D9 G - Prüfungstraining B3 Prosa

D9 G - Prüfungstraining B3 Prosa
D9 G - Prüfungstraining B3 Prosa
Einleitung
Dieser aiMOOC bereitet Dich gezielt auf das Arbeiten mit Prosatexten in einer schriftlichen Deutschprüfung auf Klasse-9-Niveau im G-Niveau vor. Im Mittelpunkt stehen drei Bereiche, die in einer prüfungsnahen Aufgabe zu Prosa häufig miteinander verbunden werden: Textverständnis, literarisches Verstehen und Sprachgebrauch.
Alle Prosatexte in diesem aiMOOC wurden neu für dieses Prüfungstraining geschrieben. Es werden keine Ausschnitte aus veröffentlichten Kurzgeschichten, Romanen oder anderen literarischen Werken übernommen.
Du trainierst hier, einen unbekannten erzählenden Text genau zu lesen, Informationen zu entnehmen, Figuren und Konflikte zu verstehen, sprachliche Mittel zu erkennen und sprachliche Aufgaben sicher zu lösen. Die Aufgaben sind bewusst so gestaltet, dass sie eine prüfungsnahe Situation simulieren, ohne eine bestimmte Originalprüfung zu kopieren.

Was bedeutet Prosa?
Prosa ist ungebundene Sprache. Anders als bei einem Gedicht sind die Zeilen normalerweise nicht durch Verse und Reime geordnet. Zu Prosatexten gehören zum Beispiel Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane, Novellen, Fabeln und Parabeln.
In einer Prüfungsaufgabe musst Du bei einem Prosatext meistens nicht nur zeigen, was im Text geschieht. Du sollst auch erklären, warum Figuren handeln, wie ein Konflikt entwickelt wird und wie die Sprache die Wirkung des Textes unterstützt.
Die drei Prüfungsbereiche
- Textverständnis: Du findest Informationen, ordnest Ereignisse, erkennst Ursachen und Folgen und belegst Aussagen mit Textstellen.
- Literarisches Verstehen: Du untersuchst Figuren, Beziehungen, Konflikte, Erzählsituation, Stimmung, Wendepunkte und sprachliche Gestaltung.
- Sprachgebrauch: Du arbeitest mit Wortbedeutungen, Satzbau, Zeitformen, direkter und indirekter Rede, Verknüpfungswörtern und sprachlich passenden Formulierungen.
So gehst Du beim Lesen vor
Lies einen Prüfungsprosatext nicht nur einmal. Beim ersten Lesen verschaffst Du Dir einen Überblick. Beim zweiten Lesen suchst Du gezielt nach wichtigen Stellen.
- Erster Leseeindruck: Kläre, wer vorkommt, wo die Handlung spielt und welches Problem entsteht.
- Schlüsselstellen: Markiere Stellen, an denen sich Gefühle, Beziehungen oder Entscheidungen verändern.
- Textbelege: Unterstreiche kurze Formulierungen, die Deine Antwort später stützen können.
- Signalwörter: Achte auf Wörter wie „plötzlich“, „aber“, „deshalb“, „trotzdem“, „während“ oder „schließlich“.
- Schluss: Prüfe, ob das Ende eine Lösung, eine offene Frage oder einen Wendepunkt enthält.

Sprachliche Mittel sicher erkennen
Sprachliche Mittel sind nur dann wichtig, wenn Du ihre Wirkung im Text erklären kannst. Es reicht nicht, einen Fachbegriff zu nennen.
Ein Vergleich verbindet zwei Bereiche miteinander, häufig mit „wie“ oder „als“. Eine Metapher überträgt eine Bedeutung bildlich. Eine Personifikation lässt Dinge oder Naturerscheinungen wie Menschen handeln. Eine Wiederholung kann einen Gedanken betonen. Kurze Hauptsätze können Tempo, Unsicherheit oder Spannung erzeugen.
Direkte und indirekte Rede
Wenn eine Figur wörtlich spricht, steht ihre Aussage in der direkten Rede. Wenn Du wiedergibst, was eine Figur gesagt hat, verwendest Du häufig die indirekte Rede.
Beispiel:
Direkte Rede: Jana sagt: „Ich komme später.“
Indirekte Rede: Jana sagt, sie komme später.
