Augustinus - Philosophie


Augustinus - Philosophie
Augustinus - Philosophie
Fach: Philosophie | Niveau: Klasse 11-13 und Studium

Einleitung
Augustinus lebte von 354 bis 430 und gehört zu den prägendsten Denkern der Spätantike. Er verbindet antike Philosophie, besonders den Neuplatonismus, mit dem Christentum. Seine Leitfragen sind bis heute aktuell: Was kann ich sicher wissen? Was ist Zeit? Woher kommt das Böse? Wie frei ist der Wille? Was macht ein gutes Leben und eine gerechte politische Ordnung aus?
In diesem aiMOOC untersuchst Du Augustinus als Philosophen. Du lernst seine Begriffe kennen, prüfst seine Argumente und überträgst sie auf heutige Probleme.
Lernziele
Nach dem Kurs kannst Du Augustinus philosophiegeschichtlich einordnen, zentrale Argumente rekonstruieren, ihre Voraussetzungen erklären und begründet kritisieren. Du kannst insbesondere die Begriffe Illumination, Distentio animi, Privatio boni, Ordo amoris und Civitas Dei anwenden.
Historischer und biografischer Rahmen
Augustinus wurde 354 in Thagaste in der römischen Provinz Numidien geboren. Er studierte Rhetorik, arbeitete als Lehrer und suchte lange nach einer überzeugenden Weltanschauung. Stationen dieser Suche waren der Manichäismus, der akademische Skeptizismus und neuplatonisches Denken.
- Thagaste: Herkunft und Ausbildung in römischem Nordafrika
- Karthago: Studium, Rhetorik und intellektuelle Suche
- Mailand: Begegnung mit Ambrosius und Bekehrung im Jahr 386
- Taufe: Taufe durch Ambrosius im Jahr 387
- Hippo Regius: Priester, später Bischof und Autor zahlreicher Werke

Die berühmte Szene tolle lege bedeutet „Nimm und lies“. Sie steht in den Confessiones für den Wendepunkt, an dem Augustinus eine Bibelstelle als persönliche Aufforderung versteht. Philosophisch wichtig ist daran die Verbindung von Selbstdeutung, Textauslegung und Entscheidung.

Philosophische Ausgangspunkte
Augustinus übernimmt aus dem Platonismus die Unterscheidung zwischen wandelbarer Sinneswelt und unveränderlicher Wahrheit. Gegen einen radikalen Skeptizismus verteidigt er die Möglichkeit sicherer Erkenntnis. Zugleich deutet er Wahrheit theologisch: Alles Wahre hängt letztlich von Gott als unveränderlichem Grund ab.
Seine Methode ist eine Bewegung nach innen. Wer Wahrheit sucht, soll nicht nur äußere Dinge beobachten, sondern den eigenen Vollzug des Zweifelns, Erinnerns, Wollens und Urteilens untersuchen. Damit wird das Bewusstsein selbst zu einem philosophischen Forschungsfeld.
Selbstgewissheit: Si enim fallor, sum
Augustinus argumentiert: Selbst wenn ich mich irre, muss ich existieren, damit ich mich irren kann. Die Formel si enim fallor, sum bedeutet: „Denn wenn ich irre, bin ich.“
Das Argument widerlegt nicht jeden Zweifel. Es zeigt jedoch eine Grenze des Zweifels: Der Vollzug des Irrens bestätigt die Existenz des irrenden Subjekts. Darin wird häufig eine Vorform des späteren Cogito ergo sum von René Descartes gesehen.
Wahrheit und Illumination
Mit Illumination bezeichnet man Augustinus’ Lehre, dass der menschliche Geist Wahrheit nicht völlig aus eigener Kraft begründet. Ewige Maßstäbe wie logische oder mathematische Geltung können nach Augustinus nicht aus wechselnden Sinneseindrücken stammen. Ihre Erkennbarkeit verweist auf ein unveränderliches geistiges Licht.
Illumination bedeutet nicht notwendig eine plötzliche Offenbarung. Gemeint ist die grundsätzliche Abhängigkeit menschlicher Wahrheitserkenntnis von einem höheren Wahrheitsgrund.

