Migrationsgeschichte - Baden-Württemberg

Migrationsgeschichte - Baden-Württemberg
Migrationsgeschichte - Baden-Württemberg

Einleitung
Baden-Württemberg ist durch Wanderungsbewegungen geprägt. Menschen verließen den deutschen Südwesten, andere kamen neu hinzu, manche zogen freiwillig um, andere mussten wegen Krieg, Verfolgung oder Vertreibung fliehen. Wenn Du die Geschichte des heutigen Baden-Württemberg verstehen willst, musst Du deshalb auch Migration als Teil von Wirtschafts-, Sozial-, Kultur- und Politikgeschichte betrachten.
Das heutige Bundesland entstand erst 1952. Die Migrationsgeschichte beginnt aber viel früher: Sie umfasst die Gebiete des früheren Baden, Württemberg und weiterer südwestdeutscher Territorien ebenso wie die Geschichte des späteren Landes. Besonders wichtig ist der Perspektivwechsel: Im 19. Jahrhundert war der Südwesten für viele Menschen vor allem eine Auswanderungsregion. Nach 1945 wurde er zunehmend zu einer Zuwanderungsregion.
Migration ist dabei kein einzelnes Ereignis. Sie verändert Bevölkerungszahlen, Arbeitsmärkte, Städte, Schulen, Religion, Sprache, Essen, Vereine, Familien und politische Debatten. Gleichzeitig verändern die Menschen, die wandern, auch sich selbst: Sie bauen Beziehungen über Grenzen hinweg auf, entwickeln neue Zugehörigkeiten und verbinden unterschiedliche Lebenswelten.
Für die Arbeit mit diesem aiMOOC gilt: Historische Begriffe wie „Gastarbeiter“ werden dort verwendet, wo sie für eine Epoche wichtig sind. Heute ist meist genauer von Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten zu sprechen. Auch Begriffe wie „Flüchtling“, „Vertriebene“, „Aussiedler“ oder „Spätaussiedler“ haben bestimmte historische und rechtliche Bedeutungen. Achte deshalb immer darauf, wer einen Begriff verwendet, in welcher Zeit er entsteht und welche Perspektive er ausdrückt.
Lernziele und Kompetenzen
Du kannst nach der Bearbeitung dieses aiMOOCs zentrale Phasen der Aus- und Zuwanderung im deutschen Südwesten zeitlich einordnen, Ursachen und Folgen von Migration erklären, freiwillige und erzwungene Migration unterscheiden, historische Quellen kritisch untersuchen und gesellschaftlichen Wandel mit Migration in Beziehung setzen. Für die Klassen 11–13 kommt hinzu, dass Du Begriffe, Statistiken und Erinnerungskultur kritisch beurteilen und unterschiedliche Deutungen miteinander vergleichen kannst.
Grundbegriffe: Wie lässt sich Migration beschreiben?
Migration bedeutet, dass Menschen ihren Lebensmittelpunkt für längere Zeit oder dauerhaft verlagern. Je nach Blickrichtung spricht man von Auswanderung oder Emigration, wenn Menschen ein Gebiet verlassen, und von Zuwanderung oder Immigration, wenn sie in ein Gebiet kommen. Binnenmigration findet innerhalb eines Staates statt, zum Beispiel vom ländlichen Raum in eine Industriestadt. Transnationale Migration beschreibt Lebensformen, bei denen Beziehungen, Familien, Arbeit oder Alltag dauerhaft mehrere Staaten verbinden.
Wichtig ist außerdem die Unterscheidung zwischen freiwilliger Migration und erzwungener Migration. Diese Grenze ist nicht immer scharf. Wer wegen Hunger, Armut oder fehlender Arbeit auswandert, trifft formal vielleicht eine eigene Entscheidung, steht aber unter starkem Druck. Bei Deportation, Vertreibung oder Zwangsarbeit fehlt diese Freiheit weitgehend oder vollständig.
Ein hilfreiches Modell unterscheidet Push-Faktoren und Pull-Faktoren. Push-Faktoren „drängen“ Menschen zum Fortgehen, etwa politische Verfolgung, Krieg, Arbeitslosigkeit oder Missernten. Pull-Faktoren „ziehen“ Menschen an, etwa Arbeitsplätze, Sicherheit, Land, Familienkontakte oder politische Freiheit. Historisch wirken meist mehrere Ursachen zusammen.
Quellen zur Migrationsgeschichte
Migrationsgeschichte lässt sich aus vielen Quellengattungen rekonstruieren: Auswanderungsakten, Meldekarten, Arbeitsverträgen, Fotos, Briefen, Zeitungsberichten, Statistiken, Pässen, Vereinsunterlagen, Erinnerungsstücken und Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Jede Quelle zeigt nur einen Ausschnitt. Ein amtliches Formular verrät viel über Verwaltung und Rechtslage, aber oft wenig über Gefühle. Ein Interview macht persönliche Erfahrungen sichtbar, ist aber von Erinnerung und späteren Deutungen geprägt.

