BK6 - Kunstwerk und Entstehungszeit

BK6 - Kunstwerk und Entstehungszeit
BK6 - Kunstwerk und Entstehungszeit
Einleitung
Kunstwerke entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie werden von Menschen geschaffen, die in einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Gesellschaft leben. Deshalb kannst Du ein Kunstwerk wie eine Zeitkapsel untersuchen: Kleidung, Körperhaltung, Materialien, Architektur, Technik, Symbole, Bildthemen und die dargestellten Personen geben Hinweise auf seine Entstehungszeit.
In diesem aiMOOC lernst Du an fünf ausgewählten Beispielen, wie eng Kunst, Geschichte, Gesellschaft, Religion, Politik, Technik und Alltag miteinander verbunden sind. Du untersuchst die Büste der Nofretete, den Teppich von Bayeux, ein Selbstbildnis von Albrecht Dürer, Las Meninas von Diego Velázquez und Claude Monets Bild des Gare Saint-Lazare. Dabei begegnest Du sehr unterschiedlichen Bildformen: Skulptur, Stickerei, Malerei, Stadtansicht, Fotografie, Karte, Modebild und Architektur.
Leitfrage: Was verrät ein Kunstwerk über die Menschen und die Gesellschaft seiner Entstehungszeit?

Lernziele
Nach diesem aiMOOC kannst Du:
- Kunstwerke beschreiben: Du benennst sichtbare Merkmale, ohne vorschnell zu deuten.
- Zeitspuren erkennen: Du nutzt Kleidung, Material, Technik, Architektur und Bildsprache als Hinweise auf eine Entstehungszeit.
- Kontexte erklären: Du stellst Zusammenhänge zwischen Kunstwerk, Gesellschaft, Herrschaft, Religion, Technik und Alltag her.
- Deutungen begründen: Du belegst Aussagen mit sichtbaren Details im Werk.
- Quellen kritisch prüfen: Du unterscheidest zwischen dem, was ein Bild zeigt, dem, was wir sicher wissen, und dem, was nur vermutet werden kann.
- Werke vergleichen: Du erkennst Veränderungen von Menschenbild, Künstlerrolle, Macht, Technik und Lebenswelt.
Differenzierung G/M/E
In den Aufgaben findest Du drei Anforderungsniveaus.
G – grundlegendes Niveau: Du beschreibst, erkennst, benennst und ordnest zu. Hilfreich sind Satzanfänge wie: „Ich sehe …“, „Ein Hinweis auf die Zeit ist …“ oder „Das Werk wirkt …“.
M – mittleres Niveau: Du erklärst Zusammenhänge und begründest Deine Aussagen mit mindestens zwei sichtbaren Details. Satzanfänge können sein: „Das könnte mit … zusammenhängen, weil …“ oder „Dafür spricht im Bild …“.
E – erweitertes Niveau: Du deutest, vergleichst, hinterfragst Quellen und formulierst mehrere mögliche Erklärungen. Du unterscheidest bewusst zwischen Beobachtung, historischem Wissen und Interpretation.
Kunstwerke als Spuren ihrer Zeit
Ein Kunstwerk kann vieles über seine Entstehungszeit verraten. Wichtig ist aber: Ein Bild zeigt nie automatisch „die ganze Wirklichkeit“. Häufig wurde ein Werk von mächtigen Auftraggebern bestellt, für eine bestimmte Wirkung hergestellt oder aus einer besonderen Perspektive gestaltet. Deshalb arbeitest Du wie eine Kunst- und Geschichtsdetektivin oder ein Kunst- und Geschichtsdetektiv.
Die Vier-Schritt-Methode
- Beobachten: Was ist tatsächlich sichtbar? Achte auf Personen, Gegenstände, Farben, Material, Raum, Licht, Kleidung, Körperhaltung und Blickrichtungen.
- Einordnen: Welche Hinweise helfen bei Ort und Zeit? Gibt es bestimmte Techniken, Gebäude, Frisuren, Waffen, Verkehrsmittel oder Schrift?
- Kontext herstellen: Wer hatte Macht? Welche Rolle spielten Religion, Handel, Krieg, Technik, soziale Gruppen oder neue Ideen?
- Deuten und prüfen: Welche Aussage könnte das Werk haben? Welche Deutung ist durch das Werk belegt, und wo bleiben Fragen offen?
Beobachtung ist nicht Deutung
Ein wichtiger Unterschied lautet:
| Beobachtung | Deutung |
|---|---|
| „Die Figur trägt eine hohe blaue Krone.“ | „Die Krone betont den königlichen Rang.“ |
| „Der Maler zeigt sich selbst im Bild.“ | „Der Maler möchte seinen gesellschaftlichen Rang hervorheben.“ |
| „Dampf verdeckt Teile des Bahnhofs.“ | „Die moderne Technik wird als bewegte, neue Großstadterfahrung dargestellt.“ |
Eine gute Bildanalyse beginnt deshalb mit genauen Beobachtungen und entwickelt erst danach eine Deutung.
Fallstudie 1: Nofretete – Kunst, Herrschaft und Religion im Alten Ägypten
Die berühmte Büste der Nofretete entstand ungefähr um 1345 v. Chr. in der sogenannten Amarna-Zeit. Sie wird mit der Werkstatt des Bildhauers Thutmosis in Verbindung gebracht. Die Büste besteht aus einem Kalksteinkern mit modellierter und bemalter Oberfläche. Heute befindet sie sich im Neuen Museum in Berlin.

