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Lawrence Kohlberg - Pädagoge

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Lawrence Kohlberg - Pädagoge



Lawrence Kohlberg - Pädagoge

Studienfach Pädagogik
Teilgebiete Moralpädagogik, Entwicklungspsychologie, Erziehungswissenschaft, Ethik, Demokratiepädagogik
Niveau Studium, pädagogische Ausbildung und gymnasiale Oberstufe
Zentrale Frage Wie entwickelt sich moralisches Urteilen, und wie kann Bildung diese Entwicklung fördern?


Einleitung

Lawrence Kohlberg (1927–1987) war ein US-amerikanischer Entwicklungspsychologe, Erziehungswissenschaftler und Hochschullehrer. In der Pädagogik ist er vor allem für seine kognitive Entwicklungstheorie des moralischen Urteilens bekannt. Kohlberg untersuchte nicht primär, welche Entscheidung ein Mensch in einem moralischen Konflikt trifft, sondern wie diese Entscheidung begründet wird. Für ihn zeigte sich moralische Entwicklung in zunehmend komplexen Formen der Perspektivenübernahme, der Gerechtigkeit und der Begründung von Normen.

Sein Modell ordnet moralisches Urteilen drei Ebenen mit insgesamt sechs Stufen zu: der präkonventionellen, der konventionellen und der postkonventionellen Ebene. Das Modell entstand aus Interviews zu moralischen Dilemmata, unter anderem dem bekannten Heinz-Dilemma. Aus seiner Forschung entwickelte Kohlberg pädagogische Ansätze wie die Dilemmadiskussion und die Just Community. Eine Schule sollte nach diesem Verständnis nicht nur über Demokratie sprechen, sondern demokratische Verantwortung im Alltag erfahrbar machen.

Der aiMOOC behandelt Kohlbergs Biografie, seine theoretischen Grundlagen, sein Forschungsdesign, das Stufenmodell, pädagogische Anwendungen sowie zentrale Einwände. Du lernst das Modell dabei nicht als starre Schablone kennen, sondern als einflussreiche, kritisch zu prüfende Theorie der Moralentwicklung.


Lernziele

Nach der Bearbeitung dieses aiMOOCs kannst Du

  1. Lawrence Kohlberg biografisch und wissenschaftsgeschichtlich einordnen.
  2. den Unterschied zwischen moralischem Urteil, moralischer Entscheidung und moralischem Handeln erklären.
  3. die drei Ebenen und sechs Stufen des Modells fachsprachlich beschreiben.
  4. Begründungen in moralischen Konflikten vorsichtig einzelnen Stufen zuordnen.
  5. die Methode des moralischen Dilemmas erläutern und didaktisch einsetzen.
  6. das Konzept der Just Community auf Schule und Hochschule übertragen.
  7. Kritik an Universalitätsanspruch, Stichprobe, Stufenlogik und Gerechtigkeitsorientierung beurteilen.
  8. Kohlbergs Ansatz mit Carol Gilligan, Jean Piaget und neueren Perspektiven der Moralforschung vergleichen.


Biografie und wissenschaftlicher Weg


Kindheit, Jugend und frühe moralische Erfahrungen

Lawrence Kohlberg wurde am 25. Oktober 1927 in Bronxville im US-Bundesstaat New York geboren. Nach dem Schulabschluss diente er gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in der amerikanischen Handelsmarine. In der unmittelbaren Nachkriegszeit beteiligte er sich an einer Schiffsmission, mit der jüdische Geflüchtete trotz britischer Einwanderungsbeschränkungen nach Palästina gebracht wurden. Diese Erfahrungen werden in biografischen Darstellungen häufig als ein Hintergrund seines späteren Interesses an Konflikten zwischen Gesetz, Gewissen, Menschenrechten und persönlicher Verantwortung verstanden. Ein direkter Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Biografie und Theorie lässt sich daraus jedoch nicht beweisen.


Studium und akademische Laufbahn

Kohlberg studierte an der University of Chicago. Dort setzte er sich intensiv mit Jean Piagets Untersuchungen zur kognitiven und moralischen Entwicklung auseinander. Seine 1958 abgeschlossene Dissertation trug den Titel The Development of Modes of Moral Thinking and Choice in the Years 10 to 16. Mit ihr legte er die Grundlage für seine spätere Stufentheorie.

Nach Tätigkeiten an der Yale University und am Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences lehrte Kohlberg an der University of Chicago. 1968 wurde er Professor für Erziehungswissenschaft und Sozialpsychologie an der Harvard Graduate School of Education. Dort verband er Grundlagenforschung mit Fragen der moralischen Erziehung und der demokratischen Schulkultur.


Späte Jahre und Vermächtnis

Während eines Forschungsaufenthalts in Belize erkrankte Kohlberg 1971 schwer. Er litt langfristig unter gesundheitlichen Folgen und Depressionen. Kohlberg starb im Januar 1987 im Alter von 59 Jahren; sein Tod wird als Suizid eingeordnet. Dieser biografische Aspekt sollte in Lehrveranstaltungen sachlich und sensibel behandelt werden.

Kohlbergs Wirkung reicht weit über seine eigene Theorie hinaus. Er half, die Moralpsychologie als Forschungsfeld zu etablieren, beeinflusste die Demokratiepädagogik und prägte die Diskussion darüber, ob und wie öffentliche Bildung moralische Entwicklung fördern kann, ohne Lernende zu indoktrinieren.


Theoretische Grundlagen


Jean Piaget als Ausgangspunkt

Jean Piaget unterschied in seinen Arbeiten zur kindlichen Moral zwischen stärker fremdbestimmten und zunehmend autonomen Formen des Regelverständnisses. Kinder lernen demnach nicht nur Regeln auswendig. Sie verändern mit wachsender kognitiver und sozialer Kompetenz auch ihre Vorstellung davon, warum Regeln gelten, ob sie veränderbar sind und wie Absichten zu beurteilen sind.

Kohlberg griff diese entwicklungspsychologische Perspektive auf und differenzierte sie aus. Er fragte, ob sich moralische Begründungen in qualitativ unterscheidbare Strukturen ordnen lassen. Dabei erweiterte er Piagets Ansatz über die Kindheit hinaus bis in Jugend und Erwachsenenalter.


Kognitiv-entwicklungstheoretischer Ansatz

Der Ausdruck kognitiv bedeutet hier, dass Kohlberg die Denk- und Begründungsstrukturen moralischer Urteile untersucht. Der Ausdruck Entwicklung verweist auf angenommene qualitative Veränderungen dieser Strukturen. Moralische Entwicklung ist nach Kohlberg deshalb nicht bloß die Ansammlung immer neuer Regeln. Sie betrifft die Art, wie eine Person Interessen koordiniert, soziale Perspektiven einbezieht und Geltungsansprüche begründet.

