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NO SUNSHINE

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NO SUNSHINE



Einleitung

NO SUNSHINE ist eine Videoarbeit des deutsch-norwegisch geprägten Videokünstlers und Filmemachers Bjørn Melhus aus dem Jahr 1997. Die Arbeit verbindet Videokunst, Experimentalfilm, Science-Fiction, Popkultur und Fragen nach Identität, Doppelgängern, Klonen und medialer Vervielfältigung. In einer raumkapselartig geschlossenen, rötlichen Bildwelt begegnen sich kindlich stilisierte, nahezu identisch erscheinende Figuren. Sie singen und sprechen mit vorgefundenen beziehungsweise montierten Stimmen aus der Popkultur. Durch visuelle Verdopplung, künstliche Körperbilder, Wiederholung und die Kreisstruktur des Loops wird die einfache Frage „Wer ist das Original?“ zunehmend unsicher.

Für die Klassen 10–13 eignet sich das Werk besonders, weil es mehrere Lernbereiche miteinander verschränkt: Kunst und Medienkunst, Filmanalyse, Biologie und Genetik, Bioethik, Philosophie sowie Medienkompetenz. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen filmischer Fiktion und biologischer Wirklichkeit: Die Figuren sind künstlerisch erzeugte Doppelgänger. Das Werk ruft Vorstellungen von Klonen auf, dokumentiert aber keinen realen gentechnischen Vorgang.

Die Hamburger Kunsthalle stellt eine vollständige Fassung von NO SUNSHINE auf YouTube bereit. Beobachte beim Sehen besonders Bildraum, Figurenverdopplung, Stimmen, Schnitt und Wiederholung.


Lernziele

Nach der Arbeit mit diesem aiMOOC kannst Du die audiovisuelle Gestaltung von NO SUNSHINE präzise beschreiben, zentrale Deutungen begründen und naturwissenschaftliche Aussagen über Klonen von Science-Fiction-Motiven unterscheiden. Du kannst außerdem erklären, wie Selbstinszenierung, technische Vervielfältigung, Pop-Sampling und Loop-Strukturen Fragen nach Original, Kopie und persönlicher Identität erzeugen.

  1. Filmanalyse: Du untersuchst Raum, Farbe, Figur, Kostüm, Blick, Montage, Ton und Rhythmus.
  2. Medienkunst: Du erklärst den Unterschied zwischen linearer Vorführung und einer als Loop konzipierten Installation.
  3. Selbstinszenierung: Du analysierst, wie Körper und Rollen im Bild künstlich hergestellt und vervielfältigt werden.
  4. Science-Fiction: Du deutest die Raumkapsel und die geklont wirkenden Figuren als spekulative Bildmotive.
  5. Genetik: Du unterscheidest biologisches Klonen, Genome Editing und audiovisuelle Vervielfältigung.
  6. Bioethik: Du beurteilst Fragen nach Menschenwürde, Autonomie, Sicherheit, Originalität und sozialer Gerechtigkeit.


Werkdaten

Merkmal Angabe
Titel NO SUNSHINE
Künstler / Regie Bjørn Melhus
Jahr 1997
Form Video; als Installation etwa 6 Minuten im Loop, als Vorführfassung etwa 6:15 Minuten mit Titeln
Bild und Ton Farbe und Ton
Darstellerische Ebene Bjørn und Roald Melhus; die Inszenierung lässt individuelle Unterschiede zugunsten einer Doppelgängerwirkung zurücktreten
Kamera Christoph Girardet
Styling Julia Neuenhausen
CGI Mike Orthwein
Ton Sascha Starke
Zentrale Themen Kindheitserinnerung, Identität, Doppelgänger, Wiederholung, Reproduktion, Popkultur, Klonen und Verlust


Bjørn Melhus und die Selbstinszenierung

Bjørn Melhus arbeitet seit den 1980er-Jahren mit Film, Video und Installation. Ein wiederkehrendes Verfahren seiner Kunst ist die Verkörperung künstlicher Rollenbilder. Figuren wirken oft wie aus Fernsehen, Werbung, Kino oder Popkultur herausgelöst und in eine neue, irritierende Situation versetzt. Dadurch wird der Körper des Darstellers nicht nur zur Figur, sondern zu einer Art Projektionsfläche für Medienbilder.

