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DER GROSSE EISENBAHNRAUB - THE GREAT TRAIN ROBBERY

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DER GROSSE EISENBAHNRAUB - THE GREAT TRAIN ROBBERY




DER GROSSE EISENBAHNRAUB - THE GREAT TRAIN ROBBERY


Einleitung

DER GROSSE EISENBAHNRAUB - THE GREAT TRAIN ROBBERY ist ein US-amerikanischer Stummfilm aus dem Jahr 1903. Regie führte Edwin S. Porter für die Edison Manufacturing Company. Der kurze Film erzählt von einem Überfall auf einen Telegrafenbeamten, dem anschließenden Raub eines Zuges, der Flucht der Banditen und ihrer Verfolgung durch eine bewaffnete Gruppe. Für die Filmgeschichte ist das Werk besonders interessant, weil es eine zusammenhängende Handlung über viele verschiedene Schauplätze hinweg erzählt und dabei Möglichkeiten des Filmschnitts erprobt, aus denen sich später Formen der Parallelmontage weiterentwickelten.

Der aiMOOC richtet sich an die Klassen 7–10. Du erschließt zunächst die Handlung des Films. Danach untersuchst Du, warum der Film als wichtiger früher Western gilt und wie Porter Raum, Zeit und Spannung organisiert. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Frage: Wie kann ein Schnitt zeigen, dass an verschiedenen Orten Handlungen stattfinden, die wir als zeitlich zusammengehörig oder gleichzeitig verstehen?

Der Film entstand in einer Phase, in der sich das Kino von kurzen Attraktions- und Alltagsszenen zu längeren erzählenden Filmen entwickelte. Viele seiner Bilder wirken für heutige Zuschauerinnen und Zuschauer noch wie Theaterbühnen: Die Kamera bleibt häufig auf Abstand und Figuren bewegen sich innerhalb eines relativ großen Bildraums. Gleichzeitig werden bereits Außenaufnahmen, Kameraschwenks, Tricktechnik und zahlreiche Schnitte genutzt.

Wichtig ist eine genaue historische Einordnung: The Great Train Robbery war weder der erste Western noch erfand Porter allein die Parallelmontage. Bereits vor 1903 existierten Filme mit Westernmotiven und neue Schnittformen wurden gleichzeitig von mehreren Filmschaffenden erprobt. Porters Film ist aber ein besonders bekanntes Beispiel dafür, wie frühes Kino unterschiedliche Handlungsräume verbindet und dadurch eine komplexere Erzählung erzeugt.


Der Film im Überblick

Regie: Edwin S. Porter

Produktionsjahr: 1903

Produktionsgesellschaft: Edison Manufacturing Company

Filmart: Stummfilm, kurzer narrativer Spielfilm

Genrebezug: früher Western, Action- und Raubgeschichte

Zentrale Motive: Eisenbahn, Telegrafie, Banditen, Überfall, Flucht, Verfolgung, Schusswechsel, Landschaft, Ordnung und Gesetz

Filmhistorischer Schwerpunkt: Verbindung mehrerer Szenen zu einer fortlaufenden Handlung, räumliche und zeitliche Organisation durch Montage, frühe Ansätze zur Darstellung paralleler Handlungsverläufe

Der überlieferte Edison-Katalog gliedert den Film in 14 Szenen. Diese Einteilung ist für die Analyse besonders nützlich, weil Du daran beobachten kannst, wie sich die Erzählung von einem Ort zum nächsten bewegt.


Handlung erschließen


Der Überfall auf den Telegrafenbeamten

Zu Beginn dringen zwei bewaffnete Banditen in ein Eisenbahn-Telegrafenbüro ein. Der Telegrafist wird gezwungen, den Zug mit einem falschen Signal beziehungsweise einer fingierten Anweisung zum Halten am Wassertank zu bringen. Die Räuber kontrollieren damit nicht nur eine Person, sondern auch ein wichtiges Kommunikations- und Verkehrssystem.

Der Telegraf besitzt für die Handlung eine doppelte Funktion. Zuerst missbrauchen die Banditen das Kommunikationssystem, um den Zug in ihre Falle zu locken. Später wird der Telegrafist wieder handlungsfähig und kann Hilfe mobilisieren. Technik ist also nicht von sich aus gut oder böse. Entscheidend ist, wer sie kontrolliert und wozu sie eingesetzt wird.

Für Deine Filmanalyse ist außerdem wichtig, dass die erste Szene später wieder aufgegriffen wird. Nachdem der Film längere Zeit den Zugräubern gefolgt ist, kehrt die Erzählung zum gefesselten Telegrafisten zurück. Dadurch entsteht ein zweiter Handlungsstrang.


