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Verfolgung und Deportation - Baden-Württemberg

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Verfolgung und Deportation - Baden-Württemberg




Einleitung

Die Geschichte von Verfolgung, Ausgrenzung und Deportation im Nationalsozialismus spielte sich nicht nur in Berlin oder in weit entfernten Lagern ab. Sie geschah auch in Straßen, Rathäusern, Bahnhöfen, Schulen, Polizeidienststellen und Nachbarschaften im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg. Wenn Du lokale Geschichte untersuchst, erkennst Du deshalb besonders deutlich, wie eine Diktatur im Alltag wirksam wird: durch Gesetze und Befehle, aber auch durch Behörden, Polizei, Unternehmen, Denunziationen, Wegsehen, Mitmachen und in einzelnen Fällen durch Hilfe und Widerstand.

Das heutige Bundesland Baden-Württemberg existierte während der NS-Zeit noch nicht. Es entstand erst 1952. Für die Jahre 1933 bis 1945 musst Du unter anderem zwischen dem damaligen Land Baden, dem Land Württemberg und dem preußischen Regierungsbezirk Hohenzollern unterscheiden. Gerade deshalb verliefen Verfolgung und Deportation regional nicht immer zur gleichen Zeit und auf genau dieselbe Weise.

Dieser aiMOOC konzentriert sich auf mehrere lokale Beispiele: die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung, die Deportation aus Baden nach Gurs, die Deportationen aus Württemberg und Hohenzollern über Stuttgart, die Verfolgung und Deportation von Sinti und Roma, die NS-Krankenmorde in Grafeneck sowie die Rolle lokaler Behörden und Erinnerungsorte. Andere Gruppen wurden ebenfalls verfolgt, darunter politische Gegnerinnen und Gegner, homosexuelle Menschen, Zeugen Jehovas, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und Menschen, die von den Nationalsozialisten als nicht zur sogenannten „Volksgemeinschaft“ gehörig ausgegrenzt wurden.

Wichtig: Die nationalsozialistische Verfolgung traf unterschiedliche Gruppen aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Zielen. Der Holocaust bezeichnet die systematische Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden. Auch an den Sinti und Roma verübte das NS-Regime einen Völkermord. Die als NS-„Euthanasie“ bezeichneten Verbrechen waren staatlich organisierte Morde an Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Diese Verbrechen dürfen nicht gleichgesetzt werden, können aber gemeinsam zeigen, wie rassistische und menschenfeindliche Ideologien in staatliche Gewalt umgesetzt wurden.

Die historische Aufnahme der Synagoge in Baden-Baden erinnert daran, dass jüdisches Leben lange vor 1933 ein selbstverständlicher Teil vieler Städte und Gemeinden im Südwesten war.


Vom Zusammenleben zur systematischen Ausgrenzung

Vor 1933 lebten Jüdinnen und Juden in zahlreichen Städten und Dörfern Badens, Württembergs und Hohenzollerns. Sie führten Geschäfte und Unternehmen, arbeiteten als Ärztinnen und Ärzte, Juristen, Handwerker, Angestellte oder Lehrkräfte und engagierten sich in Vereinen, Gemeinden und Politik. Antisemitismus existierte bereits vor der NS-Herrschaft, doch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er zum Bestandteil staatlicher Politik.

Ausgrenzung geschah schrittweise. Berufsverbote, Boykotte, rassistische Gesetze, der Ausschluss aus Schulen und Vereinen, die erzwungene Aufgabe von Unternehmen und der Raub von Eigentum zerstörten wirtschaftliche und soziale Existenzen. Die Nationalsozialisten verwendeten für den erzwungenen Eigentumsentzug beschönigende Wörter wie „Arisierung“. Solche Begriffe solltest Du als Teil der Tätersprache erkennen und kritisch kennzeichnen.

Die Nürnberger Gesetze von 1935 machten rassistische Kategorien zu staatlichem Recht. Dabei entschieden die Nationalsozialisten nicht nach der eigenen religiösen Identität eines Menschen, sondern nach von ihnen konstruierten Abstammungskriterien. Aus Nachbarinnen, Kollegen und Mitschülerinnen wurden so durch staatliche Definitionen Menschen mit weniger Rechten.


