. Über die Schwelle der offenen Stubentür traten Hahn und Hühner mit erhobenen Füßen ungeniert und ließen auch ihre Naturlaute nicht etwa blöde auf dem Hofe zurück. Hund und Katze konnten frei ein und aus gehen, hielten sich aber so dicht als möglich an uns; und da sie nicht auf dem Tische geduldet wurden, so trieben sie sich wenigstens unter ihm herum und warteten mit nervöser Ungeduld auf alles, was von ihm für sie abfiel. Von der Wand hinter dem Vetter Just mahnten die Zehn Gebote, sehr bunt unter Glas und Rahmen, zu ihrer Beobachtung. Hinter dem kleinen Spiegel zwischen den Fenstern fehlten die Pfauenfedern und neben ihm der Kalender des laufenden Jahres nicht. Seltsam berührte (ich darf diese kitzelnd zugespitzte moderne Redensart an dieser Stelle wohl anwenden) nur der Ofen hinter mir, und nicht als solcher, sondern durch das, was auf ihm stand. Auf ihm stand nicht etwa der alte Fritz in Gips mit seinem Krückstock oder der Kaiser Napoleon mit untergeschlagenen Armen (beides hätte durchaus nicht seltsam berührt!), sondern es stand da in einem hübschen Miniaturgipsabguß, wenngleich ziemlich gelb angeschmaucht – die Mediceische Venus der gesamten Tafelrunde des Steinhofes gegenüber.
Vorlage S. 50
239
»Und da ich sie mir einmal von so 'nem wandernden Italiener mit seinem Brett auf dem Kopfe angeschafft habe, so bleibt sie da auch stehen, Fritz!« hatte mir der Vetter gesagt. »Es braucht ja keiner s' anzugucken, wenn er nicht mag; – ich habe mein Geld dafür gegeben, Fritz. Sieh mal, ihr anderen und dann alle berühmten Menschen in der Welt habt nur das vor uns voraus, dass ihr euch vor dergleichen nicht fürchtet und schämt. Guck mal, mir geht es noch schwer ab, dass ich darüber rede, und ich täte es auch ganz gewiss nicht, wenn du nicht auch mit den anderen deine schlechten Witze darüber gemacht hättest. Lass mir aber nur mal einer einen mit dem Besenstiel dran rühren! Dafür hat die weiße Gipsmadam doch zuviel gekostet!«
Vorlage S. 51
240
Dieses letzte Wort bringt mich auf die wenigstens auf dem Papier noch gegenwärtige Stunde zurück.
Vorlage S. 51
241
»Anderwärts als hier auf dem Steinhofe esse ich sie nicht, und wenn der Tod darauf stünde«, sagt Ewald, schmatzend wie eines jener unwählerischen Tiere, für welche der Schöpfer die wackere Hülsenfrucht Vicia Faba hauptsächlich erschaffen haben soll. »Evchen mag sie nur ihres Geruches in der Blüte wegen, und Irene isst sie nur, weil sie schauderhaft hungrig ist und meinetwegen, nämlich weil sie im Heroismus nicht hinter mir bleiben will. Fritze frisst natürlich alles herunter, ohne darüber nachzudenken; und Sie, Jungfer Grote, bitte, noch 'n Stück aus dem Fetten. Schad't nichts, wenn auch ein bisschen nah vom Knochen. Die Würmer sind ja mit im Kessel gewesen, Jungfer Jule –«
Vorlage S. 51
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»I, so höre einer! Ein ganz nichtsnutziger Junge bist du«, stammelt die Wirtschafterin des Steinhofes, »und –«
Vorlage S. 51
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»Und beißen einen Sekundaner, den seine Herren Lehrer längst schon Sie anreden müssen, nicht mehr.«
Vorlage S. 51
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Ein breites, glänzendes, zähnefletschendes Grinsen geht um den ganzen Tisch. Die Knechte stoßen ihre Nachbarn mit dem Knie an, die Mägde kichern, und nur der Hofjunge schlingt ungerührt weiter.
Vorlage S. 51
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»I, so soll mich doch!... Nun höre einer!... Ach, herrje, bist du auch schon so lateinisch? Du?... Was kosten denn jetzt die Rohrstöcke bei euch auf Schulen? Sind wohl höllisch dies Jahr mißraten in Hinterpommern oder wo sie wachsen, weil du mir hier Glocke zwölf am Tage so kommst wie ein Maikäfer, wenn's Abend wird?! Herr Langreuter, Sie verdirbt er auch noch in Grund und Boden; und er ist es auch allein, der alle Augenblicke mit Ihnen hierher nach dem Steinhofe hervagabundiert, dass Sie, Fritzchen, mir meinen Jungen da, meinen Just, noch mehr aus seinem Menschenverstande heraus verführen, was eine Sünde ist, mehr als ich sagen kann, und was seine Schwester auch wohl weiß, und wenn ich nur nicht die lieben Gesichterchen so gern auf dem Steinhof hätte, so wollte ich schon noch mehr sagen; aber die gnädige Frölen Gräfin darf's mir dreiste glauben, ich nehme es keinem übel, wenn er es anders gewohnt ist bei Tische, und große Bohnen sind freilich nicht jedermanns Sache, da hat der Junge recht.«
Vorlage S. 52
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»Wenn Sie den hier meinen, Jungfer Grote«, lacht Irene Everstein, mit ihrer Gabel auf Freund Ewald deutend, »so sollte ich nur mal 'nen Augenblick lang Ihren großen Löffel da in der Hand haben! Ach, herrje, ich würde ihm deutsch auf sein Lateinisch geantwortet haben. Und übrigens haben sie ihn auch nur deshalb mit nach Sekunda genommen, weil er ihnen für Tertia zu lang geworden ist. Wachsen kann jeder, und wir auch; nicht wahr, Eva?«
Vorlage S. 52
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Sie stand auf, und da alle sie darauf ansahen, sagte sie:
Vorlage S. 52
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»Ich will mir nur ein Glas Wasser vom Brunnen holen.«
Vorlage S. 52
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»Bleib sitzen, das will ich dir besorgen«, sagte der Vetter Just, gleichfalls aufstellend. »Du weißt doch, Irene, dass dir die Winde zu schwer ist. Es springt hier nicht so bequem aus einem Löwenmaul wie bei euch auf Schloß Werden.«
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Er erhob sich tölpisch genug von seinem Stuhl; aber Ewald Sixtus und ich, wir waren ruhig sitzen geblieben; und es ist auch heute erst, in der Erinnerung der fernen Vergangenheit, dass mir das bemerkenswert erscheint. Ich schätze es übrigens jetzt für ein Glück, dass die Feinfühligkeit nicht bei allen Menschen mit den Jahren wächst. Wer würde es aushalten können in einer Welt, in welcher dieses die Regel wäre und die Leute ohne das in keiner Achtung stehen und es auch nicht zu Vermögen bringen könnten?
Vorlage S. 52
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Jule Grote sah ihrem vierschrötigen, langen, unmündigen Mündel mit einem Ausdruck von verdrießlichem Jammer nach, der sich gar nicht beschreiben lässt. Sie hob den Löffel zum Munde; aber sie ließ ihn wieder auf den Teller sinken und brummte:
Vorlage S. 53
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»Da danke einmal einer dem lieben Herrgott für die gute Gottesgabe!« Und dann grimmig sich zu Ewald Sixtus wendend, rief sie:
Vorlage S. 53
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»Dich sollte dein Vater aus alter Freundschaft von Schulen abtun und hierher auf ein halb Jahr zur Probe in die Wirtschaft geben. Vielleicht brächtest du ihn noch aus der Unvernunft heraus und zu ordentlichem Sinn und Gedanken. Von euch anderen aber ist es mir eine große Ehre und Pläsier; aber besser ist's doch, ihr bleibt mir so weit als möglich weg vom Steinhofe. Was nutzt der Kuh Muskate? Und was haltet ihr mir den Bauer auf dem Steinhofe noch mehr von der Arbeit ab? Soweit meine Besinnung reicht, haben sie zwarst alle, vom Vater zum Sohn, hier auf dem Hofe 'nen Vogel im Kopfe mit in die Welt gebracht, aber solch ein nichtsnutzig ganzes Nest wie dieser doch keiner! Du lieber Himmel, was daraus werden wird, weiß ich; und doch liege ich Nacht für Nacht wach und bitte, dass einer kommt und es mir sagt, gerade als ob ich es wie das höchste Glück nie genug hören könnte! O ihr junges Volk sollt es nur auch erst einmal erfahren haben, wie es dem Menschen zumute ist, wenn er sich so an seine Sorge anklammern muss und um seinen Willen gar nicht gefragt wird dabei!«
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Das war gerufen und doch nur über den Tisch geächzt – »der Leute wegen«; – als ob die nicht schon längst Bescheid und den Vetter Just zu nehmen gewusst hätten, wie sie ihn gebrauchen konnten. Ihnen war es ganz bequem so, wie er war; und Jule Grote hatte recht, vollkommen recht in ihrem Jammer und Ingrimm: der Steinhof musste zugrunde gehen unter einem Bauer wie der Vetter Just Everstein.
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Doch der Vetter Just ist eben mit dem Glase klaren Wassers aus seinem Ziehbrunnen für die Komtesse Irene zurückgekommen. Er hat fein ein Klettenblatt darunter gelegt, und ein Bär könnte es nicht zierlicher präsentieren. Endlich sind wir alle satt – sogar der Junge vom Hofe ist satt und äußert es durch einen klagevollen Laut, der aber nicht allein Seufzer ist und auch nicht bloß aus der Tiefe seines Busens sich emporringt. Ein jeder geht, mehr oder weniger gutwillig, wieder an seine Arbeit; nur der Vetter Just nicht, der doch am gutwilligsten gehen sollte. Und wir nicht; denn dazu sind wir wahrhaftig nicht vom Schloß Werden durchgebrannt!
Vorlage S. 54
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Wir liegen, wie wir es uns auf jeder schattenlosen Stelle unseres Weges lockend ausgemalt haben, im hohen Grase, im Grasgarten des Steinhofes unter dem großen Kirschbaum; der Vetter Just Everstein aber sitzt in unserer Mitte am Stamm des Kirschbaumes und hält die Knie mit den langen Armen umschlungen. In der Küche hält Jule Grote die Kaffeemühle im Schoße und schüttelt die Haube und wirft bedenkliche Blicke durch das kleine Fenster nach ihren Gästen und ihrem in aller Welt nichts nützen jungen Herrn und Meister. Dieses aber gehört besser in ein ander Kapitel, und ich beginne das sofort.
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Neuntes Kapitel
Vorlage S. 54
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Es war nicht der erste Everstein mit einem Nagel oder Vogel im Kopf, den der Steinhof erzeugte. Es hatten schon mehrere des Namens die Umgegend in Erstaunen gesetzt; und dieser Freund Just war auch nicht der erste, den die Gegend »Vetter« nannte und von dem sie nach jedem Nachbarschaftsbesuche mit der Hand im Haar oder mit dem Knöchel des Zeigefingers vor der Stirn Abschied nahm und sich auf dem Heimwege fragte:
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»Ist denn das 'ne Möglichkeit?«
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Der Vetter Just musste es aber doch wohl in der Absonderlichkeit allen seinen Ahnen zuvortun; und was zuviel ist, das ist zuviel! »Vieles hat er von seinem Großvater und seinem Vater, aber nicht alles«, sagte Jule Grote.
Vorlage S. 55
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»Der verfluchte Junge. Totschlagen könnte ich ihn alle Tage ein paar Male!« pflegte sein seliger Vater zu seufzen. »Und totgeschlagen hätte ich ihn auch schon längst, wenn mir da nicht immer sein Großvater in das Gedächtnis käme, Nachbar, und ich mir denken müsste, was kann er denn eigentlich dafür, wenn's ihm einmal im Blut steckt?! Mich hat's wohl gottlob übersprungen; aber seinen Großvater hättet Ihr kennen sollen, Nachbar. Na, richtig, Ihr habt ihn ja gekannt, und so müsst Ihr doch auch sagen, dass so 'ne Weisheit, als der prästierte, auch nicht allenthalben und immer für Geld und gute Worte zu haben ist. – So nehme ich ihn denn am Kragen und schüttle ihn in der hellen Wut, und er sieht mich dumm an und sagt nichts oder sagt: ›Ja, Vater!‹, und dann muss ich ihn wieder laufen lassen; – denn, Herr Amtmann, Sie sagen wohl: ›Das müssen Sie eben nicht tun, Everstein, sondern Sie müssen sich und dem Bengel einen Zwang antun‹, aber nun ist denn dieses wieder nicht in meiner Natur. Ich kann leider Gottes den Grimm und die Wut über den Nichtsnutz nicht festhalten über dem Nachdenken über ihn. Es ist eben unsere Natur! Was für die anderen Bauern der Mist ist, das sind für uns hier auf dem Steinhofe die Hirngespinste und Spintisierereien; und seit Olims Zeiten ist das so mit uns gewesen. – Ja, Sie haben recht, Base, dass das nicht so weitergehen kann, wenn der Steinhof nicht zugrunde gehen soll, wenn ich mal die Augen zutue; aber Sie sind ein verständig Frauenzimmer, Base, und so will ich Ihnen denn meinen letzten Trost nicht vorenthalten. Sehen Sie mal, was hat uns auf dem Steinhofe seit mehr denn hundert Jahren immer wieder rausgerissen? Die gütige Vorsehung! So ist das bei meinem Vater gewesen und bei dem seinen und so weiterfort rückwärts. Immer hat sich noch, wenn die Not am größten war – ein vernünftig Weibsbild gefunden, dem das Elend jammerte und das also ein gut Werk an uns tat und – uns nahm. Von meiner will ich nicht reden; aber seit sie auf dem Kirchhofe liegt, vermisse ich sie doch auch recht sehr! Aber meine Mutter, als was Justs Großmutter nun ist, das war eine Frau! Wenn ich da an meinen seligen Vater denke, so kann ich nur die Hände zusammenlegen und sagen: Uh jemine!... Und sehen Sie, Base, auf so eine hoffe ich denn auch zum Besten von meinem Strick von Jungen da und bei allem, was nach uns kommt auf dem Steinhofe. Die Weibsleute haben uns noch immer aus dem blauen Nebel und allen Dummheiten herausgeholt. Denn was Sie auch sagen mögen, Base, angewiesen seid ihr ja doch allesamt mit eurem ganzen Interesse auf uns, wenn ihr uns mal genommen habt, eure uneigennützlichen Gefühle beim Jasagen ganz unbesehen. Sie brauchen da nur an den Ihrigen und sich selber zu denken, wenn Sie es mir erlauben, Frau Base.«
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Für die Richtige war es wohl noch ein wenig zu früh am Tage.
Vorlage S. 56
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»Wenn die Zeit kommt, werde ich mich nach ihr schon auf die Lauer legen, wie es mein Vater für mich getan hat und den sein Vater für ihn«, pflegte der Alte einer jeden solchen sorgenvollen Erörterung als Schluss anzuhängen. Leider erging es ihm wie den meisten Erdenbewohnern: er starb an einer Erkältung in der Heuernte, ehe er sich nach der Rechten auf die Lauer gelegt hatte; und der Junge hatte dann auch nicht weiter nach ihr gesucht, sondern die Tage und sein Wachstum in ihnen hingenommen, wie's ihm kam, unter staatlicher Obervormundschaft und unter der Pflege und Vormundschaft von Jule Grote.
Vorlage S. 56
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Die Sommersonne scheint auf den dichtbelaubten Kirschbaum, und Licht und Schatten halten ihren flimmernden Tanz auf dem weichen Grase unter ihm. Irene hat ihren blonden Kopf in Evas Schoß gelegt und ist dem Schlafe näher als dem Wachen. Ewald liegt lang ausgestreckt auf dem Bauche, hält seinen Kopf auf beide Fäuste gestützt und starrt blinzelnd auf den Vetter und zuckt mit den Ellenbogen, als ob er die ganze Welt in die Seite stoßen und sie gleichfalls auf ihn aufmerksam machen möchte. Auch ich halte in der grünen Kühle die Augen nur mit Mühe offen; aber annähernd horche ich doch auf alles, was hin und wieder gesagt wird, und gehe auch wohl mein Wort mit drein.
Vorlage S. 56
265
»Wenn du lange genug nachgedacht hast, so darfst du meinetwegen dreist sagen, was du denkst, Just. Wenn ich satt bin und weich liege, kann ich allen Unsinn ruhig anhören, Vetter Just«, spricht Ewald mit einer Miene, als ob er noch nie während seiner gelehrten Laufbahn vom Klassenlehrer einer unverschämten Redensart wegen zur Tür hinausbefördert worden sei.
Vorlage S. 56
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»Ich denke ja an gar nichts!« antwortet der Vetter Just. »Was sollte ich denn denken?«
Vorlage S. 57
267
Irene von Everstein, ihre Augen halb öffnend, murmelt:
Vorlage S. 57
268
»Solch einem dummen Jungen antwortete ich auch das nicht einmal, Just. Er soll drei Bäume weitergehen und uns hier unter unserem jetzt ungeschoren lassen. Das ist meine Meinung.«
Vorlage S. 57
269
»Und meine auch!« ruft Evchen Sixtus mit ganz ungewöhnlicher Energie.
Vorlage S. 57
270
»I, sieh einmal, Jungfer Naseweis! Bist du auch noch da? In deiner Stelle wäre ich längst in der Küche, um Donna Julia Cichoria beim Kaffeekochen und in ihrem Kummer um ihren dummen Jungen zu unterstützen. Was ist deine Ansicht von der Sache, Fritzchen?«
Vorlage S. 57
271
»Halt's Maul und lass mich wenigstens in Ruhe, Ungeheuer.«
Vorlage S. 57
272
»Und dies soll nun nicht grob sein?!« brummt das »belebende Prinzip« in unserer Gesellschaft, dreht sich auf die Seite und grinst: »Bist du mir böse, Just?«
Vorlage S. 57
273
»Seit dem schönen Wetter zu Anfang voriger Woche habe ich euch hier schon voraufgerochen. Jetzt ist es nett von euch, dass ihr mal wieder da seid. Ne, böse bin ich dir gerade nicht; denn Fritz und deine Schwester und Fräulein Irene wissen es, dass man auf keinen gern wartet, auf den man nicht jeden Morgen nach der Witterung ausguckt.«
Vorlage S. 57
274
»Sehr schön gesagt!« brummt Ewald, jetzt wirklich sich abseits und unter einen etwas entfernten Stachelbeerbusch wälzend. »Gute Nacht, alle miteinander! Wenn wieder mal was Interessantes vorkommt, so weckt mich freundlichst. In Gehörweite für euren Unsinn bleibe ich euch zu liebe. Na, das Blech!«
Vorlage S. 57
275
Die Sonne liegt auf allen Bäumen des Grasgartens des Steinhofes; aber die Vögel in den Bäumen haben bereits ihre Siesta beendigt und fangen von neuem an, munter zu werden, um den trotz seiner Länge so kurzen schönen Tag so vergnügt und glücklich als möglich auszunutzen – gerade wie wir. Die Komtesse sitzt wieder aufrecht und sehr helläugig da. Ihre Augen glänzen vor mädchenhaft lustiger Mutwilligkeit, als sie sagt:
Vorlage S. 57
276
»Hört nur, er schnarcht schon, der Unmensch! Jetzt sind wir unter uns. Rückt alle zusammen; – und nun sagen Sie, Vetter Just – es hört keiner zu als ich und Eva, Fritz und die Spatzen im Baum, und wir meinen es alle ganz ernst –, haben Sie es hübsch weitergebracht, seit wir zum letztenmal hier auf Besuch waren?«
Vorlage S. 58
277
Mit seinem tölpischsten Lächeln sieht der Vetter in die Ferne:
Vorlage S. 58
278
»Wieso soll ich es denn weiterbringen, wenn ich nicht mal weiß worin?«
Vorlage S. 58
279
»Ach, verstellen Sie sich nur nicht, Vetter! Bitte, sehen Sie nicht so dumm aus! Damit machen Sie anderen Leuten was weis, aber uns nicht. Sie studieren sich immer weiter hinein bis zum Klügsten von uns allen, und das sind Sie auch von Natur schon lange; und nun werden Sie nur nicht rot, denn das nützt Ihnen noch viel weniger als das Dummaussehen. Sie studieren ja alles rundum verrückt, sagt Jule Grote; – sich selber – sie – den ganzen Steinhof. Und wo das enden will, weiß sie nicht, sagt sie.«
Vorlage S. 58
280
»Es ist auch nur Ewalds Neid, weil er für das, was einem anderen soviel Vergnügen macht, soviel Prügel von seinen Herren Lehrern gekriegt hat«, meint Evchen Sixtus schüchtern, und: »Unsinniges Volk!« klingt es von dem Stachelbeerbusch faul und schlaftrunken her.
Vorlage S. 58
281
»Ja, es ist ein Spaß!« sagt der lange, im nächsten Jahre mündige Vetter Just Everstein und verzieht den Mund wie ein ausgelachtes Kind, und – heute weiß ich genauer als damals, was das Auslachen und Ausgelachtwerden unter den Menschen bedeutet seit den Tagen des Urvaters Noah. Ich lache viel seltener als damals aus eigenem Antrieb, und noch viel seltener lache ich mit.
Vorlage S. 58
282
Damals lachte ich mit, und zwar in die grinsende Bemerkung von dem Stachelbeerbusche her:
Vorlage S. 58
283
»Hu, der alte Bröder! Schlag ihn doch mit unserem Zumpt auf den Kopf, Fritze! Uh; na, mein Junge soll's besser haben als ich.«
Vorlage S. 59
284
Wir achten, was unsere Unterhaltung unter dem Kirschbaum anbetrifft, von jetzt an nicht im mindesten mehr auf die Stimme vom Stachelbeerbusch her.
Vorlage S. 59
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»Es ist die lateinische Grammatik gar nicht«, stottert der Vetter.
Vorlage S. 59
286
»Sondern deines Großvaters ganzer Bücherschrank, den du mit dem Steinhofe von deinem Vater geerbt hast, Just. Funkes Naturgeschichte, Blancs Geographie, der ganze Schiller, Goethes Götz von Berlichingen und Werthers Leiden, Engels Philosoph für die Welt, Nathan der Weise, Minna von Barnhelm, Emilia Galotti, das Mildheimische Not- und Hülfsbuch, das Mildheimische Liederbuch, Beckers Weltgeschichte und die Geschichte von dem Schweizer Schullehrer Pestalozzi –«
Vorlage S. 59
287
»Hat der Kerl auch ein Buch geschrieben?« fragt der Stachelbeerbusch. »Bist jetzt habe ich gemeint, dass der nur den General Wallenstein nicht mit ermordet hat.«
Vorlage S. 59
288
»Ach, das war ja ein ganz anderer!« ruft Eva Sixtus noch einmal gutmütig, und:
Vorlage S. 59
289
»Halt endlich deinen Mund, Sixtus!« rufe ich auch noch einmal, aber gutmütig gerade nicht, und:
Vorlage S. 59
290
»Wer spricht denn eigentlich mit euch?« klingt es unverschämt zurück. »Nicht einmal träumen darf man wohl mehr von euch verrücktem Volk? Natürlich, der Herr Vetter darf ruhig am hellen, lichten Tage nachtwandeln gehen, ohne dass es einem anderen auffällt als höchstens der Jungfer Jule. Schön also – und noch einmal gute Nacht!«
Vorlage S. 59
291
Er trifft mit seinen nichtsnutzigen Redensarten dann und wann sonderbarerweise den Nagel auf den Kopf, der gute Freund unter dem Stachelbeerbusch. Wir betrachten uns alle von neuem den Vetter Just Everstein unter seinem Kirschbaum und sehen ihn uns auf das Wort von dem Nachtwandeln hin an.
Vorlage S. 59
292
Er lässt die Knie fahren, reibt sich die langen Beine eine Weile sehr nachdenklich, windet sich sozusagen an sich selber langsam und mühselig in die Höhe, hat mich dabei, ohne dass ich den geringsten Widerstand zu leisten imstande bin, mit emporgezogen und sagt:
Vorlage S. 59
293
»Komm du mal mit, Fritz. Ihr anderen könnt uns rufen, wenn der Kaffee fertig ist.«
Vorlage S. 60
294
Er hält mich mit eisernem Griffe am Oberarm, tritt über den Kameraden unter dem Stachelbeerbusche weitbeinig hinweg und nimmt mich mit sich, und ich weiß schon wohin; denn es ist nicht das erstemal, dass er mich in dieser oder doch einer ganz ähnlichen Weise abseits führt. Und ich weiß auch schon wozu; denn es ist nicht das erstemal, dass er sich an mich hält, wenn die anderen und die Welt ihm und er selber sich zuviel werden. Damals lachte ich ebenfalls; heute sehe ich sehr ernsthaft aus, wenn Leute Vertrauen in mich setzen, Rat von mir haben wollen und sich auf mich mehr als auf andere verlassen zu dürfen glauben. Ich habe im Laufe der Zeiten allzuviel von meinem Grundvermögen an Selbstvertrauen ausgegeben und eingebüßt, um das Ding jetzt noch bequem, leicht und vergnüglich nehmen zu können – ach, armer Vetter Just, und wie fest und angsthaft verließest du dich an jenem Sommertage auf meine Schülerweisheit und wolltest Licht daraus für deinen ganzen tapferen, guten, großen Lebensweg! Mein bester Trost ist da heute, dass dir damals noch viel weniger damit geholfen gewesen wäre, wenn ich dir mit der vollen Summe meiner jetzigen Weisheit hätte aufwarten und zu Hülfe springen können!