Der Überfall auf den Zug

Die Banditen verstecken sich am Wassertank und gelangen auf den anhaltenden Zug. In den folgenden Szenen wechselt der Film zwischen verschiedenen Bereichen des Zuges und seiner Umgebung. Die Räuber dringen in den Expresswagen ein, es kommt zu einem Schusswechsel, der Geld- oder Wertbehälter wird gewaltsam geöffnet, und auf beziehungsweise an der Lokomotive wird ein Eisenbahner überwältigt.

Anschließend stoppen die Banditen den Zug, trennen Teile des Zuges ab und zwingen die Reisenden auszusteigen. Die Passagiere müssen sich an den Gleisen aufstellen und werden ausgeraubt. Ein fliehender Reisender wird erschossen. Die Gewaltdarstellung macht deutlich, dass der Film bereits 1903 auf starke körperliche Aktion und Gefahr als Attraktion setzte.

Die Szene funktioniert nicht nur über die einzelnen Gewalttaten. Wichtig ist auch die räumliche Gliederung: Expresswagen, Lokomotive, Gleise und Landschaft werden nacheinander zu Stationen derselben Handlung. Der Schnitt ermöglicht damit, ein Ereignis zu erzählen, das größer ist als ein einzelnes Bühnenbild oder eine einzige Einstellung.


Flucht der Banditen

Nach dem Raub fliehen die Banditen zunächst mit der Lokomotive und anschließend zu Fuß beziehungsweise zu Pferd. Der Film führt die Handlung aus dem technischen Raum der Eisenbahn zunehmend in eine Landschaft, die als amerikanischer Westen gelesen werden soll.

Dabei wird Bewegung zum entscheidenden Gestaltungsmittel. Figuren laufen durch das Bild, Pferde werden bestiegen, die Landschaft wird durchquert. In einer Szene folgt die Kamera der Bewegung mit einem Kameraschwenk. Solche Bewegungen tragen dazu bei, dass der Film dynamischer wirkt als eine rein statische Abfolge von Bühnenbildern.


Rückkehr zum Telegrafenbüro

Nach der Flucht der Räuber kehrt der Film zum Telegrafenbüro zurück. Der gefesselte Telegrafist versucht sich zu befreien. Seine Tochter kommt hinzu, löst die Fesseln und hilft ihm. Der Telegrafist erinnert sich an den Überfall und eilt davon, um Unterstützung zu holen.

Diese Rückkehr ist für die Montageanalyse entscheidend. Die Filmhandlung hat das Büro verlassen, den Zug verfolgt und die Flucht der Banditen gezeigt. Nun springt sie räumlich wieder zurück. Das Publikum muss verstehen: Während wir die Räuber gesehen haben, ist die Geschichte des Telegrafisten nicht verschwunden. Sie wurde nur vorübergehend nicht gezeigt.

Hier zeigt sich ein Grundprinzip filmischen Erzählens: Die erzählte Welt ist größer als das, was die Kamera in einem bestimmten Moment zeigt.


Tanzsaal und Alarmierung der Verfolger

In einem Tanzsaal findet zunächst eine ausgelassene Szene statt. Ein sogenannter Tenderfoot, also ein unerfahrener Neuankömmling, wird unter anderem durch Schüsse in den Boden zum Tanzen gebracht. Dann stürzt der Telegrafist herein und berichtet vom Überfall. Männer greifen zu ihren Waffen und brechen zur Verfolgung auf.

Die Szene erfüllt mehrere Funktionen. Sie zeigt eine typische, später oft wiederholte Westernwelt. Sie unterbricht kurzfristig die direkte Räuberhandlung. Vor allem aber erklärt sie, woher die Verfolger kommen. Damit wird aus dem zuvor getrennten Handlungsstrang des Telegrafisten die Ursache für die anschließende Verfolgung.


Verfolgung und Ende der Räuber

Die bewaffnete Gruppe verfolgt die Banditen durch die Landschaft. In einer Verfolgungsszene sind Räuber und Verfolger im selben Handlungszusammenhang zu sehen. Schließlich glauben die verbliebenen Banditen, sie hätten ihre Verfolger abgeschüttelt. Während sie die Beute untersuchen, nähern sich die Verfolger und es kommt zum letzten Schusswechsel.

Die Abfolge erzeugt eine klare Spannungskurve:

  1. Überfall: Die Banditen gewinnen zunächst die Kontrolle.
  2. Flucht: Sie vergrößern den Abstand zu ihren Gegnern.
  3. Alarmierung: Der Telegrafist setzt die Gegenbewegung in Gang.
  4. Verfolgung: Zwei gegensätzliche Handlungsgruppen bewegen sich aufeinander zu.
  5. Konfrontation: Die räumliche Trennung endet im finalen Kampf.


