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Neue Sachlichkeit - Kunstgeschichte

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Neue Sachlichkeit - Kunstgeschichte




Einleitung

Die Neue Sachlichkeit ist eine wichtige Kunstepoche und Stilrichtung der Kunstgeschichte der 1920er Jahre. Sie entwickelte sich vor allem in der Weimarer Republik und steht für einen bewusst nüchternen, genauen, oft kühlen Blick auf die sichtbare Welt. Nach den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs, der Novemberrevolution und den gesellschaftlichen Umbrüchen der Zwischenkriegszeit suchten viele Künstlerinnen und Künstler nach einer neuen Form der Darstellung: weniger subjektiv, weniger pathetisch, weniger expressiv, dafür genauer, kritischer und stärker an Alltag, Gesellschaft, Technik, Großstadt, Körper, Arbeit und Politik orientiert.

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Die Neue Sachlichkeit ist keine geschlossene Künstlergruppe mit einheitlichem Manifest. Vielmehr fasst der Begriff unterschiedliche Positionen zusammen, die sich nach dem Expressionismus neu zur Wirklichkeit verhielten. Der Begriff wurde durch die Ausstellung „Die Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“ in der Kunsthalle Mannheim im Jahr 1925 besonders bekannt. Der damalige Kunsthallendirektor Gustav Friedrich Hartlaub bündelte unter diesem Titel sehr verschiedene künstlerische Haltungen, die aber eines gemeinsam hatten: Sie wandten sich wieder dem Gegenstand, der beobachtbaren Wirklichkeit und einer präzisen Bildsprache zu.

Die Neue Sachlichkeit eignet sich besonders gut, um Kunstgeschichte, Geschichte, Politische Bildung, Medienbildung und Bildanalyse miteinander zu verbinden. Wenn Du ein Bild der Neuen Sachlichkeit untersuchst, fragst Du nicht nur nach Farbe, Form, Komposition und Perspektive, sondern auch nach gesellschaftlichen Fragen: Wer wird dargestellt? Welche sozialen Gegensätze werden sichtbar? Wie erscheinen Menschen in der modernen Großstadt? Welche Rolle spielen Kriegserfahrung, wirtschaftliche Krisen, neue Technik, neue Rollenbilder und politische Spannungen?

Das Werk von Carl Grossberg zeigt beispielhaft, wie die Neue Sachlichkeit moderne Technik, industrielle Räume und präzise Ordnung sichtbar macht. Maschinen, Fabriken und technische Konstruktionen erscheinen nicht mehr nur als Hintergrund, sondern werden selbst zu Bildthemen. Damit wird die Kunst zu einem Spiegel einer Gesellschaft, in der Rationalisierung, Industrialisierung und moderne Arbeitsformen immer wichtiger wurden.


Historischer Kontext


Die Weimarer Republik als Erfahrungsraum

Die Weimarer Republik bestand von 1918 bis 1933. Sie war geprägt von demokratischem Aufbruch, kultureller Modernisierung, politischen Konflikten, wirtschaftlichen Krisen und tiefen gesellschaftlichen Gegensätzen. Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren für viele Menschen von Verlust, Armut, Invalidität, Inflation und politischer Unsicherheit bestimmt. Gleichzeitig entstanden neue Lebensformen: Großstädte wie Berlin wurden Zentren von Kino, Kabarett, Mode, Presse, Fotografie, Werbung, Tanz, Literatur und moderner Architektur.

Die Kunst der Neuen Sachlichkeit reagierte auf diese widersprüchliche Wirklichkeit. Sie zeigte nicht nur schöne Oberflächen, sondern auch Brüche: Kriegsversehrte, Arbeitslose, elegante Großstadtmenschen, Büroangestellte, Prostituierte, Industrielandschaften, Ärzte, Intellektuelle, Künstlerinnen, neue Frauenbilder und soziale Randgruppen. Die Bilder wirkten oft distanziert, präzise und sachlich, konnten aber zugleich ironisch, bitter, melancholisch oder anklagend sein.


