Außenpolitik des Kaiserreichs - Deutschland

Außenpolitik des Kaiserreichs - Deutschland
Außenpolitik des Kaiserreichs - Deutschland
Einleitung
Die Außenpolitik des Deutschen Kaiserreichs zwischen 1871 und 1914 gehört zu den zentralen Themen der europäischen Geschichte vor dem Ersten Weltkrieg. In dieser Zeit wandelte sich das Reich von einer neu gegründeten Großmacht, die ihre Stellung im europäischen Staatensystem sichern wollte, zu einer Macht mit weltpolitischen und kolonialen Ansprüchen. Gleichzeitig verschärften sich internationale Rivalitäten, Bündnisse wurden fester, Rüstungsprogramme umfangreicher und politische Krisen riskanter.
Für die historische Analyse reicht es nicht aus, einzelne Bündnisse oder Jahreszahlen auswendig zu lernen. Entscheidend ist die Frage, wie Machtpolitik funktioniert: Welche Interessen verfolgten Regierungen? Welche Mittel setzten sie ein? Wie reagierten andere Staaten? Und warum konnten Maßnahmen, die aus deutscher Sicht Sicherheit schaffen sollten, von anderen Mächten als Bedrohung wahrgenommen werden?
Dieser aiMOOC führt Dich von Bismarcks Bündnispolitik über den Übergang zur Weltpolitik und die Flottenpolitik bis zu den internationalen Krisen vor 1914. Dabei sollst Du nicht nach einer einfachen Schuldformel suchen, sondern Ursachen, Interessen, Wahrnehmungen und Entscheidungen miteinander verknüpfen.
Medienimpuls: Das Porträt zeigt Otto von Bismarck als zentrale Figur der frühen Außenpolitik des Kaiserreichs. Überlege, warum politische Geschichte häufig stark über einzelne Personen erzählt wird und welche Strukturen dadurch leicht aus dem Blick geraten.
Videoauftrag: Notiere während des Videos drei Ziele deutscher Außenpolitik und zwei Folgen, die sich aus dem späteren Kurswechsel ergaben. Prüfe anschließend, ob das Video eher Kontinuitäten oder Brüche betont.
Machtpolitik als Analysebegriff
Unter Machtpolitik versteht man Außenpolitik, bei der Staaten ihre Sicherheit, ihren Einfluss, ihr Prestige und ihre Handlungsmöglichkeiten mithilfe politischer, wirtschaftlicher, militärischer und diplomatischer Mittel sichern oder erweitern. Machtpolitik bedeutet nicht automatisch Krieg. Auch Bündnisse, Verhandlungen, wirtschaftlicher Druck, Kolonialpolitik oder Rüstung können machtpolitische Instrumente sein.
Ein wichtiger Analysebegriff ist das Sicherheitsdilemma. Ein Staat kann aufrüsten, weil er sich schützen will. Andere Staaten sehen diese Aufrüstung jedoch möglicherweise als Gefahr und reagieren mit eigenen Rüstungsmaßnahmen oder Bündnissen. Dadurch fühlen sich anschließend alle Seiten unsicherer. Genau diese Dynamik lässt sich vor 1914 besonders deutlich an der deutsch-britischen Flottenkonkurrenz beobachten.
Für Deine Analyse solltest Du deshalb immer zwischen Absicht, Wahrnehmung und Wirkung unterscheiden. Eine Regierung kann eine Maßnahme als defensiv darstellen, während andere Staaten sie als offensiv interpretieren. Historisch wichtig ist nicht nur, was Politiker beabsichtigten, sondern auch, welche Reaktionen ihre Entscheidungen auslösten.
Bismarcks Außenpolitik nach 1871
Mit der Reichsgründung von 1871 entstand in der Mitte Europas ein wirtschaftlich und militärisch starkes Deutsches Reich. Der Sieg über Frankreich und die Annexion von Elsass-Lothringen belasteten das deutsch-französische Verhältnis langfristig. Bismarck ging deshalb davon aus, dass Frankreich nach Bündnispartnern suchen könnte. Ein französisch-russisches Bündnis hätte Deutschland in die Gefahr eines Zweifrontenkriegs gebracht.