Der Film als früher Western

Der Western ist ein Filmgenre, das Geschichten mit dem historischen oder mythisch überformten amerikanischen Westen verbindet. Typische Elemente sind Grenzräume, Eisenbahn, Pferde, Waffen, Banditen, Verfolger, Saloon- oder Tanzsaalszenen, Landschaften und Konflikte zwischen Gesetz und Gesetzlosigkeit.

The Great Train Robbery enthält viele solcher Elemente. Dennoch wäre es ungenau, ihn einfach als den allerersten Western zu bezeichnen. Schon vor 1903 gab es Filme mit Westernmotiven, Überfällen und Darstellungen des amerikanischen Westens. Porters Film wurde jedoch zu einem sehr bekannten und kommerziell erfolgreichen Beispiel für diese Erzählwelt.


Westernmerkmale im Film

Der Film verbindet mehrere Motive, die später für das Genre prägend werden:

  1. Bandit: Eine Gruppe von Gesetzlosen organisiert einen bewaffneten Überfall.
  2. Eisenbahn: Der Zug steht für Mobilität, Technik, Handel und die Erschließung großer Räume.
  3. Pferd: Nach der technischen Geschwindigkeit des Zuges setzt die Flucht mit Pferden eine andere Form von Mobilität fort.
  4. Landschaft: Berge, Täler und Wege werden zum Aktionsraum der Verfolgung.
  5. Schusswechsel: Konflikte werden körperlich und mit Waffen ausgetragen.
  6. Posse: Eine bewaffnete Gruppe verfolgt die Gesetzlosen.
  7. Tanzsaal: Ein sozialer Treffpunkt erzeugt ein Bild der Western-Gemeinschaft.

Für eine moderne Analyse solltest Du zusätzlich fragen, was der Film nicht zeigt. Der dargestellte „Westen“ ist keine neutrale Dokumentation historischer Wirklichkeit. Er ist eine inszenierte Vorstellung, die aus Theater, populären Geschichten, Bildern und bereits vorhandenen Westernmotiven zusammengesetzt wird.


Mythos statt Dokumentation

Die Außenaufnahmen wurden nicht im fernen Westen der USA gedreht, sondern überwiegend in New Jersey und im Umfeld der Edison-Produktion. Schon daran kannst Du erkennen, dass Film Räume erfinden kann. Ein Ort wird nicht allein durch seine tatsächliche Geografie zum „Wilden Westen“, sondern durch Kostüme, Requisiten, Landschaftsbilder, Handlungsmuster und die Erwartungen des Publikums.

Das macht den Film für den Unterricht besonders spannend: Du kannst zwischen historischem Westen, filmischer Darstellung und Genre-Mythos unterscheiden.


Filmsprache um 1903

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Filmkunst noch jung. Viele kurze Filme bestanden aus nur einer Einstellung oder präsentierten eine Attraktion, ein Ereignis oder eine komische Situation. Gleichzeitig entwickelten Filmschaffende zunehmend Verfahren, mit denen längere Geschichten über mehrere Einstellungen hinweg erzählt werden konnten.

Porters Film verbindet 14 Szenen zu einer fortlaufenden Handlung. Dadurch muss das Publikum beim Sehen ständig geistige Verbindungen herstellen: Wer ist wo? Wie viel Zeit ist vergangen? Welche Handlung gehört zu welcher anderen? Was geschieht möglicherweise zur selben Zeit an einem anderen Ort?


Einstellung, Szene und Schnitt

Eine Einstellung ist ein ununterbrochen aufgezeichneter Filmabschnitt zwischen zwei Schnitten. Eine Szene bildet meist einen zusammenhängenden Handlungsabschnitt an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit. Ein Schnitt verbindet zwei Einstellungen beziehungsweise Szenen miteinander.

Der Schnitt ist deshalb mehr als ein technischer Übergang. Er kann eine Bedeutungsbeziehung herstellen. Wenn auf die fliehenden Räuber die Befreiung des Telegrafisten folgt, verstehen wir die Bilder nicht als zufällige Nachbarschaft. Wir verbinden sie zu einer größeren Erzählung.


Montage und Parallelmontage

Montage bezeichnet die Anordnung und Verbindung von Einstellungen und Szenen. Durch Montage kann ein Film Zeit verkürzen, Räume verbinden, Informationen zurückhalten, Vergleiche herstellen oder Spannung erzeugen.

Eine Parallelmontage verbindet zwei oder mehr räumlich getrennte Handlungen so, dass das Publikum sie als gleichzeitig oder zeitlich aufeinander bezogen versteht. In einer später vollständig entwickelten Form geschieht dies oft durch wiederholtes Wechseln:

Handlung A → Handlung B → Handlung A → Handlung B

Ein klassisches Beispiel wäre: Banditen fliehen → Verfolger reiten los → Banditen nähern sich einem Versteck → Verfolger kommen näher.

