Abschnitt 5 von 13
I. Einleitung. Zur Erkenntnistheorie der Socialwissenschaft.
Gebilde: dass das Verhältnis eines Ganzen zu einem andern
sich innerhalb der Teile eines dieser Ganzen wiederholt —
liegt auch in dem Verhältnis zwischen Theorie und Praxis
vor. Wenn man innerhalb der theoretischen Erkenntnis nicht
auf den rein ideellen Inhalt, sondern auf das Zustandekommen
desselben achtet, auf die psychologischen Motive, die metho-
dischen Wege, die systematischen Ziele, so erscheint doch
auch die Erkenntnis als ein Gebiet menschlicher Praxis, das
nun seinerseits wieder zum Gegenstand des theoretisierenden
Erkennens wird. Damit ist zugleich ein Wertmass für die
erkenntnistheoretische und methodologische Betrachtung der
Wissenschaften gegeben; sie verhält sich als Theorie der
Theorie zu der auf die Objekte gerichteten Forschung, wie
sich eben die Theorie zur Praxis verhält, d. h. von geringerer
Bedeutung, unselbständiger, mehr im Charakter des Registrie-
rens als des Erwerbens, nur die formalen Seiten eines schon
gegebenen Inhaltes auf höherer Bewusstseinsstufe wiederholend.
Im allgemeinen liegt dem Menschen mehr daran, etwas zu
machen, als zu wissen, wie er es macht, und die Thatsache
des ersteren ist auch stets der Klarheit über das letztere
vorausgegangen. Ja, nicht nur das Wie, sondern auch das
Wozu des Erkennens pflegt im Unbewussten zu bleiben, so-
bald es über die nächste Stufe der Zweckreihe hinaus nach
den entfernteren oder letzten Zielen desselben fragt; die Ein-
ordnung der einzelnen Erkenntnis in ein geschlossenes System
von Wahrheiten, ihre Dienstbarkeit als Mittel zu einem höch-
Forschungen (42) X 1. — Simmel. 1
X 1.
sten Erkennen, Empfinden oder Handeln, ihre Zurückführung
auf erste Prinzipien — dies alles sind Angelegenheiten, die in
einem ideellen Weltbild obenan stehen mögen, bei der that-
sächlichen Bildung desselben aber sowohl der Zeit als der
Wichtigkeit nach nur Epilog sind.
kenntnis entspräche es, wenn man insbesondere bei einer erst
beginnenden Wissenschaft, wie die Sociologie ist, alle Kraft
an die Einzelforschung setzte, um ihr zunächst einen Inhalt,
eine gesicherte Bedeutung zu geben, und die Fragen der
Methode und der letzten Ziele so lange bei Seite liesse, bis
man hinreichendes thatsächliches Material für ihre Beantwor-
tung hat, auch weil man andernfalls in die Gefahr geräth,
eine Form zu schaffen, ohne die Sicherheit eines möglichen
Inhaltes, ein Gesetzbuch ohne Subjekte, die ihm gehorchen,
eine Regel ohne Fälle, aus denen sie gezogen wird und die
ihre Richtigkeit gewährleisteten.
Zustand der Wissenschaften einen Unterschied gegen die oben
charakterisierten früheren Arten, eine solche zustande zu
bringen. Wie sich moderne politische Revolutionen dadurch
von denen primitiverer Zeiten unterscheiden, dass man heute
schon bekannte, anderwärts verwirklichte und erprobte Zu-
stände zu verwirklichen sucht, dass eine bewusste Theorie
vorangeht, der man die Praxis nachbildet: so wird es auch
durch die höhere Bewusstheit des modernen Geistes gerecht-
fertigt, dass man aus der Fülle vorhandener Wissenschaften
und bewährter Theorieen heraus die Umrisse, Formen und
Ziele einer Wissenschaft fixiere, bevor man an den thatsäch-
lichen Aufbau derselben geht.
hinzu. Sie ist eine eklektische Wissenschaft, insofern die
Produkte anderer Wissenschaften ihr Material bilden. Sie ver-
fährt mit den Ergebnissen der Geschichtsforschung, der An-
thropologie, der Statistik, der Psychologie wie mit Halb-
produkten; sie wendet sich nicht unmittelbar an das primitive
Material, das andere Wissenschaften bearbeiten, sondern, als
Wissenschaft sozusagen zweiter Potenz, schafft sie neue Syn-
thesen aus dem, was für jene schon Synthese ist. In ihrem
jetzigen Zustande giebt sie nur einen neuen Standpunkt für
die Betrachtung bekannter Thatsachen. Deshalb aber ist es
für sie besonders erforderlich, diesen Standpunkt zu fixieren,
weil die Wissenschaft allein von ihm ihren specifischen Cha-
rakter entlehnt, nicht aber von ihrem, den Thatsachen nach
sonst schon bekannten Material. In diesem Fall sind die all-
gemeinen Gesichtspunkte, die Einheit des letzten Zwecks, die
Art der Forschung mit Recht das Erste, was in das Bewuſst-
sein zu heben ist; denn dies muss thatsächlich in ihm vor-
X 1.
handen sein, damit es zu der neuen Wissenschaft komme,
während andere mehr von dem Material als von seiner For-
mung ausgehen, welche letztere bei ihnen unmittelbarer durch
das erstere gegeben wird. Es braucht kaum erwähnt zu
werden, dass es sich dabei nur um graduelle Unterschiede
handelt, dass im letzten Grunde der Inhalt keiner Wissen-
schaft aus blossen objektiven Thatsachen besteht, sondern
immer eine Deutung und Formung derselben nach Kategorieen
und Normen enthält, die für die betreffende Wissenschaft
a priori sind, d. h. von dem auffassenden Geiste an die an
und für sich isolierten Thatsachen herangebracht werden.
Bei der Socialwissenschaft findet nur ein quantitatives Ueber-
wiegen des kombinatorischen Elementes gegenüber anderen
Wissenschaften statt, woher es denn bei ihr besonders gerecht-
fertigt erscheint, sich die Gesichtspunkte, nach denen ihre
Kombinationen erfolgen, zu theoretischem Bewusstsein zu
bringen.
strittener und festumgrenzter Definitionen für die Grund-
begriffe der Sociologie bedürfe, dass man z. B. von vorn-
herein die Fragen beantworten könne: was ist eine Gesell-
schaft? was ist ein Individuum? wie sind gegenseitige
psychische Wirkungen der Individuen auf einander möglich?
u. s. w.; vielmehr wird man sich auch hier mit einer nur un-
gefähren Umgrenzung des Gebietes begnügen und die völlige
Einsicht in das Wesen der Objekte von, aber nicht vor der
Vollendung der Wissenschaft erwarten müssen, wenn man
nicht in den Irrtum der älteren Psychologie verfallen will:
man müsse zuerst das Wesen der Seele definiert haben, ehe
man die seelischen Erscheinungen wissenschaftlich erkennen
könne. Noch immer gilt die aristotelische Wahrheit, dass,
was der Sache nach das Erste ist, für unsere Erkenntnis
das Späteste ist. Im logisch systematischen Aufbau der
Wissenschaft bilden freilich die Definitionen der Grundbegriffe
das Erste; allein erst eine fertige Wissenschaft kann sich so
vom Einfachsten und Klarsten aufbauen. Wenn eine Wissen-
schaft erst zustande gebracht werden soll, muss man von den
unmittelbar gegebenen Problemen ausgehen, die immer höchst
kompliziert sind und sich erst allmählich in ihre Elemente
auflösen lassen. Das einfachste Resultat des Denkens ist eben
nicht das Resultat des einfachsten Denkens.
