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Stromnetze und Energiespeicher - Baden-Württemberg

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Stromnetze und Energiespeicher - Baden-Württemberg




Stromnetze und Energiespeicher - Baden-Württemberg


Einleitung

Die Energiewende verändert das elektrische Energiesystem grundlegend. Strom wird zunehmend aus Photovoltaik, Windenergie, Wasserkraft und weiteren erneuerbaren Quellen erzeugt. Gleichzeitig steigt der Strombedarf in neuen Anwendungsfeldern, etwa durch Elektromobilität, Wärmepumpen, elektrische Industrieprozesse und die zunehmende Sektorenkopplung. Für ein Industrieland wie Baden-Württemberg ist deshalb entscheidend, dass Strom nicht nur klimafreundlich erzeugt, sondern jederzeit sicher transportiert, verteilt und bei Bedarf zeitlich verschoben werden kann.

Ein Stromnetz ist kein gewöhnliches Transportsystem. Elektrische Energie muss im Wechselstromsystem in jedem Augenblick so bereitgestellt und entnommen werden, dass Erzeugung und Verbrauch im Gleichgewicht bleiben. Abweichungen zeigen sich unter anderem in der Netzfrequenz. Im europäischen Verbundnetz beträgt die Nennfrequenz 50 Hertz. Netzbetreiber überwachen deshalb Leistung, Frequenz, Spannung und Betriebsmittel ständig und greifen ein, wenn Grenzwerte oder Sicherheitskriterien gefährdet sind.

Für Baden-Württemberg treffen mehrere Herausforderungen zusammen: ein hoher Strombedarf von Industrie, Gewerbe und Haushalten, wachsende dezentrale Einspeisung aus erneuerbaren Energien, neue elektrische Verbraucher und die Notwendigkeit, große Energiemengen über weite Strecken in den Südwesten zu transportieren. Das Übertragungsnetz in Baden-Württemberg wird von TransnetBW betrieben. Auf den darunterliegenden Spannungsebenen übernehmen Verteilnetzbetreiber die regionale und lokale Versorgung. Zu ihnen gehört unter anderem Netze BW.

In diesem aiMOOC lernst Du die technische Struktur von Stromnetzen, die Aufgaben von Netzbetrieb und Systemführung sowie wichtige Speichertechnologien kennen. Du untersuchst außerdem, wie Netzausbau, Digitalisierung, Flexibilität und Energiespeicher gemeinsam zur Versorgungssicherheit und zur Energiewende in Baden-Württemberg beitragen.


Lernziele

Nach der Bearbeitung kannst Du die Spannungsebenen eines Stromnetzes erklären, zwischen Leistung und Energie unterscheiden und die Aufgaben von Umspannwerken, Netzschutz und Systemführung beschreiben. Du kannst technische Eigenschaften verschiedener Speicher vergleichen, einfache Speicherrechnungen durchführen und beurteilen, welche Maßnahmen bei unterschiedlichen Netzproblemen sinnvoll sind. Außerdem kannst Du konkrete Beispiele aus Baden-Württemberg technisch einordnen und Zielkonflikte zwischen Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit, Flächenbedarf, Umweltschutz und Ausbaugeschwindigkeit diskutieren.


Aufbau des Stromnetzes


Von der Erzeugung bis zum Verbrauch

Elektrische Energie wird über mehrere Spannungsebenen transportiert. Sehr hohe Spannungen verringern bei gleicher übertragener Wirkleistung den erforderlichen Strom und damit die ohmschen Leitungsverluste. Das Übertragungsnetz arbeitet in Deutschland vor allem auf der Höchstspannungsebene mit 220 und 380 Kilovolt. Es verbindet große Erzeugungs- und Verbrauchsschwerpunkte sowie Regionen und Nachbarländer.

Darunter liegt das Verteilnetz. Die Hochspannungsebene verteilt Energie regional, Mittelspannungsnetze versorgen beispielsweise Stadtteile, Gewerbegebiete und größere Betriebe, und Niederspannungsnetze führen schließlich zu Haushalten und kleineren Gewerbekunden. Durch dezentrale Photovoltaik, Batteriespeicher, Ladeeinrichtungen und Wärmepumpen fließt Energie heute häufiger in wechselnden Richtungen. Aus einem früher überwiegend hierarchischen Netz wird deshalb ein stärker vernetztes, mess- und steuerbares System.