Bjørn Melhus bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen 2011. Das freie Wikimedia-Commons-Foto zeigt den Künstler, dessen Werk häufig mit Selbstverkörperung, Rollenwechsel und medialer Identität arbeitet.

In NO SUNSHINE wird Selbstinszenierung mit Vervielfältigung verbunden. Entscheidend ist weniger, ob jede sichtbare Figur biologisch „dieselbe“ Person wäre, sondern dass die Inszenierung die Körper austauschbar, seriell und kopierbar erscheinen lässt. Gesicht, Frisur, Kostüm, Haltung und Stimme bilden ein künstliches System von Ähnlichkeiten. Aus einer Person wird ein Muster.

Die Arbeit stellt damit eine medienphilosophische Frage: Was passiert mit Individualität, wenn ein Bild beliebig oft vervielfältigt werden kann? In analoger und digitaler Bildproduktion ist eine Kopie nicht nur Nachahmung. Sie kann technisch exakt wiederholt, gespiegelt, montiert, skaliert oder in einen Loop gesetzt werden. Die künstlerische „Klonung“ entsteht hier aus Mise-en-scène, Kamera, Montage, Postproduktion, Kostüm, Maske und Ton.

In einem Artist Talk spricht Bjørn Melhus über seine Arbeit als Videokünstler. Nutze das Gespräch, um NO SUNSHINE in eine größere Werkpraxis von Medienkritik, Rollenverkörperung und audiovisueller Aneignung einzuordnen.


Die Raumkapsel als Bildraum

Die Szenerie von NO SUNSHINE wird häufig als Raumkapsel oder als kugelförmiger Cyberraum wahrgenommen. Die offizielle Werkbeschreibung spricht von einem Raum, der zugleich wie eine innere Welt der Figuren wirkt. Gerade diese Mehrdeutigkeit ist für die Analyse wichtig. Die rote, organisch anmutende Umgebung kann gleichzeitig an Weltraum, Körperinneres, Blutkreislauf, Brutraum, Spielzeugwelt oder digitale Simulation erinnern.

Freies Vergleichsbild: Innenraum einer realen Dragon-Raumkapsel. Vergleiche die funktionale Enge realer Raumfahrttechnik mit der künstlichen, organisch wirkenden Kapselästhetik von NO SUNSHINE. Das Vergleichsbild ist kein Filmstill.

Die Raumkapsel erfüllt mehrere Funktionen. Als Science-Fiction-Zeichen entfernt sie die Handlung von einem realistischen Alltag. Als geschlossener Innenraum wirkt sie wie ein Labor, in dem Körper beobachtet und vervielfältigt werden. Als psychischer Raum kann sie Erinnerungen, Wünsche und Ängste darstellen. Als mediale Kapsel erinnert sie schließlich an den Bildschirm selbst: ein begrenzter Raum, in dem künstliche Figuren immer wieder neu erscheinen.

Eine starke Deutung verbindet deshalb Mikro- und Makrokosmos: Die Figuren scheinen zugleich im All und im Inneren eines Körpers zu schweben. Das Science-Fiction-Bild wird mit Biologie verschaltet. Die Frage nach „neuen Körpern“ ist räumlich inszeniert.


Figuren, Doppelgänger und künstliche Vervielfältigung

Die Figuren wirken kindlich, geschlechtsneutralisiert und spielzeughaft. Ihre nahezu gleiche Erscheinung erinnert an seriell hergestellte Spielzeugfiguren. Diese Ästhetik ist nicht zufällig: Sie verschiebt menschliche Körper in die Nähe eines Produkts, eines Modells oder einer reproduzierbaren Form. Wo normalerweise Gesicht, Stimme und Körper Individualität markieren, erzeugt NO SUNSHINE gezielt Ähnlichkeit.

Der Doppelgänger ist ein altes Motiv in Literatur und Kunst. Er kann Spiegelbild, Rivale, verdrängter Anteil des Selbst oder unheimliche Kopie sein. Im Film wird dieses Motiv technisch verschärft: Durch audiovisuelle Reproduktion können mehrere Versionen einer Figur gleichzeitig existieren. Die Kamera dokumentiert also nicht nur einen Körper; die Postproduktion kann den Körper vervielfältigen und zu einem visuellen Ornament machen.