Was Du sehen kannst
Das Gesicht ist ruhig und sorgfältig gestaltet. Auffällig sind der lange Hals, die große blaue Krone, die klare Symmetrie und die farbig gefassten Gesichtszüge. Ein Auge ist nicht vollständig ausgeführt. Gerade dieser unfertige Bereich erinnert daran, dass das Stück in einer Werkstatt gefunden wurde und seine ursprüngliche Funktion nicht in allen Einzelheiten sicher geklärt ist.
G: Beschreibe fünf sichtbare Merkmale, ohne das Wort „schön“ zu verwenden.
M: Untersuche, wie Krone, Haltung, Symmetrie und Farbe Nofretetes besondere Stellung sichtbar machen.
E: Erörtere, warum ein königliches Bildnis nicht einfach als realistisches „Foto der Person“ verstanden werden darf.
Historischer und gesellschaftlicher Kontext
Nofretete war die Große Königliche Gemahlin des Pharaos Echnaton. In dessen Regierungszeit wurde die Residenz nach Achet-Aton verlegt. Echnaton stellte den Sonnengott Aton besonders stark in den Mittelpunkt des Kultes. Kunst, Religion und königliche Herrschaft waren eng verbunden.
Altägyptische Kunst hatte häufig religiöse, politische oder funeräre Funktionen. Künstlerinnen und Künstler arbeiteten meist nicht nach der modernen Vorstellung eines völlig freien, nur sich selbst verpflichteten „Genies“, sondern in Werkstätten und im Auftrag von Hof, Staat oder Tempeln. Die Büste zeigt deshalb nicht nur eine einzelne Person, sondern verweist auf königlichen Rang, religiöse Ordnung und die Bedeutung spezialisierter Werkstätten.

Die Karte zeigt, wie stark das Leben im Alten Ägypten am Nil konzentriert war. Fluss, Landwirtschaft, Städte, Tempel und Herrschaftsräume bildeten einen gemeinsamen Lebensraum. Auch Kunstwerke entstanden innerhalb dieser gesellschaftlichen Ordnung.
Kunst als Herrschaftszeichen
Bei einem königlichen Bildnis solltest Du fragen: Wer durfte so dargestellt werden? Wer konnte die Herstellung eines aufwendigen Kunstwerks bezahlen? Wo wurde es gezeigt? Welche Botschaft sollte es vermitteln?
Nofretetes Krone und die sorgfältige Gestaltung lassen ihren hohen Rang erkennen. Gleichzeitig bleibt Vorsicht wichtig: Wir kennen die ursprüngliche Nutzung der Büste nicht vollständig. Gute Kunstgeschichte benennt deshalb auch Unsicherheiten.
Fallstudie 2: Der Teppich von Bayeux – Bilder erzählen Geschichte
Der sogenannte Teppich von Bayeux entstand im 11. Jahrhundert, wahrscheinlich in den 1070er-Jahren. Trotz seines Namens ist er kein gewebter Teppich, sondern eine ungefähr 70 Meter lange Stickerei aus farbiger Wolle auf Leinen. Er erzählt von den Ereignissen, die zur normannischen Eroberung Englands und zur Schlacht bei Hastings im Jahr 1066 führten.

