Katharina die Große - Geschichte


Katharina die Große - Geschichte
Einleitung
Katharina die Große - Geschichte behandelt die Herrschaft Katharinas II. von 1762 bis 1796 im Russischen Kaiserreich. Der Kurs ist für das Studienfach Geschichte konzipiert und eignet sich für die gymnasiale Oberstufe, Ausbildung und Hochschule. Du untersuchst nicht nur Lebensdaten und politische Entscheidungen, sondern vor allem die Spannungen zwischen Aufklärung, Autokratie, Leibeigenschaft, imperialer Expansion und historischer Erinnerung.
Katharina II. wurde 1729 als Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst in Stettin geboren, dem heutigen Szczecin in Polen. Als junge Prinzessin kam sie an den russischen Hof, trat zur russisch-orthodoxen Kirche über und nahm den Namen Jekaterina Alexejewna an. 1745 heiratete sie den späteren Kaiser Peter III.. Nach einem Staatsstreich im Jahr 1762 wurde sie selbst Kaiserin. Peter III. starb kurz darauf unter ungeklärten Umständen. Katharina regierte anschließend mehr als drei Jahrzehnte bis zu ihrem Tod 1796.[1]

Bildimpuls: Das Profilporträt von Fjodor Stepanowitsch Rokotow inszeniert Katharina als beherrschte und repräsentative Monarchin. Achte auf Kleidung, Blickrichtung und Symbole der Herrschaft.
Medienauftrag: Notiere beim Ansehen der MDR-Dokumentation drei Aussagen, die durch Quellen belegt werden, und zwei Stellen, an denen die filmische Inszenierung Deine Wahrnehmung lenkt.
Lernziele und Leitfragen
Nach diesem aiMOOC kannst Du die Herrschaft Katharinas II. chronologisch einordnen, zentrale Reformen und Kriege erklären, Bild- und Textquellen analysieren und historische Urteile begründet formulieren. Im Mittelpunkt stehen folgende Leitfragen:
- Herrschaftslegitimation: Wie konnte eine in Stettin geborene Prinzessin den russischen Thron gewinnen und ihre Macht sichern?
- Aufgeklärter Absolutismus: Inwiefern verband Katharina Ideen der Aufklärung mit autokratischer Herrschaft?
- Sozialgeschichte: Warum blieb die Leibeigenschaft bestehen, obwohl Katharina ihre Probleme kannte?
- Imperialgeschichte: Welche Folgen hatten die Expansion zum Schwarzen Meer, die Annexion der Krim und die Teilungen Polen-Litauens?
- Geschichtskultur: Warum wird Katharina bis heute zugleich bewundert, kritisiert und mythologisiert?
Historischer Kontext
Russland und Europa im 18. Jahrhundert
Das Russische Kaiserreich war seit den Reformen Peters des Großen eine europäische Großmacht. Seine Herrschaft beruhte auf einer starken Autokratie, einem dienstleistenden Adel, einer großen Armee und der Arbeitskraft einer überwiegend bäuerlichen Bevölkerung. Viele Bauern waren leibeigen und damit wirtschaftlich sowie rechtlich von Grundherren abhängig. Zugleich wuchs an den Höfen Europas das Interesse an Wissenschaft, Verwaltung, Bildung und Rechtsreform.
Die Aufklärung forderte vernunftgeleitete Politik, besser begründete Gesetze, religiöse Toleranz und Kritik an Willkür. Herrscher wie Friedrich II., Joseph II. und Katharina II. übernahmen Teile dieses Programms, ohne ihre monarchische Alleinherrschaft aufzugeben. Für dieses Modell wird häufig der Begriff aufgeklärter Absolutismus verwendet. Er bezeichnet keinen demokratischen Staat, sondern den Versuch, eine starke Monarchie durch Reformen leistungsfähiger und rationaler zu machen.

Kartenauftrag: Untersuche Reichsgröße, Entfernungen und Randzonen. Erkläre, weshalb Verwaltung, Kommunikation und militärische Sicherung für eine zentral regierte Monarchie besonders schwierig waren.
Die junge Sophie am russischen Hof
Sophie Auguste Friederike stammte aus dem Fürstenhaus Anhalt-Zerbst. 1744 reiste sie auf Einladung der Kaiserin Elisabeth nach Russland. Um ihre Stellung zu festigen, lernte sie Russisch, konvertierte vom Luthertum zur Orthodoxie und eignete sich die politischen Umgangsformen des Hofes an. Ihre Ehe mit dem Thronfolger Peter war politisch arrangiert und von Konflikten geprägt.