Die Begegnung der Figuren führt nicht zu einer stabilen Einheit. Annäherung, Spiegelung, Trennung und Auflösung stehen nebeneinander. Ein Rückblick auf das Doppel kann im Werk in Zerstörung oder Implosion münden. Dadurch wird Vervielfältigung nicht als harmonischer Fortschritt dargestellt. Sie besitzt etwas Komisches, Künstliches und zugleich Bedrohliches.


Original und Kopie

Für die Deutung hilft eine philosophische Unterscheidung:

  1. Qualitative Identität: Zwei Dinge können sich in sehr vielen Eigenschaften gleichen.
  2. Numerische Identität: Etwas ist mit sich selbst identisch und bleibt genau dieses eine Individuum.

Ein biologischer Klon könnte seinem genetischen Ausgangsorganismus sehr ähnlich sein, wäre aber nicht numerisch dieselbe Person. Er hätte einen eigenen Körper, eine eigene Entwicklung, eine eigene Lebensgeschichte und eigene Beziehungen. Genau hier wird die Filmästhetik interessant: NO SUNSHINE übertreibt die qualitative Ähnlichkeit so stark, dass die Frage nach dem einzelnen Ich überhaupt erst sichtbar wird.


Die singenden Figuren und die Tonspur

Die Figuren singen und sprechen nicht mit einer scheinbar „authentischen“ Alltagsstimme. Die Tonspur montiert Popmaterial. Sie bezieht sich auf Bill Withers’ Song Ain’t No Sunshine von 1971 und arbeitet mit kindlichen Stimmen von Michael Jackson und Stevie Wonder. Dadurch kommt eine zweite Form des Klonens ins Spiel: akustische Wiederverwendung.

Stimmen sind normalerweise eng mit einer Person verbunden. Werden sie aufgenommen, gesampelt und neu montiert, lösen sie sich teilweise von ihrem ursprünglichen Körper. Im Video kann also ein Körper mit der Stimme eines anderen auftreten. Bild und Stimme bilden keine natürliche Einheit mehr. Das eröffnet Fragen nach Urheberschaft, medialem Gedächtnis und kultureller Wiederholung.

Die kindlichen Stimmen verstärken außerdem den Bezug zu Kindheit und Erinnerung. Kindheit erscheint nicht als unmittelbare Erfahrung, sondern als durch Popkultur und Fernsehen erinnerte Kindheit. Der Film zeigt damit, dass persönliche Erinnerung oft aus Bildern, Liedern, Werbeformen und medialen Zitaten zusammengesetzt ist.


Audiovisuelle Wiederholung

Wiederholung findet in NO SUNSHINE auf mehreren Ebenen statt:

  1. Bildwiederholung: Ähnliche Körper, Gesichter, Kostüme und Posen erscheinen mehrfach.
  2. Tonwiederholung: Stimmen, musikalische Fragmente und rhythmische Strukturen kehren wieder.
  3. Bewegungswiederholung: Gesten und Blickrichtungen wirken gespiegelt oder seriell.
  4. Narrative Wiederholung: Die Erzählung strebt nicht einfach auf einen endgültigen Abschluss zu.
  5. Loop: In der Installationsfassung beginnt das Video nach dem Ende erneut.

Der Droste-Effekt ist ein freies Vergleichsbild für rekursive Bildwiederholung: Ein Bild enthält eine kleinere Version seiner selbst. NO SUNSHINE arbeitet anders, aber ebenfalls mit der Irritation von Original, Kopie und Wiederkehr.

Der Loop verändert die Bedeutung des Endes. In einem linearen Film bedeutet Zerstörung häufig Abschluss. Im Loop wird der Abschluss zum Übergang in einen neuen Anfang. Aus Handlung wird Muster. Das passt zur Idee der Reproduktion: Die Figur kann verschwinden und trotzdem wiederkehren, weil das Medium sie gespeichert hat.


Science-Fiction als Denkmodell

NO SUNSHINE ist keine naturwissenschaftliche Zukunftsprognose. Die Arbeit verwendet Elemente der Science-Fiction, um gegenwärtige Vorstellungen über Körper, Technik und Identität zu untersuchen. Die Raumkapsel, die künstlich gleichförmigen Figuren, die schwer bestimmbare Umgebung und die Idee des Klonens schaffen eine Welt, in der die Grenzen zwischen Mensch, Spielzeug, Bild und technischem Produkt unsicher werden.

