Émile Durkheim und Erziehung - Pädagogik


Émile Durkheim und Erziehung - Pädagogik
Émile Durkheim und Erziehung - Pädagogik

| Studienfach | Pädagogik |
|---|---|
| Teilgebiete | Allgemeine Pädagogik, Erziehungswissenschaft, Bildungssoziologie, Sozialisation, Moralpädagogik |
| Niveau | Studium, Lehramt, pädagogische Ausbildung und gymnasiale Oberstufe |
| Zentrale Leitfrage | Wie erklärt Émile Durkheim Erziehung als gesellschaftlichen Prozess, und welche Bedeutung besitzt seine Theorie für Schule, Moral und demokratische Bildung? |
Einleitung
Émile Durkheim gehört zu den Begründern der modernen Soziologie. Für die Pädagogik ist er besonders wichtig, weil er Erziehung nicht nur als Beziehung zwischen einzelnen Erwachsenen und Kindern betrachtet. Er fragt vielmehr, welche gesellschaftlichen Bedingungen, Werte, Institutionen und Machtverhältnisse pädagogisches Handeln prägen. Damit rückt er die soziale Seite von Erziehung, Schule, Unterricht und Moral in den Mittelpunkt.
Durkheims Grundgedanke lautet: Jede Gesellschaft muss der nachwachsenden Generation Fähigkeiten, Denkweisen, Regeln und Wertvorstellungen vermitteln, die für das gemeinsame Leben erforderlich sind. Erziehung ist deshalb für ihn eine methodische Sozialisation der jungen Generation. Sie trägt dazu bei, dass Menschen gesellschaftlich handlungsfähig werden, sich an gemeinsame Regeln binden und zugleich Kompetenzen für unterschiedliche soziale Rollen erwerben.
Diese Sichtweise eröffnet grundlegende Fragen der Erziehungswissenschaft: Wer bestimmt die Ziele von Erziehung? Wie entstehen Lehrpläne? Welche Werte soll Schule vermitteln? Wie verhalten sich individuelle Freiheit und gesellschaftliche Erwartungen zueinander? Welche Rolle spielen Lehrkräfte, Familien, Staat, Religion, soziale Gruppen und kulturelle Traditionen? Und wie kann verhindert werden, dass Erziehung nur bestehende Ungleichheiten und Machtverhältnisse reproduziert?
Der aiMOOC führt Dich in Durkheims pädagogische Theorie ein, verbindet sie mit seiner allgemeinen Soziologie und überträgt sie auf aktuelle Herausforderungen wie Demokratiebildung, Inklusion, Digitalisierung, Bildungsgerechtigkeit und Werteerziehung.
Lernziele
Nach der Bearbeitung dieses aiMOOCs kannst Du Durkheims Erziehungsbegriff erklären, zentrale Fachbegriffe einordnen, seine Theorie auf schulische Situationen übertragen und ihre Stärken sowie Grenzen kritisch beurteilen.
- Erziehungsbegriff: Du erklärst Erziehung als methodische Sozialisation.
- Sozialer Tatbestand: Du untersuchst Schule, Lehrplan und Disziplin als gesellschaftlich geprägte Phänomene.
- Moralische Erziehung: Du erläuterst Disziplin, Bindung an soziale Gruppen und Autonomie.
- Pädagogik und Erziehungswissenschaft: Du unterscheidest pädagogische Praxis, wissenschaftliche Analyse und praktische Theorie.
- Solidarität: Du verbindest Erziehung mit mechanischer und organischer Solidarität.
- Kritische Pädagogik: Du prüfst Durkheims Ansatz auf Macht, Ungleichheit, Pluralität und individuelle Handlungsspielräume.
- Transfer: Du wendest seine Theorie auf gegenwärtige Bildungsfragen an.
Émile Durkheim: Leben und wissenschaftlicher Kontext
Émile Durkheim wurde 1858 in Épinal geboren und starb 1917 in Paris. Nach seinem Studium an der École normale supérieure arbeitete er zunächst als Philosophielehrer. 1887 erhielt er in Bordeaux einen Lehrauftrag für Sozialwissenschaft und Pädagogik. Dort entwickelte er einen großen Teil seiner soziologischen Theorie und unterrichtete regelmäßig angehende Lehrkräfte.
1902 wechselte Durkheim an die Sorbonne. 1906 übernahm er dort einen Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft. Der Lehrstuhl wurde 1913 in Erziehungswissenschaft und Soziologie umbenannt. Diese Verbindung zeigt, dass Durkheim Pädagogik und Soziologie nicht als voneinander getrennte Bereiche verstand. Erziehung war für ihn ein zentraler Gegenstand der Gesellschaftswissenschaft.

Die historische Postkarte zeigt Durkheim mit Studierenden im Amphithéâtre Guizot der Sorbonne. Sie verdeutlicht, dass seine pädagogischen Überlegungen aus der universitären Lehre und der Ausbildung von Lehrkräften hervorgingen.
Gesellschaftlicher Hintergrund
Durkheim schrieb in einer Phase tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Industrialisierung, Urbanisierung, Arbeitsteilung, wissenschaftlicher Fortschritt und politische Konflikte veränderten das Leben in Frankreich. Die Dritte Französische Republik baute ein staatliches, verpflichtendes und zunehmend säkulares Schulsystem aus. Schule sollte Wissen vermitteln, nationale Zugehörigkeit stärken und eine nicht mehr ausschließlich religiös begründete Moral entwickeln.
Für Durkheim stellte sich deshalb die Frage, wie sozialer Zusammenhalt in einer modernen Gesellschaft möglich bleibt. In traditionellen Gesellschaften beruht Zusammenhalt stärker auf Ähnlichkeit, gemeinsamen Überzeugungen und kollektiv geteilten Lebensformen. Moderne Gesellschaften sind dagegen durch Spezialisierung, Vielfalt und gegenseitige Abhängigkeit geprägt. Erziehung muss daher sowohl gemeinsame Grundlagen vermitteln als auch auf unterschiedliche gesellschaftliche Aufgaben vorbereiten.

Das Gemälde einer französischen Geografiestunde verdeutlicht, dass Unterricht nie vollständig neutral ist. Karten, Lehrpläne und Unterrichtsthemen können nationale Deutungen, politische Interessen und gesellschaftliche Wertvorstellungen vermitteln. Durkheims Theorie hilft Dir, solche Unterrichtssituationen als Sozialisation und als Ausdruck eines bestimmten historischen Gesellschaftsideals zu analysieren.