Die abgebildete Auswanderungsakte aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg zeigt, dass Migration auch ein Verwaltungsvorgang war. Für Historikerinnen und Historiker ist gerade die Verbindung verschiedener Quellen wichtig: Erst Akten, persönliche Zeugnisse und statistische Daten zusammen ermöglichen ein differenziertes Bild.
Auswanderung aus Baden und Württemberg im 18. und 19. Jahrhundert
Im 18. und besonders im 19. Jahrhundert verließen viele Menschen den deutschen Südwesten. Zunächst führten Wege unter anderem nach Südosteuropa und in Gebiete des Russischen Reiches oder der Habsburgermonarchie. Später wurden vor allem die USA zu einem wichtigen Ziel. Die Ursachen waren vielfältig: Bevölkerungswachstum, knappe landwirtschaftliche Flächen, Armut, Schulden, Missernten, fehlende Erwerbsmöglichkeiten, politische Konflikte und die Hoffnung auf ein selbstbestimmteres Leben.
Ein deutlicher Einschnitt waren die Krisenjahre 1816/17. Nach schlechten Ernten und einer schweren Versorgungskrise nahm die Auswanderung stark zu. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden Reisen über den Atlantik besser organisiert und vergleichsweise erschwinglicher. Auswanderungsagenturen, Briefe bereits Ausgewanderter und neue Verkehrsverbindungen erleichterten die Entscheidung.
Das Landesarchiv dokumentiert außerdem eine politische Dimension. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 gingen viele politisch Verfolgte oder enttäuschte Demokratinnen und Demokraten ins Ausland. Manche der sogenannten „Forty-Eighters“ engagierten sich später in den USA politisch weiter.

Die Quelle zur badischen Revolution zeigt eine Form politisch bedingter Auswanderung. Sie macht deutlich, dass Migration nicht nur mit Armut, sondern auch mit Herrschaft, Repression und Vorstellungen von Freiheit verbunden war.
Historische Auswanderungsdaten des Landesarchivs zeigen besonders hohe Werte in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Für Württemberg wird für die Zeit bis zur Reichsgründung von mehreren Hunderttausend Auswandernden ausgegangen. Auch aus Baden wanderten im 19. Jahrhundert sehr viele Menschen aus. Solche Zahlen solltest Du nicht isoliert lesen: Entscheidend ist, warum bestimmte Jahre Spitzen zeigen und welche Gruppen hinter den Statistiken stehen.
Die „Schwabenkinder“: saisonale Arbeitsmigration nach Oberschwaben
Migration verlief nicht nur aus dem Südwesten hinaus. Über Jahrhunderte kamen Kinder und Jugendliche aus armen Alpenregionen, besonders aus Tirol, Vorarlberg, Graubünden und Liechtenstein, saisonal nach Oberschwaben. Sie arbeiteten auf Bauernhöfen, oft als Hüte- und Arbeitskräfte, und kehrten im Herbst in ihre Herkunftsregionen zurück. Diese sogenannten Schwabenkinder stehen für eine Form von Armuts- und Arbeitsmigration, die mit Kinderarbeit und Abhängigkeit verbunden war.
Für die historische Bewertung ist wichtig, nicht romantisierend von einer bloßen „Reise“ zu sprechen. Die Familien handelten häufig unter wirtschaftlichem Druck, und die Kinder hatten nur begrenzte Handlungsmöglichkeiten. Gleichzeitig unterschieden sich ihre Erfahrungen je nach Hof, Arbeitgeber und Zeitraum.
Industrialisierung und Binnenmigration
Mit der Industrialisierung veränderte sich die Wanderungsrichtung. Städte wie Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, Heilbronn, Ulm oder Esslingen wuchsen, neue Fabriken und Verkehrswege entstanden. Menschen zogen vom Land in die Städte oder aus anderen Regionen in den Südwesten. Auch Arbeitskräfte aus dem Ausland waren schon vor den Anwerbeabkommen der Bundesrepublik beteiligt. Italienische Arbeiter waren beispielsweise beim Eisenbahnbau im deutschen Südwesten tätig.
Damit wurde Migration immer stärker mit Urbanisierung verknüpft. Wo Arbeitsplätze entstanden, wuchs der Bedarf an Wohnungen, Infrastruktur und Versorgung. Migration wurde zu einem Motor des Stadtwachstums – zugleich entstanden neue soziale Spannungen und Ungleichheiten.
Verfolgung, Deportation und Zwangsmigration im Nationalsozialismus
Die Zeit des Nationalsozialismus zeigt besonders deutlich, warum Migration nicht immer freiwillige Mobilität bedeutet. Jüdinnen und Juden sowie andere Verfolgte wurden entrechtet, zur Emigration gedrängt, vertrieben oder deportiert. Wer rechtzeitig fliehen konnte, verlor häufig Heimat, Besitz, Beruf und soziale Netzwerke. Viele Menschen konnten nicht mehr entkommen.