Vorlage S. 60
295
Es befindet sich in einem Erker im Dache des Wohngebäudes auf dem Steinhofe ein einfenstriges Gemach, von dem aus man eine weite Aussicht hat über Wälder und Felder, ferne und nahe Hügel und Berge, eine Aussicht, so gut sie eben ein Blick, dem Lande Westfalen zu, liefern mag. Die Wände sind vor fünfzig Jahren vielleicht zum letztenmal geweißt worden. Der Gipsfußboden ist in den kuriosesten Mustern nach allen Richtungen hin gesprungen und senkt sich ziemlich schräg von dem Fenster der Tür zu. Urväterhausrat ist der Ofen, der Tisch und die zwei Stühle. Urväterhausrat ist der Schrank, der des Großvaters Bücherei enthält. Ein gut Drittel alles Raumes nimmt des Vetter Justs Bettsponde ein, in welcher der Vetter, ganz entgegen der landesüblichen Gewohnheit, auf Stroh schläft und auch nicht unter dem gewohnten Federgebirge und kugelartigen Deckbett.
Vorlage S. 60
296
»Er ist ein Monster in allem, was er tut und lässt!« stöhnt Jule Grote jedesmal, wenn sie den Schlüssel in der Tür steckend findet oder ihn sich mit Gewalt erobert.
Vorlage S. 61
297
Der Vetter, der meinen Arm auch auf der Treppe nicht losgelassen hat, befördert mich mit einem plötzlichen Schub und Stoß in die Mitte seines Heiligtums. Hastig verschließt und verriegelt er die Pforte von innen, dann wendet er mir ein von verschämtem, aber glückseligstem Lächeln verklärtes Gesicht zu und seufzt aus tiefster Brust:
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»So! Nun lass sie kommen!... Willst du eine Zigarre, Fritz?«
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299
Ich weiß, obgleich ich selber nichts weiter als ein »dummer Junge« bin, womit ich dem alten wundervollen Jungen in diesem Raume zu Gefallen sein kann wie niemand sonst in der Welt. Und die Luft in diesen engen vier Wänden muss von sonderbaren Sporen und Keimen erfüllt sein: Dschinnistan ist für uns beide da; die träge Verdauungsstunde unter den Bäumen des Grasgartens, aus dem wir eben die Treppe heraufgekommen sind, ist wie in ein fern vergangenes Jahrhundert entrückt, ich sitze auf dem Bette des Vetters, und er hält mir das brennende Schwefelholz an den dargebotenen Glimmstengel und flüstert glänzenden Auges:
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»Langreuter, ich habe ihn heraus!«
Vorlage S. 61
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Es ist ein süßes Blatt, das ich da verqualme; aber ins Husten gerate ich doch darüber, und zwischen dem Husten frage ich:
Vorlage S. 61
302
»Wen hast du heraus, Just?«
Vorlage S. 61
303
Ein Schlag auf die Schulter wirft mich zurück auf den Strohsack und mit dem Hinterkopf an die Wand.
Vorlage S. 61
304
»Den Magister matheseos!... Es ist, weiß Gott, richtig! Das Quadrat der Hypotenuse ist wahrhaftig so groß wie die Summe der Quadrate der beiden Katheten am rechtwinkeligen Dreieck!«
Vorlage S. 61
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Ich reibe mir wohl den Hinterkopf ein wenig; aber so betäubt haben mich der körperliche Puff und die geistige Überraschung doch nicht, dass ich nicht mit Herz und Seele, mit Armen und Beinen und vor allem mit einem Hurra aus gesunder Lunge an der wissenschaftlichen Errungenschaft des Vetters teilnehmen könnte.
Vorlage S. 61
306
»Das ist famos! Das ist brillant! Just, das ist großartig!... Und ganz allein aus dir selber; – das ist riesig –«
Vorlage S. 62
307
»Ich habe dich auch bloß dazu mit hier heraufgenommen. Jetzt brauchst du nur noch zu brüllen: Das ist borstig! Das ist haarig! – und wir können wieder zu Ewald und den Mädchen in den Garten hinuntergehen, Fritz!«
Vorlage S. 62
308
Es kommt einem gewöhnlich erst, lange nachdem man alle seine Examina hinter sich hat, wie schwer es ist, mit den wirklichen großen Herren aus Dschinnistan umzugehen, und – den meisten kommt es gar nicht. Die lobwürdigsten Examina in sämtlichen Brotfächern tun da nicht das geringste zur Sache. Mit wahrer Subtilität will nur immer das behandelt sein, was hinter dem berühmten Kanzler Oxenstjerna steckt, nicht der wenige Verstand in ihm – nach seinem eigenen Wort –, der dazu gehört, um die Welt militärisch und civiliter zu verwalten.
Vorlage S. 62
309
»Du hast recht, Vetter«, sage ich kleinlaut zurück; »vergib mir nur noch mal das Dumme-Jungen-Betragen. Na, alter Kerl, gib mir die Hand. Dass ich mich riesenhaft freue, wenn es dir gut geht, weißt du ja. Und dass du ein nobler Kerl bist und zwanzigmal mehr wert als wir anderen miteinander, das weiß ich. Und jetzt komm hierher an den Tisch und beweise mir das nichtsnutzige Untier Von Lehrsatz gleichfalls. Was die verdammte Bestie mich an Schweiß und Blut gekostet hat, das wissen die Götter. Und frage nur Ewald. Mathematik ist seine Force, aber drei Glatzköpfe könnten sich Perücken aus den Haaren machen lassen, die er sich darüber ausgerauft hat, und vom Oberlehrer Dr. Grimme weiß ich es fest: er trägt eine aus dem Busche, der auf Ewalds Kopf gewachsen ist, und hat sich das Material selber mit den Wurzeln ausgezogen.«
Vorlage S. 62
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»Den Witz habe ich schon einmal anderswo in Büchern gelesen, Fritz«, meint der Vetter.
Vorlage S. 62
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»Dann kannst du dich fest darauf verlassen, dass es gar kein Witz ist, sondern eine richtige, schreckliche Wahrheit, Just. Frage nur Ewald danach.«
Vorlage S. 62
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Nun hängen wir über dem Tische, und der Vetter Just Everstein beweist mir den Magister. Es müsste ein gut Stück vom einstürzenden Himmel dem Erben und Meister des Steinhofes auf den Kopf fallen, um ihn zum Aufgucken zu Veranlassen. Er verwickelt sich und gerät auf falsche Fährten und gerät auch sich mit der Faust in den blonden Haarwulst. Er findet sich wieder zurecht, und es wird licht und immer lichter vor und in seinen Augen. Endlich ist er siegreich durch und sein autodidaktischer Triumph vollständig.
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313
»Hurra!... Weiß Gott, er hat den Pythagoras unter sich und kniet ihm auf der Brust!... Vetter, du bist ein Riese! Und auch dies hast du alles aus dir selber...?«
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314
»Und aus Büchern!« sagt der Vetter Just Everstein viel verschämter als ein junges Mädchen, dem man zum erstenmal sagt, dass es hübsch sei. Die junge Dame auf dem Ball erfährt da natürlich nichts, als was sie sich schon längst selber mitgeteilt hat; der Vetter Just aber weiß von nichts, was ihn selber angeht, und glaubt am meisten noch der Mamsell Jule Grote, die ihm jeden Tag von neuem zu hören gibt, dass er der größte Nichtsnutz, Unverstand und Tagedieb sei, den der liebe Herrgott in seinem Zorn zu ihrem Elend in die Welt und auf den Steinhof habe hinsetzen können.
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Von den »Büchern« kommen wir natürlich auf des Großvaters Bücherschrank. Dschinnistan – Genieland, Geisterland öffnet seine Pforten immer weiter. Wir haben längst alle Berechnung darüber verloren, was es in Bodenwerder geschlagen haben mag auf dem Kirchturme. Wir kümmern uns nicht im geringsten darum, dass es auch auf dem Steinhofe eine Uhr gibt, die ziemlich richtig die Zeit anzeigt und von Jule Grote gewissenhaft immer von neuem aufgezogen wird.
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Wir sind zum Kaffee gerufen worden und haben nur geantwortet:
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»Ja, gleich. Im Augenblick!«
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Irene hatte Freund Ewald die Augen mit ihrem Taschentuch verbunden, und er hat den Blinden im Blindekuhspiel recht gut zu spielen gewusst. Wir haben das helle Lachen und Kreischen wohl vernommen und dabei aufgeguckt und gefühlt, dass es in dieser engen Kammer unter dem Dache an diesem Julinachmittage ziemlich schwül sei trotz dem offenen Fenster; aber wir haben auch diesen Lockungen nicht Folge geleistet, sondern nur wiederholt:
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»Ja, gleich! Wir kommen ja schon!«
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320
Damals brummte mir der Kopf, als Ewald Sixtus zuletzt eine Leiter mit Hülfe des Hofjungen vom Schafstall herüberschleppte, sie am Hause emporrichtete und plötzlich durch jaches Erscheinen in der Fensterbank und unbändig Geschrei uns mit roten Köpfen und offenen Mäulern aus Traumland und Literatur vom Ende des achtzehnten und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in die Welt der Wirklichkeit und in die Gegenwart zurückriß. Heute weiß ich ganz genau, wie das Schicksal, wahrscheinlich mit dem Finger an der Nase, über den Vetter Just Everstein dachte, nämlich:
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»Höre, lieber Sohn, dich kenne ich wie alles übrige gut genug, um dich wie alles übrige auswendig zu wissen. Du würdest mir ein netter Halm geworden sein, wenn ich dich von deinen Eierschalen an auf den Mist gesetzt hätte, der dir heute dein Ideal ist. Dich hätte ich wohl verbrauchen sollen als dyspeptischen Professor der Philologie und dysoptischen Doktor der Philosophie nicht wahr?! Ne, ne; nicht rühran! Hier wächst du mir mit deinen Spinnen im Kopfe auf deinem angeerbten höchst realen väterlichen Dünger und in der Gesellschaft von Jule Grotes Ferkeln und Küken auf. Nachher werden wir weitersehen und den Kerlen mit ihren Systemen beweisen, dass doch auch in unserem Durcheinander und Kopfüber-Kopfunter ein gewisses System vorhanden ist! Bitte, geniere dich ja nicht, du Tropf! Rede mir nur drein und zappele dich ab, um dir und mir meine Widersinnigkeit zu beweisen. Es haben mich schon ganz andere Völkerschaften und Herrschaften als du für absolut ungereimt erklärt und das mir sogar auch schriftlich gegeben; ich habe aber zuletzt immer doch noch einen ziemlich passenden Reim auf sie zu finden gewusst. Nur schade, dass ich nicht wie ihr sagen kann: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.«
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322
Zehntes Kapitel
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323
»Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft!«
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Es schläft auf allen Hügeln in der Ferne der Erinnerung für den rechten Menschen: die Sonne mag ihm noch so häufig hell und scharf aufgegangen sein im Leben.
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325
Und Porzia sagt:
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Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal:
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Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!
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Und Porzia sagt:
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329
»Horch, Musik!«
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330
»Es sind die Musikanten Eures Hauses«, antwortet Nerissa; und –
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one touch of nature makes the whole world kin: wer möchte nicht immer so nach Hause kommen, bei Mondenlicht und wenn der Schein der heimatlichen Lampe durch die Bäume flimmert und des Hauses Musik dem Heimkehrenden, der den heißen Tag mit seinen Freuden, Nichtigkeiten und Widerwärtigkeiten durchwanderte, leise und wehmütig, aber süßer und herzlösender als alles, was der Tag zu bieten hatte, von fernher entgegenklingt?
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Das ist nicht bloß in Belmont so gewesen, das war lange vorher so, ehe Venedig existierte, und wird hoffentlich auch wohl noch so sein, wenn es längst wieder in dem Sumpfe, aus dem es emporstieg, versunken ist.
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Wie oft sind wir so heimgekommen, wir glücklichen Kinder damals?! Aus den grünen Wäldern und aus den bereiften Wäldern. Aus der Maiblumenzeit und aus dem Herbststurm. Von der Johanniswürmerjagd und vom Eislauf. Sie behaupteten dann jedesmal, dass sie sich recht sehr um uns geängstigt hätten; aber dieses gehörte ja ganz und gar zu der Musik, mit der uns die Heimat empfing, und wer möchte in späteren Jahren einen Ton der besorgten Liebe, die früher auf ihn achtete, in der Erinnerung vermissen?
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Sie haben es uns nicht merken lassen, oder aber wir haben auch wohl nicht darauf geachtet, dass viel grimmigere Sorgen als unser spätes Nachhausekommen das Schloß Werden ängstigten. Der Herr Graf hat es seiner Tochter nicht mitgeteilt, welch einem schlimmen Shylock mit Messer und Waagschale seine Existenz verpfändet war. Er hat seine Lebensnot für sich behalten, wie meine Mutter ihre Ahnungen davon gleichfalls nicht laut werden ließ. Selbstverständlich haben doch viele Leute darum gewusst; wir aber nicht, denn zu den »Leuten« gehörten wir eben damals noch nicht. Es gehört erst das richtige Alter dazu, ehe man zu seinem eigenen Schaden von der Welt unter jenes Sammelwort mit einbegriffen wird.
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Dass es schlecht um den Steinhof stand, wussten wir; denn Jule Grote tat ihrer Zunge keinen Zwang an in ihren Warnungen und Vorwürfen, mit denen sie ihn (den Vetter Just einbegriffen) immer noch zu retten oder, wie sie sich ausdrückte, »herauszureißen« hoffte; – aber wie schlimm es um Schloß Werden stand, das haben wir erst erfahren, als nichts mehr herauszureißen war. Die Leute hatten eben viel zuviel Respekt vor dem Herrn Grafen, um ihm mit ihren Warnungen, Redensarten, gutem Rat und Vorwürfen zu kommen.
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Aber aus Kindern werden Leute. Die Zeit steht nicht still – weder in dem grünen Walde noch im entblätterten, weder über der Weizensaat noch über dem Stoppelfelde, nicht auf dem Flusse noch diesseits und jenseits desselben, weder in Bodenwerder noch auf dem Steinhofe und auf Schloß Werden.
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Wir sind vier oder fünf Jahre älter geworden und, was uns Knaben anbetrifft, eben dem Gymnasium entwachsen. Ich habe mich der Philologie gewidmet und treibe die dahin einschlägigen Studien in der großen Stadt Berlin; was daraus werden wird, ist mir augenblicklich noch recht dunkel; ich habe eigentlich nicht gerade viel Lust, später einmal den gelehrten Schulmeister zu spielen und meinesgleichen wiederum heranzubilden und großzuziehen. Ewald Sixtus befindet sich auf einem süddeutschen Polytechnikum. Er hat die Absicht, Baumeister, Ingenieur oder dergleichen zu werden, und kostet vorderhand seinem »Alten« in dem »billigen Süden« ein Erkleckliches.
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»Unser römischer Namensvetter würde wohl andere Saiten gegen seinen Jungen aufgezogen haben, wenn die Wechsel nie reichen wollten«, brummt der Alte in dem Försterhause. »Aber der Wildkater weiß es einem immer so plausibel zu machen, Herr Graf; – und dann ist da jedesmal, wenn die Ferien kommen, seine Schwester für ihn da, Frau Langreuter, und geht einem um den Bart; und so ein gutes Kind wie das Mädchen, Frau Langreuter, das hat die Gegend hier herum noch nicht weiter aufgezogen; die gnädige Komtesse ist natürlich ganz anders ein nettes, vornehmes Frauenzimmer. – Ei, sich mal, Fritze, bist du auch mal wieder da? Jaja, der alte Kessel! Nicht wahr, es rudelt sich doch immer wieder ganz gut daselbsten? Na, morgen kommt auch mein Junge; da werden ja denn wohl das stille Leben und die Friedlichkeit für anderthalb Monate ihr Ende haben.«
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Ich sollte nun auch wie der Papa Sixtus von den zwei jungen Damen oder den beiden Mädchen, Irene und Eva, in zwei Worten ein Charakterbild geben. Und dies wunderbare Thema lässt sich im Grunde auch wirklich so abmachen. Sie waren Fräulein, die eben zu Jungfräulein geworden waren; und sie übersahen uns weit.
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»Sie können einen verrückt machen mit ihrer klassisch großartigen Süffisance«, sagte Meister Ewald und meinte hauptsächlich die Komtesse Irene. »Ho, ich glaube wahrhaftig, man muss sie erst geheiratet haben, um ganz genau zu erfahren, was eigentlich hinter ihnen steckt!«
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Großartige Selbstgenügsamkeit hatte ich Even in ihrem Verkehr mit mir nicht vorzuwerfen; aber es kam ziemlich auf dasselbe hinaus, wenn ich dann und wann ihr Betragen für höchst sonderbar und sie für ein merkwürdig unberechenbares Frauenzimmer erklärte. Dass man ein »Frauenzimmer« heiraten könne, war mir in dem Kreise in einer Vorstellungen als etwas Mögliches und vielleicht auch zu Erstrebendes noch nicht deutlich und faßlich. Die geniale Äußerung Ewalds in dieser Beziehung überhörte ich zuerst ganz, dachte dann am nächsten Tage zufällig wieder daran und schrieb sie mir erst in der folgenden Nacht als eine kolossale Frechheit und als – etwas ungemein Interessantes fest ins Gedächtnis.
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Gewachsen sind unsere Nußbüsche an der Gartenhecke nicht mehr; sie sind aber noch mehr ins Breite gegangen mit ihren Zweigen und überschatten einen weiteren Kreis. Unsere alten Kindernester hängen noch in diesen Zweigen; aber es sind ausgeflogene Nester. Die jungen Damen klimmen nicht mehr zu ihnen empor, und nur Freund Ewald ruft noch dann und wann hoch in einem Wipfel das Gedächtnis früherer, seliger fauler Stunden in seinem Busen wach und lässt seine langen Beine mit alter Grazie uns auf die Köpfe niederbaumeln; denn unser Lieblingsplatz sind die Bänke in diesem lieblichen Schatten doch geblieben, trotzdem dass wir so sehr erwachsen und verständig und anständig geworden sind.
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Es ist aber einerlei; auf dem Grunde unserer Seele schlafen doch alle alten fröhlichen Neigungen. Wir gehen noch von dem »großen Nußbaum« aus den Unserigen durch; der einzige Unterschied ist, dass die Mädchen (auch Irene) noch ein wenig mehr Einwendungen zu machen haben und dass wir es zu Hause mitteilen, dass wir »ausgehen«, und uns die Erlaubnis nicht ohne weiteres selbst nehmen. Früher freilich ließen wir alle unsere Sorgen den lieben Angehörigen, heute nehmen wir schon ein gut Teil unserer eigenen Sorgen auf alle unsere Wege, auch auf die lustigsten, mit uns.
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Und da sind wir wieder auf dem Wege, von dem wir erst im Anfange dieses Kapitels beim süßen Licht des Mondes und beim Lampenschimmer der Heimat zurückkehrten. Es ist wieder Sommer, und wieder steht Mondschein im Kalender. Wir gehen wieder auf Besuch zu dem Vetter Just nach dem Steinhofe; aber nicht nur, wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe: auch wenn man zweimal dasselbe tut, ist es gleichfalls nicht mehr dasselbige. Die Namen, die Adam den Dingen gab, bleiben wohl, und die Menschheit darf sie dreist dabei nennen; aber flüchtig sind des Menschen Auffassungen und Begriffe: was er heute so nennt wie gestern, ist heute nicht mehr das, was er gestern darunter verstand. Wir gehen tausendmal den nämlichen Weg, aber nimmer wieder denselben; –
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Ach, und in demselben Flusse
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Schwimmst du nicht zum zweitenmal.
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Gottlob, das Echo in unseren Bergen und Wäldern wachzurufen, haben wir noch nicht verlernt – Ewald und ich nämlich.
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»Holla, der Steinhof: Heda, he, Vetter! Vetter Just Everstein!«
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»Holla, holla, hier!« klingt es zurück, und der Vetter, nunmehr fünfundzwanzig Jahre alt, kommt langsam und langbeinig, unbeholfen, fett und äußerlich unsagbar vertiert, die kurze Pfeife im Munde, über seinen Hof uns entgegen, nach dem Hause zurückrufend:
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»Jule, da sind sie.«
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Und wieder erscheint Jule Grote auf der Haustürtreppe, um fünf Jahre hexenhafter von außen und weichmütiger von innen geworden.
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»O mein Je, die jungen Herrschaften! Die Ehre und das Vergnügen werden ja jedesmal größer; denn so wie die jungen Leute, mit Erlaubnis zu sagen, heranwachsen, das glaubt gar keiner, der es nicht immer von neuem mit ansieht.«
Vorlage S. 69
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»Und du hast uns wieder voraufgeahnt, Vetter Just?« lacht Ewald.
Vorlage S. 69
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»Natürlich! Und sowohl von wegen der Seelenkunde als der Witterungskunde. Nach wem habt ihr euch denn wohl am meisten wahrend des vierzehntägigen Landregens hingesehnt als nach mir? Meteorologie nennt man dieses, wenn man seine Freunde genau kennt und zu gleicher Zeit mit der Landwirtschaft zu schaffen hat.«
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»Wahrlich, so ist es, Herr Vetter!« lacht auch Irene, die Hände zusammenschlagend, und Eva lacht auch, und der Vetter gibt der letzteren zuerst die Hand; denn sie macht sich immer noch von allen am wenigsten über ihn lustig, das heißt gar nicht; und er weiß das um so mehr zu schätzen, je »gelehrter« er geworden ist und weiter wird, Der Ernst und die ernsthafte Teilnahme seiner Umgebung und guten Bekannten hält selbstverständlich nicht Schritt mit seinen Fortschritten in Bildung und Wissenschaften. Im Gegenteil, sie bleibt sehr zurück dahinter, und die gute Bekanntschaft nimmt ihn immer vergnügter, was man ihr schon hätte hingehen lassen können, wenn nicht leider bereits Leute darunter gewesen wären, die auf seine »Verrücktheit« spekuliert hätten und eigene Bestrebungen darauf bauten. Die lachen nur hinter seinem Rücken, und er hat keine Ahnung von ihnen, trotzdem dass Jule Grote ihn tagtäglich auch auf das auf macht und mit der Nase darauf hinstößt.
Vorlage S. 69
356
Die Lacher nimmt er in gewohnter Weise leicht.
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»Das ist mir ganz einerlei«, meint er. »Ich denke sie mir allesamt rückwärts, wie sie alle an ihrer Mutter Brust gesogen oder eine Amme gehabt haben oder mit Brei aufgefüttert sind und wie keiner was für seine Natur kann und ich auch nicht. Wenn ich da muffig werden wollte, so hätte ich wohl manche andere bessere Gelegenheit zur Wut. Ich habe doch alles versucht. Ich habe mir eine Kanarienvögelhecke angelegt, und ich habe mich auf die Bienenzucht geworfen – oben stehen die Bücher über beides, und es ist eine ganze Reihe geworden. Ich habe es mit der wissenschaftlichen Verbesserung der hiesigen Ackerstelle in ökonomischer Hinsicht probiert und – oben stehen die Bücher auch, und da habe ich nicht den tausendsten Teil von dem, was darüber erschienen ist, aber eine schöne Reihe ist es doch. So wahr ich hier stehe, es ist mir bitterer Ernst um meiner Väter Erbe, obgleich ich noch nicht einmal wie sie verheiratet bin und Nachkommenschaft habe. Der liebe Gott weiß es, wie oft ich mich schon dem Teufel vor Angst und Verdruss hätte übergeben mögen!«
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Dieses pflegte er zu sagen; augenblicklich aber brummt er im höchsten Behagen:
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»Wir sind eben beim Frühstück. Kommt nur rasch herein. Jule!«
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»Ich weiß ja schon, Just«, ruft die Alte, die harte treue Hand im Kreise herumreichend. »Alles, wie es sich schickt. Vorliebnehmen ist auch was, was der liebe Gott gern hat.«
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Da ist nun die alte gute Bauernstube des Steinhofes zum zweitenmal. Wieder voll Augustfliegen und mit all dem übrigen Zubehör – auch den Hühnern.
