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Nationalsozialismus im Südwesten - Baden-Württemberg

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Nationalsozialismus im Südwesten - Baden-Württemberg



Einleitung

Der Begriff „Nationalsozialismus in Baden-Württemberg“ ist eine heutige geografische Kurzform. Das Bundesland Baden-Württemberg entstand erst 1952. In der Zeit der Weimarer Republik und zu Beginn der NS-Herrschaft bestanden im Südwesten vor allem die Länder Baden und Württemberg; die Hohenzollernschen Lande gehörten zu Preußen. Für die Beschäftigung mit der NS-Zeit ist der heutige Landesraum trotzdem sinnvoll, weil sich an Städten und Gemeinden wie Karlsruhe, Stuttgart, Ulm, Tübingen, Mössingen oder Ludwigsburg konkret untersuchen lässt, wie aus einer Demokratie eine Diktatur wurde.

Die nationalsozialistische Herrschaft entstand nicht in einem einzigen Schritt. Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 verbanden die Nationalsozialisten staatliche Maßnahmen, politische Gewalt, Einschüchterung, Propaganda und die Bereitschaft vieler Menschen und Institutionen zur Anpassung. Der NS-Begriff „Gleichschaltung“ bezeichnete die Unterordnung von Staat, Gesellschaft, Verbänden, Kultur und Öffentlichkeit unter die Ziele des Regimes. Für die historische Analyse ist wichtig: Diese Entwicklung wurde von oben erzwungen, aber sie funktionierte vielerorts auch durch Mitarbeit, Karrierestreben, ideologische Zustimmung oder vorauseilende Anpassung.

Robert Wagner war NSDAP-Gauleiter in Baden und wurde 1933 Reichsstatthalter. Seine Karriere zeigt, wie Partei- und Staatsmacht miteinander verschmolzen.

Wilhelm Murr war NSDAP-Gauleiter in Württemberg und wurde 1933 Reichsstatthalter. Auch in Württemberg verlor die demokratische Landespolitik rasch ihre Bedeutung.

Das Video „Tübingen im Nationalsozialismus“ eignet sich als regionaler Einstieg. Achte darauf, welche Orte, Personengruppen und Quellen gezeigt werden und welche Perspektiven fehlen.


Baden, Württemberg und Hohenzollern 1933

Vor 1933 waren Baden und Württemberg parlamentarisch verfasste Länder des Deutschen Reiches. Parlamente, Regierungen, Parteien, Gewerkschaften, Vereine und eine vielfältige Presse gehörten zur politischen Kultur. Zugleich war die Demokratie bereits vor Hitlers Ernennung belastet: Weltwirtschaftskrise, hohe Arbeitslosigkeit, politische Radikalisierung, Gewalt auf der Straße und die Schwächung parlamentarischer Verfahren erleichterten den Gegnern der Republik den Angriff auf die demokratische Ordnung.

In Baden wurde der NSDAP-Gauleiter Robert Wagner im März 1933 mit weitreichenden staatlichen Befugnissen ausgestattet und im Mai Reichsstatthalter. In Württemberg stieg Wilhelm Murr im März zum Staatspräsidenten auf und wurde ebenfalls im Mai Reichsstatthalter. Die bisherigen Landtage wurden umgeformt und schließlich bedeutungslos. Die Länder bestanden als Verwaltungseinheiten weiter, verloren aber ihre politische Eigenständigkeit gegenüber dem Reich. Die Hohenzollernschen Lande blieben formal preußisch; in der Parteiorganisation waren sie mit Württemberg im NSDAP-Gau Württemberg-Hohenzollern verbunden.

Das zeigt einen wichtigen Unterschied zwischen Verwaltung und Demokratie: Behörden und Ämter verschwanden nicht einfach. Viele arbeiteten weiter, nun jedoch unter einer Diktatur und unter neuen politischen Vorgaben. Gerade dadurch konnte Verfolgung bürokratisch organisiert und bis in Städte und Dörfer umgesetzt werden.


Vom Rechtsstaat zur Diktatur

Nach dem Reichstagsbrand setzte die Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 zentrale Grundrechte außer Kraft. Polizei und politische Gegner standen nun in einem völlig ungleichen Machtverhältnis. Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und andere Gegner des Regimes wurden verfolgt, misshandelt und in Haft genommen. Das Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 erlaubte der Reichsregierung, Gesetze ohne die normalen parlamentarischen Verfahren zu erlassen. Die Gleichschaltungsgesetze vom Frühjahr 1933 griffen anschließend direkt in die Länder ein.

