Edmund Husserl - Philosophie


Edmund Husserl - Philosophie
Edmund Husserl - Philosophie

Edmund Husserl (1859–1938) begründete die moderne Phänomenologie. Er fragte nicht zuerst, was die Welt unabhängig von uns ist, sondern wie sie uns im Bewusstsein erscheint. Dieser aiMOOC führt Dich knapp, methodisch und anwendungsorientiert in seine wichtigsten Begriffe ein.
Einleitung
Husserls Leitidee lautet: Philosophie soll die Strukturen von Erfahrung, Wahrnehmung, Urteil und Bedeutung sorgfältig beschreiben. Dabei untersucht sie die Beziehung zwischen Bewusstseinsvollzug und Erscheinungsweise eines Gegenstands.
Du lernst:
- Phänomenologie: Erfahrungen aus der Perspektive der ersten Person untersuchen
- Intentionalität: Bewusstsein als Gerichtetheit auf etwas verstehen
- Epoché und Phänomenologische Reduktion: Vorannahmen methodisch zurückstellen
- Noesis und Noema: Vollzug und intentionalen Sinn unterscheiden
- Zeitbewusstsein, Intersubjektivität und Lebenswelt: zentrale Analysefelder erklären
- Husserls Methode auf Alltag, Wissenschaft und digitale Medien übertragen
Biografie und Werkweg

- 1859: Geburt in Proßnitz in Mähren, dem heutigen Prostějov
- Studium: Mathematik, Physik, Astronomie und Philosophie in Leipzig, Berlin und Wien
- Philosophische Prägung: Studien bei Franz Brentano und Carl Stumpf
- Lehre: Tätigkeiten in Halle, Göttingen und Freiburg
- 1938: Tod in Freiburg im Breisgau; sein umfangreicher Nachlass wird Grundlage der Husserliana