Wichtige Werke
- Über soziale Arbeitsteilung von 1893 untersucht den Übergang von mechanischer zu organischer Solidarität.
- Die Regeln der soziologischen Methode von 1895 begründet die Untersuchung sozialer Tatbestände.
- Der Selbstmord von 1897 zeigt, wie scheinbar individuelle Handlungen gesellschaftlich mitbedingt sein können.
- Éducation et sociologie erschien 1922 postum und bündelt zentrale Texte zu Erziehung, Pädagogik und Soziologie.
- L’Éducation morale erschien 1925 postum und enthält Vorlesungen zur moralischen Erziehung.
- L’Évolution pédagogique en France erschien 1938 postum und behandelt die historische Entwicklung des französischen Bildungswesens.


Erziehung als gesellschaftlicher Prozess
Durkheims Definition von Erziehung
Durkheim definiert Erziehung als die Einwirkung der erwachsenen Generationen auf diejenigen, die noch nicht für das soziale Leben reif sind. Ihr Ziel besteht darin, körperliche, intellektuelle und moralische Zustände hervorzubringen und zu entwickeln, die sowohl die politische Gesellschaft insgesamt als auch das besondere soziale Milieu von einem Menschen erwarten.
Diese Definition enthält mehrere wichtige Aussagen:
- Generation: Erziehung verbindet ältere und jüngere Generationen.
- Gesellschaft: Ziele und Inhalte von Erziehung entstehen nicht allein aus individuellen Wünschen.
- Moral: Erziehung vermittelt Regeln, Verpflichtungen und Vorstellungen vom guten Zusammenleben.
- Differenzierung: Neben gemeinsamen Grundlagen bereitet Erziehung auf unterschiedliche soziale Milieus, Berufe und Aufgaben vor.
- Institution: Erziehung vollzieht sich in Familie, Schule, Hochschule, Ausbildung, Vereinen und weiteren sozialen Zusammenhängen.
- Historischer Wandel: Jede Gesellschaft und jede Epoche entwickelt eigene Erziehungsziele.
Durkheim behauptet damit nicht, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft völlig gleich erzogen werden. Er unterscheidet vielmehr zwischen einer gemeinsamen Grundlage und einer spezialisierten Erziehung. Eine Gesellschaft benötigt gemeinsame Werte, Sprache und Regeln. Zugleich verlangt die moderne Arbeitsteilung unterschiedliche Kenntnisse und berufliche Fähigkeiten.
Methodische Sozialisation
Durkheims bekannte Formel bezeichnet Erziehung als methodische Sozialisation der jungen Generation. Der Begriff Sozialisation beschreibt den Prozess, durch den Menschen gesellschaftliche Normen, Werte, Rollen, Sprache, Deutungsmuster und Handlungsweisen erwerben. Das Wort methodisch verweist darauf, dass Erziehung nicht nur beiläufig geschieht. Pädagogische Institutionen setzen Ziele, wählen Inhalte aus, organisieren Lerngelegenheiten und beurteilen Leistungen.
Methodische Sozialisation ist jedoch nicht mit mechanischer Anpassung gleichzusetzen. Menschen übernehmen gesellschaftliche Erwartungen nicht einfach unverändert. Sie interpretieren Regeln, verhandeln Bedeutungen, leisten Widerstand und entwickeln neue Praktiken. Dieser Aspekt ist bei Durkheim weniger stark ausgearbeitet, spielt aber in neueren Sozialisationstheorien eine wichtige Rolle.
Ein Beispiel ist die Schulpflicht. Sie ist eine rechtliche Regel, die unabhängig vom einzelnen Kind besteht. Sie strukturiert den Alltag von Familien, legt den Besuch einer Schule nahe und verbindet Bildung mit staatlicher Verantwortung. Zugleich erleben Lernende Schule unterschiedlich, entwickeln eigene Beziehungen und können schulische Regeln kritisch hinterfragen.
Das individuelle und das soziale Wesen
Durkheim unterscheidet analytisch zwei Seiten des Menschen. Das individuelle Wesen umfasst persönliche Erfahrungen, Bedürfnisse und Lebensgeschichten. Das soziale Wesen besteht aus Vorstellungen, Gewohnheiten, moralischen Regeln und Bindungen, die aus der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen hervorgehen.
Erziehung wirkt daran mit, dieses soziale Wesen aufzubauen. Du lernst eine Sprache, verwendest kulturelle Symbole, beachtest Regeln, übernimmst Rollen und entwickelst Vorstellungen von Gerechtigkeit. Diese Fähigkeiten entstehen nicht isoliert im Individuum, sondern durch Interaktion und gesellschaftliche Überlieferung.
Die Unterscheidung darf nicht so verstanden werden, als seien Individuum und Gesellschaft vollständige Gegensätze. Persönliche Identität entwickelt sich in sozialen Beziehungen. Auch Individualität ist historisch und gesellschaftlich geprägt. Moderne Gesellschaften können sogar die Achtung vor der individuellen Person zu einem gemeinsamen moralischen Ideal erheben.
Soziale Tatbestände und Erziehung
Was ist ein sozialer Tatbestand?
Ein sozialer Tatbestand ist eine Art des Handelns, Denkens oder Fühlens, die dem einzelnen Menschen gegenüber eine gewisse Eigenständigkeit besitzt und sozialen Druck ausüben kann. Durkheim fordert, soziale Tatbestände wie Dinge zu untersuchen. Damit meint er, dass Forschende nicht von persönlichen Vorurteilen ausgehen sollen, sondern beobachtbare Regeln, Institutionen, Praktiken und Daten analysieren.
Drei Merkmale sind besonders bedeutsam:
- Äußerlichkeit: Eine Schulordnung besteht bereits, bevor ein bestimmtes Kind die Schule betritt.
- Allgemeinheit: Regeln und Erwartungen gelten für eine größere soziale Gruppe.
- Zwang: Verstöße können Kritik, schlechte Bewertungen, Ausschluss oder rechtliche Folgen nach sich ziehen.