gerade bei der Socialwissenschaft eines der kompliziertesten,
die überhaupt denkbar sind. Ist der Mensch das höchste
Gebilde, zu dem die natürliche Entwickelung sich aufgipfelt,
so ist er dies doch nur dadurch, dass ein Maximum ver-
schiedenartiger Kräfte sich in ihm gehäuft hat, die durch
gegenseitige Modifizierung, Ausgleichung und Auslese eben
1*
X 1.
diesen Mikrokosmos zustande brachten; offenbar ist jede
Organisation eine um so höhere, je mannichfaltigere Kräfte
sich in ihr im Gleichgewicht befinden. Ist nun schon das
menschliche Einzelwesen mit einer fast unübersehbaren Fülle
latenter und wirkender Kräfte ausgestattet, so muss die Kom-
plikation da noch eine viel grössere werden, wo gegenseitige
Wirkungen solcher Wesen auf einander vorliegen und die
Kompliziertheit des einen, gewissermassen mit der des andern
sich multiplizierend, eine Unermesslichkeit von Kombinationen
ermöglicht. Wenn es also die Aufgabe der Sociologie ist, die
Formen des Zusammenseins von Menschen zu beschreiben und
die Regeln zu finden, nach denen das Individuum, insofern
es Mitglied einer Gruppe ist, und die Gruppen untereinander
sich verhalten, so hat die Kompliziertheit dieser Objekte eine
Folge für unsere Wissenschaft, die sie in einer erkenntnis-
theoretischen Beziehung, der ich eine ausführliche Begründung
widmen muss, neben die Metaphysik und die Psychologie
stellt. Diese beiden haben nämlich das Eigentümliche, dass
durchaus entgegengesetzte Sätze in ihnen das gleiche Mass
von Wahrscheinlichkeit und Beweisbarkeit aufzeigen. Dass die
Welt im letzten Grunde absolut einheitlich und alle Indivi-
dualisierung und aller Unterschied nur ein täuschender Schein
sei, kann man ebenso plausibel machen, wie den Glauben an
die absolute Individualität jedes Teiles der Welt, in der nicht
einmal ein Baumblatt dem andern völlig gleich ist, und dass alle
Vereinheitlichung nur eine subjektive Zuthat unsres Geistes,
nur die Folge eines psychologischen Einheitstriebes sei, für
den keine objektive Berechtigung nachweisbar wäre; der durch-
gehende Mechanismus und Materialismus im Weltgeschehen
bildet ebenso einen letzten metaphysischen Zielpunkt, wie im
Gegentheil die Hinweisung auf ein Geistiges, das überall durch
die Erscheinungen hindurchblickt und den eigentlichen letzten
Sinn der Welt ausmacht; wenn ein Philosoph das Gehirn
als das Ding-an-sich des Geistes bezeichnet hat, und ein
anderer den Geist als das Ding-an-sich des Gehirns, so
hat der eine ebenso tiefe und gewichtige Gründe für seine
Meinung angeführt, wie der andere. Und Ähnliches be-
obachten wir in der Psychologie, wo ihr noch nicht der Zu-
sammenhang mit der Physiologie die Isolierung und damit die
exaktere Beobachtung der primitiven sinnlichen Grundlagen
des Seelenlebens ermöglicht, sondern wo es sich um Kausal-
verhältnisse der an der Oberfläche des Bewusstseins auf-
tauchenden Gedanken, Gefühle, Willensakte handelt. Da
sehen wir denn, dass persönliche Glückssteigerung die Ursache
von selbstloser Freundlichkeit ist, die den Andern gern ebenso
glücklich sehen möchte, wie man selbst ist, — ebenso oft aber
von hartherzigem Stolz, dem das Verständnis für das Leiden
anderer abhanden gekommen ist; beides lässt sich psycho-
X 1.
logisch gleichmässig plausibel machen. Und so deduzieren
wir mit gleicher Wahrscheinlichkeit, dass die Entfernung ge-
wisse Empfindungen zweier Menschen für einander steigert,
wie dass sie sie schwächt; dass der Optimismus, aber auch
gerade der Pessimismus die Vorbedingung eines kräftigen
ethischen Handelns ist; dass die Liebe zu einem engeren
Kreise von Menschen das Herz nun auch für die Interessen
weiterer Kreise empfänglich macht, wie dass sie dasselbe gegen
die letzteren abschliesst und verbaut. Und ebenso wie der
Inhalt lässt sich auch die Richtung der psychologischen Ver-
knüpfung umkehren, ohne an Richtigkeit einzubüssen. Dass
Unsittlichkeit die Ursache inneren Unglücks ist, wird uns mit
ebenso starken Gründen von dem einen Psychologen be-
wiesen, wie von dem andern, dass das Unglück die Ursache
der Demoralisierung ist; dass der Glaube an gewisse religiöse
Dogmen die Ursache geistiger Unselbständigkeit und Ver-
dummung wird, ist mit nicht schlechteren Gründen und Bei-
spielen bewiesen, wie das umgekehrte, dass die geistige Un-
zulänglichkeit der Menschen eigentlich die Ursache sei, die
sie zum Glauben an überirdische Dinge greifen liess. Kurz,
weder in metaphysischen noch in psychologischen Dingen
findet sich die Eindeutigkeit einer wissenschaftlichen Regel,
sondern stets die Möglichkeit, jeder Beobachtung oder Wahr-
scheinlichkeit die entgegengesetzte entgegenzustellen.
die, dass die Objekte, über deren Beziehungen ausgesagt wird,
schon an und für sich nicht eindeutig sind. Das Ganze der
Welt, von dem metaphysische Behauptungen sprechen, enthält
eine solche Fülle und Mannigfaltigkeit von Einzelheiten, dass
fast jede beliebige Behauptung über dasselbe eine Anzahl
von Stützen findet, die oft genug soviel psychologisches Ge-
wicht besitzen, um entgegenstehende Erfahrungen und Deu-
tungen aus dem Bewusstsein zu verdrängen, die nun ihrer-
seits in andern, gerade für sie disponierten Geistern den Ge-
samtcharakter des Weltbildes bestimmen. Das Falsche liegt
nur darin, dass entweder eine partielle Wahrheit zu einer
absolut gültigen verallgemeinert, oder aus der Beobachtung
gewisser Thatsachen ein Schluss auf das Ganze gezogen wird,
der unmöglich wäre, wenn die Beobachtung noch weiter aus-
gedehnt wäre; also sozusagen weniger Irrtümer im Inhalt
des Urteils als in dessen Betonung, mehr in der Quantität
als in der Qualität. Nahe dabei fliesst die Quelle für die
Unzulänglichkeit der psychologischen Urteile. Die Allgemein-
begriffe psychischer Funktionen, zwischen denen sie Verbin-
dungen stiften, sind so sehr allgemein und schliessen eine
solche Fülle von Nüancen ein, dass je nach der Betonung
der einen oder der andern ganz verschiedene Folgen aus dem
der Bezeichnung nach identischen Affect hervorgehen können;
X 1.
