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Buch - Saids Schicksale - Hauff, Wilhelm

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Originalwerk · Lesefassung

Saids Schicksale

Hauff, Wilhelm · 1802–1827

Saids Schicksale von Hauff, Wilhelm. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

KunstmärchenKlasse 9–10 · 11–131 Abschnitte
Porträt von Hauff, Wilhelm; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Porträt · Hauff, Wilhelm · Ernst Hader · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 1 von 1

Saids Schicksale

1
Saids Schicksale
2
Zur Zeit Harun Al-Raschids, des Beherrschers von Bagdad, lebte ein Mann in Balsora, mit Namen Benezar. Er hatte gerade so viel Vermögen, um für sich bequem und ruhig leben zu können, ohne ein Geschäft oder einen Handel zu treiben; auch als ihm ein Sohn geboren wurde, ging er von dieser Weise nicht ab. »Warum soll ich in meinem Alter noch schachern und handeln«, sprach er zu seinen Nachbarn, »um vielleicht Said, meinem Sohn, tausend Goldstücke mehr hinterlassen zu können, wenn es gut geht, und geht es schlecht, tausend weniger? Wo zwei speisen, wird auch ein dritter satt, sagt das Sprichwort, und wenn er nur sonst ein guter Junge wird, soll es ihm an nichts fehlen.« So sprach Benezar, und hielt Wort; denn er ließ auch seinen Sohn nicht zum Handel oder einem Gewerbe erziehen, doch unterließ er nicht, die Bücher der Weisheit mit ihm zu lesen, und da nach seiner Ansicht einen jungen Mann, außer Gelehrsamkeit und Ehrfurcht vor dem Alter, nichts mehr zierte, als ein gewandter Arm und Mut, so ließ er ihn frühe in den Waffen unterweisen, und Said galt bald unter seinen Altersgenossen, ja selbst unter älteren Jünglingen für einen gewaltigen Kämpfer, und im Reiten und Schwimmen tat es ihm keiner zuvor.
3
Als er achtzehn Jahre alt war, schickte ihn sein Vater nach Mekka, zum Grab des Propheten, um an Ort und Stelle sein Gebet und seine religiösen Übungen zu verrichten, wie es Sitte und Gebot erfordern. Ehe er abreiste, ließ ihn sein Vater noch einmal vor sich kommen, lobte seine Aufführung, gab ihm gute Lehren, versah ihn mit Geld, und sprach dann: »Noch etwas, mein Sohn Said! Ich bin ein Mann, der über die Vorurteile des Pöbels erhaben ist. Ich höre zwar gern Geschichten von Feien und Zauberern erzählen, weil mir die Zeit dabei angenehm vergeht, doch bin ich weit entfernt, daran zu glauben, wie so viele unwissende Menschen tun, dass diese Genien, oder wer sie sonst sein mögen, Einfluss auf das Leben und Treiben der Menschen haben. Deine Mutter aber, sie ist jetzt zwölf Jahre tot, deine Mutter glaubte so fest daran, als an den Koran; ja sie hat mir in einer einsamen Stunde, nachdem ich ihr geschworen, es niemand als ihrem Kind zu entdecken, vertraut, dass sie selbst von ihrer Geburt an mit einer Fee in Berührung gestanden habe. Ich habe sie deswegen ausgelacht, und doch muss ich gestehen, dass bei deiner Geburt, Said, einige Dinge vorfielen, die mich selbst in Erstaunen setzten. Es hatte den ganzen Tag geregnet und gedonnert, und der Himmel war so schwarz, dass man nichts lesen konnte ohne Licht. Aber um vier Uhr nachmittags sagte man mir an, es sei mir ein Knäblein geboren. Ich eilte nach den Gemächern deiner Mutter, um meinen Erstgebornen zu sehen und zu segnen, aber alle ihre Zofen standen vor der Türe, und auf meine Fragen antworteten sie, dass jetzt niemand in das Zimmer treten dürfe, Zemira, deine Mutter, habe alle hinausgehen heißen, weil sie allein sein wolle. Ich pochte an die Türe, aber umsonst, sie blieb verschlossen.
Vorlage S. 239
4
Während ich so halb unwillig unter den Zofen vor der Türe stand, klärte sich der Himmel so plötzlich auf, wie ich es nie gesehen hatte, und das Wunderbarste war, dass nur über unserer lieben Stadt Balsora eine reine, blaue Himmelswölbung erschien, ringsum aber lagen die Wolken schwarz aufgerollt, und Blitze zuckten und schlängelten sich in diesem Umkreis. Während ich noch dieses Schauspiel neugierig betrachtete, flog die Türe meiner Gattin auf; ich aber ließ die Mägde noch außen harren, und trat allein in das Gemach, deine Mutter zu fragen, warum sie sich eingeschlossen habe. Als ich eintrat, quoll mir ein so betäubender Geruch von Rosen, Nelken und Hyazinthen entgegen, dass ich beinahe verwirrt wurde. Deine Mutter brachte mir dich dar, und deutete zugleich auf ein silbernes Pfeifchen, das du um den Hals an einer goldenen Kette, so fein wie Seide, trugst: ›Die gütige Frau, von welcher ich dir einst erzählte, ist dagewesen‹, sprach deine Mutter, ›sie hat deinem Knaben dieses Angebinde gegeben.‹ ›Das war also die Hexe, die das Wetter schön machte, und diesen Rosen- und Nelkenduft hinterließ?‹ sprach ich lachend und unglaubig. ›Aber sie hätte etwas Besseres bescheren können, als dieses Pfeifchen. Etwa einen Beutel voll Gold, ein Pferd oder dergleichen.‹ Deine Mutter beschwor mich, nicht zu spotten, weil die Feen leicht erzürnt ihren Segen in Unsegen verwandeln.
Vorlage S. 239
5
Ich tat es ihr zu Gefallen, und schwieg, weil sie krank war, wir sprachen auch nicht mehr von dem sonderbaren Vorfall, bis sechs Jahre nachher, als sie fühlte, dass sie, so jung sie noch war, sterben müsse. Da gab sie mir das Pfeifchen, trug mir auf, es einst, wenn du zwanzig Jahre alt seiest, dir zu geben, denn keine Stunde zuvor dürfe ich dich von mir lassen. Sie starb. Hier ist nun das Geschenk«, fuhr Benezar fort, indem er ein silbernes Pfeifchen an einer langen goldenen Kette aus einem Kästchen hervorsuchte, »und ich gebe es dir in deinem achtzehnten, statt in deinem zwanzigsten Jahr, weil du abreisest, und ich vielleicht, ehe du heimkehrst, zu meinen Vätern versammelt werde. Ich sehe keinen vernünftigen Grund, warum du noch zwei Jahre hierbleiben sollst, wie es deine besorgte Mutter wünschte. Du bist ein guter und gescheiter Junge, führst die Waffen so gut, als einer von 24 Jahren, daher kann ich dich heute ebensogut für mündig erklären, als wärest du schon zwanzig. Und nun ziehe im Frieden, und denke in Glück und Unglück, vor welchem der Himmel dich bewahren wolle, an deinen Vater.«
Vorlage S. 239
6
So sprach Benezar von Balsora, als er seinen Sohn entließ. Said nahm bewegt von ihm Abschied, hing die Kette um den Hals, steckte das Pfeifchen in den Gürtel, schwang sich aufs Pferd, und ritt nach dem Ort, wo sich die Karawane nach Mekka versammelte. In kurzer Zeit waren an 80 Kamele und viele hundert Reiter beisammen; die Karawane setzte sich in Marsch, und Said ritt aus dem Tor von Balsora, seiner Vaterstadt, die er in langer Zeit nicht mehr sehen sollte.
Vorlage S. 240
7
Das Neue einer solchen Reise, und die mancherlei niegesehenen Gegenstände, die sich ihm aufdrängten, zerstreuten ihn anfangs; als man sich aber der Wüste näherte, und die Gegend immer öder und einsamer wurde, da fing er an, über manches nachzudenken, und unter anderem auch über die Worte, womit ihn Benezar, sein Vater, entlassen hatte.
Vorlage S. 240
8
Er zog das Pfeifchen hervor, beschaute es hin und her, und setzte es endlich an den Mund, um einen Versuch zu machen, ob es vielleicht einen recht hellen und schönen Ton von sich gebe; aber siehe, es tönte nicht; er blähte die Backen auf, und blies aus Leibeskräften, aber er konnte keinen Ton hervorbringen, und unwillig über das nutzlose Geschenk, steckte er das Pfeifchen wieder in den Gürtel. Aber bald richteten sich alle seine Gedanken wieder auf die geheimnisvollen Worte seiner Mutter; er hatte von Feen manches gehört, aber nie hatte er erfahren, dass dieser oder jener Nachbar in Balsora mit einem übernatürlichen Genius in Verbindung gestanden sei, sondern man hatte die Sagen von diesen Geistern immer in weit entfernte Länder und alte Zeiten versetzt, und so glaubte er, es gebe heutzutage keine solche Erscheinungen mehr, oder die Feien haben aufgehört, die Menschen zu besuchen und an ihren Schicksalen teilzunehmen. Obgleich er aber also dachte, so war er doch immer wieder von neuem versucht, an irgend etwas Geheimnisvolles und Übernatürliches zu glauben, was mit seiner Mutter vorgegangen sein könnte, und so kam es, dass er beinahe einen ganzen Tag wie ein Träumender zu Pferde saß, und weder an den Gesprächen der Reisenden teilnahm, noch auf ihren Gesang oder ihr Gelächter achtete.
Vorlage S. 240
9
Said war ein sehr schöner Jüngling; sein Auge war mutig und kühn, sein Mund voll Anmut, und so jung er war, so hatte er in seinem ganzen Wesen schon eine gewisse Würde, die man in diesem Alter nicht so oft trifft, und der Anstand, womit er leicht, aber sicher, und in vollem kriegerischen Schmuck zu Pferd saß, zog die Blicke manches der Reisenden auf sich. Ein alter Mann, der an seiner Seite ritt, fand Wohlgefallen an ihm, und versuchte durch manche Fragen auch sei nen Geist zu prüfen. Said, welchem Ehrfurcht gegen das Alter eingeprägt worden war, antwortete bescheiden, aber klug und umsichtig, so dass der Alte eine große Freude an ihm hatte. Da aber der Geist des jungen Mannes schon den ganzen Tag nur mit einem Gegenstand beschäftigt war, so geschah es, dass man bald auf das geheimnisvolle Reich der Feen zu sprechen kam, und endlich fragte Said den Alten geradezu, ob er glaube, dass es Feen, gute oder böse Geister geben könne, welche den Menschen beschützen oder verfolgen.
Vorlage S. 241
10
Der alte Mann strich sich den Bart, neigte seinen Kopf hin und her, und sprach dann: »Leugnen lässt es sich nicht, dass es solche Geschichten gegeben hat, obgleich ich bis heute weder einen Geisterzwerg, noch einen Genius als Riese, weder einen Zauberer, noch eine Fee gesehen habe.« Der Alte hub dann an, und erzählte dem jungen Mann so viele und wunderbare Geschichten, dass ihm der Kopf schwindelte, und er nicht anders dachte, als alles, was bei seiner Geburt vorgegangen, die Änderung des Wetters, der süße Rosen- und Hyazinthenduft, sei von großer und glücklicher Vorbedeutung, er selbst stehe unter dem besonderen Schutz einer mächtigen, gütigen Fee, und das Pfeifchen sei zu nichts Geringerem ihm geschenkt worden, als der Fee im Fall der Not zu pfeifen. Er träumte die ganze Nacht von Schlössern, Zauberpferden, Genien und dergleichen, und lebte in einem wahren Feenreich.
Vorlage S. 241
11
Doch leider musste er schon am folgenden Tag die Erfahrung machen, wie nichtig all seine Träume, im Schlafen oder Wachen seien. Die Karawane war schon den größten Teil des Tages im gemächlichen Schritt fortgezogen, Said immer an der Seite seines alten Gefährten, als man dunkle Schatten am fernsten Ende der Wüste bemerkte; die einen hielten es für Sandhügel, die andern für Wolken, wieder andere für eine neue Karawane, aber der Alte, der schon mehrere Reisen gemacht hatte, rief mit lauter Stimme, sich vorzusehen, denn es sei eine Horde räuberischer Araber im Anzug. Die Männer griffen zu den Waffen, die Weiber und die Waren wurden in die Mitte genommen, und alles war auf einen Angriff gefasst. Die dunkle Masse bewegte sich langsam über die Ebene her, und war anzusehen, wie eine große Schar Störche, wenn sie in ferne Länder ausziehen. Nach und nach kamen sie schneller heran, und kaum hatte man Männer und Lanzen unterschieden, als sie auch schon mit Windeseile herangekommen waren, und auf die Karawane einstürmten.
Vorlage S. 241
12
Die Männer wehrten sich tapfer, aber die Räuber waren über 400 Mann stark, umschwärmten sie von allen Seiten, töteten viele aus der Ferne her, und machten dann einen Angriff mit der Lanze. In diesem furchtbaren Augenblick fiel Said, der immer unter den Vordersten wacker gestritten hatte, sein Pfeifchen ein, er zog es schnell hervor, setzte es an den Mund, blies und – ließ es schmerzlich wieder sinken, denn es gab auch nicht den leisesten Ton von sich. Wütend über diese grausame Enttäuschung zielte er, und schoss einen Araber, der sich durch seine prachtvolle Kleidung auszeichnete, durch die Brust; jener wankte und fiel vom Pferd.
Vorlage S. 242
13
»Allah! was habt Ihr gemacht, junger Mensch!« rief der Alte an seiner Seite, »jetzt sind wir alle verloren.« Und so schien es auch; denn kaum sahen die Räuber diesen Mann fallen, als sie ein schreckliches Geschrei erhuben, und mit solcher Wut eindrangen, dass die wenigen noch unverwundeten Männer bald zersprengt wurden. Said sah sich in einem Augenblick von fünf oder sechs umschwärmt. Er führte seine Lanze so gewandt, dass keiner sich heranzunahen wagte; endlich hielt einer an, legte einen Pfeil auf, zielte, und wollte eben die Sehne schnellen lassen, als ihm ein anderer winkte. Der junge Mann machte sich auf einen neuen Angriff gefasst, aber ehe er sich dessen versah, hatte ihm einer der Araber eine Schlinge über den Kopf geworfen, und so sehr er sich mühte, das Seil zu zerreißen, so war doch alles umsonst, die Schlinge wurde fester und immer fester angezogen, und Said war gefangen.
Vorlage S. 242
14
Die Karawane war endlich entweder ganz aufgerieben oder gefangen worden, und die Araber, welche nicht zu einem Stamm gehörten, teilten jetzt die Gefangenen und die übrige Beute, und zogen dann, der eine Teil nach Süden, der andere nach Osten. Neben Said ritten vier Bewaffnete, welche ihn oft mit bitterem Grimm anschauten, und Verwünschungen über ihn ausstießen; er merkte, dass es ein vornehmer Mann, vielleicht sogar ein Prinz gewesen sei, welchen er getötet hatte. Die Sklaverei, welcher er entgegensah, war noch härter als der Tod, darum wünschte er sich im stillen Glück, den Grimm der ganzen Horde auf sich gezogen zu haben, denn er glaubte nicht anders, als in ihrem Lager getötet zu werden. Die Bewaffneten bewachten alle seine Bewegungen, und sooft er sich umschaute, drohten sie ihm mit ihren Spießen; einmal aber, als das Pferd des einen strauchelte, wandte er den Kopf schnell um, und erblickte zu seiner Freude den Alten, seinen Reisegefährten, welchen er unter den Toten geglaubt hatte.
Vorlage S. 243
15
Endlich sah man in der Ferne Bäume und Zelte, als sie näher kamen, strömte ihnen ein ganzer Schwall von Kindern und Weibern entgegen, aber kaum hatten diese einige Worte mit den Räubern gewechselt, als sie in ein schreckliches Geheul ausbrachen, und alle nach Said hinblickten, die Arme gegen ihn aufhoben, und Verwünschungen ausstießen. »Jener ist es«, schrieen sie, »der den großen Almansor erschlagen hat, den tapfersten aller Männer; er muss sterben, wir wollen sein Fleisch dem Schakal der Wüste zur Beute geben.« Dann drangen sie mit Holzstücken, Erdschollen, und was sie zur Hand hatten, so furchtbar auf Said ein, dass sich die Räuber selbst ins Mittel legen mussten: »Hinweg ihr Unmündigen, fort ihr Weiber«, riefen sie, und trieben die Menge mit den Lanzen auseinander; »er hat den großen Almansor erschlagen im Gefecht, und er muss sterben, aber nicht von der Hand eines Weibes, sondern vom Schwert der Tapfern.«
Vorlage S. 243
16
Als sie unter den Zelten auf einem freien Platz angelangt waren, machten sie halt; die Gefangenen wurden je zwei und zwei zusammengebunden, die Beute in die Zelten gebracht, Said aber wurde einzeln gefesselt, und in ein großes Zelt geführt. Dort saß ein alter, prachtvoll gekleideter Mann, dessen ernste, stolze Miene verkündete, dass er das Oberhaupt dieser Horde sei. Die Männer, welche Said führten, traten traurig und mit gesenktem Haupt vor ihn hin. »Das Geheul der Weiber sagt mir, was geschehen ist«, sprach der majestätische Mann, indem er die Räuber der Reihe nach anblickte, »eure Mienen bestätigen es – Almansor ist gefallen.«
Vorlage S. 243
17
»Almansor ist gefallen«, antworteten die Männer, »aber hier, Selim, Beherrscher der Wüste, ist sein Mörder, und wir bringen ihn, damit du ihn richtest; welche Todesart soll er sterben? Sollen wir ihn aus der Ferne mit Pfeilen erschießen, sollen wir ihn durch eine Gasse von Lanzen jagen, oder willst du, dass er an einem Strick aufgehängt oder von Pferden zerrissen werde?«
Vorlage S. 244
18
»Wer bist du?« fragte Selim düster auf den Gefangenen blickend, der zum Tod bereit, aber mutig vor ihm stand.
Vorlage S. 244
19
Said beantwortete seine Frage kurz und offen.
Vorlage S. 244
20
»Hast du meinen Sohn meuchlings umgebracht? hast du ihn von hinten mit einem Pfeil oder einer Lanze durchbohrt?«
Vorlage S. 244
21
»Nein Herr!« antwortete Said; »ich habe ihn in offenem Kampf beim Angriff auf unsere Reihen von vorne getötet, weil er schon acht meiner Genossen vor meinen Augen erschlagen hatte.«
Vorlage S. 244
22
»Ist es also, wie er sprach?« fragte Selim die Männer, die ihn gefangen hatten.
Vorlage S. 244
23
