GLAUBEN SIE NICHT, DASS ICH EINE AMAZONE BIN

GLAUBEN SIE NICHT, DASS ICH EINE AMAZONE BIN
Einleitung
GLAUBEN SIE NICHT, DASS ICH EINE AMAZONE BIN ist eine Schlüsselarbeit der deutschen Videokunst und Performancekunst von Ulrike Rosenbach. Die 1975 entstandene Arbeit ist kein Spielfilm mit erfundener Handlung, sondern ein analoges Video, das auf einer gleichnamigen Video-Live-Aktion beruht. Rosenbach verbindet darin ihren eigenen Körper, eine Kamera- und Monitoranordnung, Bogenschießen und eine Reproduktion von Stefan Lochners spätmittelalterlicher Muttergottes in der Rosenlaube – häufig auch Madonna im Rosenhag genannt.
Das Entscheidende geschieht nicht allein vor der Kamera, sondern im elektronischen Bild: Rosenbachs Gesicht wird mit dem Gesicht der Madonna überblendet. Während die Künstlerin Pfeile auf die reproduzierte Marienfigur schießt, treffen die Pfeile im Monitorbild deshalb zugleich die Madonna und das Bild der Künstlerin. Die Arbeit macht damit aus zwei überlieferten Frauenbildern – der sanften, heiligen Mutter und der kämpferischen Amazone – ein instabiles Doppelbild. Genau dieses Doppelbild ist der Ausgangspunkt für die Analyse von Feminismus, Selbstinszenierung, Ikonografie, Medienkunst und der Frage, wie Kunstgeschichte Vorstellungen von Weiblichkeit prägt.
Der aiMOOC richtet sich an die Klassen 11–13. Du lernst, die Performance präzise zu beschreiben, ihre mediale Konstruktion zu analysieren, kunsthistorische Bezüge zu erschließen und feministische Deutungen argumentativ zu prüfen. Wichtig ist dabei: Eine überzeugende Interpretation entsteht nicht aus einem Schlagwort, sondern aus der Verbindung von Beobachtung, Fachbegriff, Kontext und Beleg am Werk.
Werkdaten und Einordnung
Ulrike Rosenbach (geboren 1943) gehört zu den frühen Künstlerinnen in Deutschland, die Video nicht nur als Aufzeichnungsgerät, sondern als eigenständiges künstlerisches Medium nutzten. Ihre Arbeiten verbinden häufig Performance, Körper, technische Bildverfahren und die Auseinandersetzung mit kulturellen Rollenbildern von Frauen.
Das ZKM | Zentrum für Kunst und Medien führt GLAUBEN SIE NICHT, DASS ICH EINE AMAZONE BIN als Werk von 1975, Kategorie Video, Analogvideo, schwarz-weiß und mono. Für die dort bewahrte Fassung ist eine Dauer von 11:50 Minuten angegeben. Andere Archive führen abweichende Laufzeiten und teils die Jahresangabe 1976. Für die Analyse ist deshalb sinnvoll, zwischen der Live-Aktion, ihrer technischen Übertragung und verschiedenen archivierten Videofassungen zu unterscheiden.
- Ulrike Rosenbach: Regie, künstlerische Konzeption, Performance, Kamera- und Schnittarbeit
- Videokunst: analoges elektronisches Bewegtbild als künstlerisches Medium
- Performancekunst: körperliche Handlung als zeitbasierte Kunstform
- Closed Circuit: Kamera und Monitor bilden einen geschlossenen Übertragungskreis, in dem das Bild während der Handlung unmittelbar sichtbar wird
- Feministische Kunst: Kritik an tradierten Geschlechterrollen und an der Geschichte ihrer bildlichen Darstellung
Kein gewöhnlicher Film
Wenn im Unterricht von diesem „Film“ gesprochen wird, solltest Du präzisieren: Die Arbeit besitzt zwar eine filmisch beziehungsweise videografisch gespeicherte Fassung, ihr Kern ist aber eine Video-Live-Performance. Anders als beim klassischen Spielfilm geht es nicht primär um Figurenpsychologie, Dialog oder erzählerische Montage. Bedeutung entsteht aus einer real ausgeführten Handlung, der räumlichen Situation, der technischen Übertragung und der Überblendung zweier Bilder.