Science-Fiction funktioniert hier als Gedankenexperiment. Sie fragt nicht nur: „Was wäre technisch möglich?“, sondern auch: „Wie würden wir uns selbst verstehen, wenn Körper kopierbar wären?“ In dieser Perspektive ist die Klonfigur ein kulturelles Symbol für Ängste und Wünsche: Unsterblichkeit, Ersatzbarkeit, Kontrolle, Verlust des Einzigartigen und die Sehnsucht nach einer zweiten Version des eigenen Ichs.


Klonen: Biologische Realität und filmische Metapher

Klonen bezeichnet in den Biowissenschaften Verfahren, durch die genetisch sehr ähnliche oder genetisch identische Kopien erzeugt werden. Der Begriff kann sich auf DNA, Zellen oder ganze Organismen beziehen. Für die Diskussion von NO SUNSHINE ist besonders das reproduktive Klonen von Organismen relevant, weil der Film identisch wirkende Körper zeigt.

Das freie Schema zeigt den Grundgedanken von reproduktivem und therapeutischem Klonen durch Zellkerntransfer. Die Darstellung hilft, die Science-Fiction-Metapher des Films von realen biologischen Verfahren zu unterscheiden.

Beim somatischen Zellkerntransfer wird der Zellkern einer Körperzelle in eine Eizelle übertragen, deren eigener Zellkern zuvor entfernt wurde. Wird daraus ein Embryo erzeugt und in eine Gebärmutter übertragen, spricht man im Grundprinzip von reproduktivem Klonen. Das bekannteste historische Beispiel ist das Schaf Dolly, das 1996 geboren und 1997 öffentlich vorgestellt wurde. Damit entstand NO SUNSHINE genau in einer Zeit, in der das Klonen von Säugetieren weltweit intensiv diskutiert wurde.

Freie Animation eines DNA-Strukturmodells. DNA trägt wesentliche Erbinformation, aber eine Person ist nicht auf ihre DNA reduzierbar.


Was ein Klon nicht wäre

Ein genetisch sehr ähnlicher oder genetisch weitgehend identischer Organismus ist keine Kopie von Erinnerungen, Charakter, Erfahrungen oder Bewusstsein. Gene beeinflussen Entwicklung, aber Umwelt, Erziehung, Beziehungen, Lernen, Zufall, epigenetische Prozesse und individuelle Lebensgeschichte wirken ebenfalls mit. Deshalb wäre ein menschlicher Klon keine wiederauferstandene Version einer bereits existierenden Person.

Auch eineiige Zwillinge zeigen, dass große genetische Ähnlichkeit nicht dasselbe ist wie persönliche Identität. Sie sind zwei Individuen mit eigenen Perspektiven und Biografien. NO SUNSHINE darf daher nicht als biologische Erklärung des Klonens gelesen werden. Der Film nutzt das Bild der Kopie als kulturelle und philosophische Metapher.


Klonen ist nicht Genome Editing

Genome Editing und Klonen werden in Science-Fiction häufig vermischt, sind aber verschiedene Konzepte. Beim Klonen wird vorhandene genetische Information vervielfältigt. Beim Genome Editing werden bestimmte DNA-Sequenzen gezielt verändert. Verfahren wie CRISPR/Cas sind deshalb keine „Klonmaschinen“.

Filmisches Motiv Naturwissenschaftlicher Bezug Wichtige Unterscheidung
Nahezu identische Figuren Klonen und genetische Ähnlichkeit Genetische Ähnlichkeit erzeugt keine identischen Erinnerungen oder Persönlichkeiten.
Künstliche Vervielfältigung eines Körpers Reproduktives Klonen Filmische Vervielfältigung entsteht durch Inszenierung und Postproduktion, nicht durch Biotechnologie.
Wiederholte Stimmen Keine Form biologischen Klonens Eine Tonaufnahme kopiert ein Signal, nicht einen Menschen.
Auflösung oder Implosion Science-Fiction-Bild Für reale Klonbiologie gibt es keine entsprechende „Implosion“.
Veränderter oder künstlicher Körper Gentechnologie als kultureller Bezug Genome Editing verändert DNA; Klonen kopiert genetische Information.


