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Die europäische Einigung - Geschichte

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Die europäische Einigung - Geschichte




Die europäische Einigung - Geschichte

Die Europaflagge als Symbol europäischer Zusammenarbeit und Einigung
Die Europaflagge als Symbol europäischer Zusammenarbeit und Einigung

Die europäische Einigung ist kein einzelnes Ereignis, sondern ein langfristiger, konfliktreicher und bis heute offener historischer Prozess. Nach den Katastrophen zweier Weltkriege, der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des Holocaust entwickelten Politiker, gesellschaftliche Gruppen und Fachleute neue Formen der Zusammenarbeit. Aus zunächst begrenzten Gemeinschaften für Kohle und Stahl entstand schrittweise die heutige Europäische Union.

Dieser aiMOOC untersucht die europäische Einigung als Thema der Zeitgeschichte. Du lernst zentrale Verträge, Erweiterungen, Krisen und Akteure kennen. Zugleich übst Du, historische Quellen zu analysieren, unterschiedliche Deutungen zu vergleichen und die europäische Integration nicht als zwangsläufige Erfolgsgeschichte, sondern als Ergebnis von Entscheidungen, Interessen, Konflikten und nicht verwirklichten Alternativen zu verstehen.


Einleitung

Die Geschichte der europäischen Einigung wird häufig als Weg „vom Krieg zum Frieden“ erzählt. Diese Deutung trifft einen wichtigen Kern: Die dauerhafte politische und wirtschaftliche Verflechtung sollte insbesondere einen erneuten Krieg zwischen Frankreich und Deutschland verhindern. Dennoch erklärt die Friedensidee allein den Integrationsprozess nicht. Ebenso wichtig waren wirtschaftlicher Wiederaufbau, Sicherheit im Kalten Krieg, die Einbindung der Bundesrepublik Deutschland, die Konkurrenz zwischen politischen Ordnungsvorstellungen, die Interessen nationaler Regierungen und die Unterstützung der Vereinigten Staaten.

„Europa“ und „Europäische Union“ sind nicht gleichbedeutend. Europa ist ein historisch, kulturell und geografisch unterschiedlich bestimmter Raum. Die EU ist dagegen eine rechtlich verfasste politische und wirtschaftliche Union. Auch der Europarat, die NATO, die OECD, die EFTA, der Schengen-Raum und die Eurozone sind nicht mit der EU identisch. Ihre Mitgliedschaften und Aufgaben überschneiden sich teilweise, bleiben aber institutionell verschieden.

Die europäische Einigung verlief weder geradlinig noch unumkehrbar. Fortschritte wechselten mit Blockaden, gescheiterten Vertragsprojekten, nationalen Vetos, wirtschaftlichen Krisen, Referenden und Austrittsbestrebungen. Gerade diese Spannungen machen das Thema für die Geschichtswissenschaft besonders interessant.


Lernziele

Nach der Bearbeitung dieses aiMOOCs kannst Du:

  1. historische Abläufe von den europäischen Einigungsideen vor 1945 bis zu den Krisen und Reformen des 21. Jahrhunderts einordnen.
  2. Schuman-Plan, Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, Römische Verträge, Einheitliche Europäische Akte, Vertrag von Maastricht und Vertrag von Lissabon in ihren historischen Kontext stellen.
  3. Supranationalität, Intergouvernementalismus, Souveränität, Binnenmarkt, Subsidiarität und Spill-over erklären.
  4. historische Quellen wie Reden, Verträge, Fotografien, Wahlplakate, Karten und Zeitzeugenberichte kritisch untersuchen.
  5. Erweiterung und Vertiefung als zwei miteinander verbundene, teilweise aber auch konkurrierende Dynamiken beurteilen.
  6. unterschiedliche Erklärungsmodelle der europäischen Integration vergleichen und begründet anwenden.
  7. Leistungen, Grenzen und Widersprüche der europäischen Einigung differenziert diskutieren.
  8. eine eigene historische Fragestellung entwickeln und mit Quellen sowie Fachliteratur bearbeiten.


Grundbegriffe der europäischen Einigung

Begriff Historische Bedeutung
Integration Zunehmende Verbindung politischer, wirtschaftlicher, rechtlicher oder gesellschaftlicher Bereiche über Staatsgrenzen hinweg.
Supranationalität Mitgliedstaaten übertragen bestimmten gemeinsamen Organen Entscheidungsbefugnisse. Beschlüsse können unter festgelegten Bedingungen auch gegen den Willen einzelner Staaten zustande kommen.
Intergouvernementalismus Zusammenarbeit zwischen Regierungen, bei der die Mitgliedstaaten zentrale Kontrolle behalten und Entscheidungen häufig einstimmig aushandeln.
Souveränität Höchste staatliche Entscheidungsgewalt. In der europäischen Integration wird Souveränität nicht einfach aufgegeben, sondern in bestimmten Bereichen gemeinsam ausgeübt oder rechtlich gebunden.
Vertiefung Ausbau gemeinsamer Zuständigkeiten, Institutionen und Entscheidungsverfahren.
Erweiterung Aufnahme neuer Mitgliedstaaten in die Gemeinschaften beziehungsweise in die Europäische Union.
Binnenmarkt Gemeinsamer Wirtschaftsraum mit freiem Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital.
Subsidiarität Entscheidungen sollen möglichst bürgernah getroffen werden. Die europäische Ebene soll vor allem dann handeln, wenn Ziele auf nationaler oder regionaler Ebene nicht ausreichend erreicht werden können.
Spill-over Annahme, dass die Integration eines Bereichs zusätzlichen Integrationsbedarf in anderen Bereichen erzeugt.
Differenzierte Integration Nicht alle Staaten beteiligen sich zur selben Zeit oder in gleichem Umfang an allen Integrationsprojekten, etwa am Euro oder am Schengen-Raum.


Vorgeschichte: Europäische Ideen vor 1945

Vorstellungen von einer europäischen Ordnung reichen weit zurück. Sie dürfen jedoch nicht vorschnell mit der heutigen EU gleichgesetzt werden. Mittelalterliche Ideen einer christlichen Einheit, frühneuzeitliche Friedenspläne und philosophische Entwürfe unterschieden sich grundlegend von moderner demokratischer Integration.

Immanuel Kant entwarf 1795 in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ die Idee eines Bundes freier Staaten. Im 19. Jahrhundert sprach Victor Hugo von möglichen „Vereinigten Staaten von Europa“. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden neue Einigungsbewegungen. Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi gründete 1922 die Paneuropa-Union. Der französische Politiker Aristide Briand legte 1929 und 1930 Vorschläge für eine europäische föderale Verbindung vor.

Diese Projekte scheiterten an gegensätzlichen nationalen Interessen, der Weltwirtschaftskrise, autoritären Regimen, aggressivem Nationalismus und der mangelnden Bereitschaft, staatliche Entscheidungsrechte dauerhaft zu teilen. Der Zweite Weltkrieg zerstörte schließlich die Grundlagen einer friedlichen europäischen Ordnung.


Europaideen im Widerstand und Exil

Während der nationalsozialistischen Herrschaft und des Krieges entwickelten Widerstandsgruppen und Exilpolitiker Pläne für eine europäische Nachkriegsordnung. Das Manifest von Ventotene von 1941, verfasst unter anderem von Altiero Spinelli und Ernesto Rossi, forderte eine föderale Neuordnung Europas. Andere Gruppen bevorzugten einen lockeren Staatenbund.