Gerade diese Zwischenstellung ist kunsthistorisch wichtig. Das Werk ist zugleich Ereignis, Körperaktion, Bildproduktion und Videoaufzeichnung. Die Kamera dokumentiert nicht bloß etwas, das unabhängig von ihr geschieht. Sie ist Teil der künstlerischen Versuchsanordnung.
Die Performance erschließen
Handlung und sichtbare Konstellation
Rosenbach positioniert sich mit einem Bogen vor einer Zielscheibe, auf der eine Reproduktion von Stefan Lochners Marienbild angebracht ist. Sie spannt den Bogen, zielt und schießt wiederholt Pfeile auf das Gesicht der Madonna. Quellen zur Arbeit nennen fünfzehn Pfeile. Die Handlung wirkt konzentriert und kontrolliert; sie ist weder beiläufig noch improvisiert wirkend.
Parallel dazu wird das Gesicht der Künstlerin elektronisch mit dem Gesicht der Madonna überblendet. Das erzeugte Monitorbild lässt die beiden Gesichter ineinanderfallen. Damit verändert sich die Bedeutung jedes Pfeils: Er richtet sich materiell gegen die Reproduktion, im Videobild aber auch gegen das Selbstbild der Schützin.
Beobachtungsauftrag: Trenne bei Deiner Analyse drei Ebenen: Was geschieht im realen Raum? Was erscheint auf dem Monitor? Welche Bedeutung entsteht erst aus der Differenz zwischen beiden Ebenen?
Die Überblendung als Schlüssel
Die Überblendung ist keine dekorative Spielerei. Sie bildet das argumentative Zentrum der Arbeit. Zwei kulturelle Bilder von Weiblichkeit werden nicht einfach nacheinander gezeigt, sondern gleichzeitig sichtbar gemacht. Dadurch entsteht ein drittes, hybrides Bild.
Die Madonna steht in der christlichen Bildtradition unter anderem für Reinheit, Mutterschaft, Fürsorge, Heiligkeit und demütige Hingabe. Die Amazone steht in antiken und späteren Bildtraditionen für Kampf, Bewaffnung, körperliche Autonomie und eine Frau außerhalb gewöhnlicher patriarchaler Rollenordnungen. Rosenbach lässt diese Pole kollidieren. Das Ergebnis ist weder „nur Madonna“ noch „nur Amazone“.
Diese Struktur verhindert eine einfache Heldinnenerzählung. Rosenbach setzt nicht bloß eine „starke Frau“ gegen ein „passives Frauenbild“. Weil ihr eigenes Gesicht mit dem der Madonna verschmilzt, wird auch die kämpferische Position problematisch: Die Angreiferin trifft im Bild sich selbst.
Closed Circuit: Technik wird Bedeutung
Ein Closed-Circuit-System überträgt ein Kamerabild unmittelbar auf einen Monitor innerhalb eines geschlossenen technischen Kreises. In Rosenbachs Performance ermöglicht dieses Verfahren eine Gleichzeitigkeit von Handlung, Aufnahme, Übertragung und Betrachtung. Der Monitor wird dadurch zu einer Art technisch erzeugtem Spiegel – allerdings zu einem Spiegel, der nicht neutral wiedergibt, sondern Bilder kombiniert.
Die technische Apparatur erzeugt eine zentrale Frage: Wer sieht hier wen? Rosenbach ist gleichzeitig Handelnde, beobachtetes Bild und Produzentin einer medialen Selbstrepräsentation. Damit verschiebt sich die Machtposition des Blicks.