Dadurch entsteht die Frage: Wer erreicht welchen Ort zuerst?


Was Porter bereits macht – und was noch nicht

Bei The Great Train Robbery ist es sinnvoll, von einer Herausbildung beziehungsweise Vorstufe der Parallelmontage zu sprechen. Porter ordnet verschiedene räumlich getrennte Handlungsstränge so an, dass das Publikum zeitliche Zusammenhänge erkennen kann. Allerdings schneidet er noch nicht dauerhaft in der später üblichen schnellen Form A–B–A–B zwischen zwei gleichzeitig verlaufenden Aktionen hin und her.

Das lässt sich besonders an den Szenen 1 und 10 zeigen:

Handlungsstrang A: Der Telegrafist wird überwältigt und gefesselt.

Handlungsstrang B: Die Banditen überfallen den Zug und fliehen.

Rückkehr zu A: Der Film zeigt erneut das Telegrafenbüro. Der Telegrafist wird befreit und löst die Verfolgung aus.

Zwischen den beiden Teilen des Telegrafisten-Strangs liegen zahlreiche Szenen mit den Räubern. Die Erzählung vermittelt deshalb: An mehreren Orten existieren gleichzeitig weiterlaufende Handlungen, auch wenn der Film immer nur eine davon zeigt.

Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu komplexeren Formen des Cross-Cutting und der Parallelmontage, die später unter anderem bei D. W. Griffith weiterentwickelt wurden.


Gleichzeitigkeit entsteht im Kopf des Publikums

Film kann Gleichzeitigkeit nicht nur dadurch zeigen, dass zwei Bilder nebeneinander stehen. Meist sehen wir immer nur ein Bild nach dem anderen. Das Gefühl von Gleichzeitigkeit entsteht, weil das Publikum die aufeinanderfolgenden Bilder zu einem zeitlichen Modell verbindet.

Du kannst Dir das wie zwei Uhren vorstellen:

Handlungsraum A Handlungsraum B Wirkung des Schnitts
Telegrafist ist gefesselt Banditen überfallen den Zug Das Publikum erinnert sich an den zurückgelassenen Telegrafisten.
Telegrafist wird befreit Banditen sind bereits auf der Flucht Die getrennten Stränge werden zeitlich miteinander verbunden.
Verfolger brechen auf Banditen entfernen sich Eine Verfolgungslogik entsteht: Abstand und Zeit werden wichtig.
Posse nähert sich Banditen untersuchen ihre Beute Das Publikum weiß mehr als die Banditen und erwartet die Konfrontation.

Der Schnitt erzeugt somit nicht automatisch objektive Gleichzeitigkeit. Er bietet Signale, aus denen Zuschauerinnen und Zuschauer eine zeitliche Beziehung konstruieren.


Spannung durch Informationsverteilung

Spannung entsteht häufig dadurch, dass das Publikum Informationen über mehrere Handlungsorte verteilt bekommt. Wenn Du weißt, dass Verfolger unterwegs sind, während die Banditen glauben, sie seien sicher, entsteht ein Wissensvorsprung. Du erwartest eine Begegnung, kennst aber ihren genauen Zeitpunkt nicht.

Dieses Prinzip findest Du noch heute in Actionfilmen, Thrillern, Krimis und Serien. Moderne Produktionen schneiden oft sehr viel schneller zwischen parallelen Handlungen. Das Grundproblem bleibt aber ähnlich: Wie kann ein Film getrennte Räume so verbinden, dass wir eine gemeinsame Zeit und ein gemeinsames Ziel erkennen?


Schnitt als unsichtbarer Erzähler

Der Film besitzt keinen gesprochenen Erzähler. Trotzdem steuert die Montage, was Du wann erfährst. Der Schnitt entscheidet:

  1. Informationsvergabe: Wann erfährst Du, dass der Telegrafist noch lebt?
  2. Raumordnung: Wann verlässt die Erzählung den Zug und kehrt zum Büro zurück?
  3. Zeitordnung: Welche Ereignisse sollen als nacheinander oder parallel verstanden werden?
  4. Spannung: Wann erfährst Du von den Verfolgern?
  5. Erwartung: Welche Begegnung erscheint als nächste logische Folge?

Damit übernimmt der Filmschnitt eine Aufgabe, die in einem Roman teilweise durch Erzählerkommentare oder Kapitelwechsel erfüllt werden kann.