Am 22. Oktober 1940 wurden im Rahmen der sogenannten Wagner-Bürckel-Aktion Jüdinnen und Juden aus Baden und der Saarpfalz in das französische Lager Gurs deportiert. Weitere Deportationen führten später in Ghettos und Vernichtungslager. Erinnerungstafeln in Städten des heutigen Baden-Württemberg markieren heute Orte dieser gewaltsamen Verschleppung.

Gleichzeitig wurden während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Menschen aus besetzten europäischen Gebieten zur Arbeit nach Baden und Württemberg verschleppt. Zwangsarbeit darf nicht mit gewöhnlicher Arbeitsmigration gleichgesetzt werden: Die Betroffenen konnten ihren Arbeits- und Aufenthaltsort nicht frei wählen und waren rassistischer Entrechtung, Gewalt und schlechten Lebensbedingungen ausgesetzt.
Für eine historische Migrationsgeschichte bedeutet das: Neben freiwilliger Auswanderung und Arbeitsmigration müssen auch Flucht, Deportation, Vertreibung und erzwungene Mobilität untersucht werden.
1945 bis in die 1950er Jahre: Flucht, Vertreibung und Neubeginn
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen sehr viele Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten sowie aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa in die westlichen Besatzungszonen. Das spätere Baden-Württemberg bestand zunächst aus mehreren Ländern und Besatzungsgebieten. Die Aufnahme verlief regional unterschiedlich, doch langfristig veränderte sie die Bevölkerungsstruktur erheblich.

Die Aufnahme war keineswegs konfliktfrei. Wohnraum und Lebensmittel waren knapp, viele Städte waren zerstört, und Einheimische sowie Neuankommende mussten sich mit neuen Nachbarschaften, Dialekten, Konfessionen und Alltagsgewohnheiten arrangieren. Gleichzeitig brachten die Zugewanderten berufliche Kenntnisse, Arbeitskraft, Vereinskulturen und neue wirtschaftliche Impulse mit.
Ein wichtiger Erinnerungsort ist Bad Cannstatt. Dort wurde am 5. August 1950 im Großen Kursaal die Charta der deutschen Heimatvertriebenen verkündet. Die Charta ist Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte und zugleich Gegenstand historischer Diskussionen, etwa über Erinnerung, Opferperspektiven und die notwendige Einordnung in die Vorgeschichte des nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieges.

Die Eingliederung der Geflüchteten und Vertriebenen zeigt, dass „Integration“ kein kurzer Vorgang ist. Sie betrifft Wohnen, Arbeit, Schule, politische Teilhabe, soziale Anerkennung und die Frage, wann Menschen als selbstverständlich zu einer Gesellschaft gehörend wahrgenommen werden.
1955 bis 1973: Arbeitsmigration und „Wirtschaftswunder“
In der westdeutschen Nachkriegswirtschaft stieg der Bedarf an Arbeitskräften stark. Die Bundesrepublik schloss deshalb Anwerbeabkommen mit mehreren Staaten. Das erste wurde 1955 mit Italien vereinbart, 1961 folgte unter anderem die Türkei. Weitere Abkommen bestanden etwa mit Spanien, Griechenland, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien.
Auch Baden-Württemberg mit seinen Industriezentren war ein wichtiges Ziel. Arbeitskräfte wurden in der Metall- und Autoindustrie, im Maschinenbau, auf Baustellen, bei der Bahn und in anderen Branchen eingesetzt. Viele übernahmen körperlich schwere, belastende oder schlecht angesehene Tätigkeiten. Frauen waren ebenfalls Teil dieser Arbeitsmigration, auch wenn historische Darstellungen lange vor allem männliche Industriearbeiter zeigten.
Der Begriff „Gastarbeiter“ beruhte auf der Vorstellung, die Beschäftigten würden nur vorübergehend bleiben. Tatsächlich kehrten viele zurück, andere blieben, holten Familien nach oder gründeten Familien in Deutschland. Aus zeitlich gedachter Arbeitsmigration wurde für einen erheblichen Teil dauerhafte Einwanderung.
Ankunft und Wohnen
Die ersten Jahre waren häufig durch beengte Unterkünfte geprägt. Viele Beschäftigte lebten in Wohnheimen oder Gemeinschaftsunterkünften in der Nähe von Fabriken und Bahnanlagen. Solche Wohnformen spiegeln die damalige Erwartung wider, dass die Arbeitskräfte nicht dauerhaft Teil der Gesellschaft werden sollten.

Ein Archivplan für Wohnheime in Stuttgart-Zuffenhausen aus dem Jahr 1970 kann deshalb wie eine historische Quelle gelesen werden: Er erzählt nicht nur Architekturgeschichte, sondern auch etwas über Arbeitsmarkt, Unterbringung und staatliche beziehungsweise betriebliche Vorstellungen von Migration.
Verbindungen zur Herkunftsregion
Viele Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten lebten über Jahre zwischen mehreren Orten. Sie schickten Geld an Familien, reisten in den Ferien in die Herkunftsländer, hörten Radio aus der Heimat oder organisierten sich in Vereinen. Diese Beziehungen zeigen, dass Migration nicht automatisch bedeutet, frühere Bindungen abzubrechen.