ein so weites Gebiet umfasst z. B. der Begriff des Glücks
oder der Religiosität, dass die von einander abstehendsten
Punkte desselben trotz des Enthaltenseins unter dem gleichen
Begriff durchaus als Ursachen heterogener Folgen verständlich
sind. Ganz Unrecht hat mithin keine jener allgemeinen psycho-
logischen Sentenzen; sie irren meistens nur darin, dass sie
die specifische Differenz vernachlässigen, die, die in Rede
stehenden Allgemeinbegriffe näher bestimmend, sie bald
in diese, bald in jene ganz entgegengesetzte Verbindung
bringt. Es ist ganz richtig, dass Trennung die Liebe steigert;
aber nicht Trennung überhaupt und Liebe überhaupt, sondern
nur eine bestimmte Art beider steht in diesem Verhältnis;
und ebenso ist es richtig, dass Trennung die Liebe schwächt;
aber nicht jede Trennung jede Liebe, sondern eine gewisse
Nüance der ersteren schwächt eine gewisse Nüance der letz-
teren. Hier ist auch insbesondere der Einfluss der Quantität
des seelischen Affekts im Auge zu behalten. Wir können
freilich gewisse Abänderungen einer Empfindung nur unter
die Denk- und Sprachkategorie der Quantität bringen und
bezeichnen sie deshalb noch immer mit dem gleichen Begriff;
thatsächlich aber sind es auch innerliche, qualitative Verän-
derungen, die auf diese Weise mit ihr vorgehen. Wie ein
grosses Kapital zwar nur quantitativ anders ist, als ein kleines,
dennoch aber qualitativ ganz anders geartete wirtschaftliche
Wirkungen ausübt, so und noch viel mehr ist der Unterschied
zwischen einer grossen und einer geringen Empfindung in
Liebe und Hass, Stolz und Demut, Lust und Leid ein nur
scheinbar quantitativer, thatsächlich aber ein so genereller,
dass, wo über die psychologischen Beziehungen einer Empfin-
dung als solcher und im allgemeinen ausgesagt werden soll,
je nach dem Quantum derselben, über das man gerade Er-
fahrungen gesammelt hat, die heterogensten Verbindungen
derselben beweisbar sind. Und nun das, was für die Ana-
logie, die ich im Auge habe, das Wichtigste ist. Wo wir
von der Verursachung irgend eines psychischen Ereignisses
durch ein anderes sprechen, da ist das letztere in der Isolie-
rung und Selbständigkeit, die sein sprachlicher Ausdruck an-
zeigt, doch nie die an sich zureichende Veranlassung des
ersteren; vielmehr gehört der ganze übrige bewusste und un-
bewusste Seeleninhalt dazu, um, im Verein mit der neu ein-
getretenen Bewegung, den weiteren Vorgang zuwege zu bringen.
Insofern man psychische Ereignisse wie Liebe, Hass, Glück,
oder Qualitäten wie Klugheit, Reizbarkeit, Demut und ähn-
liche als Ursachen bezeichnet, fasst man in ihnen einen ganzen
Komplex mannichfaltiger Kräfte zusammen, die nur von jener
besonders hervorgehobenen die Färbung oder die Richtung
empfangen. Das Bestimmende hierbei ist nicht nur der all-
gemeine erkenntnistheoretische Grund, dass die Wirkung jeder
X 1.
Kraft von dem sonstigen Gesamtzustand des Wesens abhängt,
an dem sie sich äussert, und so gewissermassen als die Re-
sultante zwischen der hervorgehobenen Kraft und einer An-
zahl anderer, im gleichen Augenblick auf den gleichen Punkt
wirkender anzusehen ist; sondern speciell die menschliche
Seele ist ein so ausserordentlich kompliziertes Gebilde, dass,
wenn man einen Vorgang oder Zustand in ihr unter einen
einheitlichen Begriff bringt, dies immer nur eine Benennung
a potiori ist; es spielen stets so viele Prozesse zugleich in
unserer Seele, so viele Kräfte sind zugleich in ihr wirksam,
dass die Feststellung einer Kausalverbindung zwischen ein-
fachen psychologischen Begriffen, wie in den bisherigen Bei-
spielen, immer ganz einseitig ist; nicht der eine einheitliche
Affekt geht in den andern einheitlichen über, sondern Gesamt-
zustände tun dies, in denen jene etwa die Hauptsachen oder
besonders hell beleuchtete Punkte sind, deren entscheidende
Nüancierung aber von unzähligen gleichzeitigen Seeleninhalten
herrührt. Wie ein Ton seine Klangfarbe von den zugleich
erklingenden Obertönen erhält, wir also nicht den reinen Ton,
sondern eine grosse Anzahl von Tönen hören, von denen einer
nur der hervortretendste, keineswegs aber über den ästheti-
schen Eindruck allein entscheidende ist: so hat jede Vor-
stellung und jedes Gefühl eine grosse Zahl psychischer Be-
gleiter, die es individualisieren und über seine weiteren
Wirkungen entscheiden. Von der Fülle des gleichzeitigen
psychischen Inhaltes treten immer nur wenige führende
Vorstellungen in das klare Bewusstsein, und die Kausalverbin-
dung, die man einmal zwischen ihnen beobachtet hat, ist das
nächste Mal schon nicht mehr gültig, weil inzwischen der
Gesamtzustand der Seele sich geändert hat und anderweitige
Vorgänge etwa das erste Mal in der Richtung jener Verbin-
dung, das zweite Mal aber ihr entgegenwirkten. Dies ist der
Grund, weshalb die Psychologie keine Gesetze im naturwissen-
schaftlichen Sinne erreichen kann: weil wegen der Kom-
pliziertheit ihrer Erscheinungen keine isolierte einfache Kraft-
wirkung in der Seele zu beobachten ist, sondern jede von so
vielen Nebenerscheinungen begleitet wird, dass nie mit voll-
kommener Sicherheit festzustellen ist, was denn nun wirklich
die Ursache einer gegebenen Folge oder die Folge einer ge-
gebenen Ursache ist.
logischen Aufstellungen deshalb nun den wissenschaftlichen
Wert absprechen zu wollen. Wenn sie auch nicht exakte
Erkenntnis sind, so sind sie doch Vorläufer derselben. Sie
orientieren doch einigermassen über die Erscheinungen und
schaffen die Begriffe, durch deren allmähliche Verfeinerung,
Wiederauflösung und Zusammenfügung nach anderen Gesichts-
punkten eine immer grössere Annäherung an die Wahrheit
X 1.
erreicht wird; sie stiften unter diesen zwar einseitige Verbin-
dungen, deren Einseitigkeit aber durch die entgegengesetzte
paralysirt wird; sie stellen wenigstens eine erste Organisierung
der Massen dar, wenn sie diese auch noch nicht soweit be-
herrschen, um zu den Beziehungen der letzten einfachen Teile
vorzudringen, in die die komplexen Erscheinungen aufzulösen
das letzte Ziel der Wissenschaft ist.