Kohlberg nimmt an, dass Menschen moralische Bedeutungen aktiv konstruieren. Sein Ansatz unterscheidet sich damit von einer rein behavioristischen Erklärung, nach der moralisches Verhalten vor allem durch Belohnung und Bestrafung gelernt wird. Er unterscheidet sich auch von einer bloßen Übernahme gesellschaftlicher Normen: Auf höheren Stufen können bestehende Regeln selbst zum Gegenstand kritischer Prüfung werden.


Moralisches Urteil ist nicht dasselbe wie moralisches Handeln

Eine zentrale begriffliche Unterscheidung lautet:

Begriff Bedeutung Beispiel
Moralisches Urteil Begründete Einschätzung, was in einer Situation richtig, falsch, gerecht oder verpflichtend ist. Eine Person erklärt, warum der Schutz eines Lebens Vorrang vor Eigentumsrechten haben könnte.
Moralische Entscheidung Auswahl einer Handlungsoption in einer konkreten Konfliktsituation. Heinz entscheidet sich für oder gegen den Diebstahl des Medikaments.
Moralisches Handeln Tatsächlich ausgeführtes Verhalten. Eine Person hilft, widerspricht, übernimmt Verantwortung oder bleibt untätig.
Moralische Motivation Bereitschaft, ein moralisches Urteil trotz eigener Kosten umzusetzen. Eine Person meldet einen Missstand, obwohl ihr Nachteile drohen.
Moralische Emotion Gefühle wie Empathie, Schuld, Scham, Mitgefühl oder Empörung. Jemand empfindet Mitgefühl mit einer benachteiligten Person.

Ein hohes Niveau moralischer Begründung garantiert deshalb nicht automatisch moralisches Handeln. Wissen, Urteil, Gefühl, Motivation, Gewohnheit, Situation und Machtverhältnisse können auseinanderfallen. Diese Differenz gehört zu den wichtigsten Grenzen einer ausschließlich urteilsorientierten Theorie.


Formale Merkmale einer Stufe

Kohlberg verstand seine Stufen nicht als Themenlisten, sondern als Strukturen des Urteilens. Für ein strenges Stufenmodell sind mehrere Annahmen wichtig:

  1. Qualitativer Wandel: Eine neue Stufe verwendet eine anders organisierte Begründungsstruktur und nicht nur mehr Wissen.
  2. Invariante Reihenfolge: Die Stufen sollen in derselben Abfolge auftreten; ein Überspringen ist im Modell nicht vorgesehen.
  3. Hierarchische Integration: Spätere Stufen können frühere Sichtweisen verstehen und in umfassendere Begründungen einordnen.
  4. Strukturiertes Ganzes: Eine Stufe soll ein relativ zusammenhängendes Muster moralischer Urteile bilden.
  5. Aktive Konstruktion: Entwicklung entsteht durch Auseinandersetzung mit Widersprüchen, Perspektiven und sozialen Erfahrungen.

Diese Annahmen sind theoretisch anspruchsvoll und empirisch nicht in jeder Hinsicht unumstritten. Menschen können in verschiedenen Situationen unterschiedliche Begründungsmuster verwenden. Deshalb ist eine Stufenzuordnung als diagnostische Hypothese und nicht als Etikett für den gesamten Charakter einer Person zu behandeln.


Forschungsmethode


Ausgangsstudie und Längsschnitt

Kohlbergs frühe Kernstichprobe umfasste 72 Jungen aus dem Raum Chicago im Alter von 10, 13 und 16 Jahren. Die Teilnehmer stammten aus unterschiedlichen sozialen Lagen. Ein Teil der Gruppe wurde über viele Jahre wiederholt interviewt; in der später ausgewerteten Längsschnittuntersuchung wurden 58 Teilnehmer über einen Zeitraum von etwa zwanzig Jahren berücksichtigt. Spätere Studien bezogen weitere Altersgruppen, Mädchen und Frauen sowie Personen aus unterschiedlichen Ländern und kulturellen Kontexten ein.

Die Ausgangsstichprobe war dennoch deutlich begrenzt. Sie bestand ausschließlich aus Jungen aus einer bestimmten Region der USA. Diese Einschränkung ist für die Bewertung des Universalitätsanspruchs zentral.


Moral Judgment Interview

Beim Moral Judgment Interview werden mehrere hypothetische moralische Konflikte präsentiert. Die interviewte Person soll nicht nur eine Entscheidung nennen, sondern ihre Gründe erläutern. Durch Nachfragen wird geprüft, wie sie Rechte, Pflichten, Autorität, Beziehungen, Folgen und allgemeine Prinzipien gewichtet.

Für die Auswertung ist entscheidend:

  1. Nicht das bloße Ja oder Nein bestimmt die Stufe.
  2. Eine ähnliche Entscheidung kann mit sehr unterschiedlichen Begründungen vertreten werden.
  3. Eine Person kann in einem Interview Elemente verschiedener Stufen zeigen.
  4. Die Zuordnung erfordert ein regelgeleitetes Auswertungssystem und geschulte Interpretation.
  5. Das Verfahren misst vor allem sprachlich artikuliertes moralisches Urteilen.


Das Heinz-Dilemma

Im Heinz-Dilemma ist eine Frau lebensgefährlich erkrankt. Ein Apotheker verfügt über ein möglicherweise rettendes Medikament, verlangt dafür jedoch einen Preis, den ihr Ehemann Heinz nicht aufbringen kann. Der Apotheker lehnt Ratenzahlung und Preisnachlass ab. Heinz erwägt, in die Apotheke einzubrechen und das Medikament zu stehlen.

Die pädagogisch wichtige Frage lautet nicht nur: Soll Heinz das Medikament stehlen? Entscheidend sind Nachfragen wie:

  1. Warum wäre der Diebstahl richtig oder falsch?
  2. Gilt Deine Begründung auch, wenn Heinz seine Frau nicht liebt?
  3. Würde sich etwas ändern, wenn die erkrankte Person eine Fremde wäre?
  4. Welche Pflichten haben der Apotheker, Heinz, der Staat und die Gemeinschaft?
  5. Ist ein Gesetz auch dann verbindlich, wenn seine Anwendung lebensgefährliche Folgen hat?
  6. Welche Lösung könnte Rechte, Fürsorge und Gerechtigkeit möglichst gut verbinden?