Ein Transformator koppelt unterschiedliche Spannungsebenen. In einem Umspannwerk werden darüber hinaus Stromkreise geschaltet, Messgrößen erfasst, Leitungen geschützt und je nach Anlage weitere Systemdienstleistungen bereitgestellt. Schutztechnik muss Fehler wie Kurzschlüsse sehr schnell erkennen und den betroffenen Netzabschnitt selektiv abschalten, ohne unnötig große Teile des Netzes zu trennen.


Wirkleistung, Blindleistung und Spannung

Für die Netztechnik reicht es nicht, nur die übertragene Energie zu betrachten. Wirkleistung ist der Anteil elektrischer Leistung, der in nutzbare Energieformen wie mechanische Arbeit, Wärme oder Licht umgewandelt werden kann. Blindleistung pendelt im Wechselstromsystem zwischen Quellen und elektrischen oder magnetischen Feldern. Sie ist für viele Betriebsmittel unvermeidbar und spielt eine wichtige Rolle für die Spannungshaltung.

Netzbetreiber müssen deshalb nicht nur ausreichend Wirkleistung bereitstellen, sondern auch die Spannung lokal innerhalb zulässiger Bereiche halten. Transformatorstufungen, Kompensationsanlagen, Umrichter, Generatoren und weitere Betriebsmittel können zur Spannungshaltung beitragen. Mit dem Ausbau leistungselektronisch gekoppelter Erzeuger und Speicher gewinnt die gezielte Regelung über Umrichter an Bedeutung.


Das N-1-Prinzip

Ein wichtiges Planungs- und Betriebskonzept ist das N-1-Kriterium. Vereinfacht bedeutet es: Das Netz soll einen einzelnen Ausfall eines relevanten Betriebsmittels, etwa einer Leitung oder eines Transformators, verkraften können, ohne dass daraus eine großflächige Versorgungsunterbrechung entsteht. Dafür werden mögliche Ausfälle rechnerisch untersucht und Leistungsflüsse laufend überwacht.

Das N-1-Prinzip zeigt einen grundlegenden Zielkonflikt. Ein Netz, das im Normalbetrieb jede Leitung bis an ihre physikalische Grenze auslastet, hätte kaum Reserven für einen Fehlerfall. Gleichzeitig wäre ein extrem großzügig dimensioniertes Netz teuer und ressourcenintensiv. Moderne Systemführung versucht deshalb, vorhandene Infrastruktur sicher und möglichst effizient zu nutzen.


Versorgungssicherheit und Systemführung


Gleichgewicht im Stromsystem

Die Frequenz eines Wechselstromnetzes reagiert auf das Gleichgewicht zwischen eingespeister und entnommener Wirkleistung. Wird plötzlich mehr Leistung verbraucht als erzeugt, tendiert die Frequenz nach unten. Ist die Erzeugung größer als der Verbrauch, tendiert sie nach oben. Regelreserven, Speicher, flexible Verbraucher, steuerbare Erzeugungsanlagen und der Austausch im europäischen Verbund helfen, Abweichungen auszugleichen.

Versorgungssicherheit hat mehrere Ebenen. Marktseitig muss genügend Leistung verfügbar sein, um die Nachfrage zu decken. Netzseitig muss diese Leistung auch über ein sicheres Netz zu den Verbrauchsschwerpunkten transportiert werden können. Hinzu kommen betriebliche Aspekte wie Frequenz- und Spannungshaltung, Reserven, Schutzkonzepte, Wiederaufbau nach Störungen und eine zuverlässige Informations- und Kommunikationstechnik.


Redispatch und Netzengpässe

Ein Netzengpass entsteht, wenn eine Leitung oder ein anderes Betriebsmittel unter den gegebenen Bedingungen nicht genügend Übertragungskapazität besitzt, um den geplanten Leistungsfluss sicher aufzunehmen. Dann können Netzbetreiber den Einsatz von Erzeugungsanlagen, Speichern oder weiteren Flexibilitäten anpassen. Ein solches Engpassmanagement wird als Redispatch bezeichnet.

Wichtig ist die Unterscheidung: Ein Energiemangel und ein Netzengpass sind nicht dasselbe. Es kann insgesamt genügend elektrische Leistung vorhanden sein, während sie wegen begrenzter Netzkapazität nicht in der gewünschten Menge in eine bestimmte Region transportiert werden kann. Umgekehrt löst ein stärkeres Netz allein nicht jedes Problem fehlender gesicherter Erzeugungs- oder Speicherleistung.