Zu den sozialen Tatbeständen des Bildungswesens gehören Schulpflicht, Lehrplan, Prüfung, Zeugnis, Notengebung, Unterrichtssprache, Abschlussordnungen, Rollenbilder und Vorstellungen von Begabung.
Schule als Institution
Die Schule ist für Durkheim nicht bloß ein Gebäude und auch nicht nur eine Ansammlung einzelner Personen. Sie ist eine Institution mit Regeln, Rollen, Zeitordnungen, Ritualen, Fachkulturen und Erwartungen. Stundenpläne strukturieren Zeit. Klassen bilden Gruppen. Prüfungen ordnen Leistungen ein. Zeugnisse erzeugen Berechtigungen. Lehrkräfte vertreten fachliche und institutionelle Autorität.
Die Schule steht zwischen Familie und Gesamtgesellschaft. In der Familie sind Beziehungen meist persönlich und emotional geprägt. In der Schule begegnen Kinder stärker allgemeinen Regeln, unterschiedlichen sozialen Hintergründen und unpersönlicheren Leistungserwartungen. Die Klasse kann dadurch zu einer kleinen sozialen Gemeinschaft werden, in der Kooperation, Rücksichtnahme, Verantwortung und Konfliktbearbeitung eingeübt werden.

Das historische Klassenzimmer macht sichtbar, dass räumliche Ordnung pädagogische Beziehungen mitgestaltet. Sitzordnung, Blickrichtung, Lehrerpult, Tafel und Unterrichtsmaterialien beeinflussen Kommunikation und Autorität. Eine durkheimianische Analyse fragt deshalb nicht nur nach Absichten einzelner Lehrkräfte, sondern auch nach den sozialen Wirkungen der institutionellen Anordnung.
Lehrplan und kollektive Vorstellungen
Ein Lehrplan legt fest, welches Wissen als bildungsrelevant gilt. Er ist das Ergebnis historischer, politischer und fachlicher Entscheidungen. Sprachen, Literatur, Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte, Kunst und politische Bildung erhalten je nach Gesellschaft und Epoche unterschiedliches Gewicht.
Durkheims Begriff des kollektiven Bewusstseins bezeichnet gemeinsame Vorstellungen und Gefühle, die eine Gesellschaft verbinden. Schule trägt dazu bei, solche kollektiven Orientierungen zu vermitteln. Dazu gehören beispielsweise Vorstellungen von Menschenwürde, Leistung, Nation, Demokratie, Wissenschaft und sozialer Verantwortung.
Diese Vermittlung erfolgt nicht nur über offizielle Inhalte. Auch der heimliche Lehrplan prägt Lernende. Pünktlichkeit, Konkurrenz, Kooperation, Geschlechterrollen, Umgang mit Autorität und Erwartungen an sprachliches Verhalten werden häufig indirekt gelernt.
Pädagogik, Erziehungswissenschaft und Praxis
Drei Ebenen unterscheiden
Durkheim unterscheidet zwischen tatsächlicher Erziehung, wissenschaftlicher Untersuchung und pädagogischer Reflexion.
- Erziehungspraxis: Erwachsene, Institutionen und Gruppen wirken konkret auf Heranwachsende ein.
- Erziehungswissenschaft: Forschende beschreiben, vergleichen und erklären Erziehungsformen.
- Pädagogik: Pädagogik reflektiert Erziehung mit dem Ziel, Praxis zu orientieren oder zu verändern.
Für Durkheim ist Pädagogik keine reine Naturwissenschaft und auch keine bloße Sammlung persönlicher Erfahrungen. Er bezeichnet sie als praktische Theorie. Sie soll wissenschaftliche Erkenntnisse aus Soziologie, Psychologie, Geschichte und weiteren Disziplinen aufnehmen und daraus begründete Orientierungen für pädagogisches Handeln entwickeln.
Diese Unterscheidung ist bis heute relevant. Eine empirische Studie kann untersuchen, wie Noten auf Motivation wirken. Pädagogische Reflexion fragt zusätzlich, welche Form der Leistungsbewertung gerecht und bildungsförderlich sein soll. Praktisches Handeln setzt die begründete Entscheidung in einer konkreten Situation um.
Warum die Soziologie für Pädagogik wichtig ist
Eine ausschließlich psychologische Erklärung betrachtet Lernen vor allem als individuellen Prozess. Durkheim hält diese Perspektive für notwendig, aber unvollständig. Die Psychologie kann erklären, wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit oder Motivation funktionieren. Sie erklärt jedoch nicht allein, warum eine Gesellschaft bestimmte Fächer unterrichtet, welche Abschlüsse sie einführt oder welche moralischen Ziele sie verfolgt.
Die Bildungssoziologie untersucht deshalb soziale Bedingungen von Bildung. Sie fragt nach Institutionen, Milieus, sozialer Herkunft, Macht, Selektion, Ungleichheit und gesellschaftlichem Wandel. Durkheim gehört zu den frühen Denkern, die Erziehung systematisch als sozialen Tatbestand analysierten.

Die historische Aufnahme einer Zeichenschule für junge Frauen zeigt, dass Bildungsangebote nach Geschlecht, sozialer Herkunft und gesellschaftlichen Erwartungen differenziert wurden. Eine soziologische Pädagogik untersucht, welche Möglichkeiten eröffnet und welche Grenzen institutionell erzeugt werden.
Moralische Erziehung
Moral als gesellschaftliche Ordnung
Durkheim versteht Moral als ein System von Regeln des Handelns. Moralische Regeln begrenzen nicht nur Verhalten. Sie ermöglichen auch Verlässlichkeit, Kooperation und Zugehörigkeit. Moralische Erziehung soll Lernende deshalb weder durch bloßen Zwang unterwerfen noch allein zu spontaner Selbstentfaltung anregen. Sie soll Menschen befähigen, Regeln zu verstehen, soziale Bindungen aufzubauen und verantwortlich zu handeln.
Seine Überlegungen entstanden vor dem Hintergrund der Säkularisierung. In einem staatlichen Schulsystem sollte Moral nicht ausschließlich religiös begründet werden. Durkheim suchte daher nach einer rationalen und gesellschaftlichen Grundlage moralischer Bildung.
Drei Elemente der Moralität
Durkheim unterscheidet drei miteinander verbundene Elemente:
- Disziplin: Moralisches Handeln verlangt Regelmäßigkeit, Selbstbegrenzung und Respekt vor begründeten Regeln.