»Ja Herr, er hat Almansor in offenem Kampf getötet«, sprach einer von den Gefragten.
Vorlage S. 244
24
»Dann hat er nicht mehr und nicht minder getan, als wir selbst getan haben würden, « versetzte Selim, »er hat seinen Feind, der ihm Freiheit und Leben rauben wollte, bekämpft und erschlagen; drum löset schnell seine Bande!«
Vorlage S. 244
25
Die Männer sahen ihn staunend an, und gingen nur zaudernd und mit Widerwillen ans Werk. »So soll der Mörder deines Sohnes, des tapfern Almansor, nicht sterben«, fragte einer, indem er wütende Blicke auf Said warf: »hätten wir ihn lieber gleich umgebracht!«
Vorlage S. 244
26
»Er soll nicht sterben!« rief Selim, »und ich nehme ihn sogar in mein eigenes Zelt auf, ich nehme ihn als meinen gerechten Anteil an der Beute, er sei mein Diener.«
Vorlage S. 244
27
Said fand keine Worte, dem Alten zu danken, die Männer aber verließen murrend das Zelt, und als sie den Weibern und Kindern, die draußen versammelt waren, und auf Saids Hinrichtung warteten, den Entschluss des alten Selim mitteilten, erhoben sie ein schreckliches Geheul und Geschrei, und riefen, sie werden Almansors Tod an seinem Mörder rächen, weil sein eigener Vater die Blutrache nicht üben wolle.
Vorlage S. 244
28
Die übrigen Gefangenen wurden an die Horden verteilt, einige entließ man, um Lösegeld für die reicheren einzutreiben, andere wurden zu den Herden als Hirten geschickt, und manche, die vorher von zehen Sklaven sich bedienen ließen, mussten die niedrigsten Dienste in diesem Lager versehen. Nicht so Said. War es sein mutiges, heldenmäßiges Aussehen, oder der geheimnisvolle Zauber einer gütigen Fee, was den alten Selim für den Jüngling einnahm? Man wusste es nicht zu sagen, aber Said lebte in seinem Zelt mehr als Sohn, denn als Diener. Aber die unbegreifliche Zuneigung des alten Mannes zog ihm die Feindschaft der übrigen Diener zu; er begegnete überall nur feindlichen Blicken, und wenn er allein durchs Lager ging, so hörte er ringsumher Schimpfworte und Verwünschungen ausstoßen, ja, einigemal flogen Pfeile an seiner Brust vorüber, die offenbar ihm gegolten hatten, und dass sie ihn nicht trafen, schrieb er nur dem Pfeifchen zu, das er noch immer auf der Brust trug, und welchem er diesen Schutz zuschrieb. Oft beklagte er sich bei Selim über diese Angriffe auf sein Leben, aber vergebens suchte dieser die Meuchelmörder ausfindig zu machen, denn die ganze Horde schien gegen den begünstigten Fremdling verbunden zu sein. Da sprach eines Tages Selim zu ihm: »Ich hatte gehofft, du werdest mir vielleicht den Sohn ersetzen, der durch deine Hand umgekommen ist; an dir und mir liegt nicht die Schuld, dass es nicht sein konnte; alle sind gegen dich erbittert, und ich selbst kann dich in Zukunft nicht mehr schützen, denn was hilft es dir oder mir, wenn sie dich heimlich getötet haben, den Schuldigen zur Strafe zu ziehen. Darum, wenn die Männer von ihrem Streifzug heimkehren, werde ich sagen, dein Vater habe mir Lösegeld geschickt, und ich werde dich durch einige treue Männer durch die Wüste geleiten lassen.«
Vorlage S. 244
29
»Aber kann ich irgendeinem außer dir trauen?« fragte Said bestürzt; »werden sie mich nicht unter wegs töten?«
Vorlage S. 245
30
»Davor schützt dich der Eid, den sie mir schwören müssen, und den noch keiner gebrochen hat«, erwiderte Selim mit großer Ruhe. Einige Tage nachher kehrten die Männer ins Lager zurück, und Selim hielt sein Versprechen. Er schenkte dem Jüngling Waffen, Kleider und ein Pferd, versammelte die streitbaren Männer, wählte fünf zur Begleitung Saids aus, ließ sie einen furchtbaren Eid ablegen, dass sie ihn nicht töten wollen, und entließ ihn dann mit Tränen.
Vorlage S. 245
31
Die fünf Männer ritten finster und schweigend mit Said durch die Wüste; der Jüngling sah, wie ungern sie den Auftrag erfüllten, und es machte ihm nicht wenig Besorgnis, dass zwei von ihnen bei jenem Kampf zugegen waren, wo er Almansor tötete. Als sie etwa acht Stunden zurückgelegt hatten, hörte Said, dass sie untereinander flüsterten, und bemerkte, dass ihre Mienen noch düsterer wurden, als vorher. Er strengte sich an, aufzuhorchen, und vernahm, dass sie sich in einer Sprache unterhielten, die nur von dieser Horde, und immer nur bei geheimnisvollen oder gefährlichen Unternehmungen gesprochen wurde; Selim, der den Plan gehabt hatte, den jungen Mann auf immer in seinem Zelt zu behalten, hatte sich manche Stunde damit abgegeben, ihn diese geheimnisvollen Worte zu lehren; aber es war nichts Erfreuliches, was er jetzt vernahm.
Vorlage S. 245
32
»Hier ist die Stelle«, sprach einer, »hier griffen wir die Karawane an, und hier fiel der tapferste Mann von der Hand eines Knaben.«
Vorlage S. 246
33
»Der Wind hat die Spuren seines Pferdes verweht«, fuhr ein anderer fort, »aber ich habe sie nicht vergessen.«
Vorlage S. 246
34
»Und zu unserer Schande soll der noch leben und frei sein, der Hand an ihn legte? Wann hat man je gehört, dass ein Vater den Tod seines einzigen Sohnes nicht rächte? Aber Selim wird alt und kindisch.«
Vorlage S. 246
35
»Und wenn es der Vater unterläßt«, sagte ein vierter, »so ist es Freundespflicht, den gefallnen Freund zu rächen. Hier an dieser Stelle sollten wir ihn niederhauen. So ist es Recht und Brauch seit den ältesten Zeiten.«
Vorlage S. 246
36
»Aber wir haben dem Alten geschworen«, rief ein fünfter, »wir dürfen ihn nicht töten, unser Eid darf nicht gebrochen werden.«
Vorlage S. 246
37
»Es ist wahr«, sprachen die andern, »wir haben geschworen, und der Mörder darf frei ausgehen aus den Händen seiner Feinde.«
Vorlage S. 246
38
»Halt!« rief einer, der Finsterste unter allen. »Der alte Selim ist ein kluger Kopf, aber doch nicht so klug, als man glaubt; haben wir ihm geschworen, diesen Burschen da- oder dorthin zu bringen? Nein, er nahm uns nur den Schwur auf sein Leben ab, und dieses wollen wir ihm schenken. Aber die brennende Sonne und die scharfen Zähne des Schakals werden unsere Rache übernehmen. Hier an dieser Stelle wollen wir ihn gebunden liegen lassen.« So sprach der Räuber, aber schon seit einigen Minuten hatte sich Said auf das Äußerste gefasst gemacht, und indem jener noch die letzten Worte sprach, riss er sein Pferd auf die Seite, trieb es mit einem tüchtigen Hieb an, und flog wie ein Vogel über die Ebene hin. Die fünf Männer staunten einen Augenblick, aber wohlbewandert in solchen Verfolgungen, teilten sie sich, jagten rechts und links nach, und weil sie die Art und Weise, wie man in der Wüste reiten muss, besser kannten, hatten zwei von ihnen den Flüchtling bald überholt, wandten sich gegen ihn um, und als er auf die Seite floh, fand er auch dort zwei Gegner, und den fünften in seinem Rücken. Der Eid, ihn nicht zu töten, hielt sie ab, ihre Waffen zu gebrauchen; sie warfen ihm auch jetzt wieder von hinten eine Schlinge über den Kopf, zogen ihn vom Pferd, schlugen unbarmherzig auf ihn los, banden ihn dann an Händen und Füßen, und legten ihn in den glühenden Sand der Wüste.
Vorlage S. 246
39
Said flehte sie um Barmherzigkeit an, er versprach ihnen schreiend ein großes Lösegeld, aber lachend schwangen sie sich auf und jagten davon. Noch einige Augenblicke lauschte er auf die leichten Tritte ihrer Rosse, dann aber gab er sich verloren. Er dachte an seinen Vater, an den Gram des alten Mannes, wenn sein Sohn nicht mehr heimkehre; er dachte an sein eigenes Elend, und dass er so frühe sterben müsse, denn nichts war ihm gewisser, als dass er in dem heißen Sand den martervollen Tod des Verschmachtens sterben müsse, oder dass er von einem Schakal zerrissen werde. Die Sonne stieg immer höher, und brannte glühend auf seiner Stirne; mit unendlicher Mühe gelang es ihm, endlich sich aufzuwälzen; aber es gab ihm wenig Erleichterung. Das Pfeifchen an der Kette war durch diese Anstrengung aus seinem Kleid gefallen. Er mühte sich so lange, bis er es mit dem Mund erfassen konnte; endlich berührten es seine Lippen, er versuchte zu blasen, aber auch in dieser schrecklichen Not versagte es den Dienst. Verzweiflungsvoll ließ er den Kopf zurücksinken, und endlich beraubte ihn die stechende Sonne der Sinne; er fiel in eine tiefe Betäubung.
Vorlage S. 247
40
Nach vielen Stunden erwachte Said an einem Geräusch in seiner Nähe, er fühlte zugleich, dass seine Schulter gepackt wurde, und er stieß einen Schrei des Entsetzens aus, denn er glaubte nicht anders, als ein Schakal sei herangekommen, ihn zu zerreißen. Jetzt wurde er auch an den Beinen angefaßt, aber er fühlte, dass es nicht die Krallen eines Raubtiers seien, die ihn umfassten, sondern die Hände eines Mannes, der sich sorgsam mit ihm beschäftigte, und mit zwei oder drei andern sprach. »Er lebt«, flüsterten sie, »aber er hält uns für Feinde.«
Vorlage S. 247
41
Endlich schlug Said die Augen auf, und erblickte über sich das Gesicht eines kleinen, dicken Mannes mit kleinen Augen und langem Bart. Dieser sprach ihm freundlich zu, half ihm sich aufzurichten, reichte ihm Speise und Trank, und erzählte ihm, während er sich stärkte, er sei ein Kaufmann aus Bagdad, heiße Kalum-Beck und handle mit Shawls und feinen Schleiern für die Frauen. Er habe eine Handelsreise gemacht, sei jetzt auf der Rückkehr nach Hause begriffen, und habe ihn elend und halbtot im Sand liegen sehen. Sein prachtvoller Anzug und die blitzenden Steine seines Dolches haben ihn aufmerksam gemacht; er habe alles angewandt, ihn zu beleben, und es sei ihm also gelungen. Der Jüngling dankte ihm für sein Leben, denn er sah wohl ein, dass er ohne die Dazwischenkunft dieses Mannes, elend hätte sterben müssen; und da er weder Mittel hatte, sich selbst fortzuhelfen, noch willens war, zu Fuß und allein durch die Wüste zu wandern, so nahm er dankbar einen Sitz auf einem der schwer beladenen Kamele des Kaufmanns an, und beschloss fürs erste mit nach Bagdad zu ziehen, vielleicht könnte er dort sich an eine Gesellschaft, die nach Balsora reisete, anschließen.
Vorlage S. 247
42
Unterwegs erzählte der Kaufmann seinem Reisegefährten manches von dem trefflichen Beherrscher der Gläubigen Harun Al-Raschid. Er erzählte ihm von seiner Gerechtigkeitsliebe und seinem Scharfsinn, wie er die wunderbarsten Prozesse auf einfache und bewundernswürdige Weise zu schlichten weiß; unter anderem führte er die Geschichte von dem Seiler, die Geschichte von dem Topf mit Oliven an, Geschichten, die jedes Kind weiß, die aber Said sehr bewunderte. »Unser Herr, der Beherrscher der Gläubigen«, fuhr der Kaufmann fort, »unser Herr ist ein wunderbarer Mann. Wenn Ihr meinet, er schlafe, wie andere gemeine Leute, so täuschet Ihr Euch sehr. Zwei, drei Stunden in der Morgendämmerung ist alles. Ich muss das wissen, denn Messour, sein erster Kämmerer, ist mein Vetter, und obgleich er so verschwiegen ist, wie das Grab, was die Geheimnisse seines Herrn anbelangt, so lässt er doch der guten Verwandtschaft zulieb hin und wieder einen Wink fallen, wenn er sieht, dass einer aus Neugierde beinahe vom Verstand kommen könnte. Statt nun wie andere Menschen zu schlafen, schleicht der Kalif nachts durch die Straßen von Bagdad, und selten verstreicht eine Woche, worin er nicht ein Abenteuer aufstößt; denn Ihr müsst wissen, wie ja auch aus der Geschichte mit dem Oliventopf erhellt, die so wahr ist, als das Wort des Propheten, dass er nicht mit der Wache und zu Pferd in vollem Putz und mit hundert Fackelträgern seine Runde macht, wie er wohl tun könnte, wenn er wollte, sondern angezogen, bald als Kaufmann, bald als Schiffer, bald als Soldat. bald als Mufti geht er umher, und schaut, ob alles recht und in Ordnung sei.
Vorlage S. 248
43
Daher kommt es aber auch, dass man in keiner Stadt nachts so höflich gegen jeden Narren ist, auf den man stoßt, wie in Bagdad; denn es könnte ebensogut der Kalif, wie ein schmutziger Araber aus der Wüste sein, und es wächst Holz genug, um allen Menschen in und um Bagdad die Bastonade zu geben.«
Vorlage S. 249
44
So sprach der Kaufmann, und Said, so sehr ihn hin und wieder die Sehnsucht nach seinem Vater quälte, freute sich doch, Bagdad und den berühmten Harun Al-Raschid zu sehen.
Vorlage S. 249
45
Nach zehen Tagen kamen sie in Bagdad an, und Said staunte und bewunderte die Herrlichkeit dieser Stadt, die damals gerade in ihrem höchsten Glanz war. Der Kaufmann lud ihn ein, mit in sein Haus zu kommen, und Said nahm es gerne an, denn jetzt erst unter dem Gewühl der Menschen fiel es ihm ein, dass hier wahrscheinlich außer der Luft und dem Wasser des Tigris und einem Nachtlager auf den Stufen einer Moschee nichts umsonst zu haben sein werde.
Vorlage S. 249
46
Den Tag nach seiner Ankunft, als er sich eben angekleidet hatte, und sich gestand, dass er in diesem prachtvollen kriegerischen Aufzug sich in Bagdad wohl sehen lassen könne, und vielleicht manchen Blick auf sich ziehe, trat der Kaufmann in sein Zimmer. Er betrachtete den schönen Jüngling mit schelmischem Lächeln, strich sich den Bart, und sprach dann: »Das ist alles recht schön, junger Herr! aber was soll denn nun aus Euch werden. Ihr seid, kommt es mir vor, ein großer Träumer, und denket nicht an den folgenden Tag; oder habt Ihr so viel Geld bei Euch, um dem Kleid gemäß zu leben, das Ihr traget?«
Vorlage S. 249
47
»Lieber Herr Kalum-Beck«, sprach der Jüngling verlegen und errötend, »Geld habe ich freilich nicht, aber vielleicht strecket Ihr mir etwas vor, womit ich heimreisen kann; mein Vater wird es gewiss richtig erstatten.«
Vorlage S. 249
48
»Dein Vater, Bursche?« rief der Kaufmann laut lachend. »Ich glaube, die Sonne hat dir das Hirn verbrannt. Meinst du, ich glaube dir so aufs Wort das ganze Märchen, das du mir in der Wüste erzähltest, dass dein Vater ein reicher Mann in Aleppo sei, du sein einziger Sohn, und den Anfall der Araber, und dein Leben in ihrer Horde, und dies und jenes. Schon damals ärgerte ich mich über deine freche Lügen und deine Unverschämtheit. Ich weiß, dass in Aleppo alle reichen Leute Kaufleute sind, habe schon mit allen gehandelt, und müsste von einem Benezar gehört haben, und wenn er nur sechstausend Tomans im Vermögen hätte. Es ist also entweder erlogen, dass du aus Aleppo bist, oder dein Vater ist ein armer Schlucker, dessen hergelaufenem Jungen ich keine Kupfermünze leihen mag. Sodann der Überfall in der Wüste! Wann hat man gehört, seit der weise Kalif Harun die Handelswege durch die Wüste gesichert hat, dass es Räuber gewagt haben, eine Karawane zu plündern, und sogar Menschen hinwegzuführen? Auch müsste es bekanntgeworden sein, aber auf meinem ganzen Weg, und auch hier in Bagdad, wo Menschen aus allen Gegenden der Welt zusammenkommen, hat man nichts davon gesprochen. Das ist die zweite Lüge, junger, unverschämter Mensch!«
Vorlage S. 249
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Bleich vor Zorn und Unmut wollte Said dem kleinen bösen Mann in die Rede fallen, jener aber schrie stärker als er, und focht dazu mit den Armen. »Und die dritte Lüge, du frecher Lügner, ist die Geschichte im Lager Selims. Selims Name ist wohlbekannt unter allen, die jemals einen Araber gesehen haben, aber Selim ist bekannt als der schrecklichste und grausamste Räuber, und du wagst zu erzählen, du habest seinen Sohn getötet, und seiest nicht sogleich in Stücke gehauen worden; ja du treibest die Frechheit so weit, dass du das Unglaubliche sagst, Selim habe dich gegen seine Horde beschützt, in sein eigenes Zelt aufgenommen, und ohne Lösegeld entlassen, statt dass er dich aufgehängt hätte an den nächsten besten Baum, er, der oft Reisende gehängt hat, nur um zu sehen, welche Gesichter sie machen, wenn sie aufgehängt sind. O du abscheulicher Lügner!«
Vorlage S. 250
Porträt von Hauff, Wilhelm; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Kontextbild zum Werk. Porträt · Hauff, Wilhelm · Ernst Hader · Public domain Bildquelle ↗
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»Und ich kann nichts weiter sagen«, rief der Jüngling, »als dass alles wahr ist bei meiner Seele und beim Bart des Propheten!«
Vorlage S. 250
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»Was! bei deiner Seele willst du schwören?« schrie der Kaufmann, »bei deiner schwarzen, lügenhaften Seele? wer soll da glauben? Und beim Bart des Propheten, du, der du selbst keinen Bart hast? wer soll da trauen?«
Vorlage S. 250
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»Ich habe freilich keine Zeugen«, fuhr Said fort, »aber habt Ihr mich nicht gefesselt und elend gefunden?«
Vorlage S. 250
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»Das beweist mir gar nichts«, sprach jener, »du bist gekleidet wie ein stattlicher Räuber, und leicht hast du einen angefallen, der stärker war, als du, dich überwand und band.«