Das Bild zeigt beispielhaft portable analoge Videotechnik der frühen Videokunst. Es ist nicht als Nachweis dafür zu verstehen, dass genau dieses Kameramodell in Rosenbachs Performance eingesetzt wurde.
Kunsthistorischer Bezug: Die Madonna
Stefan Lochners Muttergottes in der Rosenlaube entstand nach heutiger Datierung des Wallraf-Richartz-Museums um 1440–1442. Das kleinformatige Tafelbild zeigt Maria mit dem Jesuskind in einer paradiesisch aufgeladenen Rosenlaube, umgeben von Engeln, Musik und kostbaren Details. Die Komposition erzeugt einen Eindruck von Schutz, Harmonie, Kostbarkeit und spiritueller Ordnung.

Rosenbach schießt nicht auf das mittelalterliche Original, sondern auf eine Reproduktion. Dieser Unterschied ist entscheidend. Die Performance zerstört kein historisches Museumsobjekt. Sie greift vielmehr ein kulturell verbreitetes Bildschema an, das durch Reproduktionen weitergegeben werden kann. Damit wird die Reproduktion selbst zum Thema: Kunstgeschichte wirkt nicht nur im Museum, sondern auch über Abbildungen, Schulbücher, Kalender, Medien und kollektive Erinnerung.
Madonna als Rollenbild
Eine kunsthistorische Analyse darf die Madonna nicht auf ein einziges „Frauenklischee“ reduzieren. Marienbilder besitzen komplexe theologische, liturgische und historische Bedeutungen. In Rosenbachs Arbeit wird jedoch gezielt eine moderne kulturelle Lesart aktiviert: die Vorstellung einer idealisierten, sanften, reinen und mütterlichen Weiblichkeit.
Die Performance untersucht also weniger „Maria als historische Person“ als vielmehr die gesellschaftliche Wirksamkeit eines tradierten Bildtyps. Das ist ein wichtiger Unterschied zwischen Ikonografie und Ideologiekritik.
Kunsthistorischer Bezug: Die Amazone
Die Amazonen der griechischen Mythologie sind als bewaffnete Frauen überliefert und wurden in der antiken Kunst häufig in Kampfkonstellationen dargestellt. In späteren Epochen wandelte sich ihre Bedeutung immer wieder. Die Amazone kann als Gegenbild zur häuslichen Frau, als exotisierte Außenseiterin, als Bedrohung männlicher Ordnung oder als Figur weiblicher Selbstbehauptung gelesen werden.

In Rosenbachs Performance ist die Amazone deshalb ebenfalls kein eindeutig positives Gegenmodell. Der Titel GLAUBEN SIE NICHT, DASS ICH EINE AMAZONE BIN verweigert eine sichere Identifikation. Die Formulierung kann als Aufforderung gelesen werden, die Künstlerin nicht vorschnell auf die kämpferische Rolle festzulegen; zugleich klingt in ihr eine irritierende Fragehaltung an. Der Titel macht deutlich, dass auch ein scheinbar emanzipiertes Gegenbild zur Schablone werden kann.
Feminismus und traditionelle Frauenbilder
Zwei Stereotype statt einer einfachen Alternative
Die Arbeit entstand im Umfeld feministischer Debatten der 1970er Jahre. Künstlerinnen untersuchten damals verstärkt, wie weibliche Körper und Rollen in Kunst, Werbung, Familie, Religion und Massenmedien dargestellt wurden. Video und Performance boten die Möglichkeit, den eigenen Körper nicht nur als dargestelltes Objekt, sondern als aktiv handelndes Medium einzusetzen.
Rosenbach stellt zwei extreme Frauenbilder einander gegenüber: die Madonna als kulturell idealisierte Figur von Reinheit und Mutterschaft und die Amazone als bewaffnete, aktive Kämpferin. Die Überblendung zeigt, dass beide Bilder von außen verfügbare kulturelle Rollen sein können. Feministische Kritik besteht hier nicht darin, einfach die eine Rolle durch die andere zu ersetzen, sondern die Mechanismen solcher Zuschreibungen sichtbar zu machen.