Netzleitstellen und Digitalisierung

In Netzleitstellen laufen Messwerte, Schaltzustände, Prognosen und Meldungen zusammen. Netzführungssoftware unterstützt das Betriebspersonal bei der Bewertung des aktuellen Systemzustands. Mit mehr dezentralen Anlagen steigt die Bedeutung von digitaler Messtechnik, Automatisierung, Prognosen und sicherer Kommunikation.

Ein Smart Grid verbindet Erzeuger, Verbraucher, Speicher und Netzbetrieb mit Informations- und Kommunikationstechnik. Das Ziel ist nicht, physische Leitungen durch Software zu ersetzen. Vielmehr sollen vorhandene Betriebsmittel besser beobachtet und Flexibilitäten gezielt genutzt werden. Wo dauerhaft mehr Leistung transportiert werden muss, bleibt physischer Netzausbau erforderlich.


Baden-Württemberg im Verbundnetz

Baden-Württemberg ist Teil des deutschen und europäischen Verbundsystems. Dadurch können Erzeugungs- und Verbrauchsschwankungen über große Gebiete ausgeglichen werden. Zugleich muss das Netz ausreichende Übertragungskapazitäten besitzen, damit elektrische Energie zwischen Regionen tatsächlich transportiert werden kann.

Der Umbau des Energiesystems verschiebt Erzeugungsschwerpunkte. Große Mengen Windstrom entstehen beispielsweise in Nord- und Ostdeutschland sowie auf See, während im industriestarken Süden hohe Lasten bestehen. Gleichzeitig wächst die dezentrale Erzeugung im Land selbst, vor allem durch Photovoltaik. Die Aufgabe lautet deshalb nicht einfach „mehr Stromleitungen“, sondern eine abgestimmte Kombination aus Netzausbau, Netzverstärkung, Erzeugung, Flexibilität, Speichern, Lastmanagement und europäischem Stromhandel.


Fallbeispiel ULTRANET

ULTRANET ist ein Beispiel für den Ausbau des überregionalen Stromtransports. Das Projekt nutzt Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung, kurz HGÜ, und soll große Wirkleistungen über weite Entfernungen in den Südwesten transportieren. In Philippsburg wird Gleichstrom über einen Konverter mit dem Wechselstromnetz gekoppelt. Nach den aktuellen Projektangaben von TransnetBW ist der Wirkleistungsbetrieb ab Ende 2026 vorgesehen.

Technisch interessant ist dabei die Verbindung verschiedener Aufgaben: Ein moderner Konverter kann nicht nur Wirkleistung zwischen Gleich- und Wechselstromsystem übertragen, sondern über seine Leistungselektronik auch zur Spannungshaltung beitragen. Das Beispiel zeigt, wie Netzausbau und Systemdienstleistungen zunehmend zusammen gedacht werden.


Fallbeispiel Badische Rheinschiene

Die Netzverstärkung Badische Rheinschiene zwischen dem Raum Karlsruhe und Südbaden ist ein Beispiel für die Verstärkung bestehender Transportachsen. Im Jahr 2026 haben im Abschnitt B3 nach einem Teilbeschluss weitere Bauarbeiten begonnen. Solche Projekte erhöhen die Übertragungskapazität und sollen Engpässe reduzieren. Gleichzeitig erfordern sie Planung, Genehmigung, Bau, Schutzkonzepte und Abstimmung mit Kommunen, Grundstückseigentümern, Umweltbelangen und weiteren Infrastrukturen.


Fallbeispiel Netzbooster Kupferzell

Der Netzbooster in Kupferzell veranschaulicht eine weitere Strategie. Ein großer Batteriespeicher wird so in die Systemführung eingebunden, dass er bei bestimmten Netzsituationen sehr schnell Leistung bereitstellen kann. Dadurch kann das Übertragungsnetz im Normalbetrieb besser genutzt werden, während für den Störungsfall eine schnelle Reaktion verfügbar ist.

Ein Netzbooster ist damit nicht einfach ein Speicher, der nur günstigen Strom lädt und später teuer verkauft. Sein geplanter Nutzen hängt unmittelbar mit Netzbetrieb, Ausfallvorsorge, Steuerung und der Lage im Stromnetz zusammen. Diese Unterscheidung ist wichtig, wenn Du Speicherprojekte technisch bewertest.


