BK5 - Zufall als künstlerische Methode

BK5 - Zufall als künstlerische Methode
Einleitung
BK5 - Zufall als künstlerische Methode zeigt Dir, wie aus etwas Ungeplantem eine eigene, bewusst gestaltete Bildidee entstehen kann. In diesem aiMOOC arbeitest Du mit Zufall, Klecksografien, Décalcomanien, Faltbildern, Zufallslinien, Tropfspuren, Musikimpulsen, Gemeinschaftsbildern und selbst erfundenen Zufallsregeln.
Dabei gilt ein wichtiger Grundsatz:
Der Zufall liefert den Anfang – Du triffst die künstlerischen Entscheidungen.
Ein Klecks, eine Linie oder eine Farbspur ist also noch nicht automatisch ein fertiges Kunstwerk. Du betrachtest das zufällige Ergebnis, drehst es vielleicht, entdeckst Formen, wählst interessante Stellen aus und entwickelst sie weiter. So entsteht ein Wechselspiel aus Zufall und Absicht, aus Entdecken und Gestalten.
Die historische Klecksografie von Justinus Kerner zeigt, wie aus einem zufälligen Tintenklecks durch Falten und genaues Betrachten eine Figur entstehen kann. Solche Bilder laden dazu ein, in Formen etwas zu entdecken und anschließend mit eigenen Linien weiterzuarbeiten.
Lernziele und Kompetenzen
Nach diesem aiMOOC kannst Du erklären, wie Zufall als künstlerische Methode eingesetzt wird. Du kannst mehrere Zufallsverfahren praktisch anwenden und zufällige Ergebnisse gezielt zu eigenen Bildideen weiterentwickeln. Außerdem kannst Du beschreiben, welche Teile eines Bildes zufällig entstanden sind und an welchen Stellen Du bewusst entschieden hast.
| Kompetenzbereich | Das kannst Du üben |
|---|---|
| Wahrnehmen | Zufällige Formen, Linien, Flecken, Zwischenräume und Strukturen genau betrachten. |
| Experimentieren | Materialien und Werkzeuge so einsetzen, dass nicht alles vorhersehbar ist. |
| Gestalten | Aus einem Zufallsergebnis eine eigene Figur, Landschaft, Fantasiewelt oder abstrakte Komposition entwickeln. |
| Entscheiden | Farben, Linien, Ausschnitte, Ergänzungen und Schwerpunkte bewusst auswählen. |
| Reflektieren | Erklären, wo der Zufall geholfen hat und wo Deine eigene Gestaltung begonnen hat. |
| Kommunizieren | Bildideen beschreiben, vergleichen und anderen Rückmeldungen geben. |
Was bedeutet Zufall in der Kunst?
Im Alltag bedeutet Zufall, dass etwas nicht vollständig geplant oder vorhergesehen wurde. In der Kunst kann genau diese Unvorhersehbarkeit absichtlich genutzt werden. Künstlerinnen und Künstler schaffen dann eine Situation, in der Flecken, Linien, Abdrücke, Bewegungen, Materialeigenschaften oder Entscheidungen anderer Personen das Ergebnis mitbestimmen.
Der Zufall ist dabei nicht dasselbe wie Beliebigkeit. Eine künstlerische Zufallsmethode kann klare Regeln haben. Du kannst zum Beispiel festlegen, dass ein Würfel über die Linienart entscheidet, dass Farbe zwischen zwei Papierflächen gepresst wird oder dass Deine Hand sich zu Musik bewegt, ohne vorher ein Motiv zu planen. Das Ergebnis ist nicht genau vorhersehbar, aber die Versuchsanordnung wurde bewusst gewählt.
Ein nützliches Denkmodell lautet:
| Phase | Was geschieht? | Leitfrage |
|---|---|---|
| Auslösen | Ein Klecks, Abdruck, Wurf, Klang oder eine spontane Bewegung erzeugt etwas Ungeplantes. | Was lasse ich bewusst offen? |
| Entdecken | Du betrachtest das Ergebnis aus verschiedenen Richtungen. | Was fällt mir auf? |
| Auswählen | Du entscheidest Dich für interessante Stellen oder mögliche Motive. | Was möchte ich behalten? |
| Weiterentwickeln | Du ergänzt Linien, Farben, Flächen, Muster, Figuren oder Hintergründe. | Wie wird daraus meine Bildidee? |
| Reflektieren | Du vergleichst Ausgangspunkt und Endbild. | Was war Zufall und was war meine Entscheidung? |
Historische Spuren des künstlerischen Zufalls
Zufallsverfahren gibt es schon lange. Im 19. Jahrhundert entstanden sogenannte Klecksografien aus Tintenklecksen. Besonders bekannt wurde der Arzt und Dichter Justinus Kerner, der gefaltete Tintenkleckse betrachtete, darin Figuren entdeckte und sie teilweise weiter ausgestaltete.