Szenenfolge als Montage-Modell

Die 14 Szenen lassen sich für die Unterrichtsanalyse zu größeren Blöcken zusammenfassen:

Szenen Schwerpunkt Erzählfunktion
1 Überfall im Telegrafenbüro Ausgangspunkt und Vorbereitung der Falle
2–6 Eindringen in den Zug und Raub Ausweitung der Handlung auf mehrere Räume des Zuges
7–9 Flucht Bewegung weg vom Tatort und Aufbau räumlicher Distanz
10 Rückkehr zum Telegrafisten Wiederaufnahme eines zuvor verlassenen Handlungsstrangs
11 Tanzsaal und Alarmierung Bildung der Verfolgergruppe
12 Verfolgung Annäherung von Räubern und Verfolgern
13 Letzter Kampf Zusammenführung der Handlungsstränge
14 Schuss in die Kamera Attraktion außerhalb der eigentlichen Handlungslogik

Diese Struktur zeigt, dass der Film nicht einfach eine einzige lineare Bewegung von A nach B erzählt. Er unterbricht einen Handlungsstrang, verfolgt einen anderen und kehrt später zurück. Genau darin liegt sein besonderer Wert für die Geschichte filmischen Erzählens.


Raum, Bewegung und Kamera

Obwohl die Kamera häufig statisch bleibt, ist der Bildraum voller Bewegung. Menschen laufen, springen auf Züge, steigen auf Pferde, fliehen und verfolgen einander. Die Figurenbewegung erzeugt Dynamik, auch wenn die Kamera selbst nicht ständig bewegt wird.

An einigen Stellen kommen Kameraschwenks hinzu. Dadurch kann die Kamera einer Bewegung folgen und einen größeren Raum erschließen. Das ist für die Verfolgung besonders wichtig: Bewegung wird nicht nur erzählt, sondern sichtbar durch den Raum organisiert.


Tricks und frühe Spezialeffekte

Porter arbeitete nicht ausschließlich mit dokumentarisch aufgenommenen Aktionen. Der Film nutzt auch filmische Tricks. Gefährliche Handlungen konnten durch Ersatzfiguren beziehungsweise inszenierte Effekte dargestellt werden. Außerdem wurden einzelne Kopien des Films teilweise koloriert beziehungsweise handgefärbt.

Solche Verfahren zeigen: Schon sehr früh war Film eine Kunst der Manipulation von Wirklichkeit. Das Publikum sieht nicht einfach, was „wirklich passiert“, sondern eine gezielt hergestellte audiovisuelle beziehungsweise im Stummfilm vor allem visuelle Konstruktion.


Die berühmte Aufnahme: Der Schuss auf das Publikum

Am Ende beziehungsweise nach damaliger Vorführpraxis wahlweise auch zu Beginn konnte eine besondere Aufnahme gezeigt werden: Der Bandit, gespielt von Justus D. Barnes, blickt direkt in die Kamera, richtet seine Waffe auf das Objektiv und feuert.

Diese Aufnahme gehört nicht eindeutig zur fortlaufenden Handlung. Sie ist eher eine direkte Attraktion: Die Figur scheint die Grenze zwischen Filmraum und Zuschauerraum zu durchbrechen. Der Schuss richtet sich scheinbar gegen das Publikum.

Damit verbindet der Film zwei Formen des frühen Kinos:

  1. Narratives Kino: Die Geschichte von Überfall, Flucht und Verfolgung.
  2. Kino der Attraktionen: Ein einzelner spektakulärer Effekt soll das Publikum unmittelbar beeindrucken.

Anekdoten, nach denen das damalige Publikum massenhaft in Panik geraten sei, solltest Du kritisch betrachten. Solche Geschichten gehören teilweise zur späteren Legendenbildung um das frühe Kino.


Historische Bedeutung

Die Bedeutung von The Great Train Robbery liegt nicht darin, dass Porter jede filmische Technik erfunden hätte. Filmgeschichte entsteht selten durch eine einzige Erfindung in einem einzigen Werk. Wichtiger ist, dass der Film viele damals verfügbare Mittel wirkungsvoll zusammenführt: Außenaufnahmen, Bewegung, Schauplatzwechsel, Tricktechnik, Kameraschwenks, dramatische Gewalt, eine Verfolgungsstruktur und eine Montage, die mehrere Handlungsräume zu einer verständlichen Geschichte verbindet.

1903 war dies für ein breites Publikum eine besonders wirkungsvolle Form narrativen Kinos. Der Erfolg des Films trug zu seinem späteren Rang in der Filmgeschichte bei. 1990 wurde er in das National Film Registry der Library of Congress aufgenommen.