In der indirekten Rede wird häufig der Konjunktiv I verwendet. Auf G-Niveau ist besonders wichtig, dass Du erkennst, wer etwas gesagt hat und dass der Inhalt der Aussage beim Umformen erhalten bleibt.
Prüfungstraining 1: Fünf Minuten später
Prosatext 1: Fünf Minuten später
Der folgende Prosatext wurde neu für diesen aiMOOC geschrieben.
Als Nele an diesem Dienstag aus dem Schulgebäude kam, zeigte ihr Handy 13:21 Uhr. Der Bus fuhr um 13:27 Uhr. Normalerweise brauchte sie vier Minuten bis zur Haltestelle, wenn sie schnell ging. Heute durfte nichts schiefgehen. Um zwei Uhr wollte sie sich mit ihrem Mitschüler Ben in der Stadtbibliothek treffen. Gemeinsam sollten sie eine Präsentation vorbereiten, die am nächsten Morgen fertig sein musste.
Nele schob das Handy in die Jackentasche und lief über den Schulhof. Vor dem kleinen Fahrkartenautomaten an der Haltestelle stand ein älterer Mann. Er hielt seine Bankkarte in der Hand und tippte immer wieder auf den Bildschirm. Hinter ihm wartete niemand.
„Entschuldigung“, sagte er, als Nele näher kam. „Weißt du, wie ich eine Tageskarte bekomme?“
Nele schaute zur Straße. Noch kein Bus. Sie trat an den Automaten und zeigte auf das Feld „Tickets“. Der Mann nickte, drückte aber auf die falsche Taste. Der Bildschirm sprang zurück zum Anfang.
„Das ist heute nicht mein Tag“, murmelte er.
Nele spürte, wie ihre Finger unruhig wurden. 13:24 Uhr. Sie konnte einfach weitergehen und in den Bus steigen, sobald er kam. Der Mann würde schon jemanden finden. Gleichzeitig erinnerte sie sich an ihre Großmutter, die neue Automaten ebenfalls hasste.
„Noch einmal“, sagte Nele.
Diesmal erklärte sie jeden Schritt langsam. Zonen auswählen. Ticketart auswählen. Mit Karte bezahlen. Als endlich „Zahlung erfolgreich“ auf dem Bildschirm erschien, lächelte der Mann erleichtert.
In diesem Moment bog der Bus um die Ecke.
„Danke“, sagte der Mann.
Nele griff nach ihrem Rucksack und lief zur vorderen Tür. Doch bevor sie dort ankam, schlossen sich die Türen. Der Bus setzte sich in Bewegung.
„Nein!“, rief Nele und blieb stehen.
Der ältere Mann sah sie erschrocken an. „Wegen mir?“
Nele antwortete zunächst nicht. Sie war wütend. Auf den Busfahrer. Auf den Automaten. Vielleicht sogar auf den Mann. Vor allem aber auf sich selbst.
Dann vibrierte ihr Handy. Eine Nachricht von Ben.
Bin schon in der Bibliothek. Hab gerade gesehen, dass unser Terminraum erst ab 14:30 frei ist. Kein Stress.
Nele las die Nachricht zweimal.
„Der nächste Bus kommt in zehn Minuten“, sagte der Mann und zeigte auf den Fahrplan. „Ich war früher Busfahrer. Fahrpläne lese ich noch ganz gut.“
Nele musste lachen.
„Dann habe ich ja heute wenigstens einem Experten geholfen“, sagte sie.
Der Mann hob seine Fahrkarte wie eine kleine Trophäe. „Und der Experte hat etwas Neues gelernt.“
Als der nächste Bus kam, stieg Nele nicht mehr mit dem Gefühl ein, Zeit verloren zu haben. Sie hatte nur fünf Minuten verloren. Vielleicht nicht einmal das.
Aufgaben zu Textverständnis
- Handlungsablauf: Erkläre in drei bis fünf Sätzen, warum Nele den ersten Bus verpasst.
- Zeitangaben: Nenne zwei Zeitangaben aus dem Text und erkläre, warum sie für die Spannung wichtig sind.
- Ursache und Folge: Beschreibe, welche unmittelbare Folge Neles Hilfe für sie hat.
- Textbeleg: Finde eine Stelle, die zeigt, dass Nele ungeduldig wird.
- Schlussverständnis: Erkläre, warum Nele am Ende nicht mehr das Gefühl hat, nur Zeit verloren zu haben.