Im 20. Jahrhundert wurde der Zufall besonders für Künstlerinnen und Künstler des Surrealismus interessant. Sie wollten eingefahrene Vorstellungen umgehen und neue Bildideen finden. Dazu gehörten Verfahren wie automatisches Zeichnen, Décalcomanie und das Gemeinschaftsspiel Cadavre exquis.
Auch in der abstrakten Kunst wurden Bewegungen, Materialeigenschaften und nicht vollständig kontrollierbare Farbspuren wichtig. Beim Action Painting kann zum Beispiel die Bewegung des Körpers Einfluss darauf haben, wie Farbe auf eine Fläche gelangt.
Technik 1: Klecksografie und Faltbild
Bei einer Klecksografie wird ein Farb- oder Tintenklecks zum Ausgangspunkt einer Bildidee. Wird das Papier gefaltet, kann eine annähernd spiegelbildliche Form entstehen. Diese Symmetrie ist typisch für viele Faltbilder.
Material: Papier, wasserlösliche Farbe oder Tinte, Pinsel oder Tropfwerkzeug, Unterlage, Bleistift, Fineliner und Farbstifte.
Arbeitsweg:
- Falten: Falte das Papier in der Mitte und öffne es wieder.
- Klecksen: Setze wenige Farbtropfen in die Nähe der Falz.
- Abklatschen: Schließe das Papier und streiche vorsichtig darüber.
- Öffnen: Falte das Blatt auf und lasse die Farbe trocknen.
- Entdecken: Drehe das Blatt in verschiedene Richtungen und suche Figuren, Tiere, Pflanzen, Gesichter, Landschaften oder Fantasieformen.
- Weiterzeichnen: Ergänze nur so viel, dass Deine eigene Bildidee erkennbar wird, ohne den Zufallscharakter völlig zu verdecken.
Wichtig: Ein gutes Faltbild muss nicht sofort „etwas darstellen“. Du kannst auch Linien, Zwischenräume und Farbränder als Ausgangspunkt für eine abstrakte Komposition verwenden.
G/M/E-Differenzierung: Klecksografie
| Niveau | Auftrag |
|---|---|
| G – grundlegend | Erzeuge ein Faltbild, entdecke eine Form und ergänze sie mit mindestens drei bewussten Linien oder Farbflächen. |
| M – mittleres Niveau | Erzeuge zwei Faltbilder, vergleiche sie und entwickle das interessantere Ergebnis zu einer klaren Bildidee mit Vordergrund und Hintergrund weiter. |
| E – erweitertes Niveau | Verändere gezielt eine Bedingung wie Farbmenge, Papierfeuchte oder Faltweise, vergleiche die Wirkungen und entwickle daraus eine komplexe Bildkomposition. |
Technik 2: Décalcomanie – der Farbabklatsch
Décalcomanie bezeichnet einen Farbabklatsch. Feuchte Farbe wird zwischen zwei Flächen gepresst und anschließend wieder getrennt. Beim Auseinanderziehen entstehen unregelmäßige Strukturen, Ränder, Verästelungen und Flächen, die vorher nicht genau planbar sind.
Im Surrealismus wurde die Technik unter anderem von Óscar Domínguez eingesetzt und von Max Ernst weiterentwickelt. Besonders spannend ist, dass die zufälligen Strukturen zunächst offen bleiben. Erst danach kann entschieden werden, ob daraus zum Beispiel Felsen, Wälder, Tiere, Wolken oder Fantasiewesen werden.
Vergleiche die Bilder: Die Technik erzeugt Strukturen, aber erst durch Auswahl, Ergänzung und Komposition entsteht eine bestimmte Bildwirkung.
Experiment: Trage wenig Farbe auf eine glatte Fläche oder auf eine Papierhälfte auf. Lege ein zweites Blatt darauf, drücke stellenweise und ziehe die Blätter langsam auseinander. Probiere anschließend eine zweite Variante, bei der Du die Blätter beim Trennen leicht gegeneinander verschiebst.