Abgrenzung vom Expressionismus

Der Expressionismus setzte häufig auf gesteigerte Emotion, subjektive Farbigkeit, dramatische Verzerrung und innere Erlebnisse. Viele Künstlerinnen und Künstler der Neuen Sachlichkeit empfanden diesen Ausdruck nach dem Krieg als nicht mehr ausreichend. Sie wollten nicht mehr vor allem die innere Erschütterung zeigen, sondern die äußere Wirklichkeit genau beobachten. Das bedeutete jedoch nicht, dass ihre Kunst emotionslos war. Oft liegt die Spannung gerade darin, dass harte gesellschaftliche Themen in einer kühlen, kontrollierten und detailreichen Bildsprache dargestellt werden.

Die Neue Sachlichkeit kann deshalb als eine Kunst des genauen Hinsehens verstanden werden. Sie fragt: Was zeigt sich, wenn man die moderne Gesellschaft ohne romantische Verklärung betrachtet? Was wird sichtbar, wenn man Krieg, Armut, Konsum, Technik, Geschlechterrollen und politische Macht sachlich, aber nicht unkritisch darstellt?


Der Wendepunkt 1925

Die Ausstellung „Die Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“ in der Kunsthalle Mannheim gilt als zentraler Moment für die Benennung der Stilrichtung. Gustav Friedrich Hartlaub unterschied in seiner Deutung zwei Tendenzen: einen gesellschaftskritischen, oft scharf beobachtenden Flügel und einen eher klassisch geordneten, ruhigen Flügel. Später wurde außerdem der Begriff Magischer Realismus wichtig, der eine rätselhafte, fast traumartige Genauigkeit beschreibt.

Das Stillleben von Alexander Kanoldt zeigt eine andere Seite der Neuen Sachlichkeit: klare Formen, ruhige Ordnung, feste Gegenstände und eine fast stille, konzentrierte Atmosphäre. Hier geht es weniger um direkte Gesellschaftskritik als um eine neue Objektivität im Blick auf Dinge, Räume und Kompositionen.


Merkmale der Neuen Sachlichkeit


Präzision und Gegenständlichkeit

Ein zentrales Merkmal der Neuen Sachlichkeit ist die Rückkehr zur Gegenständlichkeit. Menschen, Dinge, Räume und Landschaften sind erkennbar. Die Malerei wirkt oft exakt, scharf konturiert und kontrolliert. Oberflächen werden genau beobachtet: Haut, Stoff, Glas, Metall, Maschinen, Möbel, Pflanzen oder Werbeschilder erscheinen mit großer Klarheit. Diese Präzision bedeutet aber nicht automatisch Neutralität. Gerade durch den kalten Blick können soziale Härten besonders deutlich hervortreten.


Nüchternheit und Distanz

Viele neusachliche Bilder vermeiden dramatische Gesten. Personen schauen häufig frontal, unbewegt oder distanziert. Die Darstellung kann fast fotografisch wirken, manchmal aber auch übergenau, künstlich oder unheimlich. Diese Nüchternheit passt zur Erfahrung einer modernen Welt, in der Menschen zunehmend durch Büroarbeit, Technik, Großstadtleben und gesellschaftliche Rollen bestimmt erscheinen.


Gesellschaftskritik und Verismus

Der Verismus ist der scharfe, gesellschaftskritische Flügel der Neuen Sachlichkeit. Veristische Künstler wie Otto Dix und George Grosz zeigten die Härten der Nachkriegsgesellschaft: Kriegsversehrte, soziale Ungleichheit, politische Heuchelei, Militarismus, Prostitution, Gewalt und moralische Doppeldeutigkeit. Ihre Bilder sind nicht neutral. Sie nutzen Überzeichnung, Satire, Karikatur und manchmal groteske Verzerrung, um gesellschaftliche Widersprüche sichtbar zu machen.

Dieses Porträt von Paul Groß macht sichtbar, wie die Neue Sachlichkeit Gesichter, Körperhaltungen und soziale Typen mit präziser Strenge darstellen konnte. Porträts der 1920er Jahre zeigen oft nicht nur individuelle Personen, sondern auch Rollenbilder und gesellschaftliche Erwartungen.


