Schmiedehandwerk im Nationalsozialismus - Schmied


Schmiedehandwerk im Nationalsozialismus - Schmied
Schmiedehandwerk im Nationalsozialismus - Schmied
Einleitung
Das Schmiedehandwerk verbindet Werkstoffkunde, Formgebung, Reparatur, Gestaltung und große praktische Erfahrung. Zwischen 1933 und 1945 blieb die technische Arbeit an Esse, Amboss und Maschine wichtig, doch der politische und wirtschaftliche Rahmen veränderte sich grundlegend. Handwerksorganisationen wurden gleichgeschaltet, Betriebe in die nationalsozialistische Wirtschaftsordnung eingebunden, jüdische Handwerker verfolgt und enteignet, Arbeitskräfte für Krieg und Rüstungswirtschaft gelenkt und Millionen Menschen zur Arbeit gezwungen.
Dieser aiMOOC richtet sich an Lernende in der Berufsausbildung, besonders an Auszubildende im Metallhandwerk. Du untersuchst fachliche Kontinuitäten und Veränderungen, ordnest historische Fachbegriffe ein und lernst, betriebliche Verantwortung in einer Diktatur quellenkritisch zu beurteilen. Dabei gilt: Nicht jede Schmiede arbeitete gleich, nicht jeder Schmied handelte gleich und nicht jede Behauptung über einen einzelnen Betrieb lässt sich ohne lokale Quellen treffen.
Hinweis: Der Kurs behandelt antisemitische Verfolgung, Zwangsarbeit, Krieg und Gewalt. Historische Begriffe der Täter werden erklärt, aber nicht unkritisch übernommen.

Medienhinweis: Das Bild zeigt eine erhaltene Schmiedewerkstatt aus neuerer Zeit. Es ist keine Aufnahme aus der NS-Zeit, hilft Dir aber, typische Arbeitsbereiche, Werkzeuge und räumliche Bedingungen einer handwerklichen Schmiede zu erkennen.
Lernziele
Nach der Bearbeitung kannst Du technische Grundbegriffe des Schmiedens korrekt verwenden, handwerkliche und industrielle Schmiedearbeit unterscheiden, die Gleichschaltung des Handwerks erklären, die Verfolgung jüdischer Handwerker und die Bedeutung der NS-Zwangsarbeit einordnen, historische Bilder und Betriebsquellen kritisch untersuchen sowie Bezüge zur heutigen Ausbildung und Berufsethik herstellen.
Fachliche Grundlagen des Schmiedehandwerks
Schmied, Schmiede und Schmieden
Ein Schmied bearbeitet schmiedbare Metalle durch Druckkräfte. Das Schmieden gehört zur Umformtechnik. Beim handwerklichen Warmumformen wird ein Werkstück im Schmiedefeuer erwärmt und anschließend mit Hammer, Gesenk oder anderen Werkzeugen geformt. Typische Verfahren sind Recken, Stauchen, Biegen, Absetzen, Lochen, Spalten und Feuerschweißen. Wärmebehandlungen wie Härten und Anlassen verändern dagegen gezielt die Werkstoffeigenschaften und müssen vom eigentlichen Umformvorgang unterschieden werden.
Eine handwerkliche Schmiede arbeitete häufig mit Einzelstücken, Reparaturen und kleinen Serien. Industrielle Schmiedebetriebe nutzten dagegen zunehmend Fallhämmer, Pressen, Gesenke und arbeitsteilige Produktionsabläufe. Für die historische Untersuchung ist diese Unterscheidung wichtig: Eine Dorfschmiede, eine Beschlagschmiede und ein industrielles Schmiedewerk hatten unterschiedliche Aufträge, Belegschaften und Handlungsspielräume.

Der Amboss bildet die feste Arbeitsunterlage. Handhammer und Vorschlaghammer übertragen die Umformkraft. Schmiedezangen halten heiße Werkstücke. Abschrot, Setzhammer, Durchschläge, Dorne und Gesenke dienen bestimmten Formgebungsarbeiten. Fachgerechtes Schmieden verlangt die Beurteilung von Werkstoff, Temperatur, Querschnitt, Schlagfolge und Abkühlung.