Eine mittelalterliche Bildergeschichte
Auf der Stickerei siehst Du Schiffe, Pferde, Waffen, Festmahle, Gebäude, Herrscher, Boten und Kämpfer. Kurze lateinische Inschriften ergänzen die Bilder. Das Werk ist deshalb zugleich Kunstwerk und historische Quelle.
In der gezeigten Szene beobachten Menschen einen auffälligen Himmelskörper: den später sogenannten Halleyschen Kometen. Der Komet wurde im Jahr 1066 tatsächlich beobachtet. Im mittelalterlichen Denken konnten außergewöhnliche Himmelserscheinungen als Zeichen oder Warnungen verstanden werden.
G: Suche Kleidung, Waffen, Gebäude und Gesten. Welche drei Dinge wirken für Dich deutlich „mittelalterlich“?
M: Erkläre, wie Bild und Schrift zusammen eine Geschichte erzählen.
E: Prüfe, weshalb die Stickerei trotz vieler historisch wertvoller Details keine neutrale Kameraaufnahme des Jahres 1066 ist.
Eroberung, Macht und Perspektive
Die Stickerei erzählt die Ereignisse rund um Wilhelm der Eroberer und den englischen König Harald II.. Sie wurde wahrscheinlich im Umfeld der Siegerseite geschaffen. Wer genau den Auftrag gab und wo genau sie hergestellt wurde, ist nicht zweifelsfrei geklärt.
Damit wird ein entscheidender Punkt sichtbar: Historische Bilder haben Perspektiven. Auswahl, Reihenfolge und Darstellung beeinflussen, wie wir Ereignisse wahrnehmen. Auch ein kunstvoll erzähltes Bild kann Interessen verfolgen.

Die Karte hilft Dir, Bild und Raum zu verbinden. Sie zeigt wichtige Orte der normannischen Eroberung. Kunstwerk und Karte beantworten unterschiedliche Fragen: Die Karte zeigt vor allem Orte und Bewegungen, die Stickerei zeigt Personen, Handlungen, Kleidung, Waffen und erzählte Ereignisse.
Kleidung als Zeitspur
Auf dem Teppich von Bayeux erkennst Du Tuniken, Mäntel, Helme, Schilde und Kettenpanzer. Solche Details helfen bei der historischen Einordnung. Gleichzeitig solltest Du bedenken, dass eine Darstellung vereinfachen oder bestimmte Figuren besonders hervorheben kann.
Merksatz: Kleidung ist ein Hinweis auf eine Zeit – aber kein Datumsschild.
Fallstudie 3: Albrecht Dürer – Das neue Selbstbewusstsein des Künstlers
Albrecht Dürer malte im Jahr 1500 ein berühmtes Selbstbildnis. Es zeigt ihn frontal, mit langem Haar, ernstem Blick und einem kostbaren, pelzbesetzten Gewand. Das Werk befindet sich heute in der Alten Pinakothek in München.

Was ist an diesem Selbstbildnis besonders?
Dürer blickt uns direkt an. Das Gesicht ist nahezu symmetrisch angeordnet. Seine Hand ist sichtbar, ebenso sein Monogramm und eine Inschrift. Die frontale Haltung erinnert an Bildtraditionen, die Betrachterinnen und Betrachter aus religiösen Darstellungen kannten.
G: Beschreibe Blick, Kleidung, Handhaltung und Bildaufbau.
M: Erkläre, wie Dürer sich als bedeutende Persönlichkeit präsentiert.
E: Diskutiere die These: „Dürers Selbstbildnis zeigt eine neue gesellschaftliche Rolle des Künstlers.“ Nutze mindestens drei Bilddetails und historisches Wissen.
Nürnberg um 1500
Dürer lebte in Nürnberg, einer bedeutenden Handels- und Handwerksstadt des Heiligen Römischen Reiches. Buchdruck, Fernhandel, Handwerk und humanistische Bildung prägten das städtische Leben. Künstler konnten über Druckgrafik ihre Werke in größerer Zahl verbreiten.