Im Südwesten bedeutete das beispielsweise, dass Gemeinderäte nach den neuen Machtverhältnissen umgebildet, demokratisch legitimierte Amtsträger verdrängt und Verwaltungen politisch kontrolliert wurden. In Baden setzte die neue Führung in größeren Städten NS-Kommissare ein. In Württemberg wurde der Landtag entmachtet. Das nationalsozialistische Führerprinzip ersetzte schrittweise demokratische Aushandlung durch hierarchische Weisung und persönliche Verantwortlichkeit gegenüber Vorgesetzten.

Der oft verwendete Ausdruck „Machtergreifung“ stammt aus der Sprache der Nationalsozialisten und kann irreführen, weil Hitler nicht allein durch einen revolutionären Umsturz an die Regierung kam. Er wurde am 30. Januar 1933 von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Danach nutzten die Nationalsozialisten staatliche Macht, Gewalt und Gesetze zur Zerstörung der Demokratie. Deshalb sprechen Historikerinnen und Historiker häufig auch von Machtübertragung und Machtübernahme.


Gleichschaltung: Wie Herrschaft bis in den Alltag reichte

Verwaltung und Kommunen: Bürgermeister, Gemeinderäte und Beamte gerieten unter politischen Druck. Jüdische und politisch unerwünschte Beschäftigte wurden aus dem öffentlichen Dienst gedrängt. Ämter, die zuvor nach rechtsstaatlichen Regeln arbeiteten, wurden Teil eines Systems, das politische und rassistische Vorgaben ausführte. Gleichzeitig handelten einzelne Beschäftigte unterschiedlich: Manche waren überzeugte Nationalsozialisten, andere passten sich an, profitierten von frei werdenden Stellen oder versuchten, Konflikten auszuweichen.

Arbeitswelt: Am 1. Mai 1933 inszenierte das Regime den „Tag der nationalen Arbeit“ als Massenfeier. Bereits am 2. Mai wurden die freien Gewerkschaften zerschlagen. An ihre Stelle trat die Deutsche Arbeitsfront. Damit verloren Beschäftigte unabhängige Interessenvertretungen. Der Vorgang zeigt das Zusammenspiel von Propaganda und Repression besonders deutlich: Erst wurde scheinbare nationale Einheit gefeiert, unmittelbar danach wurden eigenständige Organisationen beseitigt.

Vereine, Sport und Kultur: Arbeitervereine wurden verboten oder aufgelöst, viele bürgerliche Vereine passten Satzungen und Leitungen an die neuen Vorgaben an. Jüdische Mitglieder wurden ausgeschlossen. Sport, Feste und Kultur sollten die Idee einer angeblich geschlossenen „Volksgemeinschaft“ vermitteln. Diese Gemeinschaft war von Anfang an ausgrenzend: Wer nach der rassistischen oder politischen Ideologie des Regimes nicht dazugehören sollte, wurde entrechtet.

Teilnehmer des Deutschen Turnfestes 1933 in Stuttgart. Das große Sportereignis fiel in die Phase der Gleichschaltung und wurde politisch aufgeladen. Eine Bildquelle zeigt dabei nie die ganze Wirklichkeit: Prüfe Inszenierung, Anlass und Auswahl des Motivs.


Schule und Jugend im Nationalsozialismus

Auch die Schule wurde politisiert. Lehrkräfte waren von Entlassungen, politischen Kontrollen und der Anpassung des Berufsstandes betroffen. Jüdische Lehrkräfte und andere vom Regime Ausgegrenzte verloren ihre Stellen oder wurden schrittweise aus dem Bildungswesen verdrängt. Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien sollten nationalsozialistische Ideologie vermitteln. Besonders deutlich wurde dies in rassistischen Deutungen von Geschichte und Biologie, in der Betonung von „Volksgemeinschaft“, Gehorsam und körperlicher Ertüchtigung sowie in der Vorbereitung auf geschlechtsspezifisch definierte Rollen.