Klonen heute: Wissenschaft, Recht und Ethik

Reproduktives Klonen von Tieren ist technisch möglich, aber mit erheblichen biologischen Risiken und Fehlerraten verbunden. Für einen reproduktiv geklonten Menschen gibt es keine belastbaren wissenschaftlichen Nachweise. In Deutschland verbietet § 6 des Embryonenschutzgesetzes das künstliche Erzeugen eines menschlichen Embryos mit derselben Erbinformation wie ein anderer Embryo, Fötus, Mensch oder Verstorbener sowie die Übertragung eines solchen Embryos auf eine Frau.

Für die ethische Diskussion sind mehrere Perspektiven wichtig. Sicherheitsrisiken betreffen mögliche Schäden für Embryo, Schwangere und Kind. Fragen der Menschenwürde richten sich darauf, ob ein Mensch zum Produkt oder Mittel für fremde Zwecke gemacht würde. Fragen der Autonomie betreffen das Recht auf eine eigene Lebensgestaltung. Hinzu kommen soziale Aspekte: Erwartungen an einen „Klon“, familiäre Beziehungen, wirtschaftliche Zugänge zu Reproduktionstechnologien und die Gefahr von Diskriminierung oder Selektion.

Gleichzeitig muss Ethik zwischen Fantasie und realer Technik unterscheiden. Eine gute Argumentation prüft nicht nur, ob etwas unheimlich wirkt, sondern fragt nach konkreten Verfahren, Folgen, Rechten und Interessenkonflikten.

Die ARTE-Dokumentation über die mögliche Rückkehr ausgestorbener Tiere eignet sich als Vertiefung zu Klonen, Genomeditierung und „De-Extinction“. Vergleiche die reale Forschung mit den Science-Fiction-Bildern von NO SUNSHINE.


Identität: Bin ich meine Gene?

NO SUNSHINE macht die Frage nach Identität sichtbar, indem es Unterschiede fast verschwinden lässt. Die Figuren sehen ähnlich aus, sprechen mit fremden Stimmen und bewegen sich in einem Raum ohne normalen Alltag. Dadurch fehlen viele Merkmale, über die wir Menschen sonst unterscheiden: Name, Beruf, Familie, individueller Lebenslauf, persönliche Sprache oder ein einzigartiger Ort.

Für eine philosophische Analyse kannst Du Identität als Zusammenspiel verschiedener Ebenen betrachten:

  1. Biologische Identität: Körper, Gene, Entwicklung und körperliche Kontinuität.
  2. Psychologische Identität: Erinnerungen, Wünsche, Charakter, Selbstbild und Bewusstsein.
  3. Soziale Identität: Beziehungen, Rollen, Anerkennung und Zugehörigkeiten.
  4. Narrative Identität: Die Geschichten, mit denen Menschen ihr eigenes Leben deuten.
  5. Mediale Identität: Bilder, Profile, Aufnahmen und Rollen, durch die eine Person öffentlich erscheint.

Der Film legt nahe, dass Identität nicht einfach im Gesicht oder im genetischen Code liegt. Gerade weil die sichtbaren Körper so ähnlich werden, gewinnen Stimme, Blick, Beziehung, Handlung und Erinnerung an Bedeutung.


Medienbild, Erinnerung und künstliche Wiederkehr

Video besitzt eine besondere Beziehung zur Zeit. Eine Aufnahme konserviert einen vergangenen Moment und kann ihn später beliebig oft wiedergeben. In diesem Sinne erzeugt das Medium eine technische Wiederkehr. Eine Person kann im Bild erneut erscheinen, obwohl der ursprüngliche Moment längst vorbei ist.

NO SUNSHINE verbindet diese Eigenschaft des Videos mit Kindheitserinnerungen. Popstimmen, spielzeugartige Figuren und wiederkehrende Gesten wirken wie Fragmente eines kollektiven Mediengedächtnisses. Was als persönliche Erinnerung erscheint, ist zugleich kulturell vorgeformt. Fernsehen, Musikvideos und Werbung liefern Bilder, aus denen Menschen Vorstellungen von Kindheit, Liebe, Erfolg oder Normalität zusammensetzen.

