Jean-Paul Sartre - Philosophie


Jean-Paul Sartre - Philosophie
Jean-Paul Sartre - Philosophie
Einleitung
Jean-Paul Sartre (1905–1980) gehört zu den prägenden Denkern des Existenzialismus. Seine Philosophie fragt: Was macht den Menschen aus, wenn es keinen vorgegebenen Lebensplan gibt? Sartres Antwort verbindet Freiheit, Verantwortung, Bewusstsein, Selbsttäuschung und die Erfahrung des Anderen.

Leitfrage: Wie kannst Du frei handeln, obwohl Herkunft, Körper, Gesellschaft und Geschichte Deine Möglichkeiten begrenzen?
Lernziele
Nach diesem aiMOOC kannst Du Sartres zentrale Begriffe erklären, philosophische Texte analysieren und seine Position auf heutige Konflikte übertragen. Du unterscheidest Existenz und Essenz, An-sich und Für-sich, Faktizität und Transzendenz sowie Freiheit und Willkür.
Biografischer und philosophischer Kontext
Sartre war Philosoph, Schriftsteller, Dramatiker und politischer Intellektueller. Er studierte in Paris, setzte sich intensiv mit Edmund Husserl, Martin Heidegger, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und später mit Karl Marx auseinander. Mit Simone de Beauvoir verband ihn ein jahrzehntelanger persönlicher und intellektueller Austausch.

Seine wichtigsten philosophischen Werke sind Das Sein und das Nichts von 1943, Der Existentialismus ist ein Humanismus von 1946 und Kritik der dialektischen Vernunft von 1960. Hinzu kommen Romane und Theaterstücke wie Der Ekel und Geschlossene Gesellschaft.
1964 wurde Sartre der Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Er lehnte ihn ab, weil er institutionelle Auszeichnungen grundsätzlich zurückwies und seine Unabhängigkeit als Autor bewahren wollte.
Existenz vor Essenz
Für hergestellte Dinge scheint zuerst ein Plan vorhanden zu sein: Ein Gegenstand wird nach einer Idee produziert. Beim Menschen ist es nach Sartres atheistischem Existenzialismus anders. Der Mensch existiert zuerst und bestimmt erst durch Handlungen, wozu er wird.
Existenz bezeichnet das konkrete Dasein. Essenz bezeichnet ein festgelegtes Wesen. Sartre bestreitet, dass jeder Mensch mit einer vollständig vorgegebenen Bestimmung geboren wird. Identität entsteht als offenes Projekt.
Das bedeutet nicht, dass Du alles erreichen kannst. Es bedeutet: Auch unter Bedingungen musst Du Dich zu Deiner Situation verhalten. Unterlassung, Anpassung und Verweigerung sind ebenfalls Formen des Handelns.
Freiheit, Faktizität und Verantwortung
Sartres Freiheit ist keine grenzenlose Macht. Jede Person findet eine Faktizität vor: Körper, Vergangenheit, soziale Lage, historische Zeit und bereits getroffene Entscheidungen. Zugleich besitzt sie Transzendenz: Sie kann Möglichkeiten entwerfen und dem Gegebenen Bedeutung geben.
| Begriff | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Faktizität | Vorgefundene Bedingungen | Eine Prüfung ist angesetzt |
| Transzendenz | Entwurf möglicher Handlungen | Du bereitest Dich vor oder verweigerst Dich |
| Freiheit | Stellungnahme zur Situation | Du begründest Deine Wahl |
| Verantwortung | Übernahme der Folgen | Du schiebst Deine Entscheidung nicht vollständig auf andere |
Die bekannte Formel, der Mensch sei zur Freiheit verurteilt, beschreibt eine Belastung: Du kannst die Notwendigkeit des Wählens nicht vollständig abschütteln. Freiheit erzeugt deshalb Angst, weil keine Regel jede konkrete Entscheidung automatisch abnimmt.
An-sich, Für-sich und Nichts
Sartre unterscheidet zwei Seinsweisen. Das An-sich ist das Sein der Dinge: Es ist, was es ist. Das Für-sich bezeichnet bewusstes Sein. Bewusstsein ist nicht einfach ein fester Gegenstand, sondern richtet sich auf etwas und kann Abstand zu sich selbst gewinnen.
Dieser Abstand ist Sartres philosophisches Nichts. Du kannst sagen: So bin ich noch nicht, so will ich nicht bleiben oder so könnte ich handeln. Das Für-sich ist deshalb nie vollständig abgeschlossen.
| Seinsweise | Kennzeichen |
|---|---|
| An-sich | Festes, nicht bewusstes Sein |
| Für-sich | Offenes, sich entwerfendes Bewusstsein |
| Nichts | Abstand zwischen Gegebenem und Möglichkeit |
Unaufrichtigkeit
Unaufrichtigkeit oder mauvaise foi ist eine Form der Selbsttäuschung. Eine Person behandelt sich entweder nur als festgelegtes Ding oder nur als grenzenlos freie Möglichkeit.
Ein Mensch handelt unaufrichtig, wenn er behauptet, seine Rolle bestimme ihn vollständig. Ebenso unaufrichtig wäre es, reale Grenzen und frühere Verpflichtungen einfach zu leugnen. Ehrliches Handeln hält die Spannung zwischen Faktizität und Transzendenz aus.
Beispiel: Eine Schülerin sagt: „Ich bin eben schlecht in Philosophie.“ Sie macht aus bisherigen Erfahrungen eine unveränderliche Essenz. Sartres Gegenfrage lautet: Welche Möglichkeiten werden durch diese Selbstbeschreibung verdeckt?
Der Blick des Anderen
Der Andere ist für Sartre nicht nur ein Objekt meiner Wahrnehmung. Durch seinen Blick erfahre ich mich selbst als jemand, der von außen beurteilt werden kann. Scham zeigt diese Verschiebung besonders deutlich.
Der Blick kann Freiheit bedrohen, weil er mich auf Eigenschaften festlegt. Gleichzeitig eröffnet er eine soziale Welt, in der Anerkennung, Konflikt und Verantwortung entstehen. Die Formel aus Geschlossene Gesellschaft, die Hölle seien die anderen, bedeutet daher nicht einfach, dass Mitmenschen lästig sind. Sie verweist auf Beziehungen, in denen Personen einander auf Bilder und Rollen reduzieren.