Klassizismus und geordnete Form

Neben dem Verismus gab es eine ruhigere, stärker an Ordnung, Form und Tradition orientierte Richtung. Diese wird häufig mit Klassizismus verbunden. Künstler wie Alexander Kanoldt oder Georg Schrimpf arbeiteten mit klaren Formen, statischen Kompositionen und einer ruhigen Bildsprache. Ihre Werke wirken oft weniger politisch direkt, aber dennoch modern, weil sie Dinge und Räume mit einer neuen, sachlichen Genauigkeit darstellen.


Magischer Realismus

Der Magische Realismus beschreibt eine Strömung, in der die Wirklichkeit sehr genau und gegenständlich erscheint, zugleich aber rätselhaft, still oder unheimlich wirkt. Gegenstände und Räume sind klar erkennbar, doch die Atmosphäre scheint entrückt. Der Begriff wurde durch Franz Roh geprägt und steht für eine besondere Spannung zwischen Realität und Geheimnis. In der Neuen Sachlichkeit kann Magischer Realismus als Brücke zwischen genauer Wirklichkeitsbeobachtung und innerer Irritation verstanden werden.

Bei Georg Schrimpf zeigt sich häufig eine ruhige, geordnete und fast zeitlose Bildwelt. Gerade diese Ruhe kann als Gegenbild zur politischen und sozialen Unruhe der Weimarer Republik gelesen werden.


Themen und Motive


Großstadt, Alltag und moderne Lebenswelt

Die Neue Sachlichkeit interessierte sich stark für die moderne Lebenswelt. Dazu gehören Großstadt, Straßen, Cafés, Büros, Schaufenster, Reklame, Tanzlokale, Verkehr, Bahnhöfe, Fabriken und neue Wohnformen. Die Stadt erscheint als Ort der Freiheit, aber auch der Vereinzelung. Menschen begegnen einander, wirken aber oft isoliert. Die Moderne wird nicht nur gefeiert, sondern auch kritisch untersucht.

Eine Straßenszene der 1920er Jahre kann wie ein sachliches Dokument wirken. Gleichzeitig lenkt die Bildgestaltung den Blick darauf, wie Menschen, Häuser, Verkehr und soziale Ordnung zusammenhängen. Die Stadt ist in der Neuen Sachlichkeit nicht bloß Kulisse, sondern Ausdruck einer neuen gesellschaftlichen Realität.


Arbeit, Technik und Rationalisierung

Die 1920er Jahre waren von Industrialisierung, Rationalisierung und moderner Technik geprägt. Fabriken, Maschinen, elektrische Beleuchtung, Radio, Grammophon, Fotografie und neue Produktionsweisen veränderten den Alltag. Die Neue Sachlichkeit zeigte diese Welt häufig mit präzisem Blick. Technik erscheint dabei ambivalent: Sie kann Fortschritt bedeuten, aber auch Entfremdung, Kälte und Kontrolle.

In einer Industrielandschaft wird deutlich, wie technische Bauformen die Wahrnehmung der Welt verändern. Die Landschaft ist nicht mehr nur Naturraum, sondern ein von Menschen, Maschinen und Produktionsprozessen geprägter Raum.


Körper, Porträt und soziale Rolle

Das Porträt ist eine wichtige Gattung der Neuen Sachlichkeit. Gesichter werden oft genau, manchmal schonungslos dargestellt. Personen erscheinen nicht idealisiert, sondern als Vertreterinnen und Vertreter einer bestimmten sozialen Wirklichkeit. Ärzte, Angestellte, Künstlerinnen, Tänzerinnen, Industrielle, Kriegsveteranen oder Großstadtmenschen werden in ihrer Rolle sichtbar. Dadurch fragt die Neue Sachlichkeit danach, wie Identität durch Beruf, Klasse, Geschlecht, Mode und gesellschaftliche Erwartung geprägt wird.


Die „Neue Frau“ und Geschlechterrollen

Die 1920er Jahre brachten neue Debatten über weibliche Selbstständigkeit, Berufstätigkeit, Mode, Sexualität und öffentliche Präsenz hervor. Künstlerinnen wie Jeanne Mammen, Lotte Laserstein, Dodo Wolff, Gerta Overbeck, Grethe Jürgens und Elfriede Lohse-Wächtler erweiterten den Blick auf die Neue Sachlichkeit. Sie zeigten Frauen nicht nur als Objekt männlicher Betrachtung, sondern als handelnde, beobachtende und gesellschaftlich positionierte Personen. Das Thema Neue Frau ist deshalb besonders wichtig, um die Neue Sachlichkeit nicht nur über männliche Künstler zu verstehen.