Vorlage S. 71
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»Alles immer noch so wie sonst«, grinst der Vetter. »Tretet mir nur die Küken nicht tot. Aber ein Skandal ist es eigentlich und schickt sich gar nicht, Fräulein Eva. Wenn ich mir die Mastviehzucht – ich will mal sagen, die Schweine – aus dem Salon entfernt halte, so komme ich damit an die Grenzen des Menschenmöglichen, Fräulein Irene. Das Gedicht von Goethe ›Grenzen der Menschheit‹ ist da ganz auf meinen Fall und meine Umstände gemacht.«
Vorlage S. 71
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»Weil wir alle wissen, dass wir hier jederzeit so, wie wir erschaffen wurden, willkommen sind, deshalb sind wir alle Augenblicke bei Ihnen, Vetter«, lacht die Komtesse. »Oh, kümmern Sie sich Evas und meinetwegen gar nicht um die Grenzen der Menschheit. Lassen Sie dreist alles herein, was von Rechts wegen zum Steinhofe gehört.«
Vorlage S. 71
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»Und dies ist wieder Schinken!« stottert der Vetter blöde glückselig. »Und zu empfehlen, Fräulein. Sehen Sie, ein Barbar bin ich auch gegen diese lieben Borstentiere nicht. Ein jeder muss doch nach seinem Nutzen in der Welt taxiert werden – auch das Porcus! Nicht wahr, Ewald? Nicht wahr, Fritz? Jule, mehr Milch für die Damen!«
Vorlage S. 71
365
Wir tun ihm den Gefallen und lachen über seinen Witz herzlich; nur Ewald bemerkt dazu:
Vorlage S. 71
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»Drehe mal den Schlüssel dort im Schrank und rücke mit einem Nordhäuser auf den Schrecken heraus!«
Vorlage S. 71
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Wir sind diesmal mehr unter uns. Die Leute sind draußen im Felde oder sonst in Adams Berufe tätig. Die alte Jule geht ab und zu.
Vorlage S. 71
368
Wenn der Vetter eben noch behauptete, bereits gefrühstückt zu haben, so könnte ihm ein magenkranker Millionär dreist zwei Drittel von seiner Million für den Appetit bieten, mit dem er in unserer liebenswürdigen Gesellschaft frisch von neuem ans Werk geht. Sein Hang in das Geistige hinein und sein Sehnen nach den weniger materiellen Interessen der Menschheit haben ihm da gottlob bis jetzt noch keinen Abbruch getan.
Vorlage S. 71
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Wir holen ihn natürlich mehr oder weniger harmlos aus über seine gegenwärtigen Studien. Vierschrötig sitzt er heute vor mir da, mit beiden Ellenbogen auf dem Tische das mecklenburgische Wappen zur Darstellung bringend, und – verschämt wie irgendeine Jungfer im durchlauchtigsten Deutschen Bunde. Und doch ziert er sich nicht. In seinem Kauen, Schlingen und Schlucken gibt er ganz naiv und auch etwas geschmeichelt Nachricht von sich. Eva findet ihn im geheimen rührend, Irene von Everstein rührend-komisch, Herr Ewald Sixtus »einfach zum Wälzen!«, und ich – ich finde, dass sie alle recht haben in ihren Meinungen von ihm; denn ich bin leider am festesten davon überzeugt, ihn längst herausgefunden zu haben, und zwar als einer von den ersten. Gütiger Himmel!
Vorlage S. 72
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Gütiger Himmel! O du lieber Gott!... Das ist auch so ein Ausruf, durch den sich der Mensch Luft mancht, ohne dabei viel an das zweite Gebot zu denken.
Vorlage S. 72
371
Ich stütze den Kopf auf die Hand, und die Rechte, die ihre Federzüge weiterführt, ist nicht mehr imstande, auf jedes Komma und jeden Punkt zu achten. Ist es möglich, dass die Sonne so hell und der Mensch so sorgenlos sein kann? Wir haben es an unserem eigenen Leibe und in unserer eigenen Seele erlebt; also möglich muss es doch wohl sein! Ich habe bis jetzt meistens im Präsens geschrieben; in den Zeitformen der Vergangenheit fahre ich von jetzt an fort zu schreiben.
Vorlage S. 72
372
Unser Behagen an dem guten Tage, an der guten Stunde war wieder einmal auf das höchste gestiegen, als Jule Grote den Kopf in die Tür steckte und uns benachrichtigte:
Vorlage S. 72
373
»Es steht ein Mann draußen, der will die jungen Herrschaften sprechen; und hier ist ein Brief für dich, Just. Der Landbriefträger von Bodenwerder hat ihn auch eben gebracht; aber er hatte es eilig, und was darin steht, wusste er nicht.«
Vorlage S. 72
374
»Hurra!« riefen Just, Ewald und ich, die Mädchen sahen lächelnd auf und nach der Tür. Dass uns da etwas Unangenehmes oder gar noch etwas viel Schlimmeres kommen könne, fiel uns nicht in den Sinn. Die ganze Welt: die Erde, dieser treffliche Bau, dieser herrliche Baldachin, die Luft, dies wackere umwölbende Firmament, dies majestätische Dach, mit goldenem Feuer ausgelegt – war alles in zu guter Ordnung, als dass wir uns auch nur den allergeringsten Riss durch es hätten vorstellen können.
Vorlage S. 72
375
»Man hat doch keinen Augenblick vor ihnen Ruhe!« hatte Ewald gerufen und war aufgesprungen, um den Boten von Schloß Werden hereinzuholen oder draußen auszufragen nach dem, was man von uns wünsche. Der Vetter hatte seinen Brief ruhig neben seinen Teller gelegt und nur gesagt:
Vorlage S. 73
376
»Er ist von Stakemann in Bodenwerder. Weshalb kommt der alte Junge nicht selber, wenn er mir was zu sagen hat? Na ja, es ist eben keine Jagdzeit.«
Vorlage S. 73
377
Er wischte langsam und behaglich die fettglänzenden Finger an seiner Lederhose ab, ehe er das Schreiben von neuem aufnahm und es erbrach. Als Gelehrter wusste er natürlich, dass man jedwedes Schriftstück mit dem gehörigen Respekt (selbst wenn es nur vom Freund Stakemann in Bodenwerder war) und vor allen Dingen mit Reinlichkeit zu handhaben habe.
Vorlage S. 73
378
»Komm doch mal heraus, Fritz«, sagte Ewald Sixtus dann von der Schwelle, und auf seinem Gesicht war keine Spur mehr von der Lust der Minute vorhanden.
Vorlage S. 73
379
»Was ist denn?« fragten die beiden Mädchen immer noch lachend; doch schon im nächsten Augenblick hatten sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Vetter Just Everstein zu richten, der mit seinem jetzt geöffneten Briefe in der Hand wortlos und mit offenem Munde dasaß, dann sich über die Stirn strich wie einer, dem der kalte Angstschweiß ausbricht, wieder das Geschreibsel ansah, aber doch nur, als ob er den Inhalt desselben träume, dann die Hand schwer auf den Tisch und auf seinen Teller fallen ließ, dass die Scherben davon nach allen Richtungen hin auseinanderflogen, und zuletzt aufstand und starr dastand und in jenen Riss blickte, der einem jeden zu irgendeiner Stunde mehr oder weniger durch sein Universum gegangen ist. Die Wand und die Stubendecke fällt wohl nicht so leicht ein, wohl aber das mit goldenem Feuer ausgelegte Firmament – die ganze Welt, wie wir sie uns dachten in unserer Unerfahrenheit von ihr.
Vorlage S. 73
380
Den Boten hatte uns meine Mutter eine Stunde nach unserem Weggange von Schloß Werden nachgejagt. Der Herr Graf war in einem Gartenwege vom Schlage gerührt, gelähmt und bewusstlos aufgefunden worden. Als der Bote sich aufs Pferd warf, lebte der arme Herr zwar noch; aber es stand schlimm mit ihm, und – »die Frau Langreuter wäre am liebsten selber gekommen, um die gnädige Komtesse nach Haus zu holen«, sagte der Bote. »Was ich sonst vernommen habe, ist, dass kurz vor dem Unglück ein Brief von dem Herrn Doktor Schleimer in Bodenwerder angekommen war.«
Vorlage S. 74
381
Das war ein jäher Schrecken, der an dieser Stelle kurz abgemacht werden muss.
Vorlage S. 74
382
Den Brief hatte der gute Freund des Vetters aus Bodenwerder geschrieben, und er lautete:
Vorlage S. 74
383
»Paß auf, Vetter Just! Seit vorgestern fehlt der Doktor Schleimer, und seit heute morgen ist es sicher, dass er, wenn er es irgend möglich machen kann, fürs erste nicht nach Hause kommen wird. Du solltest das Aufsehen hier sehen, aber natürlich hat's jetzt jeder längst vorausgewußt. Ob ihn die Gerichte durch ihre Steckbriefe und Signalements wieder einholen werden, ist die Frage. Aber eine andere Frage ist s, wie Du eigentlich mit ihm stehst. Du weißt, er hatte einen sicheren Schuss, das muss man ihm lassen; aber dass er auch zu anderen Dingen als bloß zur Jagd nach dem Steinhof hinaufgekommen ist, glaubt mehr als einer, der manchmal nach Euch hingehorcht und seine Augen offen gehabt hat, z.B. ich. Kannst Du ihm ruhig nachsehen, so ist's mir sehr lieb, und ich bitte Dich, gib baldigst Nachricht, dass ich aus der Sorge komme. Hast Du da Dreck am Stecken, so bin ich Dein Freund und habe Dich hiermit verwarnet. Du bist dann aber zu Deinem Trost der einzigste nicht, der sich vor Gift die Haare auszuraufen hat. Hier sind Dutzende, die dem Notar den Kalk von den Wänden herunter nachfluchen, und darunter am meisten die, welche mit dem urfidelen Kerl (und das war er!) auf der Kegelbahn und an unserem runden Tisch beim Posthalter Brüderschaft gemacht oder ihn zum Gevatter gebeten haben. Aber das will noch gar nichts sagen; meine feste Überzeugung ist, dass der Gegend das richtige Licht erst dann aufgesteckt wird, wenn es jeder von Euch biederen Landleuten zu den Akten gegeben hat, wie er unter Euch gewirtschaftet hat. Wahrhaftig, mir sollte es recht leid tun, Vetter, wenn Du auch in diesem Falle mit zu seinen besten Bekannten gehörst, und ich kann nur wünschen, dass Dir Dein verrücktes Latein und sonstige unsinnige Liebhabereien zum erstenmal was genützt und zu dem richtigen Misstrauen in Geldsachen und Unterschriften gegen die Menschheit verholfen haben. Dieses alles habe ich Dir als Freund geschrieben; denn dass es mir recht käme, wenn dem Steinhofe durch solchen abgefeimten, nichtswürdigen Spitzbuben und Durchgänger ein Malheur passierte, wirst Du wohl aus alter Bekanntschaft und von wegen der vielen vergnügten Stunden daselbst nicht meinen«, usw.
Vorlage S. 74
384
Der Vetter Just stand auf, setzte sich wieder, ließ die Hände matt und flach auf die Knie fallen und stöhnte:
Vorlage S. 75
385
»Kinder, das ist freilich wohl für uns alle die letzte vergnügte Stunde auf dem Steinhofe gewesen. O Fräulein Irene – sehen Sie nicht so stier hin! Vielleicht und hoffentlich steht es wohl noch nicht so schlimm mit dem Herrn Papa. Medizinisch kann der Mensch mehr als einen Schlag aushalten, ehe er für immer zu Boden liegt. O Jule, liebe alte, arme, alte liebe Jule, ich wollte gleich für alle Ewigkeit nicht wieder von der Erde aufstehen, wenn ich dir dieses erspart hätte. Ja, ich habe dem Doktor Schleimer den Steinhof auf lateinisch in die Tasche gesteckt, und er nimmt ihn mit hinüber nach Amerika!«
Vorlage S. 75
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Die alte Jule Grote fiel aus dem Weinkrampf in den Lachkrampf –
Vorlage S. 75
387
»O Just, Just, Just, sprich doch nicht von mir!«
Vorlage S. 75
388
Was wir anderen sagten, lässt sich nicht genau durch Wort und Schrift ausdrücken; es war auch nicht von Bedeutung. Auch von unserem Heimwege durch den heißen, glühenden Tag ist wenig zu reden. Weiße schwere Wolken wälzten sich, als wir in dem morschen Kahne des Vaters Klaus wieder auf dem Flusse schwammen, über die Berge empor und in das lichte Blaue hinein! Irene lag auf der Bank, mit dem Kopfe an Evas Brust. Ewald hatte eine Ruderstange ergriffen, blickte von Zeit zu Zeit auf die beiden Mädchen und nahm ingrimmig unserem Charon den schwersten Teil seiner Arbeit ab. Ich ließ mir wieder die Flut des Stromes über die heiße Hand spülen; aber Kühle war nicht in dem Wasser.
Vorlage S. 75
389
»Ich weiß es wohl, dass es da nicht gut steht«, flüsterte mir der weißhaarige Schiffs- und Fischersmann beim Aussteigen zu, indem er verstohlen mit dem Daumen nach den heimatlichen Bergwäldern deutete. »Jaja, junger Herr, es fließt alles hin wie das da!«, und er deutete auf seinen Fluss.
Vorlage S. 76
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Das war kein neues Bild; ich aber sah doch auf die eiligen Wasser zurück und fand den Vergleich von neuem tiefsinnig und einzig zutreffend. Wie kommt es, dass wir den Eindruck der höchsten Weltweisheit nie aus dem Verkehr mit den Herren vom Metier, wohl aber gar nicht selten aus der Bekanntschaft und dem Umgange mit dem Vater Klaus in seiner Fischerhütte, mit der alten Tante in ihrem Erkerstübchen und mit dem Unbekannten, dem wir seit vier Wochen täglich in der Gasse begegnen und mit dem wir noch nie ein Wort gesprochen haben – ziehen?! Weil es die Gemeinplätze, d.h. die höchsten Wahrheiten sind, auf denen unser Leben sprießt, wächst und wuchert, und nicht die hohen Offenbarungen des Menschen im einzelnen. In ruhiger Stimmung bereiten wir uns durch die letzteren wohl auf die entgegengesetzte vor, aber doch mehr, um die gute Stunde noch behaglicher zu machen; die böse Stunde hat noch keiner behaglicher dadurch gemacht.
Vorlage S. 76
391
Es donnerte hinter den Bergen – ein langgezogenes feierliches Rollen dann und wann den ganzen Nachmittag über. Wir kamen nach Hause, und der Herr Graf konnte mit seiner Tochter nichts mehr sprechen. Er starb in der Nacht. Wir anderen von Schloß Werden durchwachten sie, und wir hörten den heftigen Sommerregen in den Blättern rauschen.
Vorlage S. 76
392
Elftes Kapitel
Vorlage S. 77
393
Ich war dreißig Jahre alt geworden und, wie es in den Sternen geschrieben stand, ein Schulmeister. Ich war Doktor der Philosophie und hatte die venia docendi an der Universität Berlin. Wenn sie nur gekommen wären, um das von mir abzuholen, was ich selber gelernt hatte! Aber sie blieben aus; sie schienen der Sache nicht im mindesten zu trauen.
Vorlage S. 77
394
Zuerst versuchte ich es, mein philologisches Wissen auf einem rheinländischen Gymnasium an die Jugend zu bringen; jedoch bekam ich bald von maßgebender Stelle herunter den Rat, diesen Versuch aufzugeben. Man verwies mich zwar nicht offiziell dabei auf meine wirklich etwas hohe Schulter; aber man zuckte doch nur die Achseln, wenn die Jungen lachten und meine Autorität gleich Null blieb.
Vorlage S. 77
395
Die Kirche, die immer den Nagel auf den Kopf trifft, hat auch darin recht, dass sie keinen mit irgendeiner auffälligen Gebrechlichkeit Behafteten unter ihren öffentlichen Dienern leiden will. Sie hat selbstverständlich ihre Würde zu bewahren, selbst auf Kosten ihrer besseren Überzeugung. Hat sie der Schadenfreude und der Lust am Lachen unter ihren Lämmern ein testimonium divitiarum auszustellen, so tut sie es und fühlt nachher nicht das geringste Bedürfnis, sich die Hände zu waschen, wie weiland der römische Prokurator Pontius Pilatus.
Vorlage S. 77
396
Ich ging und überließ es besser gewachsenen Oberlehrern und Kollaboratoren, die blonde und blauäugige Jugend der Germanen zum Einjährig-Freiwilligen-Dienst und auf das Abiturientenexamen vorzubereiten.
Vorlage S. 77
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Was ich dann trieb? Ich war stark im Griechischen und Lateinischen. Einer Lieblingsneigung wegen hatte ich mich auf das Auffinden und Nutzbarmachen mittelalterlicher Geschichtsquellen geworfen, und man hat mich draußen eine Zeitlang schändlicherweise im Verdacht gehabt, Doktordissertationen aus vielerlei Fächern im Vorrat anzufertigen, auf Lager zu halten und sie bei sich bietender Gelegenheit gegen jedes Honorar unter dem Siegel der Verschwiegenheit (Diskretion selbstverständlich) zu verschleißen.
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Dies ist eine schnöde Verleumdung! Ich habe nur einem Menschen zum »Doktor« verholfen, und der bin ich selber; und, um eine Redensart der πολις anzuwenden was ich mir dafür kaufen konnte, war unbedeutend.
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Aber es nennen sich, manche Leute Geschichtsforscher und edieren Monographien, Volks- und Völkerhistorien und haben seltsamerweise vor den Quellen gerade eine so große Scheu wie vielleicht in ihrer Jugend vor dem Quellwasser, wenn es am Sonnabendabend zu einer gründlichen Reinigung ihrer Person verwendet werden sollte. Für diese und ähnliche Herren war ich und bin ich der rechte Mann. Als wirklich geheimer Mitarbeiter bin ich denn auch für mehr als einen Parlamentarier schätzbar, und manches »Hört, hört!« und manches »allgemeine Beifallsgemurmel« wäre eigentlich auf meine Rechnung und nicht die des »verehrten Vorredners« und weit und tief blickenden Realpolitikers auf der Tribüne der gegenwärtig tagenden hohen politischen Körperschaft zu setzen.
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Was ich mir hierfür kaufen konnte, war etwas, wenngleich nicht viel mehr als das, was mir die Sprachen der Griechen und Römer zu Utilitäts- und Luxuszwecken und Ausgaben abwarfen.
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So ging es mir denn erträglich nach Wunsch, und sogar was den Luxus anbetrifft; das jedoch erst seit dem schlimmen schwarzen Tage, an dem ich meine gute Mutter verlor und leider nicht mehr für ihr Behagen in ihren Greisenjahren zu sorgen hatte. Ich saß im Winter warm zu Hause, ich speiste in einer der Restaurationen mittleren Ranges der Stadt, und ich konnte mir dann und wann ein Buch, wenn auch nur antiquarisch, anschaffen; auf dem hohen Standpunkte wohlangewendeter Lehrjahre, der sich in dem französischen Wort »Je ne lis plus, je relis seulement!« darlegt, bin ich auch bis heute noch nicht angelangt, hoffe ihn aber dermaleinst zu erklimmen.
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Mein »Zuhause« bestand in einer bescheidenen Junggesellenwohnung im vierten Stockwerk eines Hauses in der Mittelstraße. Ich besaß wohl eine eigene Bibliothek, aber keine eigenen Möbel.
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Ich hatte harte, steinige Pfade gehen und meine Wege häufig recht heftigem Winde, argen Staubwirbeln und unbehaglichem Regenschauer abkämpfen müssen. Selbst in den äußerst seltenen Momenten, wo ich mich für einen äußerst gescheuten Menschen dabei hielt, zog ich wenig Genuss und Befriedigung daraus, nämlich aus dem, was die Nebenmenschen gewöhnlich etwas spitzig eine äußerst glückliche Selbstüberzeugtheit zu nennen pflegen. Und nun genug hiervon. Wie kurz und abbrüchig ich dieses alles hingeschrieben habe, so habe ich es doch nur wie jeder andere gemacht und zuerst und einzig und allein von mir selber als der wichtigsten Angelegenheit dieser und jeder zukünftigen Welt gesprochen. Es soll dafür aber auch bei mir nicht mehr als bei jedem anderen zu bedeuten haben – eine harmlose, eben der Menschheit anklebende Schwäche und das gleichfalls ganz allgemeine Bedürfnis, wenigstens etwas in der eigenen Persönlichkeit im Laufe der Zeiten aufrecht und unberührt zu erhalten.
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Die anderen!... Wo waren die anderen im Strom der Zeit geblieben? Was war aus den anderen geworden, die vor ein paar Seiten noch mit mir jung, gesund, dumm und glücklich waren?
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Wenn ich es nun mit schönen Redensarten zudecken würde, wie wenig ich mich im Grunde um diese anderen bekümmert hatte, so würde mir das leicht genug werden. Ich könnte aber auch den nächsten guten Bekannten oder den ersten besten Unbekannten in der Gasse anrufen, um es mir von ihnen bestätigen zu lassen, wieviel der Mensch mit sich selber zu tun hat und wie wenig Zeit und Nachdenken ihm für den liebsten Freund übrigbleibt, wenn sich eine Wand eine Stunde, einen Tag oder gar ein Jahr zwischen ihn und uns gelegt hat.
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Carl Spitzweg – Der Bücherwurm, um 1850. Motivvergleich zu Lesen und Wissen; keine Darstellung einer Figur dieses Buches.
Kontextbild zum Werk. Der Bücherwurm · Carl Spitzweg · Public domain Bildquelle ↗
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Ich habe jahrelang nur gewusst, dass Eva Sixtus in der alten Heimat dem alten Vater immer noch haushalte, dass Ewald in seinem Beruf als Ingenieur in Irland tätig sei und dass Irene von Everstein verheiratet in Wien lebe. Von dem Vetter Just habe ich gar nichts gewusst. Ich erlebte es noch als Student, dass der Steinhof subhastiert wurde und weit unter seinem Wert an einen Landsmann fiel, der schon längst ein freundlich-begehrliches Auge darauf geworfen hatte und einst ebenfalls zu den fröhlichsten und behaglichsten Gastfreunden und Jagdgenossen des Vetters gehörte.
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Dass Schloß Werden gleichfalls unter den Hammer kam und unter dem Werte einen Liebhaber fand, erfuhr ich brieflich durch meine Mutter, die dann zu mir ins Rheinland zog und daselbst, wie gesagt, in meiner Kollaboratorwohnung nach längerem schweren Leiden sanft gestorben ist.
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Jule Grote sollte immer noch in Bodenwerder wohnen, doch das war ein Gerücht, von dem ich nicht einmal angehen kann, wie es zu mir gelangte. Ich hatte viel zuviel mit meinem Griechischen und Lateinischen, meinen mittelalterlichen Geschichtsquellen, modernen Geschichtsschreibern und parlamentarischen Tagesgrößen zu schaffen, um mich viel um Jule Grote kümmern, mich bei ihr aufhalten zu können. Es ist ja eben kein Aufenthalt in dieser Welt bei den besten Dingen – und bei den besten Freunden auch nicht; und wenn alle Lebenskunst am Ende nur darauf hinausläuft, sich unabhängig von den mitlebenden Menschen und Dingen zu machen, so ist das eigentlich gar keine Kunst, sondern uns allen höchst natürlich.
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Nun nahm ich seit verhältnismäßig langer Zeit alles als etwas, was sein konnte, jedoch nicht zu sein brauchte. Es gewährte mir häufig das bekannte egoistisch-kitzelnde Behagen, dass die Tage, an denen auch ich dann und wann grimmig und selbstüberzeugt rief: »Nun soll es sein!«, hinter mir lagen.
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Die süße und sonnige, wälderrauschende, ewige Frühlings und Erntefeste feiernde Zeit von Schloß Werden lag auch hinter mir, und man hat es mir im Lesezimmer der Königlichen Bibliothek nie angemerkt, dass mir bei meiner närrischen Kompilationsarbeit die Erinnerung daran irgendwie hinderlich in den Weg trat und mich vielleicht geduldig stimmte, wenn ein mir augenblicklich nötiges Werk ausgeblieben war und bei einem, wie Freund Ewald seinerzeit sich ausgedrückt haben würde, »dummen und langweiligen Kerl« lag, der doch nichts damit anzufangen wusste.
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Mir wird bedenklich flau zumute, wie ich alles dieses hier niederschreibe, und ich denke, offen gestanden, mit einigem Grauen an die möglicherweise doch eintretende Stunde, in der ich diese Seiten mit ihren liebenswürdigen Selbstbekenntnissen wieder überlesen werde. Es ist immer eine sonderbare, heikle Sache um das Wiederlesen im eigenen Lebensbuche! An welche Leser ich mich aber mit dem eben Niedergeschriebenen wende, weiß ich, Gott sei Dank, nicht. Mündlich hätten mich wohl nicht sehr viele aussprechen lassen, sondern das meiste von sich aus anders und besser zu berichten gewusst. Und es ist gut so, denn es ist die gute Meinung, die die Welt von sich hat und lebhaft geltend macht, die diese sonderbare Universitas aufrecht und im Gange erhält. Was sollte aus ihr, der Welt, werden, wenn jeder es vermöchte, den anderen ruhig aussprechen zu lassen? Eine recht objektive Welt, aber eine vielleicht doch etwas zu ruhige – so etwas wie ein Universalkirchhof vielleicht, voll sehr weise im Lapidarstil redender Leichensteine. Der Herr erhalte uns also im recht fröhlichen Kriege gegeneinander, solange es ihm gefällt, uns überhaupt zu erhalten!