Aufgaben zum literarischen Verstehen
- Innerer Konflikt: Beschreibe den Konflikt, den Nele an der Haltestelle erlebt.
- Figurencharakterisierung: Welche zwei Eigenschaften zeigt Nele in der Situation? Begründe beide mit dem Text.
- Wendepunkt: Welche Nachricht verändert Neles Blick auf die Situation?
- Erzählperspektive: Erkläre, warum die Leserinnen und Leser Neles Gedanken und Gefühle besonders gut nachvollziehen können.
- Titeldeutung: Deute den Titel „Fünf Minuten später“. Welche Bedeutung bekommt Zeit im Verlauf der Geschichte?
Aufgaben zum Sprachgebrauch
- Wortbedeutung: Ersetze das Wort „murmelte“ im Satz „Das ist heute nicht mein Tag, murmelte er“ durch ein passendes anderes Verb.
- Satzverknüpfung: Verbinde sinnvoll: „Nele half dem Mann. Sie hatte wenig Zeit.“ Verwende „obwohl“.
- Pronomen: Erkläre, auf wen sich „er“ im Satz „Er hielt seine Bankkarte in der Hand“ bezieht.
- Direkte Rede: Forme „Der Mann sagte, der nächste Bus komme in zehn Minuten“ in direkte Rede um.
- Zeitform: Setze den Satz „Nele läuft zur Tür“ ins Präteritum.
- Ausdruck: Erkläre mit eigenen Worten, was die Formulierung „wie eine kleine Trophäe“ über die Fahrkarte aussagt.
Lösungshinweise zu Prüfungstraining 1
Nele verpasst den ersten Bus, weil sie einem älteren Mann bei der Bedienung des Fahrkartenautomaten hilft. Die Zeitangaben steigern die Spannung, weil die Abfahrt des Busses immer näher rückt. Neles innerer Konflikt besteht darin, dass sie pünktlich sein möchte, gleichzeitig aber den Mann nicht alleinlassen will. Die Nachricht von Ben entschärft die Situation, weil der reservierte Raum ohnehin erst später frei ist. Dadurch verändert sich Neles Bewertung des Geschehens.
Als mögliche Eigenschaften passen zum Beispiel hilfsbereit, verantwortungsbewusst, ungeduldig oder nachdenklich, wenn Du Deine Auswahl mit passenden Textstellen begründest.
Die Formulierung „wie eine kleine Trophäe“ ist ein Vergleich. Sie macht deutlich, dass der Mann stolz und erleichtert ist, weil er das Ticket nun selbst besitzt und etwas gelernt hat.
Prüfungstraining 2: Das Licht im Treppenhaus
Prosatext 2: Das Licht im Treppenhaus
Der folgende Prosatext wurde neu für diesen aiMOOC geschrieben.
Malik war schon fast unten, als im dritten Stock das Licht ausging. Für einen Moment blieb er auf der Treppe stehen. Durch das Fenster am Ende des Flurs fiel nur ein schmaler Streifen Abendlicht. Er zog sein Handy heraus und schaltete die Taschenlampe ein.
Auf der Stufe vor ihm lag ein dunkelblaues Heft.
Malik hob es auf. Auf der Vorderseite stand mit schwarzem Stift: Aylin Kaya – Ideen, Skizzen, Texte.
Aylin wohnte eine Etage über ihm. Sie war in seiner Parallelklasse. In der Schule redeten sie selten miteinander. Malik kannte sie vor allem aus dem Kunstunterricht, weil ihre Zeichnungen häufig an der Wand neben dem Sekretariat hingen.
Er blätterte nicht.
Zumindest nahm er es sich vor.
Dann rutschte das Heft in seiner Hand auf. Eine Seite klappte auf. Dort war eine Zeichnung des Innenhofs zu sehen. Auf einer Bank saß ein Junge mit Kapuze. Unter dem Bild stand: Manchmal sieht man Menschen jeden Tag und kennt sie trotzdem nicht.
Malik klappte das Heft sofort zu.
Oben fiel eine Wohnungstür ins Schloss. Schritte kamen die Treppe herunter. Aylin erschien im Licht seiner Handylampe. Sie sah zuerst Malik an, dann das Heft in seiner Hand.
„Wo hast du das her?“
„Es lag hier.“
„Hast du reingeschaut?“
Malik wollte sofort „Nein“ sagen. Das Wort lag schon auf seiner Zunge.