Selbstinszenierung und Selbstbestimmung
Rosenbach benutzt ihren eigenen Körper. Dadurch entsteht eine doppelte Bewegung: Sie macht sich selbst zum Bild und kontrolliert zugleich wesentliche Bedingungen dieses Bildes. Das unterscheidet die Performance von vielen traditionellen Darstellungen, in denen Frauen als Modelle innerhalb eines von anderen geschaffenen Bildes erscheinen.
Aber auch diese Selbstbestimmung bleibt widersprüchlich. Durch die Überblendung wird das Selbstbild mit einem historischen Fremdbild verschränkt. Die Künstlerin zeigt also nicht ein „authentisches Ich“ außerhalb aller Rollen. Sie führt vor, dass Identität in einem Netz aus vorhandenen Bildern, Erwartungen und medialen Techniken entsteht.
Aktiv und passiv werden instabil
Die Schützin erscheint zunächst aktiv: Sie spannt den Bogen, zielt und handelt. Die Madonna erscheint zunächst passiv: Sie ist ein unbewegtes Bild und Ziel der Pfeile. Im Monitor kippt diese klare Ordnung. Weil die Gesichter verschmelzen, wird die aktive Schützin zugleich zur getroffenen Figur.
Die Arbeit verwischt damit Gegensätze wie Subjekt und Objekt, Täterin und Ziel, aktive Kämpferin und passive Heilige. Gerade diese Instabilität macht die Performance für eine feministische Analyse besonders produktiv.
Gewalt, Ikonoklasmus und Ambivalenz
Das Bogenschießen erzeugt eine aggressive Bildsprache. Trotzdem wäre es zu kurz gegriffen, die Performance nur als „Angriff auf Religion“ zu verstehen. Rosenbach verwendet eine Reproduktion und richtet die Pfeile innerhalb einer bewusst konstruierten Medienanordnung auf ein Frauenbild, das zugleich mit ihrem eigenen Bild verschmilzt.
Du kannst mindestens drei Deutungsebenen unterscheiden:
- Ikonoklasmus: Die Handlung erinnert an die Zerstörung oder Verletzung eines verehrten Bildes.
- Ideologiekritik: Angegriffen wird ein kulturelles Idealbild von Weiblichkeit.
- Selbstkritik: Durch die Überblendung richtet sich die Attacke auch gegen das eigene, von Bildern geprägte Selbst.
Eine gute Interpretation entscheidet nicht vorschnell, welche Ebene „richtig“ ist, sondern prüft, wie sie im Werk miteinander verbunden sind.
Live-Video-Performance und Medienreflexion
Präsenz und Aufzeichnung
Performancekunst ist an Zeit, Körper und Situation gebunden. Video kann eine Performance dokumentieren, aber Rosenbach geht weiter: Das Video ist bereits während der Aktion an der Herstellung der Bedeutung beteiligt. Ohne die elektronische Überblendung gäbe es das zentrale Doppelbild nicht.
Damit lässt sich die Arbeit als frühe Form medienreflexiver Kunst verstehen. Sie zeigt nicht nur etwas, sondern untersucht zugleich die Bedingungen des Zeigens. Kamera, Monitor und Übertragung werden zu sichtbaren oder gedanklich rekonstruierbaren Bestandteilen der Aussage.
Der Monitor als Spiegel und Schnittstelle
Ein gewöhnlicher Spiegel gibt einen optischen Reflex zurück. Der Videomonitor dagegen kann auswählen, verzögern, skalieren, überblenden und speichern. Rosenbach nutzt diese technische Differenz, um das Selbstbild zu verunsichern.
Der Monitor ist deshalb zugleich:
- Spiegel: Er zeigt die Künstlerin auf sich selbst zurück.