Unterschied zwischen Faltbild und Décalcomanie
| Faltbild | Décalcomanie |
|---|---|
| Papier wird meist an einer Falz zusammengelegt. | Farbe wird zwischen zwei Flächen übertragen. |
| Häufig entsteht eine deutlich symmetrische Form. | Das Ergebnis kann stark unregelmäßig sein. |
| Die Falz beeinflusst den Aufbau. | Druck, Farbmenge und Trennbewegung beeinflussen die Struktur. |
| Besonders geeignet für Figuren und spiegelartige Formen. | Besonders geeignet für Oberflächen, Landschaften und Fantasiestrukturen. |
Technik 3: Zufallslinien und automatisches Zeichnen
Eine Linie kann kontrolliert oder spontan entstehen. Beim automatischen Zeichnen versuchst Du, nicht sofort ein bestimmtes Motiv zu zeichnen. Stattdessen bewegst Du den Stift frei über das Papier. Der Zufall entsteht durch Geschwindigkeit, Richtungswechsel, Handbewegung, Druck, Werkzeug oder äußere Impulse.
Sicheres Klassenexperiment: Bleibe sitzen und zeichne 20 bis 30 Sekunden lang eine durchgehende Linie. Schaue dabei nicht ständig auf die Stiftspitze. Hebe den Stift möglichst nicht ab. Danach stoppst Du und betrachtest das Liniennetz aus verschiedenen Richtungen.
Anschließend beginnt der bewusste Teil: Markiere interessante Stellen, verstärke ausgewählte Konturen, fülle einzelne Flächen, lasse andere offen und entwickle aus dem Liniennetz eine eigene Bildidee.
Du kannst die Kontrolle zusätzlich verändern:
| Veränderung | Mögliche Wirkung |
|---|---|
| Nicht-dominante Hand | ungewohnte, weniger kontrollierte Bewegungen |
| Sehr langsames Zeichnen | lange, ruhige und sorgfältige Linien |
| Sehr schnelles Zeichnen | impulsive, bewegte Linien |
| Dicker Stift | kräftige und flächige Spuren |
| Zwei Stifte gleichzeitig | parallele oder sich überschneidende Spuren |
| Zeichnen zu Musik | Linien reagieren auf Klang, Rhythmus und Lautstärke |
Technik 4: Tropfen, Spritzen und Drip Painting
Beim Tropfen und Fließen wird Farbe nicht nur mit dem Pinsel aufgetragen. Schwerkraft, Fallhöhe, Farbflüssigkeit und Bewegung beeinflussen den Verlauf. Dadurch entstehen Spuren, die nur teilweise steuerbar sind.
Das folgende Museumsvideo zeigt Arbeitsweisen von Jackson Pollock und macht sichtbar, wie Körperbewegung, Werkzeug und flüssige Farbe zusammenwirken.
Klassenregel: Verwende nur wasserlösliche Schulfarbe, arbeite auf einer großen Unterlage und spritze niemals in Richtung anderer Personen. Zufall ist eine Gestaltungsmethode, kein Grund für unkontrolliertes Verhalten.
Auftrag: Erzeuge zunächst wenige Tropf- und Bewegungsspuren. Suche anschließend einen interessanten Ausschnitt. Ergänze dort bewusst Farbfelder, Linien oder Formen. So wird aus einer zufälligen Spur eine gestaltete Komposition.
Technik 5: Spin Art und Bewegung
Bei Spin Art bewegt sich die Bildfläche während Farbe aufgetragen wird. Durch Drehbewegung und Fliehkraft entstehen radial verlaufende Farbspuren. Auch hier kannst Du Bedingungen festlegen, ohne das genaue Ergebnis vorher zu kennen.
Ein Vergleichsexperiment kann so aufgebaut werden: Gleiche Farbauswahl, aber unterschiedliche Drehgeschwindigkeit. Danach untersuchst Du, welche Linien, Verläufe und Farbmischungen entstanden sind.
Weiterentwicklung: Schneide gedanklich oder mit einem Papierrahmen einen spannenden Ausschnitt aus dem Spin-Art-Bild. Entwickle aus diesem Ausschnitt eine neue Zeichnung oder Collage. Dadurch wird nicht das gesamte Zufallsprodukt übernommen, sondern bewusst ausgewählt.