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Zwölftes Kapitel
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Ob er wirklich so existiert, wie wir ihn aus tausendfachem Zusammentreffen mit ihm kennenlernen, lassen wir eine offene Frage bleiben. Wie wir ihn in unsere philosophischen Systeme einzureihen belieben: im praktischen Dasein bleibt er verteufelt mehr als ein bloßes Wort oder ein Begriff. Er ist und bleibt der Herr und Gebieter. Und im Gegensatz zu den übrigen Erdenherren und Erdengebietern lässt er sein Kommen vorher durchaus nicht ankündigen, weder durch die drei Stöße mit dem Marschallstabe auf den Parkettfußboden noch durch Posaunenstöße, durch das hervorrufen der Wachen, den obligaten Trommelwirbel, das Präsentieren der Gewehre und das Senken der Fahnen. Die Erdenherren vor allen übrigen Sterblichen wissen es am genauesten, dass er auch dazu – viel zu vornehm ist: er, der Zufall nämlich.
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Von der Suppe aufsehend bei meinem altgewohnten, tagtäglichen Speisewirt, fand ich ihn mir plötzlich wieder einmal gegenüber, und der Löffel entfiel meiner Hand. Der Löffel ist der Hand viel größerer Philosophen, Geschichtskenner und dergleichen Leute bei derartigen Gelegenheiten entsunken, und sie haben es hoffentlich stets für eine Gnade gehalten, wenn ihnen der Appetit nicht für längere Zeit oder gar für immer verdorben wurde.
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Gottlob war das letztere bei dieser Gelegenheit bei mir nicht der Fall; aber die Erstarrung blieb dessenungeachtet für längere Zeit die nämliche, bis sich das sie in ihr Gegenteil, die höchste Bewegung, auflösende Wort fand:
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»Vetter!... Der Vetter Just!«
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Je unmöglicher es erschien, desto bedingungsloser drängte sich die Gewissheit auf, dass er es war. Ja, er war es! Er war es unbedingt!... Ausgeweitet nach allen Dimensionen; mit einem Ansatz zwar zu einer hohen Stirn, sonst jedoch in keiner Weise infolge seines landwirtschaftlichen Bankerottes verfallen und zu einer selbstgelehrten Ruine geworden, sondern auch – ganz im Gegenteil!...
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Er war es ganz gewiss, und zwar mit einem gewissen, völlig undefinierbaren Anstrich vom Exotischen, einem ihm ganz sonderbar gut passenden Anflug von Amerikanertum. Wäre einer von den Göttinger Sieben seinerzeit nach Amerika ausgewandert, so hätte er so zurückkommen können; Professor Gervinus vielleicht ausgenommen. Es war wundervoll!
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»Just Everstein!« stammelte ich noch einmal, mehr gegen mich selber als gegen diese unvermutete Erscheinung am Berliner Wirtstische gewendet; und nun legte auch sie, die Erscheinung oder er, der Vetter Just, Messer und Gabel nieder, legte dann gleichfalls erstaunt einen Augenblick lang beide Hände auf den Tisch, erhob sich dann langsam, bog sich über, warf das Salzfaß um, was beiläufig diesmal ausnahmsweise kein übel Omen war, und rief ganz mit der alten unveränderten Stimme vom Zaun oder der Haustürtreppe des Steinhofes her:
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»Now?... Jetzt aber erst mal alle stille! Fritzchen!! Nun nur nicht alles auf einmal!... Fritz? Der kleine Fritze Langreuter!... Also zuletzt doch wieder!... Ich bin es; aber – jetzt lass auch du dich einmal anfühlen! Mensch, so reiche doch endlich deine Hand« (your fist, sagte er) »her. O mein lieber Junge, das ist doch zu gut!«...
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Es war ein sehr gefülltes Restaurationslokal, in dem unser Wiedersehen stattfand, und die verschmauchten Räume füllten sich eben immer noch mehr mit hungrigen Menschen. Sämtliche Professoren der vier Fakultäten, die Bauakademie und verschiedene andere Akademien schütteten ihre Zuhörer über diese behaglicheren Tische und Subsellien aus. Privatdozenten von allen Sorten schoben sich ein; dazwischen großstädtisches Volk von jeglicher Art. Mir schwindelte, ich glaubte zu träumen, wenn ich an den Steinhof und unser trostloses Abschiedsfrühstück daselbst dachte. Und ich dachte in dieser aufgeregten Minute wirklich daran, so sonderbar das erscheinen mag, vorzüglich dem mit mehr Muskeln als Nerven von der wohlmeinenden Natur ausgestatteten Erdenbürger.
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Ich ergriff die Hand, die mir über den Tisch zugereicht wurde; breit war sie immer noch, aber ich hatte auch den harten biederen Griff vom Steinhofe in der Erinnerung und nahm die weichen Finger jetzt ebenfalls als etwas ganz sonderbar Unstatthaftes.
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»O Vetter Just!«
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»Jawohl! Und ich freue mich merkwürdig, lieber Junge. Viel ins Gerade gewachsen ist er nicht mehr in den Jahren! Aber das ist auch schön; da findet man doch auch hier etwas wieder, was so ist, wie es war –«
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»Und wie lange bist du in der Stadt, Just?«
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»Davon nachher! Ich glaube wahrhaftig, der Kerl ist imstande und meint, dass ich schon seit acht Wochen Wand an Wand mit ihm wohne, ohne ihn aufgefunden zu haben! Ist es denn möglich, dass ein alter Freund so schlecht von dem anderen denken kann?«
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»Wie kannst du verlangen, Vetter, dass ich in diesem Moment genau überlege, was ich sage und frage? Wo kommst du her?«
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»Auch das noch!... Well, aus Amerika natürlich, wo die Leute in jedem Momente ganz genau wissen, was sie sagen und was sie fragen. Und nun, weißt du was, Fritz? Nun tun wir fürs erste, als ob keinem von uns beiden etwas besonders Merkwürdiges passiert sei. Jetzt essen wir mit möglichster Ruhe zu Mittag und besehen uns stillschweigend währenddem. Keiner nimmt es dem anderen übel, wenn er bei dem Studium auch einmal den Kopf schüttelt. What will you drink? Alter Kerl, wenn ich weiter nichts mit über das Wasser zu euch zurückgebracht hätte als den alten guten Magen vom Steinhofe (Fritze, nachher stoßen wir drauf an!), so wäre auch das schon gar nicht zu verachten. Wie sagt Cicero in diesem Falle?... Na?!... Kellner, die Weinkarte! Ach ja, die schöne Zeit, wo man alles Gute, was kam, als etwas sich ganz von selbst Verstehendes nahm!«
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Das war nun alles so hingesagt, als ob der Mann erwarte, dass man mit dem sonnigsten Lachen darauf Antwort gebe; und ich lachte auch, wie man hie und da über etwas ganz Neues lacht, dem man eben noch auf keine andere Weise beikommen kann. Es war mir nie im Leben etwas so neu erschienen als der Vetter Just Everstein, dieser alte gute Bekannte. Ratlos, wie und wo er am richtigsten anzufassen sei, fing ich mechanisch an, meine Suppe herunterzulöffeln, aber ohne ihn für den kürzesten Augenblick aus den Augen zu lassen. Ihm aber schien das großen Spaß zu machen, ihm, der so viele Jahre hindurch so oft unser Ergötzen auf dem Steinhofe gewesen war.
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»Dir ist es gottlob gut gegangen«, stammelte ich, und:
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»Besser, als ich's verdiente«, erwiderte der Vetter Just. »Cicero hat sich jedesmal nach einer längeren Reise für das heimatliche Gewächs erklärt, und wenn es noch so verfälscht war; und sie haben den Falerner damals sicherlich schon gerade so vermanscht wie heute hier diesen Rüdesheimer. Dessenungeachtet also Auf dein Wohl, Fritz!«
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»Auf dein Wohl, Vetter Just!« stotterte ich und sah wieder stumm hin nach dem alten wackeren Freunde.
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Das Überraschende Wiedersehen hinderte ihn in der Tat nicht, sich geradeso durch die Speisekarte des Berliner Restaurants durchzuarbeiten wie vordem durch alles Gute, was unsere Jule Grote auf den Tisch setzte, und nachher verstohlen und »vermittelst eines zweiten Schlüssels« durch seine Schinken-, Speck-und Wurstkammer.
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»Noch einmal auf dein Wohl, Fritz Langreuter!«
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»Und auf deines, sooft du willst, Just, und – die alte Jule soll leben!«
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Da war das lösende Wort, das ich bis jetzt so vergeblich zu finden gesucht hatte.
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»Hurra, das soll sie!« rief der Vetter, auf den Tisch schlagend, dass alles Tafelzeug emporhüpfte und man von sämtlichen übrigen Tischen sich nach uns umdrehte.
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»Sie lebt doch hoffentlich noch und befindet sich wohl? Sie muss freilich jetzt wohl –«
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Der Vetter hatte seine Serviette neben dem Teller niedergelegt, den Teller von sich abgeschoben und die Hände auf die Knie fallen lassen.
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»Old boy, wenn du in die Fremde hinausgemußt hättest und ich zu Hause geblieben wäre, so wäre ich dir, wie ich mich kenne, hoffentlich mit dieser Frage vom Leibe geblieben. Nimm es mir nicht übel, Fritze, aber von Rechts wegen müsstest du doch eigentlich wissen, dass sie noch lebt. Nimm es nur nicht übel, dass sie auch die ganzen Jahre, in welchen wir uns nicht gesehen haben, noch gelebt hat. Übrigens danke ich für gütige Nachfrage, Fritzchen! Sie sitzt wieder ganz gut und, ihr Alter und Temperament abgerechnet, recht vergnügt auf dem Steinhofe.«
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»Auf dem Steinhofe?... Sie hat – du hast – den Steinhof wieder, Just?«
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»Natürlich!« sagte der Vetter Just Everstein, als ob das das Natürlichste von der Welt gewesen wäre. Kein römischer Kaiser, der je eine verlorengegangene Provinz zum Deutschen Reiche zurückbrachte, hätte das selbstverständlicher finden können: das wenigstens musste ich aus meinen Geschichtsforschungen und meinem mittelalterlichen Quellenstudium wissen; und der Vetter Just hatte vollkommen recht: es war erbärmlich wenig, was ich von der Welt durch mein Quellenstudium in Erfahrung gebracht und darin behalten hatte.
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Nun hätte ich dreist auch mein stummes Studium der jetzigen äußeren Erscheinung des Jugendfreundes von neuem über den Wirtstisch weg beginnen können. Aber je nötiger es war, desto unmöglicher war es gleichfalls. Nie war mir das Getöse, das Geklapper und Geklirr, das Kommen und Gehen rundumher so widerwärtig und unbehaglich gewesen als jetzt. Ich sah nur wie hülflos in das gute Gesicht mir gegenüber, und der Vetter Just nickte nur lächelnd und brummte:
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»Jaja, es ist wohl nicht der richtige Ort hier zu dem, was wir einander vielleicht doch etwas weitläufiger zu erzählen haben. Das Getränk passt auch nicht recht zu der Feierlichkeit der Stunde; es macht seinem Schuft von Verfertiger wohl alle Ehre, aber melancholisch stimmt es doch. Weißt du was, Alter? Jetzt nimmst du mich mit nach Hause. Da hocken wir einmal wieder zusammen wie in meinem Erker auf dem Steinhofe – weißt du noch? Ach Gott, wie habe ich mir da drüben so oft nach dem Erker und des Großvaters Wissenschaftsschranke das Herz abgesehnt!... Alter Kerl, und ich wohne jetzt wieder darin – den Schrank hat freilich damals der Auktionator geholt. Dass Irene Everstein augenblicklich hier auch in der Stadt wohnt, wirst du ja wohl wissen, obgleich du nicht gewusst hast, dass meine alte Jule noch lebt. Und – Menschenkind, in Bodenwerder halten sie mich immer noch für einen geradeso großen Narren wie vor Jahren. Zum Exempel dieses Schrankes wegen, für den ich fünfzig Dollars geboten habe, wenn ihn mir einer noch irgendwo auftreibt. Aber imponieren tue ich ihnen jetzt doch riesig; denn dazu braucht man nur einen hübschen Sack voll Taler, und es ist also leicht genug. Sobald du hier von deinen Geschäften abkommen kannst, musst du mich auf dem Steinhofe besuchen, um das Gaudium mitzuerleben. Und nun komm, deinen Kaffee braust du dir hoffentlich selber.«
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Ich kam, das heißt ich ging einfach mit, und ich sagte es auf dem Wege nach meiner Wohnung nicht, dass ich auch nicht gewusst hatte, wo Irene von Everstein augenblicklich lebte. Es war ein Wunder, dass ich meinen Weg nach Hause in meiner jetzigen Stimmung zu finden wusste.
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Dreizehntes Kapitel
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Und dann kam wieder eine Stunde, in der ich wieder auf meiner Stube allein saß, und zwar tief in der Nacht oder vielmehr früh am Morgen. Draußen tobte das schlechteste Wetter der Jahreszeit, und von den Wänden sahen mich durch den Tabaksqualm des Vetters meine Bücher an, und zwar ebenfalls wie etwas, das mich nur zu oft abgehalten hatte, die besten Lebensstunden, wie es sich gehörte, auszunutzen und mein Teil von der Sonne, der frischen Luft und der freien Welt mit allen fünf Sinnen und vor allem mit Händen, Füßen und Lungen einzuholen.
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Der Vetter Just hatte mir ein Privatissimum vorgetragen, wie ich es nie gelesen habe und leider auch nie lesen werde. Er hatte mir über seinen Lebensgang Bericht gegeben von jenem Morgen an, wo der Bodenwerdersche Landpostbote auf dem Steinhofe unseren jungen guten Kreis sprengte, bis auf die eben abgelaufene wunderliche Stunde.
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Nun konnte ich wohl sitzen, mir den Kopf mit beiden Händen halten und Gewissensbisse der schlimmsten Art haben, nämlich die der vielbeschäftigten, selbstgenügsamen Indolenz, die plötzlich zu dem Bewusstsein kommt, wie wenig auf Erden durch sie zum Guten, Wirklichen und Wahren ausgerichtet wird! Ich hatte selten kläglicher geseufzt und jämmerlicher nach Luft geschnappt als in jener Nacht; und des Vetters Knastergewölk war wahrlich nicht schuld an der erbärmlichen Atemnot.
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Mittelalterliches Quellenstudium hatte ich zur Genüge für mich und andere getrieben und konnte genaue Auskunft geben, zum Exempel über die Annalen von Brauweiler, die sich so sehr darüber beklagten, dass die Ketzer so viele Wunder täten, und die natürlich das Nahen des Antichrists, des allgemeinen Durcheinanders, daraus vordeuteten (o dieser Ketzer von Vetter!), aber die Quellen des lebendigen Daseins, die neben mir aus dem Boden aufsprudelten, jede nach ihrer Art trübe oder klar, mit ihren Kristallblasen und überhängendem Grün, mit ihrem Treiben von Kindermühlwerken und Fabrikrädern, mit ihrem Rauschen über Stock und Stein, die waren mir nur zu sehr aus dem Gesicht und Gehör ferngeblieben! In meinem Kopfe war in jener Nacht, nachdem der Vetter Just Everstein Farewell oder Good night gesagt hatte, das große Durcheinander unbedingt momentan vorhanden, und es kostete keine geringe Mühe, nur die allernötigste Ordnung wieder in das Chaos zu bringen.
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Ach, Vetter Just, was hatte ich dir auf deine Erzählung als Gegengabe meinerseits zu bieten? Wie wenig fühlte ich mich persönlich in den Enthusiasmus einbegriffen, mit dem du die Titel auf den Bücherbrettern an diesen nichtsnutzigen vier Wänden herlasest und buchstabiertest!... Aber das Ärgste war doch, Vetter, als du so ganz beiläufig und gutmütig bemerktest:
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»Das ist der ganze Steinhof und meine Erkerstube und meine Gefühle – wie's leibt und lebt! O Fritz, du hast es gut gehabt und bist immer mitten in allen deinen Anlagen und Wünschen geblieben, und keiner hat dich gestört; glaub nur ja nicht, dass ich dir nochmals einen Vorwurf daraus mache, dass du heute mittag bei Tische so gar nichts von uns anderen gewusst hast. Ich hätte sicherlich ebensowenig davon gewusst, wenn ich du gewesen wäre! Du bist ja freilich ein ganz famoser Kerl! Ein Riese bist du!«...
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So fühlte ich mich freilich in jener Nacht – ach, du liebster Himmel! Und jetzt lasse ich die Arme sinken und lasse den Vetter Just Everstein erzählen.
Vorlage S. 88
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»Dass man die größten Wunder zu Hause erlebt«, sagte er, »das lernt man erst in der Fremde erkennen. Man braucht sich überall nur fest hinzustellen mit dem, was man von seinem eigenen Grund und Boden mitgebracht hat, um dem Auslande verdammt merkwürdig vorzukommen. Das ist meine Erfahrung, und so habe ich selbst als Deutscher den lieben Leuten da drüben ganz devilish imponiert. Mit den lieben Leuten aber meine ich sämtliche Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika, von den großen Seen bis an den äußersten Zipfel der Halbinsel Florida und von einem Ozean bis zum anderen. Ich freute mich auch da schon auf das Wiedersehen mit unserem guten Ewald, bloß um ihn fragen zu können, wie es ihm in dieser Hinsicht außerhalb der deutschen Nation ergangen sei. Nun, ihm natürlich, wenigstens in dieser Beziehung, noch um manches Prozent besser als mir; das steht fest, ich glaube nicht, dass es mir bloß so scheint! Du weißt, unter welchen schauderhaften und unangenehmen Umständen ich von euch und dem Steinhofe und dem Vaterlande überhaupt Abschied zu nehmen hatte. Ein blöderer Hanstoffel als ich ist wohl selten aus seinem Traumwinkel und von der Ofenbank an die freie Luft hinausbefördert worden. Alles, was ihr nachher erlebt haben könnt (Fräulein Irene nehme ich aus!), ist gar nichts gegen das, was ich an jenem schönen Sommertage und dann bei der Auktion ausgestanden habe. Und wie die Welt ist, nimm mir das nicht übel, Fritze, so ließ sich keiner von euch auf dem Hofe mir zum Troste und der alten Jule zur Aufrichtung blicken; und so waren wir denn einzig und allein auf uns selber angewiesen in dem Verdruss und Elend, ich und Jule Grote. Ich mache dir übrigens durchaus keinen Vorwurf, Fritzchen, denn ich weiß es wohl, dass ihr euch damals gleichfalls durch schlimme Tage durchzufressen hattet. Aber uh, die alte Jule! Da habe ich das Meinige zu hören gekriegt vom Morgen bis zum Abend. Und, was das schlimmste war, durchaus nicht mehr mit Gift und Galle und spitzen Reden, sondern alles in Wehmut und Herzeleid, und – ›mein armer, lieber Just‹ hier – ›mein armer, armer Junge‹ da! – Zum Heulen war's! Die Haare stehen mir heute noch darüber zu Berge. Ganz unerträglich! – – ›Dich hätte ich gar nicht aus deinen Windeln herauswickeln sollen, Just‹ – winselte die Alte fort und fort, als ob ich an dem tagtäglichen Exekutor nicht schon genug zu tragen gehabt hätte. Gottlob, dass das alles damals war und nicht heute noch mal ganz von vorn an durchgemacht werden muss! – Und ein Glück war es in allem Unglück, dass ich für die gute alte Seele am wenigsten zu sorgen hatte. Ich kam ihr einmal mit dem Wort und der schweren Herzensangst; aber da hättest du Jule Grote in ihrer Glorie sehen und hören können, Fritz Langreuter! Keine Katze konnte giftiger aufpusten. Da ging es los wie die Kastanien in der Asche, und die Asche flog mir arg genug in das Gesicht. – ›O du dummer Bengel, willst du dich auch da noch zum Narren machen? Mich willst du unglückselig, geschoren Schaflamm bemuttern? Du hülflose, übergeschnappte Kreatur, du? Du hast doch sonst immer mit deinem dummen Maul warten können, bis du gefragt wurdest! Ach, Gott, nun auch das noch!... Um mich macht sich das Kind zu guter Letzt auch noch seine Gedanken. Da ist es denn freilich wohl mit uns zum Schlimmsten gekommen! Zu glauben steht es freilich nicht, du – Töffel!‹
Vorlage S. 88
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Das war das richtige Wort, Fritz. Für sie bin ich mein Lebtage der kleine Töffel gewesen, und ich kann dir gar nicht sagen, Fritze, wie wohl es mir jedesmal ums Herz wird, wenn ich daran denke, dass ich es auch heute noch für sie sein kann und bin.
Vorlage S. 90
456
Sie hatte vollständig recht. Die Gedanken, die ich mir in meinem Leben gemacht habe, sind nie viel wert gewesen, und die über sie am wenigsten. Da könnte ich mich noch eher mit meinen Gefühlen sehen lassen! Ich sage dir, Fritz, wenn ich noch lebe und jetzt, in dieser Nacht, hier dir so fett und rund gegenüber sitze, so ist das einzig und allein ihr Verdienst. Sie nahm es mir denn auch ganz unchristlich schriftlich übel, als ich ihr die ersten hundert Dollars über die See nach Bodenwerder schickte. So 'n dummes Zeug verbat sie sich ausdrücklich fürs künftige; ich muss dich aber da mal unsere gegenseitige Korrespondenz lesen lassen: so kurzweg erzählen lässt sich dies nicht; das ist wie mit allem Schönsten, Liebsten und Großartigsten in der Welt. Zum allerwenigsten muss ich die Dokumente dabei auf dem Tisch haben.
Vorlage S. 90
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Sieh mal, Fritz, du bist nur eine vaterlose Waise gewesen, ich dagegen eine mutterlose von Kindesbeinen an; also kalkuliere dir mal unser gegenseitiges Verhältnis, ich meine zwischen mir und meiner Alten, selber zurechte. Ach, Gott, was hat sie von meinen Gedanken ausstehen müssen! Und was das ärgste war, das Allerärgste war noch zurück und ging ihr über alles übrige hinaus, bis sie sich auch in es, wie in alle meine anderen Usinnigkeiten, mir zuliebe, gefunden hatte. Auf den Gedanken, nach Amerika auszuwandern, verfiel ich auf dem Wege nach Bodenwerder am letzten Auktionstage, und es war ein richtiger Kreuzweg. Nach ihr, meiner Jule, hatten sich die Hände, die sie gebrauchen konnten, dutzendweise ausgestreckt; aber nach mir nicht ein einziges Paar. Wer konnte mich gebrauchen? Sie war auf jedem Bauernhofe, auf jedem Gutshofe hoch willkommen denn sie wussten alle weit ins Land hinein, was für eine Perle von Ökonomie und Molkenwesen, Schweinezucht, Viehzucht und Menschenzucht überhaupt der Steinhof an ihr gehabt hatte. Mir verhalf weder der große noch der kleine Bröder zu einer Unterkunft – im Gegenteil, sie waren schuld daran, dass ich überall, wo ich anklopfte, mit einem manchmal gar nicht höflichen Kompliment weitergeschickt wurde. Niemand wollte von dem ›gelehrten Bauer‹ etwas wissen, und am allerwenigsten seine besten Freunde. So bitter ist wohl selten einem Menschenkinde der Geschmack vom Lateinischen auf der Zunge geworden wie mir damals«...