Neben der Schule beanspruchten Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel immer mehr Zeit und Einfluss. Schule, Jugendorganisationen und Freizeit sollten sich gegenseitig ergänzen. Jugendliche erlebten Gemeinschaft, Sport und Fahrten, zugleich aber auch Drill, politische Indoktrination, Ausgrenzung und steigenden Zwang. Für eine differenzierte Bewertung ist wichtig, nicht alle Jugendlichen und Lehrkräfte gleichzusetzen: Zustimmung, Begeisterung, Anpassung, Distanz und Widerstand konnten nebeneinander vorkommen, doch die Handlungsspielräume wurden durch die Diktatur stark eingeschränkt.

Für Baden und Württemberg lässt sich die Schulpolitik besonders gut untersuchen, weil die Landesministerien trotz ihrer politischen Entmachtung weiterhin viele konkrete Regelungen umsetzten. So wird sichtbar, wie eine reichsweite Ideologie durch regionale Behörden in Schulalltag übersetzt wurde.


Propaganda: Die Öffentlichkeit als Bühne

Propaganda sollte nicht nur informieren, sondern Wahrnehmung und Verhalten steuern. Zeitungen wurden kontrolliert, Rundfunk und Film gewannen an Bedeutung, politische Gegner wurden diffamiert und Führerkult sowie nationalsozialistische Symbole prägten öffentliche Räume. Aufmärsche, Feiern, Sportveranstaltungen und Fahnen machten Herrschaft sichtbar. Wer teilnahm, konnte aus Überzeugung, sozialem Druck, beruflichem Kalkül oder dem Wunsch nach Zugehörigkeit handeln. Aus einem Foto jubelnder Menschen lässt sich daher nicht automatisch ablesen, was „die Bevölkerung“ insgesamt dachte.

Ein regionales Beispiel für die Bedeutung des Rundfunks ist das Stuttgarter Kabelattentat. Als Hitler am 15. Februar 1933 vor Tausenden Anhängern in der Stuttgarter Stadthalle sprach, durchtrennten NS-Gegner ein Kabel der Rundfunkübertragung. Die Sendung wurde unterbrochen. Die Aktion war symbolisch, zeigt aber, wie wichtig das neue Massenmedium für die politische Inszenierung war und wie riskant offener Widerstand bereits wenige Wochen nach der Ernennung Hitlers geworden war.

Auch große Veranstaltungen wurden propagandistisch genutzt. Das Deutsche Turnfest 1933 und spätere Großereignisse in Stuttgart sollten Gemeinschaft und Leistungsfähigkeit inszenieren. 1938 wurde Hitlers Besuch in Stuttgart mit Fahnen, Formationen und jubelnden Menschen öffentlich dargestellt. Solche Quellen sind keine neutralen Abbilder, sondern Teil politischer Kommunikation.


Terror und frühe Konzentrationslager im Südwesten

Die Diktatur stützte sich von Anfang an auf Gewalt. Schon 1933 entstanden im Südwesten frühe Konzentrationslager und Haftstätten. Sie dienten vor allem dazu, politische Gegner einzuschüchtern, zu isolieren und zu brechen. Der Begriff „Schutzhaft“ verschleierte, dass Menschen ohne normalen rechtsstaatlichen Schutz festgehalten wurden.

In Württemberg gehörten das KZ Heuberg und später das KZ Oberer Kuhberg bei Ulm zu den frühen Lagern. In Baden wurde Kislau zu einem zentralen Haftort. Der sozialdemokratische Politiker Ludwig Marum, ein prominenter Gegner der Nationalsozialisten, wurde 1933 öffentlich gedemütigt, nach Kislau verschleppt und dort 1934 ermordet. Solche Fälle zeigen, dass Terror nicht erst während des Zweiten Weltkriegs begann, sondern bereits zum Aufbau der Diktatur gehörte.

Innenbereich von Schloss Kislau. Der historische Ort erinnert daran, dass politische Verfolgung auch in regionalen Verwaltungs- und Haftstrukturen organisiert wurde.

Das Fort Oberer Kuhberg bei Ulm diente von 1933 bis 1935 als Konzentrationslager. Heute ist es ein Gedenk- und Lernort.

Das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg erklärt in diesem Film die Geschichte des frühen Konzentrationslagers in Ulm.