Energiespeicher

Ein Energiespeicher nimmt Energie auf, hält sie für eine bestimmte Zeit vor und gibt sie später wieder ab. Dabei wird Energie nicht erzeugt. Jede reale Speicherkette besitzt Verluste. Für die technische Bewertung sind deshalb mindestens Leistung, Energieinhalt, Wirkungsgrad, Reaktionszeit, Speicherdauer, Zyklenfestigkeit, Standortanforderungen, Kosten und die gewünschte Netzfunktion zu betrachten.

Eine einfache Grundbeziehung lautet:

E = P · t

Dabei ist E die Energie, P die Leistung und t die Zeit. Ein Speicher mit 20 Megawatt nutzbarer Entladeleistung und 80 Megawattstunden nutzbarer Energie könnte bei idealisierter Betrachtung vier Stunden lang mit 20 Megawatt entladen werden. In der Praxis beeinflussen Wirkungsgrad, Ladezustandsgrenzen, Temperatur, Alterung und Betriebsstrategie das Ergebnis.

Der Speicherwirkungsgrad kann vereinfacht beschrieben werden als:

η = Eab / Ezu

Ein Wirkungsgrad kleiner als eins bedeutet, dass bei einem vollständigen Speicherzyklus weniger elektrische Energie zurückgewonnen wird, als zuvor zum Laden eingesetzt wurde.


Batteriespeicher

Batteriespeicher speichern Energie elektrochemisch. Lithium-Ionen-Systeme können ihre Leistung sehr schnell verändern und eignen sich deshalb unter anderem für Frequenzregelung, Leistungsglättung, Eigenverbrauchsoptimierung, Spitzenlastmanagement und bestimmte netzdienliche Anwendungen. Große Batteriespeicher bestehen typischerweise aus Batteriemodulen, Batteriemanagement, Kühlung oder Temperierung, Leistungselektronik, Schutztechnik, Transformatoren und einer übergeordneten Steuerung.

Für die Auslegung muss klar sein, ob ein Projekt vor allem hohe Leistung für kurze Zeit oder viel Energie über mehrere Stunden bereitstellen soll. Zwei Speicher mit gleicher Leistung können deshalb technisch sehr verschieden sein, wenn ihre Energieinhalte unterschiedlich groß sind. Ebenso entscheidend sind Brandschutz, elektrische Sicherheit, Zellüberwachung, Alterung, Netzanschluss und das Regelungskonzept.


Pumpspeicherkraftwerke

Ein Pumpspeicherkraftwerk nutzt zwei Wasserreservoirs auf unterschiedlicher Höhe. Bei verfügbarer elektrischer Energie wird Wasser in das höher gelegene Becken gepumpt. Bei späterem Strombedarf fließt es zurück und treibt Turbinen beziehungsweise reversible Pump-Turbinen und Generatoren an. Die gespeicherte Energie beruht damit auf der Lageenergie des Wassers.

Der Südschwarzwald besitzt mit den Anlagen des Schluchseewerks eine lange Pumpspeichertradition. Das System rund um den Schluchsee zeigt anschaulich, dass Energiespeicherung nicht nur aus einer einzelnen Maschine besteht, sondern aus Speicherseen, Wasserwegen, Druckstollen, Maschinen, Schaltanlagen und Netzanschlüssen.

Pumpspeicher können große Leistungen bereitstellen und vielfach eingesetzt werden. Ihre Standorte sind jedoch an geografische, wasserwirtschaftliche und ökologische Bedingungen gebunden. Deshalb lassen sie sich nicht beliebig an jedem Netzpunkt errichten.


Weitere Speicher- und Flexibilitätsoptionen

Neben Batterien und Pumpspeichern existieren weitere Möglichkeiten. Wärme kann in Wasser, Feststoffen oder anderen thermischen Speichern zwischengespeichert werden. Über Power-to-Gas kann elektrische Energie zunächst in Wasserstoff oder weitere chemische Energieträger umgewandelt werden. Solche Ketten können für lange Speicherzeiten interessant sein, besitzen aber zusätzliche Umwandlungsverluste und benötigen passende Infrastruktur.

Auch flexible Verbraucher können eine ähnliche Systemwirkung wie Speicher haben, obwohl sie physikalisch keine elektrische Energie speichern. Ein Industriebetrieb kann einen Prozess zeitlich verschieben, eine Wärmepumpe kann einen Wärmespeicher nutzen und ein Elektrofahrzeug kann seinen Ladevorgang an die Netzsituation anpassen. Beim Vehicle-to-Grid kommt zusätzlich eine Rückspeisung aus Fahrzeugbatterien in Betracht. Welche Option sinnvoll ist, hängt vom konkreten Zeitmaßstab und Netzproblem ab.