Unterschiedliche Begründungen bei derselben Entscheidung

Denkstruktur Mögliche Begründung für den Diebstahl Mögliche Begründung gegen den Diebstahl
Orientierung an Konsequenzen für die eigene Person Heinz braucht seine Frau und möchte nicht allein bleiben. Heinz könnte verhaftet und bestraft werden.
Orientierung an Erwartungen nahestehender Personen Ein guter Ehemann lässt seine Frau nicht im Stich. Seine Familie könnte ihn als Dieb ablehnen.
Orientierung an sozialer Ordnung Der Schutz des Lebens ist eine grundlegende gesellschaftliche Pflicht. Eigentumsgesetze dürfen nicht eigenmächtig gebrochen werden.
Orientierung am Sozialvertrag Ein Rechtssystem muss Grundrechte schützen und Ausnahmen begründbar machen. Eigenmächtiger Diebstahl gefährdet faire Verfahren, wenn keine allgemeine Regel begründet wird.
Orientierung an universalisierbaren Prinzipien Menschenwürde und Lebensschutz haben in diesem Konflikt größeres moralisches Gewicht. Eine Handlung wäre abzulehnen, wenn sie die gleiche Achtung aller Personen grundsätzlich verletzte.

Die Tabelle zeigt: Dieselbe Handlung kann aus unterschiedlich komplexen Gründen befürwortet oder abgelehnt werden. Eine schnelle Stufenzuordnung allein anhand des Ergebnisses wäre methodisch falsch.


Das Stufenmodell der Moralentwicklung


Gesamtüberblick

Ebene Stufe Leitende Orientierung Typische soziale Perspektive
Präkonventionelle Ebene Stufe 1 Strafe und Gehorsam Sicht der eigenen unmittelbaren Folgen
Präkonventionelle Ebene Stufe 2 Instrumenteller Zweck und Austausch Koordination einzelner Interessen
Konventionelle Ebene Stufe 3 Zwischenmenschliche Erwartungen und Anerkennung Perspektive naher Beziehungen und Gruppen
Konventionelle Ebene Stufe 4 Soziales System, Gesetz und Gewissen Perspektive der Gesellschaft als Ordnung
Postkonventionelle Ebene Stufe 5 Rechte, Sozialvertrag und demokratische Verfahren Der Gesellschaft vorgeordnete Rechte und faire Kooperation
Postkonventionelle Ebene Stufe 6 Universalisierbare ethische Prinzipien Moralischer Standpunkt gleicher Achtung aller Personen


Präkonventionelle Ebene

Auf der präkonventionellen Ebene werden Regeln zunächst als äußere Vorgaben erlebt. Moralische Begründungen orientieren sich stark an unmittelbaren Folgen, Machtverhältnissen und konkreten Interessen. Der Begriff präkonventionell bedeutet nicht automatisch unmoralisch. Er bezeichnet eine Form des Urteilens, in der gesellschaftliche Normen noch nicht als gemeinsam getragene Ordnung reflektiert werden.


Stufe 1: Orientierung an Strafe und Gehorsam

Eine Handlung erscheint richtig, wenn sie Strafe vermeidet oder einer mächtigen Autorität gehorcht. Regeln gelten, weil Autoritäten sie durchsetzen können. Die Absicht einer Handlung wird gegenüber dem sichtbaren Ergebnis oft weniger differenziert berücksichtigt.

Beispiel: Heinz soll nicht stehlen, weil er sonst ins Gefängnis kommt. Umgekehrt könnte jemand den Diebstahl befürworten, weil Heinz von seiner Frau bestraft oder verlassen werden könnte, wenn er nichts tut. Ausschlaggebend wäre in beiden Fällen die erwartete Sanktion.

Pädagogische Herausforderung: Eine Erziehung, die ausschließlich mit Strafen arbeitet, kann regelkonformes Verhalten erzeugen, ohne Einsicht in Gründe, Rechte oder Verantwortung zu fördern.


Stufe 2: Instrumentell-relativistische Orientierung

Menschen erkennen, dass verschiedene Personen unterschiedliche Interessen haben. Fairness wird häufig als Austausch verstanden: Ich helfe Dir, wenn Du mir hilfst. Regeln werden befolgt, wenn sie den eigenen Bedürfnissen dienen oder einen wechselseitigen Vorteil ermöglichen.

Beispiel: Heinz soll das Medikament stehlen, weil er seine Frau braucht und später von ihr Unterstützung erwarten kann. Gegen den Diebstahl könnte argumentiert werden, dass die persönlichen Kosten für Heinz zu hoch sind.

Pädagogische Chance: Verhandlungen über wechselseitige Interessen können ein Ausgangspunkt sein, um über Reziprozität, gemeinsame Regeln und die Perspektive anderer nachzudenken.


Konventionelle Ebene

Auf der konventionellen Ebene orientiert sich moralisches Urteilen an Erwartungen wichtiger Bezugspersonen, an Rollen, Regeln und der Aufrechterhaltung sozialer Ordnung. Das Individuum versteht sich als Mitglied einer Gruppe oder Gesellschaft. Konventionell bedeutet dabei nicht oberflächlich, sondern auf gemeinsam anerkannte Normen bezogen.


Stufe 3: Orientierung an Beziehungen und Anerkennung

Richtig ist, was als gut gemeint, loyal, hilfreich oder fürsorglich gilt und Anerkennung durch wichtige andere Personen findet. Absichten und Beziehungen werden bedeutsam. Das Selbstbild als gute Person spielt eine zentrale Rolle.

Beispiel: Heinz soll das Medikament nehmen, weil ein liebender Ehemann seine Frau schützt. Eine ablehnende Begründung könnte lauten, dass ein guter Mensch nicht stiehlt und andere nicht enttäuscht.

Pädagogische Bedeutung: Empathie, Vertrauensbeziehungen und kooperative Gruppen können die Perspektivenübernahme fördern. Gleichzeitig kann ein starkes Bedürfnis nach Zustimmung zu Konformitätsdruck führen.


Stufe 4: Orientierung an Gesetz und sozialer Ordnung

Moralische Urteile beziehen sich auf das Funktionieren eines sozialen Systems. Gesetze, Pflichten und institutionelle Rollen gelten als notwendig, damit Zusammenleben verlässlich möglich ist. Die Perspektive reicht über persönliche Beziehungen hinaus.

Beispiel: Heinz darf nicht stehlen, weil Gesetze und Eigentumsrechte für alle gelten. Eine differenziertere Begründung für sein Handeln könnte darauf verweisen, dass die Rechtsordnung selbst den Schutz menschlichen Lebens als zentrale Pflicht anerkennt.

Pädagogische Bedeutung: Lernende können untersuchen, warum Institutionen Regeln benötigen, wie Rechtsstaatlichkeit funktioniert und wann gesetzliche Regelungen demokratisch verändert werden müssen.


