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Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine - Geschichte

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Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine - Geschichte




Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine - Geschichte

Studienfach: Geschichte Schwerpunkt: Neuere und neueste Geschichte, Osteuropäische Geschichte, Internationale Beziehungen, Völkerrecht und Medienkompetenz Niveau: gymnasiale Oberstufe, Ausbildung und Studium Stand des Kurses: Juli 2026

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist ein Schlüsselereignis der europäischen und globalen Zeitgeschichte. Die großangelegte Invasion begann am 24. Februar 2022. Sie eskalierte jedoch einen bereits seit 2014 geführten russisch-ukrainischen Krieg, der mit der Besetzung und völkerrechtswidrigen Annexion der Krim sowie den Kämpfen im Donbas begonnen hatte. Der Krieg ist deshalb nur verständlich, wenn Du kurzfristige Entscheidungen, längerfristige Entwicklungen und die politische Nutzung von Geschichte miteinander verbindest.[1]

Dieser aiMOOC behandelt die Ukraine als eigenständiges historisches Subjekt. Er erklärt weder die Geschichte des Landes ausschließlich aus russischer Perspektive noch reduziert er den Krieg auf einen Konflikt zwischen „Russland und dem Westen“. Im Mittelpunkt stehen die Souveränität der Ukraine, die Entscheidungen der beteiligten Akteure, die Erfahrungen der Bevölkerung und die Frage, wie historische Narrative zur Legitimation von Gewalt eingesetzt werden.

Hinweis zum sensiblen Thema: Einige Medien zeigen Kriegszerstörung. Betrachte sie respektvoll und nicht sensationsorientiert. Opferbilder dürfen niemals nur als Illustration verwendet werden. Frage stets nach Herkunft, Kontext, Einwilligung, Aussageabsicht und möglicher Instrumentalisierung.

Medienimpuls: Notiere vor dem Video drei Vermutungen über die historischen Ursachen des Krieges. Prüfe anschließend, welche Vermutungen bestätigt, verändert oder widerlegt werden.


Lernziele

Nach der Bearbeitung dieses aiMOOCs kannst Du historische Entwicklungen in mehreren Zeitebenen untersuchen und begründet beurteilen.

Kompetenzbereich Das kannst Du am Ende
Sachkompetenz Du ordnest zentrale Zäsuren von der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 über das Jahr 2014 bis zur großangelegten Invasion 2022 chronologisch ein.
Methodenkompetenz Du analysierst Reden, Verträge, Karten, Fotografien, Statistiken und soziale Medien mit den Verfahren der Quellenkritik.
Urteilskompetenz Du unterscheidest zwischen historischem Kontext, Ursache, Anlass, Verantwortung und nachträglicher Rechtfertigung.
Orientierungskompetenz Du beurteilst, welche Bedeutung der Krieg für europäische Sicherheit, internationales Recht, Erinnerungskultur und demokratische Gesellschaften besitzt.
Medienkompetenz Du erkennst typische Strategien von Propaganda, Desinformation, manipulierten Bildern und scheinbar neutralen Karten.
Handlungskompetenz Du entwickelst eigene historische Fragestellungen, recherchierst transparent und präsentierst Ergebnisse quellenbasiert.


Historischer Zugang: Wie lässt sich ein laufender Krieg untersuchen?

Zeitgeschichte wird häufig erforscht, während Zeitzeuginnen und Zeitzeugen noch leben und politische Folgen nicht abgeschlossen sind. Beim Krieg gegen die Ukraine ist diese Gleichzeitigkeit besonders anspruchsvoll: Frontverläufe ändern sich, Opferzahlen werden nachträglich korrigiert, Archive sind nur teilweise zugänglich und viele Akteure betreiben gezielte Informationspolitik.

Historisches Arbeiten verlangt deshalb eine klare Trennung:

  1. Ereignis: Was geschah nachweisbar, wann, wo und durch wen?
  2. Struktur: Welche politischen, sozialen, wirtschaftlichen und imperialen Bedingungen wirkten über längere Zeit?
  3. Handlungsspielraum: Welche Alternativen hatten Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger?
  4. Deutung: Wie erklären verschiedene Akteure dasselbe Geschehen?
  5. Urteil: Welche Interpretation ist durch Quellen und Forschung am besten begründet?

Ein historischer Zusammenhang kann eine Handlung erklären, ohne sie zu entschuldigen. Die Debatte über NATO-Erweiterung, russische Sicherheitsvorstellungen, ukrainische Innenpolitik oder westliche Fehleinschätzungen verändert daher nicht die grundlegende Verantwortungsfrage: Die russische Staatsführung entschied sich 2022 für eine großangelegte Invasion eines souveränen Nachbarstaates.


Grundbegriffe und trennscharfe Sprache

Begriff Bedeutung im Kurs
Angriffskrieg Ein Krieg, bei dem ein Staat militärische Gewalt gegen einen anderen Staat einsetzt, ohne dass dies durch Selbstverteidigung oder ein Mandat des UN-Sicherheitsrats gedeckt ist.
Invasion Das großangelegte Eindringen bewaffneter Kräfte in das Territorium eines anderen Staates.
Annexion Die gewaltsame Einverleibung fremden Staatsgebiets. Eine Besetzung wird nicht allein durch eine Annexion rechtmäßig.
Okkupation Die tatsächliche militärische Kontrolle über fremdes Gebiet, ohne dass die Souveränität auf die Besatzungsmacht übergeht.
Souveränität Das Recht eines Staates, seine inneren und äußeren Angelegenheiten grundsätzlich selbst zu bestimmen.
Territoriale Integrität Der völkerrechtliche Schutz des Staatsgebiets vor gewaltsamer Veränderung.
Kriegsverbrechen Schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht, für die Einzelpersonen strafrechtlich verantwortlich sein können.
Verbrechen der Aggression Die Planung, Vorbereitung, Einleitung oder Ausführung eines offenkundigen Angriffsakts durch Personen in staatlicher Führungsposition.
Genozid Eine eng definierte Straftat mit der Absicht, eine geschützte Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören. Der Begriff darf nicht als allgemeines Synonym für extreme Gewalt verwendet werden.
Propaganda Strategische Kommunikation, die Wahrnehmungen und Verhalten im Interesse eines Akteurs beeinflussen soll und dabei häufig selektiert, emotionalisiert oder täuscht.


Multiperspektivität ohne falsche Ausgewogenheit

Multiperspektivität bedeutet, unterschiedliche Erfahrungen und Deutungen zu untersuchen. Sie bedeutet nicht, belegte Tatsachen und widerlegte Behauptungen als gleichwertig zu präsentieren. Eine Rede der russischen Staatsführung ist beispielsweise eine wichtige Quelle für Ziele, Sprache und Selbstinszenierung. Sie ist aber nicht automatisch ein zuverlässiger Tatsachenbericht. Ebenso müssen ukrainische Regierungsangaben, westliche Geheimdienstinformationen, Medienberichte und Bilder aus sozialen Netzwerken geprüft werden.

Eine wissenschaftlich begründete Darstellung fragt daher nicht nur: „Welche Seiten gibt es?“, sondern auch: „Welche Aussage wird durch unabhängige Belege gestützt?“, „Welche Interessen verfolgt die Quelle?“ und „Was bleibt ungewiss?“


Die lange Vorgeschichte


Räume, Reiche und konkurrierende Geschichtsbilder

Das Gebiet der heutigen Ukraine war über Jahrhunderte Teil unterschiedlicher politischer Räume. Die mittelalterliche Kiewer Rus wird in ukrainischen, belarussischen und russischen Nationalgeschichten als wichtiges historisches Erbe beansprucht. Aus einem mittelalterlichen Herrschaftsverband lässt sich jedoch keine automatische Besitzberechtigung eines modernen Staates ableiten. Moderne Nationen, Grenzen und Souveränitätsvorstellungen entstanden unter ganz anderen Bedingungen.