- Soziale Bindung: Menschen handeln moralisch, wenn sie sich sozialen Gruppen und gemeinsamen Zielen verbunden fühlen.
- Autonomie: In einer modernen Moral sollen Regeln nicht blind befolgt, sondern verstanden und vernünftig anerkannt werden.
Disziplin ohne Autonomie kann in Autoritarismus umschlagen. Autonomie ohne soziale Bindung kann gemeinschaftliche Verantwortung ausblenden. Bindung ohne kritische Reflexion kann Konformität fördern. Pädagogisch bedeutsam ist daher das Verhältnis aller drei Elemente.
Disziplin und pädagogische Autorität
Durkheim misst der Disziplin große Bedeutung bei. Regeln strukturieren das Zusammenleben und begrenzen unendliche Wünsche. Pädagogische Autorität soll jedoch nicht auf persönlicher Willkür beruhen. Die Lehrkraft vertritt Regeln, die für die Gemeinschaft gelten und moralisch begründbar sein müssen.
Aus heutiger Sicht verlangt dieser Gedanke eine kritische Ergänzung. Autorität ist nur legitim, wenn sie transparent, verhältnismäßig, menschenrechtskonform und überprüfbar ist. Lernende benötigen Beteiligungsrechte, Beschwerdemöglichkeiten und Räume für Widerspruch. Demokratische Disziplin bedeutet nicht stummen Gehorsam, sondern gemeinsam verantwortete Regeln.
Bindung an soziale Gruppen
Moral entsteht für Durkheim nicht im isolierten Individuum. Menschen entwickeln Verantwortungsgefühl, indem sie sich Familien, Klassen, Freundschaften, Vereinen, Berufen, politischen Gemeinschaften und der Menschheit verbunden fühlen.
Die Schulklasse kann zu einem Lernraum sozialer Verantwortung werden. Gruppenarbeiten, Klassenrat, Schülervertretung und gemeinsame Projekte fördern Kooperation. Gleichzeitig können Gruppen ausschließen, Konformitätsdruck erzeugen oder Vorurteile verstärken. Pädagogik muss daher Zugehörigkeit ermöglichen, ohne Vielfalt zu unterdrücken.
Autonomie und vernünftige Einsicht
Durkheims drittes Element ist die Autonomie. Moderne Menschen sollen moralische Regeln nicht nur aus Furcht vor Strafe befolgen. Sie sollen ihre gesellschaftliche Funktion verstehen und vernünftig beurteilen können.
Autonomie bedeutet bei Durkheim nicht Unabhängigkeit von allen sozialen Beziehungen. Sie bezeichnet vielmehr eine reflektierte Zustimmung zu Regeln. Diese Auffassung lässt sich mit Urteilskompetenz, Mündigkeit und Demokratiepädagogik verbinden. Lernende sollen Gründe prüfen, unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen und Regeln verändern können, wenn sie ungerecht sind.
Solidarität, Arbeitsteilung und Bildung
Mechanische Solidarität
Mechanische Solidarität beruht auf Ähnlichkeit. Menschen teilen vergleichbare Tätigkeiten, Überzeugungen und Lebensformen. Das kollektive Bewusstsein ist stark. Erziehung betont gemeinsame Traditionen, einheitliche Regeln und Zugehörigkeit.
Der Begriff mechanisch bedeutet nicht, dass Menschen wie Maschinen handeln. Durkheim verwendet ihn, um eine Form des Zusammenhalts zu beschreiben, die aus Ähnlichkeit und enger gemeinsamer Moral entsteht.
Organische Solidarität
Organische Solidarität entsteht in arbeitsteiligen Gesellschaften. Menschen erfüllen unterschiedliche Aufgaben und sind gerade deshalb voneinander abhängig. Vergleichbar mit Organen eines Körpers tragen spezialisierte Teile zum Funktionieren des Ganzen bei.
Für Bildung folgt daraus eine doppelte Aufgabe. Schule vermittelt eine gemeinsame moralische und kulturelle Grundlage. Zugleich bereitet sie auf unterschiedliche Berufe, Wissensgebiete und gesellschaftliche Rollen vor. Allgemeinbildung und Spezialisierung müssen miteinander verbunden werden.
Bedeutung für moderne Bildungssysteme
Moderne Bildungssysteme stehen vor einem Spannungsverhältnis:
- Gemeinsame Bildung soll demokratische Grundwerte, Sprache, Wissen und gesellschaftliche Teilhabe sichern.
- Differenzierung soll unterschiedlichen Interessen, Begabungen, Lebenswegen und beruflichen Anforderungen gerecht werden.
- Bildungsgerechtigkeit verlangt, dass Differenzierung nicht zu dauerhafter Benachteiligung führt.
- Pluralismus verlangt gemeinsame Regeln, ohne kulturelle, religiöse und individuelle Vielfalt zu unterdrücken.
Durkheims Theorie erklärt, warum Bildungssysteme gleichzeitig vereinheitlichen und unterscheiden. Sie liefert jedoch noch keine ausreichende Theorie gerechter Verteilung von Bildungschancen.
Staat, Familie und gesellschaftliche Gruppen
Rolle der Familie
Die Familie ist ein früher Ort der Sozialisation. Kinder lernen Sprache, Gewohnheiten, Gefühle, Vertrauen und erste Regeln. Familien unterscheiden sich jedoch nach Lebensform, sozialer Lage, kulturellem Hintergrund und verfügbaren Ressourcen.
Durkheim sieht die Familie als wichtig an, hält aber ein ausschließlich familiär organisiertes Bildungswesen für unzureichend. Eine moderne Gesellschaft benötigt gemeinsame Bildungsgrundlagen, die über einzelne Familienmilieus hinausgehen.
Rolle des Staates
Der Staat soll nach Durkheim gewährleisten, dass allen Kindern ein gemeinsamer Bestand an moralischen und intellektuellen Grundlagen vermittelt wird. Erziehung ist deshalb nicht nur Privatsache. Der Staat schützt Bildungszugang, legt Rahmenbedingungen fest und sichert gemeinsame Regeln.