Beobachtungsauftrag: Achte im Video auf Werkstückhaltung, Hammerführung, Temperaturbeurteilung und den Einsatz verschiedener Ambossbereiche. Praktische Schmiedearbeiten dürfen nur unter fachlicher Anleitung und mit heutiger persönlicher Schutzausrüstung durchgeführt werden.
Arbeitsfelder um 1933
Je nach Region und Betriebsgröße beschlugen Schmiede Pferde, bereiften Wagenräder, fertigten oder reparierten Pflugschare, Eggenzinken, Werkzeuge, Beschläge, Tore, Gitter, Achs- und Wagenteile. In Städten waren Bau-, Kunst- und Reparaturschmiedearbeiten wichtig; in Industriegebieten bestanden Übergänge zu Schlosserei, Fahrzeugbau, Werkzeugbau und industrieller Umformtechnik. Die Motorisierung verringerte langfristig bestimmte traditionelle Aufträge, während neue Reparatur- und Fahrzeugaufgaben entstanden. Ein Reichsinnungsverbandstext aus der Zeit beschrieb deshalb eine „Umgruppierung“ von Schmiedebetrieben, etwa in Richtung Anhängerbau oder Spezialarbeiten.

Quellenhinweis: Die Darstellung von 1617 ist deutlich älter als der Nationalsozialismus. Sie zeigt technische Langzeitentwicklungen, darf aber nicht als Beleg für Arbeitsbedingungen zwischen 1933 und 1945 verwendet werden.
Das Handwerk in der nationalsozialistischen Diktatur
Gleichschaltung und Führerprinzip
Nach der Machtübernahme beseitigte das NS-Regime die demokratische und föderale Selbstverwaltung des Handwerks. Das „Gesetz über den vorläufigen Aufbau des deutschen Handwerks“ vom 29. November 1933 und das „Gesetz zur Vorbereitung des organischen Aufbaues der deutschen Wirtschaft“ vom 27. Februar 1934 schufen wichtige Grundlagen für die Neuordnung. Leitungsämter wurden nach dem Führerprinzip von oben besetzt; unabhängige Interessenvertretung und Mitbestimmung wurden zurückgedrängt.[1]
Die freien Gewerkschaften waren bereits im Mai 1933 zerschlagen worden. An ihre Stelle trat die Deutsche Arbeitsfront. Der „Reichsstand des Deutschen Handwerks“ und später die Reichsgruppe Handwerk banden das Handwerk in die staatlich gelenkte Wirtschaftsorganisation ein. Für das Schmiedehandwerk bestand der Reichsinnungsverband des Schmiedehandwerks. Innungen wurden nicht mehr als freie Zusammenschlüsse verstanden, sondern als Instrumente beruflicher Erfassung, Kontrolle und Anweisung.
Wichtige Fachbegriffe sind:
- Gleichschaltung: Unterordnung von Organisationen, Verbänden und öffentlichem Leben unter die NS-Herrschaft.
- Pflichtinnung: Verpflichtende Einbindung eines Handwerksbetriebs in die zuständige Innung.
- Handwerksrolle: Verzeichnis der selbstständigen Handwerksbetriebe.
- Großer Befähigungsnachweis: Meisterqualifikation als Voraussetzung für die selbstständige Führung eines Handwerksbetriebs.
- Führerprinzip: Hierarchische Entscheidung von oben nach unten statt demokratischer Wahl und Kontrolle.
Die Einführung des Großen Befähigungsnachweises 1935 erfüllte eine ältere Forderung vieler Handwerksmeister. Gleichzeitig wurde diese berufspolitische Aufwertung mit politischer Unterordnung, rassistischer Ausgrenzung und dem Verlust selbstständiger Interessenvertretung verbunden.[2]
Ausbildung, Prüfung und Ideologisierung
Die Ausbildung vermittelte weiterhin Werkstoffkenntnisse, Werkzeuggebrauch, Umformverfahren, Fachzeichnen, Kalkulation und betriebliche Ordnung. Zeitgenössische Veröffentlichungen des Reichsinnungsverbandes behandelten beispielsweise Buchführung und Kalkulation im Schmiedehandwerk. Fachliche Qualität und Prüfungsanforderungen blieben also bedeutsam.