Teile der heutigen Ukraine gehörten zeitweise zum Großfürstentum Litauen, zur polnisch-litauischen Adelsrepublik, zum Krimkhanat, zum Osmanischen Reich, zum Russischen Kaiserreich und zur Habsburgermonarchie. Das Kosaken-Hetmanat des 17. und 18. Jahrhunderts wurde später sowohl als Vorläufer ukrainischer Staatlichkeit als auch als Element russischer Reichsgeschichte gedeutet. Besonders der Vertrag von Perejaslaw von 1654 erhielt sehr unterschiedliche Bedeutungen: Bündnis, Unterordnung, Schutzvertrag oder Beginn einer dauerhaften Verbindung. Die Deutung hängt von Quellenwahl, Epoche und politischem Interesse ab.

Im 19. Jahrhundert entwickelten sich ukrainische Sprach-, Kultur- und Nationalbewegungen. Im Russischen Reich wurde die Verwendung der ukrainischen Sprache wiederholt eingeschränkt. In den habsburgischen Gebieten, besonders in Galizien, bestanden andere politische und kulturelle Spielräume. Die moderne ukrainische Nation entstand daher nicht an einem einzigen Ort und nicht in einem linearen Prozess.


Revolution, Staatsgründungsversuche und sowjetische Herrschaft

Zwischen 1917 und 1921 entstanden infolge von Revolution, Weltkrieg und Bürgerkrieg mehrere ukrainische Staatsprojekte, darunter die Ukrainische Volksrepublik. Sie konnten sich militärisch nicht dauerhaft behaupten. Der größte Teil der Ukraine wurde als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der 1922 gegründeten Sowjetunion; westliche Gebiete gehörten zunächst zu Polen, Rumänien und der Tschechoslowakei.

Die sowjetische Geschichte der Ukraine war widersprüchlich. In den 1920er Jahren förderte die Politik der Korenisazija zeitweise ukrainische Sprache und Eliten. Unter Josef Stalin folgten Zwangskollektivierung, politische Repression und der Holodomor von 1932/33, eine menschengemachte Hungerkatastrophe mit Millionen Toten. Die historische und rechtliche Einordnung des Holodomor ist Teil intensiver Forschung und Erinnerungspolitik.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Ukraine zu einem der zentralen Schauplätze nationalsozialistischer Vernichtungs- und Besatzungspolitik. Millionen Menschen starben. Der Holocaust auf ukrainischem Boden, etwa das Massaker von Babyn Jar, die deutsche Besatzung, sowjetischer Widerstand, ukrainische Kollaboration und nationalistische Gewalt müssen gemeinsam, aber differenziert untersucht werden. Vereinfachende Erzählungen von ausschließlich „faschistischen“ oder ausschließlich „heroischen“ Akteuren verfehlen die historische Komplexität.

1954 übertrug die sowjetische Führung die Krim von der Russischen an die Ukrainische Sowjetrepublik. Innerhalb der Sowjetunion war dies zunächst eine administrative Grenzveränderung. Nach 1991 wurde daraus eine internationale Staatsgrenze.


1991: Unabhängigkeit und territoriale Entscheidung

Am 24. August 1991 erklärte das ukrainische Parlament die Unabhängigkeit. Im Referendum vom 1. Dezember 1991 bestätigte eine deutliche landesweite Mehrheit diese Entscheidung. In allen Regionen, auch auf der Krim, stimmte jeweils eine Mehrheit für die Unabhängigkeit. Das Ergebnis widerspricht späteren Behauptungen, die Ukraine sei 1991 nur in einem kleinen westlichen Landesteil politisch getragen worden.

Kartenanalyse: Prüfe, welche räumlichen Unterschiede die Karte zeigt. Formuliere anschließend zwei Aussagen, die durch die Karte gestützt werden, und eine Aussage, die sich aus ihr nicht ableiten lässt.

Vertiefung: Der Historiker Andreas Kappeler ordnet die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine in längere historische Prozesse ein. Achte darauf, wie er zwischen gemeinsamer Geschichte, imperialer Herrschaft und moderner Staatlichkeit unterscheidet.


Die unabhängige Ukraine zwischen 1991 und 2013


Staatlichkeit, Transformation und regionale Vielfalt

Die junge Ukraine musste gleichzeitig staatliche Institutionen aufbauen, eine Planwirtschaft transformieren, soziale Krisen bewältigen und ihre außenpolitische Position bestimmen. Wirtschaftlicher Einbruch, Korruption und die Entstehung mächtiger Oligarchen schwächten das Vertrauen in Institutionen. Dennoch entwickelte sich ein politisches System mit umkämpften Wahlen, konkurrierenden Medien und wiederholten Machtwechseln.

Regionale Unterschiede waren real, aber sie bildeten keine feste Grenze zwischen einem „ukrainischen Westen“ und einem „russischen Osten“. Sprache, Alltag, Wahlverhalten, lokale Identität und außenpolitische Orientierung überlagerten sich. Viele russischsprachige Bürgerinnen und Bürger identifizierten sich zugleich eindeutig mit dem ukrainischen Staat. Sprache allein erklärt deshalb weder politische Loyalität noch den späteren Kriegsverlauf.


Atomwaffen, Sicherheitszusicherungen und das Budapester Memorandum

Nach dem Zerfall der Sowjetunion befanden sich zahlreiche sowjetische Atomwaffen auf ukrainischem Gebiet. Die Ukraine gab diese Waffen im Rahmen internationaler Vereinbarungen ab und trat als Nichtkernwaffenstaat dem Atomwaffensperrvertrag bei. Im Budapester Memorandum vom 5. Dezember 1994 sagten Russland, die USA und das Vereinigte Königreich unter anderem zu, die Unabhängigkeit, Souveränität und bestehenden Grenzen der Ukraine zu achten und auf Gewaltandrohung oder Gewaltanwendung zu verzichten.[2]

Das Memorandum war keine automatische militärische Beistandsgarantie wie Artikel 5 des NATO-Vertrags. Es war dennoch ein bedeutendes politisches Sicherheitsversprechen. Die russische Annexion der Krim und der Angriffskrieg ab 2022 verletzten zentrale darin festgehaltene Zusicherungen.


Orange Revolution und demokratische Mobilisierung

Nach Manipulationsvorwürfen bei der Präsidentschaftswahl 2004 protestierten Hunderttausende in der Orange Revolution. Das Oberste Gericht ordnete eine Wiederholung der Stichwahl an. Der friedliche Machtwechsel stärkte die Bedeutung von Wahlen und Zivilgesellschaft, löste jedoch Korruption, institutionelle Schwächen und politische Polarisierung nicht dauerhaft.

Bildquelle als historische Quelle: Untersuche Kleidung, Symbole, räumliche Ordnung und erkennbare Akteure. Welche Informationen liefert das Foto über politische Mobilisierung, und welche Fragen bleiben offen?

Die Ukraine suchte Kooperation sowohl mit der Europäischen Union als auch mit Russland. Auf dem NATO-Gipfel von Bukarest 2008 wurde der Ukraine eine grundsätzliche spätere Beitrittsperspektive genannt, ohne einen konkreten Zeitplan oder unmittelbaren Beitritt. Diese Ambivalenz wurde in Russland als Bedrohung dargestellt, während viele Menschen in der Ukraine außenpolitische Selbstbestimmung forderten. Historisch wichtig ist die Unterscheidung zwischen russischer Wahrnehmung, tatsächlicher Bündnislage und dem souveränen Recht der Ukraine, ihre Partnerschaften selbst zu wählen.