Das macht den Film für heutige digitale Medien besonders aktuell. Filter, Avatare, Deepfakes, KI-generierte Stimmen und virtuelle Doppelgänger verschärfen die Frage, die NO SUNSHINE bereits 1997 stellte: Wie erkennen wir ein „Original“, wenn Bilder und Stimmen technisch vervielfältigt werden können?


Analyseleitfaden für den Unterricht

Eine fundierte Analyse trennt zunächst Beobachtung und Deutung.

  1. Beschreibung: Notiere nur, was Du tatsächlich siehst und hörst: Farben, Figurenanzahl, Bewegungen, Stimmen, Geräusche, Bildausschnitt und Übergänge.
  2. Gestaltungsanalyse: Untersuche, wie Kamera, Licht, Kostüm, Maske, CGI, Schnitt, Ton und Musik die Doppelgängerwirkung erzeugen.
  3. Strukturanalyse: Prüfe Wiederholungen, Symmetrien, Paarbildungen und den Loop.
  4. Kontext: Beziehe Videokunst der 1990er-Jahre, Popkultur, die öffentliche Klondebatte nach Dolly und Science-Fiction-Motive ein.
  5. Deutung: Entwickle mindestens zwei mögliche Lesarten, etwa „Verlust von Individualität“ und „Medienerinnerung als künstliche Kindheit“.
  6. Urteil: Begründe, welche Deutung Du überzeugender findest und wo der Film bewusst mehrdeutig bleibt.


Quellen und Medienhinweise

  1. Offizielle Werkseite von Bjørn Melhus: Werkdaten, Synopsis, Produktionsangaben und Auszeichnungen.
  2. Video Data Bank: Werkbeschreibung, Laufzeit und Angaben zu Tonquellen und Performance.
  3. Hamburger Kunsthalle auf YouTube: institutionell veröffentlichte Vorführfassung.
  4. National Human Genome Research Institute: Grundlagen zu Gen-, Zell- und reproduktivem Klonen.
  5. Embryonenschutzgesetz § 6: Rechtslage zum Klonen in Deutschland.
  6. Wikimedia Commons: frei lizenzierte Medien zu Bjørn Melhus.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Aus welchem Jahr stammt NO SUNSHINE? (1997) (!1987) (!2007) (!2017)




Welche Form gehört wesentlich zur Installationsfassung von NO SUNSHINE? (Ein Loop) (!Eine Liveübertragung) (!Ein Stummfilm) (!Eine lineare Fernsehserie)




Welches Motiv verbindet die nahezu identischen Figuren besonders mit Gentechnologie und Science-Fiction? (Klonen) (!Dokumentarfotografie) (!Landschaftsmalerei) (!Improvisationstheater)




Welche Wirkung hat die künstliche Vervielfältigung der Figuren besonders? (Sie macht Original und Kopie fragwürdig) (!Sie erklärt die Zellteilung vollständig) (!Sie beweist menschliches Klonen) (!Sie macht den Film zu einer Nachrichtensendung)




Warum ist die Tonspur für die Identitätsfrage wichtig? (Fremde Popstimmen werden neuen Körperbildern zugeordnet) (!Alle Figuren sprechen ausschließlich live) (!Der Film verzichtet vollständig auf Ton) (!Die Stimmen erklären nur biologische Fachbegriffe)




Was unterscheidet Klonen von Genome Editing? (Klonen vervielfältigt vorhandene genetische Information) (!Klonen ist immer nur eine Tonaufnahme) (!Genome Editing erzeugt automatisch identische Personen) (!Beide Begriffe bedeuten exakt dasselbe)




Welche Aussage über einen hypothetischen menschlichen Klon ist fachlich am treffendsten? (Er wäre trotz genetischer Ähnlichkeit eine eigene Person) (!Er hätte automatisch dieselben Erinnerungen) (!Er hätte zwingend denselben Charakter) (!Er wäre numerisch dieselbe Person)




Welche Deutung passt zur raumkapselartigen roten Umgebung? (Sie kann zugleich Weltraum Körperinneres und medialer Raum andeuten) (!Sie ist nur eine realistische Dokumentation einer Raumstation) (!Sie beweist eine Marsmission) (!Sie hat keine Bedeutung für die Bildwirkung)