Diese Rolle birgt zugleich Risiken. Staatliche Bildung kann zur politischen Beeinflussung, nationalistischen Vereinheitlichung oder Unterdrückung von Minderheiten genutzt werden. Demokratische Kontrolle, Menschenrechte, wissenschaftliche Freiheit und gesellschaftlicher Pluralismus sind deshalb unverzichtbar.
Professionelle Rolle der Lehrkraft
Die Lehrkraft vermittelt nicht nur Fachwissen. Sie repräsentiert institutionelle Regeln, gestaltet soziale Beziehungen, beurteilt Leistungen und wirkt als moralisches Vorbild. Ihre Autorität beruht nicht allein auf Persönlichkeit, sondern auch auf fachlicher Kompetenz, professioneller Verantwortung und dem Bildungsauftrag der Schule.
Aus Durkheims Sicht sollte die Lehrkraft die sozialen Bedingungen von Unterricht verstehen. Sie muss erkennen, dass Konflikte, Leistungsunterschiede oder Regelverstöße nicht ausschließlich individuelle Ursachen besitzen. Klassenkultur, institutionelle Erwartungen und soziale Ungleichheiten wirken mit.
Bildung als historisch wandelbare Institution
Durkheim betont, dass es keine zeitlose Erziehung gibt. Erziehungsziele verändern sich mit Religion, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und gesellschaftlicher Organisation. Was in einer Epoche als unverzichtbare Bildung gilt, kann später an Bedeutung verlieren.
Die historische Analyse schützt vor zwei Fehlern. Erstens verhindert sie die Annahme, gegenwärtige Schulformen seien naturgegeben. Zweitens warnt sie vor pädagogischen Reformen, die bestehende Bedingungen ignorieren. Reformen müssen verstehen, warum Institutionen entstanden sind und welche Funktionen sie erfüllen.
Datei:L'année sociologique, tome 7, 1902-1903.djvu
Die von Durkheim geleitete Zeitschrift L’Année sociologique steht für ein Forschungsprogramm, das soziale Institutionen vergleichend, historisch und empirisch untersuchen wollte.
Beispiel: Wandel von Bildungszielen
In vormodernen Bildungssystemen standen häufig religiöse Unterweisung, Standeszugehörigkeit und klassische Sprachen im Mittelpunkt. Moderne Schulen ergänzten oder ersetzten diese Ziele durch Naturwissenschaften, nationale Geschichte, berufliche Qualifikation und staatsbürgerliche Bildung.
Gegenwärtig gewinnen Medienkompetenz, Nachhaltigkeit, Inklusion, Interkulturelle Kompetenz und Demokratiebildung an Bedeutung. Eine durkheimianische Frage lautet: Welche gesellschaftlichen Herausforderungen führen dazu, dass diese Bildungsziele heute als notwendig gelten?
Schule als soziale Mikrowelt
Die Schulklasse lässt sich als kleine Gesellschaft untersuchen. Sie besitzt Regeln, Rollen, Gruppen, Rituale, Konflikte, Sanktionen und gemeinsame Erinnerungen. Lernende erfahren, wie individuelle Wünsche mit gemeinsamen Anforderungen vermittelt werden.
Wichtige soziale Lernprozesse sind:
- Kooperation: Gemeinsam Aufgaben lösen und Verantwortung teilen.
- Konfliktfähigkeit: Interessen ausdrücken und faire Lösungen aushandeln.
- Regelbewusstsein: Sinn, Grenzen und Veränderbarkeit von Regeln verstehen.
- Anerkennung: Unterschiede respektieren und Zugehörigkeit ermöglichen.
- Partizipation: Entscheidungen mitgestalten und Verantwortung übernehmen.
- Leistung: Anforderungen bearbeiten, ohne Menschen auf Noten zu reduzieren.
Durkheim hilft, diese Prozesse als Teil des Bildungsauftrags zu verstehen. Neuere Pädagogik ergänzt seine Sicht durch die Perspektive der Lernenden, durch Kinderrechte und durch die Analyse von Macht und Diskriminierung.
Kritische Würdigung
Stärken des Ansatzes
Durkheims Theorie besitzt mehrere bleibende Stärken. Sie macht sichtbar, dass Erziehung immer in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet ist. Sie erklärt, warum Schule gemeinsame Regeln vermittelt, warum Lehrpläne historisch variieren und warum Bildung für sozialen Zusammenhalt wichtig ist.
Besonders bedeutsam sind:
- Gesellschaftliche Einbettung: Pädagogik kann soziale Bedingungen nicht ignorieren.
- Institutionenanalyse: Schule wird als Regel- und Handlungssystem untersucht.
- Moralische Bildung: Bildung umfasst mehr als Wissensvermittlung.
- Historische Perspektive: Erziehungsformen werden als wandelbar erkannt.
- Interdisziplinarität: Soziologie und Psychologie sollen gemeinsam zur Erziehungswissenschaft beitragen.
- Praxisbezug: Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen pädagogische Reflexion unterstützen.
Grenzen und Einwände
Durkheim betrachtet Gesellschaft häufig aus der Perspektive von Ordnung, Integration und Zusammenhalt. Dadurch können Konflikte, Herrschaft und soziale Ungleichheit zu wenig Beachtung finden.
Wichtige Einwände lauten:
- Macht: Wer entscheidet, welche Werte als gemeinsam gelten?
- Soziale Ungleichheit: Schulen vermitteln nicht nur Zusammenhalt, sondern können Klassenunterschiede reproduzieren.
- Kulturelle Vielfalt: Eine einheitliche Moral kann Minderheiten und abweichende Lebensformen verdrängen.
- Handlungsspielraum: Lernende sind nicht bloß Empfänger gesellschaftlicher Erwartungen.
- Konflikt: Gesellschaftlicher Wandel entsteht auch durch Protest, Dissens und soziale Bewegungen.
- Autorität: Disziplin kann missbraucht werden, wenn sie nicht demokratisch begrenzt wird.
- Geschlecht und Diskriminierung: Durkheims Theorie behandelt geschlechtliche und rassistische Machtverhältnisse nicht ausreichend.
Diese Kritik widerlegt nicht jede Einsicht Durkheims. Sie fordert dazu auf, seine Theorie mit Pierre Bourdieu, Paulo Freire, John Dewey, Kritische Theorie, Intersektionalität und neueren Sozialisationstheorien zu vergleichen.