Kriegserfahrung und politische Kritik

Viele Künstler der Neuen Sachlichkeit waren durch den Ersten Weltkrieg geprägt. Die Erfahrung von Verwundung, Tod, Armut und gesellschaftlicher Desillusionierung beeinflusste ihre Bildsprache. Besonders im Verismus werden Krieg und Militarismus nicht heroisiert, sondern als zerstörerische Kräfte sichtbar. Das war politisch brisant, weil die Weimarer Republik von extremen politischen Konflikten, rechten und linken Bewegungen sowie wachsendem Antidemokratismus geprägt war.


Künstlerinnen und Künstler


Otto Dix

Otto Dix zählt zu den bekanntesten Künstlern der Neuen Sachlichkeit. Seine Arbeiten sind stark von Kriegserfahrung, Porträtkunst und gesellschaftskritischer Beobachtung geprägt. Dix zeigte die Nachkriegsgesellschaft mit scharfem Blick: Versehrte Körper, mondäne Großstadtfiguren, Machtmenschen, Künstlerinnen, Prostituierte und bürgerliche Rollen erscheinen bei ihm oft in einer Mischung aus Präzision, Härte und Ironie. Für die Bildanalyse ist wichtig, dass seine Kunst nicht nur abbildet, sondern kommentiert.


George Grosz

George Grosz war ein Meister der politischen Satire und der scharfen Gesellschaftskritik. Seine Zeichnungen und Gemälde greifen Militarismus, Kapitalismus, Korruption, Gewalt und soziale Ungleichheit an. Grosz arbeitete häufig mit Übertreibung, Verzerrung und Karikatur. Seine Kunst macht deutlich, dass „Sachlichkeit“ nicht immer neutral bedeutet. Sie kann auch eine schonungslose Entlarvung gesellschaftlicher Zustände sein.


Christian Schad

Christian Schad steht für eine kühle, elegante und psychologisch spannungsreiche Porträtkunst. Seine Bilder zeigen häufig Menschen aus urbanen Milieus, deren äußere Selbstkontrolle mit innerer Ambivalenz verbunden ist. Schad ist auch für seine frühen fotografischen Experimente, die sogenannten Schadografien, bekannt. In seinen neusachlichen Porträts verbinden sich genaue Maltechnik, glatte Oberflächen und eine oft rätselhafte Atmosphäre.


Jeanne Mammen

Jeanne Mammen beobachtete das Berliner Großstadtleben mit besonderem Blick auf Frauen, Vergnügungskultur, soziale Rollen und moderne Milieus. Ihre Zeichnungen und Aquarelle zeigen Bars, Cafés, Theater, Mode und die „Neue Frau“ der 1920er Jahre. Mammen ist wichtig, weil sie die Neue Sachlichkeit um Perspektiven erweitert, die lange weniger beachtet wurden: weibliche Erfahrung, urbane Selbstinszenierung und die Ambivalenz von Freiheit und gesellschaftlicher Begrenzung.


Carl Grossberg, Alexander Kanoldt und Georg Schrimpf

Carl Grossberg zeigt in seinen technischen und industriellen Motiven die präzise, fast maschinenhafte Seite der Neuen Sachlichkeit. Alexander Kanoldt steht für klare Stillleben und ruhige Kompositionen. Georg Schrimpf verkörpert eine geordnete, stille, teilweise klassizistische Tendenz. Diese drei Positionen machen deutlich, dass die Neue Sachlichkeit nicht nur aus politischer Satire besteht, sondern auch aus Formstrenge, Dinggenauigkeit und stiller Beobachtung.


Bildanalyse: Wie untersuchst Du ein neusachliches Werk?