Katharina las intensiv und orientierte sich an europäischen Autoren. Später korrespondierte sie unter anderem mit Voltaire, Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert. Diese Kontakte waren Ausdruck echten intellektuellen Interesses, dienten jedoch auch der Selbstdarstellung: Die Kaiserin wollte in Europa als gebildete und reformorientierte Herrscherin erscheinen.

Vergleichsauftrag: Stelle dieses Herrscherporträt Peters III. dem Porträt Katharinas gegenüber. Welche Herrschaftssymbole ähneln sich, und welche Wirkung erzeugen Haltung und Bildaufbau?
Machtübernahme und Herrschaftssicherung
Der Staatsstreich von 1762
Nach dem Tod Kaiserin Elisabeths bestieg Peter III. im Januar 1762 den Thron. Seine Politik stieß bei Teilen des Hofes, des Adels und der Garderegimenter auf Widerstand. Katharina gewann wichtige Unterstützer, darunter die Brüder Orlow. Im Juli 1762 ließ sie sich von Gardeeinheiten zur Kaiserin ausrufen. Peter dankte ab und starb wenige Tage später in Gefangenschaft unter bis heute nicht abschließend geklärten Umständen.
Katharinas Thronanspruch war dynastisch schwach. Deshalb musste sie ihre Herrschaft auf mehreren Ebenen legitimieren: durch die Unterstützung von Garde und Adel, durch die Krönung in Moskau, durch erfolgreiche Regierung, durch öffentliche Rituale und durch eine Bildpolitik, die sie als rechtmäßige, fürsorgliche und siegreiche Monarchin zeigte. Ihr Sohn Paul blieb zwar Thronfolger, wurde aber lange von der aktiven Politik ferngehalten.

Quellenfrage: Welche Gegenstände kennzeichnen die dargestellte Person als Kaiserin? Deute Thron, Krone, Reichsapfel, Zepter, Orden und Hermelin als politische Zeichensprache.
Vertiefung: Prüfe nach dem Video, ob der Titel „skrupelloser Aufstieg“ eine sachliche Beschreibung oder bereits ein historisches Urteil ist. Begründe Deine Einordnung.
Netzwerke, Favoriten und politische Praxis
Katharina regierte nicht allein. Minister, Höflinge, Militärs, Diplomaten und regionale Amtsträger setzten Politik um. Persönliche Nähe zur Kaiserin konnte politischen Einfluss eröffnen. Zu ihren bedeutenden Vertrauten gehörten Grigori Grigorjewitsch Orlow und Grigori Alexandrowitsch Potjomkin. Der ältere Begriff des „Favoriten“ darf dabei nicht nur auf Liebesbeziehungen verkürzt werden: Favoriten konnten als Berater, Organisatoren, Militärführer und Vermittler zwischen Hof und Verwaltung wirken.
Die Herrschaft blieb dennoch personalisiert. Entscheidungen hingen stark von Zugang zur Kaiserin, Patronage und Loyalität ab. Moderne Verwaltungen mit klar getrennten Zuständigkeiten befanden sich erst im Aufbau. Historisch wichtig ist deshalb die Verbindung von Institutionen und persönlichen Netzwerken.
Reformpolitik und Aufklärung
Die Große Instruktion und die Gesetzbuch-Kommission
1767 veröffentlichte Katharina die Große Instruktion, meist nach dem russischen Begriff Nakaz genannt. Sie diente als Leitfaden für eine Kommission, die das überalterte russische Recht ordnen sollte. Der Text verarbeitete Gedanken von Montesquieu, Cesare Beccaria und anderen Aufklärern. Er behandelte Gesetzgebung, Verwaltung, Strafen, Gesellschaft, Wirtschaft und Erziehung. Zugleich erklärte er die souveräne Monarchie für notwendig, weil ein riesiges Reich schnell und einheitlich regiert werden müsse.[2]
Die Gesetzbuch-Kommission versammelte 1767 Vertreter verschiedener Gruppen, darunter Adel, Städte, freie Bauern, Kosaken und nicht-russische Bevölkerungen. Leibeigene waren nicht als eigenständiger Stand vertreten. Die Kommission sammelte zahlreiche Beschwerden und Interessen, schuf jedoch kein neues umfassendes Gesetzbuch. Trotzdem halfen ihre Beratungen der Regierung, Probleme des Reiches genauer zu erfassen. Die Kommission war damit zugleich Reformprojekt, Informationsinstrument und Mittel zur Legitimation.

Quellenauftrag: Formuliere zwei Fragen, die Du an die „Große Instruktion“ als Quelle stellen würdest. Unterscheide dabei zwischen der beabsichtigten Wirkung des Textes und seiner tatsächlichen politischen Umsetzung.