Filmhistorische Mythen prüfen

Bei bekannten frühen Filmen entstehen leicht vereinfachte Erzählungen. Prüfe deshalb Aussagen wie diese kritisch:

Behauptung Genauere Einordnung
Der Film war der erste Western. Zu einfach: Es gab bereits zuvor Filme mit Westernmotiven.
Porter erfand die Parallelmontage. Zu einfach: Verschiedene Filmschaffende entwickelten Montageverfahren; der Film zeigt einen wichtigen frühen Schritt.
Jede Szene zeigt streng gleichzeitig stattfindende Ereignisse. Nicht beweisbar: Die Montage legt zeitliche Beziehungen nahe, ohne jede Minute exakt festzulegen.
Das Publikum geriet beim Schuss in die Kamera sicher in Panik. Solche Berichte gehören teilweise zur Legendenbildung und sollten quellenkritisch behandelt werden.
Frühes Kino bestand nur aus statischen Bildern. Falsch: Der Film zeigt bereits Kameraschwenks, Außenaufnahmen, Tricks und komplexe Bewegungsabläufe.

Eine gute Filmanalyse trennt deshalb zwischen Beobachtung, Deutung und filmhistorischer Behauptung.


So analysierst Du die Parallelmontage

Wenn Du eine Sequenz untersuchst, kannst Du in fünf Schritten vorgehen:

  1. Beobachten: Beschreibe nur, was vor und nach einem Schnitt sichtbar ist.
  2. Lokalisieren: Bestimme die verschiedenen Handlungsräume.
  3. Zeitbeziehung: Frage, ob die Ereignisse nacheinander, gleichzeitig oder nur ungefähr zeitlich verbunden erscheinen.
  4. Informationsstand: Vergleiche, was die Figuren wissen und was das Publikum weiß.
  5. Wirkung: Erkläre, ob der Schnitt Orientierung, Beschleunigung, Überraschung oder Spannung erzeugt.

Ein präziser Analysesatz könnte lauten: Der Schnitt vom Fluchtstrang der Banditen zurück zum Telegrafenbüro nimmt einen zuvor unterbrochenen Handlungsstrang wieder auf. Dadurch muss das Publikum beide Räume zeitlich miteinander verbinden. Die spätere Alarmierung der Verfolger führt die getrennten Stränge in eine gemeinsame Verfolgungshandlung.


Vergleich mit moderner Parallelmontage

Moderne Filme und Serien verwenden häufig eine stärker ausgeprägte Parallelmontage. Dabei wechseln sie mehrmals zwischen zwei gleichzeitig stattfindenden Aktionen. Die Schnittabstände können dabei immer kürzer werden.

Ein mögliches modernes Schema wäre:

A: Eine Person versucht eine Tür zu öffnen.

B: Ein Gegner rennt durch einen Flur.

A: Der Schlüssel klemmt.

B: Der Gegner kommt näher.

A: Die Tür öffnet sich.

B: Der Gegner erreicht die Ecke.

Die Spannung entsteht aus der Annäherung zweier zeitlich paralleler Handlungen. In Porters Film ist diese Struktur noch weniger eng verflochten. Gerade deshalb eignet er sich gut, um die Herausbildung des Verfahrens zu verstehen.


Medien zur Vertiefung

Die folgende Filmfassung ermöglicht Dir, Schnittfolge, Kamerabewegung und Szenenräume selbst zu überprüfen.

Achte beim Sehen besonders darauf, wann der Film einen Ort verlässt und wann er später zu diesem Ort zurückkehrt. Notiere außerdem, ob Du einen Schnitt als bloßen Ortswechsel oder als Hinweis auf parallel fortlaufende Handlung interpretierst.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Wer führte bei The Great Train Robbery Regie? (Edwin S. Porter) (!D. W. Griffith) (!Charlie Chaplin) (!Buster Keaton)




In welchem Jahr entstand The Great Train Robbery? (1903) (!1895) (!1915) (!1927)




Welche technische Einrichtung wird zu Beginn von den Banditen kontrolliert? (Das Telegrafenbüro) (!Ein Rundfunkstudio) (!Ein Flughafen) (!Eine Filmkamera)




Welche Funktion hat die Rückkehr zum gefesselten Telegrafisten für die Erzählung? (Sie nimmt einen zuvor unterbrochenen Handlungsstrang wieder auf) (!Sie beginnt eine völlig neue Geschichte ohne Bezug zum Raub) (!Sie beendet den Film sofort) (!Sie erklärt ausschließlich die Herstellung der Kamera)




Was kennzeichnet eine Parallelmontage grundsätzlich? (Sie verbindet räumlich getrennte Handlungen mit einer zeitlichen Beziehung) (!Sie zeigt nur eine einzige ungeschnittene Aufnahme) (!Sie ersetzt alle Schauspieler durch Zeichnungen) (!Sie verhindert jeden Ortswechsel)