- Montagefläche: Er verbindet Gegenwart und Kunstgeschichte.
- Bühne: Auf ihm entsteht die eigentliche Kollision von Madonna und Amazone.
- Aufzeichnung: Das elektronische Bild kann gespeichert und als Videofassung später erneut gezeigt werden.
Bildgeschichte und Gegenwart
Die Performance eignet sich für einen Transfer in die Gegenwart, weil Selbstinszenierung heute alltäglich geworden ist. Smartphones, soziale Netzwerke, Filter, Avatare und algorithmisch sortierte Bildwelten erzeugen neue Formen der Selbstrepräsentation. Rosenbachs Arbeit stammt aus einer analogen Medienumgebung, stellt aber eine bis heute aktuelle Frage: Wie viel von einem Selbstbild ist eigene Entscheidung, und wie viel besteht aus bereits vorhandenen kulturellen Vorlagen?
Der Vergleich darf die historischen Unterschiede nicht verwischen. Ein Closed-Circuit-System der 1970er Jahre ist nicht dasselbe wie eine Social-Media-Plattform. Dennoch können beide als technische Umgebungen untersucht werden, die beeinflussen, wie Menschen sich selbst sehen und zeigen.
Kunsthistorischer und feministischer Kontext
Ulrike Rosenbach wird der feministischen Medien- und Performancekunst der 1970er Jahre zugerechnet. In diesem Umfeld arbeiteten unter anderem auch VALIE EXPORT, Joan Jonas, Martha Rosler, Suzanne Lacy und weitere Künstlerinnen mit Körper, Kamera, Alltagsrollen und medialen Blickordnungen. Die konkreten Strategien unterscheiden sich deutlich, doch gemeinsam ist vielen Arbeiten die Frage, wer Bilder von Frauen produziert, wer sie betrachtet und welche gesellschaftlichen Normen in ihnen fortwirken.
Ein historischer Feminismus – und heutige Fragen
Bei der Interpretation solltest Du zwischen dem historischen Kontext der 1970er Jahre und heutigen feministischen Debatten unterscheiden. Rosenbachs Werk arbeitet stark mit der Kategorie „Frau“ und mit polaren Rollenbildern. Heute können zusätzlich Fragen nach sozialer Herkunft, Hautfarbe, Sexualität, Behinderung, Religion oder nichtbinären Geschlechtsidentitäten einbezogen werden.
Das bedeutet nicht, die historische Arbeit nachträglich umzuschreiben. Es bedeutet, ihre Fragestellung zu erweitern: Welche Bilder werden sichtbar, welche bleiben unsichtbar, und wer besitzt die Macht, Normalität zu definieren?
Methode: Eine Video-Performance analysieren
Für eine Klausur oder mündliche Prüfung kannst Du in fünf Schritten vorgehen:
- Beschreibung: Benenne Handlung, Körperhaltung, Requisiten, Raum, Bildausschnitt, Ton und zeitlichen Ablauf, ohne sofort zu deuten.
- Medienanalyse: Untersuche Kamera, Monitor, Closed Circuit, Überblendung, Schwarz-Weiß-Bild, Live-Situation und Aufzeichnung.
- Ikonografische Analyse: Erschließe Madonna, Amazone, Bogen, Zielscheibe und die kunsthistorische Vorlage.
- Kontextualisierung: Verknüpfe die Beobachtungen mit feministischer Kunst, Videokunst und Geschlechterrollen der 1970er Jahre.
- Interpretation und Urteil: Formuliere eine These und belege sie am Werk; prüfe auch eine alternative Lesart und mögliche Einwände.
Beispiel für eine tragfähige Deutungsthese
Eine mögliche These lautet: Rosenbach ersetzt das traditionelle Madonnenbild nicht einfach durch das Gegenbild einer kämpferischen Amazone, sondern destabilisiert beide Rollen, indem sie sie technisch und körperlich in einem einzigen verletzbaren Selbstbild verschränkt.