Diese Stadtansicht aus der Schedelschen Weltchronik von 1493 zeigt Nürnberg wenige Jahre vor Dürers Selbstbildnis. Vergleiche das dichte Stadtbild mit Deiner Vorstellung von einer mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Stadt.
Renaissance und Menschenbild
Die Renaissance griff Ideen und Formen der Antike neu auf. Beobachtung der Natur, Proportion, Perspektive und das Interesse am einzelnen Menschen gewannen in vielen Kunstzentren an Bedeutung. In nördlichen Regionen Europas entwickelten Künstler wie Dürer eigene Formen der Renaissancekunst.
Das bedeutet nicht, dass Religion plötzlich unwichtig geworden wäre. Vielmehr veränderten sich Schwerpunkte, Techniken und Vorstellungen vom Künstlerberuf. Dürer beschäftigte sich intensiv mit Proportion, Perspektive, Druckgrafik und Kunsttheorie.
Kleidung und sozialer Rang
Das pelzbesetzte Gewand im Selbstbildnis wirkt kostbar. Kleidung konnte in der Frühen Neuzeit Hinweise auf Beruf, Wohlstand und gesellschaftlichen Rang geben. Auch heute nutzen Menschen Kleidung, Frisur und Accessoires, um Zugehörigkeit oder Individualität sichtbar zu machen.
Vergleichsfrage: Welche heutigen Formen des Selbstporträts kennst Du? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen Dürers Bild und einem sorgfältig inszenierten Profilbild oder Selfie?
Fallstudie 4: Las Meninas – Hofgesellschaft, Macht und die Rolle des Malers
Diego Velázquez malte 1656 das großformatige Gemälde Las Meninas. Im Zentrum steht die junge Infantin Margareta Teresa, umgeben von Personen des spanischen Hofes. Links hat sich Velázquez selbst bei der Arbeit dargestellt. Im Hintergrund ist ein Spiegel zu sehen.

Wer schaut wen an?
Das Bild wirkt wie ein eingefrorener Augenblick. Einige Figuren blicken aus dem Bild heraus. Velázquez steht an einer großen Leinwand. Im Spiegel im Hintergrund erscheinen König Philipp IV. und Königin Maria Anna von Österreich.
Bis heute wird darüber diskutiert, wie genau die Blickrichtungen, der Spiegel und die große Leinwand zusammenhängen. Gerade deshalb eignet sich das Werk besonders gut für eine Bildanalyse: Nicht jede Frage besitzt nur eine einfache Antwort.
G: Zähle die Personengruppen auf und beschreibe ihre Positionen im Raum.
M: Untersuche, wie Licht, Blickrichtung und Größenunterschiede die Infantin hervorheben.
E: Entwickle zwei verschiedene Deutungen dazu, was Velázquez links auf der Leinwand malen könnte. Begründe beide Deutungen.
Gesellschaft am spanischen Hof
Der spanische Königshof war streng nach Rang, Aufgabe und Nähe zur Herrscherfamilie gegliedert. Kleidung, Verhalten, Titel und Zugang zu bestimmten Räumen machten gesellschaftliche Unterschiede sichtbar. In Las Meninas erscheinen deshalb nicht einfach zufällig Menschen in einem Zimmer. Das Bild zeigt eine Hofgesellschaft mit klaren Rollen.
Zugleich stellt Velázquez sich selbst auffällig in das Werk. Damit wird auch die Frage nach dem Rang des Künstlers wichtig: Ist er nur Handwerker im Dienst des Hofes oder ein geistig arbeitender Schöpfer, der neben den Mächtigen sichtbar sein darf?
Architektur und Herrschaft
Das Bild spielt im damaligen Alcázar von Madrid, der später durch einen Brand zerstört wurde. Um die Verbindung von Architektur und Herrschaft zu verstehen, kannst Du vergleichend einen anderen bedeutenden Bau der spanischen Monarchie betrachten: El Escorial.

El Escorial ist nicht der Raum, in dem Las Meninas entstand. Als königlicher Kloster- und Palastkomplex zeigt er jedoch, welche Rolle monumentale Architektur bei der Darstellung von Religion, Herrschaft und dynastischer Macht im Spanien der Frühen Neuzeit spielen konnte.
Glanz und Wirklichkeit
Ein Hofgemälde zeigt eine privilegierte Welt. Gleichzeitig war das Spanien des 17. Jahrhunderts von Kriegen, hohen Staatsausgaben, wirtschaftlichen Belastungen und starken sozialen Unterschieden geprägt. Ein einzelnes Gemälde kann diese gesamte Gesellschaft nicht abbilden. Gerade das macht die Kontextfrage wichtig: Was sehen wir – und was sehen wir nicht?
Fallstudie 5: Claude Monet – Bahnhof, Dampf und moderne Großstadt
Im Jahr 1877 malte Claude Monet mehrere Ansichten des Pariser Gare Saint-Lazare. Züge, Dampf, Licht, Glasdächer, Schienen und Menschen werden zu einem modernen Bildthema.