Diese Unterschiede wirkten nach 1945 fort. Föderalisten wollten starke europäische Institutionen. Konföderale Modelle betonten die fortbestehende Souveränität der Nationalstaaten. Funktionalistische Ansätze setzten zunächst auf konkrete Zusammenarbeit in begrenzten Sachbereichen.


Die Zäsur von 1945

1945 lagen große Teile Europas in Trümmern. Millionen Menschen waren getötet, verfolgt, vertrieben oder entwurzelt worden. Der Nationalsozialismus, der Holocaust, Besatzungserfahrungen und der Zusammenbruch staatlicher Ordnungen prägten die Nachkriegsgesellschaften. Zugleich verlor Europa gegenüber den neuen Supermächten USA und Sowjetunion an weltpolitischem Gewicht.

Die Teilung Europas im Kalten Krieg begrenzte den frühen Einigungsprozess auf Westeuropa. Die Staaten Mittel- und Osteuropas standen unter sowjetischem Einfluss. Die europäische Einigung war daher zunächst zugleich Friedensprojekt, westliches Bündnisprojekt und Teil einer entstehenden Blockordnung.

Der amerikanische Marshallplan förderte ab 1948 den wirtschaftlichen Wiederaufbau und verlangte europäische Abstimmung. Zur Koordination entstand die OEEC. Ebenfalls 1948 versammelte der Haager Europa-Kongress Vertreter unterschiedlicher europäischer Bewegungen. 1949 wurde der Europarat gegründet. Er widmete sich Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit, blieb jedoch außerhalb der späteren Europäischen Gemeinschaften.


Motive der Einigung nach dem Krieg

Motiv Historischer Zusammenhang
Friedenssicherung Dauerhafte Verflechtung sollte einen neuen Krieg zwischen europäischen Staaten, besonders zwischen Frankreich und Deutschland, erschweren.
Deutsch-französische Aussöhnung Die Kontrolle kriegswichtiger Industrien und die politische Einbindung der Bundesrepublik sollten Sicherheit und Gleichberechtigung miteinander verbinden.
Wiederaufbau Größere Märkte, arbeitsteilige Produktion und der Abbau von Handelsschranken sollten wirtschaftliches Wachstum ermöglichen.
Sicherheit im Kalten Krieg Westeuropäische Zusammenarbeit sollte politische Stabilität stärken und die westliche Allianz ergänzen.
Dekolonisation Der Zerfall europäischer Kolonialreiche veränderte die außenpolitische Stellung der Mitgliedstaaten und prägte Handels-, Assoziierungs- und Migrationsbeziehungen.
Demokratie und Rechtsstaat Westliche Integration wurde zunehmend mit parlamentarischer Demokratie und rechtsstaatlicher Ordnung verbunden.
Weltpolitischer Einfluss Gemeinsam konnten europäische Staaten wirtschaftlich und diplomatisch stärker auftreten als einzeln.


Der Schuman-Plan und die Montanunion

Im Salon de l’Horloge stellte Robert Schuman am 9. Mai 1950 seinen Plan vor.
Im Salon de l’Horloge stellte Robert Schuman am 9. Mai 1950 seinen Plan vor.

Am 9. Mai 1950 präsentierte der französische Außenminister Robert Schuman einen von Jean Monnet maßgeblich vorbereiteten Plan. Die französische und westdeutsche Kohle- und Stahlproduktion sollte einer gemeinsamen „Hohen Behörde“ unterstellt werden. Andere europäische Staaten konnten sich anschließen.

Kohle und Stahl waren Schlüsselindustrien für Wirtschaft und Rüstung. Ihre gemeinsame Kontrolle sollte einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur politisch unerwünscht, sondern materiell schwerer durchführbar machen. Gleichzeitig sollte die westdeutsche Industrie in eine gleichberechtigte europäische Ordnung eingebunden werden.

Die sechs Gründungsstaaten der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl
Die sechs Gründungsstaaten der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl

Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande unterzeichneten am 18. April 1951 den Vertrag von Paris. Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, auch Montanunion genannt, trat 1952 in Kraft. Ihre Organe umfassten die Hohe Behörde, einen Ministerrat, eine Gemeinsame Versammlung und einen Gerichtshof.

Die Montanunion war neuartig, weil sie nicht nur auf freiwilliger Abstimmung zwischen Regierungen beruhte. Die Mitgliedstaaten schufen gemeinsame Institutionen mit eigenständigen Befugnissen. Damit entstand ein frühes Beispiel für Supranationalität.


Grenzen und Alternativen der frühen Integration

Der Erfolg der Montanunion bedeutete nicht, dass jede weitere Integration gelang. 1952 unterzeichneten sechs Staaten einen Vertrag über eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft. Sie sollte unter anderem westdeutsche Truppen in eine europäische Armee einbinden. Die französische Nationalversammlung verweigerte 1954 jedoch die Zustimmung.

Das Scheitern zeigt, dass militärische und außenpolitische Souveränität politisch empfindlicher war als wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die Einigung verlagerte sich deshalb wieder stärker auf funktionale und wirtschaftliche Bereiche. Nicht verwirklichte Projekte sind für die Geschichtswissenschaft wichtig, weil sie verdeutlichen, dass der spätere Weg nicht vorgegeben war.


Die Römischen Verträge und das „Europa der Sechs“

Nach der Konferenz von Messina 1955 bereitete ein Ausschuss unter Leitung von Paul-Henri Spaak eine breitere wirtschaftliche Integration vor. Am 25. März 1957 unterzeichneten die sechs Staaten die Römischen Verträge. Sie traten am 1. Januar 1958 in Kraft.

Datei:EU60- Signing of the Treaties of Rome.webm

Die Verträge gründeten:

  1. die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft mit dem Ziel eines gemeinsamen Marktes und einer Zollunion.
  2. die Europäische Atomgemeinschaft zur Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie.

Die EWG erfasste weit mehr Wirtschaftsbereiche als die Montanunion. Zölle zwischen den Mitgliedstaaten wurden schrittweise abgebaut. 1968 war die Zollunion verwirklicht. Mit der Gemeinsamen Agrarpolitik entstand ein besonders bedeutender und kostenintensiver Politikbereich. Der Europäische Sozialfonds sollte Beschäftigung und berufliche Mobilität unterstützen.


Institutionen und Machtkonflikte

Die Gemeinschaft verfügte über eine Kommission, einen Ministerrat, eine parlamentarische Versammlung und einen Gerichtshof. Die Kommission sollte gemeinsame Interessen vertreten und Vorschläge erarbeiten. Im Ministerrat entschieden Vertreter der Mitgliedstaaten. Die Versammlung entwickelte sich später zum Europäischen Parlament. Der Europäische Gerichtshof stärkte durch seine Rechtsprechung die unmittelbare Wirkung und den Vorrang des Gemeinschaftsrechts.

Die frühe Integration war von Konflikten über das Verhältnis zwischen supranationalen Organen und Nationalstaaten geprägt. Der französische Präsident Charles de Gaulle vertrat ein „Europa der Staaten“ und lehnte eine zu starke supranationale Entwicklung ab. In der Krise des leeren Stuhls von 1965 blieb Frankreich den Ratssitzungen zeitweise fern. Der Luxemburger Kompromiss von 1966 entschärfte den Konflikt und stärkte faktisch das Streben nach Einstimmigkeit bei als besonders wichtig angesehenen nationalen Interessen.