Postkonventionelle Ebene

Auf der postkonventionellen Ebene werden bestehende Regeln nicht einfach verworfen. Sie werden anhand begründbarer Rechte, Verfahren und Prinzipien geprüft. Moralische Geltung und geltendes Recht können auseinanderfallen. Kohlberg nahm an, dass diese Ebene seltener erreicht wird und in der Regel anspruchsvolle Bildungs- und Lebenserfahrungen voraussetzt. Altersangaben sind dabei keine starren Naturgesetze.


Stufe 5: Orientierung an Sozialvertrag und individuellen Rechten

Gesetze werden als veränderbare Vereinbarungen einer freien und gleichen Bürgerschaft verstanden. Sie verdienen Zustimmung, wenn sie Grundrechte schützen, dem Gemeinwohl dienen und durch faire Verfahren legitimiert sind. Bestimmte Rechte dürfen nicht einfach einer Mehrheitsentscheidung geopfert werden.

Beispiel: Der Schutz menschlichen Lebens kann schwerer wiegen als Eigentumsinteressen. Zugleich muss eine gerechte Gesellschaft Verfahren schaffen, damit lebenswichtige Versorgung nicht von Zahlungsfähigkeit abhängt.

Pädagogische Bedeutung: Diskussionen über Grundrechte, Menschenwürde, Sozialstaat, Minderheitenschutz und demokratische Gesetzgebung sprechen diese Denkstruktur an.


Stufe 6: Orientierung an universellen ethischen Prinzipien

Moralische Urteile orientieren sich an selbst anerkannten, universalisierbaren Prinzipien wie gleicher Achtung, Gerechtigkeit und Menschenwürde. Solche Prinzipien sollen für alle Personen gelten und widerspruchsfrei begründbar sein. Gewissen bedeutet hier nicht bloß subjektives Gefühl, sondern Bindung an reflektierte moralische Gründe.

Beispiel: Heinz müsste so handeln, dass die gleiche Würde aller Betroffenen respektiert wird. Eigentum, Leben, Freiheit und Verantwortung wären aus einer unparteiischen Perspektive gegeneinander abzuwägen.

Kritische Einordnung: Die sechste Stufe hat im Werk Kohlbergs einen stark normativen und idealtypischen Charakter. Ihre empirische Erfassung erwies sich als schwierig. Sie sollte nicht als sichere Diagnose moralischer Vollkommenheit verstanden werden.


Übergänge, Mischformen und Entwicklung

Kohlberg beschreibt Entwicklung als Reorganisation des Urteilens. Ein Übergang kann angeregt werden, wenn eine Person Widersprüche in der eigenen Begründung erkennt und mit tragfähigeren Perspektiven konfrontiert wird. Dafür sind kognitive Fähigkeiten notwendig, aber nicht hinreichend. Auch Rollenübernahme, Dialog, soziale Teilhabe und Erfahrungen mit fairen Institutionen sind bedeutsam.

In realen Interviews treten häufig Mischformen auf. Eine Person kann etwa in familiären Fragen beziehungsorientiert, in politischen Fragen ordnungsorientiert und in Menschenrechtsfragen prinzipienorientiert argumentieren. Das Modell beschreibt daher eher typische Begründungslogiken als vollständig abgeschlossene Persönlichkeitstypen.


Pädagogische Bedeutung


Ziel moralischer Bildung

Kohlbergs Ansatz richtet moralische Bildung nicht auf die bloße Einprägung fertiger Antworten. Lernende sollen Gründe prüfen, Perspektiven koordinieren, Widersprüche erkennen und Regeln mitgestalten können. Moralische Bildung zielt damit auf Urteilskompetenz, Mündigkeit, Verantwortung und demokratische Teilhabe.

Dabei entsteht ein Spannungsfeld: Lehrende dürfen Diskussionen nicht manipulativ auf eine vorgegebene Meinung lenken. Zugleich ist Bildung niemals völlig wertneutral, weil Schule an Menschenwürde, Gleichberechtigung, Gewaltfreiheit und demokratische Grundrechte gebunden ist. Professionelle moralische Bildung macht diese normativen Grundlagen transparent und hält konkrete Lösungen argumentativ offen.


Dilemmadiskussion als Unterrichtsmethode

Eine Dilemmadiskussion konfrontiert Lernende mit einem Konflikt, in dem mehrere moralisch relevante Ansprüche aufeinandertreffen. Gute Dilemmata vermeiden triviale Lösungen. Sie ermöglichen unterschiedliche Positionen, verlangen aber nachvollziehbare Begründungen.

Ein möglicher Ablauf lautet:

  1. Dilemma wahrnehmen: Lies oder höre den Fall und kläre unbekannte Informationen.
  2. Einzelurteil bilden: Entscheide vorläufig und notiere Deine wichtigsten Gründe.
  3. Positionen sichtbar machen: Die Lerngruppe sammelt unterschiedliche Entscheidungen und Begründungen.
  4. Perspektiven wechseln: Untersuche die Sicht aller Beteiligten, auch der wenig mächtigen oder indirekt Betroffenen.
  5. Argumente prüfen: Frage nach Widersprüchen, Verallgemeinerbarkeit, Folgen, Rechten und Alternativen.
  6. Urteil revidieren: Formuliere eine begründete Entscheidung neu; eine Änderung ist erlaubt, aber nicht erzwungen.
  7. Metareflexion: Untersuche, welche Argumenttypen vorkamen und wie das Gespräch geführt wurde.


Rolle der Lehrperson

Die Lehrperson moderiert, statt die moralisch gewünschte Antwort zu verkünden. Sie achtet auf eine sichere Gesprächsatmosphäre, fordert Begründungen ein und sorgt dafür, dass Minderheitenpositionen nicht unterdrückt werden. Sie unterscheidet zwischen Kritik an einem Argument und Abwertung einer Person.

Didaktisch bedeutsam ist die Idee der Plus-eins-Konvention: Lernende können durch Argumente angeregt werden, die etwas komplexer als ihre gegenwärtige Begründung sind. Diese Idee ist keine mechanische Formel. Ohne Verständlichkeit, Beziehung, Beteiligung und reale Erfahrung bleibt ein formal höheres Argument pädagogisch wirkungslos.


Just Community

Die Just Community ist Kohlbergs schulpraktischer Versuch, moralische Entwicklung durch eine demokratisch gestaltete Gemeinschaft zu fördern. Regeln, Konflikte und Verantwortlichkeiten werden nicht nur im Unterricht besprochen, sondern in gemeinsamen Versammlungen bearbeitet. Lernende und Lehrende erhalten begründete Mitwirkungsrechte und tragen Verantwortung für die gemeinsam entwickelte Ordnung.