Nach 1871 erklärte Bismarck das Reich daher grundsätzlich für saturiert. Gemeint war, dass das Deutsche Reich in Europa keine weiteren großen territorialen Erwerbungen anstreben sollte. Sein außenpolitisches Hauptziel war die Sicherung des bestehenden Reiches. Frankreich sollte diplomatisch möglichst isoliert bleiben, während Deutschland gute oder zumindest kontrollierbare Beziehungen zu den anderen Großmächten pflegen sollte.
Dazu entstand ein kompliziertes Bündnis- und Vertragssystem. 1873 verband das Dreikaiserabkommen das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und Russland. Nach neuen Spannungen auf dem Balkan schlossen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn 1879 den Zweibund. 1882 kam Italien hinzu; daraus entstand der Dreibund. 1887 sicherte der geheime Rückversicherungsvertrag zwischen Deutschland und Russland für bestimmte Konfliktfälle Neutralität zu.
Bismarcks System war kein dauerhaft harmonisches Friedenssystem. Es beruhte vielmehr darauf, gegensätzliche Interessen auszubalancieren. Besonders schwierig war die Rivalität zwischen Österreich-Ungarn und Russland auf dem Balkan. Deutschland musste vermeiden, sich so eindeutig auf eine Seite zu stellen, dass die andere Großmacht vollständig zum Gegner wurde.

Der Berliner Kongress von 1878 zeigt diese Vermittlerrolle. Bismarck wollte als Vermittler zwischen den europäischen Mächten auftreten und bezeichnete sich sinngemäß als „ehrlichen Makler“. Der Kongress ordnete nach dem Russisch-Osmanischen Krieg Teile der Balkanverhältnisse neu, beseitigte die Rivalitäten aber nicht.
Quellenkritik zum Bild: Das Gemälde von Anton von Werner entstand erst 1892 und ist keine fotografische Momentaufnahme des Jahres 1878. Frage Dich, wie Anordnung, Kleidung und Körperhaltung der dargestellten Staatsmänner Bismarcks Rolle inszenieren.
Kolonialpolitik unter Bismarck
Bismarck stand kolonialen Erwerbungen zunächst skeptisch gegenüber. Ab 1884 stellte das Reich jedoch mehrere außereuropäische Gebiete unter deutschen „Schutz“. Damit wurde Deutschland Teil des europäischen Imperialismus. Zu den deutschen Kolonialgebieten gehörten unter anderem Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Kamerun, Togo sowie Besitzungen im Pazifik.
Die Berliner Afrika-Konferenz von 1884/85 wurde in Berlin unter Bismarcks Vorsitz abgehalten. Die europäischen Mächte regelten dort unter anderem Bedingungen für koloniale Ansprüche und Handel im Kongobecken. Afrikanische Gesellschaften waren an diesen Verhandlungen nicht beteiligt. Die Konferenz steht daher heute auch für die europäische Aneignung politischer Verfügungsmacht über große Teile Afrikas.

Kolonialpolitik war nicht nur Außenpolitik zwischen europäischen Staaten. Für die unterworfenen Bevölkerungen bedeutete sie Herrschaft, Ausbeutung und Gewalt. Besonders deutlich wird dies im Krieg gegen Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika von 1904 bis 1908, der als Genozid gilt. Eine Analyse deutscher Weltpolitik muss deshalb immer auch die Perspektiven der kolonisierten Menschen berücksichtigen.
Videoauftrag: Untersuche, welche wirtschaftlichen, strategischen und nationalistischen Motive für Kolonialpolitik genannt werden. Trenne dabei die Interessen der deutschen Entscheidungsträger von den Folgen für die kolonisierten Gesellschaften.
1890: Ein außenpolitischer Kurswechsel
1890 endete Bismarcks Kanzlerschaft nach Konflikten mit Kaiser Wilhelm II.. Die berühmte britische Karikatur „Dropping the Pilot“ stellte Bismarck als Lotsen dar, der das Staatsschiff verlässt.

Karikaturanalyse: Der Kaiser steht oben an der Reling, während Bismarck die Leiter hinabsteigt. Die Bildsprache macht aus einem politischen Machtwechsel eine nautische Gefahrensituation. Prüfe, welche Erwartungen oder Sorgen ein britisches Publikum 1890 mit diesem Bild verbinden konnte.