1967 wurden die Exekutivorgane von Montanunion, EWG und Euratom zusammengeführt. Seitdem sprach man häufig von den Europäischen Gemeinschaften.


Erweiterung, Demokratisierung und neue Zusammenarbeit

Informationsplakat zur ersten Direktwahl des Europäischen Parlaments 1979
Informationsplakat zur ersten Direktwahl des Europäischen Parlaments 1979

Die 1970er- und 1980er-Jahre waren durch Erweiterungen, wirtschaftliche Krisen und institutionelle Neuerungen geprägt. 1973 traten Dänemark, Irland und das Vereinigte Königreich bei. Norwegen lehnte den Beitritt in einem Referendum ab. Griechenland folgte 1981, Spanien und Portugal 1986. Die Aufnahme der drei südeuropäischen Staaten unterstützte ihre Einbindung nach dem Ende autoritärer Regime.

1970 begann die Europäische Politische Zusammenarbeit als außenpolitische Abstimmung der Regierungen. 1974 beschlossen die Staats- und Regierungschefs regelmäßige Gipfeltreffen als Europäischer Rat. 1979 wählten die Bürgerinnen und Bürger der Mitgliedstaaten das Europäische Parlament erstmals direkt. Ebenfalls 1979 entstand das Europäische Währungssystem, das Wechselkursschwankungen begrenzen sollte.

Die Erweiterungen vergrößerten den gemeinsamen Markt, erhöhten aber auch die wirtschaftliche und politische Vielfalt. Damit stellte sich immer deutlicher die Frage, wie Erweiterung und Vertiefung miteinander verbunden werden konnten.


Binnenmarkt, Schengen und die Einheitliche Europäische Akte

In den frühen 1980er-Jahren wurde häufig von einer Stagnation der Integration gesprochen. Wirtschaftliche Probleme, nationale Interessengegensätze und komplizierte Entscheidungsverfahren erschwerten gemeinsame Fortschritte. Unter dem Kommissionspräsidenten Jacques Delors gewann das Projekt eines europäischen Binnenmarktes neue Dynamik.

Die 1986 unterzeichnete und 1987 in Kraft getretene Einheitliche Europäische Akte war die erste große Änderung der Römischen Verträge. Sie weitete Mehrheitsentscheidungen aus, stärkte die Rolle des Europäischen Parlaments und setzte das Ziel, den Binnenmarkt bis Ende 1992 zu vollenden.

Die vier Grundfreiheiten des Binnenmarktes betreffen den freien Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital. Der Binnenmarkt wurde zum 1. Januar 1993 formell verwirklicht, blieb aber ein fortlaufendes rechtliches und politisches Projekt.

Denkmal in Schengen zur Erinnerung an den Abbau der Personenkontrollen an vielen europäischen Binnengrenzen
Denkmal in Schengen zur Erinnerung an den Abbau der Personenkontrollen an vielen europäischen Binnengrenzen

1985 unterzeichneten zunächst fünf Staaten das Schengener Abkommen. Das 1990 vereinbarte Durchführungsübereinkommen trat 1995 praktisch in Kraft. Grenzkontrollen an den Binnengrenzen wurden schrittweise abgebaut, während gemeinsame Regeln für Außengrenzen, Visa und polizeiliche Zusammenarbeit entstanden. Der Schengen-Raum ist nicht deckungsgleich mit der EU. Nicht alle EU-Staaten beteiligten sich jederzeit in gleicher Weise, und auch einige Nicht-EU-Staaten gehören zum Schengen-System.


1989 bis 1993: Ende der Teilung und Gründung der Europäischen Union

Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor im November 1989
Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor im November 1989

Die Revolutionen von 1989, der Fall der Berliner Mauer, die deutsche Vereinigung 1990 und der Zerfall der Sowjetunion veränderten die politische Ordnung Europas grundlegend. Die bis dahin westeuropäisch geprägten Gemeinschaften mussten ihre Rolle in einem nicht mehr durch den Ost-West-Konflikt geteilten Europa neu bestimmen.

Die deutsche Einheit war eng mit europäischer Einbindung verbunden. Das Gebiet der ehemaligen DDR wurde 1990 Teil der Bundesrepublik und damit des Gemeinschaftsgebiets. Zugleich gewann die Perspektive einer späteren Mitgliedschaft der mittel- und osteuropäischen Staaten an Bedeutung.

Am 7. Februar 1992 wurde der Vertrag von Maastricht unterzeichnet. Er trat am 1. November 1993 in Kraft und begründete die Europäische Union.

Deutsche Unterschriften unter dem Vertrag von Maastricht
Deutsche Unterschriften unter dem Vertrag von Maastricht


Zentrale Neuerungen von Maastricht

Bereich Neuerung
Europäische Union Die bestehenden Gemeinschaften wurden in eine umfassendere Union eingebettet.
Unionsbürgerschaft Staatsangehörige der Mitgliedstaaten erhielten ergänzende europäische Rechte, etwa Freizügigkeit sowie kommunales Wahlrecht am Wohnort unter festgelegten Bedingungen.
Europäische Wirtschafts- und Währungsunion Ein Stufenplan führte zur gemeinsamen Währung und zur Europäischen Zentralbank.
Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik Die Regierungen schufen einen Rahmen für engere außen- und sicherheitspolitische Zusammenarbeit.
Zusammenarbeit in Justiz und Inneres Fragen wie Asyl, Einwanderung und polizeiliche Zusammenarbeit wurden stärker europäisch koordiniert.
Subsidiaritätsprinzip Die Zuständigkeitsverteilung zwischen europäischer und nationaler Ebene wurde als politisches und rechtliches Leitprinzip hervorgehoben.
Mitentscheidungsverfahren Das Europäische Parlament erhielt in bestimmten Bereichen stärkere Gesetzgebungsrechte.

Das sogenannte Drei-Säulen-Modell verband supranationale Gemeinschaftspolitiken mit stärker zwischenstaatlich organisierten Bereichen. Maastricht war daher kein Schritt zu einem einheitlichen europäischen Bundesstaat, sondern ein komplizierter Kompromiss zwischen Integration und nationaler Kontrolle.

Der Vertrag löste intensive Debatten aus. In Dänemark wurde er erst nach einem zunächst ablehnenden Referendum und ausgehandelten Sonderregelungen angenommen. Auch in anderen Staaten wurden Sorgen über Demokratie, Währungssouveränität, soziale Folgen und nationale Identität sichtbar.


Von Maastricht zur großen Erweiterung

1995 traten Österreich, Finnland und Schweden der EU bei. Die Zahl der Mitgliedstaaten stieg damit auf 15. Der Vertrag von Amsterdam wurde 1997 unterzeichnet und trat 1999 in Kraft. Er stärkte unter anderem die Rolle des Europäischen Parlaments und überführte wesentliche Teile der Schengen-Zusammenarbeit in den EU-Rahmen.

Der Vertrag von Nizza von 2001, in Kraft seit 2003, sollte die Institutionen auf die bevorstehende Erweiterung vorbereiten. Dabei ging es besonders um Stimmengewichtung, Mehrheitsentscheidungen und die Zusammensetzung der Organe.