„Eine Seite war offen“, sagte er schließlich. „Ich habe die Zeichnung gesehen. Mehr nicht.“
Aylin zog das Heft an sich. Ihr Gesicht war kaum zu erkennen.
„Welche Zeichnung?“
„Den Innenhof.“
Es war still.
Dann ging das Treppenhauslicht wieder an. Malik blinzelte.
Aylin sah auf das Heft. „Der Junge auf der Bank bist übrigens du.“
Malik lachte kurz, weil er dachte, sie mache einen Witz. Doch Aylin blieb ernst.
„Ich? Warum?“
„Du sitzt da oft nach der Schule.“
„Weil mein Vater mich erst später abholen kann.“
Aylin nickte. „Das wusste ich nicht.“
Malik deutete auf das Heft. „Dann stimmt der Satz darunter wohl.“
Aylin sah ihn an. Diesmal lächelte sie.
„Vielleicht.“
Von draußen hupte ein Auto.
„Das ist mein Vater“, sagte Malik.
Er ging zwei Stufen hinunter, dann drehte er sich noch einmal um.
„Die Zeichnung war gut.“
„Du hast doch nur eine gesehen.“
„Eben.“
Aylin schüttelte den Kopf, aber sie grinste.
Als Malik die Haustür öffnete, war das Treppenhaus hinter ihm hell. Trotzdem dachte er noch lange über den Satz unter der Zeichnung nach.

Aufgaben zu Textverständnis
- Fundstück: Was findet Malik im Treppenhaus?
- Beziehung: Was weiß Malik zu Beginn über Aylin?
- Ehrlichkeit: Warum könnte Malik versucht sein, Aylins Frage nicht ganz ehrlich zu beantworten?
- Information: Was erfährt Malik über die Zeichnung?
- Schluss: Woran denkt Malik am Ende noch lange?
Aufgaben zum literarischen Verstehen
- Spannung: Erkläre, wie die Dunkelheit im Treppenhaus die Wirkung der Szene unterstützt.
- Entscheidung: Warum ist Maliks ehrliche Antwort für die Beziehung zwischen ihm und Aylin wichtig?
- Leitgedanke: Erkläre die Bedeutung des Satzes „Manchmal sieht man Menschen jeden Tag und kennt sie trotzdem nicht.“
- Symbol: Deute den Wechsel von Dunkelheit zu Licht als mögliches Symbol.
- Figurenbeziehung: Beschreibe, wie sich das Verhältnis zwischen Malik und Aylin im Verlauf der Szene verändert.
- Offenes Ende: Erkläre, was nach dem Schluss der Geschichte zwischen beiden Figuren passieren könnte, ohne etwas als sicher zu behaupten.
Aufgaben zum Sprachgebrauch
- Synonym: Finde ein passendes anderes Wort für „schmal“ in „ein schmaler Streifen Abendlicht“.
- Satzbau: Bestimme im Satz „Auf der Stufe vor ihm lag ein dunkelblaues Heft“ das Subjekt.
- Konjunktion: Verbinde die Sätze „Malik wollte Nein sagen. Er entschied sich für die Wahrheit.“ mit „aber“.
- Indirekte Rede: Forme um: Aylin sagt: „Der Junge auf der Bank bist du.“
- Wörtliche Bedeutung: Erkläre den Unterschied zwischen wirklichem Licht im Treppenhaus und der möglichen übertragenen Bedeutung von „Licht“.
- Tempus: Setze „Aylin erscheint im Licht seiner Handylampe“ ins Präteritum.
Lösungshinweise zu Prüfungstraining 2
Das Heft wird zum Auslöser der Begegnung. Malik erfährt durch die geöffnete Seite etwas Persönliches über Aylins Blick auf ihre Umgebung. Seine Entscheidung, nicht zu lügen, schafft Vertrauen. Der Satz unter der Zeichnung passt zu beiden Figuren, weil sie sich schon länger sehen, aber kaum etwas voneinander wissen.
Der Wechsel von Dunkelheit zu Licht kann zusätzlich zur wörtlichen Bedeutung als Symbol gelesen werden. Zu Beginn herrscht Unsicherheit. Im Gespräch klären sich Missverständnisse und beide erfahren etwas Neues voneinander. Wichtig ist: Eine solche Deutung muss als begründete Interpretation formuliert werden, nicht als einzige mögliche Wahrheit.