Gleichzeitig wurde Berufsbildung politisch vereinnahmt. Wettbewerbe, Aufmärsche, Gemeinschaftsrhetorik und die Einbindung von Jugendlichen in nationalsozialistische Organisationen sollten berufliche Leistung mit Gehorsam, „Volksgemeinschaft“ und Kriegsvorbereitung verbinden. Der Begriff Volksgemeinschaft bezeichnete keine gleichberechtigte Gemeinschaft, sondern eine rassistisch definierte Ein- und Ausschlussordnung.
Für Deine Quellenarbeit bedeutet das: Eine fachlich richtige Schmiedeanweisung ist nicht automatisch politisch neutral, wenn sie in einer Publikation mit Propaganda, Rassismus oder Führerkult verbunden ist. Umgekehrt darf die technische Qualität einer Arbeit nicht als Beweis für Zustimmung zum Regime missverstanden werden.
Vierjahresplan, Betriebslenkung und Krieg
Der Vierjahresplan von 1936 richtete die Wirtschaft stärker auf Aufrüstung und Krieg aus. Handwerksbetriebe mussten mit Rohstofflenkung, Ersatzwerkstoffen, Auftragsvorgaben, Buchführungspflichten und Arbeitskräftelenkung umgehen. Nicht rentable Kleinstbetriebe konnten stillgelegt und Fachkräfte in die Rüstungsindustrie überführt werden. Mit Kriegsbeginn verschärften Einberufungen, Materialknappheit und staatliche Prioritäten die Lage vieler Betriebe.[3]
Schmieden blieben für Reparaturen, Landwirtschaft, Transport, Bau und die Instandhaltung von Werkzeugen wichtig. Einige Betriebe erhielten kriegswichtige Aufträge oder arbeiteten als Zulieferer, andere verloren Personal, Material und Kundschaft. Handwerkliche Schmieden dürfen dabei nicht pauschal mit großen Rüstungskonzernen gleichgesetzt werden. Für die Bewertung eines einzelnen Betriebs sind Auftragsbücher, Rechnungen, Materialzuweisungen und Korrespondenzen entscheidend.
Verfolgung, Enteignung und Zwangsarbeit
Jüdische Handwerker und die sogenannte Arisierung
Jüdische Handwerker wurden seit 1933 durch Boykott, Gewalt, Verbandsausschlüsse, behördliche Schikanen und wirtschaftlichen Druck verfolgt. Nach den Novemberpogromen erließ das Regime am 12. November 1938 die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“. Vom 1. Januar 1939 an durften Jüdinnen und Juden keinen selbstständigen Handwerksbetrieb mehr führen.[4]
Der Täterbegriff „Arisierung“ verschleierte Raub, Zwangsverkauf, Liquidation und die Vernichtung wirtschaftlicher Existenzen. Er sollte deshalb nur in Anführungszeichen oder mit kritischer Erklärung verwendet werden. Handwerkskammern, Behörden, Parteistellen, Erwerber und weitere Beteiligte wirkten an diesem Prozess mit. Nichtjüdische Konkurrenten konnten Werkstätten, Maschinen, Kundenstämme oder Aufträge übernehmen. Ob und wie dies in einer bestimmten Schmiede geschah, muss durch Quellen belegt werden.[5]
Eine verantwortungsvolle Betriebsforschung fragt daher nicht nur nach dem späteren Eigentümer, sondern auch nach den enteigneten Personen, ihren Familien, dem Verkaufspreis, dem Entscheidungsdruck, den beteiligten Behörden und dem weiteren Schicksal der Betroffenen.