1993 formulierte der Europäische Rat die Kopenhagener Kriterien. Beitrittskandidaten sollten stabile demokratische und rechtsstaatliche Institutionen, eine funktionsfähige Marktwirtschaft sowie die Fähigkeit zur Übernahme des gemeinsamen Rechtsbestands besitzen.

Animation der Erweiterungen von den Europäischen Gemeinschaften zur Europäischen Union
Animation der Erweiterungen von den Europäischen Gemeinschaften zur Europäischen Union

Am 1. Mai 2004 traten Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, die Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern bei. Es war die bisher größte Erweiterungsrunde. Bulgarien und Rumänien folgten 2007, Kroatien 2013.

Die Osterweiterung wurde häufig als Überwindung der europäischen Nachkriegsteilung gedeutet. Sie stabilisierte demokratische und marktwirtschaftliche Transformationen, öffnete neue wirtschaftliche Räume und verschob politische Gewichte. Gleichzeitig blieben soziale Unterschiede, wirtschaftliche Abhängigkeiten, Migrationskonflikte und unterschiedliche historische Erfahrungen bestehen.


Der Euro als Integrationsprojekt

Die Wirtschafts- und Währungsunion entwickelte sich in mehreren Stufen. 1998 wurde die Europäische Zentralbank gegründet. Am 1. Januar 1999 wurde der Euro als Buch- und Giralgeld eingeführt. Euro-Banknoten und -Münzen kamen am 1. Januar 2002 in Umlauf.

Die gemeinsame Währung sollte Wechselkursrisiken senken, Handel erleichtern und den Binnenmarkt vertiefen. Zugleich entstand eine besondere Konstruktion: Die Geldpolitik wurde zentralisiert, während Haushalts-, Steuer- und große Teile der Wirtschaftspolitik überwiegend in nationaler Verantwortung blieben. Diese Spannung wurde während der späteren Staatsschulden- und Bankenkrisen besonders sichtbar.

Die Eurozone ist nicht mit der EU identisch. Einige EU-Staaten führten den Euro später ein, andere beteiligten sich nicht oder verfügten über besondere Regelungen. Der Euro ist deshalb ein Beispiel für differenzierte Integration.


Verfassungsdebatte und Vertrag von Lissabon

Nach der großen Erweiterung sollte ein Vertrag über eine Verfassung für Europa die bestehenden Verträge vereinfachen und die EU politisch sichtbarer machen. Der Vertrag wurde 2004 unterzeichnet. Referenden in Frankreich und den Niederlanden lehnten ihn 2005 jedoch ab. Das Verfassungsprojekt trat nicht in Kraft.

Die Ablehnungen hatten unterschiedliche Ursachen. Dazu gehörten soziale und wirtschaftliche Sorgen, Kritik an nationalen Regierungen, Zweifel an der demokratischen Legitimation der EU, Angst vor Kontrollverlust und Kritik am Tempo der Erweiterung. Referenden über europäische Verträge sind daher nicht nur Abstimmungen über Vertragstexte, sondern häufig auch Ausdruck nationaler Konflikte.

2007 wurde der Vertrag von Lissabon unterzeichnet. Er trat am 1. Dezember 2009 in Kraft.

Unterzeichnung des Vertrags von Lissabon am 13. Dezember 2007
Unterzeichnung des Vertrags von Lissabon am 13. Dezember 2007

Der Vertrag von Lissabon:

  1. verlieh der EU eine einheitliche Rechtspersönlichkeit.
  2. stärkte die Gesetzgebungs- und Haushaltsrechte des Europäischen Parlaments.
  3. weitete Mehrheitsentscheidungen im Rat aus.
  4. schuf ein längerfristiges Amt für den Vorsitz des Europäischen Rates.
  5. stärkte das Amt des Hohen Vertreters für Außen- und Sicherheitspolitik.
  6. machte die Charta der Grundrechte der Europäischen Union rechtlich verbindlich.
  7. führte Instrumente wie die Europäische Bürgerinitiative ein.
  8. stärkte die Beteiligungs- und Kontrollmöglichkeiten nationaler Parlamente.

Lissabon schuf keinen europäischen Bundesstaat. Die EU blieb ein mehrstufiges politisches System, in dem supranationale und zwischenstaatliche Elemente miteinander verbunden sind.


Krisen, Konflikte und umstrittene Integration seit 2008

Krisen sind nicht nur Störungen der europäischen Einigung. Sie können bestehende Konstruktionsprobleme offenlegen, neue Solidarität erzeugen, nationale Gegensätze verschärfen oder zusätzliche Integration auslösen.


Finanz-, Banken- und Staatsschuldenkrisen

Die globale Finanzkrise ab 2008 traf die europäischen Staaten unterschiedlich. In der Eurozone verbanden sich Bankenprobleme, hohe Staatsschulden, wirtschaftliche Ungleichgewichte und institutionelle Schwächen. Rettungsprogramme, Sparauflagen, neue Kontrollverfahren und der Europäische Stabilitätsmechanismus waren politisch stark umstritten.

Die Krisenpolitik vertiefte die Zusammenarbeit, erzeugte aber zugleich Konflikte zwischen Gläubiger- und Schuldnerstaaten, europäischen Institutionen und nationalen Demokratien. Historisch zeigt sich hier, dass Integration sowohl Solidarität als auch Machtasymmetrien hervorbringen kann.


Flucht, Migration und Grenzpolitik

2015 und in den Folgejahren verschärften Fluchtbewegungen und uneinheitliche Asylpolitiken Konflikte innerhalb der EU. Streitpunkte waren die Verteilung Schutzsuchender, die Verantwortung von Grenzstaaten, humanitäre Verpflichtungen, Grenzkontrollen und die Zusammenarbeit mit Drittstaaten.

Die Auseinandersetzungen verdeutlichten die Spannung zwischen offenen Binnengrenzen, gemeinsamer Außengrenze, nationalen Zuständigkeiten und universellen Menschenrechten.


Brexit

Am 23. Juni 2016 stimmte eine Mehrheit der Teilnehmenden am britischen Referendum für den Austritt aus der EU. Das Vereinigte Königreich verließ die Union am 31. Januar 2020. Der Brexit war der erste Austritt eines Mitgliedstaates und widerlegte die Vorstellung, europäische Integration sei grundsätzlich unumkehrbar.

Grafisches Symbol für den Brexit
Grafisches Symbol für den Brexit

Der Brexit hatte langfristige Ursachen: britische Sonderwege, innerparteiliche Konflikte, Debatten über Souveränität, Migration, wirtschaftliche Regulierung, regionale Unterschiede und die Wirkung politischer Kampagnen. Das Abstimmungsergebnis darf daher nicht auf einen einzigen Faktor reduziert werden.


Pandemie, Krieg und geopolitische Neuorientierung

Die COVID-19-Pandemie ab 2020 führte zunächst zu nationalen Grenzschließungen und Konkurrenz um medizinische Güter. Später entstanden gemeinsame Beschaffungs- und Finanzierungsinstrumente. Die EU-Kommission nahm im Rahmen des Wiederaufbauprogramms Mittel an den Kapitalmärkten auf. Dies wurde als bedeutender, aber begrenzter Integrationsschritt diskutiert.

Der russische Großangriff auf die Ukraine seit 2022 veränderte die europäische Sicherheitsordnung. Sanktionen, Energiepolitik, militärische Unterstützung, Aufnahme Schutzsuchender und eine neue geopolitische Bedeutung der Erweiterungspolitik wurden zu zentralen Themen. Gleichzeitig blieben nationale Interessen und unterschiedliche Bedrohungswahrnehmungen wirksam.