Die Zäsur von 2013 und 2014


Euromaidan und Revolution der Würde

Im November 2013 setzte Präsident Wiktor Janukowytsch die geplante Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union aus. Daraufhin begannen Proteste auf dem Maidan Nesaleschnosti in Kyjiw. Nach gewaltsamen Polizeieinsätzen wuchsen die Demonstrationen zu einer breiten Bewegung gegen Machtmissbrauch, Korruption und staatliche Gewalt. Im Februar 2014 eskalierte die Gewalt; mehr als einhundert Menschen wurden getötet. Janukowytsch verließ Kyjiw und später das Land. Das Parlament erklärte ihn für nicht mehr in der Lage, sein Amt auszuüben, und setzte Neuwahlen an.

Die Ereignisse werden unterschiedlich bezeichnet. „Revolution der Würde“ betont gesellschaftliche Mobilisierung und demokratische Ziele. Die russische Staatsführung spricht von einem westlich gesteuerten „Putsch“. Für eine historische Bewertung müssen Verfassungsfragen, parlamentarische Entscheidungen, staatliche Gewalt, die Flucht des Präsidenten, externe Einflussnahme und die Breite der Protestbewegung getrennt untersucht werden. Die Existenz nationalistischer Gruppen auf dem Maidan macht die gesamte Bewegung ebenso wenig zu einem rechtsextremen Projekt, wie die Beteiligung proeuropäischer Kräfte alle sozialen Konflikte verschwinden lässt.

Arbeitsauftrag zum Foto: Beschreibe zunächst nur Sichtbares. Trenne danach Beobachtung, Deutung und Hintergrundwissen. So vermeidest Du, eine Bildquelle vorschnell an eine fertige Erzählung anzupassen.


Besetzung und Annexion der Krim

Ende Februar 2014 besetzten bewaffnete Kräfte ohne Hoheitszeichen strategische Punkte auf der Krim. Russland bestritt zunächst die direkte Verantwortung, bestätigte später jedoch den Einsatz russischer Soldaten. Unter militärischer Kontrolle wurde am 16. März ein sogenanntes Referendum durchgeführt. Die Abstimmung entsprach nicht der ukrainischen Verfassung, fand ohne freie Bedingungen statt und wurde international weitgehend nicht anerkannt. Russland gliederte die Krim anschließend in sein Staatsgebiet ein.

Die UN-Generalversammlung bekräftigte mit Resolution 68/262 die territoriale Integrität der Ukraine und erklärte, dass die Abstimmung den Status der Krim nicht verändern könne.[3] Die Annexion war eine entscheidende Zäsur der europäischen Nachkriegsordnung, weil eine Grenze mit militärischer Gewalt verändert wurde.


Krieg im Donbas und die Minsker Vereinbarungen

Im Frühjahr 2014 besetzten bewaffnete, von Russland unterstützte Gruppen Verwaltungsgebäude in Teilen der Gebiete Donezk und Luhansk. Es entstand ein Krieg zwischen ukrainischen Kräften und separatistischen Formationen, die politisch, militärisch und materiell von Russland unterstützt wurden. Russische reguläre Kräfte griffen in entscheidenden Phasen direkt ein. Moskau stellte den Konflikt lange als innerukrainischen Bürgerkrieg dar; diese Bezeichnung verschleiert die zentrale russische Beteiligung.

Der Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 im Juli 2014 machte die internationale Dimension besonders sichtbar. Alle 298 Menschen an Bord starben. Internationale Ermittlungen führten den Abschuss auf ein Buk-Flugabwehrsystem zurück, das aus Russland in das von Separatisten kontrollierte Gebiet gebracht und danach nach Russland zurücktransportiert worden war.[4]

Die Vereinbarungen von Minsk I 2014 und Minsk II 2015 sollten Waffenruhe, Abzug schwerer Waffen, Gefangenenaustausch und einen politischen Prozess ermöglichen. Die Reihenfolge von Sicherheits- und Verfassungsschritten blieb umstritten. Waffenruhen wurden wiederholt gebrochen, und zentrale Bestimmungen wurden nicht umgesetzt. Die Minsker Vereinbarungen verlangsamten zeitweise die Gewalt, lösten den Konflikt aber nicht.[5]

Analysefrage: Warum kann die Bezeichnung „Bürgerkrieg“ zugleich einzelne lokale Konfliktanteile erfassen und die internationale Dimension irreführend verkürzen?


Der Weg zur großangelegten Invasion


Eskalation von 2019 bis Februar 2022

Zeitraum Entwicklung Historische Bedeutung
2019 Wolodymyr Selenskyj wird mit dem Versprechen gewählt, Korruption zu bekämpfen und Frieden im Donbas zu fördern. Der Wahlsieg zeigt den Wunsch nach politischem Wandel; eine schnelle Konfliktlösung bleibt aus.
2020 Eine neue Waffenruhe reduziert zeitweise die Zahl der Verstöße. Der Konflikt bleibt ungelöst und militärisch eingefroren, aber nicht beendet.
Frühjahr 2021 Russland verlegt große Truppenverbände in die Nähe der Ukraine. Militärischer Druck wird zu einem dauerhaften Instrument.
Sommer 2021 Wladimir Putin veröffentlicht einen Essay über die angebliche historische Einheit von Russen und Ukrainern. Geschichte wird genutzt, um ukrainische Eigenstaatlichkeit zu relativieren.
Herbst und Winter 2021 Ein erneuter, noch größerer russischer Truppenaufmarsch findet statt. Westliche Regierungen warnen öffentlich vor einer Invasion; Russland bestreitet Angriffsabsichten.
Dezember 2021 Russland fordert weitreichende Sicherheitsgarantien von den USA und der NATO. Die Forderungen betreffen nicht nur die Ukraine, sondern die gesamte europäische Sicherheitsordnung.
21. Februar 2022 Russland erkennt die selbsternannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk an. Dieser Schritt bricht mit den Minsker Vereinbarungen und bereitet die offene Invasion vor.
24. Februar 2022 Russische Streitkräfte greifen die Ukraine aus Russland, Belarus, der besetzten Krim und den besetzten Donbas-Gebieten an. Der seit 2014 geführte Krieg wird zu einer großangelegten zwischenstaatlichen Invasion.


Historische Narrative als Kriegsinstrument

Die russische Führung begründete den Angriff mit mehreren, teils widersprüchlichen Behauptungen: Schutz des Donbas, Abwehr einer NATO-Bedrohung, „Demilitarisierung“ und „Entnazifizierung“ der Ukraine sowie die Vorstellung, Russen und Ukrainer bildeten im Kern „ein Volk“. Diese Argumentation verbindet Sicherheitsrhetorik mit einem imperialen Geschichtsbild, das ukrainische Staatlichkeit als künstlich oder illegitim erscheinen lässt.

Der Begriff „Entnazifizierung“ instrumentalisiert die Erinnerung an den sowjetischen Sieg über den Nationalsozialismus. Rechtsextreme Gruppen existieren in der Ukraine wie in vielen europäischen Staaten, definieren aber weder das politische System noch rechtfertigen sie einen Angriffskrieg. Besonders widersprüchlich ist die pauschale Nazifizierung einer pluralistischen Gesellschaft, deren Regierung aus freien Wahlen hervorging.

Ein verantwortlicher Geschichtsunterricht prüft daher nicht nur, ob eine historische Aussage einzelne richtige Elemente enthält. Er untersucht, wie ausgewählt, ausgelassen, emotionalisiert und von der Vergangenheit auf die Gegenwart geschlossen wird.

Thesencheck: Erstelle zu zwei im Video behandelten Behauptungen jeweils eine Tabelle mit Behauptung, Beleg, Gegenbeleg, Auslassung und begründetem Urteil.


Die großangelegte Invasion seit dem 24. Februar 2022

Achtung bei Lagekarten: Eine Kriegskarte ist eine datierte Momentaufnahme. Prüfe Version, Legende, Quellenbasis und Aktualisierungszeit. Flächenfarben können Kontrolle eindeutiger erscheinen lassen, als sie vor Ort tatsächlich ist.