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»Armer Teufel!« sagte ich, Friedrich Langreuter, Doktor der Philosophie, Privatdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin usw. usw., und fügte hinzu: »Was weißt du denn von dem Geschmack auf den Zungen anderer Leute, Vetter Just? Ach, Vetter, du bist der größte Doktor, der mir je bekannt geworden ist – wie gern zeige ich dir die meinige körperlich und geistig und lasse mir ein Rezept gegen die Bitterkeit darauf verschreiben!«
Vorlage S. 91
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»Zweihundertfünfzig Taler hatte sich die Alte übergespart«, fuhr der Vetter fort, »das übrige hatte sie alles immer wieder so bei kleinem in den Steinhof hineingesteckt, und noch dazu meistens wohl in mich, und ohne dass ich es in meinem faulen Behagen leider Gottes im geringsten gemerkt habe und ihr dankbar dafür gewesen bin, wie es sich von Gottes und Rechts wegen gehörte. Nun kam sie mit ihren Sparkassenbüchern und ihrem Strumpfe voll blanker Achtgroschenstücke zum Vorschein und mit einem Gesichte dazu, was mir bis an mein Lebensende im Gedächtnis bleiben wird. Denke dir nur um ihr Gesicht einen Heiligenschein, wie ihn die Maler um ihre himmlischen Jungfrauen malen – beschreiben lässt sich aber der Kontrast nicht, sondern nur mit tränenvollem Herzbeben nachfühlen. Nicht einmal für ihr standesgemäßes Begräbnis, wovon sie immer gern sprach wie die Alte in dem Gedichte, wollte sie wenigstens die fünfzig Taler zurückbehalten, und – gottlob – bis heute hat sie sie auch noch nicht nötig gehabt; aber ich habe sie ihr damals doch zurückgelassen, und dabei erlebte ich denn of course ihren letzten Wutanfall über mich vor meiner Abreise. Die zweihundert Taler habe ich genommen, und ich will keinem anderen von meiner Natur wünschen, dass ihm auch einmal so schweres Geld in die Tasche gesteckt wird! Glaub nur ja nicht, dass sich das so an einem Tage machte; ebensowenig wie der Abschied! Aber eines Morgens waren wir doch so weit, nämlich bis zu dem: ›Ja, Just, denn adjes, und ich hätte nimmer gedacht, dass ich auch das noch an dir erleben sollte!‹ – gekommen. Fahre du einmal so wie ich damals von Bodenwerder nach Bremen und probier's, wie dir dabei zumute ist. Was wir Gelehrten die Logik nennen, das ist wie Philosophie auf dem Wege zum Zahndoktor; beides kommt einem erst wieder, wenn alles – Herz, Hirn und auch die Kinnbacken wieder in verhältnismäßiger Ordnung sind. Du siehst es mir heute, Gott sei Dank, nicht mehr an, wie ich damals aussah inwendig und auswendig. Wenn wir Gelehrten aber wissen, dass der Mensch in seiner Natur immer derselbe bleibt, so ist es doch ebenso wahr, dass sich manches auf den Charakter hängt und dazugerechnet wird wie die Mistel zum Apfelbaum. Kannst du das Schmarotzergewächs nicht zu Vogelleim gebrauchen oder ist dir das Geniste sonst widerlich und hinderlich, so sei nur dreist ein guter Gärtner und richtiger Mensch – reute es aus, reiß es ab und mach ein Feldfeuer aus dem Gestrünk und Gestrüpp. Für mich, den Vetter Just vom Steinhofe, ist da diese glorreiche Republik der Vereinigten Staaten von Nordamerika eine unbezahlbare Schulmeisterin gewesen. Hier bin ich wieder, und – ein Schulmeister bin ich drüben gewesen: ich habe mich doch nicht ganz umsonst von euch hierzulande auslachen lassen wollen, alter Junge, und ein Buch könnte ich wohl auch jetzo zustande bringen, wenn auch nur eines – meine Lebensgeschichte, Ich gebe dir mein Wort darauf, eine ganz sonderbare Historia ist das; und so in manchem stillen Augenblicke komme ich mir wirklich merkwürdig kurios und interessant vor und als etwas, was ganz außer mir steht und sich von den verschiedensten Seiten her betrachten lässt. Nicht wahr, Objektivität nennen wir dieses? Glaube nur aber ja nicht, dass ich dir das Gesicht, welches du mir hier eben zuschneidest, übel anrechne.«
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»O Vetter«, habe ich damals, mit beiden Händen nach der Hand des teuern Mannes greifend, gerufen, »Vetter, lieber Vetter, was ich für ein Gesicht dir mache, weiß ich nicht; aber wie ich jetzt, in dieser Nacht, mit diesem Winde vor dem Fenster in deiner Schule sitze, das weiß ich ganz genau. Und nun tue mir die Liebe an und verführe mich nicht wieder, dich zu unterbrechen! Erzähle weiter – weiter; oh, erzähle weiter –«
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»Herr Urian! Jawohl; – wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen, singt der Wandsbecker Bote. Und freilich, eine Reise habe ich getan, und sie war noch lange nicht zu Ende, als ich drüben am anderen Ufer angekommen war, daselbst auf der Werft im Kreise meiner Zwischendecksgenossen stand (einige saßen auch noch ratloser als ich auf ihren Kisten und Kasten) und diesen Neuyorkischen Nordamerikanern meine ersten frisch importierten Maulaffen feilbot. Großer Gott, damit mochte man dort so frisch als möglich ankommen, eine neue Ware war es da am Platz wahrhaftig nicht! Es ist nicht in einer Sitzung, wie wir sie jetzt abhalten, zu berichten, was ich im Handel damit ausgestanden habe! Und dann nimm nur auch mal die Konkurrenz an, ganz abgesehen von den Weibern, Kindern und den Alten, die dazu ihre Tränen, Seufzer, Jammergesichter und Gebresten auf den fremden Markt bringen. Daran darf ich gar nicht denken, ohne meine eigene Historie auf der Stelle abzubrechen und anzufangen, die eines anderen, und zwar eines anderen von Hunderten und Tausenden, zu erzählen. Der Mensch ist aber und bleibt ein Egoist, und so bleibe auch ich in der Furche und pflüge mein eigen Feld nach der allgemeinen Regel dir vor wie bei dem ersten besten Preispflügen. Das mit der großen Konkurrenz war denn sicherlich für mich kein eitler Wahn. Es geht außer den ordentlichen Bauern auch eine Menge wirklicher Schulmeister Ober das Wasser, weil ihnen der vaterländische Grund und Boden nicht genug Balken mehr unter sich hat – gelehrte Leute, Professoren, Doktoren, Oberlehrer und Seminaristen – Philologen und Philosophen von jeder Sorte, und kommen sämtlich beim Steinklopfen, Ziegeltragen und im deutschen Auswandererspital an. Mit mir ist es glücklicherweise umgekehrt gegangen. Ich habe da freilich nur meine eigene persönliche Erfahrung und kann nur sagen, was ich persönlich weiß. Und nun, Fritz Langreuter, lasse ich mich darauf totschlagen, dass von allem, was man drüben am besten gebrauchen kann, ein lateinischer Bauer das allererste ist. Von ihren großen Städten und dergleichen rede ich natürlich nicht, sondern von ihren Wildnissen und Einsamkeiten. Und merken lassen darf man es ihnen, auch im Hinterwalde oder auf der Prärie, auch nicht, was man außer seinen zwei groben Fäusten mitgebracht hat, sondern sie müssen es nach und nach ganz von selber merken. Nun stelle dir den Vetter Just vor in einem Lande, wo jedes Kind, sowie es das Licht der Welt erblickt hat, sofort sich auf das Praktische legt und mit seinen Eltern über seine ersten natürlichen Geschäfte an zu handeln fängt! Nicht wahr, da brauchte der bankerotte Bauer vom Steinhofe nicht erst eine Glatze zu kriegen, um zum Kinderspott zu werden? Es war der erste Vorteil, den ich aus meiner heimischen Dummheit zog, dass ich dieses einsehen und mich darauf einrichten konnte. – Ach Fritz, es ist manchmal dem Menschen nichts dienlicher, als dass er mal so recht vollständig umgekehrt wird! Wenn das Allerinnerste nach außen kommt, dann erfährt er erst, was eigentlich alles in ihm gesteckt hat und was ihm nur angeflogen war. Jetzt kehrst du zuerst den Bauer heraus, Just! denke ich mir, mit der Faust vor der Stirn – den Urbauer, den deutschen Bauer aus der Zeit, wo er sich noch nicht einen Ökonomen schimpfen ließ. Dreidrähtig, Just! Schon um der alten Jule willen. Ebenso dick als lang, und wäre es auch nur der Ehre des deutschen Vaterlandes wegen. Mist bleibt überall Mist und hat überall dieselbe Wirkung in der schönen Natur, einerlei ob in dem alten Europa oder in dem jungen Amerika. Und dann – muss man denn immer in seinem eigenen Bette schlafen und den Schlüssel zu seiner eigenen Rauchkammer in der Tasche herumtragen? Uh, das Fleisch ist mir da wirklich von den Knochen gefallen; aber gereckt habe ich mich auch. Du glaubst es wahrscheinlich nicht; aber einen guten Zoll bin ich ganz gegen die Natur in Amerika noch gewachsen. Das Land hat das wirklich naturgeschichtlich so an sich, dass es seine Leute wie zähes Leder auseinanderzieht. Ist dir mein Hals nicht aufgefallen? Na ja, auf dem Steinhofe steckte er mir ganz anders zwischen den Schultern! Nimm es mir nicht übel, das sollte kein Stich auf dich sein; denn bei dir ist das ganz was anderes, du bist ein glorreicher deutscher Gelehrter und passest mit deiner dünnen Nase ganz nach der Regel zu deiner übrigen Figur. Aber wir – das deutsche Volk im großen und ganzen, wie lange müssen wir noch selbst dem Unteroffizier dankbar sein, der uns zum Geradestehen animiert und uns das Kinn mit der Faust in die Höhe stößt, um uns auf das stolze Blau über uns aufmerksam zu machen?! Das war eine Abschweifung, rechne ich; und da bin ich also auf einer Farm mitten im Staate Wisconsin – auf einer Farm –, zahle mein Lehrgeld als Ackersmann auf Erden nachträglich und hole vieles nach, was ich auf dem Steinhofe aus Faulheit und Dummheit versäumt habe; – mein einziger Verlaß die Muskeln, die mir Jule Grote angefüttert hatte. Ein bisschen klimatisches Fieber abgerechnet, ging es auch so ziemlich. Aber das Geräte! Damit habe ich jahrelang meine liebe Not gehabt, bis ich es mir handgerecht einstudiert hatte. Nimm nur mal solch eine Yankee-Axt an. Und dann ihre Verbesserungen an ihren Pflügen zwischen ihren Baumstumpfen. Selbst das Älteste, was Adam schon kannte, kommt einem da neu vor. Bis auf den Griff am Spaten musst du dort als deutscher Ackerknecht von frischem in die Lehre gehen. Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen, und by degrees machte sich die Sache ganz gut. Wir Gelehrten nennen das ja wohl eine felix culpa, wenn sich einer zu seinem Glück und besseren Verständnis blamiert und sich elend und lächerlich macht? Wir hatten einmal einen thüringischen verunglückten Pfarrer in Liedlohn genommen, der sprach viel hiervon. Einerlei; ich sage dir, Fritze, man muss so einen wackeren Erbsitz und Urvätereigentum wie den Steinhof wie im Traum von der Hand weggeblasen haben, um es im vollen einzusehen, was für ein glorreiches Handwerk Adams Handwerk ist! So ist es aber mit allen guten Dingen, die uns in die Hand wachsen, in die Windel eingebunden oder auf dem Präsentierteller gebracht werden. Erst verdudele du sie, dann lernst du sie nach ihrem ganzen Wert und Behagen abschätzen! Wenn ich es heute nicht noch zu allem übrigen hier bei euch zum Titel Ökonomierat bringe, so – na, ich will lieber nicht sagen, was Karl Heinzen drüben dann in diesem Falle sagen würde! – Herzensjunge, es ist jammerschade, dass du in jener Zeit nicht bei mir warst, um dein Pläsier geradeso an mir zu haben wie im grünen Grase unter meines Vaters alten Kirschenbäumen oder in meiner ganz verrückten Erkerstube. Oh, hätte ich nur manchmal die alte Jule, dich, Ewald und die beiden Mädchen nach Neu-Minden hexen können! Wenn man absolut einmal zu renommieren wünscht, so renommiert man am liebsten vor seinen nächsten Bekannten, Verwandten und besten Freunden, wahrscheinlich eben, weil die doch nie an einen glauben. Neu-Minden hieß unsere Ansiedelung, und alles in allem gerechnet, jung und alt zueinander, waren wir so zirka fünfzig bis sechzig Köpfe stark. Immer ein hübscher Kern! Der General Varus auf seinem Marsche durch Deutschland hat wahrscheinlich erst bei Detmold einen bunteren Haufen von uns, und zwar zu seinem Schaden, auf einer Stelle zusammen erblickt. Neu-Minden! Ein netter Name und ein absonderlich Sammelsurium deutschen Volkes – von jeder Sorte a G'schmäckle, wie die drei oder vier Schwaben unter uns sagten. Drei bis vier Dutzend Kinderflachsköpfe wuchsen uns zwischen den Beinen, Schweinen, Baumstumpfen und Fenzen auf, und das war die Hauptsache, und wer auch Präsident sein mochte – dieses machte ihm keine grauen Haare; einen Kultusminister schickte er uns nicht, um Ordnung zu stiften, nach Neu-Minden. Ihm war es in seinem Weißen Hause in Washington vollständig einerlei, auf welche Weise sich seine Bürger die Fähigkeit, seine Nachfolger in diesem Weißen Hause zu werden, erwarben. Nun, da freue ich mich, dass ich dreist beschwören kann, dass es immer noch etwas auf sich hat mit dem deutschen Gewissen, nämlich soweit es sich um Vaterpflichten und Muttersorgen handelt, einerlei, ob es ihm absolut gleichgültig ist, wer Präsident wird und wer nicht. – ›Sie wachsen auf wie die Schweine!‹ brummten kopfschüttelnd die Grauköpfe von beiden Geschlechtern in der neuen Gemeinde. ›Ein Vergnügen ist es, es mit anzusehen, aber eine Schande ist es auch, wie das Zeug ins Kraut schießt. Es geht nicht länger so; für den nächsten Winter müssen wir für einen Schulmeister zusammenlegen, koste er, was er wolle. Aber mit Rat, Gevattern! Es verläuft sich mancher von der Sorte hierher, dem man kein Ferkel zum Waschen anvertrauen möchte, wenn man ihn selber und seine Vorgeschichte im alten Lande genau kannte.‹ – Na, Fritze, du kennst mich und meine Vorgeschichte im alten Lande! Was meinst du zu mir und diesen Reden und Beratungen in der Waldwirtschaft rund um mich her? Nicht wahr, du siehst es jetzt schon ziemlich klar vor dir liegen, wie es sich nachher alles gemacht und passend ineinandergefunden hat? Schwerenot, wollte ich dir jetzo eine Pfeife vom schwersten Lobtabak vorrauchen, so könnte ich es, dass du Fenster und Türen des Wohlduftes halber aufsperren müsstest. Neu-Minden aber existiert glücklicherweise noch; also reise du nur lieber selber hinüber und höre dir, wenn dir daran liegt, an, wie die anderen von mir reden. Ich, der ich auf dem Steinhofe nicht der Herr und Bauer sein mochte, ich bin hoffentlich ein guter Bauer und Knecht in dem amerikanischen Walde gewesen. Aber ich bin auch durch des Großvaters Schrank – weißt du noch? – im Laufe der Zeit wieder mein eigener Meister geworden, wie wir Deutschen das Wort nehmen; ich habe eine Farm in die Wildnis hineingesetzt, die sich sehen lassen konnte und bald ihren Wert und Preis hatte. Weiß der liebe Gott, den Vetter nannten sie mich auch drüben bald auf zwanzig Meilen in die Runde, ohne dass ich dir sagen kann, wie es zuging. Von den Kindern ging es nicht aus. Die habe ich schon der Autorität wegen bei ihrem Mister Everstein erhalten. Bitte, reise wirklich morgen schon ab – bloß um zu hören, wie sie hundert und mehr Meilen nordwestlich von Milwaukee von dem Mister Everstein sprechen, wenn sie zu ihren Buchstabierspielen aus allen Himmelsrichtungen her auf eine halbe Tagereise weit zu Pferde und zu Wagen zusammenkommen! Und ich habe es nicht bei dem bloßen Buchstabieren gelassen nach getaner Tagesarbeit mit Axt, Pflug und Spaten. Ein Exemplar vom alten Bröder war freilich nicht aufzutreiben, weder in Neu-Minden noch in Neuyork; aber da liegt schon in Minnesota am Mississippi ein Ding, das heißt Sankt Paul, und da hat mir wirklich und wahrhaftig einer einen Ellendt aufgetrieben, und wenn heute eineingeborener Neu-Mindener einen Begriff oder eine Ahnung von mensa und amare hat, das heißt in der Römersprache, so bin ich der Mann, der schuld daran ist. Oh, und der pythagoreische Lehrsatz! Erinnerst du dich wohl noch an den Magister matheseos, Fritze Langreuter? Und an meine Seelenseligkeit, als ich ihn heraushatte und ihn dir als etwas, was unumstößlich seine Richtigkeit hatte, beweisen konnte? Du hättest die Tafelrunde von alten und jungen Neu-Mindenern sehen sollen, denen ich ihn gleichfalls bewies, mit Kreide auf der Tischplatte, am Winterabend mitten in der amerikanischen Wildnis und viel näher dem Lake superior als der Weser und dem Flecken Bodenwerder und dem Dorfe Kemnade! Siehst du, liebster Freund, so habe ich wenigstens einmal in der Fremde für voll gegolten in dem, was ich zu Hause für das höchste Ideal hielt. Jetzt bin ich mit Ruhe ein Bauer auf meinem alten braven Hofe. Alle Nachbarn sind mir wiederum willkommen wie vor Jahren in meiner Narrenzeit. Ich bin auch mit Vergnügen für jedermann wieder der Vetter Just, und manchmal denke ich wie mit einigem geheimen Vergnügen: Hast du auch weiter nichts Vor dich gebracht, Just, als dass sie nicht mehr hinter deinem Rücken über dich lachen, so ist auch das schon bei deiner angeborenen Dummheit und Faulheit etwas ganz Hübsches.«
Vorlage S. 93
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»O Vetter Just«, rief ich im hellen Enthusiasmus und wahrhaftig mit Tränen in den Augen und einem heißen Kitzel in der Gurgel, »der Vetter Just bist du und bleibst du, und – bei den unsterblichen Göttern – höher als das kann es kein sterblicher Mensch auf die ser Erde bringen! O Vetter, wie freue ich mich, dass ich dich wieder im Lande weiß und von neuem dich auf dem Steinhofe besuchen und bei dir in die Schule gehen kann!«
Vorlage S. 99
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Vierzehntes Kapitel
Vorlage S. 99
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So weit waren wir vor Mitternacht gekommen. Nach Mitternacht erzählte der Vetter weiter, wie er durch harte Arbeit, klugen Sinn und treuherziges Beharren in jeglichem wackeren Vornehmen durch gute und böse, durch harte und linde Zeiten, durch schlimme Tage und schlimmere Nächte seinen Weg als ein fester, wirklicher und wahrhaftiger Mann sich in das Vaterland und zu dem alten Erbsitz zurückgebahnt hatte. Wenn nichts in der Welt fest stehenbleibt als ein wirkliches und wahrhaftiges Kunstwerk, wenn alles andere vorbeigehend ist, so hatte dieser Mensch in seinem Leben ein echtes und gerechtes Kunstwerk fest hingestellt, zum Trost und zur Nachahmung für alle, die das Glück hatten, ihn kennenzulernen. Das war old Germantext-writing in der vollsten Bedeutung des Wortes, eine leserliche, dauerhafte Schrift mit allen ihren kuriosen Schnörkeln und Verzierungen! Wer darin seine Autobiographie niedersetzte, der konnte gewiss sein, dass sie manchem kommenden Geschlecht von Kindern und Enkeln merkwürdig, rührend und ermutigend sich in das Gedächtnis prägte. Und das deutsche Volk hat wahrlich dergleichen monumenta Germanica recht sehr nötig; denn wenn unsere großen Leute dann und wann vielleicht weitherziger als die irgendeines anderen Volkes sind, so sind dagegen unsere kleinen häufig in ebendem Grade kärglicher, kleinlicher, engherziger, mürrischer und unzufriedener als irgendeine Menge, die eine andere Planetenstelle bewohnt; und – ach, wie oft hatte ich mich in den letzten Stunden im ganz geheimen an die Brust geschlagen und geseufzt Gott sei mir Sünder gnädig! Ich seufzte es aber auf Griechisch: ›'O ϑεος ίλασϑητι μοι τω άμαρτωλω‹ – wahrscheinlich, wie es mir jetzt vorkommt, um in der Befähigung dazu einen Trost zu finden, denn Griechisch konnte der Vetter wenigstens doch nicht!
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Aber er erzählte nun davon, wie er seine alte Jule aus Bodenwerder abgeholt und im Triumph nach dem Steinhofe zurückgebracht habe, und das war wiederum mehr als Griechisch und Sanskrit.
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»Ich hatte ihr natürlich«, berichtete er, »auch von Amerika aus von allem Guten, was mir zuteil wurde, das ihr Gehörige zukommen lassen; aber der Tag, an dem ich selber heimkam, war doch das Beste sowohl für sie wie auch für mich, Schade, dass ich euch – dich, Irene und Ewald – nicht von Schloß Werden dazu herüberholen konnte! Gottlob, Eva Sixtus und ihr Vater sind wenigstens dabeigewesen und mit von neuem auf dem Steinhofe eingezogen. Dass die ganze Umgegend auf den Beinen war, kannst du dir wohl vorstellen. Freilich bei mehr als einem guten Freunde, mit dein ich von meinem jammerhaften Abschiede her einen Schinken im Salze hatte, habe ich wohl ein Auge zudrücken müssen, wenn er mir am liebsten als mein allerbester Freund um den Hals gefallen wäre; aber ich habe es gern getan. Je mehr man sich den Wind draußen in der wilden Welt um die Nase hat wehen lassen, desto bescheidener wird man in seinen Ansprüchen an den Charakter der Menschheit und nimmt am guten Tage still mit in den Kauf, worüber man am schlimmen vor Wut und Ärger aus der Haut fahren möchte. Zwischen der alten Jule und manchem früheren guten Haus- und Hof- und Jagdfreunde ging es freilich nicht so glatt ab, und manch einer bleibt heute noch ihretwegen weg vom Hofe, der meinetwegen wieder ganz behaglich seine Beine unter unserem Tische ausstrecken könnte. Die Weiber sind in diesen Dingen nämlich von einem viel besseren Gedächtnis als wir Männer, Fritze; und gnade Gott manchem armen Sünder, wenn sie es durchsetzen und am Jüngsten Gerichte Sitz und Stimme kriegen. Gnade für Recht ergeht da gewißlich nicht; – selbst bei unseren deutschen Frauenzimmern nicht, welche immer noch die besten sind und die harmlosesten, was gleichfalls eine von meinen amerikanischen Erfahrungen ist und die ich auch dir jungem Menschen, Fritzchen, mitgebracht haben will. Und es soll mich recht freuen, wenn du noch Gebrauch davon machen willst. Aber das ist ja alles nur beiläufig, nimm's nicht übel; ich sage dir, Doktor, den Weg von Bodenwerder nach dem Steinhofe hättest du an dem Tage sehen sollen! Und dann unsere Ankunft auf dem alten ausgemergelten, nichtsnutzigen Haferacker – weißt du, an der Fenz – nein, Gott sei Dank, an der echten, richtigen Weißdornhecke und dem Plankenzaun, über den ihr mich so oft angecheert habt. Wenn es in meiner Erzählung hiervon etwas kraus durcheinandergeht, so gehört auch das zu dem Spaß, denn es kommt einzig und allein daraus her. Sonst kann ich jetzt unter Umständen recht gut bei der Stange bleiben. Ich hatte selbstverständlich mich schon ein paar Wochen vor unserem Haupteinzuge auf dem Hofe installiert. Junge, und ich habe die ersten Nächte in meinem Erker auf Stroh geschlafen; und – oh! – so hat lange keiner in dieser Welt der Plagen und schweren Sorgen und Arbeiten die Beine von sich gestreckt und die Arme unter dem Hinterkopfe zusammengelegt, mit dem Blicke an den alten kahlen Wänden herum und durch das Fenster in die Nacht hinein und dann in den dämmernden Morgen! Ich habe da wie ein König geschlafen, denn ich habe den größten Teil der Nächte verwacht; aber dagegen waren es sehr angenehme schlaflose Nächte. Ihr waret alle darin eingeschlossen wie ich selber von meinem frühesten Aufmerken an. So liegend, müsste der Mensch eigentlich alle zehn Jahre sein Dasein sich zurückdenken können; dann könnte man sich auch alles Schlimme, Traurige und Wehmütige viel leichter mit Ruhe gefallen lassen und es erleben! Well, auf jede solche vergnügte Nacht kam dann der frische Morgen mit seinem hemdärmeligen Wirtschaften in dem verlorenen und wiedergewonnenen Väterreich. Was mir mein Vorgänger an lebendigem und totem Inventar mit in den Kauf gab, wollte nicht viel bedeuten, und für mich, der ich noch meine alte Inventur im Kopfe hatte, gar nichts. Da mussten mir neue Gäule, Kühe, Schweine und Ziegen in die Ställe; – ihren Hühnerbestand musste Jule Grote wiederfinden, wie sie ihn aufgegeben hatte, und die Gips-Venus musste auch auf den Ofen wieder hin, sonst war die ganze Geschichte nicht das halbe Pläsier. Und Tisch und Bänke hatten sie mir in meiner Abwesenheit gleichfalls derartig verrückt, dass ich mit vier Fäusten und acht Beinen hätte greifen und laufen mögen, um nur die allernötigste Ordnung wieder hereinzubringen. An Karl Ebeling erinnerst du dich wohl nicht mehr? Das war ja unser Junge zu unserer Zeit auf dem Hofe! Na, siehst du, es freut mich, dass dir der Lümmel doch wieder frisch in der Erinnerung aufgeht! Er hat damals manchen Wurf mit dem Pantoffel und manchen Schlag mit dem Küchenbesen, der moralisch mir gehörte, aushalten müssen; und nun male dir meine Genugtuung, dass ich das Ungetier (einen anderen Namen hatte Jule Grote ja nicht dafür!) voll ausgewachsen, mannbar und mit einem Schatz versehen, und dazu als Reserve-Unteroffizier, wiederhabe, und zwar als unseren Oberknecht! Er sitzt jetzt mit Anstand zu meiner Linken an unserem Tische in der alten Stube, weißt du; aber ein anderes Exemplar von ihm in seiner lieben Jugend und Gefräßigkeit und Flegelhaftigkeit habe ich, Gott sei Dank, dazu wieder mir gegenüber am anderen Ende des Tisches. Karl Eggeling heißt der Schlingel heute; na, und ich muss mir doch manchmal in den Ärmel lachen, wenn ich wieder einmal zu erfahren habe, dass die alte Jule immer noch nicht milder und sanfter gegen diese Spezies von der menschlichen Gesellschaft gestimmt ist. – Die alte Jule! Da sind wir wieder bei ihr und ihrem Einzuge auf dem Steinhofe. So in Tränen gebadet habe ich noch kein Frauenzimmer bei keinem irdischen Zufall und weder in Amerika noch in Europa erblickt! Du hättest ihr das größeste Unrecht antun können, und es hätte diese Flut nicht aus dem Schütt gelassen. So weich wie das Glück hatte das Unglück sie längst nicht gemacht. Freund Stakemann, der auch noch lebt, Fritz – du weißt, Stakemann, der mich damals so treu brieflich warnte, als es längst zu spät war! –, Stakemann, der immer der alte vergnügte Kerl geblieben ist, kam leider auch hier mit seinem Witz post festum. Die spaßhafte Bemerkung, dass der Weg von Bodenwerder her wohl nächstens unter Wasser stehen und dass man sich demnächst in Bremen über das große Wasser wundern würde, hatte ich bereits gemacht, geradeso wie damals, das heißt die Jahre vorher, meine Geschäfte mit dem Doktor Schleimer, dem ich, wieder beiläufig, leider nicht in den Vereinigten Staaten begegnet bin, um ihm offenherzig meine Meinung sagen zu können. – Sonst war mir übrigens selber eigentlich auch nicht spaßhaft zumute, sondern sehr im Gegenteil. Ich saß da auf dem Leiterwagen und hielt den Arm um die Alte und tröstete sie und mich nach besten Kräften in unserem Glück. Es ist keine Kleinigkeit, selbst im glücklichsten Fall, sich um soviel älter – alt – und in diesem auch als Greisin zu scheu und zu fühlen, dass man noch einmal eine glückliche Minute herausgefischt hat! Ich weiß nicht, Langreuter, ob ich dir das nach der Syntax vortrage, aber eine Wahrheit ist es, verlaß dich drauf. Nicht wahr, alter Freund, wenn einer den anderen so recht verstehen soll, dann braucht der nur recht unverständlich zu sprechen, wenn er seine Meinung nur recht tief aus dem Grunde heraufholt?! Daher, wo man gar nicht mehr weiß, ob man aus seiner eigenen Seele spricht oder der des anderen!... Nun spricht man häufig davon, dass es sehr süß ist, eine junge Geliebte vom Wagen zu heben, um sie in die neugegründete Heimat einzuführen. Ich glaube dieses herzlich gern, obgleich ich es leider noch nicht selber an mir und an einem guten Mädchen probiert habe; aber sozusagen etwas Bräutliches hatte auch Jule Grote an sich, als sie mit ihrem Anverlobten, dem Steinhofe, wieder zusammenkam nach so langer Trennung und hoffentlich jetzt auf immer. Während des Zwischenreichs und der Fremdherrschaft hatte sie natürlich keinen Fuß in die Gegend gesetzt: ›Zehn Pferde hätten mich nicht in das Hoftor gezogen, Just!‹ rief sie einmal über das andere, während sie jetzt durch alle Stuben und Kammern, treppauf und treppab, durch Stall und Garten humpelte und mich mit seligen Tränen in den Augen auf alles aufmerksam machte, was ›das fremde Volk während seiner Herrschaft nach seinem Gusto verändert oder gar ganz schandbar verrungeniert hatte‹. Wir gingen alle mit ihr, und weißt du, Fritz, was nach meinem Vergnügen an der Alten mir das Lieblichste war? Das war unsere liebe Eva Sixtus, die ihren alten Papa führte und, immer verstohlen mit ihrem weißen Taschentuche an den Augen, wie ein weinender Frühlingsmorgen aussah. Es war ein wahres Glück, das Stakemann fortwährend seine schlechten Witze und altbekannten nichtsnutzigen Bodenwerderschen Redensarten und Anekdoten uns dabei zum besten gab; die Sache hätte sich sonst wirklich für einen Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika zu sehr ins Gerührte verlaufen. Du hast unsere liebe Eva wohl lange nicht gesehen, Fritz? Das ist sehr schade. So jung wie vor zehn oder zwölf Jahren ist sie heute nicht mehr; aber das muss ein heikler Patron sein, für den sie nicht in die Länge und in die Breite in die allersüßeste Frauenfreundlichkeit sich ausgewachsen hat! Und dann solltest du den Förster über sie hören! Hast du selber einen Speech auf der Seele, so lass ihn um Gottes willen nicht zum Worte über sie kommen. Da redet er kopfwackelnd das allervolkreichste Meeting vom Stump zu Tode. Freilich, was mich betrifft, so bringe ich ihn immer mit dem größesten Vergnügen auf seine Tochter, sein liebes Mädchen, und dir, Fritze Langreuter, würde es wohl ebenso gehen, wenn du dir unter deinen jetzigen großartigen und weltgelehrten Verhältnissen noch das alte bescheidene Herz und Vergnügen an allen diesen unseren alten Dingen und Leuten von Schloß Werden, dem Steinhofe und der Umgebung hättest bewahren können. Dass das freilich nicht gut möglich ist, sehe ich aber recht gut ein, mein Junge!«...