Welche Funktion hat der Loop für das Ende des Videos? (Das Ende wird zum Übergang in einen neuen Anfang) (!Das Ende bleibt einmalig und unwiederholbar) (!Der Loop entfernt alle Wiederholungen) (!Der Loop macht das Werk zu einem Hörspiel)




Welche Arbeitsweise ist für die Analyse von NO SUNSHINE besonders sinnvoll? (Zuerst beobachten dann Gestaltung untersuchen und anschließend deuten) (!Sofort eine einzige Deutung als Tatsache festlegen) (!Nur die Handlung nacherzählen) (!Biologische Fiktion als wissenschaftlichen Beweis behandeln)





Memory

NO SUNSHINE Videoarbeit von 1997
Doppelgänger künstlich erzeugte Ähnlichkeit
Loop wiederholte Wiedergabe
Selbstinszenierung Körper als künstlerische Rollenfläche
Science-Fiction spekulativer Denkraum
Zellkerntransfer Verfahren des reproduktiven Klonens
Sampling Wiederverwendung von Klangmaterial
Identität Verhältnis von Selbst und Unterschied





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Doppelgänger künstliche Vervielfältigung
Loop audiovisuelle Wiederkehr
Stimm-Sampling mediale Erinnerung
Raumkapsel Science-Fiction-Raum
Selbstinszenierung Identitätskonstruktion






Kreuzworträtsel

Melhus Wie lautet der Nachname des Regisseurs und Künstlers?
Klonen Welches biotechnologische Motiv wird durch die Doppelgänger aufgerufen?
Identität Welcher Begriff bezeichnet die Frage nach dem eigenen Selbst?
Sampling Wie heißt die Wiederverwendung aufgezeichneten Klangmaterials?
Loop Wie heißt eine wiederholt abgespielte Mediensequenz?
Doppelgänger Wie nennt man eine nahezu identisch erscheinende zweite Figur?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

NO SUNSHINE entstand

als Videoarbeit von Bjørn Melhus.
Die Installationsfassung ist als

angelegt.
Die nahezu identisch erscheinenden Figuren wirken wie

.
Die raumkapselartige Szenerie aktiviert Vorstellungen aus der

.
Die kindlichen Stimmen verbinden die Bildwelt mit der

.
Die Vervielfältigung des Körpers macht die Frage nach

sichtbar.
Beim somatischen Zellkerntransfer wird der

einer Körperzelle verwendet.
Genome Editing verändert DNA gezielt und ist daher nicht dasselbe wie

.
Die wiederkehrende Ton-Bild-Struktur macht Wiederholung zu einem ästhetischen

.
Ein biologischer Klon wäre trotz großer genetischer Ähnlichkeit eine eigene

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Beobachtungsprotokoll: Sieh eine Minute des Films ohne Ton und notiere präzise Farben, Figuren, Blickrichtungen, Bewegungen und räumliche Eindrücke. Trenne Beobachtung und Deutung.
  2. Klangkarte: Höre anschließend dieselbe Passage ohne auf das Bild zu schauen und zeichne eine Klangkarte aus Stimme, Musik, Geräusch, Pause und Wiederholung.
  3. Raumkapsel: Erstelle eine Skizze der Kapsel und markiere drei mögliche Bedeutungen des Raums: Weltraum, Körperinneres und medialer Bildraum.
  4. Begriffskarte Klonen: Gestalte vier Karten zu biologischem Klonen, Genome Editing, filmischer Vervielfältigung und Doppelgänger-Motiv und formuliere jeweils einen klaren Unterschied.


Standard

  1. Storyboard: Entwirf ein achtteiliges Storyboard für einen eigenen 30-Sekunden-Loop, in dem Anfang und Ende so verbunden sind, dass keine eindeutige Schlussstelle erkennbar ist.
  2. Videoexperiment: Produziere mit Smartphone und Schnittprogramm eine kurze Szene, in der Du oder eine freiwillige Person mehrfach im selben Bild erscheint. Dokumentiere, welche filmischen Mittel die „Klonwirkung“ erzeugen.
  3. Audiocollage: Nimm selbst gesprochene Wörter auf und montiere daraus einen 30-Sekunden-Dialog zwischen zwei künstlichen Stimmen. Verwende ausschließlich eigenes oder frei lizenziertes Tonmaterial.
  4. Ethikdebatte: Führe in einer Gruppe eine strukturierte Debatte zur Frage durch, ob die genetische Kopierbarkeit eines Körpers die Einzigartigkeit einer Person berührt. Beziehe biologische und philosophische Argumente ein.