Diese These ist überzeugend, wenn Du sie mit der Überblendung, dem Bogenschießen, der Reproduktion des Lochner-Gemäldes und der Doppelrolle der Künstlerin als Handelnde und Getroffene belegst.
Vertiefende Medien
Das folgende Video dokumentiert ein Gespräch mit Gabriele Schor und Ulrike Rosenbach und bietet Kontext zu feministischer Kunst, Medienkunst und Rosenbachs künstlerischer Entwicklung.
Quellen und Vertiefung
- ZKM | Werkdatensatz: Glauben Sie nicht, daß ich eine Amazone bin
- Medien Kunst Netz | Don't Believe I'm an Amazon
- re.act.feminism | Ulrike Rosenbach
- D’EST / n.b.k. Video-Forum | Archivfassung und Werkbeschreibung
- Ulrike Rosenbach | Offizielle Website
- Wallraf-Richartz-Museum | Stefan Lochner: Die Muttergottes in der Rosenlaube
- Wikimedia Commons | Ulrike Rosenbach
- Wikimedia Commons | Madonna im Rosenhag
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welche Bildkonstellation bildet das Zentrum der Performance? (Das Gesicht der Künstlerin wird mit dem Gesicht der Madonna überblendet) (!Die Künstlerin ersetzt die Madonna durch eine Landschaft) (!Die Künstlerin malt die Madonna vollständig neu) (!Die Künstlerin zeigt nur eine leere Zielscheibe)
Auf welches Bildmotiv schießt Rosenbach in der Performance? (Auf eine Reproduktion einer Madonna von Stefan Lochner) (!Auf ein Selbstporträt von Albrecht Dürer) (!Auf eine Fotografie einer antiken Statue) (!Auf eine Reproduktion der Mona Lisa)
Was kennzeichnet ein Closed-Circuit-System in diesem Werk? (Kamerabild und Monitor sind in einen unmittelbaren Übertragungskreis eingebunden) (!Das Video wird ausschließlich Jahre später im Kino gezeigt) (!Die Kamera arbeitet ohne Monitor und ohne Übertragung) (!Das Bild entsteht nur durch handgezeichnete Einzelbilder)
Warum trifft der Pfeil im Monitorbild symbolisch auch die Künstlerin? (Weil ihr Gesicht mit dem Gesicht der Madonna verschmilzt) (!Weil die Künstlerin außerhalb des Bildes unsichtbar bleibt) (!Weil die Madonna durch eine männliche Figur ersetzt wird) (!Weil der Monitor nur den Bogen zeigt)
Welche Funktion hat die Amazone in einer zentralen Lesart der Arbeit? (Sie bildet ein kämpferisches Frauenbild, das ebenfalls als kulturelle Rolle befragt wird) (!Sie steht ausschließlich für mittelalterliche Frömmigkeit) (!Sie ist eine Figur aus Lochners Gemälde) (!Sie bezeichnet die Kameratechnik der Performance)
Warum ist die Reproduktion des Lochner-Gemäldes analytisch wichtig? (Die Performance greift ein verbreitetes kulturelles Bild an und nicht das historische Original) (!Die Reproduktion beweist, dass das Original zerstört wurde) (!Die Reproduktion macht jede kunsthistorische Deutung unmöglich) (!Die Reproduktion ersetzt die Videoüberblendung)
Was unterscheidet die Arbeit wesentlich von einem klassischen Spielfilm? (Die reale Performance und ihre mediale Live-Übertragung sind Teil des Werkes) (!Sie besitzt eine lineare Handlung mit erfundenen Dialogfiguren) (!Sie wurde ausschließlich als Animationsfilm hergestellt) (!Sie verzichtet vollständig auf Körper und Handlung)