Unter Bismarcks Nachfolgern wurde der Rückversicherungsvertrag mit Russland 1890 nicht verlängert. Das war nicht die einzige Ursache der späteren Blockbildung, aber es verringerte eine wichtige Verbindung zwischen Berlin und Sankt Petersburg. 1894 entstand das französisch-russische Bündnis. Damit rückte genau die Konstellation näher, die Bismarck vermeiden wollte: eine mögliche strategische Bedrohung Deutschlands im Westen und Osten.
Gleichzeitig suchte die deutsche Führung zeitweise eine Annäherung an Großbritannien. Diese Versuche führten jedoch nicht zu einem dauerhaften Bündnis. In den folgenden Jahren verbanden sich französische, britische und russische Interessen schrittweise enger: 1904 entstand die Entente cordiale zwischen Frankreich und Großbritannien, 1907 folgte die britisch-russische Verständigung. So entwickelte sich die Entente-Konstellation aus Frankreich, Großbritannien und Russland. Sie war nicht in jeder Hinsicht ein einheitliches Militärbündnis, erhöhte aber aus deutscher Sicht das Gefühl einer „Einkreisung“.
Wilhelm II., Weltpolitik und der „Platz an der Sonne“
Unter Wilhelm II. gewann der Anspruch auf Weltpolitik an Bedeutung. Der Begriff stand für die Vorstellung, Deutschland müsse als wirtschaftlich starke Großmacht auch global stärker politisch, militärisch und kolonial auftreten. Staatssekretär Bernhard von Bülow formulierte 1897 im Reichstag die bekannte Forderung nach einem deutschen „Platz an der Sonne“.

Weltpolitik hatte mehrere Ebenen. Wirtschaftliche Interessen spielten eine Rolle, ebenso Fragen von Prestige, militärischer Macht und nationaler Selbstdarstellung. Teile der Öffentlichkeit, Wirtschaftsverbände und nationalistische Organisationen unterstützten expansive Ziele. Außenpolitik war dadurch weniger ausschließlich eine Angelegenheit kleiner diplomatischer Zirkel als noch in der Bismarckzeit.
Die Karte zeigt das Reich und seine Kolonialgebiete vor dem Ersten Weltkrieg. Sie eignet sich als Orientierung, darf aber nicht mit einer neutralen Darstellung kolonialer Herrschaft verwechselt werden. Grenzen auf Karten können den Eindruck rechtmäßiger und vollständiger Kontrolle erzeugen, obwohl koloniale Herrschaft vor Ort häufig gewaltsam durchgesetzt und immer wieder bekämpft wurde.
Ein Kernproblem der Weltpolitik bestand darin, dass das Deutsche Reich seinen Einfluss zu einem Zeitpunkt erweitern wollte, als viele koloniale Räume bereits von anderen imperialen Mächten beansprucht wurden. Deutsche Forderungen trafen deshalb schnell auf bestehende Interessen Großbritanniens, Frankreichs und anderer Staaten.
Flottenpolitik und deutsch-britische Rivalität
Besonders folgenreich war der Ausbau der deutschen Hochseeflotte unter Admiral Alfred von Tirpitz. Die Flottengesetze von 1898 und 1900 ermöglichten einen langfristigen Aufbau großer Schlachtschiffverbände. Die deutsche Führung wollte damit Weltmachtstatus demonstrieren und gegenüber Großbritannien ein militärisches Risiko schaffen, das einen britischen Angriff unattraktiv machen sollte.
Aus britischer Perspektive war eine große deutsche Schlachtflotte in der Nordsee jedoch schwer als rein defensiv zu betrachten. Großbritannien war als Insel- und Kolonialmacht stark von seiner Flotte abhängig. Die deutsche Aufrüstung berührte deshalb einen Kern britischer Sicherheitspolitik.

Die britische HMS Dreadnought von 1906 leitete eine neue Generation von Schlachtschiffen ein. Dadurch wurden ältere Schiffe strategisch entwertet und das Wettrüsten erhielt einen neuen Schub. Deutschland und Großbritannien investierten große Summen in moderne Großkampfschiffe.
Hier zeigt sich das Sicherheitsdilemma besonders klar: Die deutsche Führung wollte durch Stärke ihre Sicherheit und Verhandlungsposition erhöhen. In Großbritannien verstärkte dieselbe Politik aber die Wahrnehmung Deutschlands als potenzieller Gegner. Die Flottenrüstung war nicht die einzige Ursache der britisch-deutschen Entfremdung, trug jedoch wesentlich dazu bei.