Vorlage S. 250
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»Den einzelnen, oder sogar zwei möchte ich sehen«, entgegnete Said, »die mich niederstrecken und binden, wenn sie mir nicht von hinten eine Schlinge über den Kopf werfen. Ihr mögt in Eurem Bazar freilich nicht wissen, was ein einzelner vermag, wenn er in den Waffen geübt ist. Aber Ihr habt mir das Leben gerettet, und ich danke Euch. Was wollt Ihr denn aber jetzt mit mir beginnen? Wenn Ihr mich nicht unterstützet, so muss ich betteln, und ich mag keinen meinesgleichen um eine Gnade anflehen; an den Kalifen will ich mich wenden.«
Vorlage S. 250
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»So?« sprach der Kaufmann höhnisch lächelnd. »An niemand anders wollt Ihr Euch wenden, als an unsern allergnädigsten Herrn? das heiße ich vornehm betteln! Ei, ei! Bedenket aber, junger, vornehmer Herr, dass der Weg zum Kalifen an meinem Vetter Messour vorbeigeht, und dass es mich ein Wort kostet, den Oberkämmerer darauf aufmerksam zu machen, wie trefflich Ihr lügen könnet. – Aber mich dauert deine Jugend, Said. Du kannst dich bessern, es kann noch etwas aus dir werden. Ich will dich in mein Gewölbe im Bazar nehmen, dort sollst du mir ein Jahr lang dienen, und ist dies vorbei, und willst du nicht bei mir bleiben, so zahle ich dir deinen Lohn aus, und lasse dich gehen, wohin du willst, nach Aleppo oder Medina, nach Stambul oder nach Balsora, meinetwegen zu den Unglaubigen. Bis Mittag gebe ich dir Bedenkzeit; willst du, so ist es gut, willst du nicht, so berechne ich dir nach billigem Anschlag die Reisekosten, die du mir machtest, und den Platz auf dem Kamel, mache mich mit deinen Kleidern und allem was du hast bezahlt, und werfe dich auf die Straße; dann kannst du beim Kalifen oder beim Mufti, an der Moschee oder im Bazar betteln.«
Vorlage S. 251
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Mit diesen Worten verließ der böse Mann den unglücklichen Jüngling. Said blickte ihm voll Verachtung nach. Er war so empört über die Schlechtigkeit dieses Menschen, der ihn absichtlich mitgenommen, und in sein Haus gelockt hatte, damit er ihn in seine Gewalt bekäme. Er versuchte, ob er nicht entfliehen könnte, aber sein Zimmer war vergittert, und die Türe verschlossen. Endlich, nachdem sein Sinn sich lange dagegen gesträubt hatte, beschloss er fürs erste den Vorschlag des Kaufmanns anzunehmen, und ihm in seinem Gewölbe zu dienen. Er sah ein, dass ihm nichts Besseres zu tun übrigbleibe; denn wenn er auch entfloh, so konnte er ohne Geld doch nicht bis Aleppo kommen. Aber er nahm sich vor, sobald als möglich den Kalifen selbst um Schutz anzuflehen.
Vorlage S. 251
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Den folgenden Tag führte Kalum-Beck seinen neuen Diener in sein Gewölbe im Bazar. Er zeigte Said alle Shawls und Schleier und andere Waren, womit er handelte, und wies ihm seinen besonderen Dienst an. Dieser bestand darin, dass Said, angekleidet wie ein Kaufmannsdiener, und nicht mehr im kriegerischen Schmuck, in der einen Hand einen Shawl, in der andern einen prachtvollen Schleier, unter der Türe des Gewölbes stand, die vorübergehenden Männer oder Frauen anrief, seine Waren vorzeigte, ihren Preis nannte, und die Leute zum Kaufen einlud; und jetzt konnte sich Said auch erklären, warum ihn Kalum-Beck zu diesem Geschäft bestimmt habe. Er war ein kleiner, hässlicher Alter, und wenn er selbst unter dem Laden stund und anrief, so sagte mancher Nachbar, oder auch einer der Vorübergehenden ein witziges Wort über ihn, oder die Knaben spotteten seiner, und die Frauen nannten ihn eine Vogelscheuche; aber jedermann sah gerne den jungen, schlanken Said, der mit Anstand die Kunden anrief, und Shawl und Schleier geschickt und zierlich zu halten wusste.
Vorlage S. 251
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Als Kalum-Beck sah, dass sein Laden im Bazar an Kunden zunahm, seitdem Said unter der Türe stand, wurde er freundlicher gegen den jungen Mann, speiste ihn besser, als zuvor, und war darauf bedacht, ihn in seiner Kleidung immer schön und stattlich zu halten. Aber Said wurde durch solche Beweise der milderen Gesinnungen seines Herrn wenig gerührt, und sann den ganzen Tag, und selbst in seinen Träumen auf gute Art und Weise, um in seine Vaterstadt zurückzukehren. Eines Tages war im Gewölbe vieles gekauft worden, und alle Packknechte, welche die Waren nach Hause trugen, waren schon versandt, als eine Frau eintrat, und noch einiges kaufte. Sie hatte bald gewählt, und verlangte dann jemand, der ihr gegen ein Trinkgeld die Waren nach Hause trage. »In einer halben Stunde kann ich Euch alles schicken«, antwortete Kalum-Beck, »nur so lange müsst Ihr Euch gedulden, oder irgendeinen anderen Packer nehmen.«
Vorlage S. 252
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»Seid Ihr ein Kaufmann, und wollet Euren Kunden fremde Packer mitgeben?« rief die Frau. »Kann nicht ein solcher Bursche im Gedräng mit meinem Pack davonlaufen? Und an wen soll ich mich dann wenden? Nein, Eure Pflicht ist es nach Marktrecht mir meinen Pack nach Hause tragen zu lassen, und an Euch kann und will ich mich halten.«
Vorlage S. 252
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»Aber nur eine halbe Stunde wartet, werte Frau!« sprach der Kaufmann, sich immer ängstlicher drehend; »alle meine Packknechte sind verschickt –«
Vorlage S. 252
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»Das ist ein schlechtes Gewölbe, das nicht immer einige Knechte übrig hat«, entgegnete das böse Weib. »Aber dort steht ja noch solch ein junger Müßiggänger, komm, junger Bursche, nimm meinen Pack, und trag ihn mir nach.«
Vorlage S. 253
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»Halt, halt!« schrie Kalum-Beck, »das ist mein Aushängeschild, mein Ausrufer, mein Magnet! der darf die Schwelle nicht verlassen!«
Vorlage S. 253
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»Was da!« erwiderte die alte Dame, und steckte Said ohne weiteres ihren Pack unter den Arm; »das ist ein schlechter Kaufmann und elende Waren, die sich nicht selbst loben, und erst noch solch einen müßigen Bengel zum Schild brauchen. Geh, geh Bursche, du sollst heute ein Trinkgeld verdienen.«
Vorlage S. 253
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»So lauf im Namen Arimans und aller bösen Geister«, murmelte Kalum-Beck seinem Magnet zu; »und siehe zu, dass du bald wiederkommst; die alte Hexe könnte mich ins Geschrei bringen auf dem ganzen Bazar, wollte ich mich länger weigern.«
Vorlage S. 253
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Said folgte der Frau, die leichteren Schrittes, als man ihrem Alter zutrauen sollte, durch den Markt und die Straßen eilte. Sie stand endlich vor einem prachtvollen Hause still, pochte an, die Flügeltüren sprangen auf, und sie stieg eine Marmortreppe hinan, und winkte Said zu folgen. Sie gelangten endlich in einen hohen, weiten Saal, der mehr Pracht und Herrlichkeit enthielt, als Said jemals geschaut hatte. Dort setzte sich die alte Frau erschöpft auf ein Polster, winkte dem jungen Mann, seinen Pack niederzulegen, reichte ihm ein kleines Silberstück, und hieß ihn gehen.
Vorlage S. 253
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Er war schon an der Türe, als eine helle, feine Stimme »Said« rief; verwundert, dass man ihn hier kenne, schaute er sich um, und eine wunderschöne Dame, umgeben von vielen Sklaven und Dienerinnen, saß statt der Alten auf dem Polster. Said, ganz stumm vor Verwunderung, kreuzte seine Arme, und machte eine tiefe Verbeugung.
Vorlage S. 253
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»Said, mein lieber Junge«, sprach die Dame. »So sehr ich die Unfälle bedaure, die dich nach Bagdad führten, so war doch dies der einzige, vom Schicksal bestimmte Ort, wo sich, wenn du vor dem zwanzigsten Jahr dein Vaterhaus verließest, dein Schicksal lösen würde. Said, hast du noch dein Pfeifchen?«
Vorlage S. 253
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»Wohl hab ich es noch«, rief er freudig, indem er die goldene Kette hervorzog; »und Ihr seid vielleicht die gütige Fee, die mir dieses Angebinde gab, als ich geboren wurde?«
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»Ich war die Freundin deiner Mutter«, antwortete die Fee, »und bin auch deine Freundin, solange du gut bleibst. Ach! dass dein Vater, der leichtsinnige Mann, meinen Rat befolgt hätte! du würdest vielen Leiden entgangen sein.«
Vorlage S. 254
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»Nun, es hat wohl so kommen müssen!« erwiderte Said. »Aber gnädigste Fee, lasset einen tüchtigen Nordostwind an Euren Wolkenwagen spannen, nehmet mich auf, und führet mich in ein paar Minuten nach Aleppo zu meinem Vater; ich will dann die sechs Monate bis zu meinem zwanzigsten Jahr geduldig dort ausharren.«
Vorlage S. 254
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Die Fee lächelte. »Du hast eine gute Weise mit uns zu sprechen«, antwortete sie, »aber armer Said! es ist nicht möglich; ich vermag jetzt, wo du außer deinem Vaterhause bist, nichts Wunderbares für dich zu tun. Nicht einmal aus der Gewalt des elenden Kalum-Beck vermag ich dich zu befreien! er steht unter dem Schutz deiner mächtigen Feindin.«
Vorlage S. 254
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»Also nicht nur eine gütige Freundin habe ich?« fragte Said, »auch eine Feindin? Nun, ich glaube ihren Einfluss schon öfter erfahren zu haben. Aber mit Rat dürfet Ihr mich doch unterstützen? Soll ich nicht zum Kalifen gehen, und ihn um Schutz bitten? er ist ein weiser Mann, er wird mich gegen Kalum-Beck beschützen.«
Vorlage S. 254
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»Ja, Harun ist ein weiser Mann!« erwiderte die Fee. »Aber leider ist er auch nur ein Mensch. Er traut sei nem Großkämmerer Messour so viel als sich selbst, und er hat recht, denn er hat Messour erprobt, und treu gefunden. Messour aber traut deinem Freund Kalum-Beck auch wie sich selbst, und darin hat er unrecht, denn Kalum ist ein schlechter Mensch, wenn er schon Messours Verwandter ist. Kalum ist zugleich ein verschlagener Kopf, und hat, sobald er hieher kam, seinem Vetter Großkämmerer eine Fabel über dich erdichtet und angeheftet, und dieser hat sie wieder dem Kalifen erzählt, so dass du, kämest du auch gleich jetzt in den Palast Haruns, schlecht empfangen werden würdest, denn er traute dir nicht. Aber es gibt andere Mittel und Wege, sich ihm zu nahen, und es steht in den Sternen geschrieben, dass du seine Gnade erwerben sollst.«
Vorlage S. 254
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»Das ist freilich schlimm«, sagte Said wehmütig. »Da werde ich schon noch einige Zeit der Ladenhüter des elenden Kalum-Beck sein müssen. Aber eine Gnade, verehrte Frau! könnet Ihr mir doch gewähren. Ich bin zum Waffenwerk erzogen, und meine höchste Freude ist ein Kampfspiel, wo recht tüchtig gefochten wird mit Lanze, Bogen und stumpfem Schwert. Nun halten die edelsten Jünglinge dieser Stadt alle Wochen ein solches Kampfspiel. Aber nur Leute im höchsten Schmuck, und überdies nur freie Männer dürfen in die Schranken reiten, namentlich aber kein Diener aus dem Bazar. Wenn Ihr nun bewirken könntet, dass ich alle Wochen ein Pferd, Kleider, Waffen haben könnte, und dass man mein Gesicht nicht so leicht erkennte –«
Vorlage S. 254
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»Das ist ein Wunsch, wie ihn ein edler junger Mann wohl wagen darf«, sprach die Fee; »der Vater deiner Mutter war der tapferste Mann in Syrien, und sein Geist scheint, sich auf dich vererbt zu haben. Merke dir dies Haus; du sollst jede Woche hier ein Pferd und zwei berittene Knappen, ferner Waffen und Kleider finden, und ein Waschwasser für dein Gesicht, das dich für alle Augen unkenntlich machen soll. Und nun, Said, lebe wohl! Harre aus und sei klug und tugendhaft. In sechs Monaten wird dein Pfeifchen tönen, und Zulimas Ohr wird für seine Töne offen sein.«
Vorlage S. 255
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Der Jüngling schied von seiner wunderbaren Beschützerin mit Dank und Verehrung; er merkte sich das Haus und die Straße genau, und ging dann nach dem Bazar zurück.
Vorlage S. 255
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Als Said in den Bazar zurückkehrte, kam er gerade noch zu rechter Zeit, um seinen Herrn und Meister Kalum-Beck zu unterstützen und zu retten. Ein großes Gedränge war um den Laden, Knaben tanzten um den Kaufmann her, und verhöhnten ihn, und die Alten lachten. Er selbst stand vor Wut zitternd und in großer Verlegenheit vor dem Laden, in der einen Hand einen Shawl, in der andern den Schleier. Diese sonderbare Szene kam aber von einem Vorfall her, der sich nach Saids Abwesenheit ereignet hatte. Kalum hatte sich statt seines schönen Dieners unter die Türe gestellt und ausgerufen, aber niemand mochte bei dem alten, hässlichen Burschen kaufen. Da gingen zwei Männer den Bazar herab, und wollten für ihre Frauen Geschenke kaufen. Sie waren suchend schon einigemal auf und nieder gegangen, und eben jetzt sah man sie mit umherirrenden Blicken wieder herabgehen.
Vorlage S. 255
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Kalum-Beck, der dies bemerkte, wollte es sich zu Nutzen machen und rief: »Hier, meine Herren, hier! was suchet ihr, schöne Schleier, schöne Ware?«
Vorlage S. 255
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»Guter Alter«, erwiderte einer, »deine Waren mögen recht gut sein, aber unsere Frauen sind wunderlich, und es ist Sitte in der Stadt geworden, die Schleier bei niemand zu kaufen, als bei dem schönen Ladendiener Said; wir gehen schon eine halbe Stunde umher, ihn zu suchen, und finden ihn nicht; aber kannst du uns sagen, wo wir ihn etwa treffen, so kaufen wir dir ein andermal ab.«
Vorlage S. 255
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»Allahit Allah!« rief Kalum-Beck freundlich grinsend, »euch hat der Prophet vor die rechte Türe geführt. Zum schönen Ladendiener wollet ihr, um Schleier zu kaufen? Nun, tretet nur ein, hier ist sein Gewölbe.«
Vorlage S. 256
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Der eine dieser Männer lachte über Kalums kleine und hässliche Gestalt und seine Behauptung, dass er der schöne Ladendiener sei, der andere aber glaubte, Kalum wolle sich über ihn lustig machen, blieb ihm nichts schuldig, sondern schimpfte ihn weidlich. Dadurch kam Kalum-Beck außer sich; er rief seine Nachbarn zu Zeugen auf, dass man keinen andern Laden als den seinigen das Gewölbe des schönen Ladendieners nenne; aber die Nachbarn, welche ihn wegen des Zulaufs, den er seit einiger Zeit hatte, beneideten, wollten hievon nichts wissen, und die beiden Männer gingen nun dem alten Lügner, wie sie ihn nannten, ernstlich zu Leib; Kalum verteidigte sich mehr durch Geschrei und Schimpfworte, als durch seine Faust, und so lockte er eine Menge Menschen vor sein Gewölbe; die halbe Stadt kannte ihn als einen geizigen, gemeinen Filz, alle Umstehenden gönnten ihm die Püffe, die er bekam, und schon packte ihn einer der beiden Männer am Bart, als eben dieser am Arm gefasst, und mit einem einzigen Ruck zu Boden geworfen wurde, so dass sein Turban herabfiel, und seine Pantoffeln weit hinwegflogen.
Vorlage S. 256
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Die Menge, welche es wahrscheinlich gerne gesehen hätte, wenn Kalum-Beck mißhandelt worden wäre, murrte laut, der Gefährte des Niedergeworfenen sah sich nach dem um, der es gewagt hatte, seinen Freund niederzuwerfen, als er aber einen hohen, kräftigen Jüngling mit blitzenden Augen und mutiger Miene vor sich stehen sah, wagte er es nicht, ihn anzugreifen, da überdies Kalum, dem seine Rettung wie ein Wunder erschien, auf den jungen Mann deutete und schrie: »Nun! was wollt ihr dann mehr, da steht er ja, ihr Herren, das ist Said, der schöne Ladendiener.« Die Leute umher lachten, weil sie wussten, dass Kalum-Beck vorhin unrecht geschehen war. Der niedergeworfene Mann stand beschämt auf, und hinkte mit seinem Genossen weiter, ohne weder Shawl, noch Schleier zu kaufen.
Vorlage S. 256
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»O du Stern aller Ladendiener, du Krone des Bazar!« rief Kalum, als er seinen Diener in den Laden führte; »wahrlich, das heiße ich zu rechter Zeit kommen, das nenne ich die Hand ins Mittel legen; lag doch der Bursche auf dem Boden, als ob er nie auf den Beinen gestanden wäre, und ich – ich hätte keinen Barbier mehr gebrauche, um mir den Bart kämmen und salben zu lassen, wenn du nur zwei Minuten später kamst; womit kann ich es dir vergelten?«