Novemberpogrome 1938 im Südwesten

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 und in den folgenden Tagen erreichte die offene Gewalt einen neuen Höhepunkt. In Württemberg und Hohenzollern brannten 18 Synagogen; weitere Gotteshäuser wurden verwüstet. Auch in Baden wurden Synagogen zerstört, jüdische Geschäfte geplündert und Menschen misshandelt und verhaftet. Die Gewalt geschah öffentlich. Polizei und Feuerwehren verhinderten die Angriffe vielfach nicht; Feuerwehren schützten häufig nur benachbarte Gebäude.[1]

Die Aufnahme der brennenden Ludwigsburger Synagoge vom 9. November 1938 ist eine Quelle für die lokale Dimension des Pogroms. Sie zeigt nicht nur ein zerstörtes Gebäude. Hinter dem Bild stehen eine Gemeinde, persönliche Erinnerungen und Menschen, deren Lebensmöglichkeiten gewaltsam vernichtet wurden.

Quellenkritischer Hinweis: Historische Fotos von Verhaftungen und Deportationen wurden teilweise von Behörden oder Tätern aufgenommen. Sie sind deshalb keine neutralen Fenster in die Vergangenheit. Frage immer: Wer fotografierte? Warum wurde fotografiert? Was liegt außerhalb des Bildausschnitts? Welche Perspektive der Betroffenen fehlt?


Deportation aus Baden nach Gurs 1940

Am 22. Oktober 1940 holten Polizei und Gestapo in Baden, im Saargebiet und in der Pfalz rund 6.500 Menschen aus ihren Wohnungen, die jüdischen Glaubens waren oder von den Nationalsozialisten als jüdisch verfolgt wurden. Sie erhielten oft nur wenige Stunden Zeit, um sich auf die Verschleppung vorzubereiten. Von Sammelpunkten und Bahnhöfen wurden sie in das Internierungslager Gurs im Südwesten Frankreichs deportiert.[2]

Diese Deportation wird auch als Oktoberdeportation oder Wagner-Bürckel-Aktion bezeichnet. Für die lokale Geschichte Badens ist entscheidend, dass Menschen aus zahlreichen Orten betroffen waren: unter anderem aus Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg, Freiburg, Baden-Baden, Konstanz und vielen kleineren Gemeinden. In vielen Orten verschwand dadurch ein großer Teil des verbliebenen jüdischen Lebens innerhalb weniger Stunden.

Gurs lag im damals nicht von deutschen Truppen besetzten Teil Frankreichs und wurde von französischen Behörden verwaltet. Die Lebensbedingungen im Lager waren katastrophal: primitive Baracken, Schlamm, Kälte, mangelnde Hygiene und unzureichende Ernährung. Menschen starben an Krankheiten, Unterversorgung und Entkräftung. Anderen gelang mit Hilfe von Angehörigen oder Hilfsorganisationen die Ausreise oder Flucht. Ab 1942 wurden viele der noch Internierten über weitere Lager, darunter Drancy, in deutsche Vernichtungslager verschleppt und ermordet. Nach Angaben von LEO-BW bedeutete die Deportation für etwa zwei Drittel der im Oktober 1940 Verschleppten letztlich den Tod.[3]

Das Video „GURS 1940. Die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Baden, der Pfalz und dem Saarland“ kann zur Vertiefung genutzt werden. Vergleiche dabei die Darstellung im Film mit einer schriftlichen Quelle oder einem Biogramm aus der LEO-BW-Datenbank.


Erinnerung an Gurs in Baden-Württemberg

In vielen badischen Orten erinnern heute Gedenksteine, Stolpersteine, ehemalige Synagogen und lokale Forschungsprojekte an die Deportierten. Eine besondere Form des Gedenkens befindet sich in Neckarzimmern. Jugendliche aus badischen Deportationsorten gestalteten Erinnerungssteine. Ein Stein steht jeweils am Herkunftsort, sein Gegenstück wird im zentralen Mahnmal in Neckarzimmern aufgestellt. Dadurch entsteht ein Netzwerk zwischen lokaler und überregionaler Erinnerung.

Diese Form der Erinnerung ist für schulische Projekte besonders interessant: Geschichte wird nicht nur betrachtet, sondern durch eigene Recherche, Gestaltung und Verantwortung im eigenen Ort erschlossen.