Das Foto vom Freiburger Hauptbahnhof zeigt italienische Arbeitsmigranten vor einer Weihnachtsreise im Jahr 1966. Bahnhöfe waren zentrale Orte der Migrationsgeschichte: Hier wurden Ankunft, Abschied, Wiedersehen und transnationale Mobilität sichtbar.
Der 500.000ste „Gastarbeiter“ im Land
Am 5. August 1970 wurde in Baden-Württemberg öffentlich die Ankunft des 500.000sten „Gastarbeiters“ markiert. Der Kroate Zvonimir Kanjir wurde am Stuttgarter Hauptbahnhof begrüßt. Das Ereignis zeigt die Größenordnung der Arbeitsmigration und zugleich die damalige Inszenierung: Menschen wurden als benötigte Arbeitskräfte empfangen, während die Bundesrepublik und das Land sich noch lange nicht selbstverständlich als Einwanderungsgesellschaft verstanden.
1973 bis 1989: Vom zeitweiligen Aufenthalt zum dauerhaften Leben
1973 verhängte die Bundesrepublik vor dem Hintergrund der Ölkrise und einer schwächeren Konjunktur einen Anwerbestopp für Arbeitskräfte aus Nicht-EWG-Staaten. Damit endete die organisierte Anwerbung weitgehend, nicht aber die Migration. Ein Teil der bereits im Land lebenden Menschen blieb dauerhaft. Familiennachzug gewann an Bedeutung, Kinder besuchten deutsche Schulen, Vereine und religiöse Gemeinden entstanden oder wuchsen.
Diese Phase macht einen grundlegenden Wandel sichtbar: Aus „Arbeitskräften“ wurden in der öffentlichen Wahrnehmung langsam Nachbarinnen und Nachbarn, Eltern, Schülerinnen und Schüler, Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Vereinsmitglieder. Gleichzeitig bestanden Benachteiligungen fort. Dazu gehörten Vorurteile und Rassismus, Nachteile auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt sowie ungleiche Bildungschancen.

Migration veränderte auch Alltagskultur und Konsum. Italienische Restaurants und Eisdielen, jugoslawische und griechische Gastronomie, türkische Lebensmittelgeschäfte und später der Döner wurden sichtbare Teile urbaner Kultur. Solche Beispiele sind leicht zugänglich, dürfen aber nicht den Blick darauf verengen, dass gesellschaftlicher Wandel ebenso Arbeit, Bildung, Politik, Religion, Familienleben und soziale Rechte betrifft.
Seit 1989: Neue Migrationsbewegungen
Der Fall des Eisernen Vorhangs, die deutsche Einheit und politische Umbrüche in Mittel- und Osteuropa veränderten die Migration erneut. Viele Aussiedler und Spätaussiedler kamen nach Deutschland, besonders aus Polen, Rumänien und später aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Sie besaßen aufgrund ihrer deutschen Abstammung einen besonderen rechtlichen Status, machten aber im Alltag dennoch Erfahrungen des Ankommens, des Spracherwerbs und manchmal auch der Fremdzuschreibung.
In den 1990er-Jahren suchten außerdem viele Menschen vor den Kriegen im zerfallenden Jugoslawien Schutz. Baden-Württemberg war durch frühere Arbeitsmigration bereits eng mit Südosteuropa verbunden; deshalb existierten häufig Familien- und Bekanntschaftsnetzwerke. Daneben kamen unter anderem jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion sowie Menschen mit ganz unterschiedlichen Arbeits-, Studien- und Familienbiografien.
Mit der europäischen Integration gewann die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union an Bedeutung. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Studierende und Familien konnten leichter zwischen EU-Mitgliedstaaten umziehen. Damit wurde Migration noch vielfältiger: Neben Flucht und klassischer Arbeitsmigration traten stärker Studium, hochqualifizierte Beschäftigung, Saisonarbeit, Pflegearbeit und europäische Binnenmobilität.
Seit 2015: Fluchtmigration, Schutz und neue Debatten
2015 und 2016 nahm Deutschland viele Schutzsuchende auf, besonders aus Staaten, die von Krieg und Gewalt geprägt waren. Auch Baden-Württemberg stand vor großen Aufgaben: Registrierung, Unterbringung, Schulbesuch, Sprachkurse, Ausbildung, Arbeit und kommunale Integration mussten organisiert werden. Gleichzeitig engagierten sich viele Ehrenamtliche, Vereine, Kommunen und Initiativen.

Die ehemalige Carl-Schurz-Kaserne in Hardheim wurde 2015 zeitweise als Landeserstaufnahmestelle genutzt. Das Beispiel zeigt, wie vorhandene Gebäude kurzfristig eine neue gesellschaftliche Funktion erhielten.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 kamen erneut viele Schutzsuchende nach Baden-Württemberg. Diese Fluchtbewegung unterschied sich in ihrer rechtlichen Behandlung von früheren Asylmigrationen, unter anderem durch den europäischen vorübergehenden Schutz. Für den Geschichtsunterricht ist wichtig, aktuelle Entwicklungen nicht nur als Nachrichtenthema, sondern als Teil längerfristiger Migrationsgeschichte zu verstehen.