Vorlage S. 256
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Es war nur das schnelle Gefühl des Mitleids gewesen, was Saids Hand und Herz regiert hatte, jetzt, als dieses Gefühl sich legte, reute es ihn fast, dass er die gute Züchtigung dem bösen Mann erspart hatte; ein Dutzend Barthaare weniger, dachte er, hätten ihn auf 12 Tage sanft und geschmeidig gemacht; er suchte aber dennoch die günstige Stimmung des Kaufmanns zu benutzen, und erbat sich von ihm zum Dank die Gunst, alle Wochen einmal einen Abend für sich benützen zu dürfen zu einem Spaziergang, oder zu was es auch sei. Kalum gab es zu; denn er wusste wohl, dass sein gezwungener Diener zu vernünftig sei, um ohne Geld und gute Kleider zu entfliehen.
Vorlage S. 257
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Bald hatte Said erreicht was er wollte. Am nächsten Mittwoch, dem Tag, wo sich die jungen Leute aus den vornehmsten Ständen auf einem öffentlichen Platz der Stadt versammelten, um ihre kriegerischen Übungen zu halten, sagte er Kalum, er wolle diesen Abend für sich benützen, und als dieser es erlaubt hatte, ging er in die Straße, wo die Fee wohnte, pochte an, und sogleich sprang die Pforte auf. Die Diener schienen auf seine Ankunft schon vorbereitet gewesen zu sein, denn ohne ihn erst nach seinem Begehren zu fragen, führten sie ihn die Treppe hinan in ein schönes Gemach; dort reichten sie ihm zuerst das Waschwasser, das ihn unkenntlich machen sollte. Er benetzte sein Gesicht damit, schaute dann in einen Metallspiegel, und kannte sich beinahe selbst nicht mehr, denn er war jetzt von der Sonne gebräunt, trug einen schönen schwarzen Bare, und sah zum mindesten zehen Jahre älter aus, als er in der Tat zählte.
Vorlage S. 257
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Hierauf führten sie ihn in ein zweites Gemach, wo er eine vollständige und prachtvolle Kleidung fand, an welcher sich der Kalif von Bagdad selbst nicht hätte schämen dürfen, an dem Tag, wo er in vollem Glanze seiner Herrlichkeit sein Heer musterte. Außer einem Turban vom feinsten Gewebe mit einer Agraffe von Diamanten und hohen Reiherfedern, einem Kleid von schwerem rotem Seidenzeug mit silbernen Blumen durch wirkt, fand Said einen Brustpanzer von silbernen Ringen, der so fein gearbeitet war, dass er sich nach jeder Bewegung des Körpers schmiegte, und doch zugleich so fest, dass ihn weder die Lanze, noch das Schwert durchdringen konnten. Eine Damaszenerklinge in reich verzierter Scheide, mit einem Griff, dessen Steine Said unschätzbar deuchten, vollendete seinen kriegerischen Schmuck. Als er völlig gerüstet wieder aus der Türe trat, überreichte ihm einer der Diener ein seidenes Tuch, und sagte ihm, dass die Gebieterin des Hauses ihm dieses Tuch schicke; wenn er damit sein Gesicht abwische, so werde der Bart und die braune Farbe verschwinden.
Vorlage S. 257
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In dem Hof des Hauses standen drei schöne Pferde; das schönste bestieg Said, die beiden andern seine Diener, und dann trabte er freudig dem Platze zu, wo die Kampfspiele gehalten werden sollten. Durch den Glanz seiner Kleider und die Pracht seiner Waffen zog er aller Augen auf sich, und ein allgemeines Geflüster des Staunens entstand, als er in den Ring, welchen die Menge umgab, einritt. Es war eine glänzende Versammlung der tapfersten und edelsten Jünglinge Bagdads; selbst die Brüder des Kalifen sah man ihre Rosse tummeln und die Lanzen schwingen. Als Said heranritt, und niemand ihn zu kennen schien, ritt der Sohn des Großwesirs mit einigen Freunden auf ihn zu, grüßte ihn ehrerbietig, lud ihn ein, an ihren Spielen teilzunehmen, und fragte ihn nach seinem Namen und seinem Vaterland. Said gab vor, er heiße Almansor, und komme von Kairo, sei auf einer Reise begriffen, und habe von der Tapferkeit und Geschicklichkeit der jungen Edeln von Bagdad so vieles gehört, dass er nicht gesäumt habe, sie zu sehen, und kennenzulernen. Den jungen Leuten gefiel der Anstand und das mutige Wesen Said-Almansors, sie ließen ihm eine Lanze reichen, und seine Partie wählen, denn die ganze Gesellschaft hatte sich in zwei Partien geteilt, um einzeln und in Scharen gegeneinander zu fechten.
Vorlage S. 258
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Aber hatte schon Saids Äußeres die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, so staunte man jetzt noch mehr über seine ungewöhnliche Geschicklichkeit und Behendigkeit. Sein Pferd war schneller als ein Vogel, und sein Schwert schwirrte noch behender umher. Er warf die Lanze so leicht, weit und sicher, als wäre sie ein Pfeil, den er von einem sicheren Bogen abgeschnellt hätte. Die Tapfersten seiner Gegenpartie besiegte er, und am Schluss der Spiele war er so allgemein als Sieger anerkannt, dass einer der Brüder des Kalifen, und der Sohn des Großwesirs, die auf Saids Seite gekämpft hatten, ihn baten, auch mit ihnen zu streiten. Ali, der Bruder des Kalifen wurde von ihm besiegt, aber der Sohn des Großwesirs widerstand ihm so tapfer, dass sie es nach langem Kampf für besser hielten, die Entscheidung für das nächste Mal aufzusparen.
Vorlage S. 258
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Den Tag nach diesen Spielen sprach man in ganz Bagdad von nichts, als dem schönen, reichen und tapferen Fremdling; alle, die ihn gesehen hatten, ja selbst die von ihm besiegt waren, waren entzückt von seinen edeln Sitten, und sogar vor seinen eigenen Ohren im Gewölbe Kalum-Becks wurde über ihn gesprochen, und man beklagte nur, dass niemand wisse, wo er wohne. Das nächste Mal fand er im Hause der Fee ein noch schöneres Kleid, und noch köstlicheren Waffenschmuck. Diesmal hatte sich halb Bagdad zugedrängt, selbst der Kalif sah von einem Balkon herab dem Schauspiel zu; auch er bewunderte den Fremdling Almansor, und hing ihm, als die Spiele geendet hatten, eine große Denkmünze von Gold an einer goldenen Kette um den Hals, um ihm seine Bewunderung zu bezeigen. Es konnte nicht anders kommen, als dass dieser zweite, noch glänzendere Sieg den Neid der jungen Leute von Bagdad aufregte: »Ein Fremdling«, sprachen sie untereinander, »soll hieher kommen nach Bagdad, uns Ruhm, Ehre und Sieg zu entreißen? Er soll sich an andern Orten damit brüsten können, dass unter der Blüte von Bagdads Jünglingen keiner gewesen sei, der es entfernt hätte mit ihm aufnehmen können?« So sprachen sie, und beschlossen beim nächsten Kampfspiel, als wäre es aus Zufall geschehen, zu fünf oder sechs über ihn herzufallen.
Vorlage S. 259
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Saids scharfen Blicken entgingen diese Zeichen des Unmuts nicht; er sah, wie sie in der Ecke zusammen standen, flüsterten, und mit bösen Mienen auf ihn deuteten; er ahnete, dass außer dem Bruder des Kalifen und dem Sohn des Großwesir keiner sehr freundlich gegen ihn gesinnt sein möchte, und diese selbst wurden ihm durch ihre Fragen lästig, wo sie ihn aufsuchen könnten, womit er sich beschäftige, was ihm in Bagdad wohlgefallen habe, und dergleichen.
Vorlage S. 259
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Es war ein sonderbarer Zufall, dass derjenige der jungen Männer, welcher Said-Almansor mit den grimmigsten Blicken betrachtete, und am feindseligsten gegen ihn gesinnt schien, niemand anders war, als der Mann, den er vor einiger Zeit bei Kalum-Becks Bude niedergeworfen hatte, als er gerade im Begriff war, dem unglücklichen Kaufmann den Bart auszureißen. Dieser Mann betrachtete ihn immer aufmerksam und neidisch, Said hatte ihn zwar schon einigemal besiegt, aber dies war kein hinlänglicher Grund zu solcher Feindseligkeit, und Said fürchtete schon, jener möchte ihn an seinem Wuchs oder an der Stimme als Kalum-Becks Ladendiener erkannt haben, eine Entdeckung, die ihn dem Spott und der Rache dieser Leute aussetzen würde. Der Anschlag, welchen seine Neider auf ihn gemacht hatten, scheiterte sowohl an seiner Vorsicht und Tapferkeit, als auch an der Freundschaft, womit ihm der Bruder des Kalifen und der Sohn des Großwesir zugetan waren. Als diese sahen, dass er von wenigstens sechs umringt sei, die ihn vom Pferd zu werfen, oder zu entwaffnen suchten, sprengten sie herbei, jagten den ganzen Trupp auseinander, und drohten den jungen Leuten, welche so verräterisch gehandelt hatten, sie aus der Kampfbahn zu stoßen. Mehr denn vier Monate hatte Said auf diese Weise zum Erstaunen Bagdads seine Tapferkeit erprobt, als er eines Abends, beim Nachhausegehen von dem Kampfplatz einige Stimmen vernahm, die ihm bekannt schienen. Vor ihm gingen vier Männer, die sich langsamen Schrittes über etwas zu beraten schienen. Als Said leise näher trat, hörte er, dass sie den Dialekt der Horde Selims in der Wüste sprechen, und ahnete, dass die vier Männer auf irgendeine Räuberei ausgehen. Sein erstes Gefühl war, sich von diesen vieren zurückzuziehen, als er aber bedachte, dass er irgend etwas Böses verhindern könnte, schlich er sich noch näher herzu, diese Männer zu behorchen.
Vorlage S. 259
92
»Der Türsteher hat ausdrücklich gesagt, die Straße rechts vom Bazar«, sprach der eine, »dort werde und müsse er heute nacht mit dem Großwesir durchkommen.«
Vorlage S. 260
93
»Gut«, antwortete ein anderer. »Den Großwesir fürchte ich nicht; er ist alt und wohl kein sonderlicher Held, aber der Kalif soll ein gutes Schwert führen, und ich traue ihm nicht; es schleichen ihm gewiss zehn oder zwölf von der Leibwache nach.«
Vorlage S. 260
94
»Keine Seele«, entgegnete ihm ein dritter. »Wenn man ihn je gesehen und erkannt hat bei Nacht, war er immer nur allein mit dem Wesir oder mit dem Oberkämmerling. Heute nacht muss er unser sein, aber es darf ihm kein Leid geschehen.«
Vorlage S. 260
95
»Ich denke, das beste ist«, sprach der erste, »wir werfen ihm eine Schlinge über den Kopf; töten dürfen wir ihn nicht, denn für seinen Leichnam würden sie ein geringes Lösegeld geben, und überdies wären wir nicht sicher, es zu bekommen.«
Vorlage S. 260
96
»Also eine Stunde vor Mitternacht!« sagten sie zusammen und schieden, der eine hierhin, der andere dorthin.
Vorlage S. 260
97
Said war über diesen Anschlag nicht wenig erschrocken. Er beschloss, sogleich zum Palast des Kalifen zu eilen, und ihn von der Gefahr, die ihm drohte, zu unterrichten. Aber als er schon durch mehrere Straßen gelaufen war, fielen ihm die Worte der Fee bei, die ihm gesagt hatte, wie schlecht er bei dem Kalifen angeschrieben sei; er bedachte, dass man vielleicht seine Angabe verlachen, oder als einen Versuch, bei dem Beherrscher von Bagdad sich einzuschmeicheln, ansehen könnte, und so hielt er seine Schritte an, und achtete es für das beste, sich auf sein gutes Schwert zu verlassen, und den Kalifen persönlich aus den Händen der Räuber zu retten.
Vorlage S. 261
Ludwig Richter – Überfahrt am Schreckenstein, 1837. Vergleichsbild zu Reise und Flusslandschaft; keine konkrete Buchszene.
Kontextbild zum Werk. Überfahrt am Schreckenstein · Ludwig Richter · Public domain Bildquelle ↗
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Er ging daher nicht in Kalum-Becks Haus zurück, sondern setzte sich auf die Stufen einer Moschee, und wartete dort bis die Nacht völlig angebrochen war; dann ging er am Bazar vorbei in jene Straße, welche die Räuber bezeichnet hatten, und verbarg sich hinter dem Vorsprung eines Hauses. Er mochte ungefähr eine Stunde dort gestanden sein, als er zwei Männer langsam die Straße herabkommen hörte, anfänglich glaubte er, es sei der Kalif und der Großwesir, aber einer der Männer klatschte in die Hand, und sogleich eilten zwei andere sehr leise die Straße herauf vom Bazar her. Sie flüsterten eine Weile und teilten sich dann; drei versteckten sich nicht weit von ihm, und einer ging in der Straße auf und ab. Die Nacht war sehr finster, aber stille, und so musste sich Said auf sein scharfes Ohr beinahe ganz allein verlassen.
Vorlage S. 261
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Wieder war etwa eine halbe Stunde vergangen, als man gegen den Bazar hin Schritte vernahm. Der Räuber mochte sie auch gehört haben; er schlich an Said vorüber dem Bazar zu. Die Schritte kamen näher, und schon konnte Said einige dunkle Gestalten erkennen, als der Räuber in die Hand klatschte, und in demselben Augenblick stürzten die drei aus dem Hinterhalt hervor. Die Angegriffenen mussten übrigens bewaffnet sein, denn er vernahm den Klang von aneinandergeschlagenen Schwertern. Sogleich zog er seine Damaszenerklinge und stürzte sich mit dem Ruf: »Nieder mit den Feinden des großen Harun!« auf die Räuber, streckte mit dem ersten Hieb einen zu Boden, und drang dann auf zwei andere ein, die eben im Begriff waren, einen Mann, um welchen sie einen Strick geworfen hatten, zu entwaffnen. Er hieb blindlings auf den Strick ein, um ihn zu zerschneiden, aber er traf dabei einen der Räuber so heftig über den Arm, dass er ihm die Hand abschlug; der Räuber stürzte mit fürchterlichem Geschrei auf die Knie. Jetzt wandte sich der vierte, der mit einem andern Mann gefochten hatte, gegen Said, der noch mit dem dritten im Kampf war, aber der Mann, um welchen man die Schlinge geworfen hatte, sah sich nicht sobald frei, als er seinen Dolch zog, und ihn dem Angreifenden von der Seite in die Brust stieß. Als dies der noch Übriggebliebene sah, warf er seinen Säbel weg und floh.
Vorlage S. 261
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Said blieb nicht lange in Ungewissheit wen er gerettet habe; denn der größere der beiden Männer trat zu ihm und sprach: »Das eine ist so sonderbar wie das andere, dieser Angriff auf mein Leben oder meine Freiheit, wie die unbegreifliche Hilfe und Rettung. Wie wusstet Ihr wer ich bin? Habt Ihr von dem Anschlag dieser Menschen gewusst?«
Vorlage S. 262
101
»Beherrscher der Gläubigen«, antwortete Said, »denn ich zweifle nicht, dass du es bist. Ich ging heute abend durch die Straße El Malek hinter einigen Männern, deren fremden und geheimnisvollen Dialekt ich einst gelernt habe. Sie sprachen davon, dich gefangenzunehmen, und den würdigen Mann, deinen Wesir zu töten. Weil es nun zu spät war, dich zu warnen, beschloss ich, an den Platz zu gehen, wo sie dir auflauern wollten, um dir beizustehen.«
Vorlage S. 262
102
»Danke dir«, sprach Harun, »an dieser Stätte ist übrigens nicht gut weilen; nimm diesen Ring, und komm damit morgen in meinen Palast; wir wollen dann mehr über dich und deine Hülfe reden, und sehen, wie ich dich am besten belohnen kann. Komm Wesir, hier ist nicht gut weilen, sie können wiederkommen.«
Vorlage S. 262
103
Er sprach es, und wollte den Großwesir fortziehen, nachdem er dem Jüngling einen Ring an den Finger gesteckt hatte, dieser aber bat ihn noch ein wenig zu verweilen, wandte sich um, und reichte dem überraschten Jüngling einen schweren Beutel: »Junger Mann«, sprach er, »mein Herr, der Kalif, kann dich zu allem machen, wozu er will, selbst zu meinem Nachfolger, ich selbst kann wenig tun, und was ich tun kann, geschieht heute besser als morgen; drum nimm diesen Beutel. Das soll meinen Dank übrigens nicht abkaufen. Sooft du irgendeinen Wunsch hast, komm getrost zu mir.«
Vorlage S. 262
104
Ganz trunken vor Glück eilte Said nach Hause. Aber hier wurde er übel empfangen; Kalum-Beck wurde über sein langes Ausbleiben zuerst unwillig, und dann besorgt, denn er dachte, er könnte leicht den schönen Aushängeschild seines Gewölbes verlieren. Er empfing ihn mit Schmähworten und tobte und raste wie ein Wahnsinniger. Aber Said, der einen Blick in den Beutel getan und gefunden hatte, dass er lauter Goldstücke enthalte, bedachte, dass er jetzt nach seiner Heimat reisen könne, auch ohne die Gnade des Kalifen, die gewiss nicht geringer war, als der Dank seines Wesirs, und so blieb er ihm kein Wort schuldig, sondern erklärte ihm rund und deutlich, dass er keine Stunde länger bei ihm bleiben werde. Von Anfang erschrak Kalum-Beck hierüber sehr, dann aber lachte er höhnisch, und sprach: »Du Lump und Landläufer, du ärmlicher Wicht! wohin willst du denn deine Zuflucht nehmen, wenn ich meine Hand von dir abziehe? Wo willst du ein Mittagessen bekommen, und wo ein Nachtlager?«
Vorlage S. 262
105
»Das soll Euch nicht kümmern, Herr Kalum-Beck«, antwortete Said trotzig, »gehabt Euch wohl, mich sehet Ihr nicht wieder.«
Vorlage S. 263
106