Zentrale Merkmale sind:

  1. Partizipation: Betroffene wirken an Entscheidungen mit.
  2. Diskurs: Regeln müssen öffentlich begründet werden.
  3. Fairness: Verfahren berücksichtigen gleiche Achtung und Minderheitenschutz.
  4. Verantwortungsübernahme: Entscheidungen haben reale Folgen für die Gemeinschaft.
  5. Gemeinschaftsgefühl: Zugehörigkeit entsteht nicht durch blinden Gehorsam, sondern durch gemeinsame Praxis.
  6. Reflexion: Die Gemeinschaft prüft regelmäßig, ob Regeln gerecht und wirksam sind.


Grenzen demokratischer Mitbestimmung

Eine Just Community ist keine grenzenlose Mehrheitsdemokratie. Grund- und Schutzrechte dürfen nicht zur Abstimmung gestellt werden. Lehrkräfte und Institutionen behalten Verantwortung für Sicherheit, Aufsicht, Inklusion und rechtliche Vorgaben. Demokratische Beteiligung muss deshalb mit Rechtsstaat, Minderheitenschutz, Fachverantwortung und Fürsorge verbunden werden.

Ein pädagogisch tragfähiges Verfahren unterscheidet zwischen

  1. Entscheidungen, die Lernende weitgehend selbst treffen können,
  2. Entscheidungen, die gemeinsam ausgehandelt werden,
  3. Entscheidungen, die wegen gesetzlicher oder institutioneller Verantwortung bei Fachpersonen liegen,
  4. unverfügbaren Rechten, die auch eine Mehrheit nicht verletzen darf.


Beispiel für ein Hochschulseminar

In einem Seminar der Pädagogik könnte eine Lerngruppe über den Einsatz automatisierter Systeme bei Prüfungen beraten. Ein System verspricht effizientere Kontrolle, kann aber Fehlentscheidungen treffen und bestimmte Gruppen benachteiligen. Die Studierenden übernehmen Rollen aus Hochschulleitung, Studierendenvertretung, Datenschutz, Prüfungsamt und Antidiskriminierungsstelle.

Die Auswertung fragt nicht nur nach Zustimmung oder Ablehnung. Sie untersucht, ob Argumente vor allem Sanktionen, Eigeninteressen, Anerkennung, institutionelle Ordnung, faire Verfahren oder universalisierbare Rechte betonen. Anschließend wird geprüft, welche Aspekte Kohlbergs Modell erfasst und welche Aspekte wie Macht, Emotion, Technikfolgen und strukturelle Diskriminierung zusätzliche Theorien verlangen.


Kritik und Weiterentwicklungen


Begrenzte Ausgangsstichprobe

Kohlbergs frühe Forschung stützte sich auf Jungen aus dem Raum Chicago. Daraus eine universale Entwicklung aller Menschen abzuleiten, ist problematisch. Spätere kulturvergleichende Forschung erweiterte zwar die Datenbasis, beseitigte aber nicht alle Fragen nach sozialer Lage, Bildung, Sprache, Geschlecht und kultureller Deutung.

Die Kritik betrifft nicht nur die Anzahl der untersuchten Personen. Auch die verwendeten Dilemmata und Interviews können bestimmte sprachliche, schulische und argumentative Fähigkeiten bevorzugen.


Carol Gilligan und die Ethik der Fürsorge

Carol Gilligan, die zeitweise mit Kohlberg arbeitete, kritisierte die Vorrangstellung einer abstrakten Gerechtigkeitsmoral. Sie machte darauf aufmerksam, dass moralische Konflikte auch über Beziehungen, Abhängigkeit, Verantwortung und Fürsorge verstanden werden können. Eine kontextbezogene Sorge um konkrete Personen darf nicht vorschnell als niedrigere Form moralischen Denkens bewertet werden.

Gilligans Kritik wird häufig als Gegensatz zwischen einer Stimme der Gerechtigkeit und einer Stimme der Fürsorge dargestellt. Eine zeitgemäße Interpretation sollte daraus keine starre Zuordnung von Männern und Frauen ableiten. Menschen aller Geschlechter können gerechtigkeits- und fürsorgeorientiert argumentieren. Pädagogisch produktiv ist die Frage, wie beide Perspektiven verbunden werden können.


Kultur und Universalitätsanspruch

Kohlberg beanspruchte eine kulturübergreifende Reihenfolge der Stufen. Kritikerinnen und Kritiker wenden ein, dass die höchsten Stufen westlich-liberale Vorstellungen von Individualrechten, autonomem Subjekt und formalem Recht bevorzugen könnten. In anderen kulturellen Kontexten können Gemeinschaftspflichten, religiöse Traditionen, Harmonie, Fürsorge oder Verbundenheit anders gewichtet werden.

Daraus folgt nicht, dass jede kulturelle Norm automatisch moralisch gleichwertig ist. Menschenrechte, Schutz vor Gewalt und gleiche Würde bleiben begründungsbedürftige Maßstäbe. Die Herausforderung besteht darin, Universalität nicht einfach vorauszusetzen, sondern im interkulturellen Dialog zu prüfen.


Urteil und Handeln

Das Modell erklärt die Struktur moralischer Begründungen, aber moralisches Handeln hängt zusätzlich von Motivation, Emotion, Selbstkontrolle, Gewohnheiten, sozialem Druck, Ressourcen und institutionellen Bedingungen ab. Menschen können anspruchsvoll argumentieren und dennoch eigennützig handeln. Umgekehrt können sie mutig und fürsorglich handeln, ohne abstrakte Prinzipien ausführlich formulieren zu können.

Diese Lücke zeigt, warum moralische Bildung nicht bei Diskussionen stehen bleiben darf. Sie benötigt Gelegenheiten zu Kooperation, Verantwortungsübernahme, Zivilcourage und institutioneller Mitgestaltung.


Emotion, Intuition und Beziehung

Kohlbergs Theorie besitzt einen deutlichen kognitiven Schwerpunkt. Neuere Ansätze betonen stärker Empathie, moralische Emotionen, intuitive Urteile, Identität, Bindung und soziale Praxis. Diese Perspektiven widerlegen das Nachdenken über Gründe nicht. Sie zeigen vielmehr, dass moralische Entwicklung ein Zusammenspiel von Denken, Fühlen, Wollen und Handeln ist.


Stufenlogik und Messprobleme

Menschen argumentieren nicht in allen Lebensbereichen auf genau derselben Stufe. Interviews hängen von Sprache, Bildung und Vertrautheit mit abstrakten Diskussionen ab. Auch die Bewertung, welche Begründung als höher gilt, enthält normative Vorentscheidungen. Besonders die sechste Stufe war empirisch schwer zuverlässig zu erfassen.