Schritt 1: Beschreibung

Beginne mit einer genauen Bildbeschreibung. Nenne, was Du siehst: Personen, Gegenstände, Raum, Farben, Licht, Blickrichtungen, Körperhaltungen und Bildausschnitt. Bleibe zunächst möglichst sachlich. Gerade bei der Neuen Sachlichkeit ist die genaue Beobachtung wichtig, weil viele Bedeutungen in kleinen Details liegen.


Schritt 2: Formale Analyse

Untersuche Komposition, Perspektive, Farbigkeit, Linie, Licht, Raumwirkung und Malweise. Frage Dich: Wirkt das Bild statisch oder bewegt? Sind Formen klar konturiert? Gibt es eine kühle Oberfläche? Werden Personen frontal dargestellt? Gibt es Symmetrien, harte Kontraste oder eine besondere Distanz zwischen Betrachterin beziehungsweise Betrachter und Bildfigur?


Schritt 3: Deutung im historischen Kontext

Verbinde die Bildbeobachtungen mit dem historischen Kontext der Weimarer Republik. Ein Porträt kann etwas über Rollenbilder sagen. Eine Straßenszene kann soziale Ordnung zeigen. Eine Fabriklandschaft kann moderne Technik kommentieren. Eine überzeichnete Figur kann politische Kritik ausdrücken. Wichtig ist, dass Du Deine Deutung immer mit sichtbaren Bildelementen belegst.


Schritt 4: Vergleich mit anderen Stilrichtungen

Vergleiche die Neue Sachlichkeit mit Expressionismus, Dadaismus, Bauhaus, Surrealismus oder Realismus. Dadurch erkennst Du genauer, was an ihr besonders ist. Im Vergleich zum Expressionismus wirkt sie oft kühler und gegenständlicher. Im Vergleich zum Bauhaus ist sie weniger konstruktiv-programmatisch, aber ebenfalls mit moderner Lebenswelt verbunden. Im Vergleich zum Surrealismus bleibt sie stärker an der sichtbaren Realität orientiert, kann aber im Magischen Realismus ähnlich rätselhaft erscheinen.


Neue Sachlichkeit als Epochenbegriff


Warum ist der Begriff schwierig?

Der Begriff Neue Sachlichkeit ist praktisch, aber nicht unproblematisch. Er fasst sehr unterschiedliche Kunstwerke zusammen. Nicht alle Künstlerinnen und Künstler verstanden sich selbst als Teil einer festen Bewegung. Außerdem kann „sachlich“ missverstanden werden: Viele Werke sind zwar präzise und nüchtern gemalt, aber keineswegs neutral. Sie können ironisch, kritisch, melancholisch, politisch oder psychologisch aufgeladen sein.


Warum ist der Begriff trotzdem wichtig?

Trotzdem ist die Neue Sachlichkeit ein hilfreicher Epochenbegriff, weil er zentrale Tendenzen der 1920er Jahre bündelt: Rückkehr zur sichtbaren Welt, genaue Beobachtung, moderne Themen, gesellschaftliche Analyse, Distanz zum Expressionismus und Auseinandersetzung mit der Weimarer Republik. Der Begriff hilft Dir, einzelne Kunstwerke nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil einer größeren historischen und kulturellen Situation zu verstehen.


Bedeutung und Nachwirkung

Die Neue Sachlichkeit endete nicht an einem festen Tag, verlor aber mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus ab 1933 ihre öffentliche Entfaltungsmöglichkeit. Viele Künstlerinnen und Künstler wurden verfolgt, diffamiert, mit Ausstellungsverboten belegt oder zur Anpassung gedrängt. Manche Werke wurden später in nationalsozialistischen Kontexten als Entartete Kunst gebrandmarkt. Nach 1945 wurde die Neue Sachlichkeit kunsthistorisch neu bewertet. Heute gilt sie als eine der wichtigsten künstlerischen Ausdrucksformen der Weimarer Republik und als Schlüssel zum Verständnis der deutschen Kunst der Zwischenkriegszeit.

Ihre Bedeutung reicht über die Malerei hinaus. Auch Fotografie, Film, Architektur, Literatur und Design der 1920er Jahre zeigen sachliche, nüchterne, moderne Tendenzen. Die Neue Sachlichkeit ist deshalb nicht nur ein Stil, sondern ein Blick auf die Moderne: präzise, distanziert, kritisch und oft überraschend aktuell.