Er sprach es, und lief zur Türe hinaus, und Kalum-Beck schaute ihm sprachlos vor Staunen nach. Den andern Morgen aber, nachdem er sich den Fall recht überlegt hatte, schickte er seine Packknechte aus, und ließ überall nach dem Flüchtling spähen. Lange suchten sie umsonst, endlich aber kam einer zurück, und sagte, er habe Said, den Ladendiener, aus einer Moschee kommen, und in ein Karawanserei gehen sehen. Er sei aber ganz verändert, trage ein schönes Kleid, einen Dolch und Säbel, und einen prachtvollen Turban.
Vorlage S. 263
107
Als Kalum-Beck dies hörte, schwur er und rief: »Bestohlen hat er mich, und sich dafür gekleidet. O ich geschlagener Mann!« Dann lief er zum Aufseher der Polizei und da man wusste, dass er ein Verwandter von Messour, dem Oberkämmerling sei, so wurde es ihm nicht schwer, einige Polizeidiener von ihm zu erlangen, um Said zu verhaften. Said saß vor einem Karawanserei und besprach sich ganz ruhig mit einem Kaufmann, den er da gefunden, über eine Reise nach Aleppo seiner Vaterstadt; da fielen plötzlich einige Männer über ihn her, und banden ihm, trotz seiner Gegenwehr, die Hände auf den Rücken. Er fragte sie, was sie zu dieser Gewalttat berechtige, und sie antworteten, es geschehe im Namen der Polizei und seines rechtmäßigen Gebieters Kalum-Beck. Zugleich trat der kleine, hässliche Mann herzu, verhöhnte und verspottete Said, griff in seine Tasche, und zog zum Staunen der Umstehenden und mit Triumphgeschrei einen großen Beutel mit Gold heraus.
Vorlage S. 263
108
»Sehet! das alles hat er mir nach und nach gestohlen, der schlechte Mensch!« rief er, und die Leute sahen mit Abscheu auf den Gefangenen, und riefen: »Wie! noch so jung, so schön, und doch so schlecht! Zum Gericht, zum Gericht, damit er die Bastonade erhalte.« So schleppten sie ihn fort, und ein ungeheurer Zug Menschen aus allen Ständen schloss sich an, sie riefen: »Sehet das ist der schöne Ladendiener vom Bazar – er hat seinen Herrn bestohlen und ist enflohen – zweihundert Goldstücke hat er gestohlen.«
Vorlage S. 264
109
Der Aufseher der Polizei empfing den Gefangenen mit finsterer Miene; Said wollte sprechen, aber der Beamte gebot ihm zu schweigen und verhörte nur den kleinen Kaufmann. Er zeigte ihm den Beutel, und fragte ihn, ob ihm dieses Gold gestohlen worden sei; Kalum-Beck beschwor es; aber sein Meineid verhalf ihm zwar zu dem Gold, doch nicht zu dem schönen Ladendiener, der ihm tausend Goldstücke wert war, denn der Richter sprach: »Nach einem Gesetz, das mein großmächtigster Herr, der Kalif erst vor wenigen Tagen geschärft hat, wird jeder Diebstahl, der hundert Goldstücke übersteigt, und auf dem Bazar begangen wird, mit ewiger Verbannung auf eine wüste Insel bestraft. Dieser Dieb kommt gerade zu rechter Zeit, er macht die Zahl von zwanzig solcher Bursche voll; morgen werden sie auf eine Barke gepackt, und in die See geführt.«
Vorlage S. 264
110
Said war in Verzweiflung, er beschwor den Beamten, ihn anzuhören, ihn nur ein Wort mit dem Kalifen sprechen zu lassen, aber er fand keine Gnade. Kalum-Beck, der jetzt seinen Schwur bereute, sprach ebenfalls für ihn, aber der Richter antwortete: »Du hast dein Gold, und kannst zufrieden sein, gehe nach Hause, und verhalte dich ruhig, sonst strafe ich dich für jeden Widerspruch um 10 Goldstücke.« Kalum schwieg bestürzt, der Richter aber winkte, und der unglückliche Said wurde abgeführt.
Vorlage S. 264
111
Man brachte ihn in ein finsteres und feuchtes Gefängnis; neunzehen elende Menschen lagen dort auf Stroh umher, und empfingen ihn als ihren Leidensgefährten mit rohem Gelächter und Verwünschungen gegen den Richter und den Kalifen. So schrecklich sein Schicksal vor ihm lag, so fürchterlich der Gedanke war, auf eine wüste Insel verbannt zu werden, so fand er doch noch einigen Trost darin, schon am folgenden Tag aus diesem schrecklichen Gefängnis erlöst zu werden. Aber er täuschte sich sehr, als er glaubte, sein Zustand auf dem Schiff werde besser sein. In den untersten Raum, wo man nicht aufrecht stehen konnte, wurden die zwanzig Verbrecher hinabgeworfen, und dort stießen und schlugen sie sich um die besten Plätze.
Vorlage S. 264
112
Die Anker wurden gelichtet, und Said weinte bittere Tränen, als das Schiff, das ihn von seinem Vater land entführen sollte, sich zu bewegen anfing. Nur einmal des Tages teilte man ihnen ein wenig Brot und Früchte und einen Trunk süßen Wassers aus, und so dunkel war es in dem Schiffsraum, dass man immer Lichter herabbringen musste, wenn die Gefangenen speisen sollten. Beinahe alle zwei drei Tage fand man einen Toten unter ihnen, so ungesund war die Luft in diesem Wasserkerker, und Said wurde nur durch seine Jugend und seine feste Gesundheit erhalten.
Vorlage S. 265
113
Vierzehn Tage waren sie schon auf dem Wasser, als eines Tages die Wellen heftiger rauschten, und ein ungewöhnliches Treiben und Rennen auf dem Schiff entstand.
Vorlage S. 265
114
Said ahnete, dass ein Sturm im Anzug sei; es war ihm sogar angenehm, denn er hoffte dann zu sterben.
Vorlage S. 265
115
Heftiger wurde das Schiff hin und her geworfen, und endlich saß es mit schrecklichem Krachen fest. Geschrei und Geheul scholl von dem Verdeck herab, und mischte sich mit dem Brausen des Sturmes. Endlich wurde es wieder stille, aber zu gleicher Zeit entdeckte auch einer der Gefangenen, dass das Wasser in das Schiff eindringe. Sie pochten an der Falltüre nach oben, aber man antwortete ihnen nicht. Als daher das Wasser immer heftiger eindrang, drängten sie sich mit vereinigten Kräften gegen die Türe, und sprengten sie auf.
Vorlage S. 265
116
Sie stiegen die Treppe hinan, aber oben fanden sie keinen Menschen mehr. Die ganze Schiffsmannschaft hatte sich in Böten gerettet. Jetzt gerieten die meisten Gefangenen in Verzweiflung; denn der Sturm wütete immer heftiger, das Schiff krachte und senkte sich. Noch einige Stunden saßen sie auf dem Verdeck, und hielten ihre letzte Mahlzeit von den Vorräten, die sie im Schiff gefunden, dann erneuerte sich auf einmal der Sturm, das Schiff wurde von der Klippe, worauf es festsaß, hinweggerissen, und brach zusammen.
Vorlage S. 265
117
Said hatte sich am Mast angeklammert, und hielt ihn, als das Schiff geborsten war, noch immer fest. Die Wellen warfen ihn hin und her, aber er hielt sich, mit den Füßen rudernd, immer wieder oben. So schwamm er in immerwährender Todesgefahr eine halbe Stunde, da fiel die Kette mit dem Pfeifchen wieder aus seinem Kleid, und noch einmal wollte er versuchen, ob es nicht töne? Mit der einen Hand klammerte er sich fest, mit der andern setzte er es an seinen Mund, blies, ein heller, klarer Ton erscholl, und augenblicklich legte sich der Sturm, und die Wellen glätteten sich, als hätte man Öl darauf ausgegossen. Kaum hatte er sich mit leichterem Atem umgesehen, ob er nicht irgendwo Land erspähen könnte, als der Mast unter ihm sich auf eine sonderbare Weise auszudehnen und zu bewegen anfing, und zu seinem nicht geringen Schrecken nahm er wahr, dass er nicht mehr auf Holz, sondern auf einem ungeheuren Delphin reite; nach einigen Augenblicken aber kehrte seine Fassung zurück, und da er sah, dass der Delphin zwar schnell, aber ruhig und gelassen seine Bahn fortschwimme, schrieb er seine wunderbare Rettung dem silbernen Pfeifchen und der gütigen Fee zu, und rief seinen feurigsten Dank in die Lüfte.
Vorlage S. 265
118
Pfeilschnell trug ihn sein wunderbares Pferd durch die Wogen, und noch ehe es Abend wurde, sah er Land, und erkannte einen breiten Fluss, in welchen der Delphin auch sogleich einbog. Stromaufwärts ging es langsamer, und um nicht verschmachten zu müssen, nahm Said, der sich aus alten Zaubergeschichten erinnerte wie man zaubern müsse, das Pfeifchen heraus, pfiff laut und herzhaft und wünschte sich dann ein gutes Mahl. Sogleich hielt der Fisch stille, und hervor aus dem Wasser tauchte ein Tisch, so wenig nass, als ob er acht Tage an der Sonne gestanden wäre, und reich besetzt mit köstlichen Speisen. Said griff weidlich zu, denn seine Kost während seiner Gefangenschaft war schmal und elend gewesen, und als er sich hinlänglich gesättigt hatte, sagte er Dank, der Tisch tauchte nieder, er aber stauchte den Delphin in die Seite, und sogleich schwamm dieser weiter den Fluss hinauf.
Vorlage S. 266
119
Die Sonne fing schon an zu sinken, als Said in dunkler Ferne eine große Stadt erblickte, deren Minaretts ihm Ähnlichkeit mit denen von Bagdad zu haben schienen. Der Gedanke an Bagdad war ihm nicht sehr angenehm, aber sein Vertrauen auf die gütige Fee war so groß, dass er fest glaubte, sie werde ihn nicht wieder in die Hände des schändlichen Kalum-Beck fallen lassen. Zur Seite etwa eine Meile von der Stadt und nahe am Fluss erblickte er ein prachtvolles Landhaus, und zu seiner großen Verwunderung lenkte der Fisch nach diesem Hause hin.
Vorlage S. 266
120
Auf dem Dach des Hauses standen mehrere schön gekleidete Männer, und am Ufer sah Said eine große Menge Diener, und alle schauten nach ihm, und schlugen vor Verwunderung die Hände zusammen. An einer Marmortreppe, die vom Wasser nach dem Lustschloß hinaufführte, hielt der Delphin an, und kaum hatte Said einen Fuß auf die Treppe gesetzt, so war auch schon der Fisch spurlos verschwunden. Zugleich eilten einige Diener die Treppe hinab, und baten im Namen ihres Herrn, zu ihm hinaufzukommen, und boten ihm trockene Kleider an. Er kleidete sich schnell um, und folgte dann den Dienern auf das Dach, wo er drei Männer fand, von welchen der größte und schönste ihm freundlich und huldreich entgegenkam. »Wer bist du, wunderbarer Fremdling«, sprach er, »der du die Fische des Meeres zähmst, und sie links und rechts leitest, wie der beste Reiter sein Streitroß? Bist du ein Zauberer oder ein Mensch wie wir?«
Vorlage S. 266
121
»Herr!« antwortete Said, »mir ist es in den letzten Wochen schlecht ergangen, wenn Ihr aber Vergnügen daran findet, so will ich Euch erzählen.« Und nun hub er an, und erzählte den drei Männern seine Geschichte, von dem Augenblick an, wo er seines Vaters Haus verlassen hatte, bis zu seiner wunderbaren Rettung. Oft wurde er von ihnen mit Zeichen des Staunens und der Verwunderung unterbrochen, als er aber geendet hatte, sprach der Herr des Hauses, der ihn so freundlich empfangen hatte: »Ich traue deinen Worten, Said! Aber du erzähltest uns, dass du im Wettkampf eine Kette gewonnen, und dass dir der Kalif einen Ring geschenkt; kannst du wohl diese uns zeigen?«
Vorlage S. 267
122
»Hier auf meinem Herzen habe ich beide verwahrt«, sprach der Jüngling, »und nur mit meinem Leben hätte ich so teure Geschenke hergegeben, denn ich achte es für die ruhmvollste und schönste Tat, dass ich den großen Kalifen aus den Händen seiner Mörder befreite.« Zugleich zog er Kette und Ring hervor, und übergab beides den Männern.
Vorlage S. 267
123
»Beim Bart des Propheten, er ist's, es ist mein Ring!« rief der hohe schöne Mann. »Großwesir, lass uns ihn umarmen, denn hier steht unser Retter.« Said war es wie ein Traum, als diese zwei ihn umschlangen, aber alsobald warf er sich nieder und sprach: »Verzeihe, Beherrscher der Gläubigen, dass ich so vor dir gesprochen habe, denn du bist kein anderer, als Harun Al-Raschid, der große Kalif von Bagdad.«
Vorlage S. 267
124
»Der bin ich, und dein Freund!« antwortete Harun, »und von dieser Stunde an sollen sich alle deine trüben Schicksale wenden. Folge mir nach Bagdad, bleibe in meiner Umgebung und sei einer meiner vertrautesten Beamten, denn wahrlich du hast in jener Nacht gezeigt, dass dir Harun nicht gleichgültig sei, und nicht jeden meiner treuesten Diener möchte ich auf gleiche Probe stellen!«
Vorlage S. 267
125
Said dankte dem Kalifen; er versprach ihm auf immer bei ihm zu bleiben, wenn er zuvor eine Reise zu seinem Vater der in großen Sorgen um ihn sein müsse, gemacht haben werde, und der Kalif fand dies gerecht und billig. Sie setzten sich bald zu Pferd, und kamen noch vor Sonnenuntergang in Bagdad an. Der Kalif ließ Said eine lange Reihe prachtvoll geschmückter Zimmer in seinem Palast anweisen, und versprach ihm noch überdies, ein eigenes Haus für ihn erbauen zu lassen.
Vorlage S. 268
126
Auf die erste Kunde von diesem Ereignis eilten die alten Waffenbrüder Saids, der Bruder des Kalifen, und der Sohn des Großwesirs herbei; sie umarmten ihn als Retter dieser teuren Männer und baten ihn, er möchte ihr Freund werden; aber sprachlos wurden sie vor Erstaunen, als er sagte: »Euer Freund bin ich längst«, als er die Kette, die er als Kampfpreis erhalten, hervorzog, und sie an dieses und jenes erinnerte. Sie hatten ihn immer nur schwärzlichbraun und mit langem Bart gesehen, und erst als er erzählte, wie und warum er sich entstellt habe, als er zu seiner Rechtfertigung stumpfe Waffen herbeibringen ließ, mit ihnen focht, und ihnen den Beweis gab, dass er Almansor, der Tapfere sei, erst dann umarmten sie ihn mit Jubel von neuem, und priesen sich glücklich, einen solchen Freund zu haben.
Vorlage S. 268
127
Den folgenden Tag, als eben Said mit dem Großwesir bei Harun saß, trat Messour, der Oberkämmerer, herein und sprach: »Beherrscher der Gläubigen, so es anders sein kann, möchte ich dich um eine Gnade bitten.«
Vorlage S. 268
128
»Ich will zuvor hören«, antwortete Harun.
Vorlage S. 268
129
»Draußen steht mein lieber, leiblicher Vetter Kalum-Beck, ein berühmter Kaufmann auf dem Bazar«, sprach er. »Der hat einen sonderbaren Handel mit einem Mann aus Aleppo, dessen Sohn bei Kalum-Beck diente, nachher gestohlen hat, dann entlaufen ist, und niemand weiß wohin. Nun will aber der Vater seinen Sohn von Kalum haben, und dieser hat ihn doch nicht; er wünscht daher und bittet um die Gnade, du möchtest, kraft deiner großen Erleuchtung und Weisheit sprechen zwischen dem Mann aus Aleppo und ihm.«
Vorlage S. 268
130
»Ich will richten«, erwiderte der Kalif. »In einer halben Stunde möge dein Herr Vetter mit seinem Gegner in den Gerichtssaal treten.«
Vorlage S. 268
131
Als Messour dankend gegangen war, sprach Harun: »Das ist niemand anders, als dein Vater, Said, und da ich nun glücklicherweise alles wie es ist, erfahren habe, will ich richten wie Salomo. Du, Said, verbirgst dich hinter den Vorhang meines Thrones, bis ich dich rufe, und du, Großwesir, lässt mir sogleich den schlechten und voreiligen Polizeirichter holen; ich werde ihn im Verhör brauchen.«
Vorlage S. 268
132
Sie taten beide wie er befohlen. Saids Herz pochte stärker, als er seinen Vater bleich und abgehärmt, mit wankenden Schritten in den Gerichtssaal treten sah, und Kalum-Becks feines zuversichtliches Lächeln, womit er zu seinem Vetter Oberkämmerer flüsterte, machte ihn so grimmig, dass er gerne hinter dem Vorhang hervor auf ihn losgestürzt wäre. Denn seine größten Leiden und Kümmernisse hatte er diesem schlechten Menschen zu danken.
Vorlage S. 269
133
Es waren viele Menschen im Saal, die den Kalifen Recht sprechend hören wollten. Der Großwesir gebot, nachdem der Herrscher von Bagdad auf seinem Thron Platz genommen hatte, Stille, und fragte, wer hier als Kläger vor seinem Herrn erscheine.
Vorlage S. 269
134
Kalum-Beck trat mit frecher Stirne vor und sprach:
Vorlage S. 269
135
»Vor einigen Tagen stand ich unter der Türe meines Gewölbes im Bazar, als ein Ausrufer, einen Beutel in der Hand, und diesen Mann hier neben sich, durch die Buden schritt, und rief: ›Einen Beutel Gold dem, der Auskunft geben kann von Said aus Aleppo.‹ Dieser Said war in meinen Diensten gewesen und ich rief daher: ›Hieher Freund! ich kann den Beutel verdienen.‹ Dieser Mann, der jetzt so feindlich gegen mich ist, kam freundlich und fragt, was ich wüsste? Ich antwortete: ›Ihr seid wohl Benezar, sein Vater?‹ und als er dies freudig bejahte, erzählte ich ihm, wie ich den jungen Menschen in der Wüste gefunden, gerettet und gepflegt und nach Bagdad gebracht habe. In der Freude seines Herzens schenkte er mir den Beutel. Aber hört diesen unsinnigen Menschen, wie ich ihm nun weiter erzählte, dass sein Sohn bei mir gedient habe, dass er schlechte Streiche macht, gestohlen habe, und davongegangen sei, will er es nicht glauben, hadert schon seit einigen Tagen mit mir, fodert seinen Sohn und sein Geld zurück, und beides kann ich nicht geben, denn das Geld gebührt mir für die Nachricht, die ich ihm gab, und seinen ungeratenen Burschen kann ich nicht herbeischaffen.«
Vorlage S. 269
136
Jetzt sprach auch Benezar; er schilderte seinen Sohn, wie edel und tugendhaft er sei, und dass er nie habe so schlecht sein können, zu stehlen. Er forderte den Kalifen auf, streng zu untersuchen.
Vorlage S. 269
137