Verwaltung, Kirche und Recht
1764 zog die Krone einen großen Teil des Grundbesitzes der orthodoxen Kirche ein. Diese Säkularisation stärkte den Staat, verringerte die wirtschaftliche Selbstständigkeit vieler Klöster und machte Geistliche stärker von staatlicher Finanzierung abhängig.
Nach dem Pugatschow-Aufstand ordnete die Gouvernementsreform von 1775 das Reich regional neu. Kleinere Verwaltungseinheiten, zusätzliche Behörden und klarere Zuständigkeiten sollten Regierung, Polizei, Justiz und Steuererhebung näher an die Bevölkerung bringen. Die Reform erhöhte die staatliche Präsenz in den Provinzen, beseitigte aber weder soziale Ungleichheit noch Willkür.
1785 bestätigte der Gnadenbrief an den Adel wichtige Vorrechte des Adels, darunter Eigentumsrechte, korporative Selbstorganisation und Schutz vor bestimmten staatlichen Eingriffen. Eine parallel erlassene Städteordnung gliederte die städtische Bevölkerung in rechtlich definierte Gruppen und schuf Formen kommunaler Selbstverwaltung. Beide Regelwerke modernisierten Verwaltung, festigten jedoch zugleich die ständische Ordnung.
Bildung, Wissenschaft und Kultur
Katharina verstand Bildung als Mittel zur Formung nützlicher und loyaler Untertanen. 1764 entstand das Smolny-Institut, die erste staatliche Bildungseinrichtung für Mädchen in Russland. Weitere Schulpläne orientierten sich an europäischen Vorbildern, erreichten jedoch nur einen kleinen Teil der Bevölkerung.
Die Kaiserin förderte Akademien, Theater, Übersetzungen, Druckereien und Kunstsammlungen. Der Ankauf einer großen Gemäldesammlung im Jahr 1764 gilt als Ausgangspunkt der späteren Eremitage. Kulturpolitik war dabei mehr als persönliches Interesse: Sammlungen, Architektur und höfische Feste demonstrierten Russlands Anspruch, zu den führenden Mächten Europas zu gehören.[3]
1768 ließ sich Katharina durch den englischen Arzt Thomas Dimsdale gegen Pocken variolieren. Die öffentlich bekannte Behandlung sollte Ängste vor der Methode mindern. Sie zeigt, wie die Monarchin Wissenschaft, persönliche Risikobereitschaft und politische Vorbildwirkung verbinden konnte.

Bildanalyse: Das allegorische Gemälde zeigt Katharina als Gesetzgeberin im Tempel der Gerechtigkeit. Trenne reale Herrschaftspraxis, symbolische Aussage und propagandistische Absicht.
Gesellschaft und Widersprüche
Adel und Leibeigenschaft
Katharina wusste, dass die Leibeigenschaft wirtschaftliche und moralische Probleme verursachte. In der Praxis blieb sie jedoch auf den Adel angewiesen, der Güter verwaltete, Offiziere stellte und lokale Herrschaft ausübte. Eine grundlegende Befreiung der Leibeigenen hätte die wichtigste soziale Stütze des Thrones gegen sie aufbringen können.
Während ihrer Regierungszeit wurden adlige Privilegien erweitert und die Verfügungsmacht vieler Gutsherren über bäuerliche Arbeitskräfte gestärkt. Für zahlreiche Bauern bedeuteten steigende Abgaben, Frondienste und Rekrutierungen eine schwere Belastung. Die Sprache der Aufklärung stand daher in deutlicher Spannung zu einer Gesellschaftsordnung, die Millionen Menschen politische Mitsprache und persönliche Freiheit verweigerte.
Diese Spannung ist zentral für ein historisches Urteil: Katharina war weder bloß eine fortschrittliche Modernisiererin noch lediglich eine unveränderte Despotin. Ihre Politik verband Reformen mit Herrschaftssicherung. Verbesserungen in Verwaltung, Bildung oder Kultur konnten gleichzeitig bestehende Machtverhältnisse stabilisieren.
Der Pugatschow-Aufstand
Von 1773 bis 1775 erschütterte der Pugatschow-Aufstand große Gebiete an Wolga und Ural. Der Kosak Jemeljan Iwanowitsch Pugatschow gab sich als der angeblich gerettete Peter III. aus und versprach Teilen der Bevölkerung Befreiung von Herrschaftslasten. Kosaken, Bauern, Leibeigene, Arbeiter in Hüttenwerken und Angehörige verschiedener ethnischer Gruppen beteiligten sich aus unterschiedlichen Motiven.
Der Aufstand war keine einheitliche soziale Revolution. Lokale Konflikte, religiöse Spannungen, Abgaben, Landfragen und Widerstand gegen staatliche Kontrolle verbanden sich. Nach militärischen Erfolgen wurde die Bewegung von Regierungstruppen niedergeschlagen; Pugatschow wurde 1775 in Moskau hingerichtet. Die Krise bestärkte Katharina darin, Verwaltung und Polizei auszubauen und sich enger auf den Adel zu stützen.