Warum ist ein Bahnhof Kunst?
Für frühere Generationen wären religiöse Themen, Herrscherporträts oder historische Ereignisse typische bedeutende Bildthemen gewesen. Monet richtet den Blick dagegen auf einen alltäglichen Ort der modernen Stadt. Die Eisenbahn steht für Geschwindigkeit, Verkehr, Technik und die Veränderung von Raum und Zeit.
Der Rauch der Lokomotiven verdeckt Formen. Licht löst feste Konturen auf. Kurze, sichtbare Pinselstriche vermitteln Bewegung und Atmosphäre. Genau diese Wirkung ist wichtig für den Impressionismus.
G: Finde fünf Hinweise auf moderne Technik.
M: Erkläre, wie Monet mit Farbe, Dampf und Pinselstrich Bewegung darstellt.
E: Beurteile, ob das Bild die Industrialisierung eher bewundert, neutral beobachtet oder kritisch zeigt. Begründe Deine Antwort und lasse auch eine Gegenposition zu.
Die Eisenbahn verändert Europa
Im 19. Jahrhundert wuchs das Eisenbahnnetz stark. Menschen und Waren konnten schneller transportiert werden. Städte veränderten sich, Bahnhöfe wurden zu großen Verkehrsbauten, neue Arbeitsplätze entstanden und Entfernungen wurden anders erlebt.

Diese Karte von 1874 zeigt Eisenbahn- und Dampfschiffrouten in Europa und stammt damit aus fast derselben Zeit wie Monets Bahnhofsserie. Sie macht sichtbar, dass der Bahnhof nicht nur ein einzelnes Gebäude, sondern Teil eines weit verzweigten Verkehrsnetzes war.
Historische Fotografie als Vergleich

Die historische Fotografie zeigt den Gare Saint-Lazare in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Vergleiche sie mit Monets Gemälde. Die Fotografie hilft Dir, Architektur, Verkehr und Stadtraum genauer zu untersuchen. Trotzdem ist auch eine Fotografie kein vollkommen neutrales Fenster zur Vergangenheit: Bildausschnitt, Aufnahmezeitpunkt und Technik beeinflussen, was sichtbar wird.
Vergleichsauftrag: Welche Informationen liefert die Fotografie besser? Welche Wirkung erzeugt dagegen Monets Malerei stärker?
Kleidung und Großstadtleben
Auch Mode ist eine Zeitspur. Ein Pariser Modebild aus dem Jahr 1873 zeigt Kleidung, die nur wenige Jahre vor Monets Bahnhofsbild veröffentlicht wurde.