Funktionalistische Lesart
Durkheim wird häufig dem Funktionalismus zugeordnet. Institutionen werden danach gefragt, welchen Beitrag sie zur Stabilität und Integration einer Gesellschaft leisten. Schule sozialisiert, qualifiziert, verteilt Positionen und erzeugt gemeinsame Orientierungen.
Eine funktionalistische Analyse ist nützlich, solange sie nicht aus der Existenz einer Institution automatisch auf deren Gerechtigkeit schließt. Eine Prüfung kann eine gesellschaftliche Funktion erfüllen und dennoch bestimmte Gruppen benachteiligen. Pädagogische Kritik muss daher Funktion, Macht und normative Rechtfertigung unterscheiden.
Gegenwartsbezug
Demokratiebildung
Demokratische Gesellschaften benötigen gemeinsame Regeln, aber auch Kritikfähigkeit. Durkheims Verbindung von Bindung und Autonomie lässt sich auf Demokratiebildung übertragen. Lernende sollen Menschenrechte achten, Verantwortung übernehmen und politische Entscheidungen prüfen.
Klassenrat, Schülervertretung, Debatte und Projektlernen können demokratische Moral erfahrbar machen. Entscheidend ist, dass Beteiligung reale Wirkung besitzt und nicht nur symbolisch bleibt.
Inklusion und Zugehörigkeit
Inklusion fordert, Bildungseinrichtungen so zu gestalten, dass unterschiedliche Lernvoraussetzungen und Lebenslagen berücksichtigt werden. Durkheims Betonung sozialer Bindung unterstützt die Idee, dass Zugehörigkeit ein Bildungsziel ist.
Gleichzeitig muss seine Vorstellung eines gemeinsamen moralischen Kerns pluralistisch weiterentwickelt werden. Zugehörigkeit darf nicht an Anpassung an eine dominante Kultur gebunden sein. Gemeinsamkeit entsteht auch durch Anerkennung von Unterschiedlichkeit.
Digitalisierung und neue Sozialisation
Digitale Plattformen, soziale Medien und algorithmische Systeme sind neue Sozialisationsinstanzen. Sie vermitteln Normen, Aufmerksamkeit, Sprache, Rollenbilder und politische Deutungen. Aus durkheimianischer Perspektive können auch Plattformregeln und algorithmische Empfehlungen als soziale Strukturen untersucht werden.
Medienbildung muss deshalb mehr leisten als technische Bedienkompetenz. Lernende benötigen Urteilskraft, Datenschutzwissen, Quellenkritik und ein Verständnis digitaler Öffentlichkeit.

Die historische Zukunftsvision einer Schule zeigt Wissen als technische Übertragung. Sie lädt zur kritischen Frage ein, ob Bildung auf Informationsaufnahme reduziert werden kann. Durkheim würde daran erinnern, dass Schule zugleich soziale Beziehungen, Moral und Zugehörigkeit gestaltet.
Bildungsgerechtigkeit
Durkheim erklärt, warum Bildung gesellschaftlich organisiert ist. Er analysiert jedoch weniger ausführlich, wie soziale Herkunft, Vermögen, Geschlecht, Behinderung oder Migration Bildungschancen beeinflussen.
Für eine heutige Anwendung muss sein Ansatz mit Forschung zu Bildungsungleichheit verbunden werden. Die zentrale Frage lautet dann nicht nur, wie Schule Gesellschaft integriert, sondern auch, welche Gesellschaft sie reproduziert und welche Veränderungen sie ermöglicht.
Fallanalyse: Eine neue Schulordnung
Stell Dir vor, eine Schule führt nach häufigen Konflikten eine neue Smartphone-Regel ein. Smartphones müssen während des Unterrichts ausgeschaltet und in einer Tasche aufbewahrt werden. Bei Verstößen wird das Gerät zeitweise eingezogen. Der Klassenrat darf nach einem Halbjahr Änderungsvorschläge einreichen.
Eine durkheimianische Analyse untersucht mehrere Ebenen:
- Die Regel ist ein sozialer Tatbestand, weil sie allgemein gilt und mit Sanktionen verbunden ist.
- Die Regel verfolgt eine Funktion, etwa Konzentration, Schutz vor Ablenkung und gemeinsames Lernen.
- Die Lehrkraft vertritt institutionelle Autorität, darf aber nicht willkürlich handeln.
- Die Beteiligung des Klassenrats stärkt Autonomie und vernünftige Einsicht.
- Die gemeinsame Regel kann Bindung fördern, wenn sie als fair erlebt wird.
- Ungleiche Voraussetzungen müssen berücksichtigt werden, wenn einzelne Lernende ein Gerät aus medizinischen oder unterstützenden Gründen benötigen.
- Eine kritische Analyse fragt, ob die Sanktion verhältnismäßig und mit Eigentumsrechten vereinbar ist.
Der Fall zeigt, dass Durkheims Theorie nicht nur historische Bedeutung besitzt. Sie bietet Begriffe, um Regeln, Institutionen und moralische Lernprozesse systematisch zu untersuchen.
Forschungsmethoden für eine durkheimianische Bildungsanalyse
Durkheims methodischer Grundsatz verlangt, soziale Tatsachen empirisch zu untersuchen. Für ein pädagogisches Forschungsprojekt eignen sich verschiedene Verfahren.
- Dokumentenanalyse: Vergleiche Lehrpläne, Schulgesetze oder Schulordnungen.
- Beobachtung: Untersuche Rituale, Sitzordnungen und Regelanwendungen im Unterricht.
- Interview: Befrage Lernende und Lehrkräfte zur Bedeutung gemeinsamer Regeln.
- Fragebogen: Erfasse Zugehörigkeitsgefühl, Regelakzeptanz oder Beteiligung.
- Historischer Vergleich: Vergleiche Schulbücher verschiedener Jahrzehnte.
- Statistische Analyse: Untersuche Muster bei Übergängen, Abschlüssen oder Sanktionen.
- Diskursanalyse: Analysiere, wie über Leistung, Begabung oder Disziplin gesprochen wird.
Eine verantwortungsvolle Forschung wahrt Datenschutz, Freiwilligkeit, Anonymität und den Schutz Minderjähriger. Außerdem muss sie zwischen Beschreibung und normativer Bewertung unterscheiden.