Aus diesen Gründen wird Kohlbergs Modell heute häufig als heuristisches Analyseinstrument verwendet. Es hilft, Unterschiede zwischen Begründungsformen sichtbar zu machen, sollte aber nicht zur pauschalen Bewertung des moralischen Werts einer Person dienen.


Neo-kohlbergianische Ansätze

James Rest und weitere Forschende entwickelten Kohlbergs Tradition weiter. Der Defining Issues Test erfasst, welche moralischen Überlegungen Personen bei Dilemmata gewichten. Neo-kohlbergianische Ansätze arbeiten eher mit moralischen Schemata als mit streng abgegrenzten Stufen. Dadurch lassen sich Mischformen und graduelle Veränderungen besser berücksichtigen.

Weitere Ergänzungen stammen unter anderem aus der Care-Ethik, der sozial-kognitiven Lerntheorie, der Moral Foundations Theory, der sozialen Domänentheorie und der Forschung zu moralischen Emotionen. Keine einzelne Theorie erklärt das gesamte Feld.


Würdigung für die Pädagogik

Kohlbergs bleibende Leistung besteht darin, moralische Bildung als Entwicklung von Begründungs- und Urteilskompetenz ernst zu nehmen. Lernende sollen Regeln nicht nur befolgen, sondern ihre Geltung verstehen, Perspektiven anderer einbeziehen und an einer gerechten Ordnung mitwirken.

Für eine zeitgemäße Pädagogik sind fünf Folgerungen besonders wichtig:

  1. Moralisches Lernen braucht echte Konflikte, aber keine Überwältigung.
  2. Diskussion muss durch Erfahrung, Beziehung und Handeln ergänzt werden.
  3. Partizipation ist Lerninhalt und Lernform zugleich.
  4. Gerechtigkeit und Fürsorge dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
  5. Das Stufenmodell dient der Reflexion, nicht der Etikettierung oder Rangordnung von Personen.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Worauf richtet sich Kohlbergs Forschung besonders? (Auf die Begründungsstruktur moralischer Urteile) (!Auf angeborene Reflexe) (!Auf die Häufigkeit von Regelverstößen) (!Auf schulische Fachnoten)




Wie ist Kohlbergs Stufenmodell aufgebaut? (Drei Ebenen mit insgesamt sechs Stufen) (!Zwei Ebenen mit insgesamt vier Stufen) (!Vier Ebenen mit insgesamt acht Stufen) (!Sechs Ebenen mit insgesamt zwölf Stufen)




Was kennzeichnet die erste Stufe? (Orientierung an Strafe und Gehorsam) (!Orientierung am Sozialvertrag) (!Orientierung an universellen Prinzipien) (!Orientierung an demokratischer Gesetzgebung)




Welche Orientierung gehört zur vierten Stufe? (Gesetz und soziale Ordnung) (!Persönlicher Vorteil und Tausch) (!Strafvermeidung durch Gehorsam) (!Universelle Liebe ohne Regeln)




Was ist für die fünfte Stufe zentral? (Sozialvertrag und individuelle Rechte) (!Blinde Unterordnung unter Autoritäten) (!Anerkennung durch die engste Bezugsgruppe) (!Unmittelbare Belohnung)




Wie untersuchte Kohlberg moralisches Urteilen? (Mit Interviews zu moralischen Dilemmata) (!Mit Messungen der Reaktionsgeschwindigkeit) (!Mit medizinischen Bluttests) (!Mit ausschließlich schriftlichen Wissensprüfungen)




Was ist beim Heinz-Dilemma für die Stufenzuordnung entscheidend? (Die Begründung der Entscheidung) (!Nur die Zustimmung zum Diebstahl) (!Nur die Ablehnung des Diebstahls) (!Die Länge der Antwort)




Welcher Forscher beeinflusste Kohlbergs Entwicklungsansatz besonders? (Jean Piaget) (!Sigmund Freud) (!Burrhus Skinner) (!Iwan Pawlow)




Was bezeichnet die Just Community? (Eine demokratisch gestaltete Lern- und Schulgemeinschaft) (!Ein Strafsystem ohne Mitbestimmung) (!Eine Methode zur Intelligenzmessung) (!Ein privates Nachhilfeprogramm)




Welche Kritik trifft Kohlbergs Theorie besonders? (Die frühe Stichprobe und die starke Gerechtigkeitsorientierung waren begrenzt) (!Das Modell enthält überhaupt keine Entwicklungsannahme) (!Kohlberg untersuchte ausschließlich mathematische Fähigkeiten) (!Die Theorie lehnt jede Form von Begründung ab)





Memory

Präkonventionelle Ebene Folgen und konkrete Eigeninteressen
Konventionelle Ebene Erwartungen und soziale Ordnung
Postkonventionelle Ebene Rechte und begründbare Prinzipien
Gehorsamsorientierung Vermeidung von Strafe
Austauschdenken Wechselseitiger Vorteil
Beziehungsorientierung Anerkennung als gute Person
Systemperspektive Erhaltung gesellschaftlicher Regeln
Vertragsorientierung Veränderbare faire Vereinbarungen
Prinzipienorientierung Gleiche Achtung aller Menschen
Gerechte Gemeinschaft Demokratische Mitverantwortung





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Moralische Orientierung
Strafvermeidung Gehorsamsorientierung
Wechselseitiger Nutzen Austauschperspektive
Soziale Anerkennung Beziehungsperspektive
Gesellschaftliche Stabilität Ordnungsperspektive
Faire Vereinbarung Sozialvertragsperspektive
Universelle Achtung Prinzipienperspektive
Demokratische Mitwirkung Gerechte Gemeinschaft






Kreuzworträtsel

Piaget Welcher Entwicklungspsychologe beeinflusste Kohlberg besonders?
Dilemma Wie heißt ein Konflikt zwischen schwer vereinbaren moralischen Ansprüchen?
Gerechtigkeit Welches moralische Leitprinzip steht bei Kohlberg im Mittelpunkt?
Urteil Welchen moralischen Vorgang untersucht das Stufenmodell vorrangig?
Fürsorge Welchen Schwerpunkt betonte Carol Gilligan ergänzend?
Demokratie Welche politische Lebensform prägt die Just Community?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Lawrence Kohlberg entwickelte eine kognitive Theorie des moralischen