Speicher und Netz: Nicht jede Lösung passt zu jedem Problem

Ein häufiger Denkfehler lautet: „Wenn erneuerbare Energien schwanken, braucht man nur mehr Speicher.“ Tatsächlich hat das Energiesystem mehrere unterschiedliche Aufgaben. Für Schwankungen innerhalb von Sekunden werden andere Eigenschaften benötigt als für mehrstündige Lastverschiebungen oder eine länger andauernde Phase mit geringer Wind- und Solarstromerzeugung. Ebenso kann ein lokaler Netzengpass bestehen, obwohl im Gesamtsystem ausreichend Energie gespeichert ist.

Für eine technische Bewertung solltest Du daher zuerst das Problem definieren: Geht es um Frequenz, Spannung, Überlastung einer Leitung, Spitzenlast, Eigenverbrauch, Reserveleistung, Energieverschiebung oder längerfristige Versorgung? Erst danach lassen sich Netzverstärkung, Speicher, flexible Last, Erzeugungsmanagement oder eine Kombination sinnvoll vergleichen.


Leistungselektronik, Schutz und Betrieb

Viele moderne Erzeuger und Speicher sind über Leistungselektronik mit dem Netz verbunden. Wechselrichter und Umrichter können Wirkleistung präzise regeln und je nach Auslegung auch Blindleistung bereitstellen. Gleichzeitig verändert sich dadurch das Verhalten des Netzes im Fehlerfall. Schutztechnik, Kurzschlussströme, Netzbildung, Regelalgorithmen und Kommunikationssysteme werden deshalb zu zentralen Themen moderner Energietechnik.

Für Ausbildung und Studium ist wichtig, zwischen der physikalischen Anlage und ihrer Regelung zu unterscheiden. Dieselbe Batterie kann je nach Software, Netzanschlusspunkt, vertraglicher Aufgabe und Leistungselektronik völlig unterschiedliche Systemdienste erbringen.


Arbeitssicherheit

Arbeiten an elektrischen Anlagen dürfen nur von entsprechend qualifizierten Personen und nach den geltenden Sicherheitsregeln durchgeführt werden. In der Elektrotechnik gehören die Fünf Sicherheitsregeln zu den grundlegenden Schutzmaßnahmen: Freischalten, gegen Wiedereinschalten sichern, Spannungsfreiheit feststellen, erden und kurzschließen sowie benachbarte unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken. Welche Regeln im konkreten Arbeitsauftrag anzuwenden sind, hängt von Anlage, Spannungsebene, Tätigkeit und betrieblicher Organisation ab.

Bei Batteriespeichern kommen weitere Gefährdungen hinzu, etwa hohe Gleichspannungen, große Kurzschlussleistungen, chemische Risiken und mögliche thermische Ereignisse. Sichere Planung verbindet deshalb elektrische Schutztechnik, Brandschutz, Überwachung, Betriebsanweisungen und Notfallkonzepte.


Smart Grids und flexible Verbraucher

Mit wachsender Zahl dezentraler Anlagen muss das Verteilnetz stärker beobachtet werden. Messwerte aus Ortsnetzstationen, intelligenten Messsystemen und steuerbaren Anlagen können helfen, den Netzzustand besser abzuschätzen. Steuerbare Verbraucher wie Wärmepumpen, Ladepunkte und Speicher können in bestimmten Situationen netzorientiert betrieben werden.

Digitalisierung schafft jedoch neue Anforderungen. Kommunikationsausfälle, fehlerhafte Messwerte und Cyberangriffe dürfen die sichere Stromversorgung nicht gefährden. Deshalb gehören IT-Sicherheit, Redundanz, Rollen- und Rechtekonzepte, sichere Kommunikationswege und robuste Rückfallebenen zur modernen Netztechnik.


Netzausbau oder Speicher?

Die Frage „Netz oder Speicher?“ ist technisch meist zu einfach. Netze übertragen Energie räumlich, Speicher verschieben Energie zeitlich. Beide können Flexibilität schaffen, aber auf unterschiedliche Weise. Ein neues Kabel kann beispielsweise einen dauerhaften regionalen Leistungsbedarf erschließen, während ein Batteriespeicher Lastspitzen abfedern kann. Ein Pumpspeicher kann große Energiemengen zeitlich verschieben, ersetzt aber nicht automatisch eine überlastete lokale Mittelspannungsleitung.