logie. Weil ihr Gegenstand eine solche Fülle von Bewegungen
in sich schliesst, wird je nach den Beobachtungen und Ten-
denzen des Forschers bald die eine, bald die andere als typisch
und innerlich notwendig erscheinen; das Verhältnis des In-
dividuums zur Allgemeinheit, die Ursachen und die Formen
der Gruppenbildung, die Gegensätze und Übergänge der
Klassen, die Entwickelung des Verhältnisses zwischen Füh-
renden und Beherrschten und unzählige andere Angelegen-
heiten unserer Wissenschaft zeigen einen solchen Reichtum
von verschiedenartigen geschichtlichen Verwirklichungen, dass
jede einheitliche Normierung, jede Feststellung einer durch-
gehenden Form dieser Verhältnisse einseitig sein muss und
die entgegengesetztesten Behauptungen darüber sich durch
vielfache Beispiele belegen lassen. Der tiefere Grund liegt
auch hier in der Kompliziertheit der Objekte, die der Auf-
lösung in einfache Teile und deren primitive Kräfte und Ver-
hältnisse völlig widerstehen. Jeder gesellschaftliche Vorgang
oder Zustand, den wir uns zum Objekt machen, ist die Er-
scheinung, bzw. Wirkung unzählig vieler tiefer gelegenen
Teilvorgänge. Da nun die gleiche Wirkung von sehr ver-
schiedenen Ursachen ausgehen kann, so ist es möglich, dass
die genau gleiche Erscheinung durch ganz verschiedene Kom-
plexe von Kräften hervorgebracht werde, die, nachdem sie
an einem Punkte zu der gleichen Wirkung zusammengegangen
sind, in ihrer weiteren, darüber hinausgehenden Entwickelung
wieder völlig verschiedene Formen annehmen. Aus der
Gleichheit zweier Zustände oder Perioden in grossen Ent-
wickelungsreihen lässt sich deshalb noch nicht schliessen, dass
die Folge dieses Abschnitts in der einen der des gleich er-
scheinenden in der andern gleich sein werde; im weiteren
Verlaufe kommt dann die Verschiedenheit der Ausgangs-
punkte wieder zur Geltung, die nur einer zufälligen und
vorübergehenden Gleichheit Platz gemacht hatte. Eine Häufig-
keit dieses Verhaltens wird natürlich da am wahrscheinlich-
sten sein, wo die Fülle, die Komplikation und die Erkenntnis-
schwierigkeit der einzelnen Faktoren und Teilursachen die
grösste ist. Dies aber trifft, wie gesagt, bei den gesellschaft-
lichen Erscheinungen im höchsten Masse zu; die primären
Teile und Kräfte, die diese zustande bringen, sind so unüber-
sehbar mannichfaltig, dass hundertfach gleiche Erscheinungen
X 1.
eintreten, die im nächsten Augenblicke in ganz verschiedene
Weiterentwickelungen auslaufen — gerade wie die Kompli-
ziertheit der seelischen Kräfte die ganz gleiche Bewusstseins-
erscheinung bald mit einer, bald mit einer andern, genau ent-
gegengesetzten Folge verbindet. Auch in sonstigen Wissen-
schaften ist ähnliches zu beobachten. In der Geschichte der
Gesundheitslehre, insbesondere in den Theorieen der Ernährung,
sehen wir oft die entgegengesetztesten Behauptungen über den
Wert eines Nahrungsmittels einander ablösen. Innerhalb
des menschlichen Körpers sind aber thatsächlich so viele
Kräfte tätig, dass eine neu eintretende Einwirkung die ver-
schiedenartigsten Folgen haben, die eine fördern, die andere
hemmen kann. Deshalb irrt vielleicht keine jener Theorieen
ganz in dem Kausalverhältnis, das sie zwischen dem Nahrungs-
mittel und dem menschlichen Organismus aufstellt, sondern
nur darin, dass sie dieses für das einzige und definitive hält.
Sie vergisst, dass dasjenige, was in einem sehr komplizierten
System nach einer Seite hin entschieden wirkt, nach einer
andern eine entschieden entgegengesetzte Nebenwirkung haben
kann, und überspringt die zeitlichen und sachlichen Zwischen-
glieder, die sich zwischen die unmittelbare Wirkung einer
Kraft und den schliesslichen Gesamtzustand des Ganzen, auf
das sie einseitig wirkt, einschieben. Eben diese Unbestimmt-
heit in den schliesslichen Erfolgen eines Vorgangs am socialen
Körper, die zu so vielen Entgegengesetztheiten im sociologi-
schen Erkennen führt, veranlasst die gleichen auch in den
praktisch socialen Angelegenheiten; die Mannichfaltigkeit und
Feindseligkeit der Parteien in diesen, von denen doch jede
mit ihren Mitteln das gleiche Ziel eines Glückseligkeitsmaxi-
mums für die Gesamtheit zu erreichen glaubt, beweist jenen
eigentümlichen, durch seine Kompliziertheit jeder exacten
Berechnung widerstrebenden Charakter des socialen Materials.
Von Gesetzen der socialen Entwickelung kann man deshalb
nicht sprechen. Zweifellos bewegt sich jedes Element einer
Gesellschaft nach Naturgesetzen; allein für das Ganze giebt
es kein Gesetz; so wenig hier wie sonst in der Natur erhebt
sich über die Gesetze, die die Bewegungen der kleinsten Teile
regeln, ein höheres Gesetz, das diese Bewegungen nun in
immer gleicher Weise und zu dem gleichen Gesamteffect zu-
sammenschlösse. Deshalb können wir nicht wissen, ob nicht
in jedem von zwei gleich erscheinenden gesellschaftlichen
Zuständen Kräfte latent sind, die im nächsten Augenblick
völlig verschiedene Erscheinungen aus jenen hervortreiben.
So ist auch die Differenzierung, über die im folgenden ge-
handelt wird, keine besondere Kraft, kein in das Spiel der
primären Mächte der socialen Gestaltung eingreifendes Gesetz,
sondern nur der Ausdruck für ein Phänomen, das aus der
Wirkung der realen elementaren Kräfte hervorgeht. Und
X 1.
ferner: wo wir die Folge eines Komplexes einfacher Erschei-
nungen festzustellen suchen, ist es nur durch die schwierig-
sten und auf höheren Gebieten oft ganz unanwendbaren Me-
thoden möglich, diejenige Erscheinung festzustellen, die die
allein oder wesentlich wirksame ist; wo überhaupt Mannich-
faltiges mit Mannichfaltigem in eine einheitlich erscheinende
Beziehung tritt, da ist überall dem Irrtum über die eigent-
lichen Träger der Ursache wie der Wirkung Thür und Thor
geöffnet.
vom erkenntnistheoretischen Standpunkt gegen die Gesell-
schaftswissenschaft überhaupt erheben kann. Der Begriff der
Gesellschaft hat offenbar nur dann einen Sinn, wenn er in
irgend einem Gegensatz gegen die blosse Summe der Einzelnen
steht. Denn fiele er mit letzterer zusammen, so scheint er
nicht anders das Objekt einer Wissenschaft sein zu können,
als etwa „der Sternhimmel“ als Gegenstand der Astronomie
zu bezeichnen ist; thatsächlich ist dies doch nur ein Kollektiv-
ausdruck, und was die Astronomie feststellt, sind nur die Be-
wegungen der einzelnen Sterne und die Gesetze, die diese
regeln. Ist die Gesellschaft nur eine in unserer Betrachtungs-
weise vor sich gehende Zusammenfassung von Einzelnen, die
die eigentlichen Realitäten sind, so bilden diese und ihr Ver-
halten auch das eigentliche Objekt der Wissenschaft, und der
Begriff der Gesellschaft verflüchtigt sich. Und wirklich
scheint es sich so zu verhalten. Was greifbar existiert, sind
doch nur die einzelnen Menschen und ihre Zustände und Be-
wegungen: deshalb könne es sich nur darum handeln diese
zu verstehen, während das rein durch ideelle Synthese ent-
standene, nirgend zu greifende Gesellschaftswesen keinen Ge-
genstand eines auf Erforschung der Wirklichkeit gerichteten
Denkens bilden dürfe.