Prüfungstraining 3: Der Platz am Fenster
Prosatext 3: Der Platz am Fenster
Der folgende Prosatext wurde neu für diesen aiMOOC geschrieben.
Als Frau Berger die neue Sitzordnung an die Tafel schrieb, wurde es im Raum sofort lauter.
„Bitte erst lesen, dann diskutieren“, sagte sie.
Sami suchte seinen Namen. Zweite Reihe, Fensterseite. Neben: Leon.
Er lehnte sich zurück.
„Super“, sagte er leise.
Seine Freundin Mira, die hinter ihm saß, beugte sich vor. „Vielleicht ist er gar nicht so schlimm.“
Sami drehte sich um. „Du musst ja auch nicht neben ihm sitzen.“
Leon kam meistens zu spät, vergaß oft seine Sachen und sagte im Unterricht wenig. In Gruppenarbeiten hatte Sami bisher versucht, nicht mit ihm zusammenzuarbeiten.
Am nächsten Morgen saß Leon schon da, als Sami das Klassenzimmer betrat. Auf dem Tisch lagen zwei Hefte und zwei Stifte.
„Der blaue schreibt besser“, sagte Leon und schob Sami einen Stift hin.
„Ich habe selbst einen.“
„Okay.“
In der ersten Stunde sollten sie zu zweit einen kurzen Text lesen und drei Fragen beantworten. Sami nahm sofort das Blatt.
„Ich lese“, sagte er.
Leon nickte.
Nach dem ersten Absatz zeigte Leon auf eine Zeile. „Da steht eigentlich schon die Antwort auf Nummer zwei.“
Sami sah nach. Leon hatte recht.
Bei der dritten Frage stritten sie kurz. Sami meinte, die Hauptfigur sei wütend. Leon glaubte, sie sei eher enttäuscht.
„Wegen dem Satz hier“, sagte Leon und tippte auf das Blatt. „Sie schreit nicht. Sie sagt gar nichts mehr.“
Sami las die Stelle noch einmal.
„Kann sein“, sagte er.
Am Ende der Stunde hatten sie alle drei Antworten.
In der Pause blieb Leon am Platz sitzen und zeichnete kleine Kästchen auf die Rückseite des Arbeitsblatts.
„Warum kommst du eigentlich so oft zu spät?“, fragte Sami.
Leon hörte auf zu zeichnen.
„Meine Mutter beginnt um sechs mit der Arbeit. Ich bringe morgens meine Schwester in die Grundschule.“
Sami wusste nicht, was er sagen sollte.
Leon zuckte mit den Schultern. „Der Bus passt nicht immer.“
Draußen auf dem Flur rief jemand Samis Namen.
Er stand auf. An der Tür blieb er kurz stehen.
„Morgen lese ich den ersten Absatz“, sagte Leon.
Sami nickte. „Und ich suche die Antworten.“
Leon grinste. „Schlechte Arbeitsteilung.“
„Stimmt.“
Als Sami auf den Flur trat, sah Mira ihn fragend an.
„Und?“, sagte sie.
Sami blickte zurück zum Fensterplatz.
„Geht schon“, sagte er.
Aber das war nicht ganz das, was er meinte.
Aufgaben zu Textverständnis
- Sitzordnung: Warum ist Sami zunächst unzufrieden?
- Partnerarbeit: Woran erkennt Sami, dass Leon beim Lesen aufmerksam ist?
- Deutung: Welche zwei unterschiedlichen Gefühle schreiben die Jungen der Hauptfigur im gelesenen Text zu?
- Hintergrund: Warum kommt Leon häufig zu spät?
- Schlussaussage: Warum passt Samis Satz „Geht schon“ nur teilweise zu seinen wirklichen Gedanken?
Aufgaben zum literarischen Verstehen
- Vorurteil: Beschreibe Samis erste Meinung über Leon.
- Entwicklung: Zeige an zwei Stellen, wie sich Samis Sicht auf Leon verändert.
- Dialog: Welche Aufgabe haben die Gespräche für die Entwicklung der Handlung?
- Charakterisierung: Was erfährst Du über Leon, das seinem ersten Eindruck widerspricht?
- Perspektivwechsel: Erkläre, warum Hintergrundwissen die Beurteilung eines Menschen verändern kann.