Vorlage S. 100
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Ich hatte mir geschworen, den Menschen nicht zu unterbrechen, und ich unterbrach ihn auch jetzt nicht; aber ich sprang auf vom Stuhl, knöpfte mir die Weste auf und trat auf längere Minuten an das Fenster, um die brennende Stirn an die Scheiben zu drücken und auf das dem Morgen hastig zutreibende Gewölk zu sehen und auf den Wind zu horchen. Als ich an den Tisch zurückkam, hatte sich der Vetter Just eine frische Pfeife gestopft und hielt eben das brennende Zündholz darauf. So gleichmütig und phlegmatisch, als ob er mir nicht das geringste gesagt habe, was einen Privatdozenten ohne Zuhörer und einen Doktor der Philosophie ohne Philosophie aufregen könnte. Und jetzt sagte er noch dazu:
Vorlage S. 104
468
»Wahrhaftig, wenn man so ins Schwatzen kommt!... Zwei Uhr am Morgen! Bei uns auf dem Steinhofe fangen da schon die Hähne an zu krähen. Und ich sitze hier und rede und rede und bedenke gar nicht, wie ich dich von der nächtlichen Ruhe abhalte und wie kostbar gerade deine frischen Morgenstunden für die gelehrte Welt und die Wissenschaften sind. Aber guck, Fritz, so bleibt ein Deutscher immer ein Deutscher! Ein echt eingeborener Nordamerikaner hätte dir einfach gesagt: Ich habe den Steinhof wieder; wenn du Lust hast, male dir alles übrige dazu oder lass es bleiben. – Ich dagegen sitze hier und möchte dir auf jeder Faser und Fiber in mir meine Gefühle und Erlebnisse in der alten Heimat nach der Heimkunft vorspielen und frage den Teufel danach, ob das dir noch interessant ist oder nicht. Aber jetzt auch kein Wort mehr! Wo ist mein Überrock? Hier. Und hier ist mein Hut. Jetzo setze deiner Güte und Geduld die Krone auf und leuchte mir die Treppe hinunter. Den Weg nach meinem Wirtshause finde ich schon; hoffentlich aber kehren mehr Leute von meiner Art da ein, die sich leicht festschwatzen nämlich, wenn sie nach jahrhundertelanger Abwesenheit und Trennung einen guten alten Freund und Bekannten zufällig wieder getroffen haben und ihn in ihrer Zufriedenheit mit der Welt in den Schlaf oder über den Schlaf weg, aber sicher halbtot reden. Allein möchte ich auch in diesem Falle nicht in der Welt stehen.«
Vorlage S. 105
469
Fünfzehntes Kapitel
Vorlage S. 106
470
Nach jahrhundertelanger Trennung und Abwesenheit! Das letzte Wort war das richtige; ich aber war Pedant genug, dass ich mir auch in diesem Augenblicke, das heißt, nachdem ich dem Vetter die Treppe hinunter mit dem Lichte vorangegangen war, durch jenes Worts sprachliche und begriffliche Zergliederung meine Stimmungen und Gefühle klarer machte. Wer diese langen Jahre hindurch abwesend gewesen war, das war nicht der Vetter Just Everstein, sondern ich – ich, der ich so hübsch ordentlich zu Hause geblieben war!
Vorlage S. 106
471
Ich schlief in dieser Nacht nicht mehr, obgleich ich ziemlich rasch zu Bette ging. Da lag ich und versuchte es, hundert zerrissene Fäden wieder anzuknüpfen, was stets ein bedenklich Geschäft ist und nicht immer gelingt, jedenfalls aber ungemein selten das Gewebe des Lebens haltbarer und glatter macht. Nun war es sonderbar, wie gerade die letzten Exkurse des wackeren Freundes mir die heftigste Unruhe in das Geblüt geworfen hatten. Was erzählte mir auch der Mann von dem »weinenden Frühlingsmorgen« Eva Sixtus? Wir waren doch alle – ohne Ausnahme – in den Sommer des Daseins hineingeraten. Was sollten mir die hübschesten Bilder aus Tagen, die, wie der Vetter ganz richtig sich ausdrückte, ein Jahrhundert weit hinter uns lagen?
Vorlage S. 106
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Ich wendete mein Kopfkissen darob fortwährend um, ohne Ruhe darauf zu finden. Baß ergrimmt (nein, das war nicht das richtige Wort!) entstieg ich, als der trübe Morgen gekommen war, dem ruhelosen Lager mit den Gefühlen eines Mannes, der eine weite Reise unternommen hat, um alte Schulden einzukassieren, überall aber leere Taschen gefunden hat und nun selber mit leerer Tasche in einem öden Gasthofszimmer sitzt. Mit einer wahren Wut blickte ich von einem meiner Büchergestelle auf das andere. Die weisesten Autoren, denen ich in diesen schönen Momenten mit meiner Lebensrechnung unter die Nase zu rücken versuchte, waren nur imstande, mir die Gegenforderung und Frage zu stellen:
Vorlage S. 106
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»Wer soll uns denn mit Noten versehen, wenn nicht ihr Lebenden? Dummes Zeug: Trost und Beruhigung! – Bestätigung unserer Lebensangst, Unruhe und Not wollen wir von euch Atemholenden! Weiter im Texte!«
Vorlage S. 106
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Von den Schuldnern zu den Gläubigern – den Gespenstern, die mich in der Nacht geplagt hatten! Der Mensch hat eigentlich gar keine Ahnung davon, wie er die Wörter seiner Sprache missbraucht. Die Abgeschiedenen lassen einen wohl schon in Ruhe: es sind die lebendigen Wesen in Fleisch und Blut, die mit atmenden, leidenden, sich freuenden Genossen der Erdenlaufbahn, die da gewöhnlich durch unsere Träume spuken gehen! Sind sie gar noch gute alte Freunde und Bekannte und haben sie dazu muntere Füße, wackere Hände, helle Augen und rote Backen und wissen sie mit kräftiger, sanfter oder gar freundlicher und liebevoller Stimme ihre Fragen zu stellen in der Geisterstunde, so ist das sehr häufig am allerbedenklichsten für unsere nächtliche Ruhe.
Vorlage S. 107
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Wie mit einem Zauberstabe hatte dieser Mensch und Vetter Just, dazu Bürger der nüchternen Vereinigten Staaten von Nordamerika, an die dürre Wand geschlagen und das klaräugige Spukgesindel über mich herbeschworen. Als ich gegen elf Uhr meinen Weg durch die belebten Gassen zu seinem Hotel suchte, um ihm, dem Vetter Just, meinen Gegenbesuch zu machen, sah ich unwillkürlich gespannter als seit langer Zeit den Begegnenden in die Gesichter und mit einem gewissen ängstlichen Suchen und Erwarten in das Getümmel überhaupt. Was ich seit langem teilnahmlos hatte an mir vorbeistreifen lassen, das gewann nach dieser Nacht plötzlich ein sozusagen angsthaftes Interesse für mich. Andere Leute mochten es vielleicht anders nennen; ich nannte es Gedanken, was mich auf meinen Wegen bis heute durchgängig gehindert hatte, auf die Bewegung um mich her viel zu achten. Höchstens ärgerlich hatte ich dann und wann auf- und mich umgesehen, wenn ein unvermuteter Puff und Knuff von Menschenkindern, die es stets eiliger als ich hatten, mich in meiner Neigung, mit gesenkter Nase hinzuschlendern und, offen gestanden, an sehr wenig zu denken, störte. Nun hatte sich dieses mit einem Male geändert, wenigstens für diesen Morgen. Ich ging mit geradeaus gerichteter Nase und mit Augen, die nach rechts und links und manchmal sogar einem auffälligeren Individuum nachguckten.
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Weißt du, wer da mit dir geht oder dir entgegenkommt? Hast du es schriftlich, dass niemand darunter ist, dessen Erkennung im Haufen dir wichtiger sein kann als das träumerische Gespinste, in welches du deine fünf Sinne eingewickelt umherträgst? Würdest du dich über kein zweites unvermutetes Begegnen an der Straßenecke wundern oder freuen? Bist du wirklich so ganz allein und – auf dich allein angewiesen unter den Hunderttausenden? Und – da stand ich schon und starrte und brachte im jähen Anhalten meinerseits diesmal eine Hemmung in den Strom der Bevölkerung und auf dem Gesichte des Nächsten hinter mir, auf dessen Zehen ich mich mit meinem Hacken niederließ, einigen Verdruss hervor. – – –
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Mademoiselle Martin!
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Das war nicht das Gesicht, auf welches ich in dem großen Strome gepasst hatte – Eva Sixtus sah anders aus! – Aber das Wunder und die Verwunderung blieben die nämlichen. Ich musste doch noch Mademoiselle Martin, unsere alte französische Sprachmeisterin von Schloß Werden, kennen! Sie war es! Sie war es unbedingt, und wenn auch nur, um das alte Wort zu bewahrheiten: Wenn es kommt, so kommt es in Haufen!
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Ein greisenhaft, verschrumpfelt und verrunzelt, etwas phantastisch aufgeputztes Mütterchen, wackelte sie daher, und ich stand mit dem Hute in der Hand:
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»O Mademoiselle!... O Mademoiselle Martin, welches ungemein erfreuliche –«
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»Monsieur?!«
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Es lag eine Welt von Fragen in dem einen Wort; und ich war imstande zu stottern:
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»Oh, ich bitte – Doktor Langreuter ist mein Name.«
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Da ging es gottlob wie ein Lächeln über das sorgenvolle Altfrauengesichtchen der ci-devant sœur ignorantine.
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»Je, Fritz?! Monsieur Frédéric Langreuter! Ei, der Herr Doktor Langreuter!! Aber, en vérité, das nenne ich freilich ein recht erfreuliches Zusammentreffen. Haben Sie mich wiedererkannt, Fritz – Herr Doktor? O dieses unvermutete Wiederfinden freut mich ebenfalls sehr.«
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»Und Sie kennen mich auch noch, Mademoiselle? Und gestern mittag – o Mademoiselle, welche Wunder können doch noch in dieser Welt geschehen!... Gestern der Vetter Just und nun Sie, Fräulein Martin! Und Sie haben sich so wenig verändert, dass auch das ein neues Wunder ist, Mademoiselle.«
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»Geben Sie mir Ihren Arm, monsieur. Durch ein paar Straßen müssen wir sans condition miteinander gehen. Schmeicheln will ich Ihnen nicht: Sie haben sich sehr verändert, M. Langreuter, und hätten Sie mich nicht angerufen, so würde ich Sie wahrscheinlich nicht wiedererkannt haben.«
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Wir passten ganz zueinander: ich, der mittelalterliche Quellenforscher, und das melancholische, geputzte Mütterchen an meiner Seite. Durch ein heiteres Wesen hatte sich Mamsell Martin wohl nie hervorgetan; aber nun hatten die Jahre und die Erlebnisse wie immer dichter sich übereinanderschiebendes Gewölk das letzte Licht in ihren Altjungfernzügen ausgelöscht. Ich hatte sie vorsichtig zu führen, denn ihr Schritt gehörte nicht mehr zu den festesten. Wir gingen langsam, und auch das war sehr nötig.
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»Ich habe es gestern von einem guten, alten Freunde vernommen, dass Gräfin Irene jetzt hier ihren Aufenthaltsort genommen hat, Mademoiselle. Ich habe viel erfahren seit gestern, Mademoiselle, und vieles, was ich eigentlich ebensogut, wo nicht besser als jener treue, wackere Freund wissen müsste. Nun gehe ich plötzlich auch mit Ihnen hier –«
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»Ja, wir wohnen seit einigen Wochen in Berlin, Herr Fritz Herr Doktor. Durch wen aber wissen Sie das auch – seit gestern?«
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»Durch den Vetter Just.«
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Nun sah man wieder einmal recht deutlich, dass sowohl der Dichter des Textes zum »Freischütz« sowie der Komponist und alle weisen und melodischen und poetischen Männer, die das nämliche vor ihnen in Versen oder Prosa oder Noten angemerkt, das Richtige getroffen hatten.
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»Ob auch die Wolke sie verhülle, die Sonne bleibt am Himmelszelt!« Wie ein Sonnenstrahl ging es über die gelbe, faltenreiche Stirn, wie freudiges Leuchten zuckte es aus den schwarzen Augen der alten sœur ignorantine.
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»Oh, monsieur, monsieur! Der Vetter Just! O wohl, monsieur Just Everstein! Ja, der hat uns gefunden und hat uns eine Visite gemacht, und wir waren so glücklich, ihn zu sehen! Und er hat bei uns gesessen stundenlang und von der alten Zeit gesprochen! Und er hat unser Kind in seinen guten Armen in den Schlaf getragen! Die Komtesse hat geweint, als er weggegangen ist, aber diesmal vor Freuden. Nicht weil er gegangen ist, sondern weil er versprochen hat, immer wieder zu uns zu kommen, zu uns und unserem armen Kinde. Und er ist wiedergekommen und hat wieder mit uns von der alten Zeit und dem Herrn Grafen und dem lieben, armen château de Werden geredet. Oh – er hat uns gesucht in dem pêle-mêle, der Vetter Herr Just, und er hat uns gefunden und nicht bloß durch einen Zufall. Le bon Dieu hat ihm das in sein Herz gegeben, dass er es nicht anders konnte, sondern suchen und finden und kommen und dasitzen musste, um uns zum Troste zu sein in dieser argen, schlimmen, schlimmen Welt! Wie ein Gesandter von dem guten Gott ist er uns gewesen, der Vetter Herr Just, der mir so viel aversion und répugnance hat bereitet in der glücklichen alten Zeit, wenn ich euch rief zu der Lektion – savezvous? – hoch oben aus den Bäumen und ihr nicht antwortetet, weil ihr alle waret echappiert und – eh, eh, hattet euch durchgeschlüpft – glissés par la haie – wie die Vagabonden in die weite Welt und nach dem Steinhof. Oh, mon Dieu, damals habe ich geweint, weil das war, nun weine ich, weil das nicht mehr sein kann. Aber madame la baronne, meine Komtesse, kann noch lächeln, wenn sie spricht mit dem Vetter Just davon und von euch anderen bösen Kindern; und so bin ich auch glücklich, dass ich einst mich so sehr habe geärgert.«
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Vergebens war es, meinerseits ein Wort in diesen Redefluß der alten Dame zu werfen. Und sie redete das alles zu mir in einer der belebtesten Straßen der großen Stadt Berlin, gänzlich unbekümmert darum, dass wir nicht allein darin gingen wie vordem wohl in der großen Lindenallee im Garten von Schloß Werden. Wir gingen ihnen allen zu langsam und nahmen ihnen allen zuviel Platz auf dem Wege in Anspruch; aber alle hatten sie es auch nicht darum so eilig, um rascher zu einem Vergnügen zu gelangen, und so war nichts gegen dies Geschobenwerden und Gedrängtwerden einzuwenden.
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Dass sich Irene von Everstein in Wien mit einem Freiherrn Gaston von Rehlen verheiratet hatte, wusste ich, ebenso, dass diese Ehe nicht glücklich ausgefallen war. Nun wohnte die Frau Baronin seit einigen Wochen als Witwe in Berlin mit einem kranken Kinde und mit ihrer alten französischen Sprachmeisterin. Ich hatte hundert Fragen zu stellen und brachte doch keine einzige über die Lippen. Jeder Blick in das melancholische graue Gesichtchen mir zur Seite wurde mir hier zu einem Hindernis und trieb mir das Wort von der Zunge zurück; die sœur ignorantine aber schwatzte trübselig weiter von der guten alten Zeit, »als der Herr Graf noch lebte und niemand eine Ahnung, ein pressentiment, davon hatte, wie die Verhältnisse für uns alle sich nach seinem Tode gestalten würden«. Des Ausdrucks changer de face bediente sich Mademoiselle Martin, und es war der ganz richtige Ausdruck: ein ganz anderes Gesicht als damals, wo nur der Herr Graf genau wusste, wie schwankend unsere Stellung im Leben sei, machte uns heute die Welt!
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»Monsieur Ewald ist immer noch in England oder Irland; doch er will nächstens nach Deutschland zurückkehren, hat uns neulich mademoiselle Eva geschrieben«, sagte Mademoiselle. »Der Herr Vetter Just hat ihn in der Stadt Belfast par hasard getroffen. Ich hätte mir gern von ihm erzählen lassen, aber der Herr Vetter hat nicht viel von ihm erzählt. Das Kind war sehr unruhig, und da nahm er es auf den Arm. Hélas, es ist ein sehr schwächliches Kind, monsieur Frédéric, und auch ein wenig verwachsen – ah, pardon.«
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Die Gute hatte nicht nötig gehabt, um Verzeihung zu bitten. Erst durch ihren letzten, halb erschrockenen Ausruf wurde ich auf die unwillkürliche Bezugnahme auf meine eigene gleichgültige Person lächelnd aufmerksam. Ich hatte nur an Ewald Sixtus in Belfast gedacht und an die Gründe, die den Vetter Just abhalten konnten, von ihm der Gräfin Irene ausführlich zu erzählen. Mir musste der Vetter hierüber Rede stehen, das stand mir unumstößlich fest.
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Wir hatten nun die größere Verkehrspulsader der Stadt verlassen und schritten durch stillere Straßen.
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»Nun ich Sie wiedergefunden habe – auch par hasard, Herr Fritz Langreuter! –, so müssen Sie uns doch nun auch wohl eine Visite machen«, meinte Mademoiselle. »Ich werde Ihnen zeigen unsere Wohnung; doch können Sie nicht gleich mit mir gehen, denn madame la baronne – meine Irene – ist nicht wohl heute. Sie müssen kommen mit dem Vetter; ich aber werde sagen, dass ich Sie jetzt getroffen habe und dass Sie aus alter Freundschaft zu uns kommen werden. Darf ich das, monsieur Fritz? Dort wohnen wir, im dritten Stockwerk; – der Herr Vetter Just kennt aber den Weg, und Irene wird sich sehr freuen.«
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Ich sah an dem Hause empor und hielt beide Hände der alten, so bittersüßen Dame, konnte aber nichts weiter hervorbringen als:
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»O Mademoiselle!«
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»Adieu, monsieur«, rief sie. »Und – au revoir! Nicht wahr, monsieur?«
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Die Haustür hatte sich hinter ihr geschlossen, und ich lief eiligst meinen Weg zurück und nach dem Hotel, in dem der Vetter Just Everstein abgestiegen war und hoffentlich noch auf mich wartete mit dem Frühstück, zu dem er mich eingeladen hatte.
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Sechzehntes Kapitel
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Gewartet hatte er in seinem Hôtel garni nicht mit dem Frühstück; auch dazu war er zu sehr der Vetter Just vom Steinhofe geblieben. Aber er hatte doch noch viele schöne Reste auf dem Tische übergelassen; und mit mir von neuem herzlich und herzhaft daran zu Werke zu gehen und sich zu erbauen, dazu war der Vetter immer noch der Mann. Aber ich hatte durchaus keinen Appetit mehr; selbst der sehr mäßige, den ich vom Hause mitgenommen hatte, war mir auf dem Wege unter der Begegnung mit der weiland sœur ignorantine, Mademoiselle Martin, vollständig vergangen.
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Nun war es aber trotz dieser Begegnung immer noch ein Mirakel, den Vetter Just vom Steinhofe in einer solchen modernen Karawanserei aufsuchen zu müssen und ihn daselbst sogar auf dem bekannten trostlosen Sofa hinter dem bekannten, schäbig rotbehängten Tische hemdärmelig zu finden. Welch ein Segen und Glück ist es, dass ein richtiger Haspel immer ein Haspel bleibt, selbst wenn er einem in einer gläsernen Flasche als eine Kuriosität vorgewiesen wird!
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»Du bist lange ausgeblieben, Fritz! Aber so seid ihr einmal hier, und man muss euch nehmen, wie ihr seid!« rief er mir entgegen. »Jetzt komm her und setz dich und greif zu. Einen Klingelzug habe ich schon verruiniert; aber brauchst du noch etwas, so sag's nur dreist, ich gehe dann lieber selber danach. Alter Junge, ich freue mich unbändig. Öffnete sich jetzt dort die Schranktür und Jule Crote träte hervor, um, mit der Faust auf den Tisch gestemmt, dir und mir die Wahrheit zu sagen, so wäre meine Behaglichkeit vollkommen. Aber wie siehst du denn eigentlich aus? Ist dir etwas Unangenehmes auf dem Wege hierher begegnet, oder haben wir für deine Kräfte etwas zu lange in die Nacht hinein gesessen und von den alten Tagen gesprochen?«
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Ich fuhr so rasch als möglich damit heraus, was mir eben begegnet war, und der Vetter fuhr mit der Hand über den Hinterkopf und sprach sehr gedehnt:
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»Ach so!... Ja freilich!«...