NS-Zwangsarbeit im Umfeld von Handwerk und Metallarbeit
Während des Zweiten Weltkriegs wurden Menschen aus besetzten Ländern, Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge, jüdische Verfolgte sowie weitere Gruppen unter sehr unterschiedlichen Rechts- und Haftbedingungen zur Arbeit gezwungen. Diese Gruppen dürfen nicht gleichgesetzt werden. Gemeinsam war ihnen, dass freie Arbeitsplatzwahl, Kündigung und Schutz vor Gewalt fehlten oder stark eingeschränkt waren.
Zwangsarbeit fand in Industrie, Landwirtschaft, Bauwesen, Verkehr, öffentlichen Einrichtungen, Privathaushalten und auch im Handwerk statt. Für eine konkrete Schmiede ist der Einsatz von Zwangsarbeitenden jedoch stets einzeln nachzuweisen. Geeignete Quellen sind kommunale Melderegister, Lagerlisten, Lohnunterlagen, betriebliche Korrespondenz, Krankenkassenakten, Entschädigungsanträge und Aussagen ehemaliger Zwangsarbeitender.

Sowjetische Zwangsarbeitende mussten seit 1942 häufig ein sichtbares „OST“-Abzeichen tragen. Die Kennzeichnung war Teil einer rassistischen Hierarchie, die Bewegungsfreiheit, Verpflegung, Unterkunft, Bezahlung und soziale Kontakte regelte und Menschen gezielt entrechtete.

Quellenkritik: Viele Aufnahmen entstanden im Auftrag nationalsozialistischer Stellen. Originalbeschriftungen können propagandistisch, beschönigend oder rassistisch sein. Prüfe deshalb Urheber, Auftrag, Zeitpunkt, Bildausschnitt, Bildunterschrift und das, was nicht gezeigt wird.

Die Dokumentation zur Regelung des „verbotenen Umgangs“ zeigt, dass Kontakte zwischen deutscher Bevölkerung und ausländischen Zwangsarbeitenden kontrolliert und bestraft wurden. Für Betriebe bedeutete dies: Arbeitsorganisation war mit Überwachung, Meldung, rassistischer Trennung und staatlicher Gewalt verbunden. Betriebsleitungen hatten Handlungsmöglichkeiten und Verantwortung innerhalb eines von der Diktatur geschaffenen Zwangssystems.

Die Luftaufnahme eines 1945 befreiten Lagers bei einem Maschinenbaubetrieb verdeutlicht die räumliche Verbindung von Produktion und Lagerunterbringung. Sie belegt jedoch nicht automatisch die Verhältnisse in jeder Schmiede.
Hufbeschlag, Landwirtschaft und militärische Logistik
Trotz Motorisierung blieben Pferde in Landwirtschaft, Transport und militärischer Logistik wichtig. Beschlagschmiede beurteilten Hufzustand und Stellung, richteten Hufeisen zu, passten sie an und befestigten sie fachgerecht. Hufbeschlag war deshalb nicht bloß Metallformung, sondern mit Tiergesundheit und Bewegungsapparat verbunden.
Im Krieg konnten Beschlagschmiede für landwirtschaftliche Versorgung, Transportkolonnen und militärische Einheiten bedeutsam sein. Militärische Anforderungen führten zu standardisierten Vorgaben, doch die konkrete Arbeit blieb von Tier, Huf, Einsatz und verfügbarem Material abhängig.
Heute ist der Hufbeschlag in Deutschland gesetzlich geregelt und darf nur von geprüften und staatlich anerkannten Hufbeschlagschmiedinnen und Hufbeschlagschmieden ausgeübt werden.[6]
Handlungsspielräume und Verantwortung
Historische Urteile müssen differenzieren. Unter Schmieden und anderen Handwerkern gab es überzeugte Nationalsozialisten, Mitläufer, wirtschaftlich Begünstigte, Angepasste, Verfolgte, Helfende, Verweigernde und Widerständige. Viele Menschen bewegten sich zwischen mehreren Rollen. Eine pauschale Entlastung des gesamten Berufsstands ist ebenso falsch wie eine unbelegte individuelle Beschuldigung.