Perspektivwechsel: Verfasse je eine knappe Bildunterschrift aus Sicht der Regierung, eines beteiligten Bauern und einer heutigen Historikerin. Vergleiche die unterschiedlichen Wertungen.
Toleranz, Vielfalt und Grenzen der Reform
Das Reich umfasste orthodoxe Christen, Muslime, Katholiken, Protestanten, Juden und zahlreiche ethnische Gruppen. Katharina setzte häufig auf pragmatische Duldung, solange religiöse Institutionen die staatliche Ordnung nicht infrage stellten. 1773 wurde religiöse Toleranz gegenüber dem Islam rechtlich gestärkt; später unterstützte die Regierung den Aufbau einer staatlich beaufsichtigten muslimischen Geistlichkeit.
Toleranz bedeutete jedoch keine Gleichheit. Bevölkerungen wurden verwaltet, kategorisiert und unterschiedlich besteuert. Durch die Teilungen Polen-Litauens kamen Millionen neue Untertanen hinzu, darunter ein großer jüdischer Bevölkerungsanteil. Die imperiale Integration schuf neue Verwaltungsräume, aber auch langfristige Diskriminierungen und Konflikte.
Englischsprachiger Medienvergleich: Das TED-Ed-Format stellt Katharina in einer fiktiven historischen Gerichtsverhandlung dar. Ordne jedes Argument einer Kategorie zu: Reform, Herrschaftssicherung, Gewalt, Expansion oder Mythos.
Außenpolitik und Expansion
Kriege gegen das Osmanische Reich
Im Russisch-Türkischen Krieg von 1768 bis 1774 errang Russland bedeutende Siege. Der Frieden von Küçük Kaynarca von 1774 verschob das Machtverhältnis am Schwarzen Meer zugunsten Russlands. Das Khanat der Krim wurde formal vom Osmanischen Reich unabhängig, geriet aber stark unter russischen Einfluss.
1783 annektierte Russland die Krim. Die Annexion veränderte die politische Ordnung des nördlichen Schwarzmeerraums und hatte tiefgreifende Folgen für die Krimtataren. Neue Festungen, Häfen und Städte sollten russische Herrschaft sichern. Der zweite Krieg von 1787 bis 1792 bestätigte Russlands Stellung; der Frieden von Jassy verschob die Grenze weiter nach Südwesten.

Deutungsauftrag: Das Reiterporträt zeigt Katharina in Uniform. Erkläre, wie militärische Kleidung, Pferd und Körperhaltung die Rolle einer weiblichen Herrscherin in einer männlich geprägten Militärkultur inszenieren.
Potjomkin und der südliche Reichsausbau
Grigori Alexandrowitsch Potjomkin organisierte als Militär, Verwalter und Vertrauter der Kaiserin wesentliche Teile der Südpolitik. Häfen, Festungen und Verwaltungszentren entstanden oder wurden ausgebaut. Die Regierung förderte Zuwanderung, Landwirtschaft und Handel, um neue Gebiete wirtschaftlich und militärisch zu integrieren.
Der Ausdruck „Potemkinsche Dörfer“ bezeichnet heute eine beschönigende Fassade. Er geht auf Berichte über Katharinas Reise von 1787 zurück, nach denen Potjomkin angeblich Kulissendörfer errichten ließ. Die spektakuläre Reise war tatsächlich sorgfältig inszeniert; die Vorstellung vollständig erfundener Dörfer gilt jedoch als überzeichnet und wurde auch von politischen Gegnern verbreitet. Das Beispiel zeigt, wie Anekdoten historische Erinnerung prägen können.
Die Teilungen Polen-Litauens
Katharina nahm gemeinsam mit Preußen und Österreich an den drei Teilungen Polen-Litauens von 1772, 1793 und 1795 teil. Russland gewann große Gebiete im heutigen Belarus, in der Ukraine, in Litauen und im Baltikum. Nach der dritten Teilung verschwand der polnisch-litauische Staat für mehr als ein Jahrhundert von der politischen Landkarte.
Aus russischer Regierungsperspektive vergrößerten die Teilungen Einfluss und strategische Sicherheit. Aus polnisch-litauischer Perspektive bedeuteten sie den Verlust staatlicher Souveränität. Für die Bewohner der annektierten Gebiete änderten sich Herrschaft, Recht, Steuern und politische Zugehörigkeit. Eine multiperspektivische Analyse muss deshalb Interessen der Teilungsmächte und Erfahrungen der betroffenen Bevölkerungen unterscheiden.