Technik 6: Cadavre exquis – Zufall durch Zusammenarbeit
Beim Cadavre exquis entsteht ein Bild gemeinsam. Mehrere Personen zeichnen nacheinander, ohne das ganze bisherige Bild zu sehen. Dadurch entstehen unerwartete Übergänge und überraschende Kombinationen.
Das Museum of Modern Art stellt die surrealistische Gemeinschaftsmethode in diesem Video vor:
Klassenvariante: Falte ein Hochformat in drei Abschnitte. Person A zeichnet einen Kopf und lässt nur zwei kurze Anschlusslinien sichtbar. Person B sieht den Kopf nicht und zeichnet den Körper. Person C ergänzt Beine oder eine überraschende Fortsetzung. Erst am Ende wird das Blatt vollständig geöffnet.
Die eigentliche künstlerische Herausforderung beginnt nach dem Aufdecken: Überlegt gemeinsam, wie aus den drei Teilen ein zusammenhängendes Bild werden kann. Ergänzt Übergänge, einen Hintergrund, gemeinsame Farben oder eine kleine Geschichte.
Technik 7: Marmorieren als erweitertes Zufallsexperiment
Beim Marmorieren schwimmen Farben auf einer Flüssigkeitsoberfläche oder einer vorbereiteten Grundmasse. Bewegungen auf der Oberfläche erzeugen Muster, die auf Papier übertragen werden können.
Auf Wikimedia Commons ist auch ein ausführliches Demonstrationsvideo zur Papiermarmorierung verfügbar:
Für Klasse 5 eignet sich Marmorieren besonders als Lehrkraft-Demonstration oder als gut vorbereitete Station. Entscheidend ist anschließend wieder die Frage: Welchen Ausschnitt wähle ich und wie entwickle ich ihn weiter?
Musikimpulse: Linien hören und Klänge sehen
Musik kann die Bewegung Deiner Hand beeinflussen. Tempo, Lautstärke, Klangfarbe, Pausen und Rhythmus können zu unterschiedlichen Linien führen. Dabei geht es nicht darum, Musik „richtig“ zu zeichnen. Deine Reaktion wird zum Ausgangspunkt.
Für einen kraftvollen Musikimpuls eignet sich beispielsweise Bachs Toccata und Fuge d-Moll in einer Aufnahme der Netherlands Bach Society:
Arbeitsauftrag: Lege den Stift auf das Papier. Zeichne nur auf das, was Du hörst. Eine laute Stelle kann kräftig werden, eine ruhige Stelle fein, ein langer Ton kann eine lange Linie bekommen, ein kurzer Ton eine kurze Spur. Nach etwa einer Minute stoppst Du. Erst danach suchst Du Formen und entwickelst das Linienbild bewusst weiter.
Ein zweiter Impuls kann aus Umgebungsgeräuschen entstehen. John Cages Werk 4′33″ lenkt die Aufmerksamkeit auf die Klänge, die während einer Aufführung ohnehin im Raum entstehen.
Kunstexperiment: Höre für eine kurze Zeit nur auf Geräusche im Raum oder außerhalb des Klassenzimmers. Gib jedem neu auftauchenden Geräusch eine andere Linie. Entwickle anschließend aus diesen Geräuschlinien ein Fantasiewesen, eine Stadt, eine Landschaft oder eine abstrakte Komposition.
Interaktives Zufallslabor
In diesem Labor legst Du Regeln fest, die Teile Deiner Gestaltung zufällig bestimmen. Ein Würfel, verdeckte Karten oder Lose entscheiden. Du bestimmst aber selbst, wie Du die Vorgaben künstlerisch sinnvoll verbindest.
| Würfelergebnis | Linienart | Werkzeug | Bewegung | Zusatzregel |
|---|---|---|---|---|
| Eins | wellig | Bleistift | langsam | Blatt einmal drehen |
| Zwei | eckig | Wachsmalstift | schnell | nur zwei Farben |
| Drei | spiralförmig | Filzstift | mit Pausen | eine Fläche freilassen |
| Vier | gestrichelt | Pinsel | aus dem Handgelenk | Motiv erst am Ende suchen |
| Fünf | kreisend | Kohlestift | mit der nicht-dominanten Hand | eine Spur überzeichnen |
| Sechs | frei | Werkzeug nach Wahl | sehr langsam beginnen, schneller werden | mit Partner tauschen |
Spielregel: Würfle einmal für die Linienart, einmal für das Werkzeug, einmal für die Bewegung und einmal für die Zusatzregel. Führe die vier Vorgaben etwa eine Minute lang aus. Danach endet der Zufallsteil. Nun entscheidest Du bewusst, was aus dem Ergebnis werden soll.