Deportationen aus Württemberg und Hohenzollern

In Württemberg und Hohenzollern begannen die großen Deportationen der jüdischen Bevölkerung später als in Baden. Die Gestapo-Zentrale in Stuttgart organisierte im November 1941 einen ersten großen Transport. Ab dem 27. November wurden Jüdinnen und Juden aus zahlreichen Orten auf dem Stuttgarter Killesberg in einem Sammellager festgehalten. In der Nacht zum 1. Dezember 1941 wurden fast 1.000 Menschen in einen Zug gebracht, der vom Stuttgarter Nordbahnhof nach Riga fuhr.[4]

Nach mehreren Tagen erreichte der Zug Lettland. Die Deportierten wurden in das Lager Jungfernhof gebracht. Kälte, Hunger, Zwangsarbeit, Krankheiten und Gewalt bestimmten dort den Alltag. Im Frühjahr 1942 wurden viele Menschen aus dem Lager in den Wald von Bikernieki gebracht und erschossen. Nur 43 Menschen aus dem Transport, der Stuttgart am 1. Dezember 1941 verlassen hatte, überlebten den Holocaust.[5]

Weitere Deportationen führten 1942 und in den folgenden Jahren unter anderem nach Izbica, Auschwitz und Theresienstadt. Der Innere Nordbahnhof in Stuttgart wurde damit zu einem lokalen Tatort der Deportationsverbrechen.

Die heutige Gedenkstätte Zeichen der Erinnerung am Inneren Nordbahnhof macht sichtbar, dass die Verschleppung mitten aus der Stadt heraus geschah. Namen, Gleise und der historische Ort verbinden individuelle Biografien mit der Geschichte der Deportationszüge.


Das „Hotel Silber“: Verfolgung wurde organisiert

Das sogenannte Hotel Silber in Stuttgart war während der NS-Diktatur die Zentrale der Gestapo für Württemberg und Hohenzollern. Von hier aus wurden Menschen überwacht, verhört und verfolgt. Die Ausstellung am historischen Ort zeigt, dass Terror nicht nur von einer kleinen Spitze des Regimes ausging. Er beruhte auf Verwaltungen, Polizei, Akten, Meldewegen, Befehlen und der Zusammenarbeit vieler Stellen.[6]

Für die lokale Geschichtsforschung ist das „Hotel Silber“ besonders wichtig, weil hier die Verbindung zwischen Schreibtischarbeit und Gewalt sichtbar wird. Eine Deportation benötigte Listen, Formulare, Fahrpläne, Polizei, Sammelorte, Transportmittel, Vermögensaufstellungen und die Mitarbeit verschiedener Behörden. Bürokratie war nicht das Gegenteil von Gewalt, sondern konnte ein Werkzeug der Gewalt sein.


Verfolgung und Deportation von Sinti und Roma

Sinti und Roma wurden bereits lange vor 1933 diskriminiert. Unter der NS-Herrschaft verschärfte sich die Verfolgung durch rassistische Erfassung, Entrechtung, Zwangsmaßnahmen, Inhaftierung und Deportation bis zum Völkermord.

Ein zentraler lokaler Ort war Asperg bei Ludwigsburg. Im Mai 1940 war Asperg einer von drei Sammelorten für eine große Deportationsaktion gegen Sinti und Roma aus westlichen Teilen des Deutschen Reiches. Menschen wurden festgenommen, auf dem Hohenasperg registriert und von dort in das besetzte Polen deportiert.[7]

Das Foto zeigt den Marsch von Sinti und Roma durch Asperg am 22. Mai 1940. Da die Aufnahme aus einem Bestand der nationalsozialistischen „Rassenhygienischen und kriminalbiologischen Forschungsstelle“ stammt, musst Du besonders auf die Täterperspektive achten. Die fotografierten Menschen sind keine anonymen „Fälle“, sondern Verfolgte mit eigenen Biografien.

1943 folgten weitere Deportationen nach Auschwitz-Birkenau. Allein aus Stuttgart wurden im März 1943 mehr als 260 Sinti und Roma deportiert. Auch Ravensburg wurde zum Tatort: Dort waren Sinti-Familien bereits zuvor im Ummenwinkel zwangsweise zusammengezogen worden. Im März 1943 wurden mehrere Dutzend Ravensburger Sinti nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ein Mahnmal erinnert heute an 29 aus Ravensburg stammende Sinti, die ermordet wurden.[8]

Die Geschichte zeigt auch, dass die Verfolgung nach 1945 nicht sofort angemessen aufgearbeitet wurde. Überlebende der Sinti und Roma mussten lange um Anerkennung des NS-Völkermords und um Entschädigung kämpfen. Erinnerungsgeschichte ist deshalb auch eine Geschichte gesellschaftlicher Auseinandersetzungen nach 1945.