ciologie ist durchaus richtig: wir müssen in der That so scharf
wie möglich zwischen den realen Wesen, die wir als objek-
tive Einheiten ansehen dürfen und den Zusammenfassungen
derselben zu Komplexen, die als solche nur in unserem syn-
thetischen Geiste existieren, unterscheiden. Und auf dem
Rückgang auf jene beruht freilich alles realistische Wissen;
ja, die Erkenntnis der Allgemeinbegriffe, die ein noch immer
spukender Platonismus als Realitäten in unsere Weltanschauung
einschwärzt, als bloss subjectiver Gebilde und ihre Auflösung
in die Summe der allein realen Einzelerscheinungen ist eines
der Hauptziele der modernen Geistesbildung. Allein wenn
der Individualismus diese Kritik gegen den Gesellschafts-
begriff richtet, so braucht man die Reflexion nur noch eine
Stufe zu vertiefen, um zu sehen, dass er damit zugleich sein
eigenes Urteil spricht. Denn auch der einzelne Mensch ist
X 1.
nicht die absolute Einheit, die ein nur mit den letzten Reali-
täten rechnendes Erkennen fordert. Die Vielheit, die schon
der individuelle Mensch in und an sich aufweist, als solche
zu durchschauen, ist wie ich glaube eine der wichtigsten Vor-
bedingungen für eine rationelle Grundlegung der Gesellschafts-
wissenschaft, der ich deshalb hier näher treten möchte.

als ein Schöpfungsgedanke Gottes galt, als ein Wesen, das
mit all seinen Eigenschaften fertig ausgestattet in die Welt
trat, da lag es nahe und war fast erfordert, den einzelnen
Menschen als eine geschlossene Einheit anzusehen, als unteil-
bare Persönlichkeit, deren „einfache“ Seele in der einheit-
lichen Zusammengehörigkeit ihrer körperlichen Organe Aus-
druck und Analogie fand. Die entwicklungsgeschichtliche
Weltanschauung macht dies unmöglich. Wenn wir die un-
ermesslichen Wandlungen bedenken, die die Organismen durch-
machen mussten, ehe sie von ihren primitivsten Formen sich
zum Menschengeschlecht aufgipfeln konnten, die entsprechende
Unermesslichkeit der Einflüsse und Lebensbedingungen, deren
Zufälligkeiten und Entgegengesetztheiten jede Generation aus-
gesetzt ist, endlich die organische Bildsamkeit und die Ver-
erbung, vermöge deren jeder dieser wechselnden Zustände
irgend ein Merkmal, eine Modifikation auf jeden Nachkommen
abgelagert hat: so erscheint jene absolute, metaphysische Einheit
des Menschen in einem sehr bedenklichen Lichte. Er ist viel-
mehr die Summe und das Produkt der allermannichfaltigsten
Faktoren, von denen man sowohl der Qualität wie der Funktion
nach nur in sehr ungefährem und relativem Sinne sagen kann,
dass sie zu einer Einheit zusammengehen. Auch ist es physio-
logisch längst anerkannt, dass jeder Organismus sozusagen ein
Staat aus Staaten ist, dass seine Teile immer noch eine ge-
wisse gegenseitige Unabhängigkeit besitzen und als eigentliche
organische Einheit nur die Zelle anzusehen ist; und auch
diese letztere ist nur für den Physiologen und nur insofern
eine Einheit, als sie, abgesehen von den aus blossem Proto-
plasma bestehenden Wesen, das einfachste Gebilde ist, an das
sich noch Lebenserscheinungen knüpfen, während sie an und
für sich eine höchst komplizierte Zusammensetzung chemischer
Urbestandteile ist. Wenn man den Individualismus wirklich
konsequent verfolgt, so bleiben als reale Wesen nur die
punktuellen Atome übrig und alles Zusammengesetzte fällt
als solches unter den Gesichtspunkt der Realität geringeren
Grades. Und was man sich unter der Einheit der Seele kon-
kret zu denken habe, weiss kein Mensch. Dass irgendwo in
uns ein bestimmtes Wesen sässe, das der alleinige und ein-
fache Träger der psychischen Erscheinungen wäre, ist ein
völlig unbewiesener und erkenntnistheoretisch unhaltbarer
Glaubensartikel. Und nicht nur auf die einheitliche Substanz
X 1.
der Seele müssen wir verzichten, sondern auch unter ihren
Inhalten ist keine wirkliche Einheit zu entdecken; zwischen
den Gedanken des Kindes und denen des Mannes, zwischen
unsern theoretischen Überzeugungen und unserm praktischen
Handeln, zwischen den Leistungen unserer besten und denen
unserer schwächsten Stunden bestehen so viele Gegensätze, dass
es absolut unmöglich ist einen Punkt zu entdecken, von dem
aus dies alles als harmonische Entwickelung einer ursprüng-
lichen Seeleneinheit erschiene. Nichts als der ganz leere, for-
male Gedanke eines Ich bleibt, an dem alle diese Wandlungen
und Gegensätze vor sich gingen, der aber eben auch nur ein
Gedanke ist und deshalb nicht das sein kann, was, vorgeblich
über allen einzelnen Vorstellungen stehend, sie einheitlich
umschliesst.
einzelnen Vorstellungen zu der Geschichte eines „Individuums“
zusammenfassen, ist schon unexakt und subjektiv. Dürfen
wir, wie jener Individualismus will, nur das als wahrhaft ob-
jective Existenz ansehen, was an und für sich im objectiven
Sinne eine Einheit bildet, und ist alle Zusammensetzung
solcher Einheiten zu einem höheren Gebilde nur menschliche
Synthese, der gegenüber die Wissenschaft die Aufgabe der
analysierenden Zurückführung auf jene Einheiten habe: so
können wir auch nicht bei dem menschlichen Individuum
stehen bleiben, sondern müssen auch dies als eine subjektive
Zusammenfassung betrachten, während den Gegenstand der
Wissenschaft nur die einheitlichen, atomistischen Bestandteile
derselben bildeten.
Erkennens ist, ebenso unerfüllbar ist sie in der Praxis des-
selben. Statt des Ideales des Wissens, das die Geschichte
jedes kleinsten Teiles der Welt schreiben kann, müssen uns
die Geschichte und die Regelmässigkeiten der Konglomerate
genügen, die nach unsern subjektiven Denkkategorieen aus der
objektiven Gesamtheit des Seins herausgeschnitten werden;
der Vorwurf, der diese Praxis trifft, gilt jedem Operieren mit
dem menschlichen Individuum so gut, wie dem mit der mensch-
lichen Gesellschaft. Die Frage, wie viele und welche realen
Einheiten wir zu einer höheren, aber nur subjektiven Ein-
heit zusammenzufassen haben, deren Schicksale den Gegen-
stand einer besonderen Wissenschaft bilden sollen — ist nur
eine Frage der Praxis. Wir haben also, die blosse Vorläufig-
keit und den blos morphologischen Charakter solcher Erkennt-
nisse ein für allemal zugegeben, nach dem Kriterium der-
artiger Zusammenfassungen, und wie weit diejenige zu einer
Gesellschaft ihm genügt, zu fragen.
giebt, der eine wenigstens relative Objektivität der Verein-
X 1.
heitlichung abgiebt: die Wechselwirkung der Teile. Wir be-
zeichnen jeden Gegenstand in demselben Masse als einheitlich,
in dem seine Teile in gegenseitigen dynamischen Beziehungen
stehen. Darum gewährt ein Lebewesen so besonders die Er-
scheinung von Einheit, weil wir in ihm die energischste Wir-
kung jedes Teils auf jeden beobachten, während der Zu-
sammenhang eines unorganischen Naturgebildes schwach genug
ist, um nach Abtrennung eines Teiles die andern in ihren
Eigenschaften und Funktionen im wesentlichen unverletzt zu
lassen. Innerhalb des persönlichen Seelenlebens ist trotz der
vorhin erwähnten Diskrepanz seiner Inhalte doch die funk-
tionelle Beziehung höchst eng; jede entlegenste oder noch so
lange vergangene Vorstellung kann so sehr auf jede andere
wirken, dass hierfür freilich die Vorstellung einer Einheit von
dieser Seite her die grösste Berechtigung besitzt. Natürlich
sind die Unterschiede solcher Berechtigungen nur gradweise;
als regulatives Weltprinzip müssen wir annehmen, dass Alles
mit Allem in irgend einer Wechselwirkung steht, dass zwischen
jedem Punkte der Welt und jedem andern Kräfte und hin-
und hergehende Beziehungen bestehen; es kann uns deshalb
logisch nicht verwehrt werden, beliebige Einheiten herauszu-
greifen und sie zu dem Begriff eines Wesens zusammenzu-
schliessen, dessen Natur und Bewegungen wir nach histori-
schen wie gesetzlichen Gesichtspunkten festzustellen hätten.