Solche Modebilder zeigen jedoch vor allem Kleidung, die sich bestimmte gesellschaftliche Gruppen leisten oder als Vorbild betrachten konnten. Sie erzählen deshalb nicht automatisch, wie alle Menschen in Paris gekleidet waren.
E-Frage: Welche Gruppen bleiben in einem Modebild und auch in vielen impressionistischen Stadtbildern möglicherweise unterrepräsentiert?
Fünf Werke – fünf Gesellschaften
| Kunstwerk | Zeit | Medium | Zentrale Kontextfrage |
|---|---|---|---|
| Büste der Nofretete | um 1345 v. Chr. | Skulptur | Wie verbinden sich Herrschaft, Religion und königliches Bild? |
| Teppich von Bayeux | 11. Jahrhundert | Stickerei | Wie erzählen Sieger und Herrschende Geschichte? |
| Dürers Selbstbildnis | 1500 | Malerei | Wie verändert sich das Selbstverständnis des Künstlers? |
| Las Meninas | 1656 | Malerei | Wie werden Hofordnung, Macht und Künstlerrolle sichtbar? |
| Gare Saint-Lazare | 1877 | Malerei | Wie wird moderne Technik zum Kunstthema? |
Große Entwicklungslinien
Wenn Du die fünf Beispiele vergleichst, erkennst Du keine einfache Entwicklung von „alt“ zu „besser“. Kunst verändert sich, weil sich Gesellschaften, Auftraggeber, Techniken, Religionen, politische Ordnungen und Vorstellungen vom Menschen verändern.
Bei Nofretete steht die königliche Repräsentation in einem religiös-politischen System im Vordergrund. Beim Teppich von Bayeux wird ein Machtwechsel in einer langen Bilderzählung dargestellt. Dürer rückt die eigene Person des Künstlers auffällig ins Zentrum. Velázquez macht die Hofgesellschaft und zugleich den Maler selbst zum Thema. Monet entdeckt schließlich den modernen Bahnhof als würdiges Motiv der Kunst.
Was bleibt gleich?
Trotz aller Unterschiede gibt es wiederkehrende Fragen: Wer besitzt Macht? Wer darf dargestellt werden? Wer bezahlt Kunst? Wer sieht sie? Welche Techniken stehen zur Verfügung? Welche Personen bleiben unsichtbar? Welche Botschaft soll entstehen?
Genau diese Fragen verbinden Kunstgeschichte und Sozialgeschichte.
Medienwerkstatt: Kunst und Zeit vergleichen
Bild – Karte – Fotografie – Kleidung – Architektur
In diesem aiMOOC hast Du unterschiedliche Medientypen kennengelernt. Jeder Typ beantwortet andere Fragen.
| Medium | Besonders geeignet für | Kritische Frage |
|---|---|---|
| Kunstwerk | Bildsprache, Wertvorstellungen, Inszenierung | Wer hat entschieden, was gezeigt wird? |
| Karte | Räume, Wege, Grenzen, Entfernungen | Welche Informationen wurden ausgewählt? |
| historische Fotografie | sichtbare Details eines konkreten Moments | Was liegt außerhalb des Bildausschnitts? |
| Kleidung und Modebild | Rang, Geschmack, Körperbild, Konsum | Welche gesellschaftlichen Gruppen werden gezeigt? |
| Architektur | Macht, Funktion, Repräsentation, Technik | Wer durfte den Raum nutzen? |
| Video | Bewegung, Erklärung, Rekonstruktion | Wer erklärt, und welche Perspektive wird gewählt? |
Quellenampel
Nutze bei jeder Deutung drei Prüfzeichen:
Grün – sicher beobachtet: Das Detail ist im Werk direkt sichtbar.
Gelb – durch Wissen gestützt: Die Aussage stammt aus gesichertem historischem Kontextwissen.
Rot – Vermutung oder Deutung: Die Aussage ist möglich, muss aber begründet und als Interpretation gekennzeichnet werden.
Diese Methode hilft Dir, nicht aus einer Vermutung versehentlich eine „Tatsache“ zu machen.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welche Aussage beschreibt die Büste der Nofretete am treffendsten? (Sie entstand in der Amarna-Zeit und zeigt eine hochrangige königliche Person) (!Sie entstand im Paris des 19. Jahrhunderts) (!Sie ist eine mittelalterliche Stickerei) (!Sie wurde von Claude Monet gemalt)
Was ist der Teppich von Bayeux technisch gesehen? (Eine Stickerei auf Leinen) (!Ein Ölgemälde auf Holz) (!Eine Marmorskulptur) (!Eine Fotografie)
Welches Ereignis steht im Mittelpunkt des Teppichs von Bayeux? (Die normannische Eroberung Englands) (!Die Französische Revolution) (!Der Bau der Pyramiden) (!Die Industrialisierung von Paris)
In welchem Jahr malte Albrecht Dürer sein berühmtes frontales Selbstbildnis? (1500) (!1066) (!1656) (!1877)
Welche Stadt ist besonders eng mit Albrecht Dürer verbunden? (Nürnberg) (!Bayeux) (!Amarna) (!Madrid)
Wer steht im Zentrum von Las Meninas? (Die Infantin Margareta Teresa) (!Nofretete) (!Claude Monet) (!Wilhelm der Eroberer)
Was zeigt der Spiegel im Hintergrund von Las Meninas? (Das spanische Königspaar) (!Eine Dampflokomotive) (!Den Halleyschen Kometen) (!Die Stadt Nürnberg)