Der Austausch mit Simone de Beauvoir vertiefte Fragen nach Freiheit, Abhängigkeit, Geschlecht und der Situation des Anderen. De Beauvoir entwickelte daraus eine eigenständige existenzialistische Ethik und feministische Philosophie.
Literatur, Politik und Engagement
Sartre verstand Schreiben als Form des Engagements. Literatur sollte menschliche Situationen sichtbar machen und Leserinnen und Leser zur eigenen Stellungnahme auffordern. Seine Theaterstücke zeigen Freiheit meist unter Druck: Figuren müssen handeln, obwohl jede Wahl Konflikte oder Schuld erzeugen kann.

Nach 1945 beteiligte sich Sartre intensiv an politischen Debatten. Sein Verhältnis zum Marxismus blieb zugleich zustimmend und kritisch. Er wollte individuelle Freiheit mit gesellschaftlichen und historischen Bedingungen zusammendenken.

Hauptwerke im Überblick
| Werk | Gattung | Philosophischer Schwerpunkt |
|---|---|---|
| Der Ekel | Roman | Kontingenz und Fremdheit des Daseins |
| Das Sein und das Nichts | Philosophisches Hauptwerk | Bewusstsein, Freiheit, Nichts und Andere |
| Geschlossene Gesellschaft | Drama | Blick, Konflikt und Selbsttäuschung |
| Der Existentialismus ist ein Humanismus | Vortrag | Existenz, Wahl und Verantwortung |
| Kritik der dialektischen Vernunft | Philosophie | Geschichte, Gruppe und gesellschaftliche Praxis |
Kritik und Weiterwirkung
Sartres Philosophie wird kritisiert, weil sie Freiheit teilweise stärker betont als Körper, soziale Abhängigkeit und ungleiche Macht. Außerdem bleibt umstritten, wie aus radikaler Freiheit verbindliche moralische Maßstäbe folgen.
Seine Begriffe wirkten dennoch weit über den Existenzialismus hinaus. Simone de Beauvoir, Frantz Fanon, Maurice Merleau-Ponty und spätere Debatten über Authentizität, Identität, Kolonialismus und Verantwortung greifen Sartres Fragen auf, verändern oder kritisieren sie.