Zentrale Begriffe

  1. Neue Sachlichkeit: Kunstströmung der 1920er Jahre, die sich durch Gegenständlichkeit, Präzision und einen nüchternen Blick auf moderne Wirklichkeit auszeichnet.
  2. Weimarer Republik: Historischer Rahmen der Neuen Sachlichkeit zwischen demokratischem Aufbruch, Krise und kultureller Moderne.
  3. Expressionismus: Vorangehende Stilrichtung, von der sich die Neue Sachlichkeit durch größere Nüchternheit und Gegenstandsbezug abgrenzte.
  4. Verismus: Gesellschaftskritische Richtung der Neuen Sachlichkeit mit scharfer Beobachtung, Satire und oft grotesker Überzeichnung.
  5. Klassizismus: Ruhigere, geordnete Richtung mit klaren Formen, statischer Komposition und Bezug auf Tradition.
  6. Magischer Realismus: Strömung, in der die Wirklichkeit genau und zugleich rätselhaft oder unheimlich erscheint.
  7. Gegenständlichkeit: Erkennbare Darstellung von Personen, Dingen, Räumen und Landschaften.
  8. Bildanalyse: Methode, um Beschreibung, formale Gestaltung, Deutung und Kontext eines Kunstwerks zu verbinden.
  9. Neue Frau: Rollenbild der 1920er Jahre, das Selbstständigkeit, Berufstätigkeit, neue Mode und veränderte Geschlechterverhältnisse sichtbar macht.
  10. Kunsthalle Mannheim: Ort der namensprägenden Ausstellung von 1925.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Wodurch ist die Neue Sachlichkeit in der Kunst besonders geprägt? (Durch eine genaue, gegenständliche und oft nüchterne Darstellung der Wirklichkeit) (!Durch vollständige Abstraktion ohne erkennbare Gegenstände) (!Durch mittelalterliche Goldgrundmalerei) (!Durch ausschließlich religiöse Themen)




In welchem historischen Kontext entwickelte sich die Neue Sachlichkeit vor allem? (In der Weimarer Republik) (!Im Heiligen Römischen Reich) (!In der Renaissance Italiens) (!In der Bundesrepublik der 1980er Jahre)




Welche Ausstellung machte den Begriff Neue Sachlichkeit besonders bekannt? (Die Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim 1925) (!Die documenta in Kassel 1955) (!Die Weltausstellung in Paris 1889) (!Die Biennale in Venedig 1895)




Wer prägte den Ausstellungstitel Neue Sachlichkeit entscheidend? (Gustav Friedrich Hartlaub) (!Pablo Picasso) (!Vincent van Gogh) (!Wassily Kandinsky)




Welche Stilrichtung war ein wichtiger Gegenpol zur Neuen Sachlichkeit? (Expressionismus) (!Gotik) (!Rokoko) (!Romanik)




Was bezeichnet der Verismus innerhalb der Neuen Sachlichkeit? (Eine scharf gesellschaftskritische Richtung) (!Eine rein dekorative Blumenmalerei) (!Eine antike Bauform) (!Eine mittelalterliche Schreibweise)




Was beschreibt der Begriff Magischer Realismus in diesem Zusammenhang? (Eine genaue Wirklichkeitsdarstellung mit rätselhafter Atmosphäre) (!Eine reine Fantasiewelt ohne Wirklichkeitsbezug) (!Eine wissenschaftliche Messmethode) (!Eine Form barocker Kirchenmusik)




Welche Themen passen besonders zur Neuen Sachlichkeit? (Großstadt, Technik, Arbeit, Porträt und soziale Rollen) (!Mythische Heldensagen ohne Gegenwartsbezug) (!Ausschließlich Landschaften der Antike) (!Nur ornamentale Muster ohne Inhalt)




Warum ist die Neue Sachlichkeit kein völlig einheitlicher Stil? (Weil sehr unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler unter dem Begriff zusammengefasst werden) (!Weil es keine Kunstwerke aus dieser Zeit gibt) (!Weil sie ausschließlich aus Architektur bestand) (!Weil sie nur in einem einzigen Atelier entstand)