Welches moderne Motiv malte Claude Monet 1877 mehrfach? (Den Gare Saint-Lazare) (!Den Teppich von Bayeux) (!El Escorial als Baustelle) (!Die Werkstatt des Thutmosis)
Welche Aussage gehört zuerst zu einer sachlichen Bildbeschreibung? (Die Figur trägt eine hohe blaue Krone) (!Die Figur ist sicher eitel) (!Der Künstler wollte bestimmt provozieren) (!Das Bild beweist die Meinung aller Menschen seiner Zeit)
Warum sollte ein Kunstwerk nicht als vollständiges Abbild einer Gesellschaft verstanden werden? (Weil Auswahl Auftrag Perspektive und Funktion beeinflussen was gezeigt wird) (!Weil Kunstwerke niemals Menschen darstellen) (!Weil alte Kunst grundsätzlich erfunden ist) (!Weil historische Bilder keine Materialien besitzen)
Memory
| Nofretete | Amarna-Zeit |
| Teppich von Bayeux | normannische Eroberung |
| Albrecht Dürer | Selbstbildnis |
| Diego Velázquez | Hofgesellschaft |
| Claude Monet | Impressionismus |
| Gare Saint-Lazare | Eisenbahn |
| El Escorial | Herrschaftsarchitektur |
| Quellenkritik | Perspektive prüfen |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| königliche Repräsentation | Büste der Nofretete |
| Bilderzählung einer Eroberung | Teppich von Bayeux |
| neues Künstlerbewusstsein | Dürers Selbstbildnis |
| Hof und Rangordnung | Las Meninas |
| Technik und Großstadt | Gare Saint-Lazare |
Kreuzworträtsel
| Nofretete | Welche ägyptische Königin ist durch eine berühmte Büste bekannt? |
| Bayeux | In welcher französischen Stadt wird die berühmte mittelalterliche Stickerei traditionell aufbewahrt? |
| Duerer | Welcher Nürnberger Künstler malte 1500 ein berühmtes Selbstbildnis? |
| Meninas | Welches Wort vervollständigt den Titel Las ...? |
| Bahnhof | Welcher moderne Ort steht im Mittelpunkt von Monets Gare Saint-Lazare? |
| Kontext | Welcher Begriff bezeichnet die historischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge eines Kunstwerks? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht – G
- Zeitdetektiv: Wähle eines der fünf Hauptwerke. Sammle zehn sichtbare Hinweise, die etwas über Kleidung, Technik, Rang, Material oder Umgebung verraten.
- Bildbeschreibung: Beschreibe Nofretete, Dürers Selbstbildnis oder Las Meninas so genau, dass eine andere Person das Werk grob nachzeichnen könnte, ohne es zu sehen.
- Medienvergleich: Vergleiche Monets Gare Saint-Lazare mit der historischen Bahnhofsfotografie. Notiere fünf Gemeinsamkeiten und fünf Unterschiede.
- Kleidung als Quelle: Gestalte eine kleine Vergleichsseite mit Kleidung aus dem Teppich von Bayeux, Dürers Selbstbildnis und dem Pariser Modebild. Schreibe zu jedem Beispiel eine mögliche Zeitspur.
Standard – M
- Kontextplakat: Erstelle zu einem Kunstwerk ein Plakat mit den Bereichen Werk, Zeit, Ort, Gesellschaft, Auftrag, Technik und offene Fragen. Begründe jede Verbindung.
- Audioguide: Produziere einen zweiminütigen Audioguide zu einem Werk. Beginne mit Beobachtungen und erkläre anschließend den historischen Kontext.
- Karte und Kunst: Nutze die Karte der normannischen Eroberung oder die Eisenbahnkarte. Erkläre in einem kurzen Video, welche Informationen die Karte liefert, die im Kunstwerk fehlen.
- Rollenkarten: Entwickle Rollen für eine Person im Umfeld eines Kunstwerks, zum Beispiel Hofdame, Werkstattgehilfe, Drucker, Eisenbahnerin oder Reisender. Schreibe einen historisch plausiblen Tagebucheintrag und kennzeichne erfundene Elemente.
Schwer – E
- Perspektivwechsel: Erzähle eine Szene des Teppichs von Bayeux aus Sicht einer Person, die nicht zur Siegerseite gehört. Begründe anschließend, welche neuen Fragen dadurch entstehen.
- Unsichtbare Gesellschaft: Untersuche bei Las Meninas oder Monets Bahnhof, welche Menschen im Bild kaum oder gar nicht vorkommen. Recherchiere mögliche soziale Gruppen und gestalte eine ergänzende Bildidee.
- Kuratorisches Konzept: Plane eine Mini-Ausstellung mit dem Titel „Kunstwerk und Entstehungszeit“. Wähle drei Werke und mindestens drei Kontextmedien wie Karte, Foto, Mode oder Architektur. Begründe die Reihenfolge.
- Kunst und Gegenwart: Erstelle ein heutiges Selbstbildnis oder Stadtbild, das möglichst viele Spuren unserer Zeit enthält. Schreibe danach einen fiktiven Museumstext aus dem Jahr 2200: Was könnten zukünftige Menschen daraus über unsere Gesellschaft ableiten, und wo könnten sie sich irren?