Grafeneck 1940: Mord an Menschen mit Behinderungen

Auf der Schwäbischen Alb liegt Grafeneck. 1940 wurde das ehemalige Heim der Samariterstiftung zu einer der zentralen Tötungsstätten der sogenannten „Aktion T4“. In Grafeneck wurden 10.654 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen ermordet. Die Opfer kamen aus Heil- und Pflegeanstalten und psychiatrischen Einrichtungen in verschiedenen Regionen des damaligen Deutschen Reiches.[9]

Der Ausdruck „Euthanasie“ ist hier ein nationalsozialistischer Tarn- und Beschönigungsbegriff. Es handelte sich nicht um freiwillige Sterbehilfe, sondern um planmäßig organisierte Morde. Menschen wurden aufgrund einer menschenverachtenden Ideologie als angeblich „lebensunwert“ stigmatisiert. Transporte, Meldebögen, ärztliche Gutachten und gefälschte Todesurkunden verschleierten den Mord.

Grafeneck verdeutlicht, dass Ausgrenzung nicht erst mit Deportationen beginnt. Sprache, medizinische Kategorien, wirtschaftliche Argumente und die Entwertung menschlichen Lebens bereiteten die Gewalt ideologisch und organisatorisch vor.

Ein Namensbuch verändert die Perspektive: Statt nur eine große Opferzahl zu sehen, wird deutlich, dass jeder ermordete Mensch eine eigene Biografie, Beziehungen und einen Herkunftsort hatte.


Vom Gesetz zum Verbrechen: Wer war beteiligt?

Deportationen waren arbeitsteilige Verbrechen. Die Gestapo spielte eine zentrale Rolle, doch sie handelte nicht allein. Lokale Polizeidienststellen holten Menschen aus Wohnungen. Kommunalverwaltungen stellten Daten bereit oder regelten organisatorische Abläufe. Finanzbehörden erfassten und beschlagnahmten Eigentum. Transportfirmen bewegten Gepäck. Die Reichsbahn stellte Züge bereit. Nach Deportationen wurden Wohnungen versiegelt und Gegenstände versteigert. Auch Privatpersonen konnten zu Profiteuren werden, wenn sie geraubten Besitz kauften.[10]

Damit wird eine wichtige historische Frage sichtbar: Wie wird aus einer menschenfeindlichen Ideologie konkrete Gewalt? Eine mögliche Antwort lautet: durch das Zusammenspiel von Propaganda, Recht, Bürokratie, Institutionen und individuellen Entscheidungen.

Es wäre trotzdem falsch, alle Menschen in einer Stadt pauschal gleich zu beurteilen. Es gab überzeugte Täterinnen und Täter, Mitwirkende, Profiteure, Gleichgültige, Menschen mit Angst, Zuschauerinnen und Zuschauer sowie Menschen, die halfen oder Widerstand leisteten. Historische Urteile müssen daher auf Quellen beruhen und konkrete Handlungsspielräume untersuchen.


Biografien statt anonymer Zahlen

Lokale Geschichte wird besonders verständlich, wenn Du einzelne Lebenswege untersuchst. Ein Stolperstein, ein Melderegister, ein Brief, ein Foto, eine Schulakte oder eine Entschädigungsakte kann zum Ausgangspunkt werden. Dabei solltest Du nicht nur nach dem Todesort fragen, sondern auch nach dem Leben vor der Verfolgung: Welche Schule besuchte die Person? Welchen Beruf hatte sie? Wo wohnte sie? Welche Beziehungen, Interessen und Pläne hatte sie?

Ein Stolperstein kann eine historische Recherche anstoßen. Er ersetzt aber keine Biografie. Gute Erinnerungsarbeit versucht, Menschen nicht auf ihre Verfolgung oder ihren Tod zu reduzieren.