Zusammenfassung
Sartres Philosophie beschreibt den Menschen als situiertes, aber nicht vollständig festgelegtes Wesen. Freiheit zeigt sich im Entwurf von Möglichkeiten. Verantwortung entsteht, weil Menschen ihre Entscheidungen nicht vollständig auf Natur, Rolle oder Gesellschaft abschieben können. Unaufrichtigkeit verdeckt diese Freiheit. Der Blick des Anderen macht deutlich, dass Selbstverhältnisse immer auch sozial sind.

Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was meint Sartres Formel Existenz vor Essenz? (Der Mensch bestimmt sich durch seine Handlungen) (!Der Mensch besitzt vor jeder Handlung eine fertige Identität) (!Die Gesellschaft bestimmt jede Entscheidung vollständig) (!Freiheit bedeutet Folgenlosigkeit)
Was bezeichnet Faktizität? (Vorgefundene Bedingungen des Lebens) (!Beliebige Fantasie ohne Grenzen) (!Vollständige Freiheit von Vergangenheit) (!Eine feste moralische Wahrheit)
Was bezeichnet Transzendenz bei Sartre? (Das Entwerfen von Möglichkeiten) (!Eine religiöse Erlösung) (!Die vollständige Auflösung des Körpers) (!Die Ablehnung jeder Entscheidung)
Was ist das Für-sich? (Bewusstes und offenes Sein) (!Das starre Sein der Dinge) (!Ein politisches Kollektiv) (!Eine angeborene Charakterform)
Was ist das An-sich? (Das Sein der Dinge) (!Das reflektierende Bewusstsein) (!Die moralische Verantwortung) (!Die Angst vor Entscheidungen)
Was meint Unaufrichtigkeit? (Selbsttäuschung über Freiheit und Situation) (!Eine falsche Erinnerung) (!Eine höfliche Notlüge) (!Eine wissenschaftliche Hypothese)
Warum ist Freiheit bei Sartre belastend? (Weil Wählen Verantwortung erzeugt) (!Weil Freiheit jede Handlung verhindert) (!Weil nur Gesetze Entscheidungen treffen) (!Weil Freiheit keine Folgen hat)
Welche Funktion hat der Blick des Anderen? (Er macht mich als beurteilbares Objekt erfahrbar) (!Er beseitigt jede soziale Beziehung) (!Er beweist eine feste menschliche Natur) (!Er verhindert jedes Selbstbewusstsein)
Welches Werk ist Sartres philosophisches Hauptwerk von 1943? (Das Sein und das Nichts) (!Der Mythos des Sisyphos) (!Das andere Geschlecht) (!Sein und Zeit)
Warum lehnte Sartre den Nobelpreis für Literatur ab? (Er wollte seine institutionelle Unabhängigkeit bewahren) (!Er hatte keine literarischen Werke veröffentlicht) (!Er hielt den Preis für eine naturwissenschaftliche Auszeichnung) (!Er durfte Frankreich nicht verlassen)
Memory
| Existenz | konkretes Dasein |
| Essenz | festgelegtes Wesen |
| An-sich | Sein der Dinge |
| Für-sich | bewusstes Sein |
| Faktizität | gegebene Situation |
| Transzendenz | entworfene Möglichkeit |
| Unaufrichtigkeit | Selbsttäuschung |
| Blick | Erfahrung als Objekt |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Faktizität | Vorgefundene Bedingungen |
| Transzendenz | Entwurf über das Gegebene hinaus |
| Für-sich | Bewusstes offenes Sein |
| An-sich | Festes Sein der Dinge |
| Unaufrichtigkeit | Flucht vor Freiheit oder Situation |
Kreuzworträtsel
| Freiheit | Was ist bei Sartre untrennbar mit Verantwortung verbunden? |
| Faktizität | Wie heißt die Gesamtheit vorgefundener Lebensbedingungen? |
| Essenz | Welcher Begriff bezeichnet ein festgelegtes Wesen? |
| Blick | Wodurch erfahre ich mich als Objekt für den Anderen? |
| Engagement | Wie nennt Sartre das verantwortliche Eingreifen in Gesellschaft und Politik? |
| Phänomenologie | Welche philosophische Richtung prägte Sartres Theorie des Bewusstseins? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Begriffsnetz: Gestalte ein Begriffsnetz zu Existenz, Essenz, Freiheit, Faktizität und Verantwortung.
- Alltagsbeispiel: Beschreibe eine Alltagssituation, in der Du zwischen mehreren Möglichkeiten wählen musstest.
- Bildanalyse: Wähle ein Bild aus dem Kurs und formuliere drei Fragen, die es an Sartres Philosophie stellt.
- Zitatkarte: Gestalte eine Lernkarte zu Sartres Freiheitsbegriff mit einer eigenen Erklärung und einem Beispiel.
Standard
- Unaufrichtigkeit: Analysiere eine selbstgewählte Szene aus Schule, Beruf oder sozialen Medien als mögliche Form der Selbsttäuschung.
- Der Blick des Anderen: Erstelle einen kurzen Comic, der zeigt, wie sich eine Figur durch fremde Bewertung als Objekt erlebt.
- Textvergleich: Vergleiche Sartres Verständnis von Freiheit mit einer Position von Immanuel Kant oder John Stuart Mill.
- Podcast: Produziere ein dreiminütiges Gespräch über die Frage, ob Nichtentscheiden ebenfalls eine Entscheidung ist.
Schwer
- Fallanalyse: Untersuche einen gesellschaftlichen Konflikt, in dem individuelle Freiheit und strukturelle Begrenzung aufeinandertreffen.
- Philosophischer Essay: Beurteile, ob Sartres Freiheitsbegriff soziale Ungleichheit ausreichend berücksichtigt.
- Werkinterpretation: Analysiere eine Szene aus Geschlossene Gesellschaft mit den Begriffen Blick, Objektivierung und Unaufrichtigkeit.
- Forschungsprojekt: Entwickle eine kleine Interviewstudie zur Frage, wie Menschen Verantwortung für Entscheidungen begründen, und werte die Antworten philosophisch aus.