»Ich hoffe«, sprach Harun, »du hast, wie es Pflicht ist, den Diebstahl angezeigt, Kalum-Beck?«
Vorlage S. 270
138
»Ei freilich!« rief jener lächelnd. »Vor den Polizeirichter habe ich ihn geführt.«
Vorlage S. 270
139
»Man bringe den Polizeirichter!« befahl der Kalife.
Vorlage S. 270
140
Zum allgemeinen Erstaunen erschien dieser sogleich, wie durch Zauberei herbeigebracht. Der Kalife fragte ihn, ob er sich dieses Handels erinnere, und dieser gestand den Fall zu.
Vorlage S. 270
141
»Hast du den jungen Mann verhört, hat er den Diebstahl eingestanden?« fragte Harun.
Vorlage S. 270
142
»Nein, er war sogar so verstockt, dass er niemand, als Euch selbst gestehen wollte!« erwiderte der Richter.
Vorlage S. 270
143
»Aber ich erinnere mich nicht, ihn gesehen zu haben«, sagte der Kalif.
Vorlage S. 270
144
»Ei warum auch! da müsste ich alle Tage einen ganzen Pack solches Gesindel zu Euch schicken, die Euch sprechen wollen.«
Vorlage S. 270
145
»Du weißt, dass mein Ohr für jeden offen ist«, antwortete Harun, »aber wahrscheinlich waren die Beweise über den Diebstahl so klar, dass es nicht nötig war, den jungen Menschen vor mein Angesicht zu bringen. Du hattest wohl Zeugen, dass das Geld, das dir gestohlen wurde, dein gehörte, Kalum?«
Vorlage S. 270
William Turner – Schneesturm vor einer Hafeneinfahrt, 1842. Vergleichsbild für Stimmung und Naturdarstellung; keine konkrete Buchszene.
Kontextbild zum Werk. Schneesturm auf See · J. M. W. Turner · Public domain Bildquelle ↗
146
»Zeugen?« fragte dieser erbleichend, »nein, Zeugen hatte ich nicht, und Ihr wisset ja, Beherrscher der Gläubigen, dass ein Goldstück aussieht wie das andere. Woher konnte ich denn Zeugen nehmen, dass diese hundert Stück in meiner Kasse fehlen?«
Vorlage S. 270
147
»An was erkanntest du denn, dass jene Summe gerade dir gehöre?« fragte der Kalife.
Vorlage S. 270
148
»An dem Beutel, in welchem sie war«, erwiderte Kalum.
Vorlage S. 270
149
»Hast du den Beutel hier?« forschte jener weiter.
Vorlage S. 270
150
»Hier ist er«, sprach der Kaufmann, zog einen Beutel hervor, und reichte ihn dem Großwesir, damit er ihn dem Kalifen gebe.
Vorlage S. 270
151
Doch dieser rief mit verstelltem Erstaunen: »Beim Bart des Propheten! der Beutel soll dein sein, du Hund? Mein gehörte dieser Beutel, und ich gab ihn mit hundert Goldstücken gefüllt einem braven jungen Mann, der mich aus einer großen Gefahr befreite.«
Vorlage S. 270
152
»Kannst du darauf schwören?« fragte der Kalife.
Vorlage S. 270
153
»So gewiss als ich einst ins Paradies kommen will«, antwortete der Wesir, »denn meine Tochter hat ihn selbst verfertigt.«
Vorlage S. 270
154
»Ei! ei!« rief Harun, »so wurdest du also falsch berichtet, Polizeirichter? Warum hast du denn geglaubt, dass der Beutel diesem Kaufmann gehöre?«
Vorlage S. 271
155
»Er hat geschworen«, antwortete der Polizeirichter furchtsam.
Vorlage S. 271
156
»So hast du falsch geschworen?« donnerte der Kalife den Kaufmann an, der erbleichend und zitternd vor ihm stand.
Vorlage S. 271
157
»Allah, Allah!« rief jener. »Ich will gewiss nichts gegen den Herrn Großwesir sagen, er ist ein glaubwürdiger Mann, aber ach! der Beutel gehörte doch mein, und der nichtswürdige Said hat ihn gestohlen. Tausend Toman wollte ich geben, wenn er jetzt zur Stelle wäre.«
Vorlage S. 271
158
»Was hast du denn mit diesem Said angefangen?« fragte der Kalife. »Sag an wohin man schicken muss, damit er vor mir Bekenntnis ablege!«
Vorlage S. 271
159
»Ich habe ihn auf eine wüste Insel geschickt«, sprach der Polizeirichter.
Vorlage S. 271
160
»O Said! mein Sohn, mein Sohn!« rief der unglückliche Vater, und weinte.
Vorlage S. 271
161
»So hat er also das Verbrechen bekannt?« fragte Harun.
Vorlage S. 271
162
Der Polizeirichter erbleichte; er rollte seine Augen hin und her, und endlich sprach er: »Wenn ich mich noch recht erinnern kann – ja.«
Vorlage S. 271
163
»Du weißt es also nicht gewiss?« fuhr der Kalif mit schrecklicher Stimme fort, »so wollen wir ihn selbst fragen. Tritt hervor, Said, und du, Kalum-Beck, zahlst vor allem tausend Goldstücke, weil er jetzt hier zur Stelle ist.«
Vorlage S. 271
164
Kalum und der Polizeirichter glaubten ein Gespenst zu sehen; sie stürzten nieder und riefen: »Gnade, Gnade!« Benezar, vor Freuden halb ohnmächtig eilte in die Arme seines verlorenen Sohnes. Aber mit eiserner Strenge fragte jetzt der Kalife: »Polizeirichter; hier steht Said; hat er gestanden?«
Vorlage S. 271
165
»Nein, nein!« heulte der Polizeirichter, »ich habe nur Kalums Zeugnis gehört, weil er ein angesehener Mann ist.«
Vorlage S. 271
166
»Habe ich dich darum als Richter über alle bestellt, dass du nur den Vornehmen hörest?« rief Harun Al-Raschid mit edlem Zorn. »Auf zehen Jahre verbanne ich dich auf eine wüste Insel, mitten im Meere, da kannst du über Gerechtigkeit nachdenken, und du, elender Mensch, der du Sterbende erweckst, nicht um sie zu retten, sondern um sie zu deinen Sklaven zu machen, du zahlst, wie schon gesagt, tausend Tomans, weil du sie versprochen, wenn Said käme um für dich zu zeugen.«
Vorlage S. 271
167
Kalum freute sich so wohlfeil aus dem bösen Handel zu kommen, und wollte eben dem gütigen Kalifen danken, doch dieser fuhr fort: »Für den falschen Eid wegen der hundert Goldstücke bekommst du hundert Hiebe auf die Fußsohlen. Ferner hat Said zu wählen, ob er dein ganzes Gewölbe, und dich als Lastträger nehmen will, oder ob er mit 10 Goldstücken für jeden Tag, welchen er dir diente, zufrieden ist?«
Vorlage S. 272
168
»Lasset den Elenden laufen, Kalife!« rief der Jüngling, »ich will nichts, das sein gehörte.«
Vorlage S. 272
169
»Nein«, antwortete Harun, »ich will, dass du entschädiget werdest. Ich wähle statt deiner die 10 Goldstücke für den Tag, und du magst berechnen, wieviel Tage du in seinen Klauen warst. Jetzt fort mit diesen Elenden.«
Vorlage S. 272
170
Sie wurden abgeführt, und der Kalife führte Benezar und Said in einen andern Saal, dort erzählte er ihm selbst seine wunderbare Rettung durch Said, und wurde nur zuweilen durch das Geheul Kalum-Becks unterbrochen, dem man soeben im Hof seine hundert vollwichtigen Goldstücke auf die Fußsohlen zählte.
Vorlage S. 272
171
Der Kalife lud Benezar ein, mit Said, bei ihm in Bagdad zu leben. Er sagte es zu, und reiste nur noch einmal nach Hause um sein großes Vermögen abzuholen. Said aber lebte in dem Palast, den ihm der dankbare Kalife erbaut hatte, wie ein Fürst. Der Bruder des Kalifen und der Sohn des Großwesirs waren seine Gesellschafter, und es war in Bagdad zum Sprichwort geworden: »Ich möchte so gut und so glücklich sein, als Said, der Sohn Benezars.«
Vorlage S. 272
172
»Bei solcher Unterhaltung käme mir kein Schlaf in die Augen, wenn ich auch zwei, drei und mehrere Nächte wach bleiben müsste«, sagte der Zirkelschmidt, als der Jäger geendigt hatte. »Und oft schon habe ich dies bewährt befunden. So war ich in früherer Zeit als Geselle bei einem Glockengießer. Der Meister war ein reicher Mann, und kein Geizhals; aber eben darum wunderten wir uns nicht wenig, als wir einmal eine große Arbeit hatten, und er, ganz gegen seine Gewohnheit, so knickerig als möglich er schien. Es wurde in die neue Kirche eine Glocke gegossen, und wir Jungen und Gesellen mussten die ganze Nacht am Herd sitzen, und das Feuer hüten. Wir glaubten nicht anders, als der Meister werde sein Mutterfäßchen anstechen, und uns den besten Wein vorsetzen. Aber nicht also. Er ließ nur alle Stunden einen Umtrunk tun, und fing an von seiner Wanderschaft, von seinem Leben allerlei Geschichten zu erzählen, dann kam es an den Obergesellen, und so nach der Reihe und keiner von uns wurde schläfrig, denn begierig horchten wir alle zu. Ehe wir uns dessen versahen, war es Tag. Da erkannten wir die List des Meisters, dass er uns durch Reden habe wach halten wollen. Denn als die Glocke fertig war, schonte er seinen Wein nicht, und holte ein, was er weislich in jener Nacht versäumte.«
Vorlage S. 272
173
»Das war ein vernünftiger Mann«, erwiderte der Student; »für den Schlaf, das ist gewiss, hilft nichts als Reden. Darum möchte ich diese Nacht nicht einsam bleiben, weil ich mich gegen eilf Uhr hin des Schlafes nicht erwehren könnte.«
Vorlage S. 273
174
»Das haben auch die Bauersleute wohl bedacht«, sagte der Jäger; »wenn die Frauen und Mädchen in den langen Winterabenden bei Licht spinnen, so bleiben sie nicht einsam zu Hause, weil sie da wohl mitten unter der Arbeit einschliefen, sondern sie kommen zusammen in den sogenannten Lichtstuben, setzen sich in großer Gesellschaft zur Arbeit und erzählen.«
Vorlage S. 273
175
»Ja«, fiel der Fuhrmann ein, »da geht es oft recht greulich zu, dass man sich ordentlich fürchten möchte, denn sie erzählen von feurigen Geistern, die auf der Wiese gehen, von Kobolden, die nachts in den Kammern poltern, und von Gespenstern, die Menschen und Vieh ängstigen.«
Vorlage S. 273
176
»Da haben sie nun freilich nicht die beste Unterhaltung«, entgegnete der Student. »Mir, ich gestehe es, ist nichts so verhaßt, als Gespenstergeschichten.«
Vorlage S. 273
177
»Ei, da denke ich gerade das Gegenteil«, rief der Zirkelschmidt. »Mir ist es recht behaglich bei einer rechten Schauergeschichte. Es ist gerade wie beim Regenwetter, wenn man unter dem Dach schläft. Man hört die Tropfen tick, tack, tick, tack auf die Ziegel herunterrauschen, und fühlt sich recht warm im Trockenen. So, wenn man bei Licht und in Gesellschaft von Gespenstern hört, fühlt man sich sicher und behaglich.«
Vorlage S. 273
178
»Aber nachher?« sagte der Student. »Wenn einer zugehört hat, der dem lächerlichen Glauben an Gespenster ergeben ist, wird er sich nicht grauen, wenn er allein ist, und im Dunkeln? wird er nicht an alles das Schauerliche denken, was er gehört? Ich kann mich noch heute über diese Gespenstergeschichten ärgern, wenn ich an meine Kindheit denke. Ich war ein munterer, aufgeweckter Junge, und mochte vielleicht etwas unruhiger sein, als meiner Amme lieb war. Da wusste sie nun kein anderes Mittel mich zum Schweigen zu bringen, als sie machte mich fürchten. Sie erzählte mir allerlei schauerliche Geschichten von Hexen und bösen Geistern, die im Hause spuken sollten, und wenn eine Katze auf dem Boden ihr Wesen trieb, flüsterte sie mir ängstlich zu: ›Hörst du, Söhnchen? jetzt geht er wieder Treppe auf, Treppe ab, der tote Mann. Er trägt seinen Kopf unter dem Arm, aber seine Augen glänzen doch wie Laternen, Krallen hat er statt der Finger und wenn er einen im Dunkeln erwischt, dreht er ihm den Hals um.‹«
Vorlage S. 273
179
Die Männer lachten über diese Geschichten, aber der Student fuhr fort: »Ich war zu jung, als dass ich hätte einsehen können, dies alles sei unwahr und erfunden. Ich fürchtete mich nicht vor dem größten Jagdhund, warf jeden meiner Gespielen in den Sand, aber wenn ich ins Dunkle kam, drückte ich vor Angst die Augen zu, denn ich glaubte, jetzt werde der tote Mann heranschleichen. Es ging so weit, dass ich nicht mehr allein, und ohne Licht aus der Türe gehen wollte, wenn es dunkel war, und wie manchmal hat mich mein Vater nachher gezüchtigt, als er diese Unart bemerkte. Aber lange Zeit konnte ich diese kindische Furcht nicht loswerden, und allein meine törichte Amme trug die Schuld.«
Vorlage S. 274
180
»Ja das ist ein großer Fehler«, bemerkte der Jäger, »wenn man die kindlichen Gedanken mit solchem Aberwitz füllt. Ich kann Sie versichern, dass ich brave, beherzte Männer gekannt habe, Jäger, die sich sonst vor drei Feinden nicht fürchteten – wenn sie nachts im Wald aufs Wild lauern sollten, oder auf Wilddiebe, da gebrach es ihnen oft plötzlich an Mut; denn sie sahen einen Baum für ein schreckliches Gespenst, einen Busch für eine Hexe, und ein paar Glühwürmer für die Augen eines Ungetüms an, das im Dunkeln auf sie laure.«
Vorlage S. 274
181
»Und nicht nur für Kinder«, entgegnete der Student, »halte ich Unterhaltungen dieser Art für höchst schädlich und töricht, sondern auch für jeden; denn welcher vernünftige Mensch wird sich über das Treiben und Wesen von Dingen unterhalten, die eigentlich nur im Hirn eines Toren wirklich sind. Dort spukt es, sonst nirgends. Doch am allerschädlichsten sind diese Geschichten unter dem Landvolk. Dort glaubt man fest und unabweichlich an Torheiten dieser Art, und dieser Glaube wird in den Spinnstuben und in der Schenke genährt, wo sie sich enge zusammensetzen, und mit furchtsamer Stimme die allergreulichsten Geschichten erzählen.«
Vorlage S. 274
182
»Ja Herr!« erwiderte der Fuhrmann. »Ihr möget nicht unrecht haben; schon manches Unglück ist durch solche Geschichten entstanden, ist ja doch sogar meine eigene Schwester dadurch elendiglich ums Leben gekommen.«
Vorlage S. 275
183
»Wie das? an solchen Geschichten!« riefen die Männer erstaunt.
Vorlage S. 275
184
»Jawohl an solchen Geschichten«, sprach jener weiter. »In dem Dorf, wo unser Vater wohnte, ist auch die Sitte, dass die Frauen und Mädchen in den Winterabenden zum Spinnen sich zusammensetzen. Die jungen Bursche kommen dann auch, und erzählen mancherlei. So kam es eines Abends, dass man von Gespenstern und Erscheinungen sprach, und die jungen Bursche erzählten von einem alten Krämer, der schon vor zehen Jahren gestorben sei, aber im Grab keine Ruhe finde. Jede Nacht werfe er die Erde von sich ab, steige aus dem Grab, schleiche langsam und hustend, wie er im Leben getan, nach seinem Laden, und wäge dort Zucker und Kaffee ab, indem er vor sich hin murmle:
Vorlage S. 275
185
›Drei Vierling, drei Vierling um Mitternacht
Vorlage S. 275
186
Haben bei Tag ein Pfund gemacht.‹
Vorlage S. 275
187
Viele behaupteten, ihn gesehen zu haben, und die Mädchen und Weiber fingen an, sich zu fürchten. Meine Schwester aber, ein Mädchen von sechszehen Jahren, wollte klüger sein, als die andern, und sagte: ›Das glaube ich alles nicht; wer einmal tot ist, kommt nicht wieder!‹ Sie sagte es, aber leider ohne Überzeugung, denn sie hatte sich oft schon gefürchtet. Da sagte einer von den jungen Leuten: ›Wenn du dies glaubst, so wirst du dich auch nicht vor ihm fürchten; sein Grab ist nur zwei Schritte von Käthchens, die letzthin gestorben. Wage es einmal, gehe hin auf den Kirchhof, brich von Käthchens Grab eine Blume und bringe sie uns, so wollen wir glauben, dass du dich vor dem Krämer nicht fürchtest!‹
Vorlage S. 275
188
Meine Schwester schämte sich, von den andern verlacht zu werden, darum sagte sie: ›Oh! das ist mir ein leichtes; was wollt ihr denn für eine Blume?‹
Vorlage S. 275
189
›Es blüht im ganzen Dorf keine weiße Rose, als dort; drum bring uns einen Strauß von diesen‹, antwortete eine ihrer Freundinnen. Sie stand auf und ging, und alle Männer lobten ihren Mut, aber die Frauen schüttelten den Kopf, und sagten: ›Wenn es nur gut abläuft!‹ Meine Schwester ging dem Kirchhof zu; der Mond schien hell, und sie fing an zu schaudern, als es zwölf Uhr schlug und sie die Kirchhofpforte öffnete.
Vorlage S. 275
190
Sie stieg über manchen Grabhügel weg, den sie kannte, und ihr Herz wurde bange und immer banger, je näher sie zu Käthchens weißen Rosen, und zum Grab des gespenstigen Krämers kam.
Vorlage S. 276
191
Jetzt war sie da; zitternd kniete sie nieder, und knickte die Blumen ab. Da glaubte sie ganz in der Nähe ein Geräusch zu vernehmen; sie sah sich um; zwei Schritte von ihr flog die Erde von einem Grab hinweg, und langsam richtete sich eine Gestalt daraus empor. Es war ein alter, bleicher Mann, mit einer weißen Schlafmütze auf dem Kopf. Meine Schwester erschrak; sie schaute noch einmal hin, um sich zu überzeugen, ob sie recht gesehen; als aber der im Grabe mit näselnder Stimme anfing zu sprechen: ›Guten Abend Jungfer; woher so spät?‹ da erfasste sie ein Grauen des Todes; sie raffte sich auf, sprang über die Gräber hin nach jenem Hause, erzählte beinahe atemlos, was sie gesehen, und wurde so schwach, dass man sie nach Hause tragen musste. Was nützte es uns, dass wir am andern Tage erfuhren, dass es der Totengräber gewesen sei, der dort ein Grab gemacht, und zu meiner armen Schwester gesprochen habe; sie verfiel noch ehe sie dies erfahren konnte, in ein hitziges Fieber, an welchem sie nach drei Tagen starb. Die Rosen zu ihrem Totenkranz hatte sie sich selbst gebrochen.«
Vorlage S. 276
192
Der Fuhrmann schwieg, und eine Träne hing in seinen Augen, die andern aber sahen teilnehmend auf ihn.
Vorlage S. 276
193
»So hat das arme Kind auch an diesem Köhlerglauben sterben müssen«, sagte der junge Goldarbeiter; »mir fällt da eine Sage bei, die ich euch wohl erzählen möchte, und die leider mit einem solchen Trauerfall zusammenhängt:«
Vorlage S. 276