. Sein wichtigster entwicklungspsychologischer Ausgangspunkt war Jean

. Kohlberg untersuchte Begründungen mithilfe moralischer

. Beim bekannten Fall erwägt Heinz den Diebstahl eines lebensrettenden

. Für die Auswertung zählt vor allem die Struktur der

. Das Modell unterscheidet drei moralische

. Die erste Ebene heißt

. Auf der konventionellen Ebene gewinnen Beziehungen und soziale

an Bedeutung. Die fünfte Stufe orientiert sich am

. Die sechste Stufe bezieht sich auf universalisierbare ethische

. In der Just Community übernehmen Lernende demokratische

. Carol Gilligan ergänzte die Gerechtigkeitsperspektive durch eine Ethik der

. Ein hohes moralisches Urteil garantiert noch kein moralisches

. Pädagogisch soll das Modell zur Reflexion und nicht zur vorschnellen

von Personen dienen.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Begriffsnetz Moralentwicklung: Gestalte ein Begriffsnetz mit den Begriffen moralisches Urteil, Handlung, Motivation, Dilemma, Perspektivenübernahme und Gerechtigkeit. Erkläre jede Verbindung in einem Satz.
  2. Heinz-Dilemma Perspektivwechsel: Schreibe kurze Stellungnahmen aus der Sicht von Heinz, seiner Frau, des Apothekers und einer Richterin. Markiere die Interessen und Rechte jeder Person.
  3. Stufenbeispiele: Formuliere zu einem Schulkonflikt sechs unterschiedliche Begründungen, die jeweils eine typische Orientierung des Modells zeigen.
  4. Medienanalyse Kohlberg: Vergleiche zwei Erklärvideos dieses aiMOOCs. Prüfe, welche Aspekte korrekt, vereinfacht oder ausgelassen dargestellt werden.


Standard

  1. Dilemmadiskussion planen: Entwickle für eine Lerngruppe ein eigenes moralisches Dilemma mit Leitfragen, Gesprächsregeln und einer Phase zur Metareflexion.
  2. Just Community Schulcheck: Untersuche an einer Schule oder Hochschule, bei welchen Entscheidungen Lernende mitbestimmen dürfen. Ordne die Bereiche nach echter, teilweiser und fehlender Partizipation.
  3. Gilligan und Kohlberg: Analysiere einen Konflikt einmal aus einer Gerechtigkeits- und einmal aus einer Fürsorgeperspektive. Entwickle anschließend eine begründete Synthese.
  4. Interview zur Regelbegründung: Führe ein anonymisiertes Interview über eine Alltagsregel. Werte die Argumente aus, ohne die interviewte Person pauschal einer Stufe zuzuordnen.


Schwer

  1. Forschungsdesign Moralentwicklung: Entwirf eine Studie, mit der moralische Begründungen in verschiedenen kulturellen Kontexten untersucht werden könnten. Berücksichtige Stichprobe, Übersetzung, Auswertung, Einwilligung und mögliche Verzerrungen.
  2. Kritische Theorieprüfung: Verfasse eine wissenschaftliche Stellungnahme zur Frage, ob Kohlbergs Modell eine deskriptive Entwicklungstheorie oder zugleich eine normative Ethik ist.
  3. Demokratische Schulverfassung: Entwickle einen Entwurf für eine Just-Community-Verfassung mit Entscheidungsbereichen, Minderheitenschutz, Beschwerdewegen und Grenzen der Abstimmung.
  4. Digitale Moraldilemmata: Produziere einen Podcast oder ein Video über ein Dilemma aus Künstlicher Intelligenz, Datenschutz oder algorithmischer Benachteiligung. Prüfe, was Kohlbergs Modell erklärt und wo Ergänzungen nötig sind.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Transfer auf Whistleblowing: Eine pädagogische Fachkraft entdeckt eine institutionelle Regelverletzung. Analysiere mindestens vier mögliche Begründungen für Melden oder Schweigen und ordne ihnen unterschiedliche moralische Orientierungen zu.
  2. Urteil-Handlungs-Lücke: Erkläre anhand eines selbst gewählten Beispiels, warum eine Person moralisch anspruchsvoll urteilen und dennoch anders handeln kann. Entwickle drei pädagogische Konsequenzen.
  3. Kritik am Universalitätsanspruch: Beurteile, unter welchen Bedingungen eine kulturübergreifende Theorie moralischer Entwicklung möglich wäre, ohne kulturelle Unterschiede zu ignorieren.
  4. Dilemmadidaktik evaluieren: Vergleiche eine lehrergelenkte Wertevermittlung mit einer offenen Dilemmadiskussion. Prüfe Chancen, Risiken und notwendige Grenzen beider Verfahren.
  5. Just Community anwenden: Entwickle für einen realistischen Konflikt in einer Bildungseinrichtung ein demokratisches Entscheidungsverfahren, das zugleich Minderheiten und unverfügbare Rechte schützt.
  6. Gerechtigkeit und Fürsorge verbinden: Zeige an einem Fall, wie ein rein regelorientiertes und ein rein beziehungsorientiertes Urteil jeweils problematisch werden können. Formuliere eine integrierte Lösung.
  7. Stufendiagnostik hinterfragen: Bewerte die Aussage: Eine Person auf einer höheren Stufe ist automatisch ein besserer Mensch. Nutze mindestens drei Argumente aus Theorie und Kritik.
  8. Pädagogische Verantwortung: Formuliere Kriterien, nach denen eine Lehrperson moralische Gespräche moderieren kann, ohne zu indoktrinieren oder menschenfeindliche Positionen als gleichwertig zu behandeln.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du

  1. Fachbegriffe präzise verwendest und moralisches Urteil, Entscheidung, Motivation und Handeln unterscheidest.
  2. die drei Ebenen und sechs Stufen nicht nur benennst, sondern anhand von Begründungsstrukturen erklärst.
  3. ein moralisches Dilemma multiperspektivisch analysierst.
  4. Stufenzuordnungen vorsichtig, textnah und ohne pauschale Personenbewertung vornimmst.
  5. die Forschungsmethode einschließlich Stichprobe, Interview und Auswertung kritisch einschätzt.
  6. Dilemmadiskussion und Just Community didaktisch begründet planst.
  7. zentrale Kritikpunkte zu Geschlecht, Fürsorge, Kultur, Emotion, Handeln und Messung abwägst.
  8. Kohlbergs Theorie auf einen neuen pädagogischen oder gesellschaftlichen Fall überträgst.
  9. wissenschaftliche Quellen nachvollziehbar nutzt und Gegenargumente fair darstellt.
  10. eine begründete eigene Position zur Bedeutung des Modells für heutige Bildung entwickelst.