Für die Analyse eines Betriebs sind fünf Ebenen hilfreich:
- Herrschaft: Welche Gesetze, Verbände und Behörden bestimmten den Betrieb?
- Ökonomie: Welche Aufträge, Materialien und Vorteile erhielt oder verlor die Werkstatt?
- Arbeit: Wer arbeitete dort, unter welchen Bedingungen und mit welcher Bezahlung?
- Verfolgung: Wurden Menschen ausgeschlossen, enteignet, denunziert oder zur Arbeit gezwungen?
- Handeln: Welche Entscheidungen trafen Meister, Gesellen, Auszubildende, Familienangehörige und Beschäftigte?
Berufsethik bedeutet heute, technische Kompetenz mit Menschenwürde, Arbeitsschutz, Verantwortung und kritischer Erinnerung zu verbinden. „Nur seinen Beruf getan“ zu haben, beantwortet nicht die Frage, wem eine Arbeit diente und unter welchen Bedingungen sie ausgeführt wurde.
Zeitleiste
| Zeitraum | Entwicklung | Bedeutung für das Schmiedehandwerk |
|---|---|---|
| 1933 | Machtübernahme, Zerschlagung der Gewerkschaften, Beginn der Gleichschaltung | Verlust freier Interessenvertretung und politische Kontrolle der Handwerksorganisationen |
| 1934 bis 1935 | Ausbau der staatlich gelenkten Wirtschaftsorganisation und Großer Befähigungsnachweis | Meisterprüfung wird für die selbstständige Betriebsführung zentral; Pflichtorganisationen gewinnen Kontrollfunktion |
| 1936 | Vierjahresplan | Ausrichtung auf Aufrüstung, Rohstofflenkung und kriegswirtschaftliche Prioritäten |
| 1938 bis 1939 | Novemberpogrome und Ausschluss jüdischer Menschen aus selbstständigem Handwerk | Enteignung, Zwangsverkauf oder Schließung jüdischer Werkstätten |
| 1939 bis 1945 | Weltkrieg, Einberufungen, Materialmangel und Arbeitskräftelenkung | Reparatur- und Versorgungsaufgaben, kriegswichtige Aufträge, Betriebsschließungen und Einsatz erzwungener Arbeit |
| 1942 bis 1943 | Eingliederung der Handwerkskammern in Gauwirtschaftskammern | Weitere Auflösung eigenständiger handwerklicher Selbstverwaltung |
| 1945 | Kriegsende und Zusammenbruch der NS-Herrschaft | Mangelwirtschaft, Rückkehr von Soldaten und Gefangenen, Entnazifizierung und schwierige Aufarbeitung |
Quellenarbeit in der Ausbildung
Geeignete Quellen
Für ein lokales Projekt kannst Du Handwerksrollen, Innungsprotokolle, Adressbücher, Lehrverträge, Meisterprüfungsakten, Rechnungsbücher, Auftragszettel, Materialkarten, Fotografien, Zeitungen, Entnazifizierungsakten, Lagerlisten, Melderegister, Entschädigungsakten und Zeitzeugeninterviews auswerten. Ein einzelnes Dokument liefert selten die ganze Geschichte.
Fünf Schritte der Quellenkritik
- Urheberschaft: Wer hat die Quelle erstellt und in welcher Funktion?
- Entstehungssituation: Wann, wo und zu welchem Zweck entstand sie?
- Sprache: Welche Fachbegriffe, Täterbegriffe, Beschönigungen oder Auslassungen enthält sie?
- Abgleich: Welche weiteren Quellen bestätigen, ergänzen oder widersprechen der Aussage?
- Grenzen: Was lässt sich sicher sagen, was nur vermuten und was bleibt offen?