Für eine belastbare Entscheidung werden daher Last- und Erzeugungsprofile, Netztopologie, Ausfallfälle, Kosten, Verluste, Flächenbedarf, Lebensdauer, Umweltwirkungen, Genehmigungsdauer und Systemnutzen gemeinsam betrachtet. In der Praxis entstehen häufig hybride Lösungen aus Ausbau, intelligenter Steuerung und Flexibilität.


Berufs- und Studienbezug

Stromnetze und Energiespeicher verbinden Elektrotechnik, Maschinenbau, Informatik, Regelungstechnik, Bauwesen, Geowissenschaften, Energiewirtschaft und Umweltplanung. In Ausbildung und Studium begegnen Dir unter anderem Netzberechnung, Schutztechnik, Hochspannungstechnik, Leistungselektronik, Speicherchemie, Automatisierung, SCADA-Systeme, Asset Management und Projektplanung.

Typische berufliche Aufgaben reichen von Montage, Instandhaltung und Prüfung über Netzplanung und Leittechnik bis zu Simulation, Genehmigungsmanagement, Cybersecurity und Forschung. Versorgungssicherheit ist daher kein Produkt einer einzelnen Technik, sondern das Ergebnis vieler aufeinander abgestimmter Fachdisziplinen.


Quellen und Vertiefung

  1. Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg – Versorgungssicherheit
  2. Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg – Netzausbau
  3. TransnetBW – Übertragungsnetz in Baden-Württemberg
  4. TransnetBW – ULTRANET
  5. Netze BW – Netzausbau


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Welche Größe zeigt im europäischen Wechselstrom-Verbundnetz besonders direkt das momentane Gleichgewicht von Wirkleistungserzeugung und -verbrauch? (Netzfrequenz) (!Leitungsfarbe) (!Mastnummer) (!Zählergehäuse)




Welche Hauptaufgabe hat ein Transformator im Stromnetz? (Spannungsebenen koppeln) (!Elektrische Energie chemisch speichern) (!Windgeschwindigkeit messen) (!Stromtarife festlegen)




Was beschreibt das N-1-Kriterium vereinfacht? (Das Netz soll einen einzelnen relevanten Betriebsmittelausfall beherrschen) (!Jede Leitung darf nur einmal pro Jahr belastet werden) (!Ein Speicher darf nur einen Ladezyklus durchführen) (!Alle Verbraucher müssen dieselbe Leistung aufnehmen)




Was ist Redispatch? (Anpassung von Einspeisung oder Flexibilität zur Entlastung von Netzengpässen) (!Austausch eines Stromzählers im Haushalt) (!Messung des Wasserstands eines Speichersees) (!Umstellung von Wechselstrom auf Fernwärme)




Welche Aussage zu Leistung und Energie ist richtig? (Leistung beschreibt eine Energierate und Energie ergibt sich aus Leistung mal Zeit) (!Leistung und Energie sind immer dieselbe physikalische Größe) (!Energie wird ausschließlich in Kilowatt gemessen) (!Leistung kann nur bei Gleichstrom auftreten)




Welche Technologie speichert elektrische Energie über die Lageenergie von Wasser? (Pumpspeicherkraftwerk) (!Transformator) (!Freileitung) (!Leistungsschalter)




Welche Eigenschaft ist für Batteriespeicher bei schnellen Netzdienstleistungen besonders nützlich? (Schnelle Veränderbarkeit der Leistung) (!Unbegrenzte Lebensdauer) (!Völlige Verlustfreiheit) (!Unabhängigkeit vom Netzanschluss)




Was ist eine wesentliche Aufgabe von Blindleistung im Wechselstromnetz? (Unterstützung der Spannungshaltung) (!Speicherung von Wasserstoff) (!Festlegung der Netzfrequenz auf Gleichstrom) (!Berechnung von Strompreisen)




Warum ersetzen Smart Grids den physischen Netzausbau nicht vollständig? (Dauerhaft höhere Transportbedarfe können zusätzliche Netzkapazität erfordern) (!Digitale Messgeräte können grundsätzlich keinen Strom messen) (!Smart Grids funktionieren nur ohne erneuerbare Energien) (!Netzleitungen dürfen nicht automatisiert überwacht werden)