Zufallskarten ohne Würfel
Schreibe jeweils sechs Linienarten, sechs Farbvorgaben und sechs Bewegungsarten auf kleine Karten. Mische die Stapel getrennt. Ziehe aus jedem Stapel eine Karte. Dadurch erhält jede Person eine andere Kombination.
Eine weitere Variante ist die Partner-Störung: Du beginnst ein Bild für eine Minute. Dann tauscht Ihr die Blätter. Die andere Person fügt genau eine neue Spur hinzu. Anschließend bekommst Du Dein Blatt zurück und entwickelst es selbstständig weiter.
Vom Zufall zur eigenen Bildidee
Der wichtigste Teil des Themas beginnt nach dem Zufallsexperiment. Deine Aufgabe ist nicht nur, ein überraschendes Muster herzustellen. Du sollst daraus eine eigene bildnerische Lösung entwickeln.
Nutze dazu die Fünf-Schritte-Strategie:
- Betrachten: Lege das Bild vor Dich und drehe es mehrmals.
- Entdecken: Suche mindestens drei mögliche Formen, Figuren oder spannende Stellen.
- Entscheiden: Wähle eine Möglichkeit aus und begründe Deine Wahl.
- Gestalten: Ergänze Linien, Farben, Flächen, Muster, Raum oder Hintergrund.
- Reflektieren: Markiere gedanklich, was zufällig entstand und was Du bewusst verändert hast.
Eine gute Weiterentwicklung lässt den Zufallsursprung noch erkennen. Wenn Du alles übermalst, verschwindet der besondere Ausgangspunkt. Wenn Du gar nichts veränderst, fehlt Deine eigene gestalterische Entscheidung.
Sehen lernen: Figur, Grund und Pareidolie
Menschen entdecken häufig bekannte Formen in Wolken, Flecken, Rissen oder Schatten. Dieses Wahrnehmungsphänomen wird Pareidolie genannt. Für die Kunst kann es als Ideengeber genutzt werden.
Probiere drei Blickweisen:
- Figur und Grund: Suche nicht nur in der Farbfläche, sondern auch in den weißen Zwischenräumen.
- Drehen: Betrachte Dein Blatt in vier Richtungen.
- Ausschnitt: Nutze einen Papierrahmen und suche nur in einem kleinen Bildbereich.
Wenn mehrere Personen im selben Klecks unterschiedliche Dinge sehen, ist das kein Fehler. Gerade diese Offenheit kann zu sehr verschiedenen Bildideen führen.
G/M/E-Differenzierung für das Gesamtprojekt
| Bereich | G – grundlegend | M – mittleres Niveau | E – erweitert |
|---|---|---|---|
| Zufallsverfahren | Eine Methode sicher anwenden. | Zwei Methoden erproben und vergleichen. | Zwei oder mehr Methoden gezielt kombinieren oder eine eigene Zufallsregel entwickeln. |
| Weiterentwicklung | Eine gefundene Form deutlich ausarbeiten. | Mehrere Bildelemente zu einer zusammenhängenden Idee verbinden. | Zufallsspuren bewusst auswählen, verändern, überlagern oder reduzieren. |
| Komposition | Hauptmotiv und Hintergrund unterscheiden. | Bildfläche ausgewogen gestalten und Schwerpunkte setzen. | Wirkung von Ausschnitt, Kontrast, Rhythmus, Verdichtung und Leere bewusst einsetzen. |
| Reflexion | Benennen, was zufällig und was geplant war. | Zwei wichtige Entscheidungen begründen. | Erklären, wie Regeln, Material und eigene Entscheidungen das Endergebnis beeinflusst haben. |
| Dokumentation | Ausgangsbild und Endbild zeigen. | Zwischenschritte festhalten und kurz beschreiben. | Varianten vergleichen und begründet die überzeugendste Lösung auswählen. |
Material, Arbeitsplatz und Sicherheit
Für die meisten Aufgaben reichen Zeichenpapier, Schmierpapier, wasserlösliche Schulfarben, Pinsel, Bleistifte, Wachsmalstifte, Filzstifte und eine Tischunterlage. Für Abklatsch- und Tropfverfahren sind Malkittel sinnvoll.