Am Morgen des 24. Februar 2022 begann Russland Angriffe aus mehreren Richtungen. Raketen und Luftangriffe trafen militärische Ziele, aber auch Städte und zivile Infrastruktur. Bodentruppen rückten aus dem Norden in Richtung Kyjiw, aus dem Osten in den Donbas und aus der besetzten Krim in den Süden vor. Belarus stellte sein Gebiet für den russischen Angriff zur Verfügung.

Die UN-Generalversammlung bezeichnete das Vorgehen in Resolution ES-11/1 als Aggression gegen die Ukraine, verlangte die Beendigung der Gewaltanwendung und den vollständigen Abzug russischer Truppen.[6]


Erste Phase: Angriff auf Kyjiw und Kämpfe im Norden

Die russische Operationsplanung zielte offenbar auf einen schnellen politischen und militärischen Zusammenbruch der Ukraine. Der Luftlandeangriff auf den Flughafen Hostomel sollte den raschen Nachschub in die Nähe der Hauptstadt ermöglichen. Ukrainischer Widerstand, logistische Probleme, fehlerhafte russische Annahmen und internationale Unterstützung verhinderten die Einnahme Kyjiws. Ende März und Anfang April zogen sich russische Kräfte aus dem Norden zurück.

Quellenfrage: Was zeigt ein Foto zerstörter Wohngebäude über Kriegführung und Zivilbevölkerung? Welche Aussagen über Verantwortlichkeit benötigen zusätzliche Belege wie Einschlagsanalyse, Zeugenaussagen oder militärische Daten?


Mariupol, der Süden und die Verbindung zur Krim

Im Süden erzielten russische Truppen zunächst größere Geländegewinne. Die Hafenstadt Mariupol wurde eingeschlossen, schwer bombardiert und nach wochenlangen Kämpfen eingenommen. Die Belagerung steht für die massive Zerstörung urbaner Räume, unterbrochene Versorgung, gescheiterte Evakuierungen und die besondere Gefährdung von Zivilistinnen und Zivilisten.

Das zerstörte Theater von Mariupol wurde zum Symbol des Krieges gegen die Zivilbevölkerung. Bei der historischen Arbeit muss zwischen gesicherten Tatsachen, plausiblen Rekonstruktionen und umstrittenen Opferzahlen unterschieden werden. Unterschiedliche Zahlen bedeuten nicht automatisch, dass das Ereignis selbst unklar ist.

Die Besetzung von Gebieten an der Nordküste des Asowschen Meeres schuf eine Landverbindung zwischen Russland und der 2014 annektierten Krim. Zugleich blieb die Kontrolle über den Süden militärisch und politisch umkämpft.


Zweite Phase: Donbas-Offensive und ukrainische Gegenoffensiven

Nach dem Rückzug aus dem Norden konzentrierte Russland seine Bodentruppen stärker auf den Osten und Süden. Im Sommer 2022 eroberten russische Kräfte weitere Gebiete im Donbas. Im September gelang der Ukraine eine schnelle Gegenoffensive im Gebiet Charkiw; im November zogen sich russische Truppen aus dem westlich des Dnipro gelegenen Teil des Gebiets Cherson und aus der Stadt Cherson zurück.

Russland reagierte mit einer Teilmobilmachung und erklärte nach Scheinreferenden die Annexion der Gebiete Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja. Die Gebiete standen nicht vollständig unter russischer Kontrolle. Die internationale Gemeinschaft erkannte die Annexionen weitgehend nicht an.

Ab Herbst 2022 intensivierte Russland Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur. Strom, Wärme und Wasserversorgung wurden zu strategischen Zielen. Solche Angriffe zeigen, wie moderne Kriegführung militärische, wirtschaftliche und zivile Lebensbereiche miteinander verbindet.


Abnutzungskrieg, Drohnen und begrenzte Geländegewinne

2023 wurde die Schlacht um Bachmut zum Symbol eines verlustreichen Abnutzungskrieges. Eine ukrainische Gegenoffensive im Süden erzielte nur begrenzte Geländegewinne und durchbrach die tief gestaffelten russischen Verteidigungslinien nicht entscheidend. Minenfelder, Artillerie, Drohnenaufklärung, elektronische Kriegführung und befestigte Stellungen erschwerten schnelle Operationen.

Seit 2024 prägen langsame Frontverschiebungen, hohe materielle und personelle Verluste, Fernangriffe, unbemannte Systeme und der Kampf um Nachschub die Entwicklung. Beide Seiten greifen militärische Infrastruktur weit hinter der Front an. Die Ukraine ist in hohem Maß auf internationale Finanz-, Waffen- und Ausbildungshilfe angewiesen; Russland nutzt eine größere industrielle und personelle Basis und erhält zugleich Unterstützung aus Partnerstaaten.

Für die Jahre 2025 und 2026 gilt: Der Krieg dauert an, die Lage bleibt dynamisch und zuverlässige militärische Verlustzahlen sind nicht verfügbar. Dieser Kurs verzichtet deshalb bewusst auf tagesaktuelle Frontdetails. Historisch bedeutsamer sind die fortdauernde russische Aggression, die Anpassung beider Gesellschaften an einen langen Krieg und die wachsenden Folgen für Zivilbevölkerung, Wirtschaft und internationale Ordnung.


Besatzung, Gewalt und humanitäre Folgen


Zivile Opfer und die Pflicht zur vorsichtigen Statistik

Opferzahlen in einem laufenden Krieg sind immer vorläufig. Internationale Organisationen können nur Fälle zählen, die sie nach festgelegten Standards verifizieren. Besonders aus besetzten Gebieten, zerstörten Städten und Frontnähe fehlen Daten. Verifizierte Zahlen sind daher Mindestzahlen und keine vollständige Bilanz.

Das UN-Menschenrechtsbüro dokumentiert seit 2022 fortlaufend zivile Tote und Verletzte. Für 2025 stellte es eine deutliche Zunahme gegenüber den Vorjahren fest; auch 2026 verursachten Raketen-, Gleitbomben- und Drohnenangriffe hohe zivile Verluste.[7][8]

Nach dem russischen Rückzug aus dem Gebiet Kyjiw wurden in Orten wie Butscha zahlreiche getötete Zivilpersonen gefunden. OHCHR dokumentierte rechtswidrige Tötungen während der russischen Besatzung und prüfte weitere Fälle.[9] Die Ereignisse sind Gegenstand strafrechtlicher Ermittlungen. Historische Dokumentation muss die Würde der Opfer wahren und darf Tatorte nicht in symbolische Kulissen verwandeln.


Flucht, Vertreibung und Alltag im Krieg

Der Krieg löste eine der größten Vertreibungskrisen Europas seit 1945 aus. Im Juli 2026 waren nach UNHCR-Angaben nahezu 5,8 Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine registriert; mehr als 3,8 Millionen Menschen waren innerhalb des Landes vertrieben.[10] Viele Menschen flohen mehrfach. Familien wurden getrennt, Bildungswege unterbrochen und lokale Gemeinschaften dauerhaft verändert.

Fluchtgeschichte umfasst nicht nur Grenzübertritte. Sie untersucht Entscheidungen unter Gefahr, Aufnahmebedingungen, rechtlichen Status, Arbeit, Schule, Erinnerung und Rückkehrvorstellungen. Auch die Erfahrungen von Binnenvertriebenen, Menschen in besetzten Gebieten und Personen, die nicht fliehen konnten oder wollten, gehören dazu.


Besatzungspolitik, Deportationen und Gefangenschaft

Berichte der Vereinten Nationen dokumentieren in besetzten Gebieten Muster von willkürlicher Haft, Verschwindenlassen, Folter, Einschränkung von Medien und Bildung, erzwungener Anpassung an russische Verwaltung sowie Druck zur Annahme russischer Pässe. Auch Verstöße ukrainischer Akteure müssen untersucht werden; internationale Berichte dokumentieren beispielsweise einzelne Misshandlungen und Tötungen russischer Kriegsgefangener. Umfang, Systematik und institutioneller Kontext der dokumentierten Verstöße sind jedoch differenziert zu bewerten.