Das Entscheidende hierbei ist nur, welche Zusammenfassung
wissenschaftlich zweckmässig ist, wo die Wechselwirkung
zwischen Wesen kräftig genug ist, um durch ihre isolierte
Behandlung gegenüber den Wechselwirkungen jedes derselben
mit allen andern Wesen eine hervorragende Aufklärung zu
versprechen, wobei es hauptsächlich darauf ankommt, ob die
behandelte Kombination eine häufige ist, so dass die Erkenntnis
derselben typisch sein kann und, wenn auch nicht Gesetz-
mässigkeit, die für die Erkenntnis den Wirkungen der ein-
fachen Teile vorbehalten ist, so doch Regelmässigkeiten nach-
weist. Die Auflösung der Gesellschaftsseele in die Summe
der Wechselwirkungen ihrer Teilhaber liegt in der Richtung
des modernen Geisteslebens überhaupt: das Feste, sich selbst
Gleiche, Substantielle in Funktion, Kraft, Bewegung aufzu-
lösen und in allem Sein den historischen Prozess seines Wer-
dens zu erkennen. Dass nun eine Wechselwirkung der Teile
unter dem statt hat, was wir eine Gesellschaft nennen, wird
niemand leugnen. Ein in sich völlig geschlossenes Wesen,
eine absolute Einheit ist die Gesellschaft nicht, so wenig wie
das menschliche Individuum es ist. Sie ist gegenüber den
realen Wechselwirkungen der Teile nur sekundär, nur Re-
sultat, und zwar sowohl sachlich wie für die Betrachtung.
Wenn wir hier von der morphologischen Erscheinung absehen,
in der freilich der Einzelne ganz und gar das Produkt seiner
X 1.
socialen Gruppe ist, sondern vielmehr auf den letzten er-
kenntnistheoretischen Grund zurückgreifen, so müssen wir
sagen: es ist nicht eine Gesellschaftseinheit da, aus deren ein-
heitlichem Charakter sich nun Beschaffenheiten, Beziehungen,
Wandlungen der Teile ergäben, sondern es finden sich Be-
ziehungen und Tätigkeiten von Elementen, auf Grund deren
dann erst die Einheit ausgesprochen werden darf. Diese Ele-
mente sind nicht etwa an sich wirkliche Einheiten; aber sie
sind hier für die höheren Zusammenfassungen so zu behan-
deln, weil jedes im Verhältnis zum andern einheitlich wirkt;
darum brauchen es auch nicht nur menschliche Personen zu
sein, deren Wechselwirkung die Gesellschaft konstituiert,
sondern es können auch ganze Gruppen sein, die mit andern
zusammen wieder eine Gesellschaft ergeben. Ist doch auch
das physikalische und chemische Atom kein einfaches Wesen
im Sinne der Metaphysik, sondern absolut genommen immer
weiter zerlegbar; aber für die Betrachtung der betreffenden
Wissenschaften ist dies gleichgültig, weil es thatsächlich als
Einheit wirkt; so kommt es auch für die sociologische Be-
trachtung nur sozusagen auf die empirischen Atome an, auf
Vorstellungen, Individuen, Gruppen, die als Einheiten wirken,
gleichviel ob sie an und für sich noch weiter teilbar sind.
In diesem Sinne, der von beiden Seiten her ein relativer ist,
kann man sagen, dass die Gesellschaft eine Einheit aus Ein-
heiten ist. Es ist aber nicht etwa eine innerliche, geschlossene
Volkseinheit da, welche das Recht, die Sitte, die Religion,
die Sprache aus sich hervorgehen liesse, sondern äusserlich
in Berührung stehende sociale Einheiten bilden durch Zweck-
mässigkeit, Not und Gewalt bewogen diese Inhalte und Formen
unter sich aus, und dieses bewirkt oder vielmehr bedeutet
erst ihre Vereinheitlichung. Und so darf man auch für die
Erkenntnis nicht etwa mit dem Gesellschaftsbegriff beginnen,
aus dessen Bestimmtheit sich nun die Beziehungen und gegen-
seitigen Wirkungen der Bestandteile ergäben, sondern diese
müssen festgestellt werden, und Gesellschaft ist nur der Name für
die Summe dieser Wechselwirkungen, der nur in dem Masse der
Festgestelltheit dieser anwendbar ist. Es ist deshalb kein ein-
heitlich feststehender, sondern ein gradueller Begriff, von dem
auch ein Mehr oder Weniger anwendbar ist, je nach der
grösseren Zahl und Innigkeit der zwischen den gegebenen
Personen bestehenden Wechselwirkungen. Auf diese Weise
verliert der Begriff der Gesellschaft ganz das Mystische, das
der individualistische Realismus in ihm sehen wollte.
schaft auch zwei kämpfende Staaten etwa für eine Gesell-
schaft erklären zu müssen, da unter ihnen doch zweifellose
Wechselwirkung stattfindet. Trotz dieses Konfliktes mit dem
Sprachgebrauch würde ich glauben, es methodologisch ver-
X 1.
antworten zu können, wenn ich hier einfach eine Ausnahme
zugebe, einen Fall, auf den die Definition nicht passt. Die
Dinge und Ereignisse sind viel zu kompliziert und haben viel
zu flüssige Grenzen, als dass man auf eine Erklärung, die
für eine Thatsache geeignet ist, verzichten sollte, weil sie
auch auf andere und sehr abweichende Thatsachen passt.