Arbeite mit kleinen Farbmengen. Verwende keine gefährlichen Lösungsmittel. Spritze oder schleudere Farbe niemals in Richtung anderer Personen. Bewegungsaufgaben werden so durchgeführt, dass niemand mit Stiften oder Werkzeugen durch den Raum läuft. Beim Einsatz von Videos, drehenden Geräten oder besonderen Materialien legt die Lehrkraft die sichere Arbeitsweise fest.
Unterrichtsprojekt: Zufall – Fund – Bildidee
Das folgende Projekt kann über mehrere Kunststunden durchgeführt werden.
| Phase | Aufgabe | Ergebnis |
|---|---|---|
| Experimentieren | Erprobe Klecksografie, Zufallslinie und Décalcomanie. | Drei kleine Zufallsproben. |
| Sichten | Drehe, rahme und vergleiche Deine Proben. | Drei markierte Fundstellen. |
| Auswählen | Entscheide Dich für eine Probe. | Begründete Auswahl. |
| Entwickeln | Ergänze Motiv, Raum, Farbe, Muster oder Kontraste. | Eigenständiges Hauptbild. |
| Dokumentieren | Fotografiere oder zeichne Ausgangszustand und Zwischenstand. | Prozessübersicht. |
| Präsentieren | Stelle Dein Werk mit einem kurzen Künstlerstatement vor. | Bild und Erklärung. |
Künstlerstatement für Klasse 5
Ein Künstlerstatement ist eine kurze Erklärung zu Deinem Werk. Du kannst Dich an diesen Satzanfängen orientieren:
Mein Zufallsverfahren war ...
Überrascht hat mich ...
Ich habe darin ... entdeckt.
Bewusst verändert habe ich ...
Meine wichtigste Entscheidung war ...
Der Zufall ist im fertigen Bild noch an ... zu erkennen.
Bildgespräch und Feedback
Beim Besprechen der Bilder soll nicht nur gefragt werden: „Ist das schön?“ Interessanter sind Fragen zur Gestaltung.
- Wahrnehmung: Welche Stelle fällt Dir zuerst auf?
- Zufall: Wo vermutest Du eine zufällig entstandene Spur?
- Gestaltung: Welche Ergänzung wirkt besonders bewusst?
- Komposition: Wo ist das Bild dicht, wo bleibt es ruhig?
- Weiterentwicklung: Welche zusätzliche Veränderung könnte die Bildidee noch klarer machen?
Eine hilfreiche Rückmeldung beschreibt zuerst, was sichtbar ist, nennt dann eine Wirkung und gibt erst danach einen Vorschlag.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welche Aussage beschreibt die Grundidee dieses aiMOOCs am besten? (Der Zufall liefert einen Ausgangspunkt, der anschließend bewusst weitergestaltet wird) (!Ein Zufallsbild darf nach seiner Entstehung nicht mehr verändert werden) (!Nur vollständig geplante Bilder können Kunst sein) (!Zufall bedeutet, ohne jede Regel zu arbeiten)
Warum entsteht bei einem klassischen Faltbild häufig eine symmetrische Form? (Weil feuchte Farbe beim Zusammenfalten auf die gegenüberliegende Papierseite übertragen wird) (!Weil jedes Faltbild mit einem Lineal gezeichnet wird) (!Weil beide Papierhälften getrennt bemalt werden müssen) (!Weil nur geometrische Formen verwendet werden dürfen)
Was geschieht bei der Décalcomanie? (Feuchte Farbe wird zwischen Flächen gepresst und als unregelmäßige Struktur abgezogen) (!Ein Motiv wird mit dem Lineal konstruiert) (!Ein Foto wird auf Transparentpapier kopiert) (!Eine getrocknete Fläche wird vollständig übermalt)
Was ist bei einer Zufallslinie zunächst besonders wichtig? (Die Linie entsteht ohne vorher festgelegtes Motiv) (!Das Motiv muss vor dem ersten Strich vollständig feststehen) (!Jede Linie muss exakt gerade sein) (!Alle Linien müssen gleich lang sein)
Was beginnt nach dem eigentlichen Zufallsexperiment? (Das bewusste Entdecken, Auswählen und Weiterentwickeln) (!Das sofortige Wegwerfen des Ergebnisses) (!Das genaue Kopieren eines fremden Bildes) (!Das Verbot weiterer Entscheidungen)