Demokratie und Rechtsstaatlichkeit

Konflikte über richterliche Unabhängigkeit, Medienfreiheit, Korruption und Minderheitenrechte betreffen die Grundlagen der Union. Die EU verfügt über Vertragsverletzungsverfahren, politische Verfahren und finanzielle Instrumente. Ihre Anwendung zeigt jedoch, wie schwierig es ist, gemeinsame Werte gegenüber demokratisch gewählten nationalen Regierungen durchzusetzen.

Das Europäische Parlament in Straßburg während einer Plenarsitzung
Das Europäische Parlament in Straßburg während einer Plenarsitzung


Historische Deutungen der europäischen Integration

Die Geschichtswissenschaft fragt nicht nur, was geschah, sondern auch, warum sich Integration in bestimmten Phasen vertiefte, verlangsamte oder veränderte.

Ansatz Kerngedanke Historische Prüffrage
Föderalismus Europa soll durch eine politische Ordnung mit geteilten Zuständigkeiten dauerhaft geeint werden. Welche Akteure strebten eine europäische Verfassung oder starke gemeinsame Institutionen an?
Funktionalismus Zusammenarbeit in sachlich begrenzten Bereichen schafft praktische Vorteile und Vertrauen. Warum begann die Integration mit Kohle, Stahl und Wirtschaft statt mit einer umfassenden politischen Union?
Neofunktionalismus Integration in einem Bereich erzeugt Druck zur Integration angrenzender Bereiche. Dieser Prozess wird als Spill-over beschrieben. Führte der Binnenmarkt zwangsläufig zu gemeinsamer Währungs-, Sozial- oder Grenzpolitik?
Intergouvernementalismus Nationale Regierungen bleiben die entscheidenden Akteure und integrieren nur, wenn es ihren Interessen entspricht. Wie prägten Gipfeltreffen, Vetos und nationale Verhandlungen die Vertragsentwicklung?
Liberaler Intergouvernementalismus Nationale Präferenzen entstehen aus innerstaatlichen Interessen; Regierungen handeln anschließend europäische Kompromisse aus. Welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gruppen beeinflussten nationale Verhandlungspositionen?
Mehrebenen-Governance Entscheidungen entstehen im Zusammenspiel europäischer, nationaler, regionaler und lokaler Ebenen. Wie verteilen sich Macht und Verantwortung zwischen Kommission, Rat, Parlament, Gerichten und Regionen?
Kritische und sozialhistorische Ansätze Integration wird auch durch Ungleichheit, Arbeit, Migration, Geschlechterverhältnisse, Kolonialgeschichte und soziale Bewegungen geprägt. Wessen Erfahrungen fehlen in einer ausschließlich auf Verträge und Staatsmänner konzentrierten Erzählung?

Kein einzelner Ansatz erklärt alle Phasen. Eine überzeugende historische Analyse kombiniert politische Entscheidungen, wirtschaftliche Interessen, gesellschaftliche Entwicklungen, internationale Rahmenbedingungen und die Eigenwirkung gemeinsamer Institutionen.


Akteure der europäischen Einigung

Die traditionelle Gründungserzählung hebt Männer wie Robert Schuman, Jean Monnet, Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Paul-Henri Spaak hervor. Ihre Bedeutung ist unbestreitbar. Dennoch entstand Integration nicht allein durch „Gründerväter“.

Zu den Akteuren gehörten ebenso:

  1. nationale Regierungen, Ministerien und Parlamente.
  2. europäische Beamte, Fachleute und Richter.
  3. Parteien, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und Unternehmen.
  4. Widerstandsbewegungen und föderalistische Vereinigungen.
  5. Bürgerinitiativen, Friedensbewegungen und Menschenrechtsorganisationen.
  6. Wählerinnen und Wähler in europäischen und nationalen Wahlen sowie Referenden.
  7. Migrantinnen und Migranten, Grenzpendler, Studierende und Beschäftigte, die europäische Freizügigkeit praktisch nutzten.
  8. Kritikerinnen und Kritiker, die Integrationsschritte ablehnten, begrenzten oder alternative Modelle forderten.

Eine geschlechtergeschichtliche und sozialhistorische Perspektive erweitert daher die institutionelle Erzählung. Sie fragt danach, wie europäische Regelungen Alltag, Arbeit, Bildung, Mobilität und soziale Rechte veränderten und wie unterschiedliche Gruppen diese Veränderungen erfuhren.


Die Institutionen im historischen Wandel

Institution Historische Entwicklung und Funktion
Europäische Kommission Ging aus den Exekutivorganen der Gemeinschaften hervor. Sie entwickelt Gesetzesvorschläge, überwacht die Anwendung des EU-Rechts und verwaltet Programme.
Rat der Europäischen Union Vertretung der Regierungen auf Ministerebene. Seine Entscheidungsverfahren entwickelten sich von starker Einstimmigkeitsorientierung zu mehr qualifizierten Mehrheitsentscheidungen.
Europäischer Rat Zusammenschluss der Staats- und Regierungschefs. Seit den 1970er-Jahren prägt er die strategische Richtung der Integration und vermittelt in Krisen.
Europäisches Parlament Entstand aus einer delegierten Versammlung, wird seit 1979 direkt gewählt und gewann schrittweise Gesetzgebungs-, Haushalts- und Kontrollrechte.
Gerichtshof der Europäischen Union Entwickelte durch Urteile zentrale Grundsätze der europäischen Rechtsordnung und überwacht die einheitliche Auslegung des EU-Rechts.
Europäische Zentralbank Seit 1998 für die Geldpolitik des Euroraums zuständig. Ihre Rolle wuchs besonders während der Finanz- und Staatsschuldenkrisen.
Nationale Parlamente Ratifizieren Verträge, kontrollieren Regierungen und wirken seit dem Vertrag von Lissabon stärker an der Subsidiaritätskontrolle mit.
Regionen und Kommunen Setzen zahlreiche europäische Regelungen um, nutzen Förderprogramme und wirken über den Ausschuss der Regionen mit.


Schlüsselkonflikte der europäischen Einigung

Konfliktlinie Leitfrage
Nationalstaat oder Föderation Wie weit sollen gemeinsame Institutionen eigenständig entscheiden?
Markt oder Sozialunion Reicht wirtschaftliche Integration aus, oder braucht sie stärkere gemeinsame Sozial-, Steuer- und Umverteilungspolitik?
Vertiefung oder Erweiterung Kann eine größere Union zugleich enger zusammenarbeiten?
Einheit oder Differenzierung Müssen alle Staaten an denselben Projekten teilnehmen?
Effizienz oder Demokratie Wie lassen sich schnelle Entscheidungen, parlamentarische Kontrolle und öffentliche Beteiligung verbinden?
Offene Grenzen oder Kontrolle Wie werden Freizügigkeit, Sicherheit, Asylrecht und Schutz der Außengrenzen miteinander verbunden?
Solidarität oder Eigenverantwortung Wie sollen Kosten und Risiken von Krisen zwischen Mitgliedstaaten verteilt werden?
Wertegemeinschaft oder Interessenbündnis Welche Folgen haben Verstöße gegen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit?
Zivile Macht oder geopolitischer Akteur Welche außen-, sicherheits- und verteidigungspolitische Rolle soll die EU übernehmen?