Kartenanalyse: Beschreibe zunächst nur, was die Farben und Grenzlinien zeigen. Erkläre danach, welche Informationen über Bevölkerung, Gewalt und politische Entscheidungen in der Karte unsichtbar bleiben.
Französische Revolution und konservative Wende
Katharina begrüßte viele Ideen der Aufklärung, lehnte aber die Französische Revolution entschieden ab. Der Sturz der Monarchie, politische Radikalisierung und soziale Mobilisierung erschienen ihr als Gefahr für die europäische Ordnung und die eigene Herrschaft. In den 1790er Jahren wurden Zensur und Kontrolle verschärft.
Ein bekanntes Beispiel ist Alexander Nikolajewitsch Radischtschew. Seine Schrift Reise von Petersburg nach Moskau kritisierte 1790 die Leibeigenschaft und soziale Gewalt. Katharina deutete das Werk als Angriff auf die staatliche Ordnung. Radischtschew wurde zunächst zum Tod verurteilt, dann zur Verbannung begnadigt. Der Fall zeigt die Grenze des aufklärerischen Selbstbildes: Kritik war willkommen, solange sie die Grundlagen der Autokratie nicht bedrohte.
Herrschaftsbilder, Geschlecht und Erinnerung
Eine Frau an der Spitze einer Autokratie
Als regierende Kaiserin musste Katharina Erwartungen erfüllen, die häufig männlich codiert waren: militärische Führung, dynastische Autorität, Entschlusskraft und Kontrolle des Hofes. Porträts zeigten sie deshalb wahlweise in Krönungsornat, Uniform, antikisierender Kleidung oder als Verkörperung von Gerechtigkeit und Weisheit.
Gegner und spätere Erzähler konzentrierten sich oft stark auf ihr Privatleben. Viele Gerüchte über angebliche sexuelle Maßlosigkeit waren frauenfeindlich, politisch motiviert oder frei erfunden. Beziehungen und Patronage gehören zur Biografie, dürfen aber nicht an die Stelle einer Analyse von Institutionen, Krieg, Gesellschaft und Kultur treten. Quellenkritik fragt deshalb: Wer verbreitete eine Geschichte, mit welcher Absicht, für welches Publikum und auf welcher Beleggrundlage?
Bildvergleich: Prüfe, ob dieses Porträt eher persönliche Individualität oder institutionelle Würde betont. Belege Dein Urteil mit sichtbaren Details.
Monument, Mythos und Geschichtspolitik
Der Beiname „die Große“ ist bereits ein historisches Urteil. Er verweist auf Dauer der Herrschaft, militärische Erfolge, Reichserweiterung und kulturelles Prestige. Für Leibeigene, Aufständische, Polen-Litauer oder Krimtataren konnte dieselbe Politik jedoch Unterdrückung, Krieg oder Verlust politischer Selbstbestimmung bedeuten.
1873 wurde in Sankt Petersburg ein großes Katharina-Denkmal enthüllt. Die Kaiserin steht über Figuren bedeutender Männer ihrer Regierungszeit. Das Monument erzählt Herrschaft als Erfolgsgeschichte einer außergewöhnlichen Monarchin und ihrer Elite. Es verschweigt soziale Kosten und Gewalt. Denkmäler sind daher nicht nur Erinnerungen an Vergangenheit, sondern Quellen für die Werte der Zeit, in der sie errichtet wurden.
Denkmalanalyse: Untersuche Standort, Größenverhältnisse und Figurenordnung. Welche Botschaft über Macht und historische Größe vermittelt das Ensemble?
Forschungsvertiefung: Die englischsprachige Vorlesung des Russian History Museum fragt, wie Katharina „die Große“ wurde. Sammle Aussagen über Selbstinszenierung, Memoiren und spätere Erinnerung.