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Said, welchem Ehrfurcht gegen das Alter eingeprägt worden war, antwortete bescheiden, aber …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Man […] es nicht zu sagen, aber Said lebte in seinem Zelt mehr als Sohn, denn als Diener.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »entweder« in diesem Textausschnitt? »Es ist also entweder erlogen, dass du aus Aleppo bist, oder dein Vater ist ein armer Schlucker, dessen hergelaufenem Jungen ich keine Kupfermünze leihen mag.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Welcher Ausschnitt verweist mit einer Zeitangabe ausdrücklich auf eine frühere Zeit? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Doch dieser rief mit verstelltem Erstaunen: »Beim Bart des Propheten! der Beutel soll dein sein, du Hund?« B: »In dem Hof des Hauses standen drei schöne Pferde; das schönste bestieg Said, die beiden andern seine Diener, und dann trabte er freudig dem Platze zu, wo die Kampfspiele gehalten werden sollten.« C: »Dort saß ein alter, prachtvoll gekleideter Mann, dessen ernste, stolze Miene verkündete, dass er das Oberhaupt dieser Horde sei.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Aber er täuschte sich sehr, als er glaubte, …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Aber du […] uns, dass du im Wettkampf eine Kette gewonnen, und dass dir der Kalif einen Ring geschenkt; kannst du wohl diese uns zeigen?««