Lokale Spurensuche in Baden-Württemberg

Viele Orte im heutigen Baden-Württemberg bieten Möglichkeiten für eine schulische Spurensuche. Dazu gehören unter anderem:

  1. Stuttgart: „Hotel Silber“, Killesberg und „Zeichen der Erinnerung“ am Inneren Nordbahnhof
  2. Asperg: Hohenasperg als Sammelort der Deportation von Sinti und Roma 1940
  3. Ravensburg: Erinnerung an die im Ummenwinkel verfolgten Sinti-Familien
  4. Grafeneck: Gedenkstätte und Dokumentationszentrum zu den NS-Krankenmorden
  5. Neckarzimmern: Mahnmal für die nach Gurs deportierten badischen Jüdinnen und Juden
  6. Kippenheim: ehemalige Synagoge als Gedenk-, Lern- und Begegnungsstätte
  7. Laupheim: Museum zur Geschichte von Christen und Juden sowie lokale Deportationsgeschichte
  8. Freiburg im Breisgau, Mannheim, Karlsruhe, Heidelberg und Konstanz: zahlreiche lokale Erinnerungsorte und Biografien zur Deportation nach Gurs

Wenn Du selbst forschst, beginne möglichst bei verlässlichen Institutionen: Stadt- oder Kreisarchiven, Landesarchiven, Gedenkstätten, Museen, lokalen Stolperstein-Initiativen und wissenschaftlich betreuten Datenbanken.


Erinnerungskultur nach 1945

Nach 1945 wurden NS-Verbrechen nicht sofort umfassend aufgearbeitet. Viele Täter wurden nicht oder nur milde bestraft. In zahlreichen Orten dauerte es Jahrzehnte, bis Gedenktafeln, Ausstellungen, Stolpersteine oder Dokumentationszentren entstanden. Oft gingen Impulse von Überlebenden, Angehörigen, Bürgerinitiativen, Schülerinnen und Schülern, Kirchen, Forschenden und lokalen Geschichtsvereinen aus.

Erinnerungskultur verändert sich. Heute geht es zunehmend darum, Opfer namentlich sichtbar zu machen, Täterstrukturen zu erforschen, digitale Quellen bereitzustellen und junge Menschen an der historischen Arbeit zu beteiligen. Zugleich wird diskutiert, wie Gedenkorte gestaltet sein sollen, welche Begriffe angemessen sind und wie Erinnerung gegen Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus und die Abwertung von Menschen wirken kann.

Dabei gilt: Geschichte liefert keine einfachen Gebrauchsanweisungen für die Gegenwart. Aber sie kann Dich dafür sensibilisieren, wie schnell die Würde von Menschen angegriffen wird, wenn ihnen Rechte, Zugehörigkeit und Individualität abgesprochen werden.


Quellenkritik: Historische Begriffe und Bilder prüfen

NS-Dokumente enthalten häufig Tarnbegriffe und menschenverachtende Kategorien. Wörter wie „Evakuierung“, „Umsiedlung“, „Verwertung“, „Sonderbehandlung“ oder „Verlegung“ konnten Gewalt verschleiern. Wenn Du solche Begriffe in Quellen zitierst, kennzeichne sie als Tätersprache und erkläre ihre Funktion.

Bei Fotografien solltest Du ebenfalls kritisch arbeiten. Ein Bild kann eine Situation dokumentieren und gleichzeitig manipulieren. Propagandafilme vom Stuttgarter Killesberg zeigten beispielsweise geordnete Abläufe, blendeten Gewalt, Angst, Raub und Demütigung aber weitgehend aus. Quellenkritik fragt deshalb immer nach Urheber, Absicht, Entstehungssituation, Auswahl und fehlenden Perspektiven.