Chronologischer Überblick
| Zeitraum | Ereignis | Historische Bedeutung |
|---|---|---|
| 1729 | Geburt als Sophie Auguste Friederike in Stettin | Herkunft aus einem kleinen deutschen Fürstenhaus |
| 1744 bis 1745 | Ankunft in Russland, Konversion und Heirat mit Peter | Anpassung an Hof, Religion und Dynastie |
| 1762 | Staatsstreich gegen Peter III. und Thronbesteigung | Beginn einer langen, dynastisch zunächst unsicheren Herrschaft |
| 1764 | Säkularisation kirchlicher Güter, Smolny-Institut und Beginn der Eremitage-Sammlung | Verbindung von Staatsausbau, Bildung und Kulturpolitik |
| 1767 | Große Instruktion und Gesetzbuch-Kommission | Programm des aufgeklärten Absolutismus |
| 1768 bis 1774 | Erster großer Krieg gegen das Osmanische Reich | Russischer Aufstieg am Schwarzen Meer |
| 1772 | Erste Teilung Polen-Litauens | Beginn der territorialen Auflösung des Nachbarstaates |
| 1773 bis 1775 | Pugatschow-Aufstand | Massive soziale und imperiale Krise |
| 1775 | Gouvernementsreform | Verdichtung von Verwaltung und Kontrolle |
| 1783 | Annexion der Krim | Machtverschiebung im Schwarzmeerraum |
| 1785 | Gnadenbrief an den Adel und Städteordnung | Stärkung ständischer Rechte und kommunaler Organisation |
| 1793 und 1795 | Zweite und dritte Teilung Polen-Litauens | Große Westexpansion und Ende des polnisch-litauischen Staates |
| 1796 | Tod Katharinas und Thronfolge Pauls I. | Ende der „Katharinischen Epoche“ |
Kalenderhinweis: Russland verwendete im 18. Jahrhundert den julianischen Kalender. Deshalb können Daten in Quellen um elf Tage von gregorianischen Angaben abweichen.
Historisches Urteil
Ein tragfähiges Urteil über Katharina II. muss mehrere Maßstäbe offenlegen. Misst Du sie an der Stabilität und Macht des Staates, erscheinen Verwaltungsreformen, kulturelles Prestige und territoriale Expansion als Erfolge. Misst Du sie an persönlicher Freiheit, politischer Teilhabe und Gewaltvermeidung, wiegen Leibeigenschaft, Unterdrückung des Aufstands, Zensur, Kriege und Annexionen schwer.
Die Bezeichnung aufgeklärte Absolutistin beschreibt die Verbindung von Reformwillen und ungeteilter Herrschergewalt, löst den Widerspruch aber nicht auf. Historische Erklärung bedeutet nicht moralische Entlastung. Ebenso darf eine heutige Bewertung nicht die damaligen Handlungsspielräume, Interessen und Begriffe ignorieren.
Eine begründete Gesamteinschätzung sollte deshalb mindestens vier Perspektiven verbinden: die Ziele der Kaiserin, die Funktionsweise des Reiches, die Erfahrungen verschiedener Bevölkerungsgruppen und die Folgen ihrer Politik über die Regierungszeit hinaus. Die British Academy betont, dass Katharinas Epoche die russische Geistes- und Verwaltungsgeschichte nachhaltig prägte, zugleich aber auf einer ständischen und leibeigenschaftlichen Ordnung beruhte.[4]
Methodenwerkstatt Geschichte
Herrscherporträts als Quellen
Ein Herrscherporträt ist keine neutrale Fotografie der Vergangenheit. Analysiere zuerst Material, Künstler, Entstehungszeit, Auftraggeber und Zielpublikum. Beschreibe dann Bildaufbau, Kleidung, Gestik, Blick, Gegenstände und Raum. Erst anschließend deutest Du Symbole und formulierst eine Aussage über die beabsichtigte Wirkung. Vergleiche mehrere Porträts, um Konstanten und Veränderungen der politischen Selbstdarstellung zu erkennen.
Politische Texte kontextualisieren
Bei der Großen Instruktion musst Du zwischen Norm und Wirklichkeit unterscheiden. Ein Programmtext zeigt, welche Sprache eine Herrscherin verwenden wollte; er beweist nicht automatisch, dass alle Aussagen umgesetzt wurden. Vergleiche den Text mit Gesetzen, Verwaltungsakten, Berichten von Untertanen und späteren Ergebnissen.
Karten kritisch lesen
Historische Karten machen Grenzen, Räume und Bewegungen sichtbar, können aber Herrschaft als selbstverständlich erscheinen lassen. Frage nach Maßstab, Legende, Farbwahl, Urheber und Zweck. Suche außerdem nach dem, was fehlt: Bevölkerungen, Flucht, Gewalt, Eigentumswechsel, religiöse Vielfalt und konkurrierende Ansprüche.
Mythen prüfen
Für Gerüchte über Katharina gilt ein einfaches Prüfverfahren: Bestimme die früheste nachweisbare Quelle, prüfe ihre Nähe zum Ereignis, untersuche Interessen des Autors und suche unabhängige Bestätigungen. Besonders sensationelle Behauptungen benötigen besonders starke Belege. Wiederholung macht eine Geschichte nicht wahr.
Quellen und weiterführende OER
- Katharina II.: Biografischer Überblick, Herrschaft, Reformen und Außenpolitik.
- Große Instruktion (Katharina II.): Inhalt, Einflüsse und Wirkung des Nakaz.
- Pugatschow-Aufstand: Ursachen, Verlauf, Beteiligte und Folgen.