Marokkokrisen: Weltpolitik als Risikopolitik
In der Ersten Marokkokrise von 1905/06 stellte sich Deutschland gegen den wachsenden französischen Einfluss in Marokko. Wilhelm II. besuchte demonstrativ Tanger und betonte die Souveränität des Sultans. Die deutsche Führung hoffte, Frankreich diplomatisch unter Druck zu setzen und Unterschiede zwischen Frankreich und Großbritannien sichtbar zu machen.
Das Ergebnis fiel anders aus. Auf der Algeciras-Konferenz von 1906 fand Deutschland nur begrenzte Unterstützung. Die Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Großbritannien wurde nicht gesprengt, sondern eher gefestigt. Der Versuch, Macht zu demonstrieren, erhöhte damit das Misstrauen gegenüber Deutschland.
1911 folgte die Zweite Marokkokrise. Das deutsche Kanonenboot SMS Panther lief den marokkanischen Hafen Agadir an. Deutschland wollte im Zusammenhang mit der französischen Expansion in Marokko koloniale Kompensation erreichen.

Das militärische Symbol eines Kriegsschiffes machte die Krise besonders bedrohlich. Großbritannien befürchtete, Deutschland könne einen dauerhaften Stützpunkt an der Atlantikküste anstreben. Am Ende kam es zu einem Ausgleich: Deutschland erkannte die französische Vorherrschaft in Marokko an und erhielt Gebiete in Zentralafrika. Politisch blieb jedoch ein erheblicher Vertrauensverlust.
Analysefrage: Beurteile, ob die Entsendung der Panther ein Beispiel erfolgreicher Machtpolitik war. Berücksichtige dabei nicht nur den unmittelbaren Gebietsausgleich, sondern auch langfristige diplomatische Kosten.
Balkan, Bündnisse und wachsende Spannungen
Der Balkan blieb ein zentraler Krisenraum. Österreich-Ungarn und Russland konkurrierten dort um Einfluss, während nationalistische Bewegungen und das geschwächte Osmanische Reich die Lage zusätzlich veränderten. In der Bosnischen Annexionskrise von 1908/09 unterstützte Deutschland Österreich-Ungarn nachdrücklich. Russland musste schließlich zurückweichen, empfand die Situation aber als Demütigung.
Die Balkankriege von 1912 und 1913 verschoben erneut Machtverhältnisse. Besonders Österreich-Ungarn sah den wachsenden Einfluss Serbiens mit Sorge. Russland wiederum verstand sich als Schutzmacht slawischer Interessen. Dadurch verbanden sich regionale Konflikte immer stärker mit den Interessen der europäischen Großmächte.

Die Karte der Bündnisse 1914 zeigt den Dreibund aus Deutschem Reich, Österreich-Ungarn und Italien sowie die Entente-Mächte Frankreich, Russland und Großbritannien. Für eine präzise Analyse musst Du beachten, dass Bündniskarten vereinfachen: Italien blieb 1914 zunächst neutral und trat 1915 auf Seiten der Gegner Österreich-Ungarns und Deutschlands in den Krieg ein. Bündniszugehörigkeit bestimmte also nicht automatisch jede spätere Entscheidung.
Die Julikrise 1914
Am 28. Juni 1914 wurde der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo ermordet. Die folgende Julikrise verwandelte einen regionalen Konflikt in einen europäischen Krieg. Deutschland sicherte Österreich-Ungarn Anfang Juli weitreichende Unterstützung zu. Diese Zusage wird häufig als deutscher „Blankoscheck“ bezeichnet.
Österreich-Ungarn stellte Serbien ein sehr scharfes Ultimatum. Nachdem die serbische Antwort nicht alle Forderungen erfüllte, erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Russland mobilisierte zur Unterstützung Serbiens, Deutschland erklärte Russland und Frankreich den Krieg. Der deutsche Operationsplan sah einen schnellen Angriff im Westen vor; der Einmarsch in das neutrale Belgien führte zum britischen Kriegseintritt.