Von der Mathematik zur Phänomenologie
Husserl begann als Mathematiker. In der Philosophie wandte er sich gegen den Psychologismus, also gegen die Reduktion logischer Geltung auf psychische Tatsachen. Logische Wahrheiten gelten nicht bloß deshalb, weil Menschen auf eine bestimmte Weise denken.
Datei:CNTS-00124185628 2 Logische Untersuchungen. 1Bd, 2Bd.1Teil, 2Bd.2.Teil- Edmund Husserl.pdf
Die Logischen Untersuchungen von 1900/1901 markieren den Durchbruch seiner frühen Phänomenologie. Sie verbinden Kritik am Psychologismus mit Analysen von Bedeutung, Erkenntnis und intentionalem Erleben.
Phänomenologie: Zu den Sachen selbst
Phänomenologie untersucht, wie etwas in Erfahrung gegeben ist. Sie ersetzt vorschnelle Erklärungen durch genaue Beschreibung.
Beispiel: Du siehst eine Tasse. Du nimmst nie alle Seiten zugleich wahr. Trotzdem erscheint sie Dir als derselbe Gegenstand. Phänomenologisch interessant ist, wie sichtbare Seiten, Erwartungen und frühere Wahrnehmungen zu einer einheitlichen Gegenstandserfahrung gehören.
Natürliche Einstellung
In der natürlichen Einstellung gilt die Welt selbstverständlich als vorhanden. Du handelst, urteilst und planst, ohne ständig zu fragen, wie Gegenstände für Dich erscheinen.
Husserl verwirft diese Haltung nicht. Er macht sie zum Ausgangspunkt einer methodischen Untersuchung.
Intentionalität
Intentionalität bedeutet: Bewusstsein ist stets Bewusstsein von etwas. Wahrnehmen, Erinnern, Hoffen, Zweifeln oder Urteilen sind jeweils auf einen Gegenstand, Sachverhalt oder Sinn gerichtet.
Der Gegenstand muss nicht real existieren. Auch die Erinnerung an ein verlorenes Objekt oder die Vorstellung einer erfundenen Figur ist intentional strukturiert.
Noesis und Noema
- Noesis: die Weise des Bewusstseinsvollzugs, etwa Wahrnehmen, Erinnern oder Urteilen
- Noema: der Gegenstandssinn, also der Gegenstand so, wie er in diesem Vollzug gemeint oder gegeben ist
Eine Stadt kann als Heimat, Reiseziel, Gefahr oder historischer Ort erscheinen. Der Gegenstand bleibt derselbe, doch seine jeweilige Gegebenheitsweise verändert sich.
Epoché und phänomenologische Reduktion
Die Epoché setzt die gewöhnliche Geltung unserer Weltannahmen methodisch in Klammern. Sie behauptet nicht, dass die Welt nicht existiert.
Die phänomenologische Reduktion lenkt den Blick auf die Korrelation zwischen Bewusstsein und Erscheinungsweise:
- Beschreibe, was erscheint.
- Halte ungeprüfte Erklärungen zurück.
- Untersuche, wie der Gegenstand gegeben ist.
- Achte auf Perspektive, Erwartung, Erinnerung und Bedeutung.
Eidetische Variation und Wesen
Bei der eidetischen Variation veränderst Du ein Beispiel in der Vorstellung. So prüfst Du, welche Merkmale austauschbar sind und welche für eine bestimmte Erfahrungsart notwendig erscheinen.
Beispiel: Ein Dreieck kann groß, klein, farbig oder farblos vorgestellt werden. Es verliert aber seinen Charakter als Dreieck, wenn es nicht mehr drei Seiten besitzt.
Husserls Begriff des Wesens meint keine verborgene Substanz, sondern eine durch Variation erschlossene notwendige Struktur.
Inneres Zeitbewusstsein
Eine Melodie wird nicht als Folge isolierter Töne erlebt. Husserl unterscheidet:
- Urimpression: das gegenwärtig Erlebte
- Retention: das eben Vergangene, das noch nachklingt
- Protention: die unmittelbare Erwartung des Kommenden
Diese Struktur erklärt, wie Dauer, Rhythmus und Zusammenhang erfahren werden.
Intersubjektivität und Einfühlung
Andere Menschen erscheinen nicht nur als Körper, sondern als erlebende Subjekte. Einfühlung bezeichnet bei Husserl den Zugang zu fremdem Erleben, ohne dass es zu meinem eigenen Erleben wird.
Intersubjektivität ist entscheidend für die Erfahrung einer gemeinsamen Welt: Gegenstände gelten als öffentlich, weil sie prinzipiell auch anderen Perspektiven zugänglich sind.
Lebenswelt und Wissenschaftskritik
Die Lebenswelt ist die vorwissenschaftliche Welt des alltäglichen Wahrnehmens, Handelns und Verstehens. Wissenschaftliche Modelle abstrahieren von ihr, bleiben aber auf lebensweltliche Erfahrung, Sprache und Praxis angewiesen.
Husserls Kritik richtet sich nicht gegen Wissenschaft. Sie richtet sich gegen den Objektivismus, wenn wissenschaftliche Abstraktionen ihre Erfahrungsgrundlagen vergessen.
Transzendentale Phänomenologie
Husserl fragt nach den Bedingungen, unter denen Gegenstände, Wahrheit und Welt für Bewusstsein Sinn erhalten. Das transzendentale Subjekt ist dabei nicht einfach die empirische Person mit ihrer Biografie, sondern der Bezugspunkt von Sinnbildung und Geltung.
Diese Position ist umstritten. Kritiker fragen, ob sie zu idealistisch sei oder fremdes Bewusstsein ausreichend erklären könne.
Wichtige Werke
- Philosophie der Arithmetik (1891): frühe Untersuchung von Zahl und Vorstellung
- Logische Untersuchungen (1900/1901): Kritik des Psychologismus und Analysen intentionaler Akte
- Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie I (1913): systematische Darstellung von Epoché und Reduktion
- Cartesianische Meditationen (1931): transzendentale Subjektivität und Intersubjektivität
- Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie (1936, unvollständig): Lebenswelt und Sinnkrise der Wissenschaften

Wirkung und Kritik
Husserl beeinflusste Edith Stein, Martin Heidegger, Max Scheler, Maurice Merleau-Ponty, Jean-Paul Sartre, Alfred Schütz und viele Ansätze in Hermeneutik, Existenzphilosophie, Sozialwissenschaften und Philosophie des Geistes.
Zentrale Streitfragen sind:
- Kann Epoché wirklich voraussetzungslos durchgeführt werden?
- Überwindet Intersubjektivität die Gefahr des Solipsismus?
- Ist das Noema ein Sinn, eine Struktur oder eine besondere Art von Gegenstand?
- Wie verhalten sich phänomenologische Beschreibung und empirische Forschung zueinander?