- Schluss: Warum ist das Ende zurückhaltend formuliert und trotzdem positiv?
Aufgaben zum Sprachgebrauch
- Redewiedergabe: Setze „Leon sagte, seine Mutter beginne um sechs mit der Arbeit“ in direkte Rede.
- Adjektiv: Finde ein treffendes Adjektiv für Samis Haltung am Anfang des Textes.
- Konjunktion: Verbinde sinnvoll: „Leon kommt manchmal zu spät. Er bringt seine Schwester zur Schule.“ Verwende „weil“.
- Wortfeld: Nenne zwei Verben aus dem Wortfeld „sprechen“, die zu einem ruhigen Gespräch passen.
- Satzzeichen: Setze die nötigen Satzzeichen: Mira fragte Und wie ist es neben Leon
- Ersetzung: Ersetze „sagte“ in „Geht schon, sagte er“ durch ein Verb, das Samis Zurückhaltung ausdrückt.
Lösungshinweise zu Prüfungstraining 3
Sami beurteilt Leon anfangs vor allem nach seinem Verhalten im Unterricht. Während der Partnerarbeit erkennt er, dass Leon genau liest und gute Begründungen findet. Später erfährt Sami, dass Leons häufiges Zuspätkommen mit Verantwortung für seine jüngere Schwester zusammenhängt. Dadurch wird deutlich, dass ein sichtbares Verhalten allein nicht immer ausreicht, um einen Menschen gerecht einzuschätzen.
Der Schlusssatz wirkt zurückhaltend, weil Sami seine veränderte Meinung noch nicht offen ausspricht. Für die Leserinnen und Leser wird aber deutlich, dass seine Haltung positiver geworden ist.
Strategien für Aufgabe B3 Prosa
Textverständnis: Antworten mit Textbezug
Bei einer Frage zum Textverständnis solltest Du zuerst genau prüfen, was verlangt wird. Ein Operator wie „nennen“ braucht meist eine kurze Antwort. „Erklären“ verlangt einen Zusammenhang. „Begründen“ verlangt zusätzlich einen Grund oder Textbeleg.
Eine gute Antwort ist weder zu kurz noch unnötig lang.
Beispiel:
Frage: Warum verpasst Nele den Bus?
Schwache Antwort: Weil sie hilft.
Bessere Antwort: Nele verpasst den Bus, weil sie einem älteren Mann am Fahrkartenautomaten hilft und dadurch nicht rechtzeitig an der Bustür ankommt.
Literarisches Verstehen: Nicht nur nacherzählen
Beim literarischen Verstehen geht es darum, Bedeutung zu erklären. Du sollst also nicht nur wiederholen, was geschieht.
Statt: „Malik gibt Aylin das Heft.“
Besser: „Maliks ehrlicher Umgang mit dem Heft zeigt, dass er Aylins Privatsphäre respektiert und Vertrauen aufbauen möchte.“
Hilfreiche Formulierungen sind:
- Deutung formulieren: „Das zeigt, dass …“
- Wirkung erklären: „Dadurch wirkt die Szene …“
- Beleg einführen: „Das erkennt man an der Stelle, an der …“
- Entwicklung beschreiben: „Zu Beginn …, später dagegen …“
- Vorsichtig deuten: „Dies kann darauf hindeuten, dass …“
Sprachgebrauch: Genau statt ungefähr
Bei Sprachaufgaben ist Genauigkeit wichtig. Prüfe nach jeder Antwort:
- Passt die Zeitform?
- Stimmen Person und Zahl?
- Ist die Bedeutung des ursprünglichen Satzes erhalten?
- Passt das gewählte Wort zur Situation?
- Sind Satzzeichen und Großschreibung korrekt?
Mini-Training: Belegen und erklären
Lies die Aussage: Sami verändert seine Meinung über Leon.
Ein Beleg allein genügt noch nicht. Du solltest Beleg und Erklärung verbinden.