Für die Bewertung deutscher Außenpolitik ist der Blankoscheck besonders wichtig, weil er die österreichisch-ungarische Bereitschaft zu einem riskanten Vorgehen stärkte. Gleichzeitig entstand der Krieg nicht aus einer einzigen Entscheidung. Österreichisch-serbische Spannungen, russische Mobilisierung, französisch-russische Bindungen, deutsche Militärplanung, britische Interessen, Nationalismus und langjährige Rüstung spielten zusammen.
Videoauftrag: Vergleiche verschiedene Erklärungen der Kriegsschuld. Achte darauf, ob zwischen langfristigen Strukturen, konkreten Entscheidungen im Juli 1914 und moralischer beziehungsweise politischer Verantwortung unterschieden wird.
Historisches Urteil: War die deutsche Außenpolitik zwangsläufig auf Krieg gerichtet?
Eine überzeugende historische Bewertung vermeidet zwei Extreme. Einerseits wäre es falsch, das Deutsche Reich als bloßes Opfer einer feindlichen „Einkreisung“ darzustellen. Die Flottenrüstung, das Auftreten in den Marokkokrisen und die Unterstützung Österreich-Ungarns trugen selbst zur Verschärfung internationaler Spannungen bei.
Andererseits wäre es ebenfalls zu einfach, die Entwicklung seit 1871 als geradlinigen deutschen Plan zum Weltkrieg zu beschreiben. Bismarcks Politik zielte nach 1871 auf die Sicherung des Reiches und die Vermeidung eines europäischen Großkriegs. Auch nach 1890 gab es Phasen der Verständigung und diplomatische Handlungsspielräume. Die anderen Großmächte verfolgten ebenfalls eigene imperiale, militärische und sicherheitspolitische Interessen.
Für ein Urteil solltest Du deshalb fragen: Welche Handlungsmöglichkeiten bestanden in einer konkreten Situation? Welche Risiken wurden bewusst akzeptiert? Welche Alternativen wurden verworfen? Und wie veränderte eine Entscheidung die Wahrnehmung der anderen Staaten?
Der Übergang von Bismarcks Bündnispolitik zur Weltpolitik zeigt, dass Machtpolitik nicht nur an vorhandener Stärke gemessen werden kann. Entscheidend ist, ob Machtmittel politische Ziele tatsächlich erreichen. Eine Politik kann kurzfristig Prestige gewinnen und langfristig zugleich die eigene Sicherheit verschlechtern. Genau darin liegt ein zentraler Analyseansatz für die deutsche Außenpolitik vor 1914.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welches Hauptziel verfolgte Bismarcks Außenpolitik nach 1871? (Die Sicherung des bestehenden Deutschen Reiches) (!Die Eroberung weiterer Gebiete in Westeuropa) (!Die Zerschlagung Österreich-Ungarns) (!Die Errichtung einer deutschen Weltherrschaft)
Mit welchem Staat schloss das Deutsche Reich 1879 den Zweibund? (Österreich-Ungarn) (!Frankreich) (!Großbritannien) (!Serbien)
Welcher Staat war Partner des Deutschen Reiches im Rückversicherungsvertrag von 1887? (Russland) (!Italien) (!Spanien) (!Belgien)
Welche Veränderung erfolgte 1890 im Verhältnis zu Russland? (Der Rückversicherungsvertrag wurde nicht verlängert) (!Deutschland trat dem französisch-russischen Bündnis bei) (!Russland wurde Mitglied des Dreibundes) (!Deutschland schloss ein Flottenbündnis mit Russland)
Wofür stand die deutsche Weltpolitik besonders? (Für einen stärkeren globalen Macht- und Prestigeanspruch) (!Für den vollständigen Verzicht auf Kolonialpolitik) (!Für die Auflösung der deutschen Streitkräfte) (!Für eine dauerhafte Neutralität gegenüber allen Großmächten)
Mit welcher Großmacht verschärfte die deutsche Flottenrüstung besonders die Rivalität? (Großbritannien) (!Portugal) (!Schweden) (!Griechenland)
Welche Folge hatte die Erste Marokkokrise für Deutschland? (Sie verstärkte die diplomatische Isolation Deutschlands) (!Sie führte zum Beitritt Großbritanniens zum Dreibund) (!Sie beendete die französische Kolonialpolitik) (!Sie machte Marokko zu einer deutschen Kolonie)