Quellen und Vertiefung

  1. LEO-BW: Gurs 1940 – Landesarchiv Baden-Württemberg
  2. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Deportation nach Riga
  3. Gedenkstätte Grafeneck: Geschichte Grafenecks
  4. Haus der Geschichte Baden-Württemberg: Erinnerungsort Hotel Silber
  5. Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma: Informationen zur Verfolgung und zum Völkermord
  6. Wikimedia Commons: Die eingebundenen Bilder stammen aus freien oder entsprechend lizenzierten Beständen; Lizenz und Urheberschaft findest Du jeweils auf der Dateiseite.
  1. LEO-BW, „Die Pogromnacht in Württemberg und Hohenzollern“: https://www.leo-bw.de/themenmodul/juedisches-leben-im-suedwesten/schlaglichter/verfolgung-1933-bis-1945/die-pogromnacht-in-wuerttemberg-und-hohenzollern
  2. Landesarchiv Baden-Württemberg / LEO-BW, „Gurs 1940“: https://www.leo-bw.de/themenmodul/juedisches-leben-im-suedwesten/gurs/einfuehrung
  3. Landesarchiv Baden-Württemberg / LEO-BW, Einführung zur Gurs-Datenbank: https://www.leo-bw.de/themenmodul/juedisches-leben-im-suedwesten/gurs/einfuehrung
  4. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, „Deportation nach Riga“: https://www.gedenkstaetten-bw.de/deportation-nach-riga
  5. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, „Deportation nach Riga“: https://www.gedenkstaetten-bw.de/deportation-nach-riga
  6. Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Erinnerungsort Hotel Silber: https://www.hdgbw.de/hotel-silber/
  7. Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Hintergrund zur Maideportation 1940: https://dokuzentrum.sintiundroma.de/gedenken-80-jahrestag-maideportationen/
  8. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Dokumentation zum Gedenken an die Deportation von Sinti und Roma: https://www.gedenkstaetten-bw.de/fileadmin/gedenkstaetten/pdf/publikationen/doku_75jahre_gedenk_sinti_roma.pdf
  9. Gedenkstätte Grafeneck, Geschichte: https://gedenkstaette-grafeneck.de/geschichte/
  10. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, „Deportation nach Riga“, Abschnitt zur Vermögensverwertung: https://www.gedenkstaetten-bw.de/deportation-nach-riga


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Warum muss man beim Thema Baden-Württemberg in der NS-Zeit historisch genau formulieren? (Das heutige Bundesland entstand erst 1952) (!Das Gebiet gehörte vollständig zu Bayern) (!Baden-Württemberg wurde 1933 gegründet) (!Württemberg existierte erst nach 1945)




Wohin wurden im Oktober 1940 rund 6.500 jüdisch verfolgte Menschen aus Baden, der Pfalz und dem Saargebiet deportiert? (Gurs) (!Riga) (!Bergen-Belsen) (!Buchenwald)




Welche Funktion hatte der Stuttgarter Killesberg im November 1941? (Sammellager vor der Deportation nach Riga) (!Sitz der französischen Besatzungsverwaltung) (!Ort der Gründung Baden-Württembergs) (!Zentrale des Roten Kreuzes)




Welche Einrichtung befand sich während der NS-Zeit im Stuttgarter Hotel Silber? (Gestapo-Zentrale für Württemberg und Hohenzollern) (!Landtag von Baden-Württemberg) (!Jüdisches Waisenhaus) (!Französische Militärregierung)




Welche Rolle spielte Asperg im Mai 1940? (Sammelort für die Deportation von Sinti und Roma) (!Zielort der Gurs-Deportation) (!Standort der Wannsee-Konferenz) (!Hauptquartier der Reichsbahn)




Welche Opfergruppe steht besonders im Mittelpunkt der Geschichte von Grafeneck 1940? (Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen) (!Ausschließlich ausländische Soldaten) (!Nur politische Funktionäre der NSDAP) (!Nur Mitglieder der Wehrmacht)




Warum ist der Begriff NS-Euthanasie kritisch zu verwenden? (Er verschleiert planmäßig organisierte Morde) (!Er bezeichnet ausschließlich medizinische Forschung) (!Er war ein Begriff des Widerstands) (!Er meint freiwillige Auswanderung)




Was macht Deportationen zu arbeitsteiligen Verbrechen? (Viele Behörden und Institutionen wirkten an Organisation und Durchführung mit) (!Sie wurden ausschließlich von einzelnen Privatpersonen organisiert) (!Sie fanden ohne schriftliche Planung statt) (!Sie benötigten keinerlei Transportmittel)




Warum ist Quellenkritik bei Täterfotografien besonders wichtig? (Die Aufnahme kann eine inszenierte oder einseitige Perspektive zeigen) (!Historische Fotos sind grundsätzlich gefälscht) (!Fotos enthalten niemals Informationen) (!Nur moderne Bilder können als Quellen dienen)




Was ist ein wichtiges Ziel lokaler Erinnerungsarbeit? (Verfolgte Menschen als individuelle Personen mit Biografien sichtbar zu machen) (!Nur Jahreszahlen auswendig zu lernen) (!Alle Einwohner eines Ortes pauschal zu verurteilen) (!Historische Konflikte vollständig auszublenden)