Chronologie der europäischen Einigung

Jahr Ereignis Historische Bedeutung
1922 Gründung der Paneuropa-Union Frühe organisierte Einigungsbewegung der Zwischenkriegszeit.
1929–1930 Europapläne von Aristide Briand Versuch einer föderalen Verbindung im Rahmen des Völkerbundes.
1941 Manifest von Ventotene Föderalistischer Entwurf aus dem antifaschistischen Widerstand.
1948 Haager Europa-Kongress und Gründung der OEEC Mobilisierung der Europabewegung und wirtschaftliche Koordination des Marshallplans.
1949 Gründung des Europarates Zwischenstaatliche Organisation für Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit.
1950 Schuman-Erklärung Vorschlag zur gemeinsamen Kontrolle von Kohle und Stahl.
1951 Unterzeichnung des Pariser Vertrags Gründung der Montanunion; Inkrafttreten 1952.
1954 Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft Rückschlag für eine frühe politische und militärische Union.
1957 Unterzeichnung der Römischen Verträge Gründung von EWG und Euratom; Inkrafttreten 1958.
1965–1966 Krise des leeren Stuhls und Luxemburger Kompromiss Konflikt über Mehrheitsentscheidungen und nationale Souveränität.
1967 Fusionsvertrag Gemeinsame Exekutivorgane der drei Gemeinschaften.
1968 Vollendung der Zollunion Abbau der Binnenzölle und gemeinsamer Außenzoll.
1973 Erste Erweiterung Beitritt Dänemarks, Irlands und des Vereinigten Königreichs.
1974 Institutionalisierung regelmäßiger Gipfel als Europäischer Rat Stärkere strategische Führung durch die Staats- und Regierungschefs.
1979 Erste Direktwahl des Europäischen Parlaments Ausbau der demokratischen Legitimation.
1981 Beitritt Griechenlands Integration einer jungen südeuropäischen Demokratie.
1985 Schengener Abkommen Beginn des schrittweisen Abbaus von Personenkontrollen an Binnengrenzen.
1986 Beitritt Spaniens und Portugals; Unterzeichnung der Einheitlichen Europäischen Akte Süderweiterung und neue Dynamik für den Binnenmarkt.
1989 Revolutionen in Mittel- und Osteuropa Ende der europäischen Nachkriegsteilung.
1990 Deutsche Einheit Einbindung des vereinten Deutschlands in die Europäischen Gemeinschaften.
1992 Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht Politischer und institutioneller Übergang zur Europäischen Union.
1993 Inkrafttreten von Maastricht und Vollendung des Binnenmarktes Beginn der EU und Umsetzung der vier Grundfreiheiten.
1995 Beitritt Österreichs, Finnlands und Schwedens; praktische Umsetzung von Schengen Erweiterung auf 15 Staaten und vertiefte Personenfreizügigkeit.
1997 Unterzeichnung des Vertrags von Amsterdam Institutionelle Reform und stärkere parlamentarische Beteiligung.
1999 Einführung des Euro als Buchgeld Beginn der gemeinsamen Währung in teilnehmenden Staaten.
2001 Unterzeichnung des Vertrags von Nizza Vorbereitung der Institutionen auf die große Erweiterung.
2002 Einführung von Euro-Bargeld Gemeinsame Währung wird im Alltag sichtbar.
2004 Große Osterweiterung Zehn neue Mitgliedstaaten treten bei.
2005 Ablehnung des Verfassungsvertrags in Frankreich und den Niederlanden Krise des Verfassungsprojekts und Debatte über Legitimation.
2007 Beitritt Bulgariens und Rumäniens; Unterzeichnung des Vertrags von Lissabon Weitere Erweiterung und neuer Reformkompromiss.
2009 Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon Neuordnung der Institutionen und Entscheidungsverfahren.
2013 Beitritt Kroatiens Jüngste Erweiterung der EU.
2016 Britisches Referendum über den EU-Austritt Erster erfolgreicher Austrittsprozess eines Mitgliedstaates.
2020 Austritt des Vereinigten Königreichs und Beginn der COVID-19-Pandemie Gleichzeitige Desintegration und neue Formen gemeinsamer Krisenpolitik.
2022 Russischer Großangriff auf die Ukraine Geopolitische Neuorientierung von Sicherheits-, Energie- und Erweiterungspolitik.


Quellenkritik und historische Methode

Die europäische Einigung ist außergewöhnlich gut dokumentiert. Verträge, Protokolle, Reden, Verwaltungsakten, Statistiken, Plakate, Fotografien, Filme, Interviews und Meinungsumfragen stehen in großer Zahl zur Verfügung. Die Materialfülle ersetzt jedoch keine Quellenkritik.


Leitfragen für die Quellenanalyse

  1. Quellenart: Handelt es sich um einen Vertrag, eine politische Rede, ein internes Protokoll, ein Wahlplakat, eine Fotografie, eine Statistik oder einen Zeitzeugenbericht?
  2. Urheber: Wer hat die Quelle erstellt, und welche institutionelle oder persönliche Position nahm diese Person ein?
  3. Adressat: An wen richtet sich die Quelle?
  4. Historischer Kontext: In welcher politischen Situation entstand sie?
  5. Intention: Soll die Quelle informieren, überzeugen, legitimieren, mobilisieren oder eine Entscheidung rechtlich festhalten?
  6. Perspektivität: Welche Interessen und Wertungen prägen die Darstellung?
  7. Überlieferung: Ist die Quelle vollständig, übersetzt, gekürzt oder nachträglich bearbeitet?
  8. Aussagegrenze: Welche Fragen kann die Quelle beantworten, und welche nicht?
  9. Vergleich: Welche Gegenquellen oder zusätzlichen Materialien sind notwendig?
  10. Rezeption: Wie wurde die Quelle damals aufgenommen und später erinnert?


Beispiel: Die Schuman-Erklärung als Quelle

Die Schuman-Erklärung ist zugleich politisches Programm, diplomatisches Angebot und öffentliche Inszenierung. Bei der Analyse solltest Du zwischen ihrem normativen Friedensversprechen und den konkreten Interessen Frankreichs unterscheiden. Prüfe außerdem, wie die Rolle Deutschlands beschrieben wird, welche wirtschaftlichen Bereiche ausgewählt werden und warum die vorgeschlagene Hohe Behörde institutionell neuartig war.

Die Erklärung darf nicht isoliert gelesen werden. Ergänzend sind Regierungsakten, Reaktionen anderer Staaten, wirtschaftliche Daten und spätere Erinnerungen heranzuziehen. So wird sichtbar, dass eine öffentlich wirkungsvolle Rede nur ein Teil eines komplexen Aushandlungsprozesses war.


Erinnerungskultur und europäische Meistererzählungen

Die EU erzählt ihre Geschichte häufig als Erfolg von Frieden, Versöhnung, Demokratie und Wohlstand. Diese Erzählung stiftet Legitimation und gemeinsame Identität. Historisch ist sie jedoch zu prüfen und zu ergänzen.