Welches deutsche Kriegsschiff wurde 1911 nach Agadir entsandt? (SMS Panther) (!HMS Dreadnought) (!SMS Emden) (!HMS Victory)
Was bezeichnet der Begriff Blankoscheck im Zusammenhang mit der Julikrise 1914? (Die weitreichende deutsche Unterstützung für Österreich-Ungarn) (!Einen Friedensvertrag zwischen Deutschland und Serbien) (!Die britische Zusage militärischer Hilfe an Deutschland) (!Die Auflösung des Zweibundes)
Warum eignet sich das Sicherheitsdilemma zur Analyse der Vorkriegszeit? (Weil defensive Maßnahmen eines Staates von anderen als Bedrohung verstanden werden können) (!Weil Bündnisse automatisch jeden Krieg verhindern) (!Weil wirtschaftliche Interessen in der Außenpolitik bedeutungslos sind) (!Weil Staaten die Absichten anderer immer eindeutig erkennen)
Memory
| Saturiert | Keine weiteren großen territorialen Ansprüche in Europa |
| Zweibund | Deutsches Reich und Österreich-Ungarn |
| Rückversicherungsvertrag | Neutralitätsabsicherung mit Russland |
| Weltpolitik | Globaler Macht- und Prestigeanspruch |
| Flottenpolitik | Ausbau der deutschen Hochseeflotte |
| Entente | Engere Zusammenarbeit von Frankreich Großbritannien und Russland |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Bismarck | Bündnisausgleich und diplomatische Isolation Frankreichs |
| Rückversicherungsvertrag | Absicherung des Verhältnisses zu Russland |
| Flottengesetze | Verschärfung der maritimen Konkurrenz mit Großbritannien |
| Marokkokrisen | Machtpolitische Konfrontation mit Frankreich und wachsende diplomatische Spannungen |
| Blankoscheck | Deutsche Rückendeckung für Österreich-Ungarn in der Julikrise |
...
Kreuzworträtsel
| Bismarck | Welcher Reichskanzler prägte die deutsche Bündnispolitik bis 1890? |
| Saturiert | Mit welchem Begriff beschrieb Bismarck das Reich als ohne weitere große europäische Gebietsansprüche? |
| Tirpitz | Welcher Admiral steht besonders für den Aufbau der deutschen Hochseeflotte? |
| Agadir | In welcher marokkanischen Hafenstadt erschien 1911 die SMS Panther? |
| Dreibund | Wie hieß das Bündnis von Deutschland Österreich-Ungarn und Italien? |
| Einkreisung | Mit welchem Schlagwort beschrieb die deutsche Führung ihre wachsende außenpolitische Isolation? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Zeitleiste erstellen: Gestalte eine Zeitleiste von 1871 bis 1914 und markiere mindestens acht außenpolitische Wendepunkte. Verwende verschiedene Symbole für Bündnisse, Krisen und Rüstungsentscheidungen.
- Dropping the Pilot analysieren: Beschreibe die Bildkomposition der Karikatur und formuliere anschließend eine Deutung zur politischen Bedeutung von Bismarcks Abgang.
- Bündniskarte untersuchen: Nutze die Karte von 1914 und erkläre, warum eine Bündniskarte politische Nähe zeigt, aber den tatsächlichen Kriegsverlauf nicht vollständig vorhersagen kann.
- Begriffsnetz gestalten: Erstelle ein Begriffsnetz zu Machtpolitik, Sicherheit, Prestige, Imperialismus, Bündnis und Aufrüstung. Verbinde die Begriffe mit erklärenden Pfeilen.
Standard
- Bismarck und Weltpolitik vergleichen: Erstelle einen strukturierten Vergleich der Ziele, Mittel und Risiken der Außenpolitik vor und nach 1890. Formuliere anschließend ein begründetes Urteil zum Ausmaß des Kurswechsels.
- Rede analysieren: Recherchiere den historischen Kontext der Formulierung „Platz an der Sonne“. Untersuche, welches Selbstbild des Deutschen Reiches darin sichtbar wird und welche Adressaten angesprochen werden sollten.
- Beratermemorandum verfassen: Versetze Dich in die Rolle eines außenpolitischen Beraters im Jahr 1908. Schreibe ein Memorandum, das Nutzen und Risiken weiterer deutscher Flottenrüstung abwägt.