Man hat dann eben nur die specifische Differenz zu suchen,
die zu dem Begriff der wechselwirkenden Personen oder
Gruppen noch hinzugesetzt werden muss, um den üb-
lichen Begriff der Gesellschaft im Gegensatz zu dem der
kämpfenden Parteien zu ergeben. Man könnte etwa sagen,
er sei eine Wechselwirkung, bei der das Handeln für die
eignen Zwecke zugleich die der andern fördert. Allein ganz
reicht auch dies nicht zu; denn man wird auch dasjenige Zu-
sammen noch immer Gesellschaft nennen, das nur durch den
Zwang von einer Seite und zum ausschliesslichen Nutzen dieser
gestiftet und gehalten wird. Ich glaube überhaupt: welche
einfache und einheitliche Definition der Gesellschaft man auch
aufstellen mag, es wird immer ein Grenzgebiet aufzufinden
sein, auf dem sie sich nicht mit dem von unserer Vorstellung
der Gesellschaft umschriebenen Gebiete deckt. Auch ist dies
das Loos aller Definitionen, die noch etwas mehr wollen, als
einen selbstgemachten Begriff beschreiben, und die infolge-
dessen ihren Gegenstand völlig decken, weil ihr Gegenstand
eben nichts anderes ist, als was sie beschreiben; will man
aber eine Definition so geben, dass zie zugleich in der Ein-
heit ihres Inhalts einen gewissen sachlichen, in der Natur der
darunter fallenden Dinge selbst liegenden Zusammenhang
kenntlich macht, so macht sich in demselben Masse auch gleich
die Inkongruenz zwischen der Abrundung unserer Begriffe und
der Fluktuation der Dinge geltend. Es ist aber auch viel
wichtiger, statt unsere Begriffe als abgeschlossene Gebilde an-
zusehen, deren implizierten Inhalt man sich nur zu explizieren
hätte, sie als blosse Hinweisungen auf Wirklichkeiten zu be-
handeln, deren eigentlicher Inhalt erst zu ergründen ist, nicht
als Bilder, die nur die helle Beleuchtung brauchen, um einen
in sich vollendeten Inhalt zu zeigen, sondern als Umriss-
skizzen, die erst der Erfüllung harren. So scheint mir die
Vorstellung der wechselwirkenden Wesen jedenfalls die im
Gesellschaftsbegriff liegende Hinweisung auf die Beziehungen
zwischen Personen einigermassen zu erfüllen.

engert werden, und vielleicht erzielt sich hiermit wenigstens
eine nähere Hinweisung auf den Inhalt dessen, was wir Gesell-
schaft nennen. Denn auch zwei Menschen, zwischen denen nur
eine ephemere Beziehung existirt, würden dem Obigen gemäss
eine Gesellschaft bilden. Prinzipiell muss das auch zugegeben
werden; es ist nur ein Unterschied des Grades zwischen der
X 1.
losesten Vereinigung von Menschen zu einem gemeinsamen
Werk oder Gespräch, dem flüchtigsten Auftauchen einer Ver-
änderung in jedem von ihnen, die durch eine vom andern
ausgehende Kraft bewirkt wird — und der umfassendsten
Einheit einer Klasse oder eines Volkes in Sitte, Sprache, po-
litischer Aktion. Man kann aber die Grenze des eigentlich
socialen Wesens vielleicht da erblicken, wo die Wechsel-
wirkung der Personen untereinander nicht nur in einem sub-
jektiven Zustand oder Handeln derselben besteht, sondern ein
objektives Gebilde zustande bringt, das eine gewisse Un-
abhängigkeit von den einzelnen daran teilhabenden Persön-
lichkeiten besitzt. Wo eine Vereinigung stattgefunden hat,
deren Formen beharren, wenngleich einzelne Mitglieder aus-
scheiden und neue eintreten; wo ein gemeinsamer äusserer
Besitz existiert, dessen Erwerb und über den die Verfügung
nicht Sache eines Einzelnen ist; wo eine Summe von Er-
kenntnissen und sittlichen Lebensinhalten vorhanden ist, die
durch die Teilnahme der Einzelnen weder vermehrt noch ver-
mindert werden, die, gewissermassen substantiell geworden,
für jeden bereit liegen, der daran teilhaben will; wo Recht,
Sitte, Verkehr Formen ausgebildet haben, denen jeder sich
fügt und fügen muss, der in ein gewisses räumliches Zusammen-
sein mit andern eintritt — da überall ist Gesellschaft, da hat
die Wechselwirkung sich zu einem Körper verdichtet, der sie
eben als gesellschaftliche von derjenigen unterscheidet, die
mit den unmittelbar ins Spiel kommenden Subjekten und ihrem
augenblicklichen Verhalten verschwindet.
als dasjenige, was, gewissermassen zwischen den Einzelnen
stehend, sie dadurch zusammenhält, dass zwar jeder daran
Teil hat, aber keiner es doch ganz und allein besitzt; oder
als dasjenige, was jeder besitzt und was nur durch den be-
ziehenden oder vergleichenden Geist als Allgemeines kon-
statiert wird. Zwischen beiden Bedeutungen aber, die man
die reale und die ideelle Allgemeinheit nennen könnte, be-
stehen sehr tief gelegene Beziehungen. Obgleich es nämlich
sehr wohl möglich ist, dass die letztere ohne die erstere vor-
kommt, so wird man doch wenigstens als heuristischen Grund-
satz annehmen können: wo sich gleiche Erscheinungen an
äusserlich in Berührung stehenden Individuen zeigen, ist von
vornherein eine gemeinsame Ursache anzunehmen; ent-
sprechend deduziert Laplace aus der Thatsache, dass die
Umläufe der Planeten sämtlich in einer Richtung und
fast in einer Ebene vor sich gehen, es müsse dem eine ge-
meinsame Ursache zu Grunde liegen, weil diese Überein-
stimmung bei gegenseitiger Unabhängigkeit ein nicht anzu-
nehmender Zufall wäre; so beruht die Entwicklungslehre
auf dem Gedanken, dass die Ahnlichkeiten aller Lebewesen
X 1.
untereinander es gar zu unwahrscheinlich machen, dass die
Arten unabhängig von einander entstanden sind. So giebt
jede Gleichheit einer grösseren Anzahl von Gesellschafts-
gliedern Anweisung auf eine gemeinsame, sie beeinflussende
Ursache, auf eine Einheit, in der die Wirkungen und Wechsel-
wirkungen der Gesamtheit Körper gewonnen haben und die
nun, ihrerseits auf die Gesamtheit weiterwirkend, dies in für
alle gleichem Sinne tut.
keiten liegen, darf nicht verkannt werden. Jene mystische
Einheit des Gesellschaftswesens, die wir oben verwarfen,
scheint sich hier auf dem Wege wieder einschleichen zu
zu wollen, dass sein Inhalt nun doch von der Vielheit und
Zufälligkeit der Individuen sich ablösen und ihnen gegenüber-
stehen soll. Es stellt sich wieder das Bedenken ein, dass ge-
wisse Realitäten jenseits der Einzelnen existieren und doch
offenbar, abgesehen von diesen, nichts haben, woran sie exi-
stieren könnten. Es ist ungefähr die gleiche Schwierigkeit,
wie sie sich in dem Verhältnis zwischen den Naturgesetzen
und den Einzeldingen, die ihnen unterworfen sind, aufthut.
Denn ich wüsste keine Art von Wirklichkeit, die jenen Ge-
setzen zuzuschreiben wäre, wenn es keine Dinge gäbe, auf
die sie Anwendung finden; andererseits scheint doch die Kraft
des Gesetzes über den Einzelfall seiner Verwirklichung hinaus-
zuragen. Wir stellen uns vor, dass, wenn ein solcher auch
bis jetzt nie eingetreten wäre, dennoch das Gesetz als ein
allgemeines, sobald er nur einträte, seine Wirkung unweiger-
lich üben würde; ja, wenn überhaupt die Kombinationen der
Wirklichkeit nie zu den Bedingungen dieser Wirkung führten,
so haben wir dennoch die Vorstellung, dass dieses unrealisierte,
bloss ideelle Naturgesetz noch eine Art von Giltigkeit hätte,
die es von einem blossen Traume oder einer logisch und
physisch unmöglichen Phantasie unterschiede. In diesem
zwischen Realität und Idealität schwebenden Zustande steht
auch das Allgemeine, das die Individuen zu einer Gesellschaft
zusammenbindet, jedem von diesen gegenüber — von ihm ge-
tragen und doch von ihm unabhängig. So wenig man zu
sagen wüsste, wo denn der Ort der Naturgesetze sei, die wir
als wahr anerkennen, wenn sie auch vielleicht nie eine absolut
reine Verwirklichung erfahren haben (wie z. B. die geometri-
schen Sätze), so wenig ist der Ort dieser ungreifbaren inter-
subjektiven Substanz zu nennen, die man als Volksseele oder
als deren Inhalt bezeichnen könnte. Sie umgiebt jeden in
jedem Augenblick, sie bietet uns den Lebensinhalt dar, in
dessen wechselnden Kombinationen die Individualität zu be-
stehen pflegt — aber wir wissen niemanden namhaft zu
machen, von dem sie entsprungen wäre, keinen einzelnen,
Forschungen (42) X 1. Simmel. 2
X 1.