Philosophie der Zeit
Im elften Buch der Confessiones fragt Augustinus, was Zeit ist. Vergangenheit ist nicht mehr, Zukunft ist noch nicht und die Gegenwart vergeht. Trotzdem erinnern, erleben und erwarten wir.
Augustinus verlegt die drei Zeitdimensionen in die Gegenwart des Geistes:
| Zeitbezug | Gegenwärtiger Vollzug |
|---|---|
| Vergangenheit | Erinnerung |
| Gegenwart | Aufmerksamkeit |
| Zukunft | Erwartung |
Zeit erscheint als distentio animi, als Ausspannung oder Zerspannung des Geistes. Der Geist hält Vergangenes fest, richtet sich auf Kommendes und erlebt den flüchtigen Augenblick. Gott dagegen denkt Augustinus als ewig und nicht dem zeitlichen Nacheinander unterworfen.
Wille, Freiheit und das Böse
Augustinus lehnt die Vorstellung ab, das Böse sei eine eigenständige Substanz. Es ist eine privatio boni, ein Mangel oder Verlust an Gutem. Ein schlechter Wille richtet sich auf ein begrenztes Gut, behandelt es aber so, als wäre es das höchste Gut.
Damit erklärt Augustinus moralisches Böse durch fehlgeleitete Willensfreiheit. In seinen späteren Schriften betont er zugleich die Abhängigkeit des Menschen von göttlicher Gnade. Das Verhältnis von Freiheit und Gnade bleibt deshalb ein spannungsreiches und bis heute umstrittenes Thema.
Beispiel zur Privatio boni
Blindheit ist kein eigenständiges Organ, sondern das Fehlen einer Sehfähigkeit, die vorhanden sein sollte. Ähnlich versteht Augustinus moralisches Böse nicht als selbstständige Macht, sondern als Beschädigung einer grundsätzlich guten Ordnung.
Diese Analogie erklärt nicht jedes Leid. Naturkatastrophen, Krankheit und unschuldiges Leiden werfen zusätzliche Fragen der Theodizee auf.
Liebe, Glück und Ordo amoris
Für Augustinus wird der Mensch durch das geprägt, was er liebt. Nicht jede Liebe ist schlecht, doch sie kann ungeordnet sein. Ordo amoris bezeichnet die richtige Ordnung der Liebe: Endliche Güter sollen ihrem begrenzten Wert entsprechend geliebt werden.
Glück entsteht nicht durch beliebige Bedürfnisbefriedigung. Es verlangt eine Ausrichtung des Willens auf ein Gut, das nicht verloren gehen kann. Augustinus bestimmt dieses höchste Gut als Gott.
Gedächtnis und Selbst
In den Confessiones erforscht Augustinus die Memoria. Das Gedächtnis enthält Bilder, Wissen, Gefühle und Spuren vergangener Erfahrungen. Dadurch wird das Selbst nicht als starres Ding, sondern als zeitlich strukturierter innerer Zusammenhang sichtbar.
Die Selbsterkenntnis bleibt begrenzt. Der Mensch ist sich nahe und zugleich rätselhaft. Diese Spannung macht Augustinus für spätere Theorien von Subjektivität, Autobiografie und Innerlichkeit bedeutsam.
Geschichte, Politik und die zwei Bürgerschaften
Nach der Plünderung Roms im Jahr 410 verfasst Augustinus De civitate Dei. Das Werk unterscheidet zwei durch verschiedene Grundlieben geprägte Gemeinschaften:
| Begriff | Grundorientierung |
|---|---|
| Civitas Dei | Liebe zu Gott bis zur Relativierung des eigenen Machtanspruchs |
| Civitas terrena | Selbstliebe und Herrschaftsstreben bis zur Missachtung des höheren Guten |
Die beiden Bürgerschaften sind keine einfachen geografischen Staaten. Sie sind in der Geschichte miteinander vermischt. Deshalb darf die civitas Dei nicht schlicht mit der sichtbaren Kirche und die civitas terrena nicht schlicht mit dem weltlichen Staat gleichgesetzt werden.
Hauptwerke
| Werk | Schwerpunkt |
|---|---|
| Confessiones | Selbstdeutung, Erinnerung, Zeit und Gottesverhältnis |
| De libero arbitrio | Wille, Verantwortung und Ursprung des Bösen |
| De Trinitate | Erkenntnis, Geist und Trinitätslehre |
| De civitate Dei | Geschichte, Politik und zwei Bürgerschaften |
| De doctrina christiana | Sprache, Zeichen und Auslegung |
Wirkung und Kritik
Augustinus beeinflusst die mittelalterliche Scholastik, Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin, Martin Luther, Johannes Calvin und die neuzeitliche Philosophie des Subjekts. Seine Analysen von Zeit, Gedächtnis und Selbst werden auch in der Phänomenologie diskutiert.
Kritisch geprüft werden besonders seine späte Gnadenlehre, seine Deutung von Erbsünde und Sexualität sowie die politische Wirkung seiner Kirchenauffassung. Eine faire Beurteilung unterscheidet zwischen Augustinus’ Argumenten, ihrem spätantiken Kontext und späteren Formen ihrer Anwendung.