Memory

Gurs Internierungslager als Ziel der Oktoberdeportation 1940
Killesberg Sammellager vor dem Stuttgarter Riga-Transport 1941
Asperg Sammelort der Deportation von Sinti und Roma 1940
Grafeneck NS-Tötungsstätte für Menschen mit Behinderungen
Hotel Silber Gestapo-Zentrale für Württemberg und Hohenzollern
Nordbahnhof Ausgangsort mehrerer Stuttgarter Deportationszüge





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Ausgrenzung Ausschluss aus Berufen und gesellschaftlichen Bereichen
Pogrom Öffentliche Gewalt und Zerstörung im November 1938
Deportation Staatlich organisierte Zwangsverschleppung
Enteignung Entzug und Raub von Eigentum
Erinnerung Biografische Forschung und Gedenkorte





Kreuzworträtsel

Gurs In welches südfranzösische Internierungslager wurden 1940 viele jüdische Menschen aus Baden deportiert?
Asperg Welcher Ort bei Ludwigsburg war 1940 Sammelort für deportierte Sinti und Roma?
Grafeneck Welche Tötungsstätte auf der Schwäbischen Alb steht für die NS-Krankenmorde?
Killesberg Wie hieß der Stuttgarter Sammelort vor der Deportation nach Riga?
Gestapo Welche Geheimpolizei organisierte und koordinierte Verfolgungsmaßnahmen?
Stolperstein Welches kleine Erinnerungszeichen im Straßenraum verweist häufig auf eine einzelne Biografie?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Das heutige Bundesland Baden-Württemberg entstand erst

. Im Oktober 1940 wurden zahlreiche jüdisch verfolgte Menschen aus Baden nach

deportiert. Vor dem ersten großen Deportationszug aus Württemberg und Hohenzollern wurden Menschen auf dem Stuttgarter

festgehalten. Der Zug vom 1. Dezember 1941 fuhr in Richtung

. Die Gestapo-Zentrale für Württemberg und Hohenzollern befand sich im sogenannten

. Im Mai 1940 war

ein Sammelort für die Deportation von Sinti und Roma. In Grafeneck wurden 1940 insgesamt

Menschen ermordet. Historische Täterbegriffe müssen durch

eingeordnet werden. Ein lokaler Erinnerungsort kann eine einzelne

wieder sichtbar machen. Die Beschäftigung mit Gedenkstätten gehört zur heutigen

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Erinnerungsort beschreiben: Suche einen Gedenkort in Deiner Stadt oder Gemeinde und beschreibe, woran er erinnert, wann er entstand und wie er gestaltet ist.
  2. Stolperstein-Recherche: Wähle einen Stolperstein in Deiner Umgebung und recherchiere die Biografie der genannten Person anhand verlässlicher Quellen.
  3. Bildanalyse: Untersuche eines der historischen Fotos aus diesem aiMOOC. Notiere Urheber, Entstehungssituation, sichtbare Informationen und offene Fragen.
  4. Begriffe prüfen: Sammle fünf Begriffe aus NS-Quellen, die Gewalt beschönigen oder Menschen abwerten, und formuliere sachliche heutige Erklärungen.


Standard

  1. Lokaler Zeitstrahl: Erstelle einen Zeitstrahl für Deine Stadt oder Deinen Landkreis von 1933 bis 1945 mit mindestens sechs lokal belegten Ereignissen der Ausgrenzung, Verfolgung oder Erinnerung.
  2. Digitale Karte: Markiere auf einer Karte mindestens fünf Orte in Baden-Württemberg, die mit Gurs, Riga, der Verfolgung von Sinti und Roma oder Grafeneck verbunden sind, und ergänze kurze Erklärtexte.
  3. Quellenvergleich: Vergleiche eine Täterquelle mit einer Opferbiografie oder einem späteren Erinnerungsbericht. Arbeite heraus, wie sich Sprache, Perspektive und Aussage unterscheiden.
  4. Fotoessay: Gestalte einen Fotoessay über heutige Spuren der NS-Zeit in Deiner Umgebung. Fotografiere respektvoll und erkläre zu jedem Bild den historischen Zusammenhang.