Eine kritische Erinnerungsgeschichte fragt:

  1. Welche Rolle spielen Krieg, Holocaust und Diktatur in europäischen Selbstdarstellungen?
  2. Werden Kolonialismus, Dekolonisation und postkoloniale Beziehungen ausreichend berücksichtigt?
  3. Warum dominieren Verträge, Gipfel und männliche Staatsmänner viele Darstellungen?
  4. Wie erscheinen soziale Konflikte, Streiks, Migration, Grenzerfahrungen und Protestbewegungen?
  5. Welche Erfahrungen machen Staaten, die der EU später beitraten oder außerhalb blieben?
  6. Wie verändern Krisen und der Brexit die Vorstellung eines unumkehrbaren Einigungsprozesses?

Die Friedensleistung der Integration ist historisch bedeutsam. Frieden in Westeuropa beruhte jedoch zugleich auf Demokratisierung, wirtschaftlichem Wiederaufbau, amerikanischer Sicherheitsgarantie, NATO, Abschreckung im Kalten Krieg und gesellschaftlichem Wandel. Eine differenzierte Deutung vermeidet sowohl unkritische Erfolgsgeschichten als auch pauschale Abwertungen.


Zusammenfassung

Die europäische Einigung entstand aus den Erfahrungen von Krieg, Diktatur, wirtschaftlicher Zerstörung und internationalem Machtverlust. Der Schuman-Plan verband Friedenspolitik mit konkreter wirtschaftlicher Verflechtung. Die Montanunion schuf erste supranationale Institutionen. Die Römischen Verträge erweiterten die Zusammenarbeit zum gemeinsamen Markt.

Erweiterungen, Direktwahlen, Binnenmarkt, Schengen, Maastricht, Euro und Lissabon veränderten Reichweite und Charakter der Integration. Der Prozess verband stets supranationale und zwischenstaatliche Elemente. Nationale Regierungen blieben entscheidend, doch europäische Institutionen entwickelten eigene Handlungsmöglichkeiten.

Die europäische Einigung ist weder abgeschlossen noch zwangsläufig. Finanzkrisen, Migrationskonflikte, Brexit, Pandemie, Rechtsstaatsfragen und der Krieg gegen die Ukraine zeigen, dass Integration immer wieder neu ausgehandelt wird. Ihre Geschichte ist deshalb eine Geschichte von Friedenssuche und Machtpolitik, von Kooperation und Konflikt, von Öffnung und Abgrenzung, von demokratischen Fortschritten und fortbestehenden Legitimationsproblemen.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Welches unmittelbare Ziel verfolgte der Schuman-Plan von 1950? (Gemeinsame Kontrolle der Kohle- und Stahlproduktion) (!Sofortige Einführung einer europäischen Einheitswährung) (!Gründung eines gesamteuropäischen Militärbündnisses) (!Auflösung aller europäischen Nationalstaaten)




Welche sechs Staaten gründeten die Montanunion? (Belgien Bundesrepublik Deutschland Frankreich Italien Luxemburg und Niederlande) (!Dänemark Irland Norwegen Schweden Spanien und Portugal) (!Frankreich Polen Spanien Griechenland Österreich und Belgien) (!Bundesrepublik Deutschland Vereinigtes Königreich Schweiz Italien Norwegen und Luxemburg)




Welche Gemeinschaften entstanden durch die Römischen Verträge? (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und Europäische Atomgemeinschaft) (!Europarat und Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) (!NATO und Warschauer Pakt) (!Europäische Zentralbank und Europäischer Stabilitätsmechanismus)




Was geschah 1979 erstmals? (Direktwahl des Europäischen Parlaments) (!Einführung des Euro-Bargelds) (!Austritt eines Mitgliedstaates) (!Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht)




Welches Ziel war zentral für die Einheitliche Europäische Akte? (Vollendung des europäischen Binnenmarktes) (!Abschaffung des Europäischen Parlaments) (!Gründung der Montanunion) (!Einführung einer gemeinsamen europäischen Armee)




Welche Entwicklung ist mit dem Vertrag von Maastricht verbunden? (Gründung der Europäischen Union) (!Gründung des Europarates) (!Auflösung der Europäischen Gemeinschaften ohne Nachfolge) (!Einführung des Schengener Abkommens von 1985)




Warum gilt die Erweiterung von 2004 als historisch besonders bedeutsam? (Zehn Staaten traten gleichzeitig der Europäischen Union bei) (!Alle europäischen Staaten wurden automatisch Mitglieder) (!Der Euro wurde erstmals als Bargeld eingeführt) (!Das Vereinigte Königreich trat aus der Union aus)




Wann trat der Vertrag von Lissabon in Kraft? (2009) (!1952) (!1979) (!1993)




Was bedeutet Supranationalität? (Gemeinsame Organe besitzen übertragene eigene Entscheidungsbefugnisse) (!Jeder Staat kann ausschließlich allein entscheiden) (!Europäische Zusammenarbeit findet nur im Sport statt) (!Nationale Gesetze gelten niemals innerhalb der Europäischen Union)




Welche Aussage beschreibt die europäische Einigung historisch am treffendsten? (Sie entstand durch Krisen Konflikte Kompromisse und politische Entscheidungen) (!Sie verlief seit 1945 ohne Unterbrechung und ohne Widerstand) (!Sie war bereits 1950 in allen Einzelheiten festgelegt) (!Sie wurde ausschließlich von wirtschaftlichen Unternehmen gesteuert)





Memory

Schuman-Erklärung Gemeinsame Kohle- und Stahlkontrolle
Montanunion Sechs Gründungsstaaten
Römische Verträge EWG und Euratom
Direktwahl Europäisches Parlament
Einheitliche Europäische Akte Binnenmarktprogramm
Maastricht Gründung der Europäischen Union
Kopenhagener Kriterien Bedingungen für einen Beitritt
Lissabon Institutioneller Reformvertrag





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Historische Bedeutung
Schuman-Erklärung Plan für eine gemeinsame Kohle- und Stahlkontrolle
Römische Verträge Gründung von EWG und Euratom
Einheitliche Europäische Akte Ausbau des Binnenmarktprojekts
Vertrag von Maastricht Gründung der Europäischen Union
Vertrag von Lissabon Neuordnung von Institutionen und Entscheidungsverfahren






Kreuzworträtsel

Schuman Welcher französische Außenminister stellte 1950 den Einigungsplan vor?
Montanunion Wie lautet die Kurzbezeichnung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl?
Maastricht In welcher Stadt wurde 1992 der Vertrag über die Europäische Union unterzeichnet?
Schengen Welcher luxemburgische Ort gab dem Abkommen über offene Binnengrenzen seinen Namen?
Lissabon Nach welcher Stadt ist der 2007 unterzeichnete Reformvertrag benannt?
Binnenmarkt Wie heißt der gemeinsame Raum mit vier wirtschaftlichen Grundfreiheiten?