Zusammenfassung
Augustinus verbindet Selbstreflexion, Metaphysik, Ethik, Erkenntnistheorie, Zeitphilosophie und Politische Philosophie. Seine Philosophie beginnt oft bei inneren Vollzügen, deutet sie aber auf einen transzendenten Wahrheits- und Seinsgrund hin. Gerade die Spannungen zwischen Vernunft und Glaube, Freiheit und Gnade, Zeit und Ewigkeit machen sein Denken philosophisch produktiv.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was zeigt Augustinus mit si enim fallor, sum? (Der Irrende muss existieren) (!Die Sinne können niemals täuschen) (!Jeder Gedanke ist wahr) (!Zweifel ist grundsätzlich unmöglich)
Wie beschreibt Augustinus Zeit mit dem Ausdruck distentio animi? (Als Ausspannung des Geistes) (!Als unveränderliche Materie) (!Als Bewegung der Sterne allein) (!Als bloße sprachliche Täuschung)
Was ist die Gegenwart des Vergangenen? (Erinnerung) (!Erwartung) (!Ewigkeit) (!Vorhersage)
Was bedeutet privatio boni? (Das Böse ist ein Mangel am Guten) (!Das Böse ist eine selbstständige Substanz) (!Gut und Böse sind gleich starke Mächte) (!Das Böse ist nur körperlicher Schmerz)
Was meint die augustinische Illumination? (Erkenntnis hängt von einem unveränderlichen Wahrheitsgrund ab) (!Wahrheit entsteht allein durch Mehrheitsentscheidungen) (!Sinnesdaten sind immer unfehlbar) (!Wissen ist nur angeborene Erinnerung an frühere Leben)
Was bezeichnet ordo amoris? (Die richtige Ordnung der Liebe) (!Die Ablehnung aller Gefühle) (!Die politische Rangordnung des Römischen Reiches) (!Eine Methode der Zeitmessung)
Wodurch unterscheiden sich die zwei Bürgerschaften grundlegend? (Durch ihre leitende Liebe) (!Durch ihre geografische Lage) (!Durch ihre Amtssprache) (!Durch ihre Wirtschaftsform)
Welches Werk enthält Augustinus’ berühmte Zeitanalyse? (Confessiones) (!Metaphysik) (!Politeia) (!Kritik der reinen Vernunft)
Welche philosophische Tradition beeinflusst Augustinus besonders? (Neuplatonismus) (!Empirismus des siebzehnten Jahrhunderts) (!Existenzialismus des zwanzigsten Jahrhunderts) (!Logischer Positivismus)
Welche Deutung der civitas Dei ist unangemessen? (Sie ist einfach mit der sichtbaren Kirche identisch) (!Sie wird durch eine Grundorientierung der Liebe bestimmt) (!Sie ist in der Geschichte mit der irdischen Bürgerschaft vermischt) (!Sie besitzt eine religiöse und ethische Bedeutung)
Memory
| Si fallor sum | Gewissheit des irrenden Subjekts |
| Illumination | Abhängigkeit der Wahrheitserkenntnis vom göttlichen Licht |
| Distentio animi | Ausspannung des Geistes |
| Privatio boni | Mangel am Guten |
| Ordo amoris | Ordnung der Liebe |
| Civitas Dei | Gemeinschaft der Gottesliebe |
| Memoria | Gegenwart des Vergangenen |
| Voluntas | moralisch entscheidender Wille |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Thagaste | Geburtsort |
| Mailand | Ort der Bekehrung |
| Cassiciacum | philosophischer Rückzug |
| Hippo Regius | Bischofssitz |
| Confessiones | Selbstdeutung und Zeit |
| De libero arbitrio | Wille und Ursprung des Bösen |
| De Trinitate | Geist und Trinitätslehre |
| De civitate Dei | Geschichte und zwei Bürgerschaften |
Kreuzworträtsel
| Illumination | Wie heißt Augustinus’ Lehre vom höheren Wahrheitslicht? |
| Privation | Wie heißt der Mangel am Guten mit einem Fremdwort? |
| Erinnerung | Wie nennt Augustinus die Gegenwart des Vergangenen? |
| Erwartung | Wie nennt Augustinus die Gegenwart des Zukünftigen? |
| Gottesstaat | Wie lautet die übliche deutsche Bezeichnung der Civitas Dei? |
| Selbstgewissheit | Welche Gewissheit bleibt im Vollzug des Irrens bestehen? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Begriffsnetz: Gestalte ein Begriffsnetz mit den Begriffen Wahrheit, Zeit, Wille, Liebe, Gedächtnis und Bürgerschaft.
- Zeitleiste: Erstelle eine knappe Zeitleiste zu Augustinus’ Lebensstationen und ordne jeder Station eine philosophische Frage zu.
- Bildanalyse: Untersuche das Bild TolleLege.jpg und erkläre, wie Entscheidung, Lektüre und Selbstdeutung dargestellt werden.
- Erklärkarte: Gestalte eine Lernkarte, die privatio boni mit einem selbst gewählten Beispiel erläutert.
Standard
- Textanalyse: Analysiere einen Abschnitt aus dem elften Buch der Confessiones und rekonstruiere Augustinus’ Argument zur Zeit.
- Gedankenexperiment: Beschreibe fünf Minuten des Wartens mit Erinnerung, Aufmerksamkeit und Erwartung.
- Streitgespräch: Verfasse einen Dialog zwischen Augustinus und einer dualistischen Position über den Ursprung des Bösen.
- Podcast: Produziere einen kurzen Podcast, der erklärt, warum civitas Dei und sichtbare Kirche nicht einfach identisch sind.
Schwer
- Philosophischer Vergleich: Vergleiche si enim fallor sum mit Descartes’ cogito und beurteile Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
- Fallanalyse: Untersuche ein aktuelles Konsum- oder Social-Media-Problem mithilfe des Begriffs ordo amoris.
- Forschungsessay: Erörtere, ob Augustinus Freiheit und Gnade widerspruchsfrei verbinden kann.
- Seminarprojekt: Entwickle mit Quellen eine Präsentation zur Wirkung von Augustinus auf Mittelalter, Reformation und moderne Subjektphilosophie.