Wie kann Musik als künstlerischer Impuls genutzt werden? (Lautstärke, Tempo und Klang können Bewegungen und Linien beeinflussen) (!Musik darf nur gehört werden, wenn bereits ein fertiges Motiv vorliegt) (!Jeder Ton muss als geschriebenes Wort notiert werden) (!Zu Musik dürfen ausschließlich Kreise gezeichnet werden)
Was ist beim Cadavre exquis typisch? (Mehrere Personen gestalten nacheinander Teile eines gemeinsamen Bildes) (!Eine Person kopiert ein Bild vollständig) (!Alle Beteiligten zeichnen gleichzeitig dasselbe Motiv) (!Das fertige Bild muss vollkommen symmetrisch sein)
Welche Entscheidung ist nach einem Drip-Painting-Experiment sinnvoll? (Einen interessanten Ausschnitt wählen und gezielt weitergestalten) (!Alle Farbspuren vollständig mit Weiß überdecken) (!Nur die zufälligen Tropfen zählen und nichts verändern) (!Das Bild exakt noch einmal herstellen)
Was kennzeichnet das erweiterte Niveau E besonders? (Eigene Zufallsregeln entwickeln und deren Wirkung begründet reflektieren) (!Nur eine vorgegebene Linie nachziehen) (!Auf jede Weiterentwicklung verzichten) (!Ausschließlich eine Farbe verwenden)
Woran erkennt man eine gute Reflexion über ein Zufallsbild? (Sie unterscheidet zwischen zufälligen Ergebnissen und bewussten Gestaltungsentscheidungen) (!Sie nennt nur die verwendeten Stiftnamen) (!Sie behauptet, dass alles im Bild zufällig war) (!Sie bewertet das Bild nur mit schön oder hässlich)
Memory
| Klecksografie | gefalteter Farbklecks als Bildausgangspunkt |
| Décalcomanie | Farbabklatsch zwischen zwei Flächen |
| Zufallslinie | spontane Spur ohne vorher festgelegtes Motiv |
| Drip Painting | tropfende oder fließende Farbe |
| Cadavre exquis | gemeinschaftliches verdecktes Weiterzeichnen |
| Musikimpuls | Klang steuert Zeichenbewegungen |
| Auswahl | bewusste Entscheidung für interessante Bildstellen |
| Reflexion | Nachdenken über Zufall und eigene Gestaltung |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Klecksografie | Spiegelartige Formen durch Falten |
| Décalcomanie | Unregelmäßige Strukturen durch Abklatsch |
| Zufallslinie | Spontane Bewegung des Zeichenwerkzeugs |
| Musikimpuls | Linien reagieren auf hörbare Eigenschaften |
| Cadavre exquis | Verdeckte Zusammenarbeit mehrerer Personen |
| Weiterentwicklung | Zufallsergebnis wird bewusst zur Bildidee gestaltet |
Kreuzworträtsel
| Klecksografie | Wie heißt eine Technik, bei der Farbkleckse als Ausgangspunkt für Figuren und Muster dienen? |
| Decalcomanie | Wie heißt der künstlerische Farbabklatsch zwischen zwei Flächen? |
| Symmetrie | Wie nennt man eine spiegelartige Anordnung von Formen? |
| Automatismus | Wie heißt das möglichst ungeplante spontane Zeichnen im surrealistischen Zusammenhang? |
| Komposition | Wie nennt man die bewusste Anordnung von Bildelementen auf einer Fläche? |
| Aleatorik | Wie heißt ein künstlerisches Prinzip, bei dem geregelter Zufall eine Rolle spielt? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht – G
- Klecksmonster: Erzeuge ein Faltbild, entdecke darin ein Wesen und ergänze nur die Linien, die für Deine Bildidee wirklich nötig sind.
- Zufallslinie: Zeichne eine durchgehende spontane Linie, drehe das Blatt und entwickle daraus ein Tier, Fahrzeug oder Fantasieobjekt.
- Klangzeichnung: Zeichne eine Minute lang zu einem Musikstück und verwandle anschließend einen Ausschnitt in ein eigenständiges Bild.
- Bildvergleich: Erzeuge zwei Klecksografien und erkläre mit drei Sätzen, welche Du interessanter findest und warum.
Standard – M
- Décalcomanie-Landschaft: Erzeuge einen Farbabklatsch und entwickle daraus eine Landschaft, in der mindestens drei zufällige Strukturen sichtbar bleiben.