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Lückentext

Vervollständige den Text.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die dauerhafte Sicherung des

zu einem zentralen Motiv europäischer Zusammenarbeit.
Am 9. Mai 1950 stellte Robert Schuman die nach ihm benannte

vor.
Die Gemeinschaft für Kohle und Stahl wurde auch

genannt.
Die Römischen Verträge gründeten die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und

.
Seit 1979 wird das Europäische Parlament

gewählt.
Die Einheitliche Europäische Akte bereitete die Vollendung des

vor.
Der Vertrag von Maastricht begründete die Europäische

.
Der Euro wurde 1999 zunächst als

eingeführt.
Im Jahr 2004 traten der EU gleichzeitig

neue Staaten bei.
Der Vertrag von Lissabon trat im Jahr

in Kraft.
Der Austritt des Vereinigten Königreichs wird als

bezeichnet.
Historikerinnen und Historiker untersuchen Integration als offenen Prozess aus Interessen, Konflikten und

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Zeitleiste: Gestalte eine illustrierte Zeitleiste mit mindestens zehn Wendepunkten von der Schuman-Erklärung bis zum Brexit. Begründe zu jedem Ereignis in einem Satz, warum es historisch bedeutsam ist.
  2. Kartenanalyse: Vergleiche eine Karte des „Europa der Sechs“ mit einer Karte der EU nach der Erweiterung von 2004. Beschreibe räumliche Veränderungen und formuliere zwei historische Fragen.
  3. Begriffsnetz: Verbinde die Begriffe Supranationalität, Souveränität, Binnenmarkt, Erweiterung, Vertiefung und Subsidiarität in einem Schaubild. Erkläre jede Verbindung.
  4. Bildquelle: Wähle ein Commons-Bild aus diesem Kurs. Untersuche Urheber, Entstehungszeit, Bildausschnitt, dargestellte Akteure und mögliche Inszenierung.


Standard

  1. Quellenvergleich: Vergleiche zentrale Aussagen der Schuman-Erklärung mit den Zielen des Vertrags von Maastricht. Arbeite Kontinuitäten und Veränderungen heraus.
  2. Podcast: Produziere eine fünf- bis achtminütige Podcastfolge zur Frage, ob die europäische Einigung vor allem Friedensprojekt oder Wirtschaftsprojekt war. Nutze mindestens drei historische Belege.
  3. Debatte: Organisiere eine strukturierte Diskussion über die Aussage „Erweiterung stärkt die Europäische Union“. Entwickle Pro- und Contra-Argumente aus verschiedenen historischen Phasen.
  4. Oral History: Führe ein Interview mit einer Person, die Grenzkontrollen, die Einführung des Euro oder eine EU-Erweiterung bewusst erlebt hat. Ordne die Erinnerung kritisch in den historischen Kontext ein.


Schwer

  1. Forschungsessay: Prüfe auf sechs bis acht Seiten, ob die Geschichte der europäischen Einigung als lineare Erfolgsgeschichte erzählt werden kann. Beziehe mindestens zwei gescheiterte oder umstrittene Projekte ein.
  2. Planspiel: Simuliere eine Vertragskonferenz. Vertrete unterschiedliche Mitgliedstaaten, Kommission und Parlament und verhandle über Mehrheitsentscheidungen, Sozialpolitik, Erweiterung und Rechtsstaatlichkeit.
  3. Digitale Ausstellung: Erstelle eine quellengestützte Online-Ausstellung mit dem Titel „Europa an seinen Grenzen“. Verbinde Schengen, Migration, Erweiterung, Brexit und Außengrenzen in einer historischen Argumentation.
  4. Vergleichende Geschichte: Vergleiche die europäische Integration mit einer anderen regionalen Organisation. Untersuche Entstehungskontext, Institutionen, Souveränitätsübertragung und Konfliktregulierung, ohne vorschnelle Gleichsetzungen vorzunehmen.




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Lernkontrolle

  1. Kausalmodell: Entwickle ein Modell mit mindestens fünf Faktoren, das die Entstehung der Montanunion erklärt. Gewichte die Faktoren und begründe, warum eine monokausale Erklärung nicht ausreicht.
  2. Kontrafaktische Geschichte: Untersuche, wie sich der Integrationsprozess möglicherweise verändert hätte, wenn die Europäische Verteidigungsgemeinschaft 1954 ratifiziert worden wäre. Trenne plausible Folgen von bloßer Spekulation.
  3. Kontinuität und Wandel: Vergleiche die Rolle nationaler Regierungen in der Krise des leeren Stuhls, bei den Maastricht-Verhandlungen und in der Eurokrise. Formuliere eine übergreifende These.
  4. Demokratiedilemma: Erkläre anhand eines selbst gewählten Beispiels, warum eine effizientere europäische Entscheidungsfindung in Spannung zu nationaler parlamentarischer Kontrolle geraten kann. Entwickle einen Lösungsvorschlag.
  5. Erweiterungsanalyse: Beurteile, ob die Osterweiterung von 2004 eher als Abschluss der Nachkriegsordnung oder als Beginn einer neuen Konfliktphase verstanden werden sollte. Nutze politische, wirtschaftliche und erinnerungskulturelle Argumente.
  6. Krisenvergleich: Vergleiche Brexit und COVID-19-Pandemie als Herausforderungen der Integration. Untersuche, wann Krisen Desintegration fördern und wann sie neue gemeinsame Instrumente hervorbringen.
  7. Quellenkritische Synthese: Kombiniere eine politische Rede, eine Statistik und eine Fotografie zu einer Antwort auf die Frage, wie Europäisierung im Alltag sichtbar wurde. Bewerte die unterschiedlichen Aussagegrenzen.
  8. Urteilsbildung: Nimm begründet Stellung zur These „Die EU ist ein Friedensprojekt, aber keine Friedensgarantie“. Beziehe institutionelle, internationale und gesellschaftliche Bedingungen ein.


Lernnachweis

Für einen qualifizierten Lernnachweis sind folgende Leistungen wichtig:

  1. Chronologische Orientierung: Du ordnest zentrale Verträge, Erweiterungen und Krisen korrekt ein und erklärst ihre Beziehungen zueinander.
  2. Begriffsanwendung: Du verwendest Integration, Supranationalität, Intergouvernementalismus, Souveränität, Vertiefung und differenzierte Integration fachlich korrekt.
  3. Quellenkompetenz: Du analysierst Urheber, Adressat, Kontext, Intention, Perspektivität und Aussagegrenzen mindestens einer Primärquelle.
  4. Historische Erklärung: Du entwickelst eine mehrdimensionale Argumentation, die politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und internationale Faktoren verbindet.
  5. Deutungskompetenz: Du vergleichst mindestens zwei theoretische oder historiografische Erklärungsansätze.
  6. Kontroversität: Du stellst unterschiedliche Positionen fair dar und unterscheidest Sachurteil und Werturteil.
  7. Transfer: Du überträgst historische Erkenntnisse auf eine neue Fragestellung, ohne Gegenwart und Vergangenheit gleichzusetzen.
  8. Eigenständigkeit: Du formulierst eine überprüfbare Fragestellung, belegst Aussagen nachvollziehbar und kennzeichnest Übernahmen.
  9. Reflexion: Du erklärst, wie Auswahl und Anordnung von Ereignissen eine historische Erzählung formen.

Ein möglicher Lernnachweis besteht aus einer schriftlichen Quellenanalyse, einem argumentativen Essay und einer kurzen mündlichen Verteidigung der eigenen These.




OERs zum Thema

  1. Geschichte der Europäischen Union auf dem offiziellen EU-Portal
  2. Die Schuman-Erklärung beim Rat der Europäischen Union
  3. Dossier zur Geschichte der Europäischen Union bei der Bundeszentrale für politische Bildung
  4. EUR-Lex als Zugang zu Verträgen und Rechtsquellen
  5. Wikimedia Commons zur Geschichte der Europäischen Union
  6. Europäische Union
  7. Geschichte der Europäischen Union
  8. Europäische Integration
  9. Schuman-Erklärung
  10. Römische Verträge
  11. Vertrag von Maastricht
  12. Erweiterung der Europäischen Union



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