Literatur und Quellen


Primär- und Grundlagenliteratur

  1. Lawrence Kohlberg: The Philosophy of Moral Development. Essays on Moral Development, Volume I. Harper & Row, 1981.
  2. Lawrence Kohlberg: The Psychology of Moral Development. Essays on Moral Development, Volume II. Harper & Row, 1984.
  3. Anne Colby, Lawrence Kohlberg, John Gibbs und Marcus Lieberman: A Longitudinal Study of Moral Judgment. Society for Research in Child Development, 1983.
  4. F. Clark Power, Ann Higgins und Lawrence Kohlberg: Lawrence Kohlberg's Approach to Moral Education. Columbia University Press, 1989.
  5. Jean Piaget: Das moralische Urteil beim Kinde. Eine grundlegende Vorarbeit zur kognitiven Moraltheorie.
  6. Carol Gilligan: In a Different Voice. Harvard University Press, 1982.
  7. James Rest, Darcia Narvaez, Stephen Thoma und Muriel Bebeau: Arbeiten zum Defining Issues Test und zu neo-kohlbergianischen Ansätzen.


Hinweise zur Quellenkritik

Bei der Nutzung von Darstellungen über Kohlberg solltest Du zwischen Originaltexten, wissenschaftlichen Überblicken und vereinfachenden Lernmedien unterscheiden. Prüfe besonders, ob

  1. moralisches Urteilen mit moralischem Handeln verwechselt wird,
  2. feste Altersgrenzen als Naturgesetz dargestellt werden,
  3. die Entscheidung im Dilemma fälschlich wichtiger als ihre Begründung erscheint,
  4. Gilligans Kritik in stereotype Geschlechterrollen übersetzt wird,
  5. die sechste Stufe als messbare moralische Vollkommenheit ausgegeben wird.


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Prüfungsliteratur 2026
Bundesland Bücher Kurzbeschreibung
Baden-Württemberg

Abitur

  1. Der zerbrochne Krug - Heinrich von Kleist
  2. Heimsuchung - Jenny Erpenbeck

Mittlere Reife

  1. Der Markisenmann - Jan Weiler oder Als die Welt uns gehörte - Liz Kessler
  2. Ein Schatten wie ein Leopard - Myron Levoy oder Pampa Blues - Rolf Lappert

Abitur Dorfrichter-Komödie über Wahrheit/Schuld; Roman über einen Ort und deutsche Geschichte. Mittlere Reife Wahllektüren (Roadtrip-Vater-Sohn / Jugendroman im NS-Kontext / Coming-of-age / Provinzroman).

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  1. Der zerbrochne Krug - Heinrich von Kleist
  2. Heimsuchung - Jenny Erpenbeck

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Berlin/Brandenburg

Abitur

  1. Der zerbrochne Krug - Heinrich von Kleist
  2. Woyzeck - Georg Büchner
  3. Der Biberpelz - Gerhart Hauptmann
  4. Heimsuchung - Jenny Erpenbeck

Abitur Gerichtskomödie; soziales Drama um Ausbeutung/Armut; Komödie/Satire um Diebstahl und Obrigkeit; Roman über Erinnerungsräume und Umbrüche.

Bremen

Abitur

  1. Nach Mitternacht - Irmgard Keun
  2. Mario und der Zauberer - Thomas Mann
  3. Emilia Galotti - Gotthold Ephraim Lessing oder Miss Sara Sampson - Gotthold Ephraim Lessing

Abitur Roman in der NS-Zeit (Alltag, Anpassung, Angst); Novelle über Verführung/Massenpsychologie; bürgerliche Trauerspiele (Moral, Macht, Stand).

Hamburg

Abitur

  1. Der zerbrochne Krug - Heinrich von Kleist
  2. Das kunstseidene Mädchen - Irmgard Keun

Abitur Justiz-/Machtkritik als Komödie; Großstadtroman der Weimarer Zeit (Rollenbilder, Aufstiegsträume, soziale Realität).

Hessen

Abitur

  1. Der zerbrochne Krug - Heinrich von Kleist
  2. Woyzeck - Georg Büchner
  3. Heimsuchung - Jenny Erpenbeck
  4. Der Prozess - Franz Kafka

Abitur Gerichtskomödie; Fragmentdrama über Gewalt/Entmenschlichung; Erinnerungsroman über deutsche Brüche; moderner Roman über Schuld, Macht und Bürokratie.

Niedersachsen

Abitur

  1. Der zerbrochene Krug - Heinrich von Kleist
  2. Das kunstseidene Mädchen - Irmgard Keun
  3. Die Marquise von O. - Heinrich von Kleist
  4. Über das Marionettentheater - Heinrich von Kleist

Abitur Schwerpunkt auf Drama/Roman sowie Kleist-Prosatext und Essay (Ehre, Gewalt, Unschuld; Ästhetik/„Anmut“).

Nordrhein-Westfalen

Abitur

  1. Der zerbrochne Krug - Heinrich von Kleist
  2. Heimsuchung - Jenny Erpenbeck

Abitur Komödie über Wahrheit und Autorität; Roman als literarische „Geschichtsschichtung“ an einem Ort.

Saarland

Abitur

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  2. Furor - Lutz Hübner und Sarah Nemitz
  3. Bahnwärter Thiel - Gerhart Hauptmann

Abitur Erinnerungsroman an einem Ort; zeitgenössisches Drama über Eskalation/Populismus; naturalistische Novelle (Pflicht/Überforderung/Abgrund).

Sachsen (berufliches Gymnasium)

Abitur

  1. Der zerbrochne Krug - Heinrich von Kleist
  2. Woyzeck - Georg Büchner
  3. Irrungen, Wirrungen - Theodor Fontane
  4. Der gute Mensch von Sezuan - Bertolt Brecht
  5. Heimsuchung - Jenny Erpenbeck
  6. Der Trafikant - Robert Seethaler

Abitur Mischung aus Klassiker-Drama, sozialem Drama, realistischem Roman, epischem Theater und Gegenwarts-/Erinnerungsroman; zusätzlich Coming-of-age im historischen Kontext.

Sachsen-Anhalt

Abitur

  1. (keine fest benannte landesweite Pflichtlektüre veröffentlicht; Themenfelder)

Abitur Schwerpunktsetzung über Themenfelder (u. a. Literatur um 1900; Sprache in politisch-gesellschaftlichen Kontexten), ohne feste Einzeltitel.

Schleswig-Holstein

Abitur

  1. Der zerbrochne Krug - Heinrich von Kleist
  2. Heimsuchung - Jenny Erpenbeck

Abitur Recht/Gerechtigkeit und historische Tiefenschichten eines Ortes – umgesetzt über Drama und Gegenwartsroman.

Thüringen

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  1. (keine fest benannte landesweite Pflichtlektüre veröffentlicht; Orientierung am gemeinsamen Aufgabenpool)

Abitur In der Praxis häufig Orientierung am gemeinsamen Aufgabenpool; landesweite Einzeltitel je nach Vorgabe/Handreichung nicht einheitlich ausgewiesen.

Mecklenburg-Vorpommern

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  1. (Quelle aktuell technisch nicht abrufbar; Beteiligung am gemeinsamen Aufgabenpool bekannt)

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