Besonders umstritten und strafrechtlich relevant ist die Verbringung ukrainischer Kinder aus besetzten Gebieten. Der Internationale Strafgerichtshof erließ 2023 Haftbefehle gegen Wladimir Putin und Maria Lwowa-Belowa wegen des Verdachts der rechtswidrigen Deportation und Überführung von Kindern. Ein Haftbefehl ist keine Verurteilung, sondern beruht auf dem richterlich geprüften Verdacht, dass Gründe für eine strafrechtliche Verantwortlichkeit vorliegen.[11]


Wirtschaft, Umwelt, Energie und Kulturerbe

Krieg zerstört nicht nur militärische Ziele. Wohnraum, Krankenhäuser, Schulen, Verkehrswege, Industrieanlagen, landwirtschaftliche Flächen und Energieversorgung sind betroffen. Minen und explosive Kampfmittel gefährden Menschen und Landwirtschaft über Jahrzehnte. Schäden an Staudämmen, Industrieanlagen und Böden haben grenzüberschreitende Umweltfolgen.

Kulturelle Zerstörung betrifft Museen, Archive, Kirchen, Denkmäler, Bibliotheken und historische Stadtbilder. Gleichzeitig werden Kultur und Sprache zu Mitteln gesellschaftlicher Selbstbehauptung. Historikerinnen und Historiker untersuchen deshalb sowohl materielle Verluste als auch Versuche, kulturelle Zugehörigkeit umzudeuten oder auszulöschen.


Internationale Dimension und Völkerrecht

Kartenfrage: Die Abstimmungskarte zeigt keine einfache Teilung der Welt. Untersuche Zustimmung, Ablehnung, Enthaltung und Nichtteilnahme. Welche politischen Motive können hinter einer Enthaltung stehen, ohne dass sie mit Zustimmung zum Angriff gleichgesetzt werden darf?


Reaktionen internationaler Akteure

Akteur Zentrale Reaktion Historische Bedeutung
Vereinte Nationen Die Generalversammlung verurteilte die Aggression in mehreren Resolutionen; der Sicherheitsrat blieb wegen des russischen Vetos blockiert. Der Krieg zeigt zugleich die normative Bedeutung und die institutionellen Grenzen der Weltorganisation.
Europäische Union Sanktionen gegen Russland, finanzielle und militärische Unterstützung der Ukraine, Aufnahme von Schutzsuchenden und seit Juni 2024 formell eröffnete Beitrittsverhandlungen.[12] Die EU handelt stärker als geopolitischer Akteur und verbindet Erweiterungspolitik mit Sicherheitspolitik.
NATO Verstärkung der Ostflanke, Unterstützung der Ukraine durch Mitgliedstaaten sowie Beitritte Finnlands 2023 und Schwedens 2024.[13] Der Krieg verändert die europäische Sicherheitsordnung, obwohl die Ukraine kein NATO-Mitglied ist.
Vereinigte Staaten Umfangreiche militärische, wirtschaftliche und nachrichtendienstliche Unterstützung. Die transatlantische Rolle bleibt zentral, ist aber von innenpolitischen Veränderungen abhängig.
Staaten des Globalen Südens Unterschiedliche Kombinationen aus Verurteilung, Enthaltung, Neutralität, wirtschaftlicher Kooperation und Vermittlungsangeboten. Kolonialerfahrungen, Ernährungssicherheit, Beziehungen zu Russland und Skepsis gegenüber westlicher Doppelmoral prägen Positionen.
Internationales Komitee vom Roten Kreuz und Hilfsorganisationen Gefangenenaustausch, Schutzarbeit, humanitäre Hilfe und Dokumentation von Bedürfnissen. Humanitäre Akteure arbeiten zwischen Neutralitätsanspruch, Zugangsbeschränkungen und politischem Druck.

Sanktionen und Waffenlieferungen sind historisch nicht nur Reaktionen, sondern selbst Teil des Konfliktverlaufs. Sie beeinflussen industrielle Kapazitäten, Bündnisse, gesellschaftliche Erwartungen und Verhandlungsspielräume. Ihre Wirkung muss nach Ziel, Zeitraum und unbeabsichtigten Folgen bewertet werden.


Das Gewaltverbot der UN-Charta

Artikel 2 Absatz 4 der Charta der Vereinten Nationen verbietet grundsätzlich die Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit oder politische Unabhängigkeit eines Staates. Ausnahmen sind insbesondere die individuelle oder kollektive Selbstverteidigung nach Artikel 51 und Maßnahmen des UN-Sicherheitsrats.

Russland berief sich auf Selbstverteidigung, den Schutz der „Volksrepubliken“ und angeblichen Genozid im Donbas. Diese Begründungen wurden international weitgehend zurückgewiesen. Die Ukraine besitzt dagegen das Recht, sich gegen den bewaffneten Angriff zu verteidigen und andere Staaten um Unterstützung zu bitten.

Der Internationale Gerichtshof ordnete am 16. März 2022 als vorläufige Maßnahme an, dass Russland die am 24. Februar begonnenen militärischen Operationen aussetzen müsse.[14] Vorläufige Maßnahmen sind keine abschließende Entscheidung über alle Rechtsfragen, aber verbindliche gerichtliche Anordnungen.


Internationaler Gerichtshof und Internationaler Strafgerichtshof

Institution Gegenstand Typische Verwechslung
Internationaler Gerichtshof Streitigkeiten zwischen Staaten und Gutachten zu völkerrechtlichen Fragen. Er verurteilt keine Einzelpersonen zu Haftstrafen.
Internationaler Strafgerichtshof Strafrechtliche Verantwortung einzelner Personen für Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und unter bestimmten Voraussetzungen Aggression. Ein Haftbefehl ist noch kein Schuldspruch.
Nationale Gerichte Verfahren nach nationalem Recht oder dem Weltrechtsprinzip. Internationale Verbrechen werden nicht ausschließlich in Den Haag verfolgt.
Untersuchungskommissionen Sammlung, Prüfung und öffentliche Darstellung von Tatsachen und Mustern. Ein Bericht ersetzt kein Strafurteil, kann Ermittlungen aber unterstützen.


Propaganda, Desinformation und digitale Quellenkritik

Der Krieg ist zugleich ein Informationskrieg. Staatliche Medien, soziale Netzwerke, Militärblogs, Satellitenbilder, Messenger-Dienste und kurze Videos erzeugen eine enorme Menge an Material. Nie zuvor standen so viele potenzielle Quellen so schnell zur Verfügung; nie zuvor konnten falsche Inhalte so rasch verbreitet werden.

Typische Manipulationsformen sind:

  1. Dekontextualisierung: Ein echtes Bild erhält einen falschen Ort oder ein falsches Datum.
  2. Selektive Evidenz: Nur passende Fälle werden gezeigt, widersprechende Daten fehlen.
  3. Falsche Gleichsetzung: Einzelne Verstöße werden genutzt, um einen systematischen Angriff zu relativieren.
  4. Verschwörungserzählung: Fehlende Belege werden selbst zum Beweis einer angeblich perfekten Vertuschung erklärt.
  5. Emotionalisierung: Schock, Angst oder Empörung sollen Prüfung ersetzen.
  6. Historische Analogie: Begriffe wie „Faschismus“, „Genozid“ oder „Großer Vaterländischer Krieg“ werden ohne trennscharfe Prüfung übertragen.
  7. Astroturfing: Koordinierte Konten simulieren spontane öffentliche Zustimmung.
  8. KI-Manipulation: Synthetische Stimmen, Bilder oder Videos imitieren reale Personen und Ereignisse.