Schwer

  1. Filmanalyse: Verfasse eine vergleichende Analyse von NO SUNSHINE und einem selbst gewählten Science-Fiction-Werk zum Thema Klonen. Untersuche besonders Original, Kopie, Körper und Erinnerung.
  2. Postproduktion: Entwickle ein eigenes künstlerisches Video, in dem visuelle und akustische Wiederholung unterschiedliche Bedeutungen erzeugen. Begründe Schnitt, Rhythmus, Farbgebung und Tonkonzept schriftlich.
  3. Bioethik: Simuliere eine Anhörung mit Rollen aus Wissenschaft, Ethik, Recht, Medizin und Zivilgesellschaft zum reproduktiven Klonen von Menschen. Arbeite mit überprüfbaren Quellen und trenne Fakten, Werte und Interessen.
  4. Medienarchäologie: Recherchiere, wie sich Vorstellungen künstlicher Doppelgänger von Video- und Fernsehkultur der 1990er-Jahre bis zu Deepfakes, KI-Stimmen und digitalen Avataren verändert haben. Präsentiere die Ergebnisse als Ausstellung, Podcast oder Videoessay.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Transfer Identität: Begründe anhand eines selbst erfundenen Beispiels, warum genetische Gleichheit nicht automatisch psychologische oder soziale Identität bedeutet.
  2. Transfer Raum: Entwickle zwei gegensätzliche Deutungen der Raumkapsel, etwa als Schutzraum und als Kontrollraum, und belege beide mit Gestaltungselementen des Films.
  3. Transfer Loop: Erkläre, wie sich die Aussage von NO SUNSHINE verändern würde, wenn das Werk nach der Zerstörung der Figuren endgültig schwarz bliebe und nicht erneut begänne.
  4. Transfer Ton und Bild: Analysiere, wie sich die Wirkung einer Figur verändert, wenn dieselbe Bildspur mit drei unterschiedlichen Stimmen verbunden wird. Beziehe Deine Überlegung auf mediale Identität.
  5. Transfer Gentechnologie: Entwirf eine kurze Szene, die Genome Editing statt Klonen thematisiert. Zeige daran, welche Bildmotive aus NO SUNSHINE dann nicht mehr fachlich passen würden.
  6. Transfer Urteil: Beurteile die These „Technische Kopierbarkeit bedroht Individualität“. Verwende mindestens ein Argument aus Filmanalyse, ein biologisches Argument und ein ethisches Gegenargument.




Lernnachweis

Für einen überzeugenden Lernnachweis zu NO SUNSHINE sind folgende Leistungen wichtig:

  1. Werkkenntnis: Du kannst Werkdaten und Grundsituation korrekt benennen, ohne Fiktion und Biologie zu vermischen.
  2. Formanalyse: Du belegst Aussagen mit konkreten Beobachtungen zu Raum, Farbe, Figur, Kostüm, Blick, Montage, Ton und Loop.
  3. Selbstinszenierung: Du erklärst, wie Vervielfältigung und Rollenverkörperung die Frage nach Original und Kopie erzeugen.
  4. Science-Fiction: Du zeigst, wie die Kapsel und die künstlichen Körper als Gedankenmodell funktionieren.
  5. Genetik: Du unterscheidest reproduktives Klonen, Genome Editing und mediale Kopie fachlich sauber.
  6. Identität: Du argumentierst, warum genetische Ähnlichkeit nicht mit derselben Person gleichzusetzen ist.
  7. Bioethik: Du kannst Interessen, Rechte, Risiken und Werturteile auseinanderhalten und begründet abwägen.
  8. Medienkompetenz: Du überträgst die Analyse auf heutige Phänomene wie Deepfakes, KI-Stimmen, Avatare oder digitale Doppelgänger.
  9. Eigenständigkeit: Du formulierst eine nachvollziehbare Deutung und kennzeichnest Alternativen oder Unsicherheiten.




OERs zum Thema

Als weiterführende offene Ressourcen eignen sich die Wikipedia-Artikel zu Bjørn Melhus und zum Klonen:



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