Ein Foto von ordentlich arbeitenden Menschen kann gestellt sein. Ein Rechnungsbuch kann Zwangsarbeitende verschweigen. Eine Entnazifizierungsakte kann Selbstentlastungen enthalten. Eine Erinnerung kann sehr wertvoll sein und dennoch Lücken oder spätere Deutungen aufweisen. Quellenkritik bedeutet nicht Misstrauen gegen alles, sondern methodisch begründetes Prüfen.
Transfer zur heutigen Ausbildung
Der heutige anerkannte Ausbildungsberuf, in dem traditionelle handwerkliche Schmiedearbeiten eine wichtige Rolle spielen, heißt in Deutschland Metallbauerin beziehungsweise Metallbauer der Fachrichtung Metallgestaltung. Die Ausbildungsordnung nennt unter anderem das Handhaben von Schmiedefeuern und schmiedbaren Werkstoffen, manuelles und maschinelles Schmieden sowie das Herstellen und Instandhalten von Werkzeugen und Hilfswerkzeugen.[7]
Für die heutige Ausbildung ergeben sich drei Leitfragen: Wie sicherst Du fachliche Qualität? Wie schützt Du Menschen, Tiere und Umwelt? Wie erkennst Du, wenn berufliches Können für Diskriminierung, Gewalt oder menschenverachtende Ziele eingesetzt werden soll?
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Zu welchem Fertigungsverfahren gehört Schmieden? (Umformen) (!Trennen) (!Beschichten) (!Urformen)
Was kennzeichnet eine handwerkliche Schmiede im Unterschied zu einem industriellen Schmiedewerk besonders? (Einzelstücke Reparaturen und kleine Serien) (!Ausschließlich vollautomatische Massenproduktion) (!Ausschließlich spanende Bearbeitung) (!Verzicht auf Wärme und Druck)
Was bedeutete Gleichschaltung für die Handwerksorganisationen? (Unterordnung unter die nationalsozialistische Herrschaft) (!Einführung freier Gewerkschaftswahlen) (!Auflösung aller staatlichen Kontrollen) (!Vollständige politische Neutralität)
Welche Organisation erfasste das Schmiedehandwerk fachlich auf Reichsebene? (Reichsinnungsverband des Schmiedehandwerks) (!Freier Verband demokratischer Schmiedegesellen) (!Internationaler Metallarbeiterbund) (!Kommunaler Landwirtschaftsrat)
Was war der Große Befähigungsnachweis? (Meisterqualifikation für die selbstständige Betriebsführung) (!Kennzeichen für Zwangsarbeitende) (!Nachweis über Parteimitgliedschaft) (!Erlaubnis zum privaten Pferdebesitz)
Welche Folge hatte die Verordnung vom 12. November 1938 für jüdische Handwerker? (Sie durften ab 1939 keinen selbstständigen Handwerksbetrieb mehr führen) (!Sie erhielten staatlich finanzierte Werkstätten) (!Sie wurden von der Innungspflicht befreit und geschützt) (!Sie bekamen bevorzugt öffentliche Aufträge)
Wie soll der Begriff Arisierung verwendet werden? (Als kritisch erklärter Täterbegriff für Raub und Zwangsübertragung) (!Als neutrale Bezeichnung eines freiwilligen Verkaufs) (!Als Fachwort für das Härten von Stahl) (!Als Name einer Schmiedetechnik)
Warum müssen Gruppen von Zwangsarbeitenden unterschieden werden? (Weil Rechtsstatus Haftbedingungen und Verfolgung unterschiedlich waren) (!Weil nur Industriearbeiter Zwang ausgesetzt waren) (!Weil alle Gruppen freiwillig ihre Arbeitsstelle wählten) (!Weil Zwangsarbeit nur vor 1933 vorkam)
Was ist bei nationalsozialistischen Propagandafotografien besonders wichtig? (Urheber Auftrag Bildausschnitt und Beschriftung prüfen) (!Die Bildunterschrift immer wörtlich glauben) (!Nur die technische Bildqualität bewerten) (!Jede Aufnahme als private Erinnerung einordnen)