Prüfschema für digitale Kriegsquellen

Prüfschritt Leitfrage
Urheber Wer veröffentlichte den Inhalt zuerst, und ist diese Person oder Institution identifizierbar?
Zeitpunkt Passt das Veröffentlichungsdatum zu Wetter, Licht, Vegetation, Kleidung und bekannten Ereignissen?
Ort Lassen sich Gebäude, Straßen, Geländeformen oder Metadaten geolokalisieren?
Original Ist die früheste auffindbare Version verfügbar, oder wurde das Material mehrfach komprimiert und beschnitten?
Absicht Soll die Quelle informieren, mobilisieren, abschrecken, rechtfertigen, Spenden sammeln oder den Gegner demoralisieren?
Bestätigung Gibt es unabhängige Fotos, Satellitenbilder, Zeugenaussagen, amtliche Daten oder forensische Untersuchungen?
Auslassung Welche Perspektiven, Zeiträume oder Opfergruppen fehlen?
Unsicherheit Welche Teile sind sicher, wahrscheinlich, umstritten oder unbekannt?


Quellenlabor: Fünf Quellentypen vergleichen

Quellentyp Erkenntnispotenzial Risiko
Politische Rede Ziele, Feindbilder, Selbstlegitimation und gewünschte Wirkung. Behauptungen werden mit Tatsachen verwechselt.
Militärische Lagekarte Räumliche Dynamik, Operationsachsen und kontrollierte Gebiete. Kontrolle wirkt eindeutiger; Datum und Datenbasis fehlen.
Augenzeugenbericht Erfahrung, Wahrnehmung, Alltag und Gewalt aus unmittelbarer Nähe. Erinnerung, Trauma, begrenzter Blickwinkel und nachträgliche Deutung.
Satellitenbild Zeitlich vergleichbare Hinweise auf Zerstörung, Gräber, Truppenbewegungen oder Infrastruktur. Interpretation benötigt Fachwissen; Auflösung und Aufnahmezeit begrenzen Aussagen.
Menschenrechtsbericht Systematisch geprüfte Fälle, Muster, Methoden und transparente Unsicherheit. Zugang ist ungleich; verifizierte Fälle bilden meist nur einen Mindestumfang.

Merksatz: Eine Quelle wird nicht „gut“ oder „schlecht“, weil sie von einer bestimmten Seite stammt. Ihre Aussagekraft hängt von der konkreten Fragestellung, Entstehungssituation und Überprüfbarkeit ab.


Historische Erklärungen und Kontroversen


Ursachenmodelle statt Ein-Ursachen-Erzählungen

Erklärungsebene Möglicher Beitrag zur Erklärung Grenze der Erklärung
Russischer Neoimperialismus Die russische Führung beansprucht Einfluss über den postsowjetischen Raum und relativiert ukrainische Eigenstaatlichkeit. Der Begriff muss an konkrete Institutionen, Entscheidungen und Quellen gebunden werden.
Regimestabilität und Autoritarismus Außenpolitische Konfrontation kann Herrschaft legitimieren, Opposition schwächen und eine belagerte Festung inszenieren. Innenpolitischer Nutzen erklärt nicht automatisch Zeitpunkt und Form des Angriffs.
Sicherheitsdilemma und NATO-Erweiterung Russische Eliten nahmen die NATO-Osterweiterung als Machtverlust und Bedrohung wahr. Wahrnehmung ist nicht dasselbe wie ein unmittelbar bevorstehender Angriff; sie hebt ukrainische Selbstbestimmung nicht auf.
Scheitern der Minsker Vereinbarungen Nicht umgesetzte Sicherheits- und Politikschritte ließen den Donbas-Konflikt ungelöst. Das Scheitern eines Abkommens rechtfertigt keine großangelegte Invasion.
Ukrainische Demokratisierung und Westorientierung Eine erfolgreiche, eigenständige Ukraine widersprach imperialen und autoritären Ordnungsvorstellungen. Ukrainische Gesellschaft war plural und nicht geschlossen prowestlich; Entwicklungen waren umkämpft.
Fehlwahrnehmungen der russischen Führung Der Widerstandswille der Ukraine, die Leistungsfähigkeit der russischen Armee und westliche Reaktionen wurden offenbar falsch eingeschätzt. Fehlkalkulation erklärt die Entscheidung nicht vollständig; sie setzt politische Ziele voraus.
Individuelle Entscheidung Der Angriff wurde von einer kleinen, stark zentralisierten russischen Führung vorbereitet und befohlen. Personalisierung darf institutionelle, ideologische und gesellschaftliche Bedingungen nicht ausblenden.

Eine überzeugende historische Erklärung verbindet Ebenen. Sie kann etwa zeigen, wie imperial geprägte Vorstellungen, autoritäre Entscheidungsstrukturen, ungelöste Konflikte seit 2014 und konkrete Fehlannahmen im Winter 2021/22 zusammenwirkten. Dabei bleibt zwischen Erklärung und Rechtfertigung zu unterscheiden.


War der Krieg unvermeidlich?

Die Behauptung, ein Krieg sei „unvermeidlich“ gewesen, ist historisch problematisch. Sie unterschätzt Alternativen, Zufälle und Entscheidungen. Bis Februar 2022 bestanden diplomatische, militärische und politische Handlungsmöglichkeiten. Keine davon garantierte Frieden, aber die Invasion war eine Entscheidung und kein Naturereignis.

Gegenläufige Möglichkeiten lassen sich kontrafaktisch untersuchen: konsequentere Abschreckung, andere Energiepolitik, wirksamere Umsetzung der Minsker Vereinbarungen, stärkere internationale Präsenz oder ein Verzicht der russischen Führung auf maximalistische Forderungen. Kontrafaktische Geschichte darf nicht frei erfinden. Sie muss nur solche Alternativen prüfen, die zeitgenössische Akteure tatsächlich erwogen oder hätten wählen können.


Ukrainische Handlungsmacht statt Großmacht-Schachbrett

Viele Darstellungen behandeln die Ukraine nur als Objekt zwischen Russland, EU und USA. Das ist analytisch unzureichend. Ukrainische Wahlen, Proteste, regionale Debatten, Sprachpraxis, Zivilgesellschaft, Streitkräfte und lokale Verwaltungen beeinflussten den Verlauf maßgeblich. Auch die Entscheidung vieler Bürgerinnen und Bürger, Widerstand zu leisten, zu fliehen, Hilfe zu organisieren oder unter Besatzung auszuharren, gehört zur Geschichte.

Gleichzeitig ist „die Ukraine“ kein einheitlicher Akteur. Regierung, Opposition, Militär, Kommunen, Minderheiten, Kirchen, Unternehmerinnen, Aktivisten und Geflüchtete besitzen unterschiedliche Interessen. Historische Handlungsmacht wird sichtbar, wenn diese Vielfalt untersucht wird, ohne die staatliche Souveränität zu relativieren.


Chronologische Orientierung

Datum oder Zeitraum Ereignis Bedeutung
1. Dezember 1991 Referendum bestätigt die Unabhängigkeit. Breite demokratische Legitimation des ukrainischen Staates.
5. Dezember 1994 Budapester Memorandum. Sicherheitszusicherungen im Zusammenhang mit nuklearer Abrüstung.
2004 Orange Revolution. Massenprotest gegen Wahlmanipulation und für demokratische Verfahren.
November 2013 bis Februar 2014 Euromaidan und Revolution der Würde. Sturz der bisherigen Machtordnung und neue politische Orientierung.
Februar und März 2014 Russische Besetzung und Annexion der Krim. Beginn der offenen militärischen Aggression gegen die Ukraine.
Frühjahr 2014 Krieg im Donbas. Internationalisierter Konflikt mit zentraler russischer Unterstützung und Beteiligung.
September 2014 und Februar 2015 Minsker Vereinbarungen. Unvollständig umgesetzter Rahmen für Waffenruhe und politische Lösung.
2021 Russischer Truppenaufmarsch. Militärische Eskalation und diplomatische Krise.
24. Februar 2022 Beginn der großangelegten Invasion. Ausweitung des Krieges auf weite Teile der Ukraine.
Frühjahr 2022 Scheitern des Angriffs auf Kyjiw; Fall Mariupols. Unterschiedliche militärische Entwicklung im Norden und Süden.
Herbst 2022 Ukrainische Gegenoffensiven; russische Annexionsbehauptungen. Rückeroberungen und weitere Eskalation.
2023 Bachmut und begrenzte ukrainische Gegenoffensive. Übergang zu langfristigem Abnutzungskrieg.
2024 bis Juli 2026 Fortdauernde Kämpfe, Fernangriffe und wachsende zivile Belastung. Der Krieg bleibt unabgeschlossen und historisch offen.