Beispielanalyse: Smartphone-Benachrichtigung
Eine Benachrichtigung ist phänomenologisch mehr als Licht und Ton:
- Sie erscheint als Aufforderung.
- Frühere Erfahrungen prägen ihre Bedeutung.
- Retention hält den Ton noch präsent.
- Protention richtet Aufmerksamkeit auf eine erwartete Nachricht.
- Der soziale Kontext macht sie wichtig, störend oder bedrohlich.
- Epoché hilft, die Erscheinungsweise zu beschreiben, bevor technische oder psychologische Ursachen erklärt werden.
Merksätze
- Bewusstsein ist intentional auf etwas gerichtet.
- Die Epoché bestreitet die Welt nicht, sondern suspendiert ihre selbstverständliche Geltung.
- Die Reduktion untersucht die Beziehung zwischen Bewusstsein und Gegebenheitsweise.
- Noesis bezeichnet den Vollzug, Noema den intentionalen Sinn.
- Retention und Protention strukturieren erlebte Zeit.
- Die Lebenswelt bildet den Sinnhorizont wissenschaftlicher Abstraktion.

Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welche philosophische Strömung begründete Edmund Husserl maßgeblich? (Phänomenologie) (!Pragmatismus) (!Utilitarismus) (!Strukturalismus)
Was bezeichnet Intentionalität bei Husserl? (Die Gerichtetheit des Bewusstseins auf etwas) (!Die moralische Absicht einer Handlung) (!Die vollständige Kontrolle über Gefühle) (!Die Ablehnung aller Gegenstände)
Was geschieht in der Epoché? (Die selbstverständliche Geltung von Weltannahmen wird methodisch suspendiert) (!Die Existenz der Welt wird endgültig widerlegt) (!Alle Wahrnehmungen werden vergessen) (!Naturwissenschaftliche Messungen werden ersetzt)
Worauf richtet die phänomenologische Reduktion die Aufmerksamkeit? (Auf die Beziehung zwischen Bewusstseinsvollzug und Erscheinungsweise) (!Auf die chemische Zusammensetzung von Gehirnzellen) (!Auf historische Daten ohne Erfahrungsbezug) (!Auf die Widerlegung jeder Alltagserfahrung)
Was bezeichnet Noesis? (Die Weise eines intentionalen Bewusstseinsvollzugs) (!Den physischen Gegenstand unabhängig von Erfahrung) (!Eine naturwissenschaftliche Messgröße) (!Die Leugnung fremden Bewusstseins)
Wozu dient die eidetische Variation? (Zur Erschließung notwendiger Strukturen durch vorgestellte Abwandlung) (!Zur Berechnung statistischer Mittelwerte) (!Zur Rekonstruktion einer Biografie) (!Zur moralischen Bewertung einer Handlung)
Was ist Retention? (Das Nachhalten des eben Vergangenen im gegenwärtigen Erleben) (!Eine langfristige Zukunftsplanung) (!Eine bewusste Täuschung) (!Die Wahrnehmung eines räumlich entfernten Gegenstands)
Was meint Husserl mit Lebenswelt? (Den vorwissenschaftlichen Horizont alltäglicher Erfahrung) (!Eine rein biologische Umwelt) (!Eine mathematische Idealwelt) (!Eine private Traumwelt ohne andere Menschen)
Warum ist Intersubjektivität für Husserl wichtig? (Sie erklärt die Erfahrung einer mit anderen geteilten Welt) (!Sie macht jede individuelle Perspektive unmöglich) (!Sie ersetzt Wahrnehmung durch Erinnerung) (!Sie beweist, dass Sprache bedeutungslos ist)
Wogegen richtet sich Husserls Kritik am Psychologismus? (Gegen die Reduktion logischer Geltung auf psychische Tatsachen) (!Gegen jede Beschäftigung mit Bewusstsein) (!Gegen die Verwendung mathematischer Symbole) (!Gegen die Annahme einer gemeinsamen Welt)
Memory
| Intentionalität | Gerichtetheit auf etwas |
| Epoché | Methodische Urteilsenthaltung |
| Reduktion | Rückgang zur Gegebenheitsweise |
| Noesis | Bewusstseinsvollzug |
| Noema | Intentionaler Sinn |
| Retention | Eben Vergangenes |
| Protention | Unmittelbar Erwartetes |
| Lebenswelt | Vorwissenschaftlicher Horizont |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Phänomenologischer Schritt |
|---|---|
| Natürliche Einstellung | Die Welt wird selbstverständlich als vorhanden angenommen. |
| Epoché | Ungeprüfte Geltungsannahmen werden methodisch suspendiert. |
| Phänomenologische Reduktion | Die Korrelation von Bewusstsein und Erscheinungsweise wird untersucht. |
| Eidetische Variation | Vorgestellte Beispiele werden verändert, um notwendige Strukturen zu erkennen. |
| Intersubjektive Analyse | Die Mitgegebenheit anderer Perspektiven wird untersucht. |
| Lebensweltanalyse | Die vorwissenschaftliche Grundlage von Praxis und Wissenschaft wird sichtbar gemacht. |
Kreuzworträtsel
| Intentionalitaet | Wie heißt die Gerichtetheit des Bewusstseins auf etwas? |
| Epoche | Wie heißt die methodische Suspendierung selbstverständlicher Geltung? |
| Noesis | Welcher Begriff bezeichnet den Bewusstseinsvollzug? |
| Noema | Welcher Begriff bezeichnet den intentionalen Gegenstandssinn? |
| Retention | Wie heißt das Nachhalten des eben Vergangenen? |
| Lebenswelt | Wie heißt der vorwissenschaftliche Horizont alltäglicher Erfahrung? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Beobachtungsprotokoll: Beschreibe eine Tasse zwei Minuten lang, ohne ihre Ursache, Funktion oder Herstellung zu erklären.
- Begriffskarte: Gestalte eine Karte zu Intentionalität mit Definition, Beispiel und Gegenbeispiel.
- Schaubild: Zeichne die Beziehungen zwischen Noesis, Noema und Gegenstand.
- Audiobeitrag: Erkläre Epoché in einer Aufnahme von höchstens 90 Sekunden.
Standard
- Phänomenologische Beschreibung: Analysiere eine Smartphone-Benachrichtigung nach Perspektive, Erwartung, Erinnerung und Bedeutung.
- Methodenvergleich: Vergleiche eine naturwissenschaftliche und eine phänomenologische Beschreibung derselben Melodie.
- Videoessay: Produziere ein dreiminütiges Video zu Retention, Urimpression und Protention.
- Interview: Befrage zwei Personen dazu, wie derselbe öffentliche Ort unterschiedlich erlebt wird, und werte die Perspektiven aus.
Schwer
- Textanalyse: Untersuche einen Abschnitt aus den Logischen Untersuchungen oder Ideen I und rekonstruiere Argument, Begriff und Einwand.
- Debatte: Verteidige oder kritisiere die These, Husserls transzendentale Phänomenologie führe zum Solipsismus.
- Mini-Forschungsprojekt: Untersuche das Zeitbewusstsein beim Hören einer Melodie und dokumentiere Methode, Beobachtung und Grenze.
- Transferprojekt: Prüfe, wie sich Intentionalität und Lebenswelt auf virtuelle Realität oder künstliche Intelligenz anwenden lassen.