Gesellschaftlicher Wandel durch Migration
Migration hat Baden-Württemberg wirtschaftlich stark mitgeprägt. Industriebetriebe profitierten von zugewanderten Arbeitskräften; später kamen Selbstständigkeit, Dienstleistungen, Forschung, Pflege, Handwerk und internationale Unternehmensnetzwerke hinzu. Zugleich sollte man vermeiden, Menschen nur nach ihrem wirtschaftlichen „Nutzen“ zu beurteilen. Historisch geht es auch um Rechte, Zugehörigkeit, Familie und persönliche Lebensentwürfe.
Städte veränderten sich sichtbar. Neue Vereine, Gotteshäuser, Geschäfte, Medienangebote und kulturelle Szenen entstanden. In Schulen wurden Mehrsprachigkeit und unterschiedliche Familiengeschichten alltäglich. Musik, Literatur, Film, Sport und Küche entwickelten sich in Austauschprozessen weiter. Häufig ist deshalb sinnvoller von einer pluralen Gesellschaft zu sprechen als von klar getrennten „Kulturen“.
Migration führte aber nicht automatisch zu Gleichberechtigung. Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung gehören ebenfalls zur Geschichte. Menschen konnten zugleich sozial aufsteigen, politische Rechte erlangen und neue Institutionen aufbauen. Gesellschaftlicher Wandel ist daher widersprüchlich: Er besteht aus Teilhabe und Konflikt, Anerkennung und Abwertung, neuen Chancen und fortbestehenden Ungleichheiten.
Integration, Assimilation und Teilhabe
Der Begriff Integration wird häufig verwendet, ist aber erklärungsbedürftig. Er kann bedeuten, dass Menschen Zugang zu Bildung, Arbeit, Wohnen, politischen Rechten und gesellschaftlichen Netzwerken erhalten. Problematisch wird der Begriff, wenn nur Zugewanderte als verantwortlich für „Anpassung“ betrachtet werden. Gesellschaften verändern sich durch Migration immer auf beiden Seiten.
Assimilation meint eine stärkere Angleichung an eine Mehrheitsgesellschaft. In der historischen Forschung wird gefragt, ob solche Prozesse freiwillig oder unter Anpassungsdruck stattfinden. Teilhabe lenkt den Blick stärker auf Zugangschancen und Rechte. Für Deine Analyse solltest Du deshalb nicht nur fragen: „Wie haben sich Zugewanderte verändert?“, sondern auch: „Wie haben Institutionen, Städte und die Mehrheitsgesellschaft auf Migration reagiert und sich selbst verändert?“
Baden-Württemberg als Einwanderungsland heute
Amtliche Statistiken zeigen die langfristige Bedeutung von Migration. Für 2024 wies das Statistische Landesamt rund 3,55 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte in Baden-Württemberg aus; das war knapp ein Drittel der Bevölkerung. Der Begriff „Einwanderungsgeschichte“ ist dabei nicht identisch mit „ausländischer Staatsangehörigkeit“: Viele Zugewanderte oder ihre Nachkommen besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit.
Für die gesamte Zeit seit der Landesgründung ist der Effekt noch deutlicher. Nach einer Berechnung des Statistischen Landesamtes zogen von 1952 bis Ende 2024 per Saldo mehr als 4,1 Millionen Menschen aus dem übrigen Bundesgebiet und aus dem Ausland nach Baden-Württemberg. Die Behörde betont, dass die häufig genannte hypothetische Vergleichszahl ohne Zuwanderung nur eine vereinfachte Modellrechnung ist. Historisch zeigt sie dennoch: Die Bevölkerungsentwicklung des Landes ist ohne Wanderung nicht erklärbar.