Welche Spannung wird durch Madonna und Amazone besonders sichtbar? (Die Spannung zwischen idealisierter Sanftheit und kämpferischer Selbstbehauptung) (!Die Spannung zwischen Landschaftsmalerei und Architektur) (!Die Spannung zwischen Abstraktion und Stillleben) (!Die Spannung zwischen Komödie und Musical)
Welche Rolle nimmt Rosenbach in der Arbeit ein? (Sie ist zugleich Handelnde, Bildmotiv und Produzentin einer medialen Selbstinszenierung) (!Sie tritt ausschließlich als unsichtbare Erzählerin auf) (!Sie überlässt die gesamte Handlung einem Schauspielensemble) (!Sie erscheint nur als gemalte Figur im Hintergrund)
Welche Analyseform ist für eine fundierte Interpretation besonders geeignet? (Die Verbindung von genauer Beobachtung, Medienanalyse, Kunstgeschichte und feministischer Kontextualisierung) (!Eine reine Inhaltsangabe ohne Bezug zur Bildtechnik) (!Eine Deutung nur aus dem Werktitel ohne Werkbeobachtung) (!Eine Bewertung ausschließlich nach persönlichem Gefallen)
Memory
| Closed Circuit | Live-Rückkopplung |
| Madonna | idealisierte Heiligenfigur |
| Amazone | kämpferisches Rollenbild |
| Überblendung | visuelle Verschmelzung |
| Zielscheibe | Träger der Reproduktion |
| Monitor | elektronischer Bildraum |
| Performance | körperliche Echtzeithandlung |
| Feminismus | Kritik an Geschlechterordnungen |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Bedeutung im Werk |
|---|---|
| Überblendung | Verknüpft das Gesicht Rosenbachs mit dem Gesicht der Madonna |
| Bogen | Macht die Künstlerin zur aktiv handelnden Schützin |
| Reproduktion | Überführt ein historisches Kunstbild in die Gegenwart der Performance |
| Monitor | Zeigt das technisch erzeugte Doppelbild |
| Madonna | Verkörpert ein tradiertes Ideal weiblicher Reinheit und Mutterschaft |
| Amazone | Verkörpert ein kämpferisches Gegenbild, das ebenfalls hinterfragt wird |
Kreuzworträtsel
| Rosenbach | Welche Künstlerin schuf die Video-Performance? |
| Madonna | Welche weibliche Heiligenfigur wird mit dem Gesicht der Künstlerin überblendet? |
| Amazone | Welches kämpferische Rollenbild steht der Madonna gegenüber? |
| Monitor | Auf welchem Gerät erscheint das überblendete elektronische Bild? |
| Lochner | Wie lautet der Nachname des Malers der Muttergottes in der Rosenlaube? |
| Feminismus | Welcher gesellschafts- und kunstkritische Kontext ist für das Werk zentral? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Werkbeschreibung: Beschreibe eine Minute der Performance so genau wie möglich und vermeide zunächst jede Deutung.
- Bildvergleich: Vergleiche die freie Abbildung der Muttergottes in der Rosenlaube mit Deiner Erinnerung an Rosenbachs Monitorbild. Notiere fünf Unterschiede in Funktion und Wirkung.
- Begriffskarte: Gestalte eine visuelle Begriffskarte zu Madonna, Amazone, Überblendung, Monitor, Bogen und Selbstinszenierung.
- Standbild: Entwickle ein eigenes fotografisches Standbild, in dem zwei widersprüchliche Rollenbilder einer Person sichtbar werden, ohne Rosenbachs Performance nachzustellen.
Standard
- Videoanalyse: Analysiere, wie Kamera, Monitor und Überblendung die Bedeutung der körperlichen Handlung verändern.
- Feministische Kunst: Recherchiere eine weitere feministische Video- oder Performancearbeit der 1970er Jahre und vergleiche ihre Strategie mit Rosenbachs Werk.