Begriffsnetz
| Begriff | Bedeutung bei Durkheim | Pädagogischer Bezug |
|---|---|---|
| Erziehung | Einwirkung erwachsener Generationen auf die noch nicht sozial reife Generation | Vermittlung körperlicher, intellektueller und moralischer Fähigkeiten |
| Sozialisation | Aufbau des sozialen Wesens | Erwerb von Normen, Rollen, Sprache und Zugehörigkeit |
| Sozialer Tatbestand | Äußerliche, allgemeine und mit sozialem Druck verbundene Wirklichkeit | Schulpflicht, Noten, Lehrpläne und Schulregeln |
| Moral | System von Regeln des Handelns | Disziplin, soziale Bindung und Autonomie |
| Solidarität | Form des gesellschaftlichen Zusammenhalts | Gemeinsame Bildung und arbeitsteilige Spezialisierung |
| Pädagogik | Praktische Theorie der Erziehung | Wissenschaftlich begründete Orientierung pädagogischen Handelns |
| Kollektivbewusstsein | Gemeinsame Vorstellungen und Gefühle | Werte, Symbole und Deutungen im Bildungssystem |
| Autonomie | Vernünftige Einsicht in moralische Regeln | Urteilskompetenz und reflektierte Regelanerkennung |
Zusammenfassung
Émile Durkheim versteht Erziehung als methodische Sozialisation der jungen Generation. Gesellschaften vermitteln durch Erziehung jene körperlichen, intellektuellen und moralischen Fähigkeiten, die sie für ihr Fortbestehen und ihre Entwicklung benötigen. Schule ist eine soziale Institution, in der gemeinsame Regeln, Wissen, Zugehörigkeit und spezialisierte Kompetenzen vermittelt werden.
Seine Theorie verbindet Erziehung mit sozialen Tatbeständen, kollektivem Bewusstsein, Moral und Solidarität. Pädagogik ist für ihn eine praktische Theorie, die Erkenntnisse der Erziehungswissenschaft für verantwortliches Handeln nutzt. Moralische Erziehung umfasst Disziplin, Bindung an soziale Gruppen und Autonomie.
Für die Gegenwart bleibt Durkheim bedeutsam, weil er die gesellschaftliche Einbettung von Bildung sichtbar macht. Seine Theorie muss jedoch um Perspektiven auf Macht, Ungleichheit, Diversität, Kinderrechte und die aktive Mitgestaltung durch Lernende ergänzt werden.
Quellen und weiterführende Materialien
- Émile Durkheim: Éducation et sociologie, französischer Volltext von 1922
- Éducation et sociologie bei Wikisource
- Émile Durkheim: L’éducation morale
- Wikipedia: Émile Durkheim
- Wikipedia: Sozialer Tatbestand
- Émile Durkheim: Erziehung, Moral und Gesellschaft. Deutsche Ausgabe der pädagogischen Vorlesungen.
- Bildungssoziologie: Vertiefung zu gesellschaftlichen Bedingungen von Schule und Bildung.
- Sozialisation: Vertiefung zu gesellschaftlicher Persönlichkeitsentwicklung.
Datei:Durkheim - Éducation et sociologie.pdf
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Wie bezeichnet Durkheim Erziehung in einer bekannten Kurzform? (Methodische Sozialisation der jungen Generation) (!Biologische Reifung ohne gesellschaftlichen Einfluss) (!Spontane Selbstentfaltung ohne Regeln) (!Ausschließlich berufliche Qualifikation)
Welches Merkmal gehört zu einem sozialen Tatbestand? (Er besitzt gegenüber dem Einzelnen eine gewisse Äußerlichkeit) (!Er entsteht nur aus einer privaten Laune) (!Er gilt ausschließlich für eine einzelne Person) (!Er ist grundsätzlich ohne soziale Folgen)
Welche Aufgabe hat Erziehung nach Durkheim? (Sie entwickelt gesellschaftlich erforderliche körperliche intellektuelle und moralische Zustände) (!Sie verhindert jede Form gesellschaftlicher Bindung) (!Sie ersetzt alle familiären Beziehungen) (!Sie beschränkt sich auf die Vermittlung von Prüfungswissen)
Wie charakterisiert Durkheim die Pädagogik? (Als praktische Theorie der Erziehung) (!Als reine Biologie des Kindes) (!Als Sammlung unveränderlicher Naturgesetze) (!Als vollständig theoriefeie Routine)
Welches Element gehört zu Durkheims moralischer Erziehung? (Autonomie) (!Beliebigkeit) (!Isolation) (!Rangordnung nach Herkunft)
Warum ist die Schule für Durkheim eine wichtige Institution? (Sie vermittelt allgemeine Regeln und soziale Zugehörigkeit) (!Sie hat keinerlei Einfluss auf moralische Entwicklung) (!Sie dient nur der privaten Unterhaltung) (!Sie ist unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen)
Worauf beruht organische Solidarität? (Auf Arbeitsteilung und gegenseitiger Abhängigkeit) (!Auf vollständiger Gleichheit aller Tätigkeiten) (!Auf dem Fehlen sozialer Beziehungen) (!Auf der Abschaffung jeder Spezialisierung)
Warum unterscheiden sich Erziehungsformen historisch? (Weil Gesellschaften unterschiedliche Strukturen und Ideale entwickeln) (!Weil Erziehung ausschließlich genetisch festgelegt ist) (!Weil Lernende in allen Epochen dieselben Rollen besitzen) (!Weil Lehrpläne unabhängig von Gesellschaft entstehen)
Welche Rolle weist Durkheim dem Staat im Bildungswesen zu? (Er soll gemeinsame moralische und intellektuelle Grundlagen sichern) (!Er soll jede Form öffentlicher Bildung abschaffen) (!Er soll ausschließlich private Familieninteressen vertreten) (!Er soll Lerninhalte zufällig auswählen)
Welche Kritik wird häufig an Durkheims Ansatz geübt? (Er berücksichtigt Macht und soziale Ungleichheit nicht ausreichend) (!Er lehnt jede gesellschaftliche Erklärung ab) (!Er bestreitet die Existenz von Schulen) (!Er erklärt Erziehung ausschließlich durch Vererbung)
Memory
| Methodische Sozialisation | Geplante Einführung in gesellschaftliche Lebensformen |
| Sozialer Tatbestand | Allgemeine Regel mit äußerer und verpflichtender Wirkung |
| Disziplin | Regelmäßigkeit und Begrenzung von Handlungen |
| Soziale Bindung | Zugehörigkeit zu Gruppen und gemeinsamen Zielen |
| Autonomie | Vernünftige Einsicht in moralische Regeln |
| Mechanische Solidarität | Zusammenhalt durch Ähnlichkeit |
| Organische Solidarität | Zusammenhalt durch Arbeitsteilung |
| Praktische Theorie | Durkheims Charakterisierung der Pädagogik |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Bedeutung |
|---|---|
| Methodische Sozialisation | Gezielte Vermittlung gesellschaftlicher Fähigkeiten und Regeln |
| Kollektivbewusstsein | Gemeinsam geteilte Vorstellungen und Gefühle |
| Sozialer Tatbestand | Gesellschaftliche Wirklichkeit mit allgemeiner und verpflichtender Wirkung |
| Praktische Theorie | Wissenschaftlich informierte Orientierung pädagogischen Handelns |
| Organische Solidarität | Zusammenhalt durch Spezialisierung und gegenseitige Abhängigkeit |
Kreuzworträtsel
| Durkheim | Wie lautet der Nachname des Soziologen dieses Kurses? |
| Sozialisation | Wie heißt der Erwerb gesellschaftlicher Normen und Rollen? |
| Disziplin | Welcher Begriff bezeichnet Regelmäßigkeit und Selbstbegrenzung? |
| Autonomie | Wie heißt die vernünftige Einsicht in moralische Regeln? |
| Solidarität | Welcher Begriff bezeichnet gesellschaftlichen Zusammenhalt? |
| Pädagogik | Welche praktische Theorie reflektiert Erziehung? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Begriffsplakat: Gestalte ein übersichtliches Plakat mit den Begriffen Erziehung, Sozialisation, sozialer Tatbestand, Disziplin, Bindung und Autonomie.