Eine kurze Zeitleiste
| Zeitraum | Migrationsbewegung | Typische Ursachen | Bedeutung für den gesellschaftlichen Wandel |
|---|---|---|---|
| 18. und frühes 19. Jahrhundert | Auswanderung nach Ost- und Südosteuropa sowie später nach Nordamerika | Armut, Landknappheit, religiöse oder politische Motive, neue Siedlungschancen | Entstehung grenzüberschreitender Familien- und Siedlungsnetzwerke |
| 1816/17 bis Mitte 19. Jahrhundert | starke Auswanderung aus Baden und Württemberg | Hungerkrisen, wirtschaftliche Not, politische Konflikte | Auswanderung wird zum Massenphänomen und Verwaltungsthema |
| 19. bis frühes 20. Jahrhundert | saisonale Arbeitsmigration und Binnenwanderung | Arbeit in Landwirtschaft, Bau und Industrie | Urbanisierung, Kinderarbeit, neue Arbeitsmärkte |
| 1933–1945 | Flucht, Emigration, Deportation und Zwangsarbeit | nationalsozialistische Verfolgung, Krieg und rassistische Herrschaft | Verlust und Vernichtung jüdischen Lebens, erzwungene Mobilität, Nachwirkungen bis heute |
| 1945–1950er Jahre | Flucht und Vertreibung | Kriegsfolgen und Neuordnung Europas | starke Bevölkerungszunahme, Wohnungsnot, soziale und konfessionelle Veränderungen |
| 1955–1973 | staatlich organisierte Arbeitsmigration | Arbeitskräftemangel und wirtschaftlicher Aufschwung | Industrie wächst, neue Communities entstehen |
| 1973–1989 | Familiennachzug und dauerhafte Niederlassung | Anwerbestopp, Familienleben, langfristige Lebensplanung | Einwanderung wird dauerhaft, zweite Generation wächst heran |
| 1990er bis 2000er Jahre | Spätaussiedlung, Flucht aus Jugoslawien, EU-Mobilität | politische Umbrüche, Krieg, Freizügigkeit und Arbeitsmärkte | weitere Pluralisierung von Städten und Regionen |
| seit 2015 | Fluchtmigration und neue Arbeits- und Bildungsmigration | Krieg, Verfolgung, globale Krisen, Arbeits- und Studienmöglichkeiten | neue Debatten über Aufnahme, Teilhabe, Fachkräfte und Zugehörigkeit |
Historische Methoden: Migration erforschen
Migrationsgeschichte eignet sich besonders gut für lokale Forschung. Fast jede Stadt und viele Dörfer in Baden-Württemberg besitzen Spuren davon: Straßennamen, Friedhöfe, Bahnhöfe, Fabriken, Wohnheime, Vereinsarchive, Moscheen, Kirchen, Gedenktafeln, Geschäfte oder Familienalben. Du kannst dadurch große historische Prozesse an konkreten Orten untersuchen.
Eine zentrale Methode ist die Quellenkritik. Frage bei einem Foto: Wer hat es aufgenommen? Was ist im Bild zu sehen – und was bleibt außerhalb des Bildausschnitts? Frage bei einer Statistik: Welche Kategorien werden verwendet? Wer wird gezählt und wer nicht? Frage bei einem Zeitzeugeninterview: Wann wurde die Erinnerung erzählt, und wie kann spätere Erfahrung die Erzählung beeinflusst haben?
Auch Sprache ist eine Quelle. Bezeichnungen wie „Fremdarbeiter“, „Gastarbeiter“, „Ausländer“, „Menschen mit Migrationshintergrund“ oder „Menschen mit Einwanderungsgeschichte“ stammen aus unterschiedlichen Zeiten und Kontexten. Wenn Begriffe wechseln, zeigt das oft auch einen Wandel gesellschaftlicher Vorstellungen.
Die Veranstaltung „Ankommen und bleiben?“ des Hauptstaatsarchivs Stuttgart verdeutlicht, wie Archive Migrationsgeschichte durch Dokumente, Gespräche und Erinnerungskultur erschließen.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was bezeichnet Auswanderung? (Das Verlassen eines Landes oder einer Region mit Verlagerung des Lebensmittelpunkts) (!Die Rückkehr vom Arbeitsplatz nach Hause) (!Eine Reise ohne Veränderung des Lebensmittelpunkts) (!Nur den Umzug innerhalb derselben Gemeinde)
Welche Krise verstärkte die Auswanderung aus dem deutschen Südwesten besonders in den Jahren 1816 und 1817? (Eine schwere Hunger- und Versorgungskrise) (!Die Ölkrise) (!Die Weltwirtschaftskrise von 1929) (!Die deutsche Wiedervereinigung)
Wofür stehen die Schwabenkinder in der Migrationsgeschichte? (Für saisonale Kinder- und Arbeitsmigration nach Oberschwaben) (!Für Studierende an südwestdeutschen Universitäten) (!Für Soldaten im Ersten Weltkrieg) (!Für Beamte der württembergischen Verwaltung)
Warum ist Zwangsarbeit im Nationalsozialismus nicht mit gewöhnlicher Arbeitsmigration gleichzusetzen? (Weil die Betroffenen ihren Arbeits- und Aufenthaltsort nicht frei wählen konnten) (!Weil Zwangsarbeit nur außerhalb Deutschlands stattfand) (!Weil Zwangsarbeiter ausschließlich deutsche Staatsangehörige waren) (!Weil Zwangsarbeit freiwillig und besonders gut bezahlt war)
Welche Gruppe prägte die Zuwanderung nach dem Zweiten Weltkrieg stark? (Flüchtlinge und Vertriebene aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa) (!Touristen aus Nordamerika) (!Kolonialbeamte aus Afrika) (!Pilger aus dem Mittelalter)