- Kunstgeschichte und Reproduktion: Untersuche, wie sich die Bedeutung eines Kunstwerks verändert, wenn nicht das Original, sondern eine Reproduktion verwendet wird.
- Interviewprojekt: Führe ein kurzes Interview mit mehreren Personen zu der Frage, welche traditionellen Frauenbilder heute noch wirksam sind, und werte Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus.
Schwer
- Ambivalenz: Verfasse eine argumentierende Analyse zur These, dass Rosenbach weder die Madonna noch die Amazone als positives Identifikationsmodell anbietet.
- Medienvergleich: Entwickle ein Konzept, wie die zentrale Überblendungs-Idee heute mit Smartphone, Livestream oder Augmented Reality umgesetzt werden könnte, und benenne bewusst die Unterschiede zum analogen Closed Circuit.
- Kuratorisches Projekt: Plane eine kleine Ausstellung mit Rosenbach und zwei weiteren Positionen zu Selbstinszenierung und Geschlecht. Formuliere Wandtexte, Auswahlkriterien und eine begründete Reihenfolge.
- Kunstkritik: Schreibe eine differenzierte Rezension aus heutiger Perspektive. Prüfe dabei sowohl die historische Stärke der feministischen Intervention als auch Grenzen einer binären Gegenüberstellung von Frauenrollen.


Lernkontrolle
- Form und Inhalt: Erkläre anhand von mindestens drei konkreten Beobachtungen, warum die technische Überblendung nicht nur ein Effekt, sondern Träger der Aussage ist.
- Rollenbilder: Prüfe die These: „Die Amazone ersetzt in Rosenbachs Werk die Madonna als neues Ideal.“ Entwickle eine begründete Zustimmung oder Widerlegung.
- Medienreflexion: Vergleiche den Closed Circuit der Performance mit heutiger Selfie- oder Livestream-Kultur. Benenne mindestens zwei Gemeinsamkeiten und zwei grundlegende Unterschiede.
- Kunsthistorischer Transfer: Wähle ein anderes tradiertes Frauenbild aus der Kunstgeschichte und skizziere, wie eine zeitgenössische Performance dessen gesellschaftliche Wirkung untersuchen könnte.
- Urteilsbildung: Diskutiere, ob der Einsatz von Pfeil und Bogen eher als Gewaltgeste, als Bildkritik, als Selbstkritik oder als Verbindung dieser Ebenen zu verstehen ist.
- Quellenkritik: Erkläre, warum unterschiedliche Datierungen oder Laufzeiten in Archiven nicht automatisch bedeuten, dass eine Quelle „falsch“ ist. Beziehe die Unterscheidung zwischen Live-Aktion und Videofassung ein.
Lernnachweis
Für einen überzeugenden Lernnachweis solltest Du zeigen, dass Du nicht nur Fakten kennst, sondern das Werk selbstständig erschließen kannst.
- Werkbeschreibung: Du beschreibst Handlung und Bildaufbau präzise und trennst Beobachtung von Interpretation.
- Medienkompetenz: Du erklärst Closed Circuit, Überblendung und Monitorbild in ihrer ästhetischen Funktion.
- Kunstgeschichte: Du stellst den Bezug zu Stefan Lochners Muttergottes in der Rosenlaube und zum Amazonenmotiv sachgerecht her.
- Feministische Analyse: Du untersuchst traditionelle Frauenbilder, ohne Madonna oder Amazone vorschnell auf eine einzige Bedeutung zu reduzieren.
- Selbstinszenierung: Du erklärst Rosenbachs Doppelrolle als handelndes Subjekt und medial erzeugtes Bildobjekt.
- Argumentation: Du formulierst eine Deutungsthese, belegst sie am Werk und setzt Dich mit einer alternativen Lesart auseinander.
- Transfer: Du kannst die historischen Medienbedingungen der 1970er Jahre von heutigen digitalen Formen der Selbstrepräsentation unterscheiden und sinnvoll aufeinander beziehen.
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