Antisemitische Ausgrenzung und Verfolgung

Antisemitismus war ein Kern der nationalsozialistischen Ideologie. Schon 1933 wurden jüdische Geschäfte boykottiert und jüdische Bürgerinnen und Bürger aus Berufen und öffentlichen Bereichen gedrängt. Die Nürnberger Gesetze von 1935 verschärften die Entrechtung. Während der Novemberpogrome 1938 wurden auch im Südwesten Synagogen zerstört oder in Brand gesetzt, Geschäfte verwüstet, Menschen misshandelt, verhaftet und ermordet.

Die brennende Ludwigsburger Synagoge am 9. November 1938. Die Aufnahme macht die Gewalt sichtbar, zeigt aber zugleich die Grenze fotografischer Quellen: Sie kann nicht allein erklären, wer plante, wer ausführte, wer zusah und wer half.

Im Oktober 1940 wurden Jüdinnen und Juden aus Baden und der Saarpfalz in einer großen Deportationsaktion nach Gurs in Südfrankreich verschleppt. Viele starben dort an den Lebensbedingungen; andere wurden später in Vernichtungslager deportiert und ermordet. Aus Württemberg folgten ab 1941 Deportationen in Ghettos und Lager im besetzten Osten. Der heutige Gedenkort am Stuttgarter Nordbahnhof erinnert an diese Transporte.

Die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ am Stuttgarter Nordbahnhof erinnert an die Deportationen aus Württemberg.

Das Video zum Lagerfriedhof Gurs verbindet die Geschichte der Deportierten mit heutiger Erinnerungskultur.


Rassistische Gewalt und die Tötungsanstalt Grafeneck

Nationalsozialistische Verfolgung richtete sich nicht nur gegen politische Gegner und jüdische Menschen. Auch Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, als „asozial“ oder „erbkrank“ Stigmatisierte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und weitere Gruppen wurden verfolgt. Besonders drastisch zeigt sich die Verbindung von Bürokratie, rassistischer Ideologie und Mord in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Dort wurden 1940 im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde Tausende Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen systematisch getötet.

Die heutige Gedenkstätte Grafeneck erinnert an die Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde.

Der Blick auf Grafeneck erweitert das Verständnis von „Gleichschaltung“: Behörden, Heil- und Pflegeanstalten, medizinisches Personal, Transportorganisation und Verwaltung waren Teil eines Systems, in dem Menschen erfasst, ausgesondert und ermordet wurden. Ideologie wurde durch Akten, Formulare, Befehle und organisatorische Routinen in konkrete Gewalt übersetzt.


Anpassung, Zustimmung und Widerstand

Eine Diktatur funktioniert nicht nur durch Befehle. Sie verändert Anreize, schafft Angst, belohnt Loyalität und zerstört unabhängige Organisationen. Menschen reagierten unterschiedlich: Einige unterstützten das Regime aktiv, andere passten sich an, profitierten, schwiegen oder versuchten, private Freiräume zu bewahren. Manche halfen Verfolgten oder leisteten Widerstand. Historische Urteile müssen deshalb sowohl die Gewalt der Diktatur als auch individuelle Handlungsmöglichkeiten untersuchen.

Ein frühes Beispiel ist der Mössinger Generalstreik. Am 31. Januar 1933, einen Tag nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, beteiligten sich in Mössingen mehr als 800 Menschen an einem Streik und Protestzug gegen die neue Regierung. Die Aktion blieb regional isoliert und wurde strafrechtlich verfolgt. Sie zeigt aber, dass der Übergang zur Diktatur keineswegs widerspruchslos verlief.

Der Erinnerungskubus in Mössingen macht den Generalstreik von 1933 im heutigen Stadtbild sichtbar.

Das Video thematisiert jüdische Spuren im Umfeld des Mössinger Generalstreiks und verbindet Widerstands- mit Verfolgungsgeschichte.

Ein weiteres Beispiel ist Georg Elser aus Königsbronn. Er bereitete 1939 allein ein Attentat auf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller vor, weil er den Krieg und weiteres Blutvergießen verhindern wollte. Hitler verließ den Saal früher als erwartet und überlebte. Elser wurde verhaftet und 1945 im KZ Dachau ermordet. Seine Geschichte zeigt, dass Widerstand sehr unterschiedliche soziale und politische Hintergründe haben konnte.

Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg stellt Georg Elser und seine Motive in einen historischen Zusammenhang.


Was die Regionalgeschichte sichtbar macht

Die Regionalgeschichte widerspricht der Vorstellung, die NS-Diktatur sei nur „in Berlin“ gemacht worden. Entscheidungen aus der Reichsführung mussten vor Ort umgesetzt werden. Dafür waren Ministerien, Landratsämter, Rathäuser, Polizei, Schulen, Unternehmen, Vereine, Zeitungen und einzelne Personen wichtig. Die nationalsozialistische Herrschaft verband zentrale Vorgaben mit lokalen Machtverhältnissen.

Gleichzeitig hilft der regionale Blick gegen einfache Pauschalurteile. Nicht jede Stadt entwickelte sich gleich, nicht jede Person handelte aus demselben Motiv und nicht jede Institution wurde im selben Tempo verändert. Gerade deshalb lohnt die Frage nach Handlungsspielräumen: Wer konnte entscheiden? Wer profitierte? Wer wurde ausgeschlossen? Wer widersprach? Wer half? Wer schwieg? Und wie veränderten sich diese Möglichkeiten, als der Terror zunahm?

Für heutige Lernende ist außerdem die Erinnerungskultur wichtig. Gedenkstätten wie der Obere Kuhberg, Grafeneck, der Stuttgarter Nordbahnhof oder lokale Synagogen- und Stolpersteinprojekte machen historische Orte sichtbar. Sie sind keine „Fenster in die Vergangenheit“, sondern heutige Formen des Erinnerns. Auch sie müssen quellenkritisch untersucht werden: Was wird gezeigt, welche Begriffe werden verwendet und welche Geschichten stehen im Mittelpunkt?

Das Video der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg gibt Einblicke in die Gedenkstättenlandschaft des Landes.


Quellenkritik: So untersuchst Du Propaganda und historische Medien

Bei Propagandamaterial reicht die Frage „Was sehe ich?“ nicht aus. Untersuche zuerst Urheber, Zeitpunkt und Auftraggeber. Kläre dann die Zielgruppe und die beabsichtigte Wirkung. Achte auf Bildausschnitt, Symbole, Wiederholungen, emotionale Sprache und darauf, wer sichtbar gemacht oder ausgeblendet wird. Vergleiche Propagandamaterial möglichst mit unabhängigen Quellen wie privaten Briefen, Verwaltungsakten, Gerichtsunterlagen, Tagebüchern oder späteren Erinnerungen.

Auch Fotografien von Verfolgung und Gedenkstätten brauchen Kontext. Ein Bild kann einen Ort dokumentieren, aber keine vollständige Erklärung liefern. Besonders bei nationalsozialistischen Quellen gilt: Die Sprache der Täter darf nicht unkritisch übernommen werden. Begriffe wie „Schutzhaft“, „Volksgemeinschaft“ oder „Euthanasie“ verschleierten Gewalt und Ausgrenzung. Historisches Lernen bedeutet deshalb auch, Sprache als Teil von Herrschaft zu analysieren.


Zeitleiste 1933 bis 1945 im Südwesten

Zeitpunkt Entwicklung
30. Januar 1933 Hitler wird Reichskanzler; in Mössingen folgt am nächsten Tag ein Generalstreik gegen die neue Regierung.
Februar 1933 Grundrechte werden zunehmend eingeschränkt; nach dem Reichstagsbrand beginnt offene Massenverfolgung politischer Gegner.
März bis April 1933 Baden und Württemberg werden politisch gleichgeschaltet; Parlamente und kommunale Selbstverwaltung verlieren ihre demokratische Funktion.
Frühjahr 1933 Frühe Konzentrationslager und Haftstätten wie Heuberg und Kislau werden eingerichtet; politische Gegner werden inhaftiert.
1933 bis 1935 Das KZ Oberer Kuhberg bei Ulm dient der Verfolgung und Einschüchterung politischer Gegner.
November 1938 Synagogen und jüdische Einrichtungen werden auch im Südwesten während der Novemberpogrome zerstört.
1940 In Grafeneck werden Menschen im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde getötet; im Oktober werden Jüdinnen und Juden aus Baden und der Saarpfalz nach Gurs deportiert.
ab 1941 Deportationen aus Württemberg in Ghettos und Lager im besetzten Osten; Krieg und Verfolgung radikalisieren sich weiter.
1945 Das NS-Regime endet mit der militärischen Niederlage Deutschlands; Verfolgung, Zerstörung und die Folgen der Diktatur prägen die Nachkriegszeit.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Warum ist die Bezeichnung Nationalsozialismus in Baden-Württemberg für die Jahre 1933 bis 1945 erklärungsbedürftig? (Das heutige Bundesland entstand erst 1952) (!Baden-Württemberg war damals ein Teil Bayerns) (!Das Gebiet gehörte vollständig zu Frankreich) (!Der Nationalsozialismus wirkte nur in Berlin)