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»O Just«, rief ich, »du bist natürlich sofort da wieder der liebste Gast und beste Freund und Berater! Ich soll womöglich nur in deiner Begleitung dort einen Besuch machen; – ich bitte dich um des Himmels willen, was ist das? Sind die Zustände dort wirklich so trostlos, dass –«
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»Hast du wirklich gefrühstückt? Auf Ehre, Fritz, bist du satt und magst du wahrhaftig nichts mehr von dem öden Zeug hier auf dem Tische?« fragte der Vetter kläglich. »Ich frage dich dieses aus Gründen. Nämlich mir ist der Appetit auf längere Zeit vergangen, nachdem ich dort aus alter Freundschaft an die Tür geklopft hatte und von Mamsell Martin hereingelassen worden war. Ach, Fritz, was will das alles sagen, was die Männer erleben können, gegen das, was die Weiber dann und wann erleben müssen. Ich bringe dich natürlich hin, damit du selber siehst, was der Schuft, dem sie in die Hände gefallen ist, aus unserer lieben Irene gemacht hat. Oh, wäre sie tausendmal lieber mit mir über das Wasser und dann, hie und da ohne einen Cent in der Tasche, durch die Straßen von Neuyork und durch alles Sauere und Bittere bis in die Wildnis von Neu-Minden gezogen, als dass sie so dumm war und als bankerottes hochadeliges und reichsgräfliches Fräulein und junges Mädchen unter ihren Leuten blieb.«
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»Davon habe ich eigentlich zu erzählen, nicht du, Vetter Just«, seufzte ich. »Das waren trostlose Zeiten auf Schloß Werden, die nach dem Tode des Herrn Grafen kamen. Wir erfuhren es beide damals, Vetter, wie dem Menschen zumute wird, wenn plötzlich hundert fremde Hände und Fäuste das Recht gewinnen, in unser Dasein hineinzugreifen, und alles, was wir für unser ewig Eigentum hielten, als das ihrige in Anspruch nehmen. Da wird das Geräte des Lebens verschoben, das uns für alle Zeit an seinem Platze fest zu stehen schien. Da klingt fremdes Gelächter in Räumen, in denen wir nur zu flüstern wagten. Du hast nicht die Macht, dich gegen die roheste Rede, gegen den erbärmlichsten Witz zu wehren. Und wenn die grünen vertrauten Bäume von draußen in gewohnter Weise dazu in die Fenster sehen und rauschen, so ist das kein Trost, sondern ganz das Gegenteil. Wir auf Schloß Werden hatten geradeso wie du auf deinem Steinhofe von allem Abschied zu nehmen. Und wir erfuhren jetzt erst in herzzerbrechender Deutlichkeit, wie uns alles ans Herz gewachsen war. Ach, du hättest meine Mutter und ihr armes Kind, ihre Irene, in jenem Sommer und Herbst sehen sollen, wie sie in den immer leerer werdenden Räumen in den Winkel gedrückt saßen und alles über sich ergehen ließen, die stolze Irene am stillsten und geduldigsten! Wohl hätte die Komtesse auf dem Försterhofe ein anderes heimatliches Dach finden können, wohl hätte sie mit uns – meiner Mutter und mir – gehen können und unser Schicksal teilen, wenn nur nicht jeder Mensch sein eigen Schicksal hätte, das durch keine Liebe und Aufopferung, keinen Haß und Zorn eines anderen geändert werden kann –«
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»Jawohl, da hast du recht«, seufzte der Vetter Just. »Man macht sich hier immer entweder zuviel oder zuwenig Illusionen von der Macht, dem guten oder bösen Willen seiner nächsten Umgebung und liebsten Freundschaft. Gegen das Schicksal, was einem angeboren ist, können sie nichts ausrichten, das steht fest – that is a fact, sagen wir drüben.«
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»So kam denn die Vormundschaft und sprach uns drein und dann der Brief aus Graz und dann die Tante aus Graz persönlich. Da war es denn mit uns anderen allen aus, und wie von dem Steinhofe, so ging von Schloß Werden ein jeder seinen eigenen Weg in die Fremde hinein. Wenn dem nicht so wäre, wo bliebe dann nachher wohl die Verwunderung, wenn man sich wieder trifft, wie zum Beispiel wir jetzt, und seine Erfahrungen gegenseitig austauscht?«
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»Da hast du wieder recht«, sagte der Vetter Just Everstein, als ob ich ihm wirklich eben die höchste Weisheit, und zwar als etwas ganz neu Entdecktes, mitgeteilt hätte. »Und jetzt sei nur still«, fuhr er dann um so überraschender fort, »du erzählst mir da gar nichts Neues; und so melancholisch, wie du das da herleierst, so trübselig habe ich es alles selber mit durchgemacht von Bodenwerder aus. Großer Gott, wie bald vergessen doch die Leute, wie nahe sie vor ein paar Jahren beieinander gewohnt haben! Von Irenes Ehestand spreche ich dir meinerseits nicht. Da musst du dich lieber an Mamsell Martin wenden; die war, Gott sei Dank, von Anfang an bis zum Ende dabei und hat dazu heißeres Blut in den Adern als ich und kann dir also die jämmerliche Geschichte mit allem dazugehörigen Nachdruck und Gestus erzählen. Nur tu mir die Liebe, Fritz, und frage nicht die Komtesse danach aus. Freilich, du wirst das wahrscheinlich wohl schon von selber unterwegs lassen, wenn du die alte wilde Hummel und Spielkameradin nach den ihr von der gütigen Vorsehung zudiktierten Lebensschicksalen wieder zu Gesicht gekriegt hast. Kurios aber bleibt es einem immer doch, wie diese nichtswürdigen Schicksale so durcheinanderspielen, dass selbst der Gleichgültigste nie genau weiß, wie sehr ihn die Sache angeht. Dass ich von neuem hier drinstecke, und zwar tief, das weiß ich; nun soll es mich nur wundern, was dir, mein guter Freund Fritze Langreuter, hierbei zu deiner Behaglichkeit und Unbequemlichkeit aufgehoben ist! Well, noch steht es aber bei dir, ob du die arme Frau durch mich nur grüßen lassen willst.«
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Wenn es mir bis jetzt noch irgendwie unklar gewesen wäre, wie es möglich war, dass der Vetter Just den Amerikanern imponierte und den Steinhof wiedererlangte, so hätten mir seine letzten Worte unbedingt darüber Aufklärung geben müssen.
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Und diesem Vetter hatte ich vordem die Brosamen, die vom Tische meiner Schülerweisheit abfielen, mit dem bekannten Dummen-Jungen-Humor grinsend zukommen lassen?! Und dieser Vetter Just Everstein hatte es einst für eine Glorie gehalten, mir den pythagoreischen Lehrsatz »vordemonstrieren« zu können! Die alten Kirschbäume im Grasgarten auf dem Steinhofe, die jetzt wieder samt dem Grasgarten sein Eigentum waren, schnitten mir aus der Ferne der Erinnerung sehr ironische Gesichter. Der ganze Steinhof lachte; mir aber war durchaus nicht lächerlich zumute: wenn ich ein alberner Schulbube gewesen wäre, so hätte ich dreist meine Stimmung weinerlich nennen dürfen. Um mich daraus zu retten, brachte ich nach althergebrachter Menschenweise die Rede auf etwas anderes, das heißt auf den nächsten besten Bekannten oder Freund. Ich erkundigte mich nach Ewald Sixtus und wünschte etwas Genaueres über das Zusammentreffen des Vetters mit ihm in Belfast zu erfahren.
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»Der Mann gefiel mir eigentlich nicht«, sagte der Vetter Just kurz und deutlich. »Ein tüchtiger Ingenieur scheint er geworden zu sein; aber sonst hat die Fremde gerade nicht nach meinem Geschmack auf ihn eingewirkt. Von uns zu Hause mit ihm zu reden, habe ich bald aufgegeben, da er selber stets gleich wieder abbrach. Aber über Wasserbauten und Brückenanlagen haben wir viel miteinander gehandelt. Wie dieser Mensch in dem Försterhause hat flügge werden können, ist auch eines von den vielen unbegreiflichen Wundern dieser Erde. Was mich anbetraf, so schien er sich übrigens auch ein wenig zu wundern, dass ich nicht ganz der alte geblieben war. Gewissermaßen habe ich ihm sogar, wie es scheint, gefallen, aber er hielt mich jedenfalls für einen größeren Kapitalisten, als ich bin; und dass ich auf dem Wege nach der Heimat war, um mir den Steinhof zurückzukaufen, hielt er für eine von meinen alten Dummheiten, und dabei kam auch sein altes lustiges Lachen (weißt du noch, Fritz?) zum erstenmal annähernd wieder zum Vorschein. Ich lachte aber nicht mehr mit wie vor Jahren auf dem Steinhofe, wenn ihr euren Spaß an mir hattet und ich das euch gern gönnte. Um Irene Everstein hatte er sich sowenig – wie du – nimm's mir nicht übel, Doktor! – bekümmert. Das hätte ich meinerseits ihm nun nicht allzu übel genommen, wenn es mir gleich etwas sonderbar nach ihrer so netten Jugendfreundschaft und – liebschaft erschien. Aber auch von seinem alten Vater und von seiner Schwester wusste er wenig. Sie schrieben an ihn wohl, er aber schrieb nur dann zurück, wenn er Zeit hatte, und die hatte er wenig. Ein bisschen Heimweh dann und wann in der Fremde schadet keinem Menschen. Man kann auch trotzdem Geld machen und ein tüchtiger Arbeits- und Geschäftsmann sein. Ich habe es furchtbar gehabt, das Heimweh nämlich, und für eine Million nicht wäre ich auf seinen, unseres Ewalds, Vorschlag eingegangen und wäre noch ein halb Jahr lang bei ihm in England geblieben und hätte Bodenwerder Bodenwerder sein lassen. Übrigens lässt er dich doch grüßen, der alte Junge. Und als ich ihm sagte, dass ich dich jeden falls aufzufinden suchen würde, fand er das uncommon obliging für dich.«
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»Ich danke dir und – ihm«, sagte ich, ziemlich gedehnt das letzte Wort betonend. »Von dir, Vetter Just, war das freilich ungewöhnlich zuvorkommend und freundlich!«
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»Ärgere dich nur nicht zu sehr, Fritzchen«, lächelte gutmütig der gelehrte Bauer vom Steinhofe. »In früheren Zeiten ist lange genug ununterbrochen an mir die Reihe gewesen, mich über die Leute und Dinge zu verwundern. Jetzt bin ich gottlob wenigstens ein wenig dahintergekommen, dass man mit seinem Erstaunen haushalten muss und dass es schade ist, es an das unrichtige Individuum oder den unrechten Gegenstand wegzuwerfen. Morgen früh aber gehen wir beide zu Irene Everstein oder Frau von Rehlen. Weißt du, ich nenne sie am liebsten immer noch bei ihrem Vaternamen, noch dazu, da es auch der meinige ist. Wenn es dir passt, so werde ich dich gegen elf Uhr abholen. Du kannst es mir aber aufrichtig sagen, wenn du andere wichtige Abhaltungen hast.«
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Ich hatte dergleichen nicht.
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Siebenzehntes Kapitel
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Wenn der Vetter Just sein Wort gegeben hatte, so konnte man sich darauf verlassen, dass er es pünktlich hielt. Dieses war selbst in seinen Traumjahren auf dem Steinhofe der Fall, und sein Aufenthalt in Amerika hatte nichts daran geändert. Fünf Minuten vor elf Uhr am folgenden Tage vernahm ich seinen langsamen, soliden Schritt auf der Treppe.
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»So, da bin ich, und wir können gehen«, sagte er. »Irene wird sich gewiss recht freuen; aber ein Vergnügungsweg ist es nicht, das versichere ich dich.«
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Dieses brauchte er nun mir gerade nicht immer zu wiederholen, ich wusste es bereits. Die Zeiten, wo wir uns in dem Blättergrün und Sonnengold unserer Nußbaumnester an der Hecke von Schloß Werden schaukelten und uns daraus wild, frei und fröhlich in alle grenzenlose Jugendlust der Erde niedergleiten ließen – auf die »Vergnügungswege nach dem Steinhofe«, wie der Vetter sich ausdrückte –, die Zeiten waren nicht mehr vorhanden. Aber aus dem Sonnengold und Blättergrün stieg ich an diesem Morgen doch hernieder in den Straßenschmutz der Stadt Berlin. ›Wie du die Jugendfreundin auch finden magst, hiervon werdet ihr auch reden, Fritz Langreuter!‹ sagte ich mir wehmütig-bänglich; und dazu war es schon sehr viel und ein großer Segen, am Arme des Vetters Just Everstein diese Straßen durchwandern zu dürfen, vorüber an den Anschlagsäulen mit den hundert bunten, zu den heutigen Lustbarkeiten einladenden Zetteln, ganz abgesehen von den anderen öffentlichen, privaten oder amtlichen Ankündigungen und Aufforderungen.
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»Guck, da steht die Gesellschaft und der Staatsanwalt wieder einmal einem durchgeschnittenen Halse gegenüber perplex! Diese dreihundert Taler, die dem Denunzianten des Täters angeboten werden, sind für mich das kurioseste Preisgeld, was der Menschheit, das heißt dir, mir und den übrigen, hingehalten werden kann«, brummte der Vetter. »Was will es dagegen heißen, die beste Komödie zu schreiben oder das beste Bild zu malen und einen Preis dafür zu kriegen? Beiläufig, ich habe es damals in der Neuyorker Staatszeitung gelesen, dass du auch einen Preis für eine wissenschaftliche Abhandlung bekommen hast. Das muss dich doch sehr gefreut haben, Fritz; – als ich es las, war ich natürlich aus Rand und Band. Hast du noch ein Exemplar von der Abhandlung für mich, und kann ich sie verstehen?«
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»Makulatur, alter Freund!« sagte ich, besaß jedoch in einem staubigen Winkel ein hübsch Bündel von mir und der Welt höchst überflüssigen Abdrücken. Wir gingen weiter und sprachen auf dem ferneren Wege wenig mehr miteinander und nichts von irgendwelcher Bedeutung; aber unter der Tür des Hauses, in dem Irene von Everstein jetzt wohnte, hatten wir eine Begegnung, von der kurz erzählt werden muss, und zwar mit einer kleinen Abschweifung.
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Es ist eine der volksläufigen Vorstellungen, dass die höheren Klassen unserer heutigen Gesellschaft den ideelleren Bestrebungen des Menschen immer noch vollkommen fremd gegenüberständen und teils mit Verachtung darauf herabsähen, teils drolligerweise Furcht davor hätten. Dem ist nach meiner Erfahrung nicht so, nicht einmal im großen ganzen. Dass man hier wie auch in anderen Kreisen ein tüchtig Quantum von Dilettantismus oder von beschäftigungsloser Neugier oder von leerem Vorwitz im Verkehr der Welt zu verdauen hat, ist freilich nicht zu leugnen; doch wo hat man das denn nicht?
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Ich meinesteils habe mich in meinem engen Reiche nie über eine aristokratische Mißachtung zu beklagen gehabt, wohl aber ziemlich häufig über des edeln deutschen Philistertums verzogene Schnauze ein vergnügtes Lächeln mit einiger Mühe unterdrückt. Wir deutschen Gelehrten usw. haben wahrlich keinen Grund, das »Krieg den Palästen!« durch unseren Tabaksdampf nachzubrummen. Wahrlich, wenn es uns Spaß macht, so dürfen wir unsere Fehdebriefe da dreist an ganz andere Türen als die unserer früheren Reichsunmittelbaren usw. anheften.
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Einer von den letzteren, und zwar ein sehr guter Bekannter aus den Hörsälen der Universität und von manchem »wissenschaftlichen Abend« her, war es, der uns über die Schwelle, die wir eben überschreiten wollten, entgegentrat.
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»Sieh da, Doktor! Was für ein guter, närrischer oder gar böswilliger Geist führt denn Sie in dieses Haus, wenn ich fragen darf?«
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»Ich komme jedenfalls unter dem Geleit eines guten, treumeinenden Führers, mon prince«, erwiderte ich. »Ich wünsche eine Jugendbekanntschaft zu erneuern, Durchlaucht.«
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Die Durchlaucht oder Erlaucht hatte den Vetter höflichst gegrüßt und dieser den Gruß ebenso zurückgegeben.
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»Eine Jugendbekanntschaft? Darf ich fragen, mit wem, lieber Freund und gelehrter Gönner?«
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Ich stellte zuerst die beiden Herren einander vor, und sie begrüßten sich noch einmal. Dann beantwortete ich die an mich gestellte Frage, indem ich Irenes jetzigen Namen nannte, aber auch ihren Mädchennamen hinzufügte. Der Fürst ** sah mich einen Augenblick betroffen an, dann ergriff er meine Hand und rief:
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»Die?! Die Herren sind Bekannte – Freunde der armen Frau? Ach, es ist ja richtig, Doktor, Sie stammen mit ihr aus einer Gegend her. Oh, meine Herren, ich habe in Wien diese Ehestandstragödie mit durchgemacht und auch eine Rolle darin gespielt. Ich war ein Zeuge bei dem Duell, in dem endlich zu allgemeiner Befriedigung in unserem gesellschaftlichen Verkehr ein schwarzer Strich über den Namen Gaston von Rehlen gezogen wurde. Die Rehlen sind von fernher mit uns verwandt, und nach meinen schwachen Kräften habe ich das Meinige getan, die unglückselige Frau da oben in ihrem trostlosen Leben aufrechtzuerhalten. Mein Vater ist ein Jugendfreund des alten Herrn auf Schloß Werden gewesen; – so laufen die Bezüge zwischen uns durcheinander. Ach, meine Herren, ich wollte, Sie wären etwas früher gekommen. Vielleicht hätten Sie einen frischen Hauch in die schwüle Stunde mitgebracht, in der ich eben dort oben auf Kohlen gesessen habe. Sie treffen übrigens auch den Arzt dort an. Das Kind ist seit der vergangenen Nacht wieder recht krank; der Medizinalrat macht mit der Uhr in der Hand am Bette der Kleinen das bekannte Gesicht und ist mir auch bis vor die Tür nachgegangen und hat mir als einem Familienfreunde seine Meinung nicht vorenthalten. Das kleine Mädchen liegt bereits im Sterben, und als wirklicher Familienfreund halte ich das bei dem geistigen und körperlichen Zustande des armen Geschöpfes für ein Glück!«
Vorlage S. 120
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Der Vetter Just stieß einen Laut hervor, der ein Seufzer war, aber auch eine grimmige Verwünschung bedeuten konnte.
Vorlage S. 121
539
»Meine Herren«, fuhr der Fürst fort, »ist es nicht recht bizarr, dass wir uns von all diesen Angelegenheiten hier so zwischen Tür und Angel unterhalten? Bester Doktor, demnächst muss ich mich unbedingt einmal wieder zu einer Tasse Tee bei Ihnen einladen, und dann müssen wir mehr über die Frau da oben reden. Sie interessiert uns alle in dem weitesten und in dem engsten Kreise; ich spreche aber hier nur von dem letzteren als dem meinigen.«
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540
»Sie wissen, dass Sie mir immer willkommen sind, Durchlaucht«, erwiderte ich.
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»Also, adieu, mein Bester, und auf Wiedersehen!«
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Wir schüttelten uns noch einmal die Hände, während der Vetter Just bereits die Treppe hinaufstieg.
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Das war im ersten Stockwerk eine breite, vornehme, mit Teppichen belegte Treppe, die zu einer auf dem Eckständer der Brüstung eine Glaskugel haltenden Bronzefigur emporführte. Aber die Teppiche waren auf dem nächsten Absatze verschwunden, und auch die Stufen waren steiler geworden. Der Kommissionsrat, der die Beletage des Hauses innehatte, wohnte bedeutend eleganter als die Freifrau Irene von Rehlen, die wir in dem glückseligen Nußbaum, auf den Wiesen, in den Parkalleen und in den Wäldern von Schloß Werden einst in ihrer fröhlichen Wildheit, blondlockig und blauäugig, als unseren besten Kameraden und nur, wenn sie uns zu sehr durch einen ganz unvermuteten Schabernack aus der Fassung gebracht hatte, als dies »Fräulein Gräfin« oder (nach Ewalds Ausdruck) als »diese ganz abgefeimte Haupthexe, diese Irene« gekannt hatten.
Vorlage S. 121
544
Ich stieg hastig dem Vetter nach, der vor der Glastür mit dem jetzigen Namen unserer Jugendfreundin einen Augenblick lang sich schwer auf das Geländer stützte und, unverständlich mit sich selber sprechend, sich mit dem Taschentuch über die Stirn fuhr.
Vorlage S. 122
545
»Das sollte nun wohl ein Trost sein, dass uns dieser Mann da eben an der Tür begegnete!« brummte er mir zu. »Oh, diese Hand würde ich darum hergeben, wenn ich dadurch jetzt meine Eva Sixtus hierher schaffen könnte, Fritz Langreuter!«
Vorlage S. 122
546
Weshalb gab mir nun dieser Name Eva Sixtus auch in dieser Stunde, in dieser Umgebung und unter diesen Umständen, von ihm ausgesprochen und gleichsam zur Hülfe herbeigerufen, in tiefster Seele einen Moment bittersten Unbehagens – wie das Volk sagt: einen Stich durch das Herz?! Ich hatte wiederum keine Zeit, darüber nachzudenken; die Glastür war nicht verschlossen, und der Vetter hatte sich »besonnen«, wie er sagte, und »die nötige Selbstbeherrschung wiedergewonnen«.
Vorlage S. 122
547
Als wir auf den etwas dunkeln Vorplatz traten, öffnete sich gegenüber eine Tür, und der Doktor kam heraus, geleitet von Mademoiselle Martin, deren runzeliges Gesichtchen verkniffener denn je erschien.
Vorlage S. 122
548
»Ah, messieurs!«
Vorlage S. 122
549
Ich kannte auch den Arzt persönlich und wusste, dass er als einer der besten Kinderärzte der Stadt galt. Er gab mir etwas verwundert die Hand; aber dem Vetter Just schüttelte er sie ganz vertraulich.
Vorlage S. 122
550
»Ich freue mich, dass ich Ihnen augenblicklich den Platz räume, Herr Everstein«, sagte er leise. »Sprechen Sie in Ihrer gewohnten Weise zu der Gnädigen; es wird ihr wohltun –«
Vorlage S. 123
551
»Und das Kind?« flüsterte der Vetter; und der glückliche Kinderarzt, der sie zu Tausenden hatte sterben sehen, nickte unmerklich und schüttelte sodann sehr merklich den Kopf:
Vorlage S. 123
552
»Ich habe leider dem Fräulein hier die Wahrheit nicht verhehlen dürfen. Ich denke – so – gegen Abend!... Werde jedenfalls im Laufe des Nachmittags noch einmal vorsehen. Mein Fräulein, ich bitte Sie, ferner so ruhig zu bleiben wie bisher. Meine Herren, ich empfehle mich Ihnen.«
Vorlage S. 123
553
Er ging, und Mademoiselle, die so ruhig bleiben konnte, erfasste mit zitterndster Erregung unsere Hände, und die Tränen brachen ihr unaufhaltsam hervor.
Vorlage S. 123
554
»Oh, es ist gut! – Nur einen Moment, messieurs! Ich bin auch gleich wieder still. Herr Fritz, madame wird sich sehr freuen – freuen. Ich habe ihr gleich erzählt von Ihnen, und dass ich Sie habe gesehen in der Straße. Herr Just, Sie verlassen uns nicht heute abend! Sie bleiben bei meinem Kind und bei unserem Kinde, wenn kommt die schlimme – terrible – Stunde. Wir brauchen einen guten Mann dann bei uns, Herr Vetter Everstein! Und nun warten Sie, dass ich es ankündige, dass Sie da sind.«
Vorlage S. 123
555
Sie führte uns in ein Nebengemach, und wir hatten nicht lange zu warten, bis man uns winkte. O über die goldengrünen Zweige, in denen wir uns wiegten, unsere Nester bauten und von der Welt träumten und auch als Kinder, nicht als ausgewachsene Leute und große Philosophen, die Welt für ein Spiel nahmen, in welchem wir mitspielen durften!...
Vorlage S. 123
556
Am Sterbebette ihres Kindes! Sie saß in dem verdüsterten Raume und hatte den Arm auf das Gitter des kleinen Lagers gestützt, und sie stand auch nicht auf, als wir leise in die Tür traten, sondern reichte uns nur die Hand und hob ihre gleichfalls fieberhaft glänzenden Augen zu uns empor.