Welche Aussage beschreibt das Zusammenspiel von Netz und Speicher am besten? (Netze verschieben Energie räumlich und Speicher vor allem zeitlich) (!Netze und Speicher erfüllen technisch immer exakt dieselbe Aufgabe) (!Speicher machen Transformatoren grundsätzlich überflüssig) (!Netzausbau kann nur bei Gleichstrom erfolgen)





Memory

Übertragungsnetz großräumiger Energietransport
Umspannwerk Kopplung und Schaltung von Spannungsebenen
Redispatch Engpassmanagement durch angepasste Leistung
Pumpspeicher Speicherung als Lageenergie von Wasser
Batteriesystem elektrochemische Energiespeicherung
Blindleistung Unterstützung der Spannungshaltung
Netzfrequenz Indikator für das Wirkleistungsgleichgewicht
Smart Grid digital koordiniertes Energiesystem





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Ferntransport Übertragungsnetz
Spannungsanpassung Transformator
Engpassentlastung Redispatch
Kurzzeitspeicherung Batteriespeicher
Lageenergiespeicherung Pumpspeicherkraftwerk
Spannungsstützung Blindleistung




...


Kreuzworträtsel

Redispatch Wie heißt die Anpassung von Einspeisungen und Flexibilitäten zur Entlastung eines Netzengpasses?
Blindleistung Welche elektrische Leistungsart ist besonders mit der Spannungshaltung verbunden?
Pumpspeicher Wie heißt ein Speichertyp, der Wasser zwischen unterschiedlich hohen Becken bewegt?
Transformator Welches Betriebsmittel koppelt unterschiedliche Wechselspannungsniveaus?
Netzfrequenz Welche Größe liegt im europäischen Verbundnetz nominal bei 50 Hertz?
Batteriespeicher Welcher elektrochemische Speicher kann seine Leistung besonders schnell verändern?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Das Übertragungsnetz in Baden-Württemberg wird von

betrieben.
Im europäischen Verbundnetz beträgt die Nennfrequenz

.
Ein Betriebsmittel zur Kopplung verschiedener Spannungsebenen heißt

.
Die Anpassung von Einspeisungen zur Entlastung eines Netzengpasses heißt

.
Die Grundbeziehung zwischen Energie, Leistung und Zeit lautet

.
Ein Speicher mit zwei Wasserbecken auf unterschiedlicher Höhe ist ein

.
Für die Spannungshaltung im Wechselstromnetz ist unter anderem

wichtig.
Das Kriterium für die Beherrschung eines einzelnen relevanten Ausfalls heißt

.
Ein digital koordiniertes Stromnetz wird als

bezeichnet.
Netze verschieben elektrische Energie vor allem räumlich, Speicher verschieben sie vor allem

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Netzweg: Zeichne den Weg elektrischer Energie von einem Kraftwerk oder einer Photovoltaikanlage bis zu einem Haushalt und beschrifte mindestens vier technische Stationen.
  2. Speichersteckbrief: Erstelle einen Steckbrief zu einem Batteriespeicher oder Pumpspeicher mit den Größen Leistung, Energieinhalt, Wirkungsgrad, Reaktionszeit und Einsatzgebiet.
  3. Anlagenanalyse: Suche ein öffentlich zugängliches Foto eines Umspannwerks und markiere darauf erkennbare Komponenten. Erläutere, welche Funktionen Du sicher zuordnen kannst und wo Du nur Vermutungen anstellst.
  4. Frequenzmodell: Erkläre mit einem selbst gewählten Alltagsvergleich, warum Erzeugung und Verbrauch im Stromsystem ständig im Gleichgewicht gehalten werden müssen.


Standard

  1. Lastprofilanalyse: Erstelle für einen fiktiven Betrieb ein 24-Stunden-Lastprofil und markiere Zeiten, in denen ein Batteriespeicher Lastspitzen reduzieren könnte.
  2. Speicherrechnung: Entwickle eine Rechenaufgabe zu Leistung, Speicherdauer und Wirkungsgrad eines Pumpspeichers und löse sie vollständig mit Einheiten.
  3. Smart-Grid-Konzept: Entwirf für ein Wohnquartier mit Photovoltaik, Wärmepumpen, Ladepunkten und Batteriespeichern ein einfaches Regelkonzept für hohe Solarerzeugung und hohe Abendlast.
  4. Interview: Führe ein Interview mit einer Fachperson aus Elektrotechnik, Stadtwerk, Netzbetrieb oder Hochschule über Maßnahmen zur Versorgungssicherheit und dokumentiere die wichtigsten technischen Aussagen.