Warum sollte man den Film nicht einfach als Erfindung der voll entwickelten Parallelmontage bezeichnen? (Weil die Handlungsstränge noch nicht dauerhaft in schneller Folge hin und her geschnitten werden) (!Weil der Film überhaupt keine Schnitte enthält) (!Weil der Film nach dem Tonfilm entstand) (!Weil alle Szenen am selben Ort spielen)




Welches Merkmal verbindet den Film besonders deutlich mit dem Western? (Banditen werden durch eine bewaffnete Gruppe verfolgt) (!Die Handlung spielt auf einem Raumschiff) (!Alle Figuren leben in einer modernen Großstadt) (!Der Film handelt von einem Fußballturnier)




Wie erzeugt die Verfolgung Spannung? (Das Publikum erwartet die Annäherung von Räubern und Verfolgern) (!Der Film verrät von Beginn an jede Einzelheit des Ausgangs) (!Die Figuren bleiben während des gesamten Films unbeweglich) (!Es gibt keine räumliche Distanz zwischen den Gruppen)




Was ist an der berühmten Aufnahme mit Justus D. Barnes besonders? (Er schießt scheinbar direkt auf das Publikum) (!Er telefoniert mit den Verfolgern) (!Er fährt ein Automobil) (!Er hält eine Rede mit synchronem Ton)




Welche Aussage zur filmhistorischen Einordnung ist am genauesten? (Der Film ist ein bedeutender früher Western und ein wichtiges Beispiel für die Entwicklung narrativer Montage) (!Der Film war zweifelsfrei der erste Film der Geschichte) (!Der Film erfand allein alle späteren Schnitttechniken) (!Der Film enthält keinerlei filmhistorisch interessante Gestaltung)





Memory

Parallelmontage Zeitlich verbundene Handlungsstränge an getrennten Orten
Telegrafist Löst nach seiner Befreiung die Verfolgung aus
Western Genre mit Motiven des amerikanischen Westens
Montage Anordnung und Verbindung von Einstellungen
Posse Bewaffnete Verfolgergruppe
Edwin S. Porter Regisseur des Films
Attraktionskino Direkte spektakuläre Wirkung auf das Publikum





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Telegrafenüberfall Vorbereitung des Zugraubs
Zugraub Aneignung der Beute
Befreiung Wiederaufnahme des Telegrafisten-Strangs
Verfolgung Annäherung von Posse und Banditen
Konfrontation Zusammenführung der gegnerischen Gruppen




...


Kreuzworträtsel

Porter Wer führte bei The Great Train Robbery Regie?
Western Welchem Filmgenre wird das Werk häufig zugeordnet?
Montage Wie nennt man die Anordnung und Verbindung von Einstellungen?
Telegraf Welche Kommunikationstechnik ist für den Beginn der Handlung entscheidend?
Banditen Wer überfällt den Zug?
Verfolgung Welcher Handlungstyp verbindet Flucht und finalen Kampf?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Der Film wurde von Edwin S.

inszeniert.
Zu Beginn wird ein

von Banditen überwältigt.
Durch die Manipulation des Eisenbahnbetriebs bringen die Räuber einen

in ihre Gewalt.
Die Banditen rauben Reisende und den

aus.
Nach dem Überfall beginnt ihre

.
Später kehrt der Film zum Telegrafenbüro zurück und nimmt damit einen unterbrochenen

wieder auf.
Die Alarmierung einer bewaffneten Gruppe leitet die

ein.
Die Verbindung räumlich getrennter Handlungen durch Schnitt gehört zur Entwicklung der

.
Eine solche Montage kann beim Publikum den Eindruck von

erzeugen.
Der Film gilt als wichtiger früher

.
Die berühmte Schlussaufnahme richtet einen Revolver direkt auf die

.
Diese Aufnahme funktioniert besonders stark als filmische

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Handlungsplan: Zeichne auf einem Blatt die wichtigsten Stationen vom Überfall auf den Telegrafisten bis zum Ende der Verfolgung und verbinde sie mit Pfeilen.
  2. Szenenprotokoll: Wähle drei aufeinanderfolgende Szenen und notiere Ort, Figuren, Handlung und den jeweils folgenden Schnitt.
  3. Westernmerkmale: Erstelle eine Bild-Text-Collage mit mindestens fünf Motiven, die den Film mit dem Western verbinden, und erkläre jedes Motiv in einem Satz.
  4. Schuss in die Kamera: Gestalte ein Storyboard mit drei Bildern, das erklärt, warum die Aufnahme von Justus D. Barnes besonders direkt auf das Publikum wirkt.