Was veränderte die Situation vieler Künstlerinnen und Künstler ab 1933? (Der Aufstieg des Nationalsozialismus) (!Die Erfindung des Buchdrucks) (!Der Beginn der französischen Revolution) (!Die Gründung des Bauhauses 1919)





Memory

Verismus Gesellschaftskritik
Klassizismus Geordnete Form
Magischer Realismus Rätselhafte Wirklichkeit
Weimarer Republik Historischer Kontext
Neue Frau Modernes Rollenbild
Otto Dix Kritisches Porträt
George Grosz Politische Satire
Carl Grossberg Technikdarstellung





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Verismus Gesellschaftskritische Schärfe
Klassizismus Ruhige Ordnung
Magischer Realismus Rätselhaft genaue Wirklichkeit
Kunsthalle Mannheim Ausstellung von 1925
Weimarer Republik Historischer Rahmen
Neue Frau Modernes Rollenbild




...


Kreuzworträtsel

Hartlaub Welcher Kunsthallendirektor prägte den Ausstellungstitel Neue Sachlichkeit?
Mannheim In welcher Stadt fand die namensprägende Ausstellung statt?
Verismus Wie heißt der gesellschaftskritische Flügel der Neuen Sachlichkeit?
Klassizismus Wie heißt die ruhig geordnete Strömung neben dem Verismus?
Realismus Welche Darstellungsrichtung betont die sichtbare Wirklichkeit?
Groteske Mit welchem Mittel steigerten veristische Künstler Kritik häufig?





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Lückentext

Vervollständige den Text.

Die Neue Sachlichkeit entwickelte sich nach dem

. Sie gehört besonders zur Kunst der

. Viele Künstlerinnen und Künstler grenzten sich vom gefühlsbetonten

ab. Der Begriff wurde durch eine Ausstellung in

bekannt. Der gesellschaftskritische Flügel heißt

. Eine ruhigere, geordnete Richtung wird häufig mit

verbunden. Der

zeigt die Wirklichkeit genau und zugleich rätselhaft. Typische Motive sind Großstadt, Arbeit, Technik und

. Künstler wie Otto Dix und George Grosz nutzten Kunst auch zur

. Ab 1933 veränderte der

die Situation vieler Kunstschaffender grundlegend.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Bildbeschreibung: Wähle ein Werk der Neuen Sachlichkeit aus und beschreibe in mindestens zehn Sätzen genau, was Du siehst, ohne sofort zu deuten.
  2. Merkmale: Erstelle eine Lernkarte mit fünf typischen Merkmalen der Neuen Sachlichkeit und jeweils einem kurzen Beispielsatz.
  3. Zeitstrahl: Gestalte einen Zeitstrahl zur Weimarer Republik und markiere Ereignisse, die für die Kunst der 1920er Jahre wichtig sind.
  4. Begriffsklärung: Erkläre die Begriffe Verismus, Klassizismus und Magischer Realismus in eigenen Worten und finde zu jedem Begriff ein passendes Bildbeispiel.


Standard

  1. Werkvergleich: Vergleiche ein neusachliches Porträt mit einem expressionistischen Porträt und erkläre Unterschiede in Farbe, Form, Ausdruck und Menschenbild.
  2. Kontextanalyse: Untersuche, wie ein Werk der Neuen Sachlichkeit auf gesellschaftliche Probleme der Weimarer Republik reagiert.
  3. Künstlerinnen: Recherchiere zu Jeanne Mammen, Lotte Laserstein oder Elfriede Lohse-Wächtler und erstelle ein Kurzporträt mit Werkbezug.
  4. Stadtbild: Fotografiere oder skizziere eine heutige Straßenszene in sachlichem Stil und erläutere, welche modernen Motive Du sichtbar machst.