Lernkontrolle
- Situierte Freiheit: Erkläre an einem neuen Fall, wie Freiheit trotz äußerer Grenzen möglich sein kann.
- Verantwortungsprüfung: Beurteile die Aussage, eine Person sei für eine Entscheidung niemals verantwortlich, wenn gesellschaftlicher Druck besteht.
- Begriffsanwendung: Analysiere eine Berufsrolle mit den Begriffen Faktizität, Transzendenz und Unaufrichtigkeit.
- Perspektivwechsel: Zeige, wie dieselbe Handlung aus der Sicht der handelnden Person und aus der Sicht eines Beobachters unterschiedlich erscheint.
- Ethikvergleich: Vergleiche Sartres Verantwortungsethik mit einer regelorientierten Ethik und arbeite einen Vorteil sowie einen Einwand heraus.
- Kritische Rekonstruktion: Entwickle ein Argument dafür oder dagegen, dass Identität vor allem durch Handlungen entsteht.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis sind folgende Leistungen wichtig:
- Begriffssicherheit: Zentrale Konzepte werden korrekt unterschieden und aufeinander bezogen.
- Textanalyse: Eine philosophische Passage wird in These, Begründung und Folgerung gegliedert.
- Argumentation: Ein eigenes Urteil wird durch nachvollziehbare Gründe und Einwände gestützt.
- Transfer: Sartres Begriffe werden auf einen neuen Fall angewendet.
- Reflexion: Grenzen und mögliche Folgen des Freiheitsbegriffs werden kritisch beurteilt.
OERs zum Thema
Vertiefende Quellen
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: Jean-Paul Sartre
- Internet Encyclopedia of Philosophy: Sartre
- Nobel Prize: Jean-Paul Sartre
- Wikimedia Commons: Jean-Paul Sartre
Verknüpfte Lernbereiche
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