Standard

  1. Montageanalyse: Untersuche die Rückkehr zum Telegrafenbüro. Erkläre, welche Informationen das Publikum aus dem Ortswechsel erschließen muss.
  2. Parallelmontage: Drehe mit einem Smartphone eine 30- bis 60-sekündige Szene, in der zwei Personen an verschiedenen Orten gleichzeitig auf dasselbe Ziel hinarbeiten. Schneide mehrmals zwischen beiden Handlungen hin und her.
  3. Spannung durch Schnitt: Erstelle zwei Versionen derselben kurzen Verfolgung: eine mit langen Einstellungen und eine mit zunehmend kürzeren Einstellungen. Vergleiche die Wirkung.
  4. Genrevergleich: Vergleiche The Great Train Robbery mit einer selbst gewählten modernen Westernszene. Untersuche mindestens Kamera, Schnitt, Landschaft und Figurenrollen.


Schwer

  1. Filmhistorische These: Prüfe die Aussage „The Great Train Robbery erfand die Parallelmontage“. Formuliere eine differenzierte Antwort, die zwischen Vorstufe, Weiterentwicklung und späterer Ausprägung unterscheidet.
  2. Montageexperiment: Filme drei voneinander unabhängige Handlungen und montiere sie einmal als nacheinander stattfindende Ereignisse und einmal als gleichzeitige Ereignisse. Dokumentiere, welche Schnittentscheidungen den Unterschied erzeugen.
  3. Quellenkritik Filmgeschichte: Recherchiere zwei unterschiedliche Darstellungen zur historischen Bedeutung des Films. Vergleiche, welche Superlative verwendet werden und wie gut sie belegt sind.
  4. Kuratorisches Projekt: Plane eine kleine Ausstellung zum frühen Kino mit The Great Train Robbery als Mittelpunkt. Kombiniere Filmstills, kurze Analysen, eine Zeitleiste und eine Station, an der Besucherinnen und Besucher selbst Parallelmontage ausprobieren können.




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Lernkontrolle

  1. Montage und Bedeutung: Erkläre anhand der Rückkehr zum Telegrafenbüro, warum ein Schnitt nicht nur zwei Bilder trennt, sondern eine zeitliche und räumliche Beziehung herstellen kann.
  2. Transfer Parallelmontage: Entwirf eine moderne Filmszene mit zwei gleichzeitig stattfindenden Handlungen. Beschreibe mindestens sechs Einstellungen und begründe die Reihenfolge der Schnitte.
  3. Spannungsanalyse: Untersuche, wie sich die Wirkung verändern würde, wenn die Verfolger erst unmittelbar vor dem letzten Kampf gezeigt würden. Beziehe den Informationsstand des Publikums in Deine Erklärung ein.
  4. Genre und Inszenierung: Begründe, warum ein in New Jersey gedrehter Film trotzdem als Western wahrgenommen werden kann. Unterscheide realen Drehort, dargestellten Raum und Genrezeichen.
  5. Historische Einordnung: Formuliere eine begründete Stellungnahme zu der Aussage: „Ein bedeutender Film muss nicht der erste Film sein, der eine bestimmte Technik verwendet.“
  6. Medienvergleich: Vergleiche die Informationsvermittlung in einer Parallelmontage mit einem Kapitelwechsel in einem Roman oder einem Perspektivwechsel in einer Graphic Novel.
  7. Wirkung des Schlussbildes: Erkläre, warum die Aufnahme des auf die Kamera schießenden Banditen auch außerhalb der eigentlichen Erzählhandlung funktioniert.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du nicht nur den Inhalt wiedergibst, sondern filmische Zusammenhänge erklären kannst.

  1. Handlungserschließung: Du kannst Überfall, Zugraub, Flucht, Alarmierung, Verfolgung und Konfrontation in ihrem Zusammenhang erklären.
  2. Filmanalyse: Du kannst Einstellung, Szene, Schnitt und Montage voneinander unterscheiden.
  3. Parallelmontage: Du kannst erläutern, wie räumlich getrennte Handlungen durch Schnitt als zeitlich verbunden verstanden werden.
  4. Historische Differenzierung: Du kannst erklären, warum der Film ein wichtiger früher Western ist, ohne ihn vereinfachend als ersten Western zu bezeichnen.
  5. Spannungsdramaturgie: Du kannst zeigen, wie Informationsverteilung, räumliche Distanz und Annäherung Spannung erzeugen.
  6. Transfer: Du kannst das Montageprinzip auf eine moderne Filmszene oder ein eigenes Medienprodukt übertragen.
  7. Quellenkritik: Du kannst filmhistorische Superlative und Legenden kritisch prüfen.
  8. Fachsprache: Du verwendest Begriffe wie Montage, Parallelmontage, Einstellung, Kameraschwenk, Handlungsstrang und Attraktionskino passend.




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