über den sie nicht hinausragte, und selbst wo wir den Bei-
trag einzelner Menschen meinen feststellen zu können, da
bleibt noch immer die Frage, ob diese nicht auch ihr We-
sentliches von jenem öffentlichen Besitz empfangen haben, der
sich in ihnen nur konzentrierte oder originell formte. Die
Schwierigkeiten, die sich in dem Verhältnisse zwischen dem
Allgemeinen und dem Individuellen in sociologischer Be-
ziehung finden, entsprechen ganz denen, die es in rein er-
kenntnistheoretischer Hinsicht aufweist, wie sie sich denn
auch in den praktischen Schwierigkeiten und Kontroversen
über die reale Gestaltung dieses Verhältnisses spiegeln.
die jenes Verhältnis im Theoretischen zeigt und die in dem
mittelalterlichen, aber noch immer in andern Formen fort-
lebenden Gegensatz von Nominalismus und Realismus auf-
fälligste Gestaltung gewonnen haben, eigentlich nur aus mangel-
hafter Denkgewohnheit stammen können. Die Formen und
Kategorieen unseres Denkens und unserer Ausdrücke für das
Gedachte haben sich zu Zeiten gebildet, in denen die primi-
tiven Geister von einerseits höchst einfachen, andererseits
verworren komplizierten Vorstellungen erfüllt waren, was
durch die Einfachheit unkultivierter Lebensinteressen und
durch das Vorherrschen der psychologischen Association vor
der logischen Abstraktion begreiflich wird. Die Probleme
späterer Zeiten drehen sich um Begriffe und Verhältnisse,
von denen die früheren keine Ahnung hatten, zu deren Be-
wältigung aber nur diejenigen Denk- und Sprechformen da
sind, die von den letzteren zu ganz anderen Zwecken ge-
prägt sind; diese Formen sind längst erstarrt, wenn es sich
darum handelt, einen ganz neuen Inhalt in sie aufzunehmen,
der sich nie vollkommen mit ihnen decken wird und der
eigentlich ganz andere, jetzt aber nicht mehr herstellbare Denk-
bewegungen fordert. Schon für die psychischen Vorgänge
haben wir keine besonderen Ausdrücke mehr, sondern müssen
uns an die Vorstellungen äusserer Sinne halten, wenn wir
uns ihre Bewegungen, Reibungen, quantitativen Verhältnisse
etc. zum Bewusstsein bringen wollen, weil viel eher die
Aussenwelt als die psychischen Ereignisse als solche Gegen-
stände der menschlichen Aufmerksamkeit waren und, als die
letzteren diese errangen, die Sprache nicht mehr schöpferisch
genug war, um eigenartige Ausdrücke für sie zu formen,
sondern zu Analogieen mit den ganz inadäquaten Vorstellun-
gen des räumlichen Geschehens greifen musste. Je allge-
meiner und umfassender die Gegenstände unserer Frage-
stellung sind, desto weiter liegen sie hinter dem Horizonte,
der die Epoche der Sprach- und Denkbildung umgrenzte,
desto unhaltbarere, oder nur durch eine Umbildung der Denk-
X 1.
formen sich lösende Widersprüche müssen sich ergeben, wenn
wir derartige Probleme, also etwa die Frage nach dem Ver-
hältnis zwischen Einzelding und Allgemeinbegriff, mit unseren
jetzigen Kategorieen behandeln. Es scheint mir, als ob die
Erkenntnisschwierigkeiten, die das Verhältnis zwischen dem
Individuum und seiner socialen Gruppe umgeben, aus einer
entsprechenden Ursache stammten. Die Abhängigkeit von
der Gattung und der Gesellschaft nämlich, in der der Ein-
zelne in den grundlegenden und wesentlichen Inhalten und
Beziehungen seines Lebens steht, ist eine so durchgängige
und undurchbrechlich giltige, dass sie nur schwer ein beson-
deres und klares Bewusstsein für sich erwirbt. Der Mensch
ist ein Unterschiedswesen; wie wir nie die absolute Grösse
eines Reizes, sondern nur seinen Unterschied gegen den bis-
herigen Empfindungszustand wahrnehmen, so haftet auch
unser Interesse nicht an denjenigen Lebensinhalten, die von
jeher und überall die verbreiteten und allgemeinen sind,
sondern an denen, durch die sich jeder von jedem unter-
scheidet. Die gemeinsame Grundlage, auf der sich alles In-
dividuelle erst erhebt, ist etwas Selbstverständliches und kann
deshalb keine besondere Aufmerksamkeit beanspruchen, die
vielmehr ganz von den individuellen Unterschieden verbraucht
wird; denn alle praktischen Interessen, alle Bestimmung unserer
Stellung in der Welt, alle Benutzung anderer Menschen ruht
auf diesen Unterschieden zwischen Mensch und Mensch, wäh-
rend der gemeinsame Boden, auf dem alles dies vorgeht, ein
konstanter Faktor ist, den unser Bewusstsein vernachlässigen
darf, weil er jeden der allein wichtigen Unterschiede in der
gleichen Weise berührt. Wie Licht und Luft keinen ökono-
mischen Wert haben, weil sie allen in gleicher Weise zu-
gute kommen, so hat der Inhalt der Volksseele als solcher
oft insoweit keinen Bewusstseinswert, als keiner ihn in an-
derem Masse besitzt, als der andere. Auch hier kommt es
zur Geltung, dass, was der Sache nach das Erste ist, für
unsere Erkenntnis das Letzte ist; und da findet denn die neu
geforderte Erkenntnis nur schwer Kategorieen, in denen die
Verhältnisse ihres Inhalts sich widerspruchslos formulieren
liessen, insbesondere da, wo es sich um weiteste Gebiete han-
delt, für die es keine Analogieen giebt.
früh in das Bewusstsein getreten ist, ist das der praktischen
Politik, viel später das der kirchlichen Gemeinde. Hier war
der zu allem Bewusstwerden erforderte Unterschied durch den
Gegensatz gegen andere Gruppen gegeben, und ausserdem
fordert das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der All-
gemeinheit nach seiner politischen Seite hin sehr fühlbare
Beiträge des ersteren, was denn immer ein stärkeres Bewuſst-
2*
X 1.
sein erweckt als das Empfangen, wie es in anderen Be-
ziehungen zwischen dem Individuum und seiner Gruppe für
jenes vorherrscht. Im Gegensatz zu den Bewegungen der
ganzen Gruppe, die sich dem sociologischen Denken als
nächstes Objekt darboten, sollen die folgenden Überlegungen
im wesentlichen die Stellung und die Schicksale des Ein-
zelnen zeichnen, wie sie ihm durch diejenige Wechselwirkung
mit den andern bereitet werden, die ihn mit diesen zu einem
socialen Ganzen zusammenschliesst.