- Zufall trifft Planung: Kombiniere eine Zufallslinie mit einer bewusst konstruierten Form und untersuche den Kontrast.
- Cadavre exquis: Erstellt zu dritt ein verdecktes Gemeinschaftsbild und gestaltet danach gemeinsam Übergänge, Hintergrund und Farbkonzept.
- Prozessdokumentation: Fotografiere Ausgangsbild, Zwischenstand und Endbild und schreibe zu jedem Schritt eine kurze Begründung.
Schwer – E
- Zufallsmaschine: Entwickle ein eigenes Regelwerk mit Würfel, Losen oder Karten, das mindestens drei Gestaltungseigenschaften beeinflusst, und teste es mehrfach.
- Methodenmix: Verbinde Décalcomanie mit Zufallslinie oder Drip Painting und entscheide anschließend gezielt, welche Spuren erhalten bleiben.
- Variablenexperiment: Verändere bei derselben Technik nur eine Bedingung wie Farbmenge, Geschwindigkeit oder Werkzeug und vergleiche die Wirkungen systematisch.
- Kuratorisches Projekt: Erstelle eine kleine Ausstellung aus drei Zufallsarbeiten, gib ihr einen Titel und schreibe einen kurzen Ausstellungstext über das Verhältnis von Zufall und Entscheidung.


Lernkontrolle
- Transfer: Vom Klecks zur Idee: Du erhältst ein unbekanntes Klecksbild. Beschreibe zwei völlig verschiedene Möglichkeiten, es weiterzuentwickeln, und begründe, welche Bildidee Du wählen würdest.
- Methodenvergleich: Vergleiche Klecksografie und Décalcomanie danach, wie stark das Ergebnis planbar ist, welche Strukturen entstehen und welche Weiterarbeit sinnvoll sein könnte.
- Gestaltungsentscheidung: Ein Zufallsbild ist sehr dicht und unruhig. Entwickle drei konkrete Möglichkeiten, wie Du durch Farbe, Leere, Überdeckung oder Ausschnitt einen klareren Schwerpunkt erzeugen könntest.
- Regel und Freiheit: Erfinde eine Zufallsregel für Linien und erkläre, welche Entscheidungen trotzdem bei Dir als Gestalterin oder Gestalter bleiben.
- Musiktransfer: Beschreibe, wie dasselbe Musikstück zu zwei sehr unterschiedlichen Zeichnungen führen kann, obwohl beide Personen denselben Klang hören.
- Reflexion: Beurteile die Aussage „Wenn Zufall beteiligt ist, braucht man keine künstlerischen Entscheidungen mehr.“ Nutze mindestens zwei Beispiele aus den erprobten Verfahren.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu BK5 - Zufall als künstlerische Methode sind besonders diese Punkte wichtig:
- Praktischer Versuch: Mindestens ein sichtbar eingesetztes Zufallsverfahren.
- Weiterentwicklung: Eine erkennbare eigene Bildidee, die aus dem Zufallsergebnis entstanden ist.
- Gestaltungsentscheidungen: Bewusster Einsatz von Linie, Farbe, Fläche, Kontrast, Ausschnitt oder Komposition.
- Prozess: Dokumentation von Ausgangspunkt, Zwischenstand und Endergebnis.
- Fachsprache: Passender Gebrauch von Begriffen wie Klecksografie, Décalcomanie, Zufallslinie, Symmetrie, Komposition und Reflexion.
- Begründung: Erklärung, warum bestimmte zufällige Spuren ausgewählt, verändert oder verworfen wurden.
- G/M/E-Niveau: Bearbeitungstiefe entsprechend der gewählten Anforderung.
- Präsentation: Kurzes Künstlerstatement zum Verhältnis von Zufall und bewusster Gestaltung.
OERs zum Thema
Der Wikipedia-Artikel zur Klecksografie eignet sich als weiterführende Einführung in Faltbilder und historische Beispiele:
Weitere passende offene Informationsbereiche sind Décalcomanie, Surrealismus, Automatismus, Aleatorik, Action Painting und John Cage.
Medienwerkstatt: freie Bildbeispiele zum Vergleichen
Nutze die folgenden Bilder nicht nur zum Anschauen. Frage bei jedem Beispiel: Was könnte zufällig entstanden sein? Was wurde vermutlich bewusst ausgewählt oder weitergestaltet?
Verknüpfte Lernbereiche
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