Was beschreibt Gleichschaltung im Nationalsozialismus am treffendsten? (Die Unterordnung eigenständiger Institutionen unter die Ziele des Regimes) (!Die Einführung freier Wahlen auf Landesebene) (!Die Stärkung unabhängiger Gewerkschaften) (!Die Trennung von Partei und Staat)




Welche Funktion hatten Reichsstatthalter wie Robert Wagner und Wilhelm Murr? (Sie sicherten die politische Kontrolle des Reiches über die Länder) (!Sie leiteten unabhängige Landesparlamente) (!Sie schützten oppositionelle Parteien) (!Sie organisierten freie Kommunalwahlen)




Warum gehört Propaganda zur Stabilisierung einer Diktatur? (Sie beeinflusst Wahrnehmung und erzeugt Zustimmung oder Konformitätsdruck) (!Sie garantiert unabhängige Berichterstattung) (!Sie schützt politische Minderheiten vor Verfolgung) (!Sie verhindert staatliche Eingriffe in Medien)




Was zeigt das Stuttgarter Kabelattentat von 1933 besonders deutlich? (Die Bedeutung des Rundfunks für politische Inszenierung und die Existenz frühen Widerstands) (!Die Abschaffung des Rundfunks durch die Nationalsozialisten) (!Die Einführung des Fernsehens in Württemberg) (!Die Auflösung der NSDAP in Stuttgart)




Welche Aussage zu frühen Konzentrationslagern im Südwesten ist richtig? (Sie dienten schon 1933 der Einschüchterung und Verfolgung politischer Gegner) (!Sie entstanden erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs) (!Sie waren freiwillige Arbeitslager) (!Sie wurden von unabhängigen Gerichten kontrolliert)




Was geschah während der Novemberpogrome 1938 auch im Südwesten? (Synagogen und jüdische Einrichtungen wurden zerstört und Menschen verfolgt) (!Jüdische Bürger erhielten neue politische Rechte) (!Die NSDAP löste ihre Parteiorganisationen auf) (!Freie Gewerkschaften wurden wieder zugelassen)




Wofür steht Gurs in der Geschichte des deutschen Südwestens? (Für die Deportation jüdischer Menschen aus Baden und der Saarpfalz im Jahr 1940) (!Für den Sitz des württembergischen Landtags) (!Für ein Zentrum freier Presse) (!Für den Gründungsort Baden-Württembergs)




Warum ist der Mössinger Generalstreik historisch bedeutsam? (Er war ein früher regionaler Protest gegen die neue NS-Regierung) (!Er führte unmittelbar zum Sturz Hitlers) (!Er wurde von der NSDAP organisiert) (!Er fand erst nach Kriegsende statt)




Was ist bei der Analyse eines Propagandafotos besonders wichtig? (Urheber Zielgruppe Inszenierung und Auslassungen zu untersuchen) (!Das Foto grundsätzlich als objektiven Beweis zu behandeln) (!Nur die abgebildeten Farben zu beschreiben) (!Auf den historischen Kontext zu verzichten)





Memory

Gleichschaltung Unterordnung eigenständiger Institutionen unter die NS-Herrschaft
Robert Wagner NS-Machthaber in Baden
Wilhelm Murr NS-Machthaber in Württemberg
Kislau Frühes Konzentrationslager in Baden
Oberer Kuhberg Frühes Konzentrationslager bei Ulm
Mössinger Generalstreik Früher Protest vom 31. Januar 1933
Gurs Deportationsziel 1940
Propaganda Gezielte politische Beeinflussung