Welcher heutige Ausbildungsberuf umfasst traditionelle Schmiedearbeiten im Metallhandwerk? (Metallbauer Fachrichtung Metallgestaltung) (!Fachkraft für Lagerlogistik) (!Kaufmann für Büromanagement) (!Elektroniker für Gebäudesystemintegration)
Memory
| Gleichschaltung | Verlust selbstständiger Organisationen |
| Pflichtinnung | Verbindliche berufliche Mitgliedschaft |
| Warmumformung | Formänderung bei erhitztem Werkstoff |
| Reichsinnungsverband | Zentraler Fachverband eines Handwerks |
| Arisierung | NS-Raub und Zwangsübertragung |
| Zwangsarbeit | Arbeit unter außerwirtschaftlichem Zwang |
| Amboss | Feste Unterlage beim Schmieden |
| Quellenkritik | Methodische Prüfung historischer Aussagen |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Gleichschaltung | Politische Kontrolle des Handwerks |
| Vierjahresplan | Vorbereitung der Kriegswirtschaft |
| Warmumformung | Technisches Schmiedeverfahren |
| Arisierung | Wirtschaftliche Verfolgung und Enteignung |
| Zwangsarbeit | Ausbeutung von Menschen unter Zwang |
Kreuzworträtsel
| Amboss | Wie heißt die feste Arbeitsunterlage beim Schmieden? |
| Esse | Wie heißt die traditionelle Feuerstelle einer Schmiede? |
| Innung | Wie heißt die fachliche Organisation eines Handwerks? |
| Zwangsarbeit | Wie heißt Arbeit ohne freie Wahl unter Strafandrohung? |
| Arisierung | Welcher NS-Täterbegriff verschleierte Enteignung und Zwangsverkauf? |
| Gleichschaltung | Wie heißt die Unterordnung von Organisationen unter die NS-Herrschaft? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Werkzeugglossar: Erstelle ein bebildertes Glossar mit zehn Werkzeugen oder Einrichtungen einer Schmiede und erkläre jeweils Funktion, sichere Anwendung und historischen Quellenwert.
- Bildanalyse: Untersuche eines der eingebundenen Bilder nach Urheber, Entstehungszeit, Motiv, möglicher Inszenierung und fehlenden Informationen.
- Zeitleistenplakat: Gestalte ein Plakat, das technische Entwicklungen und politische Eingriffe von 1933 bis 1945 in zwei getrennten Spuren zeigt.
- Fachbegriffe erklären: Nimm ein dreiminütiges Lernvideo auf, in dem Du Gleichschaltung, Pflichtinnung, Warmumformung und Zwangsarbeit korrekt erklärst.
Standard
- Lokale Spurensuche: Recherchiere in einem Stadtarchiv oder digitalen Adressbuch nach Schmieden zwischen 1933 und 1945 und dokumentiere Veränderungen bei Eigentum, Adresse und Betriebsbezeichnung.
- Betriebsbiografie: Erstelle eine quellenbasierte Kurzbiografie einer historischen Schmiede und trenne sichere Fakten, begründete Vermutungen und offene Fragen.
- Technikvergleich: Vergleiche ein historisches Schmiedeverfahren mit der heutigen Ausbildungsordnung und erläutere Kontinuitäten bei Werkzeugen sowie Veränderungen bei Arbeitsschutz und Maschinen.
- Podcast Werkstatt und Diktatur: Produziere eine Podcastfolge mit den Perspektiven von Meister, Geselle, Auszubildendem und verfolgter oder zwangsarbeitender Person, wobei jede Aussage durch Quellen oder klar gekennzeichnete Rekonstruktion gestützt wird.
Schwer
- Provenienzforschung: Untersuche die Herkunft einer historischen Maschine, eines Werkzeugs oder eines Betriebsvermögens und prüfe, ob ein Zusammenhang mit Enteignung oder Zwangsverkauf bestand.
- Zwangsarbeitskarte: Erstelle eine Karte lokaler Lager, Betriebe und Arbeitsorte und kennzeichne nachweisbare Verbindungen zum Metallhandwerk.