Lernkontrolle
- Epoché im Alltag: Eine Person hält eine Nachricht sofort für unhöflich. Zeige, welche Vorannahmen sie in der Epoché suspendieren müsste und welche Erscheinungsmerkmale danach untersucht werden könnten.
- Zeitbewusstsein: Erkläre, warum eine Melodie ohne Retention und Protention nicht als zusammenhängende Melodie erfahren werden könnte.
- Lebenswelt und Wissenschaft: Analysiere an einem Navigationssystem, wie mathematische Modelle auf lebensweltliche Ziele, Sprache und Orientierung angewiesen bleiben.
- Intersubjektivität: Beurteile, ob ein sozialer Roboter als erlebendes Gegenüber erscheinen kann. Trenne Erscheinungsweise, Zuschreibung und gesicherte Erkenntnis.
- Noesis und Noema: Zeige an einer Erinnerung, wie sich derselbe Gegenstand bei Wahrnehmen, Erinnern und Zweifeln unterschiedlich gibt.
- Kritik des Psychologismus: Begründe, warum die Tatsache, dass Menschen Denkfehler machen, die Geltung eines logischen Schlusses nicht aufhebt.
Lernnachweis
Für einen überzeugenden Lernnachweis solltest Du:
- die Grundbegriffe Intentionalität, Epoché, Reduktion, Noesis, Noema, Retention, Protention, Intersubjektivität und Lebenswelt korrekt erklären,
- mindestens eine Alltagserfahrung phänomenologisch beschreiben,
- Beschreibung und kausale Erklärung unterscheiden,
- Husserls Position mit einem begründeten Einwand prüfen,
- einen Transfer zu Wissenschaft, Technik, Kunst oder Gesellschaft leisten,
- verwendete Primär- und Sekundärquellen nachvollziehbar angeben.
OERs zum Thema
Freie Medien und Vertiefung

- Edmund Husserl: biografischer Überblick
- Phänomenologie: Methode und philosophische Bewegung
- Intentionalität: Gerichtetheit mentaler Akte
- Phänomenologische Reduktion: Epoché und Analyse der Gegebenheitsweise
- Lebenswelt: vorwissenschaftlicher Erfahrungshorizont
- Husserliana: kritische Edition von Husserls Werken und Nachlass
Verknüpfte Lernbereiche
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