Vorlage S. 123
557
»O Just«, sagte sie, und dann zu mir gewendet, mit einem ganz anderen Ausdruck: »Schau, auch du, Fritz! Ich sollte dich eigentlich jetzt wohl Sie nennen, denn wir haben uns so lange nicht gesellen und haben soviel erlebt in der Zeit, dass wir uns nicht gesehen haben. Aber ich hätte dich doch gleich wiedererkannt, Fritz, und ich habe auch keine Zeit, jetzt über das Schickliche nachzudenken. Lassen wir es also beim alten, wenn es dir recht ist, Fritz.«
Vorlage S. 123
558
Es war noch die alte Stimme und doch auch eine ganz andere. Mit eisernem Griff drückte mir die Stunde die Kehle zusammen.
Vorlage S. 124
559
»O liebe Irene-«
Vorlage S. 124
560
Der Vetter Just hatte sich über das kranke Kind gebeugt.
Vorlage S. 124
561
»Deine gute Mutter ist auch gestorben«, sagte die Jugendfreundin. »Ich habe mich sehr betrübt, als du mir das schriebest. Sie hat auch viel erlebt. Weißt du wohl noch, wie ihr zuerst nach Schloß Werden kamt? Aber wir haben nachher doch noch eine glückliche Zeit für uns gehabt. Setze dich doch, Fritz – du musst nicht gleich wieder fortgehen; – aus alter Freundschaft, lieber Fritz! Mein Vater ist gestorben – mein – Mann ist tot – nun stirbt mein Kind, mein armes, kleines, krankes Mädchen! O Vetter Just, Vetter Just!«
Vorlage S. 124
562
Sie hatte sich mit einem Male rasch erhoben und dem Vetter laut weinend die Arme um den Hals gelegt. Sie schluchzte an seiner breiten, braven Schulter, als könne sie sich nimmer wieder beruhigen.
Vorlage S. 124
563
»Das ist gut; lassen Sie sie so!« murmelte Mademoiselle Martin, ihr Taschentuch zwischen den Händen zerringend. Da fing das Kind leise an zu wimmern, und der Vetter, die Mutter aufrecht haltend, legte eine Hand auf die kleine Stirn auf dem weißen Kopfkissen.
Vorlage S. 124
564
»Vetter Ju! – Wehweh!« winselte das Kind.
Vorlage S. 124
565
»Herz, mein Herz«, rief Irene. »Wir sind ja alle bei dir! Mama ist da, und wir bleiben alle bei dir – o großer Gott!«
Vorlage S. 124
566
»So wehweh!... Auf Arm, Vetter Ju!« klagte das Kind von neuem und bat mit herzzerreißenden Schmerzenslauten. Der Vetter Just warf einen fragenden Blick auf Mademoiselle Martin, und sie nickte. Da nahm der Bauer vom Steinhofe sanft die Kleine aus ihrem Bettchen und setzte sich und hielt sie auf einem Kissen und in ihren Decken in seinen guten Armen, und sie wurde allgemach wieder ruhig und schlummerte schmerzloser der letzten, ernsten Stunde zu. O über den Sonnenschein und die goldengrünen Zweige, in denen wir uns wiegten, als wir Kinder waren!
Vorlage S. 124
567
Der Medizinalrat sah seinem Versprechen gemäß gegen Abend noch einmal vor. Er blieb sehr ernsthaft wieder mit seiner Uhr in der Hand eine Viertelstunde und sprach gemessen schickliche und beruhigende Worte zu der Mutter. Aber er war ein »glücklicher« Arzt, ein vielbeschäftigter, und hatte keine Zeit, hier das Ende abzuwarten, denn er hatte noch an verschie denen anderen Orten dieselben geziemlichen und beruhigenden Worte zu sprechen. Wir aber hatten Zeit dazu: der Vetter Just Everstein und – gottlob! – ich auch!
Vorlage S. 125
568
Achtzehntes Kapitel
Vorlage S. 125
569
Ich habe es wohl vergessen, zu sagen, dass wir damals im März des laufenden Jahres waren. Der Tag war hell und trocken, wenn auch noch immer windig. Auf den verhängten Fenstern lag ein gut Teil des Tages hindurch die Vorfrühlingssonne, und in das Nebenzimmer schien sie voll hinein, bis sie hinter die gegenüberliegenden hohen Häuser hinabglitt.
Vorlage S. 125
570
Wir verlebten diesen Tag vom Mittag an in diesen zwei Zimmern, dem verdunkelten und dem hellen, der Vetter Just und ich. Mademoiselle Martin deckte uns sogar in dem hellen Raume ein Tischchen und legte vier Couverts auf und stellte vier Stühle daran. Wir aßen daran zu Mittage, Mademoiselle, der Vetter und ich; und auch Irene kam und setzte sich einmal zu uns. Da aber hatte der Vetter ihren Platz an dem kleinen Bette eingenommen. Wir gingen ruhelos ab und zu, aus der hellen Stube in die dunkle. Es wurde auch eine Zeitung gebracht, und Mademoiselle Martin reichte mir dieselbe. Ich nahm sie und habe sie bis in die Dämmerung hinein wohl hundertmal hingelegt und von neuem aufgenommen. Wer diese Weise, eine Zeitung, ein Buch oder sonst einen beliebigen Gegenstand in Angst, Herzensweh und – Langerweile, ja Langerweile, hin und her zu wenden durch die kriechenden Stunden, nicht kennt, der preise das Geschick, das ihm solchen Zeitvertreib ersparte, und bitte, dass es ihn auch fernerhin davor bewahre, sich daran halten, im vollsten Sinne des Wortes sich daran halten zu müssen, bis das schlimme, öde, tödliche Warten sein Ende gefunden hat, einerlei welches.
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571
So warteten wir an jenem Nachmittage.
Vorlage S. 126
572
Das kranke Kind wimmerte und schlief und wimmerte wieder und schlief wieder.
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Die Mutter sang ihm mit leisester Stimme und kam zu uns und weinte und erzählte auch abgebrochen aus ihrem Leben und fragte nach dem meinigen. Wenn der Vetter Just irgend etwas sagte, so horchten wir alle mit momentan leichterem Atemholen; aber auch er schwieg oft viel zu lange und wusste nichts zu sagen. Mademoiselle ging ab und zu; – die war noch am besten dran, denn sie hatte den Haushalt für den kommenden Tag zu besorgen und von uns allen also das meiste um die Hand. Manchmal aber stand auch sie beschäftigungslos am Fenster, und ich bin fest überzeugt, dann haben sich Leute an den Fenstern drüben auf der anderen Seite der Gasse einander heiter auf sie aufmerksam gemacht:
Vorlage S. 126
574
»Guck nur die Alte! Wie in einem Bilde!... Die möchte ich mir freilich nicht am frühen Morgen über den Weg laufen lassen!«
Vorlage S. 126
575
»Die könnte Geschichten aus ihrer Seele erzählen, gegen die wir beide, Fritz, alle unsere Erlebnisse still zusammenpacken könnten«, flüsterte mir einmal der Vetter zu, mit dem Daumen über die Schulter auf die sœur ignorantine an dem Fenster hindeutend. »Was meinst du, wenn die am Jüngsten Gericht ihre auf Erden verschluckten Tränen auf einmal fließen lässt?!«
Vorlage S. 126
576
»Ja, Just«, sagte ich »aber es läuft alles in einen Strom. Ich kann es dir nicht sagen, was für einen Damm das letzte Tribunal dagegen aufbauen wird, um nicht mit Sessel, Bank und grünem Tisch weggeschwemmt zu werden.«
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577
»Darf ich Ihnen noch eine Tasse Kaffee einschenken?« fragte im Augenblick darauf Mademoiselle Martin. »Sie trinken ihn noch immer recht süß?«
Vorlage S. 127
578
Und ich sah in demselben Augenblick wieder vollständig genau die grünlackierte Zuckerdose von Schloß Werden vor mir und fühlte auf meinen Knöcheln den Schlag, mit welchem Mademoiselle meinen verstohlenen Griff in dieselbe zu verhindern gewohnt war, und hörte dazu das vorwurfsvolle Wort meiner Mutter: »Aber Fritz?!« und dabei das mutwillig glückselige Kichern der Komtesse Irene, der währenddem der Griff unbeachtet gelungen war.
Vorlage S. 127
579
Die schwersten Tage, Stunden und Minuten erzeugen ihre geschwindesten, wunderlichsten und buntesten Phantasmagorien.
Vorlage S. 127
580
Wenn wir zusammen sprachen, so sprachen wir sehr häufig von Eva Sixtus. Das Wort des Vetters: »Ach, wenn wir sie doch hier hätten!« kam zur vollsten Geltung. Jede heller auftauchende Erinnerung an sie, jedes Geschichtchen von ihr aus der Kinderzeit war uns wie ein Trunk aus einer kühlen klaren Quelle an einem schwülen Tage und unter schwerer Mühe. Wir konnten sie uns auch heute noch nicht anders vorstellen als immer noch umgehen von dem alten Zauberreich der Erde, weiterlebend still und freundlich in dem süßen Licht, den Tönen und Düften des von uns verlorenen oder aufgegebenen Paradieses.
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581
Der Vetter Just, der natürlich am genauesten über sie Bescheid wusste und sie vor vierzehn Tagen noch gesprochen hatte, sagte:
Vorlage S. 127
582
»Das ist auch so mit dem guten Mädchen, und sie verdient es wirklich. Schon die Art anzusehen, wie sie mit ihrem alten Papa und seinen Hunden und seinem kuriosen Papstbuche umgeht, ist ein wahres Vergnügen. Beiläufig, wenn ich an das Papstbuch denke, so fällt mir dabei jetzt immer Freund Ewald in England ein. Seit ich den braven Jungen dort besucht habe, meine ich in plain terms, dass ein gut Stück mehr als genug aus dem Schmöker an ihm hängengeblieben ist. Das hat sich der Papst Sixtus der Fünfte wohl auch nicht träumen lassen, dass man einmal im Königreich Großbritannien und Irland Ingenieurkunst und dergleichen nach seinen Maximen treiben würde. Ich wollte nur, er schriebe häufiger an unser Evchen und den Alten – den Mr. Ewald und nicht Seine Heiligkeit meine ich selbstverständlich. – Ja, das liebe, alte Försterhaus von Werden! Dass die Regierung was daran gewendet habe, kann keiner behaupten; aber ungemütlicher ist es darum doch nicht geworden. Im Gegenteil, nur noch gemütlicher hat es sich zwischen seine Lindenbäume, Büsche und Gartenkultur eingenistet – ihr wisst, angenuselt nennen wir das bei uns zu Hause. Über Bodenwerder hinaus ist, während wir anderen sämtliche Münchhausens Abenteuer in der Welt erlebten, weder Eva noch der Förster gekommen. O Irene, wie werden sie demnächst einmal Ohren, Nase und Mund aufsperren, wenn wir ihnen unsere Allerweltshistorien heimbringen! Das steht fest, diesen Sommer treffen wir uns alle auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just! Wozu bin ich denn der Vetter Just, wenn ich das nicht ganz genau wüsste und dazu, dass es immer wieder Sommer wird, wenn es Winter gewesen ist? Das steht fest wie der Magister matheseos, Fritze Langreuter; jaja, Miss Martin, man kann es zu einer ungeheuren Gelehrtheit und Weisheit in der Welt bringen, wenn man nur seinerzeit an nichts denkt und die Leute reden und lachen lässt. Ein Verdienst war das damals aber bei mir nicht, sondern nur Blödigkeit und Schüchternheit und dazu Angst und Verwunderung, weil ich nur der dumme Junge auf dem Steinhofe war und die Welt und der Himmel umher so weit und voll und allmächtig – liebe Irene, bleib sitzen ich sehe schon nach dem Kinde!«
Vorlage S. 127
583
Sie wusste es, dass er ihren Platz an dem kleinen Schmerzenslager ebensogut ausfüllte als sie selber; sie lief ihm doch vorauf in das verdunkelte Zimmer. Er ging aber dennoch mit ihr; und Mademoiselle Martin und ich blieben uns an dem Kaffeetische allein gegenüber.
Vorlage S. 128
584
»Haben Sie nicht vorhin gesagt, dass Sie an unserer Haustür mit M. le prince de ** zusammengetroffen seien, M. Fritz?« fragte Mademoiselle.
Vorlage S. 128
585
Ich bestätigte das noch einmal.
Vorlage S. 128
586
»Sie wissen gar nichts von uns, Frédéric, und wenn Sie etwas sehr verwundert, so behalten Sie auch das für sich. Dies war immer Ihre manière so, schon als Sie noch so groß waren.«
Vorlage S. 128
587
Sie zeigte es durch eine Handerhebung, wie hoch ich war, als ich bereits alle meine Verwunderungen für mich selber behielt.
Vorlage S. 129
588
»Es tut mir leid, Mademoiselle Martin –«
Vorlage S. 129
589
»Oh, es tut Ihnen gar nichts leid, monsieur le docteur, denn sonst hätten Sie sich schon nach vielen Dingen erkundigt. Par exemple: ›Wie kommen Sie nach Berlin, Mademoiselle?‹.... Mais c'est navrant – ces gémissements de la petite! Bleiben Sie sitzen. Fritz, wir können doch nichts helfen dort, und der Vetter hilft der Komtesse. – Es ist der Fürst und seine Familie, die uns haben weggeholt von Wien und uns haben leben lassen hier. Das sind sehr gute Leute, und die Väter und Großväter haben sich auch schon geholfen gegenseitig depuis les siècles, und vorzüglich, als der Kaiser Napoleon war in Deutschland der Herr. Damals ist es monsieur le comte d'Everstein-Werden gewesen, der helfen konnte; aber das Glücksrad geht herum toujours, toujours, toujours! Und Seine Durchlaucht ist gekommen und hat gesagt: ›Sie können nicht bleiben in Wien, madame la baronne. Je suis garçon, sonst sollten Sie wohnen in meinem Hotel in Berlin; aber ich muss sein Ihr Vormund, das ist mir eine Pflicht. Sie sollen still leben in Berlin und die Vergangenheit vergessen; ich werde alles besorgen.‹ – Bien, was wäre aus uns geworden ohne ihn? La grande mer hätte uns übergeschlungen. Voyez par exemple madame de ** und madame de ** und so viele andere arme Frauen dans la rafale de la vie! So haben wir gelebt hier durch seine Herzensgüte und auf seine Kosten, bis neulich gekommen ist monsieur Just, der Herr Vetter von dem Steinhofe – oh, der Vetter Just, oh, und es ist sehr gut, dass Sie an unserer Tür haben einander vorgestellt den Herrn Fürsten und den Herrn Vetter. Wir hatten noch keine Gelegenheit dazu gehabt, denn Seine Durchlaucht waren verreist bis gestern.«
Vorlage S. 129
590
In dem Nebengemache war das leise, klagende Gewimmer wieder still geworden, und der Vetter Just setzte sich wieder zu uns. Es war gegen sechs Uhr am Nachmittage und die Sonne eben dem Untergange nahe. Der Vetter seufzte schwer und gab wortlos der alten sœur ignorantine die Hand. Mademoiselle ließ die Schuhe von den Füßen fallen und ging auf den Strümpfen zu der Tür des Nebenzimmers, kam zurück und fragte:
Vorlage S. 129
591
»Schläft sie auch? Sie hat den Kopf mit auf das Kissen gelegt.«
Vorlage S. 130
592
»Weiß nicht«, sagte der Vetter kaum hörbar. »Ich wollte es wohl, aber ich glaube es nicht. Sie horcht nur.«
Vorlage S. 130
593
Wir horchten alle; dann ging Mademoiselle mit ihren Pantoffeln in der Hand von neuem ihren Haushaltungsgeschäften nach, und in der immer mehr über uns hinsinkenden Dämmerung waren jetzt Just Everstein und ich wieder für eine Zeit allein einander gegenüber gelassen.
Vorlage S. 130
594
»Es kann noch Stunden dauern. Ich kenne das leider nur zu genau aus mancher Ansiedlerhütte drüben, jenseits des Atlantic. Wir hatten dort immer nur Kalomel und wieder Kalomel; aber es ist egal, denn es bleibt immer dasselbe, hier und im Hinterwalde. Die Mütter legen dann immer ihren Kopf mit auf das Kissen«, sagte der gelehrte Bauer vom Steinhofe. »Sie machen auch die Augen zu, und wer sonst dabeisitzt, kann nichts tun als stille sein. Wolltest du etwas sagen, Fritz?«
Vorlage S. 130
595
Ich hatte nur einen etwas tieferen Atemzug getan, und so fuhr gottlob der Vetter fort.
Vorlage S. 130
596
»Man sitzt da still, wenn das Kind sterben will und die Mutter weiterlebt, und hat doch Zeit, an allerlei anderes zu denken. Von den größten und wirklichsten Wundern spricht, schreibt und druckt kein Mensch und kein Evangelium! Dies ist nun so eine Stunde, in der man mancher Angelegenheit, welche man sonst nicht so leicht anrühren würde, freimütiger auf den Grund geht, weil alles rundum ernst genug dazu aussieht und selbst der Mißtrauischste nicht an pure Neugier oder albernen, überflüssigen Vorwitz denkt. Fritz Langreuter, unsere Eva Sixtus hatte dich einmal sehr gern. Weshalb hast du das nicht merken wollen?«
Vorlage S. 130
597
Es schwamm mir vor den Augen, die heißesten Blutwellen drängten sich nach dem Herzen und Hirn, es hämmerte sinnbetäubend; der Boden schwankte unter mir.
Vorlage S. 130
598
»Mich?... Ich?!« stammelte ich, und der Vetter Just ergriff meine Hand und hielt sie während des Folgenden in der seinigen fest.
Vorlage S. 130
599
»Natürlich!« murmelte er. »Er fragt! Er weiß gar nichts! Oh, wenn ich nur wüsste, wo ihr Menschenkinder in der besten Zeit eures Lebens eure Augen und Ohren hattet!... Dich hatte sie lieb!«...
Vorlage S. 131
600
»Mich?« wiederholte ich durch eine See von Wonne und Angst, nach einem unbekannten, noch unsichtbaren Ufer mich durchringend.
Vorlage S. 131
601
»Wen denn anders?« fragte der gelehrte Bauer vom Steinhofe, und ich fühlte, wie seine Hand dabei erzitterte; und meine Angst, die tödliche Angst in mir, hatte darin ihren Grund, dass ich wusste, was dieses Zittern bedeutete.
Vorlage S. 131
602
O Vetter Just! Vetter Just!
Vorlage S. 131
603
Als ob er mit einem anderen spräche, den Blick in die Weite gerichtet, fuhr Just Everstein fort:
Vorlage S. 131
604
»Da saß ich, der dumme, übergeschnappte Bauernjunge, um so manches Jahr älter als ihr, unter der Obhut und Vormundschaft von Jule Grote, zwischen meinen Düngerhaufen und Ackerfeldern, Wiese und Wald, und sah alles wie im Traume und doch ganz klar. Ich will nicht behaupten, dass ich der Gescheiteste von der Gesellschaft war, denn der ist und bleibt Freund Ewald, der ohne allen Traum und Duselei ebenfalls ganz klarsah und ganz genau wusste, wie er zu der Komtesse Irene stand und sie zu ihm. Er ist nicht ohne seine stichhaltenden Gründe in die Welt und nach Irland gegangen und schreibt wenig nach Hause. Wie vieles möchten wir anders haben in der Welt, was doch nicht sein kann! Da sitzt sie; – horch, und ihr Kind ist wieder wach, und sie spricht zu ihm, zu ihrem sterbenden Kinde; und niemand darf sie fragen, ob es nicht doch möglich gewesen wäre, dass dies alles hätte anders sein können!... Von ihr und Ewald rede ich auch gar nicht; da wird noch lange Zeit hingehen, ehe die Menschen es für etwas Selbstverständliches halten werden, auf der Erde zu ihrem Behagen unter dem rechten Dache zu Schauer zu kriechen. Nach deinen Versäumnissen möchte ich dich fragen, Fritz! Nimm es mir nicht übel – es findet sich aber vielleicht keine bessere Stunde dazu in unserem Leben als diese gegenwärtige sehr melancholische und sehr – ich weiß nicht, wie ich mich darüber ausdrücken soll!«
Vorlage S. 131
605
Er sagte es wirklich, dass er nicht wisse, wie er sich über diese Stunde ausdrücken solle. Hätte er ein Wort dafür gefunden, so würde er freilich die deutsche Sprache für all ihre Zeit dadurch bereichert haben. Was mich anbetraf, so war es nicht nötig, dass er noch ein Wort fand oder erfand für sich. Ich wusste bis in die tiefste Tiefe seiner und meiner Seele hinein, was er mir deutlich zu machen gewünscht hatte.
Vorlage S. 132
606
Aber ich?!...
Vorlage S. 132
607
In diesem Augenblick rief Irene aus dem Nebenzimmer angstvoll und laut unsere Namen. Der Vetter Just und ich kamen an diesem Abend nicht mehr dazu, unsere Privatangelegenheiten weiterzuerörtern. Gegen Mitternacht starb das Kind.
Vorlage S. 132

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

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Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Alles andere ist dämmerig, …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »entweder« in diesem Textausschnitt? »Ein gewisser Lehnstuhl wird ihm hingerückt, und da sitzt er, und eines von beiden wird sofort geschlossen, entweder die Tür oder das Fenster, meistens aber beides.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Welcher Ausschnitt verweist mit einer Zeitangabe ausdrücklich auf eine frühere Zeit? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Da redet er kopfwackelnd das allervolkreichste Meeting vom Stump zu Tode.« B: »»Hat der Kerl auch ein Buch geschrieben?« fragt der Stachelbeerbusch.« C: »Mir und unserem armen Kinde in seinem Blute!« schrie meine Mutter, und –«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Für sie bin ich mein Lebtage der kleine Töffel gewesen, und ich …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Erinnerst du dich wohl noch an den Magister […], Fritze Langreuter?«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »entweder« in diesem Textausschnitt? »»Man macht sich hier immer entweder zuviel oder zuwenig Illusionen von der Macht, dem guten oder bösen Willen seiner nächsten Umgebung und liebsten Freundschaft.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ich sollte dich eigentlich jetzt wohl Sie nennen, denn wir haben uns …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »Eine Blume, die sich erschließt, macht keinen Lärm dabei; auch das, was man von der Aloe in dieser Beziehung behauptet, halte ich für eine Fabel. Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit, das wahre Glück; und […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
Textstelle nachlesen ↗

2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »»Hurra, der Steinhof!... Vivat der Vetter Just Everstein!«« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
  • Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
Textstelle nachlesen ↗

3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] sehen, aber natürlich hat's jetzt jeder längst vorausgewußt. Ob ihn die Gerichte durch ihre Steckbriefe und Signalements wieder einholen werden, ist die Frage. Aber eine andere Frage ist s, wie Du eigentlich mit ihm stehst. Du weißt, er […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] nicht, Langreuter, ob ich dir das nach der Syntax vortrage, aber eine Wahrheit ist es, verlaß dich drauf. Nicht wahr, alter Freund, wenn einer den anderen so recht verstehen soll, dann braucht der nur recht unverständlich zu sprechen, wenn […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] und teils mit Verachtung darauf herabsähen, teils drolligerweise Furcht davor hätten. Dem ist nach meiner Erfahrung nicht so, nicht einmal im großen ganzen. Dass man hier wie auch in anderen Kreisen ein tüchtig Quantum von Dilettantismus […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] noch nicht einmal wie sie verheiratet bin und Nachkommenschaft habe. Der liebe Gott weiß es, wie oft ich mich schon dem Teufel vor Angst und Verdruss hätte übergeben mögen!««

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

7. Vergleiche diese beiden Stellen: »»Hurra, der Steinhof!... Vivat der Vetter Just Everstein!«« und »So ging es mir denn erträglich nach Wunsch, und sogar was den Luxus anbetrifft; das jedoch erst seit dem schlimmen schwarzen […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

8. Am Abschnittsende steht: »In diesem Augenblick rief Irene aus dem Nebenzimmer angstvoll und laut unsere Namen. Der Vetter Just und ich kamen an diesem Abend nicht mehr dazu, unsere Privatangelegenheiten weiterzuerörtern. Gegen […]« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
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9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Eine Blume, die sich erschließt, macht keinen Lärm dabei; auch das, was man von der Aloe in dieser Beziehung […]« / »In diesem Augenblick rief Irene aus dem Nebenzimmer angstvoll und laut unsere Namen. Der Vetter Just und ich […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Eine Blume, die sich erschließt, macht keinen Lärm dabei; auch das, was man von der Aloe in dieser Beziehung behauptet, halte ich für eine Fabel.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Im Gegenteil, sie bleibt sehr zurück dahinter, und die gute Bekanntschaft nimmt ihn immer vergnügter, was man ihr schon hätte hingehen lassen können, wenn nicht leider bereits Leute darunter gewesen wären, die auf seine »Verrücktheit« spekuliert hätten und eigene Bestrebungen darauf bauten.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Der Vetter Just und ich kamen an diesem Abend nicht mehr dazu, unsere Privatangelegenheiten weiterzuerörtern.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Alte Nester von Raabe, Wilhelm ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Alte Nester

Wilhelm Raabe: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Herausgegeben von Peter Goldammer und Helmut Richter, Berlin und Weimar: Aufbau, 1964–1966. Raabe, Wilhelm 6- Berlin und Weimar

Das Werk Alte Nester von Raabe, Wilhelm ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.