Zusammenfassung

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist Ergebnis einer konkreten politischen Entscheidung der russischen Führung, besitzt aber eine lange Vorgeschichte. Diese reicht von imperialen Herrschaftstraditionen und konkurrierenden Nationalgeschichten über den Zerfall der Sowjetunion bis zur Annexion der Krim, dem Krieg im Donbas und dem Scheitern der Minsker Vereinbarungen.

Die Ukraine ist seit 1991 ein international anerkannter souveräner Staat, dessen Unabhängigkeit durch ein landesweites Referendum legitimiert wurde. Russland verletzte 2014 und 2022 die territoriale Integrität der Ukraine. Historische Kontexte wie NATO-Erweiterung, regionale Unterschiede oder Sicherheitswahrnehmungen können zur Erklärung beitragen, dürfen aber nicht in Rechtfertigungen verwandelt werden.

Für die Geschichtswissenschaft ist der Krieg zugleich ein Labor schwieriger Zeitgeschichte. Quellen entstehen in Echtzeit, Propaganda konkurriert mit überprüfbarer Dokumentation, Opferzahlen bleiben vorläufig und politische Deutungen verändern sich. Gute historische Arbeit benennt deshalb Belege, Unsicherheiten und Perspektiven transparent.


Quellen und weiterführende Materialien

  1. Bundeszentrale für politische Bildung: Krieg in der Ukraine
  2. Bundeszentrale für politische Bildung: Ukraine – Kriege und Konflikte
  3. UN Human Rights Monitoring Mission in Ukraine: Berichte
  4. UNHCR: Ukraine Refugee Situation
  5. Internationaler Strafgerichtshof: Situation in Ukraine
  6. Internationaler Gerichtshof: Ukraine gegen Russische Föderation
  7. OSZE: Minsker Maßnahmenpaket
  8. Wikimedia Commons: Freie Medien zum russischen Überfall auf die Ukraine


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Wann begann die großangelegte russische Invasion der Ukraine? (Am 24. Februar 2022) (!Am 1. Dezember 1991) (!Am 16. März 2014) (!Am 5. Dezember 1994)




Welches Ereignis bestätigte 1991 die ukrainische Unabhängigkeit landesweit? (Ein Referendum) (!Ein NATO-Beschluss) (!Ein russisches Dekret) (!Ein Urteil des Internationalen Strafgerichtshofs)




Womit war das Budapester Memorandum verbunden? (Mit Sicherheitszusicherungen und nuklearer Abrüstung) (!Mit dem Beitritt der Ukraine zur NATO) (!Mit der Auflösung der Europäischen Union) (!Mit der Annexion der Krim)




Welche Entwicklung markiert die Zäsur von 2014? (Die Annexion der Krim und der Krieg im Donbas) (!Die Gründung der Sowjetunion) (!Der Beginn der Orange Revolution) (!Der Beitritt Russlands zur Europäischen Union)




Was verlangte die UN-Generalversammlung im März 2022 von Russland? (Die Beendigung der Gewalt und den Truppenabzug) (!Die Aufnahme der Ukraine in Russland) (!Die Auflösung des ukrainischen Parlaments) (!Die Übergabe der Krim an Belarus)




Warum muss eine militärische Lagekarte immer datiert werden? (Weil sie nur eine zeitgebundene Momentaufnahme zeigt) (!Weil Karten keine Legende benötigen) (!Weil Grenzen täglich rechtlich neu entstehen) (!Weil Fotografien immer genauer sind)




Welche Frage gehört zentral zur Quellenkritik? (Wer erstellte die Quelle mit welcher Absicht) (!Welche Aussage klingt am emotionalsten) (!Welche Quelle wurde am häufigsten geteilt) (!Welche Seite benutzt die meisten Bilder)




Was bedeutet Multiperspektivität im Geschichtsunterricht? (Unterschiedliche Perspektiven prüfen und ihre Belege bewerten) (!Alle Behauptungen als gleich wahr behandeln) (!Nur staatliche Quellen verwenden) (!Auf ein begründetes Urteil verzichten)




Was bedeutet ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs? (Es besteht ein richterlich geprüfter Tatverdacht) (!Die beschuldigte Person ist bereits rechtskräftig verurteilt) (!Der Krieg ist automatisch beendet) (!Alle Staaten müssen ihre Verfassung ändern)




Wie unterscheiden sich Erklärung und Rechtfertigung? (Eine Erklärung untersucht Ursachen ohne die Handlung zu legitimieren) (!Eine Erklärung macht jede Handlung rechtmäßig) (!Eine Rechtfertigung ist immer eine neutrale Chronologie) (!Zwischen beiden Begriffen gibt es keinen Unterschied)





Memory

Budapester Memorandum Sicherheitszusicherungen
Euromaidan Protestbewegung
Krim Annexion
Minsker Vereinbarungen Waffenruhe
Hostomel Flughafen
Butscha Ziviltötungen
UN-Generalversammlung Aggressionsresolution
UNHCR Flüchtlingsschutz





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Historische Bedeutung
Unabhängigkeitsreferendum Postsowjetische Staatsgründung
Orange Revolution Demokratische Wahlmobilisierung
Revolution der Würde Politische Zäsur
Annexion der Krim Bruch territorialer Integrität
Großangelegte Invasion Eskalation zum umfassenden Staatenkrieg




...


Kreuzworträtsel

Budapest In welcher Stadt wurde das Memorandum über Sicherheitszusicherungen unterzeichnet?
Maidan Wie heißt der zentrale Platz der Protestbewegung in Kyjiw?
Krim Welche Halbinsel wurde im Jahr 2014 von Russland annektiert?
Donbas Welche ostukrainische Region wurde seit 2014 zum Hauptschauplatz des Krieges?
Charta Welches Grunddokument der Vereinten Nationen enthält das Gewaltverbot?
Butscha Welche Stadt steht für dokumentierte Tötungen von Zivilpersonen während russischer Besatzung?





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Lückentext

Vervollständige den Text.

Im Jahr 1991 bestätigte ein landesweites

die Unabhängigkeit der Ukraine. Das Budapester Memorandum enthielt politische

im Zusammenhang mit nuklearer Abrüstung. Im Frühjahr 2014 besetzte und annektierte Russland die

. Im Osten der Ukraine entwickelte sich seit 2014 der Krieg im

. Die Minsker Vereinbarungen sollten eine

und einen politischen Prozess ermöglichen. Am 24. Februar 2022 begann die großangelegte russische

. Das völkerrechtliche Gewaltverbot steht in der UN-

. In Butscha dokumentierten internationale Ermittler rechtswidrige Tötungen von

. Millionen Menschen wurden durch den Krieg zu Flucht und

gezwungen. Historische Quellen müssen nach Herkunft, Kontext und

geprüft werden. Eine Erklärung von Ursachen ist nicht automatisch eine

. Militärische Karten sind immer zeitgebundene

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Begriffskarte zum Angriffskrieg: Erstelle eine grafische Begriffskarte mit Souveränität, Annexion, Okkupation, Aggression, Kriegsverbrechen und Propaganda. Verbinde jeden Begriff mit einem selbst formulierten Beispielsatz.
  2. Bildanalyse Euromaidan: Untersuche das eingebundene Foto vom Februar 2014 in den Schritten Beschreibung, Analyse, Kontext und Urteil. Markiere klar, was sichtbar und was nur erschlossen ist.
  3. Mini-Zeitleiste Ukraine: Gestalte eine Zeitleiste mit acht ausgewählten Zäsuren zwischen 1991 und 2022. Begründe für jede Zäsur in einem Satz ihre Bedeutung.
  4. Quellenampel: Wähle drei aktuelle Beiträge zum Krieg und kennzeichne einzelne Aussagen als gut belegt, unsicher oder unbelegt. Dokumentiere Deine Prüfschritte.