- Teilungen Polens: Europäische Machtpolitik und Verlust polnisch-litauischer Staatlichkeit.
- Eremitage (Sankt Petersburg): Entstehung der kaiserlichen Kunstsammlung.
- Wikimedia Commons: Freie Porträts Katharinas II.
- British Academy: Historische Einordnung der Regierungszeit
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Unter welchem Namen wurde Katharina II. geboren? (Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst) (!Elisabeth Petrowna Romanowa) (!Maria Theresia von Österreich) (!Anna Iwanowna von Russland)
In welchem Jahr gelangte Katharina durch einen Staatsstreich an die Macht? (1762) (!1745) (!1775) (!1796)
Was war der Nakaz? (Eine politische und rechtliche Instruktion für eine Gesetzbuch-Kommission) (!Ein Friedensvertrag mit dem Osmanischen Reich) (!Eine Steuerliste für die Krim) (!Eine Verfassung mit allgemeinem Wahlrecht)
Welche Gruppe war in der Gesetzbuch-Kommission nicht als eigener Stand vertreten? (Leibeigene) (!Adlige) (!Stadtbewohner) (!Kosaken)
Wer führte den großen Aufstand von 1773 bis 1775 an? (Jemeljan Pugatschow) (!Grigori Potjomkin) (!Denis Diderot) (!Paul Romanow)
Welche Wirkung hatte der Gnadenbrief von 1785 vor allem? (Er bestätigte und stärkte Vorrechte des Adels) (!Er schaffte die Monarchie ab) (!Er beendete die Leibeigenschaft vollständig) (!Er führte das Frauenwahlrecht ein)
Welches Gebiet annektierte Russland 1783? (Die Krim) (!Sizilien) (!Norwegen) (!Portugal)
Welche Mächte beteiligten sich neben Russland an den Teilungen Polen-Litauens? (Preußen und Österreich) (!Frankreich und Spanien) (!Schweden und Dänemark) (!Großbritannien und die Niederlande)
Welcher Widerspruch kennzeichnet Katharinas aufgeklärten Absolutismus besonders? (Reformrhetorik bestand neben Autokratie und Leibeigenschaft) (!Sie lehnte Bildung und Wissenschaft vollständig ab) (!Sie verzichtete auf jede Form staatlicher Verwaltung) (!Sie übertrug die gesamte Macht an ein Parlament)
Wie reagierte Katharina in den 1790er Jahren auf die Französische Revolution? (Sie verschärfte Zensur und politische Kontrolle) (!Sie führte sofort eine Republik ein) (!Sie löste die Armee auf) (!Sie übergab den Thron an Voltaire)
Memory
| Sophie Auguste Friederike | Geburtsname Katharinas |
| Nakaz | Große Instruktion |
| Pugatschow | Anführer des großen Aufstands |
| Potjomkin | Organisator der Südpolitik |
| Küçük Kaynarca | Friedensschluss von 1774 |
| Gnadenbrief | Privilegien des Adels |
| Eremitage | Kaiserliche Kunstsammlung |
| Smolny-Institut | Staatliche Mädchenbildung |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Staatsstreich | Machtübernahme Katharinas |
| Gesetzbuch-Kommission | Beratung über eine neue Rechtsordnung |
| Gouvernementsreform | Ausbau regionaler Verwaltung |
| Krimannexion | Expansion am Schwarzen Meer |
| Teilungspolitik | Auflösung Polen-Litauens |
Kreuzworträtsel
| Nakaz | Wie lautet der russische Kurzname der Großen Instruktion? |
| Pugatschow | Wer führte den großen Bauern- und Kosakenaufstand an? |
| Potjomkin | Welcher Vertraute prägte Katharinas Südpolitik? |
| Eremitage | Welche Kunstsammlung entstand aus Katharinas Ankäufen? |
| Autokratie | Wie heißt eine Herrschaftsform mit ungeteilter monarchischer Macht? |
| Krim | Welche Halbinsel annektierte Russland unter Katharina? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Porträtanalyse: Wähle eines der eingebundenen Herrscherporträts und beschreibe zehn sichtbare Details, bevor Du ihre politische Wirkung deutest.
- Zeitleiste: Gestalte eine illustrierte Zeitleiste mit zwölf Stationen und markiere Reformen, Konflikte, Expansionen und kulturelle Projekte in unterschiedlichen Symbolgruppen.
- Begriffsnetz: Verbinde die Begriffe Aufklärung, Autokratie, Adel, Leibeigenschaft und Reform in einer Concept-Map mit erklärenden Pfeilbeschriftungen.
- Mythencheck: Recherchiere eine verbreitete Anekdote über Katharina oder Potjomkin und dokumentiere, welche Quellen sie bestätigen, relativieren oder widerlegen.