Mit welchem Staat schloss die Bundesrepublik 1955 ihr erstes Anwerbeabkommen? (Italien) (!Kanada) (!Japan) (!Schweden)
Was geschah 1973 in der westdeutschen Migrationspolitik? (Es wurde ein Anwerbestopp für viele ausländische Arbeitskräfte verhängt) (!Die Europäische Union wurde gegründet) (!Alle Zugewanderten mussten das Land verlassen) (!Die deutsche Staatsangehörigkeit wurde abgeschafft)
Warum nahm der Familiennachzug nach der Anwerbephase an Bedeutung zu? (Weil viele Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten dauerhaft in Deutschland lebten) (!Weil Auslandsreisen vollständig verboten wurden) (!Weil es keine Arbeitsplätze mehr in Baden-Württemberg gab) (!Weil alle Wohnheime zu Schulen umgebaut wurden)
Welche Migrationsbewegung gewann nach 1989 deutlich an Bedeutung? (Die Zuwanderung von Aussiedlern und Spätaussiedlern aus Mittel- und Osteuropa) (!Die mittelalterliche Ostsiedlung) (!Die römische Kolonisation) (!Die Auswanderung der Alamannen nach Nordafrika)
Welche Aussage beschreibt Baden-Württemberg heute am treffendsten? (Migration ist ein langfristiger Bestandteil seiner Bevölkerungs- und Gesellschaftsgeschichte) (!Migration begann dort erst im Jahr 2015) (!Migration betrifft ausschließlich Großstädte) (!Migration hatte keinen Einfluss auf Wirtschaft und Kultur)
Memory
| Auswanderung | Verlassen einer Region oder eines Landes |
| Zuwanderung | Ankunft mit Verlagerung des Lebensmittelpunkts |
| Schwabenkinder | saisonale Kinderarbeit in Oberschwaben |
| Anwerbeabkommen | staatliche Vereinbarung zur Arbeitskräftegewinnung |
| Anwerbestopp | Ende der organisierten Arbeitskräfteanwerbung im Jahr 1973 |
| Spätaussiedler | deutschstämmige Zuwandernde aus Staaten des ehemaligen Ostblocks |
| Gurs | Deportationsziel badischer Jüdinnen und Juden im Jahr 1940 |
| Teilhabe | Zugang zu gesellschaftlichen Rechten und Möglichkeiten |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Migrationsgeschichtlicher Zusammenhang |
|---|---|
| Auswanderungswelle | Hungerkrise und wirtschaftliche Not im frühen 19. Jahrhundert |
| Schwabenkinder | saisonale Arbeitsmigration aus Alpenregionen nach Oberschwaben |
| Flucht und Vertreibung | Neuankunft vieler Menschen im Südwesten nach dem Zweiten Weltkrieg |
| Arbeitsmigration | Anwerbeabkommen und Industrieboom der Nachkriegszeit |
| Familiennachzug | dauerhafte Niederlassung nach dem Ende der Anwerbephase |
| Spätaussiedlung | Zuwanderung deutschstämmiger Menschen besonders nach dem Ende des Ostblocks |
Kreuzworträtsel
| Amerika | Welches wichtige Ziel hatte die südwestdeutsche Auswanderung im 19. Jahrhundert? |
| Schwabenkinder | Wie wurden saisonal nach Oberschwaben kommende arbeitende Kinder genannt? |
| Gastarbeiter | Welcher historische Begriff bezeichnete viele angeworbene Arbeitsmigranten der Nachkriegszeit? |
| Anwerbestopp | Wie heißt das Ende der organisierten Arbeitskräfteanwerbung von 1973? |
| Spätaussiedler | Wie heißen deutschstämmige Zuwandernde, die besonders aus Nachfolgestaaten des Ostblocks kamen? |
| Integration | Welcher Begriff bezeichnet häufig Prozesse gesellschaftlicher Eingliederung und Teilhabe? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Migrationsspuren vor Ort: Fotografiere oder beschreibe drei Orte in Deiner Gemeinde, die mit Migration verbunden sein könnten, zum Beispiel Bahnhof, Fabrik, Wohnheim, Vereinshaus, Gedenktafel oder Geschäft. Erkläre jeweils Deine Vermutung.
- Begriffswandel: Erstelle eine kleine Begriffskarte zu Auswanderung, Zuwanderung, Flucht und Arbeitsmigration. Formuliere zu jedem Begriff ein eigenes historisches Beispiel aus Baden-Württemberg.
- Bildanalyse Migration: Wähle ein Bild aus diesem aiMOOC und beschreibe zuerst nur sichtbare Details. Deute anschließend, was das Bild über Migration verrät und was es nicht zeigen kann.
- Familienwege: Zeichne eine freiwillige, anonymisierte Wanderungsbiografie aus Deinem Umfeld oder eine erfundene Beispielbiografie und markiere Gründe, Stationen und Wendepunkte.
Standard
- Lokale Migrationsgeschichte: Recherchiere in einer Ortschronik, einem Stadtarchiv oder einer seriösen Onlinequelle eine Migrationsbewegung, die Deine Region geprägt hat. Präsentiere die Ergebnisse auf einer Seite.
- Zeitzeugeninterview Migration: Entwickle zehn respektvolle Fragen für ein Interview zu Ankommen, Arbeit, Schule, Sprache, Zugehörigkeit und Veränderung. Führe das Interview nur mit ausdrücklicher Zustimmung durch und anonymisiere es auf Wunsch.