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Bedeutung
Reichstagsbrandverordnung Außerkraftsetzung zentraler Grundrechte
Ermächtigungsgesetz Gesetzgebung ohne normale parlamentarische Kontrolle
Gleichschaltung Unterordnung von Ländern und gesellschaftlichen Organisationen
Deutsche Arbeitsfront Ersatz der zerschlagenen freien Gewerkschaften
Reichsstatthalter Instrument zur Kontrolle der Länder durch die Reichsführung






Kreuzworträtsel

Murr Welcher württembergische NSDAP-Gauleiter wurde 1933 Reichsstatthalter?
Wagner Wie hieß der NSDAP-Gauleiter und Reichsstatthalter in Baden mit Nachnamen?
Kislau Wie hieß ein frühes Konzentrationslager in Baden?
Kuhberg Welcher Name gehört zum frühen Konzentrationslager bei Ulm?
Mössingen In welchem Ort fand am 31. Januar 1933 ein Generalstreik gegen die neue Regierung statt?
Propaganda Wie nennt man gezielte politische Beeinflussung durch Medien und Inszenierung?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Das heutige Bundesland

entstand erst 1952. Im Frühjahr 1933 wurden die Länder politisch

. In Baden gewann der NSDAP-Gauleiter

entscheidenden Einfluss auf die Landespolitik. In Württemberg wurde

zum zentralen NS-Machthaber auf Landesebene. Die Reichstagsbrandverordnung setzte wichtige

außer Kraft. Die freien Gewerkschaften wurden zerschlagen und durch die Deutsche

ersetzt. Propaganda sollte die Wahrnehmung der Bevölkerung

. Frühe Konzentrationslager dienten besonders der Verfolgung politischer

. In Mössingen kam es am 31. Januar 1933 zu einem

. Die brennende Synagoge von Ludwigsburg erinnert an die antisemitische Gewalt der

. Im Oktober 1940 wurden jüdische Menschen aus Baden und der Saarpfalz nach

deportiert. Der regionale Blick zeigt, dass Diktatur durch Entscheidungen und Handlungen vieler

vor Ort umgesetzt wurde.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Begriffe der Diktatur: Erstelle eine Begriffskarte zu Diktatur, Gleichschaltung, Propaganda, Terror und Widerstand. Verbinde die Begriffe mit mindestens einem regionalen Beispiel.
  2. Bildquellenanalyse: Wähle eines der eingebundenen Wikimedia-Bilder aus und beschreibe zuerst nur, was sicher zu sehen ist. Formuliere danach drei Fragen, die Du für eine historische Deutung zusätzlich klären musst.
  3. Lokale Spurensuche: Recherchiere, ob es in Deinem Wohnort eine Gedenktafel, einen Stolperstein, einen ehemaligen Synagogenstandort oder einen anderen Erinnerungsort zur NS-Zeit gibt. Dokumentiere Fundort und historische Bedeutung.
  4. Zeitleiste: Gestalte aus den Ereignissen 1933, 1938, 1940 und 1945 eine bebilderte Zeitleiste und erkläre bei jedem Punkt, wie sich die Handlungsspielräume der Betroffenen veränderten.


Standard

  1. Propagandaanalyse: Vergleiche eine nationalsozialistische Bild- oder Textquelle aus dem Südwesten mit einer Verwaltungsakte, Erinnerung oder späteren Darstellung. Zeige Unterschiede zwischen Inszenierung und historischer Rekonstruktion.
  2. Schule im Nationalsozialismus: Untersuche anhand digitaler Quellen, wie sich Unterricht, Lehrkräfte und Jugendorganisationen in Baden oder Württemberg nach 1933 veränderten. Präsentiere die Ergebnisse als Schaubild.
  3. Mössinger Generalstreik: Produziere einen dreiminütigen Audiobeitrag, der erklärt, warum der Generalstreik trotz seines Scheiterns für die Geschichte von Widerstand und Zivilcourage wichtig ist.
  4. Gedenkstättenvergleich: Vergleiche zwei Lernorte wie Oberer Kuhberg, Grafeneck, Kislau oder den Stuttgarter Nordbahnhof. Analysiere, welche Opfergruppen, Quellen und Formen des Erinnerns jeweils im Mittelpunkt stehen.