Standard

  1. Vergleich politischer Reden: Vergleiche eine russische und eine ukrainische Rede aus dem Jahr 2022 hinsichtlich Feindbild, Geschichtsbezug, Adressaten, Schlüsselbegriffen und Auslassungen.
  2. Kartenkritik Ukrainekrieg: Vergleiche zwei Lagekarten desselben Datums. Untersuche Legende, Datenquelle, Farbwahl, räumliche Genauigkeit und die Darstellung umkämpfter Gebiete.
  3. Lokale Fluchtgeschichte: Recherchiere, wie Deine Stadt, Hochschule oder Region Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen hat. Nutze Presse, kommunale Dokumente und – nur mit freiwilliger, informierter Zustimmung – ein Interview.
  4. Medientagebuch zum Krieg: Beobachte sieben Tage lang die Berichterstattung zweier Medien. Ordne Themen, Quellen, Bildauswahl und Unsicherheitsmarker und werte Unterschiede aus.


Schwer

  1. Historiografischer Essay zur Kriegsursache: Verfasse einen Essay, der mindestens drei Erklärungsansätze verbindet. Trenne Strukturbedingungen, unmittelbaren Anlass, Entscheidung und Verantwortung.
  2. Digitale Ausstellung Ukraine: Kuratiere eine kleine Online-Ausstellung mit sechs freien Medien von Wikimedia Commons. Formuliere Bildunterschriften, Lizenzangaben, Quellenkritik und einen ethischen Hinweis.
  3. Völkerrechtliche Fallstudie: Analysiere an einem konkreten Ereignis den Unterschied zwischen Tatsachenermittlung, politischer Bewertung und strafrechtlicher Zurechnung. Verwende mindestens einen Bericht einer internationalen Organisation.
  4. Forschungsdesign Erinnerungspolitik: Entwickle ein Forschungsdesign zur Frage, wie die Kiewer Rus, der Zweite Weltkrieg oder der Begriff Faschismus in Kriegsnarrativen verwendet werden. Definiere Korpus, Methode, Vergleichsmaßstab und Grenzen.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Kausales Wirkungsdiagramm: Entwickle ein Diagramm, das langfristige Strukturen, mittelfristige Konflikte und kurzfristige Entscheidungen verbindet. Begründe, warum kein einzelner Faktor den Krieg vollständig erklärt.
  2. Quellentriangulation: Du erhältst eine politische Rede, ein Satellitenbild und einen Menschenrechtsbericht zum selben Ereignis. Zeige, welche Aussage jede Quelle ermöglicht, wo sie begrenzt ist und wie sie sich gegenseitig prüfen.
  3. Kontrafaktische Analyse: Untersuche eine realistische Alternative zwischen 2014 und 2022. Lege fest, welcher Akteur anders hätte handeln müssen, welche Folgen plausibel wären und wo Spekulation beginnt.
  4. Rechtsbegriffe im Transfer: Erkläre an einem selbst gewählten Fall den Unterschied zwischen Besetzung, Annexion, Kriegsverbrechen und Aggression. Vermeide dabei, ein noch offenes Gerichtsverfahren als abgeschlossen darzustellen.
  5. Narrativanalyse: Analysiere eine Behauptung, die ukrainische Staatlichkeit mit einem historischen Argument bestreitet. Rekonstruiere die Argumentationskette und zeige, an welchen Stellen Vergangenheit politisch instrumentalisiert wird.
  6. Flucht und Gesellschaft: Übertrage Erkenntnisse zur ukrainischen Vertreibung auf die Frage, wie Krieg langfristig Bildung, Arbeitsmarkt, Familien und Erinnerung in Herkunfts- und Aufnahmeländern verändert.
  7. Friedensvorschlag historisch prüfen: Bewerte einen hypothetischen Waffenstillstandsplan. Berücksichtige Sicherheitsgarantien, besetzte Gebiete, Rückkehr, Strafverfolgung, Wiederaufbau und die Erfahrungen mit früheren Vereinbarungen.


Lernnachweis

Für einen überzeugenden Lernnachweis sind folgende Leistungen wichtig:

  1. Du entwickelst eine klare historische Fragestellung.
  2. Du ordnest Ereignisse chronologisch ein und arbeitest mit mehreren Zeitebenen.
  3. Du unterscheidest Kontext, Ursache, Anlass, Verantwortung und Rechtfertigung.
  4. Du verwendest Fachbegriffe wie Souveränität, Annexion, Okkupation und Kriegsverbrechen trennscharf.
  5. Du analysierst mindestens zwei unterschiedliche Quellentypen nach Herkunft, Absicht und Aussagegrenze.
  6. Du belegst zentrale Aussagen nachvollziehbar und kennzeichnest Unsicherheit.
  7. Du berücksichtigst ukrainische Handlungsmacht und gesellschaftliche Vielfalt.
  8. Du formulierst ein eigenständiges, abgewogenes Urteil, ohne falsche Ausgewogenheit herzustellen.
  9. Du gehst mit Bildern von Gewalt, Opfern und Flucht ethisch verantwortungsvoll um.
  10. Du dokumentierst verwendete Medien und Lizenzen korrekt.




OERs zum Thema

  1. Wikipedia: Russisch-Ukrainischer Krieg
  2. Wikipedia: Geschichte der Ukraine
  3. Wikipedia: Annexion der Krim 2014
  4. Wikipedia: Euromaidan
  5. Wikimedia Commons: Freie Medien zum russisch-ukrainischen Krieg



Verknüpfte Lernbereiche


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Schulfach+

Prüfungsliteratur 2026
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  2. Heimsuchung - Jenny Erpenbeck

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  2. Das kunstseidene Mädchen - Irmgard Keun

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  1. Der zerbrochne Krug - Heinrich von Kleist
  2. Woyzeck - Georg Büchner
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  4. Der Prozess - Franz Kafka

Abitur Gerichtskomödie; Fragmentdrama über Gewalt/Entmenschlichung; Erinnerungsroman über deutsche Brüche; moderner Roman über Schuld, Macht und Bürokratie.

Niedersachsen

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  1. Der zerbrochene Krug - Heinrich von Kleist
  2. Das kunstseidene Mädchen - Irmgard Keun
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  4. Über das Marionettentheater - Heinrich von Kleist

Abitur Schwerpunkt auf Drama/Roman sowie Kleist-Prosatext und Essay (Ehre, Gewalt, Unschuld; Ästhetik/„Anmut“).

Nordrhein-Westfalen

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Sachsen (berufliches Gymnasium)

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  4. Der gute Mensch von Sezuan - Bertolt Brecht
  5. Heimsuchung - Jenny Erpenbeck
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  1. (keine fest benannte landesweite Pflichtlektüre veröffentlicht; Themenfelder)

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  1. Der zerbrochne Krug - Heinrich von Kleist
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  1. (keine fest benannte landesweite Pflichtlektüre veröffentlicht; Orientierung am gemeinsamen Aufgabenpool)

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  17. Arbeitsheft
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