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »Weil« in diesem Textausschnitt? »Weil es nun zu spät war, dich zu warnen, beschloss ich, an den Platz zu gehen, wo sie dir auflauern wollten, um dir beizustehen.««

Eine Antwort ist richtig.

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10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »»Wenn einer zugehört hat, der dem lächerlichen Glauben an Gespenster ergeben ist, …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »Zur Zeit Harun Al-Raschids, des Beherrschers von Bagdad, lebte ein Mann in Balsora, mit Namen Benezar. Er hatte gerade so viel Vermögen, um für sich bequem und ruhig leben zu können, ohne ein Geschäft oder […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
Textstelle nachlesen ↗

2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Said folgte der Frau, die leichteren Schrittes, als man ihrem Alter zutrauen sollte, durch den Markt und die Straßen eilte. Sie stand endlich vor einem prachtvollen Hause still, pochte an, die Flügeltüren […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
  • Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
Textstelle nachlesen ↗

3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] ihren Leidensgefährten mit rohem Gelächter und Verwünschungen gegen den Richter und den Kalifen. So schrecklich sein Schicksal vor ihm lag, so fürchterlich der Gedanke war, auf eine wüste Insel verbannt zu werden, so fand er doch noch […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »»Was! bei deiner Seele willst du schwören?« schrie der Kaufmann, »bei deiner schwarzen, lügenhaften Seele? wer soll da glauben? Und beim Bart des Propheten, du, der du selbst keinen Bart hast? wer soll da trauen?««

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Fuhrmann ein, »da geht es oft recht greulich zu, dass man sich ordentlich fürchten möchte, denn sie erzählen von feurigen Geistern, die auf der Wiese gehen, von Kobolden, die nachts in den Kammern poltern, und von Gespenstern, die Menschen […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Es war nur das schnelle Gefühl des Mitleids gewesen, was Saids Hand und Herz regiert hatte, jetzt, als dieses Gefühl sich legte, reute es ihn fast, dass er die gute Züchtigung dem bösen Mann erspart hatte; ein Dutzend Barthaare weniger, […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Said folgte der Frau, die leichteren Schrittes, als man ihrem Alter zutrauen sollte, durch den Markt und die Straßen eilte. Sie […]« und »»Draußen steht mein lieber, leiblicher Vetter Kalum-Beck, ein berühmter Kaufmann auf dem Bazar«, sprach er. »Der hat einen […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

8. Am Abschnittsende steht: »»So hat das arme Kind auch an diesem Köhlerglauben sterben müssen«, sagte der junge Goldarbeiter; »mir fällt da eine Sage bei, die ich euch wohl erzählen möchte, und die leider mit einem solchen Trauerfall […]« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
Textstelle nachlesen ↗

9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Zur Zeit Harun Al-Raschids, des Beherrschers von Bagdad, lebte ein Mann in Balsora, mit Namen Benezar. Er […]« / »»So hat das arme Kind auch an diesem Köhlerglauben sterben müssen«, sagte der junge Goldarbeiter; »mir fällt […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Zur Zeit Harun Al-Raschids, des Beherrschers von Bagdad, lebte ein Mann in Balsora, mit Namen Benezar.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Er benetzte sein Gesicht damit, schaute dann in einen Metallspiegel, und kannte sich beinahe selbst nicht mehr, denn er war jetzt von der Sonne gebräunt, trug einen schönen schwarzen Bare, und sah zum mindesten zehen Jahre älter aus, als er in der Tat zählte.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »»mir fällt da eine Sage bei, die ich euch wohl erzählen möchte, und die leider mit einem solchen Trauerfall zusammenhängt:««. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Saids Schicksale von Hauff, Wilhelm ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Saids Schicksale

Wilhelm Hauff: Sämtliche Werke in drei Bänden. Nach den Originaldrucken und Handschriften. Textredaktion und Anmerkungen Sibylle von Steinsdorff, München: Winkler, 1970. Hauff, Wilhelm 239- München

Das Werk Saids Schicksale von Hauff, Wilhelm ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.