Schwer

  1. Kuratorisches Konzept: Entwickle ein Konzept für eine kleine Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit mit fünf Werken, einem Titel, Raumtexten und einer Begründung der Auswahl.
  2. Politische Kunst: Diskutiere, ob Kunst sachlich sein kann, wenn sie gesellschaftskritisch ist, und beziehe Dich auf Beispiele von Otto Dix oder George Grosz.
  3. Transfer: Vergleiche die Neue Sachlichkeit mit heutiger dokumentarischer Fotografie oder sozialkritischer Bildkunst und arbeite Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus.
  4. Kreativprojekt: Gestalte ein eigenes Bild, Foto, Video oder digitales Poster im Stil der Neuen Sachlichkeit und verfasse eine Reflexion zu Motiv, Blickwinkel und gesellschaftlicher Aussage.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Bildanalyse: Analysiere ein unbekanntes Werk der Neuen Sachlichkeit und begründe Deine Deutung mit mindestens fünf sichtbaren Bildelementen.
  2. Historischer Transfer: Erkläre, warum die gesellschaftlichen Krisen der Weimarer Republik für die Bildsprache der Neuen Sachlichkeit bedeutsam waren.
  3. Stilvergleich: Vergleiche Neue Sachlichkeit und Expressionismus anhand eines selbst gewählten Beispiels und zeige, wie sich das Verhältnis zur Wirklichkeit verändert.
  4. Perspektivwechsel: Schreibe einen kurzen Ausstellungstext aus der Sicht einer Kuratorin oder eines Kurators, der einem heutigen Publikum die Aktualität der Neuen Sachlichkeit erklärt.
  5. Urteilsbildung: Beurteile, ob die Bezeichnung „sachlich“ für gesellschaftskritische Werke angemessen ist, und entwickle eine begründete Position.
  6. Gegenwartsbezug: Finde ein heutiges Bildmedium, das soziale Wirklichkeit ähnlich präzise und kritisch zeigt, und vergleiche es mit einem neusachlichen Werk.




Lernnachweis

Für einen überzeugenden Lernnachweis zur Neuen Sachlichkeit solltest Du zeigen, dass Du nicht nur Fakten kennst, sondern Kunstwerke historisch, formal und gesellschaftlich deuten kannst.

  1. Fachbegriffe: Du verwendest Begriffe wie Neue Sachlichkeit, Verismus, Klassizismus, Magischer Realismus, Gegenständlichkeit, Komposition und Weimarer Republik korrekt.
  2. Werkkenntnis: Du kennst wichtige Künstlerinnen und Künstler wie Otto Dix, George Grosz, Christian Schad, Jeanne Mammen, Alexander Kanoldt, Georg Schrimpf und Carl Grossberg.
  3. Bildbeschreibung: Du kannst ein Werk genau beschreiben, bevor Du es interpretierst.
  4. Formanalyse: Du erkennst Gestaltungsmittel wie Perspektive, Farbe, Kontur, Blickführung, Körperhaltung und Raumordnung.
  5. Kontextwissen: Du verbindest Kunstwerke mit Kriegserfahrung, Großstadtleben, Technik, sozialen Gegensätzen und politischen Spannungen der 1920er Jahre.
  6. Vergleichskompetenz: Du kannst die Neue Sachlichkeit sinnvoll mit Expressionismus, Dadaismus, Bauhaus oder Magischem Realismus vergleichen.
  7. Transferleistung: Du kannst zeigen, warum die Fragen der Neuen Sachlichkeit auch für heutige Bildmedien und Gesellschaftsbilder relevant sind.
  8. Eigenständigkeit: Du entwickelst eine begründete eigene Deutung und belegst sie mit konkreten Beobachtungen am Bild.




OERs zum Thema


Weitere frei zugängliche Recherchewege

  1. Wikimedia Commons: Suche nach der Kategorie „New Objectivity“, um freie Bilder und Medien zur Neuen Sachlichkeit zu finden.
  2. Wikipedia: Nutze Artikel zu Neue Sachlichkeit, Weimarer Republik, Otto Dix, George Grosz, Christian Schad, Jeanne Mammen, Verismus und Magischer Realismus als Einstieg.
  3. Museum: Recherchiere auf Webseiten von Museen wie Kunsthalle Mannheim, Lenbachhaus, LACMA oder Neue Galerie nach Ausstellungen zur Kunst der Weimarer Republik.
  4. Bilddatenbank: Vergleiche mehrere Werke und achte darauf, ob sie veristisch, klassizistisch oder magisch-realistisch wirken.



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