- Quellenvergleich Migration: Vergleiche ein amtliches Dokument mit einem persönlichen Erinnerungsbericht. Untersuche, welche Informationen beide Quellen liefern und welche Perspektiven fehlen.
- Migrationskarte Baden-Württemberg: Gestalte eine Karte mit mindestens fünf historischen Wanderungsbewegungen und kennzeichne Herkunft, Ziel, Zeitraum und Hauptursache.
Schwer
- Debatte Einwanderungsland: Prüfe die Aussage „Baden-Württemberg wurde erst mit den Gastarbeitern zum Einwanderungsland“. Entwickle eine begründete Gegenposition oder Zustimmung und beziehe mindestens drei frühere oder spätere Migrationsphasen ein.
- Statistikwerkstatt Migration: Suche eine amtliche Wanderungsstatistik und untersuche Kategorien, Bezugsjahr, Wanderungssaldo und mögliche Missverständnisse. Erkläre, warum Staatsangehörigkeit und Einwanderungsgeschichte nicht dasselbe sind.
- Erinnerungskultur und Migration: Vergleiche zwei Erinnerungsorte, zum Beispiel zu Gurs, Flucht und Vertreibung oder Arbeitsmigration. Analysiere, welche Gruppen sichtbar werden, welche Sprache verwendet wird und welche historischen Zusammenhänge erklärt werden.
- Mini-Dokumentation Migrationsgeschichte: Produziere ein drei- bis fünfminütiges Audio oder Video über einen lokalen Migrationsort. Verwende mindestens eine Quelle, eine historische Einordnung und einen Abschnitt zur gesellschaftlichen Veränderung.


Lernkontrolle
- Ursachen und Entscheidungen: Erkläre an zwei unterschiedlichen Migrationsbewegungen, wie wirtschaftliche, politische und soziale Ursachen zusammenwirken. Zeige auch, warum die Unterscheidung zwischen freiwilliger und erzwungener Migration schwierig sein kann.
- Kontinuität und Wandel: Vergleiche die Auswanderung des 19. Jahrhunderts mit der Arbeitsmigration nach 1955. Arbeite mindestens zwei Gemeinsamkeiten und drei Unterschiede heraus.
- Stadt im Wandel: Entwirf für eine fiktive Industriestadt in Baden-Württemberg ein Schaubild, das zeigt, wie starke Zuwanderung Wohnen, Schule, Verkehr, Vereine und Arbeitsmarkt verändern kann. Begründe die Verbindungen.
- Quellenkritik: Ein Foto zeigt lächelnde Menschen bei ihrer Ankunft an einem Bahnhof. Erkläre, warum daraus nicht geschlossen werden darf, ihre gesamte Migrationserfahrung sei positiv gewesen. Nenne weitere Quellen, die Du zur Prüfung heranziehen würdest.
- Begriffe und Macht: Untersuche den historischen Begriff „Gastarbeiter“. Erkläre, welche Erwartung darin steckt und wie sich diese Erwartung von der späteren gesellschaftlichen Realität unterschied.
- Transfer Gegenwart: Nimm eine aktuelle Debatte über Migration und formuliere drei historische Fragen, die helfen, vorschnelle Vergleiche zu vermeiden. Zeige, welche Erkenntnisse aus der baden-württembergischen Migrationsgeschichte nützlich sein können.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du nicht nur Jahreszahlen kennst, sondern historische Zusammenhänge erklären kannst.
- Zeitliche Orientierung: Du kannst zentrale Phasen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart sinnvoll ordnen.
- Migrationsformen: Du unterscheidest Auswanderung, Zuwanderung, Binnenmigration, Arbeitsmigration, Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration.
- Ursachenanalyse: Du erklärst Push- und Pull-Faktoren, ohne komplexe Wanderungsentscheidungen auf einen einzigen Grund zu reduzieren.
- Gesellschaftlicher Wandel: Du zeigst Folgen für Wirtschaft, Städte, Bildung, Kultur, Religion, Familien und politische Teilhabe.
- Quellenkompetenz: Du analysierst Fotos, Akten, Statistiken und Erinnerungsberichte hinsichtlich Urheber, Perspektive, Aussagekraft und Grenzen.
- Begriffskompetenz: Du verwendest historische Begriffe kontextbezogen und kannst problematische oder überholte Bezeichnungen einordnen.
- Urteilskompetenz: Du kannst unterschiedliche Deutungen von Integration, Zugehörigkeit und Erinnerungskultur begründet vergleichen.
- Gegenwartsbezug: Du stellst Bezüge zu heutigen Debatten her, ohne historische Situationen vorschnell gleichzusetzen.
OERs zum Thema
Als weitere offene und öffentlich zugängliche Rechercheangebote eignen sich besonders die landeskundlichen Bestände von LEO-BW, Materialien des Landesarchivs Baden-Württemberg, Veröffentlichungen der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und amtliche Daten des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg. Prüfe bei aktuellen Zahlen immer das Bezugsjahr und die verwendete Definition.
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