- Schulregel-Analyse: Wähle eine Regel aus Deinem Bildungsalltag und beschreibe, inwiefern sie Allgemeinheit, Äußerlichkeit und sozialen Druck erkennen lässt.
- Bildinterpretation: Untersuche eines der historischen Schulbilder im aiMOOC und formuliere drei Aussagen über Raum, Autorität und Unterricht.
- Kurzvideo: Produziere ein zweiminütiges Erklärvideo zur Formel der methodischen Sozialisation und verwende ein selbst gewähltes Alltagsbeispiel.
Standard
- Lehrplanvergleich: Vergleiche zwei Lehrpläne aus unterschiedlichen Jahrzehnten und arbeite heraus, welche gesellschaftlichen Bildungsziele sich verändert haben.
- Interviewprojekt: Befrage eine Lehrkraft und eine lernende Person dazu, welche Werte Schule vermitteln soll, und werte Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede aus.
- Fallanalyse: Analysiere einen Konflikt um Smartphone-Regeln mit den Begriffen sozialer Tatbestand, Disziplin, Autonomie und soziale Bindung.
- Theorienvergleich: Vergleiche Durkheims Erziehungsbegriff mit John Dewey oder Paulo Freire und erstelle eine begründete Gegenüberstellung.
Schwer
- Forschungsdesign: Entwickle eine kleine empirische Untersuchung zur Frage, wie Schulregeln von Lernenden wahrgenommen werden, und begründe Methode, Stichprobe und Datenschutz.
- Diskursanalyse: Analysiere Medienbeiträge zu Leistung, Disziplin oder Werteerziehung und untersuche, welches Gesellschaftsideal darin sichtbar wird.
- Bildungsgerechtigkeit: Prüfe anhand eines konkreten Beispiels, ob Durkheims Integrationsperspektive soziale Ungleichheit ausreichend erklärt, und ergänze sie mit Pierre Bourdieu.
- Podcast-Debatte: Produziere eine moderierte Debatte zur These, Schule müsse zuerst gesellschaftlichen Zusammenhalt und erst danach individuelle Selbstverwirklichung fördern.


Lernkontrolle
- Norm und Freiheit: Entwickle für eine demokratische Schule ein Regelkonzept, das Disziplin und Autonomie verbindet, und begründe jede Regel mit Durkheims Theorie.
- Institutioneller Vergleich: Vergleiche Familie, Schule und soziale Medien als Sozialisationsinstanzen und beurteile, welche Form von Autorität jeweils wirkt.
- Curriculumentwicklung: Entwirf ein Unterrichtsmodul zu digitaler Verantwortung und erkläre, welches gesellschaftliche Problem seine Aufnahme in den Lehrplan rechtfertigt.
- Kritische Fallprüfung: Analysiere eine schulische Sanktion daraufhin, ob sie moralische Einsicht fördert oder lediglich Gehorsam erzeugt.
- Solidarität und Differenzierung: Entwickle ein Beispiel dafür, wie gemeinsame Bildung und individuelle Spezialisierung in einem inklusiven Bildungsgang verbunden werden können.
- Theoriekritik: Begründe, welche Aspekte von Macht, Ungleichheit und kultureller Vielfalt in Durkheims Theorie ergänzt werden müssen.
- Transfer auf Digitalisierung: Untersuche eine digitale Lernplattform als sozialen Tatbestand und berücksichtige Regeln, Daten, Sanktionen, Rollen und Handlungsspielräume.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu diesem Thema sind folgende Leistungen wichtig:
- Du definierst Durkheims Erziehungsbegriff präzise und erklärst die Formel der methodischen Sozialisation.
- Du wendest die Merkmale sozialer Tatbestände auf pädagogische Institutionen an.
- Du unterscheidest Erziehungspraxis, Erziehungswissenschaft und Pädagogik als praktische Theorie.
- Du erläuterst Disziplin, soziale Bindung und Autonomie als Elemente moralischer Erziehung.
- Du stellst den Zusammenhang zwischen mechanischer Solidarität, organischer Solidarität und Bildung her.
- Du analysierst eine konkrete pädagogische Situation mit Durkheims Begriffen.
- Du beurteilst den Ansatz kritisch unter den Gesichtspunkten Macht, Ungleichheit, Pluralismus und individuelle Handlungsspielräume.
- Du verwendest Fachbegriffe korrekt, argumentierst nachvollziehbar und beziehst wissenschaftliche Quellen ein.
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