Lernkontrolle
- Erkenntnistheoretischer Transfer: Eine Person behauptet, wegen manipulierbarer Medien könne man gar nichts sicher wissen. Prüfe die Behauptung mit Augustinus’ Irrtumsargument.
- Zeiterfahrung: Analysiere eine Prüfungssituation mithilfe von Erinnerung, Aufmerksamkeit, Erwartung und distentio animi.
- Theodizee: Unterscheide moralisches Böse und natürliches Leiden. Prüfe, wie weit privatio boni beide Phänomene erklärt.
- Ethik der Aufmerksamkeit: Entwickle Kriterien für einen guten Umgang mit digitalen Medien aus dem Konzept des ordo amoris.
- Politische Philosophie: Beurteile eine politische Bewegung danach, welche Grundliebe ihre Ziele und Mittel prägt, ohne sie vorschnell einer Bürgerschaft zuzuordnen.
- Argumentationsvergleich: Rekonstruiere Augustinus’ und Descartes’ Weg zur Selbstgewissheit und entscheide, welches Argument stärker ist.
Lernnachweis
Für einen überzeugenden Lernnachweis solltest Du:
- zentrale Begriffe korrekt definieren und miteinander verknüpfen,
- mindestens ein Argument Augustinus’ in Prämissen und Schluss zerlegen,
- einen kurzen Primärtext kontextbezogen interpretieren,
- eine Gegenposition fair darstellen,
- Augustinus auf ein gegenwärtiges Problem anwenden,
- ein begründetes eigenes Urteil mit Einwänden formulieren.
OERs zum Thema
Verknüpfte Lernbereiche
aiMOOC-Projekte
Schulfach+


aiMOOCs



aiMOOC Projekte


THE MONKEY DANCE





|