- Ausstellungskonzept: Entwirf eine kleine Ausstellung, die technische Objekte nicht isoliert zeigt, sondern mit Eigentumsgeschichte, Arbeitsbedingungen und Opferperspektiven verbindet.
- Historisches Gutachten: Verfasse ein Gutachten zur Verantwortung eines ausgewählten Betriebs. Bewerte Gesetze, Aufträge, Personal, mögliche Vorteile, Zwangsarbeit und Nachkriegsdarstellungen und benenne Unsicherheiten ausdrücklich.


Lernkontrolle
- Fallanalyse Betriebsauftrag: Eine Schmiede erhielt 1942 einen priorisierten Reparaturauftrag für Transportfahrzeuge. Analysiere, welche technischen, wirtschaftlichen und politischen Fragen geklärt werden müssen, bevor Du den Betrieb als kriegswichtig oder als Profiteur bewertest.
- Quellenvergleich: Vergleiche ein Propagandafoto mit einer Entschädigungsakte oder einem Zeitzeugenbericht. Erkläre, warum die Quellen unterschiedliche Wirklichkeiten zeigen können.
- Begriffsreflexion: Begründe, warum der Begriff „Arisierung“ nur kritisch markiert verwendet werden sollte, und formuliere eine sachgerechte Alternative für einen Ausstellungstext.
- Verantwortungsmodell: Entwickle ein Schaubild, das Verantwortung von Staat, Kammer, Innung, Betriebsleitung und einzelnen Beschäftigten unterscheidet, ohne das Zwangssystem zu relativieren.
- Transfer Arbeitsethik: Übertrage die historischen Erkenntnisse auf eine heutige Situation, in der ein Betrieb einen technisch legal erscheinenden, aber menschenrechtlich problematischen Auftrag erhält.
- Ausbildungsbezug: Erkläre, wie fachliche Exzellenz, Arbeitsschutz, demokratische Werte und Erinnerungskultur in einem heutigen Metallbaubetrieb zusammenwirken können.
Lernnachweis
Für einen überzeugenden Lernnachweis sind folgende Leistungen wichtig:
- Fachsprachliche Genauigkeit: Du verwendest Begriffe wie Warmumformung, Amboss, Pflichtinnung, Gleichschaltung, Zwangsarbeit und Quellenkritik korrekt.
- Historische Einordnung: Du stellst Verbindungen zwischen Handwerksorganisation, NS-Herrschaft, Kriegswirtschaft und Verfolgung her.
- Differenzierung: Du unterscheidest handwerkliche und industrielle Schmiedearbeit sowie verschiedene Gruppen und Bedingungen erzwungener Arbeit.
- Quellenbelege: Du belegst Aussagen nachvollziehbar und kennzeichnest Unsicherheiten.
- Opferperspektive: Du stellst verfolgte und ausgebeutete Menschen nicht nur als Randaspekt der Betriebsgeschichte dar.
- Beruflicher Transfer: Du leitest begründete Folgerungen für heutige Verantwortung, Arbeitsschutz und demokratische Berufsethik ab.
Quellen und Einzelnachweise
- ↑ Historisches Lexikon Bayerns: Handwerkskammern bis 1945
- ↑ Arbeit und Leben: Geschichte der Selbstverwaltung im Handwerk
- ↑ Historisches Lexikon Bayerns: Handwerk im 19. und 20. Jahrhundert
- ↑ Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vom 12. November 1938
- ↑ Bundeszentrale für politische Bildung: Der wirtschaftliche Existenzkampf der Juden im Dritten Reich
- ↑ Gesetz über den Beschlag von Hufen und Klauen
- ↑ Bundesinstitut für Berufsbildung: Ausbildungsordnung Metallbauer
- Handwerkskammern bis 1945
- Handwerk im 19. und 20. Jahrhundert
- Geschichte der Selbstverwaltung im Handwerk
- Wirtschaftliche Verfolgung jüdischer Menschen
- Ausbildungsordnung Metallbauer
- Hufbeschlaggesetz
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