Standard
- Quellenvergleich: Vergleiche einen Abschnitt der Großen Instruktion mit einem Gesetz oder einer Maßnahme aus Katharinas Regierungszeit und bewerte das Verhältnis von Anspruch und Umsetzung.
- Historische Debatte: Führe eine strukturierte Diskussion zur Frage „War Katharina II. eine aufgeklärte Herrscherin?“ durch und vertrete dabei mindestens zwei gesellschaftliche Perspektiven.
- Podcast: Produziere eine achtminütige Folge über den Pugatschow-Aufstand, in der Ursachen, beteiligte Gruppen, Verlauf und Folgen klar voneinander getrennt werden.
- Kartengeschichte: Erstelle eine kommentierte Karte der territorialen Veränderungen und ergänze zu jeder Grenzverschiebung eine Perspektive der betroffenen Bevölkerung.
Schwer
- Forschungsessay: Verfasse einen quellenbasierten Essay darüber, ob Reformen unter einer Autokratie gesellschaftliche Emanzipation fördern oder vor allem Herrschaft stabilisieren.
- Vergleichende Geschichte: Vergleiche Katharina II. mit Friedrich II. oder Joseph II. anhand gemeinsamer Kriterien wie Recht, Religion, Bildung, Sozialordnung und politische Teilhabe.
- Digitale Ausstellung: Kuratiere eine virtuelle Ausstellung mit acht Objekten zu Selbstinszenierung, Krieg, Alltag, Bildung und Erinnerung; begründe Auswahl, Reihenfolge und Beschriftung.
- Mikrogeschichte: Rekonstruiere anhand verfügbarer Quellen die möglichen Erfahrungen einer Personengruppe, etwa einer leibeigenen Familie, eines Krimtataren, einer polnischen Adligen oder einer Smolny-Schülerin.


Lernkontrolle
- Urteilsbildung: Entwickle ein Kriterienraster für „historische Größe“ und wende es auf Katharina II. an. Zeige, wie sich das Ergebnis verändert, wenn Freiheit, Staatserfolg oder Lebensbedingungen unterschiedlich gewichtet werden.
- Reform und Macht: Erkläre an zwei Maßnahmen, wie Modernisierung gleichzeitig neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen und bestehende Herrschaftsverhältnisse festigen konnte.
- Multiperspektivität: Beurteile die Annexion der Krim oder die Teilungen Polen-Litauens aus mindestens drei zeitgenössischen Perspektiven und kennzeichne Interessen, Verluste und mögliche Quellenprobleme.
- Kontrafaktisches Denken: Entwirf ein plausibles Szenario, in dem Katharina die Leibeigenschaft schrittweise begrenzt. Benenne politische Voraussetzungen, Widerstände und wahrscheinliche Nebenfolgen.
- Medienkritik: Vergleiche die Darstellung Katharinas in einem Porträt, einem Video und einem Lexikonartikel. Analysiere, wie Medium, Zielgruppe und Dramaturgie das Urteil beeinflussen.
- Langzeitfolgen: Untersuche, welche Entscheidungen ihrer Regierungszeit noch im 19. Jahrhundert auf Verwaltung, Nationalitätenpolitik, Adel oder Außenpolitik wirkten.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du nicht nur Fakten wiedergibst, sondern mit historischen Methoden arbeitest.
| Bereich | Erwartete Leistung |
|---|---|
| Sachkompetenz | Du ordnest zentrale Ereignisse zeitlich ein und erklärst Reformen, Aufstände und Expansionen in ihrem Zusammenhang. |
| Methodenkompetenz | Du analysierst mindestens eine Textquelle, ein Herrscherporträt und eine historische Karte nach nachvollziehbaren Kriterien. |
| Urteilskompetenz | Du formulierst ein begründetes Urteil zum aufgeklärten Absolutismus und legst Deine Bewertungsmaßstäbe offen. |
| Multiperspektivität | Du berücksichtigst unterschiedliche Erfahrungen von Hof, Adel, Leibeigenen, Aufständischen und Bevölkerungen annektierter Gebiete. |
| Quellenkritik | Du unterscheidest zeitgenössische Quelle, spätere Darstellung, Mythos und wissenschaftliche Interpretation. |
| Darstellungskompetenz | Du präsentierst Ergebnisse strukturiert, verwendest Fachbegriffe korrekt und belegst zentrale Aussagen. |
Ein möglicher Lernnachweis besteht aus einem Portfolio mit Quellenanalyse, Kartenkommentar, Medienkritik und einem abschließenden historischen Urteil. Die Belege und Aufgaben müssen eigenständig erstellt, transparent dokumentiert und sprachlich präzise sein.
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