Schwer

  1. Ausfallanalyse: Entwirf ein vereinfachtes Netz mit mindestens zwei Einspeisepunkten und mehreren Leitungen. Untersuche, welche Folgen der Ausfall jeweils einer Leitung hat und welche Redundanz nötig wäre.
  2. Engpasssimulation: Entwickle ein Zahlenbeispiel mit Erzeugung nördlich und Verbrauch südlich eines begrenzten Leitungsabschnitts. Zeige, wie Redispatch oder ein passend platzierter Speicher den Engpass beeinflussen kann.
  3. Technikvergleich: Vergleiche für einen fiktiven wachsenden Industriestandort die Optionen Leitungsverstärkung, Batteriespeicher und Lastmanagement. Entwickle Kriterien und begründe eine kombinierte Lösung.
  4. Regionalprojekt: Analysiere ein reales Netz- oder Speicherprojekt in Baden-Württemberg. Stelle technische Funktion, Standortbezug, Systemnutzen, Genehmigungsfragen und mögliche Zielkonflikte in einem Poster, Video oder Kurzvortrag dar.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Störungsfall: In einer Region fällt bei hoher Last eine wichtige Leitung aus. Erkläre, welche Informationen eine Leitstelle benötigt und welche Maßnahmen in welcher Reihenfolge geprüft werden könnten. Begründe, warum ein Batteriespeicher allein nicht automatisch die beste Lösung ist.
  2. Auslegung: Ein Betrieb benötigt für vier Stunden eine zusätzliche Leistung von 5 Megawatt. Bestimme den idealisierten Energiebedarf und diskutiere anschließend, welche realen Faktoren die Speichergröße erhöhen können.
  3. Standortwirkung: Zwei technisch identische Batteriespeicher stehen an unterschiedlichen Netzknoten. Erkläre, warum sie für die Behebung eines bestimmten Netzengpasses einen unterschiedlichen Nutzen haben können.
  4. Digitalisierung: Beurteile die Aussage „Mit genügend Sensoren und Software braucht man keinen Netzausbau mehr“. Formuliere eine technisch begründete Gegenposition und nenne Situationen, in denen Digitalisierung dennoch Netzausbau vermeiden oder verschieben kann.
  5. Technologievergleich: Vergleiche Pumpspeicher und Lithium-Ionen-Großspeicher für zwei Anwendungen: schnelle Frequenzregelung und mehrstündige Energieverschiebung. Arbeite Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Standortbedingungen heraus.
  6. Baden-Württemberg: Entwickle ein Maßnahmenpaket für ein zukünftiges Stromsystem in Baden-Württemberg mit hoher erneuerbarer Erzeugung und hoher Elektrifizierung. Verknüpfe mindestens Netzausbau, Speicher, flexible Lasten und Systemführung und erläutere die Wechselwirkungen.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis zu diesem Thema solltest Du zeigen, dass Du technische Zusammenhänge nicht nur wiedergeben, sondern auf neue Situationen übertragen kannst. Wichtig sind:

  1. Stromnetz: Du kannst Übertragungs- und Verteilnetz sowie die Aufgaben der Spannungsebenen und Umspannwerke unterscheiden.
  2. Netzstabilität: Du kannst das Zusammenspiel von Wirkleistungsbilanz, Netzfrequenz, Spannung und Blindleistung erklären.
  3. Versorgungssicherheit: Du kannst marktseitige und netzseitige Herausforderungen auseinanderhalten und geeignete Maßnahmen begründen.
  4. Energiespeicher: Du kannst Leistung, Energieinhalt, Speicherdauer und Wirkungsgrad korrekt verwenden und einfache Rechnungen durchführen.
  5. Speichertechnologie: Du kannst Batteriespeicher, Pumpspeicher und weitere Flexibilitätsoptionen anhand technischer Kriterien vergleichen.
  6. Netzbetrieb: Du kannst N-1-Prinzip, Netzengpass und Redispatch in einem konkreten Szenario anwenden.
  7. Baden-Württemberg: Du kannst mindestens ein regionales Netz- oder Speicherprojekt technisch einordnen.
  8. Technikfolgenabschätzung: Du kannst eine Lösung unter Versorgungssicherheit, Kosten, Umweltwirkung, Standort und Umsetzbarkeit abwägen.
  9. Arbeitssicherheit: Du kannst erklären, warum elektrische Anlagen nur nach Qualifikation, Betriebsregeln und geeigneten Schutzmaßnahmen bearbeitet werden dürfen.




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