Lernkontrolle
- Transfer Bildanalyse: Du erhältst ein Dir unbekanntes historisches Kunstwerk. Entwickle eine begründete Vermutung zur Entstehungszeit. Nutze mindestens vier sichtbare Indizien und kennzeichne, welche Aussagen Beobachtung und welche Deutung sind.
- Quellenvergleich: Erkläre anhand von Monets Gemälde und der historischen Fotografie, warum zwei Medien denselben Ort unterschiedlich zeigen können. Nenne Vor- und Nachteile beider Quellen.
- Macht und Darstellung: Vergleiche Nofretete und Las Meninas. Zeige, wie Rang und Herrschaft in beiden Werken sichtbar werden, obwohl zwischen ihnen viele Jahrhunderte liegen.
- Künstlerrolle: Vergleiche Dürers Selbstbildnis mit Velázquez in Las Meninas. Entwickle eine These dazu, wie beide Künstler ihren eigenen gesellschaftlichen Status darstellen.
- Technik verändert Kunst: Erkläre, wie eine technische oder mediale Entwicklung die Kunst beeinflussen kann. Nutze wahlweise Buchdruck, Eisenbahn, Fotografie oder heutige digitale Medien.
- Quellenkritik: Ein Mitschüler sagt: „Wenn etwas auf einem alten Bild zu sehen ist, war es damals genau so.“ Widerlege die Aussage differenziert mit mindestens zwei Beispielen aus dem aiMOOC.
- Kuratorische Entscheidung: Du darfst nur ein Werk und zwei Kontextmedien für eine Ausstellung zur Frage „Wie lebten Menschen früher?“ auswählen. Begründe Deine Auswahl und benenne auch, welche Aspekte dadurch fehlen würden.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu BK6 - Kunstwerk und Entstehungszeit ist wichtig, dass Du nicht nur Jahreszahlen kennst, sondern Kunstwerke als historische und gesellschaftliche Quellen untersuchen kannst.
Du solltest zeigen können:
- genau zu beschreiben, bevor Du deutest.
- Zeitspuren in Kleidung, Architektur, Technik, Material und Bildsprache zu erkennen.
- historische und gesellschaftliche Zusammenhänge verständlich zu erklären.
- Aussagen am Werk zu belegen und sichtbare Details als Begründung zu nutzen.
- zwischen Beobachtung, Wissen und Vermutung zu unterscheiden.
- mindestens zwei Werke sinnvoll zu vergleichen.
- Perspektiven und Auslassungen eines Kunstwerks zu erkennen.
- eine unbekannte Darstellung mit der erlernten Vier-Schritt-Methode zu untersuchen.
Auf G-Niveau reicht eine sichere Beschreibung mit sinnvoller zeitlicher Einordnung und einfachen Zusammenhängen.
Auf M-Niveau werden begründete Zusammenhänge zwischen Werkmerkmalen und historischem Kontext erwartet.
Auf E-Niveau werden zusätzlich eigenständige Deutungen, Vergleiche, Quellenkritik und das Abwägen mehrerer Erklärungen erwartet.
OERs zum Thema
Verknüpfte Lernbereiche
Zusammenfassung
Kunstwerke sind sichtbare Spuren menschlicher Geschichte. Sie können von Religion und Herrschaft erzählen, wie die Büste der Nofretete; politische Ereignisse in Bilder fassen, wie der Teppich von Bayeux; ein neues Selbstverständnis des Künstlers zeigen, wie Dürers Selbstbildnis; gesellschaftliche Rangordnungen und die Stellung des Malers thematisieren, wie Las Meninas; oder neue Technik und Großstadterfahrung zum Motiv machen, wie Monets Gare Saint-Lazare.
Entscheidend ist, dass Du ein Kunstwerk weder nur als „schönes Bild“ noch als vollständig objektive historische Quelle behandelst. Gute Kunstbetrachtung verbindet genaues Sehen, historisches Wissen, begründete Interpretation und kritisches Nachfragen.
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