Schwer

  1. Gleichschaltung vor Ort: Recherchiere an einem konkreten Beispiel, wie ein Gemeinderat, Verein, eine Schule oder eine Zeitung 1933 verändert wurde. Unterscheide dabei Zwang, Eigeninitiative, Anpassung und mögliche Vorteile für Beteiligte.
  2. Handlungsspielräume: Entwickle eine Fallstudie zu einer historischen Person aus Baden, Württemberg oder Hohenzollern. Beurteile ihre Entscheidungen nicht nur nach dem Ergebnis, sondern nach Wissen, Risiken und Möglichkeiten zum damaligen Zeitpunkt.
  3. Digitale Ausstellung: Erstelle eine kleine digitale Ausstellung mit fünf Quellen zum Thema „Diktatur wird lokal“. Jede Quelle braucht Herkunft, Datierung, Kontext, Aussagewert und eine quellenkritische Einschränkung.
  4. Erinnerungskultur: Untersuche, wann und wie in Deinem Ort oder Landkreis an NS-Verfolgung erinnert wurde. Vergleiche eine ältere und eine neuere Form des Gedenkens und diskutiere, was sich im historischen Selbstbild verändert hat.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Diktatur und Verwaltung: Erkläre an einem regionalen Beispiel, warum das Weiterbestehen von Behörden nicht bedeutete, dass rechtsstaatliche Verhältnisse weiterbestanden. Zeige, wie Verwaltung in ein Unrechtssystem eingebunden werden konnte.
  2. Propaganda und Repression: Analysiere das Zusammenspiel von Masseninszenierung und Gewalt am Beispiel des 1. und 2. Mai 1933. Übertrage das Ergebnis anschließend auf ein regionales Beispiel aus Baden oder Württemberg.
  3. Gleichschaltung und Selbstanpassung: Beurteile die Aussage „Die Gleichschaltung wurde ausschließlich von Berlin erzwungen“. Formuliere ein begründetes Urteil, das zentrale Vorgaben und lokale Handlungsspielräume berücksichtigt.
  4. Quellenkritik: Du findest ein Foto mit jubelnden Menschen bei einem NS-Aufmarsch. Entwickle ein Verfahren, mit dem Du prüfst, was das Bild über Zustimmung aussagen kann und was nicht.
  5. Widerstand und Risiko: Vergleiche den Mössinger Generalstreik, das Stuttgarter Kabelattentat und Georg Elsers Attentatsversuch. Arbeite Unterschiede bei Ziel, Methode, persönlichem Risiko und historischer Wirkung heraus.
  6. Regionalgeschichte und Verantwortung: Diskutiere, welchen Erkenntnisgewinn es bringt, Nationalsozialismus nicht nur als Reichsgeschichte, sondern als Geschichte von Schulen, Rathäusern, Vereinen, Betrieben und Nachbarschaften zu untersuchen.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du nicht nur Daten wiedergeben kannst. Du solltest erklären können, wie die demokratische Ordnung 1933 zerstört wurde, wie Reichs- und Regionalpolitik zusammenwirkten und warum der Begriff Gleichschaltung mehrere gesellschaftliche Bereiche umfasst. Du solltest Propaganda als inszenierte Kommunikation analysieren, den Zusammenhang von Zustimmung, Anpassung und Zwang differenzieren und die Funktion früher Konzentrationslager für den Aufbau der Diktatur beschreiben können.

Außerdem solltest Du regionale Beispiele sicher einordnen: Robert Wagner und Baden, Wilhelm Murr und Württemberg, Kislau und Oberer Kuhberg als frühe Orte des Terrors, Mössingen als Beispiel frühen Widerstands, Ludwigsburg und Gurs als Stationen antisemitischer Verfolgung sowie Grafeneck als Ort der nationalsozialistischen Krankenmorde. Entscheidend ist, dass Du Quellen kritisch prüfst, Täterbegriffe nicht unreflektiert übernimmst und historische Handlungsspielräume begründet beurteilst.




OERs zum Thema

  1. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Baden 1933
  2. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Mössinger Generalstreik
  3. Forschungsprojekt Geschichte der Landesministerien: Schule im Nationalsozialismus
  4. Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg: Der historische Ort
  5. LEO-BW: Gurs und jüdisches Leben im Südwesten
  6. LEO-BW: Besuch Adolf Hitlers in Stuttgart und das Kabelattentat



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