- Kolonialperspektiven sichtbar machen: Erstelle eine digitale Ausstellung mit mindestens drei Quellen oder Bildern. Zeige sowohl deutsche Machtinteressen als auch Perspektiven und Folgen für kolonisierte Gesellschaften.
Schwer
- Kausalnetz zur Eskalation entwickeln: Erstelle ein Kausalnetz, das Bündnispolitik, Imperialismus, Flottenrüstung, Nationalismus, Balkankrisen und Entscheidungen der Julikrise miteinander verbindet. Kennzeichne direkte und indirekte Ursachen.
- Historikerpositionen vergleichen: Recherchiere mindestens zwei unterschiedliche historische Deutungen zur deutschen Verantwortung für den Kriegsausbruch 1914. Vergleiche Quellenbasis, Argumentation und Reichweite der Urteile.
- Alternative 1890 prüfen: Untersuche die Frage, wie sich die europäische Bündnislage möglicherweise entwickelt hätte, wenn der Rückversicherungsvertrag verlängert worden wäre. Trenne plausibel begründete Folgen von bloßer Spekulation.
- Podcast oder Kurzfilm produzieren: Produziere einen acht- bis zehnminütigen Beitrag zur Leitfrage „Sicherheitsstreben oder riskante Machtpolitik?“. Verwende mindestens vier historische Belege und mache unterschiedliche Perspektiven kenntlich.


Lernkontrolle
- Sicherheitsdilemma anwenden: Erkläre anhand der Flottenrüstung, wie eine Maßnahme zur eigenen Sicherheit die Unsicherheit anderer Staaten erhöhen kann. Übertrage das Modell anschließend auf ein weiteres Beispiel aus der Vorkriegszeit.
- Kontinuität und Wandel beurteilen: Prüfe die These, 1890 habe ein vollständiger Bruch in der deutschen Außenpolitik stattgefunden. Nutze mindestens zwei Argumente für Kontinuität und zwei für Wandel.
- Erfolg von Machtpolitik bewerten: Beurteile die Zweite Marokkokrise aus kurzfristiger und langfristiger Perspektive. Entwickle dafür eigene Kriterien für außenpolitischen Erfolg.
- Karten kritisch lesen: Erkläre, welche Informationen eine Bündniskarte von 1914 liefert und welche wichtigen politischen Unsicherheiten sie verdeckt. Beziehe Italien in Deine Argumentation ein.
- Entscheidungsspielräume untersuchen: Wähle zwei Akteure der Julikrise und zeige jeweils eine reale Handlungsalternative auf. Bewerte, welche Risiken die Entscheidungsträger akzeptierten.
- Gesamturteil formulieren: Nimm begründet Stellung zu der Aussage: „Das Deutsche Reich wurde vor 1914 eingekreist, isolierte sich aber zugleich durch Teile seiner eigenen Politik.“ Unterscheide Wahrnehmung, Absicht und Wirkung.
Lernnachweis
Für einen überzeugenden Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du nicht nur Daten reproduzierst, sondern historische Zusammenhänge analysierst und ein begründetes Urteil entwickelst.
- Bismarcks Außenpolitik: Ziele des Bündnissystems erklären und die Bedeutung der französischen Isolation sowie der Vermeidung eines Zweifrontenkriegs einordnen.
- Weltpolitik: Den Wandel nach 1890 anhand von globalem Machtanspruch, Prestige, Kolonialpolitik und öffentlicher Mobilisierung erklären.
- Flottenpolitik: Das Sicherheitsdilemma auf die deutsch-britische Rivalität anwenden.
- Imperialismus: Europäische Machtinteressen mit den Folgen kolonialer Herrschaft für die betroffenen Gesellschaften verknüpfen.
- Marokkokrisen: Kurzfristige Ziele und langfristige diplomatische Folgen unterscheiden.
- Balkankrisen: Regionale Konflikte mit den Interessen der europäischen Großmächte verbinden.
- Julikrise: Konkrete Entscheidungen von langfristigen Strukturbedingungen unterscheiden.
- Quellenkritik: Bilder, Karikaturen, Karten und politische Aussagen hinsichtlich Urheber, Entstehungssituation, Perspektive und Aussageabsicht untersuchen.
- Historisches Urteil: Mehrere Ursachen gewichten, Gegenargumente berücksichtigen und monokausale Erklärungen vermeiden.
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