Beispiel: Sami erkennt während der Partnerarbeit, dass Leon den Text aufmerksam liest und eine Antwort gut begründen kann. Später erfährt er außerdem den Grund für Leons häufiges Zuspätkommen. Dadurch wird sein erster negativer Eindruck korrigiert.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was solltest Du bei einer Begründungsaufgabe zusätzlich zu Deiner Aussage nennen? (Einen passenden Grund oder Textbeleg) (!Nur die Überschrift des Textes) (!Eine persönliche Geschichte ohne Textbezug) (!Möglichst viele Fremdwörter)
Was ist für literarisches Verstehen besonders wichtig? (Bedeutungen und Zusammenhänge erklären) (!Den Text vollständig abschreiben) (!Nur die Anzahl der Absätze zählen) (!Alle Verben ins Präsens setzen)
Was kann ein Wendepunkt in einer Erzählung sein? (Ein Ereignis, das die Situation oder Sichtweise deutlich verändert) (!Jede beliebige Zeile des Textes) (!Nur der erste Satz) (!Nur eine Ortsangabe)
Was ist ein sinnvoller Textbeleg? (Eine passende Stelle, die eine Aussage stützt) (!Ein Satz aus einem anderen Text) (!Eine Vermutung ohne Bezug zum Text) (!Der eigene Name)
Welche Formulierung kennzeichnet eine vorsichtige Deutung? (Dies kann darauf hindeuten, dass) (!Es ist ohne Zweifel immer so) (!Der Text beweist jede mögliche Meinung) (!Man braucht keine Begründung)
Was geschieht bei indirekter Rede? (Eine Äußerung wird sinngemäß wiedergegeben) (!Ein Gedicht wird gereimt) (!Ein Satz wird nur großgeschrieben) (!Ein Wort wird rückwärts gelesen)
Welche Aufgabe kann ein Vergleich in einem Prosatext haben? (Eine Vorstellung anschaulicher machen) (!Jede Zeitform verändern) (!Alle Figuren austauschen) (!Den Text automatisch verkürzen)
Was ist beim ersten Lesen eines unbekannten Prosatextes sinnvoll? (Zuerst Figuren, Ort und Grundproblem erfassen) (!Sofort jede Zeile auswendig lernen) (!Nur nach Rechtschreibfehlern suchen) (!Den Schluss vor dem Anfang lesen)
Wie beschreibst Du eine Figurenentwicklung besonders überzeugend? (Du vergleichst das Verhalten oder Denken zu Beginn und später) (!Du nennst nur den Namen der Figur) (!Du beschreibst ausschließlich das Wetter) (!Du vermeidest jeden Textbezug)
Was solltest Du nach einer Sprachgebrauchsaufgabe prüfen? (Ob Grammatik und Bedeutung weiterhin stimmen) (!Ob der Satz möglichst lang geworden ist) (!Ob mindestens fünf Fremdwörter vorkommen) (!Ob jedes Wort mit demselben Buchstaben beginnt)
Memory
| Textbeleg | stützt eine Aussage mit einer passenden Textstelle |
| Wendepunkt | verändert die Handlung oder Sicht einer Figur |
| Erzählperspektive | bestimmt den Blick auf das erzählte Geschehen |
| Vergleich | macht eine Vorstellung durch eine Gegenüberstellung anschaulich |
| Konjunktion | verbindet Wörter, Satzteile oder Sätze |
| Charakterisierung | beschreibt Eigenschaften und Verhalten einer Figur |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Textverständnis | Informationen und Zusammenhänge aus dem Text erfassen |
| Figurenentwicklung | Veränderungen einer Person im Verlauf erklären |
| Sprachgebrauch | Wörter und Sätze grammatisch und passend verwenden |
| Textbeleg | Eine Aussage durch eine konkrete Stelle stützen |
| Deutung | Eine mögliche Bedeutung begründet erklären |
Kreuzworträtsel
| Prosa | Wie nennt man ungebundene Sprache in erzählenden Texten? |
| Figur | Wie heißt eine handelnde Person in einer Erzählung? |
| Konflikt | Wie nennt man ein Problem oder einen Gegensatz, der die Handlung antreibt? |
| Erzähler | Wer vermittelt den Leserinnen und Lesern die Handlung? |
| Vergleich | Welches sprachliche Mittel verbindet zwei Bereiche häufig mit dem Wort wie? |
| Wendepunkt | Wie nennt man eine Stelle, an der sich die Handlung deutlich verändert? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Figurenkarte: Erstelle zu Nele, Malik oder Sami eine Figurenkarte mit drei Eigenschaften und je einem passenden Textbeleg.
- Handlungsstreifen: Zeichne zu einem der drei Prosatexte sechs Bilder, die den Handlungsverlauf in der richtigen Reihenfolge zeigen.