Schwer

  1. Archivprojekt: Entwickle mit einem Stadt- oder Kreisarchiv eine kleine Recherche zu einer verfolgten Person oder Familie. Dokumentiere Quellenlage, Lücken und Unsicherheiten.
  2. Erinnerungskultur untersuchen: Vergleiche zwei Gedenkorte, zum Beispiel Neckarzimmern und Stuttgart-Nordbahnhof. Analysiere, welche Botschaften Gestaltung, Material und Standort vermitteln.
  3. Podcast zur lokalen NS-Geschichte: Produziere einen sachlichen Podcast von acht bis zwölf Minuten. Nutze mindestens drei überprüfbare Quellen und trenne historische Fakten klar von eigener Bewertung.
  4. Ausstellungskonzept: Entwirf eine kleine Schulausstellung mit dem Titel „Verfolgung geschah vor Ort“. Plane Biografien, Quellen, Karten, Medien, Quellenkritik und einen Bereich zur heutigen Erinnerung.




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Lernkontrolle

  1. Zusammenhang von Ausgrenzung und Deportation: Erkläre an einem lokalen Beispiel, wie gesellschaftliche Ausgrenzung, rechtliche Entrechtung, wirtschaftlicher Raub und spätere Deportation miteinander verbunden waren.
  2. Bürokratie und Gewalt: Analysiere, warum Formulare, Melderegister, Fahrpläne und Vermögenslisten für die Durchführung von NS-Verbrechen wichtig waren. Zeige dabei, warum Bürokratie nicht als neutral betrachtet werden kann.
  3. Quellenperspektive: Du findest ein Foto einer Deportation, das von einer NS-Dienststelle aufgenommen wurde. Entwickle fünf Fragen, mit denen Du die Quelle kritisch prüfen würdest, und begründe Deine Auswahl.
  4. Lokale Verantwortung: Beurteile die Aussage „Die Deportationen waren nur Sache der Gestapo“. Nutze mindestens drei verschiedene lokale Akteursgruppen in Deiner Argumentation.
  5. Erinnerung gestalten: Entwirf ein Konzept für einen neuen Erinnerungsort an Deiner Schule. Erkläre, wie Du historische Genauigkeit, Würde der Opfer und Beteiligung von Jugendlichen miteinander verbinden würdest.
  6. Transfer zu Menschenrechten: Leite aus einem historischen Beispiel ab, warum der Schutz von Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenrechten für eine Demokratie wichtig ist, ohne Vergangenheit und Gegenwart gleichzusetzen.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du nicht nur Daten wiedergeben kannst, sondern historische Zusammenhänge erkennst und Quellen kritisch nutzt.

  1. Du kannst erklären, warum das heutige Baden-Württemberg für die NS-Zeit in mehrere historische Räume unterschieden werden muss.
  2. Du kannst den Weg von Ausgrenzung und Entrechtung bis zu Deportation und Mord an konkreten lokalen Beispielen nachvollziehen.
  3. Du kannst Gurs, Stuttgart-Killesberg, Nordbahnhof, Asperg, Hotel Silber und Grafeneck historisch einordnen.
  4. Du kannst die Verfolgung jüdischer Menschen, den Völkermord an Sinti und Roma und die NS-Krankenmorde unterscheiden, ohne die Verbrechen gegeneinander aufzurechnen.
  5. Du kannst Täterbegriffe, Propagandabilder und Verwaltungsquellen kritisch untersuchen.
  6. Du kannst lokale Institutionen und Akteursgruppen benennen, die an Verfolgung und Deportation beteiligt waren.
  7. Du kannst eine Opferbiografie aus verlässlichen Quellen rekonstruieren und dabei Unsicherheiten offen kennzeichnen.
  8. Du kannst erläutern, wie Gedenkstätten und Initiativen nach 1945 entstanden und warum Erinnerungskultur gesellschaftlich umkämpft sein kann.
  9. Du kannst aus der Geschichte Fragen an Menschenrechte, Demokratie und gesellschaftliche Verantwortung entwickeln, ohne einfache Gleichsetzungen vorzunehmen.




OERs zum Thema

Die folgenden frei zugänglichen Angebote eignen sich für weitere Recherchen:

  1. LEO-BW: Gurs 1940
  2. Gedenkstätten in Baden-Württemberg
  3. Gedenkstätte Grafeneck
  4. Erinnerungsort Hotel Silber
  5. Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma
  6. Wikimedia Commons: Gurs internment camp


Verknüpfte Lernbereiche


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