- Gefühlskurve: Zeichne eine Kurve, die zeigt, wie sich die Gefühle einer Hauptfigur im Verlauf des Textes verändern.
- Wortschatzsammlung: Sammle zehn Wörter, mit denen man Gefühle in Prosatexten genauer beschreiben kann.
Standard
- Innerer Monolog: Schreibe einen inneren Monolog aus der Sicht des älteren Mannes, nachdem Nele den ersten Bus verpasst hat.
- Perspektivwechsel: Schreibe die Begegnung im Treppenhaus aus Aylins Sicht neu.
- Dialogfortsetzung: Schreibe ein Gespräch zwischen Sami und Mira am Tag nach der neuen Sitzordnung.
- Prüfungsfragen entwickeln: Formuliere zu einem der Texte fünf eigene B3-ähnliche Fragen aus den Bereichen Textverständnis, literarisches Verstehen und Sprachgebrauch.
Schwer
- Kurzprosa schreiben: Verfasse einen eigenen Prosatext von ungefähr 500 Wörtern, in dem eine Figur ihre Meinung über einen anderen Menschen verändert.
- Textvergleich: Vergleiche zwei der drei Trainingsgeschichten im Hinblick auf Vorurteile, Entscheidungen und Figurenentwicklung.
- Erklärvideo: Produziere ein kurzes Lernvideo, in dem Du erklärst, wie man einen Wendepunkt erkennt und seine Bedeutung begründet.
- Prüfungssimulation gestalten: Entwickle zu einem selbst geschriebenen Prosatext ein vollständiges Mini-Prüfungsset mit Textverständnis, literarischem Verstehen, Sprachgebrauch und Lösungshinweisen.


Lernkontrolle
- Transfer Figurenbeurteilung: Eine Figur kommt häufig zu spät. Entwickle zwei unterschiedliche Erklärungen für dieses Verhalten und erkläre, warum man vor einer Bewertung nach Hintergründen fragen sollte.
- Transfer Wendepunkt: Erfinde für „Fünf Minuten später“ einen anderen Wendepunkt und erkläre, wie sich dadurch die Aussage der Geschichte verändern würde.
- Transfer Perspektive: Wähle eine Szene aus „Das Licht im Treppenhaus“ und erkläre, welche Informationen sich verändern würden, wenn Aylin statt Malik im Mittelpunkt der Erzählung stünde.
- Transfer Sprache: Schreibe einen angespannten Dialog einmal mit sehr kurzen Sätzen und einmal mit längeren, ruhigen Sätzen. Vergleiche anschließend die Wirkung.
- Transfer Textbeleg: Formuliere zu „Der Platz am Fenster“ die Aussage „Sami urteilt am Anfang zu schnell“ und stütze sie mit zwei verschiedenen Beobachtungen aus dem Text.
- Transfer Titel: Gib jedem der drei Prosatexte einen neuen Titel und begründe, welche neue Deutung dadurch stärker in den Vordergrund rückt.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu diesem Thema solltest Du zeigen, dass Du einen unbekannten Prosatext selbstständig erschließen kannst.
Wichtig ist, dass Du:
- den Inhalt knapp und richtig erfassen kannst,
- wichtige Informationen gezielt findest,
- Ursachen und Folgen erklären kannst,
- Eigenschaften von Figuren mit Textbelegen begründest,
- Veränderungen von Figuren oder Beziehungen erkennst,
- Konflikte und Wendepunkte deutest,
- sprachliche Mittel nicht nur benennst, sondern ihre Wirkung erklärst,
- direkte und indirekte Rede unterscheiden kannst,
- passende Satzverknüpfungen verwendest,
- Zeitformen sicher bilden kannst,
- eigene Deutungen vorsichtig und nachvollziehbar formulierst,
- Deine Antworten sprachlich klar und vollständig formulierst,
- vor der Abgabe Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung kontrollierst.
OERs zum Thema
Verknüpfte Lernbereiche
aiMOOC-Projekte
MOOCwiki · Deutsch
Nach dem Lernen ist vor dem Lernen
Entdecke direkt den nächsten Lernkurs. Weitere Inhalte erscheinen, wenn Du weiter nach unten scrollst.
Zur MOOCwiki-HauptseiteMediathek wird aus dem Wiki geladen ...
Keine passenden Inhalte gefunden. Bitte ändere Suche oder Filter.
NEWSLernweltNOAH fragen