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Jean-Paul Sartre Die Bürde der Freiheit und der Selbstentwurf

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Jean-Paul Sartre Die Bürde der Freiheit und der Selbstentwurf



Einleitung

Jean-Paul Sartre gehört zu den einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sein Denken ist eng mit dem Existentialismus, der Phänomenologie, der Literatur, dem politischen Engagement und der Frage verbunden, wie der Mensch mit seiner Freiheit lebt. Im Zentrum dieses aiMOOCs steht das Thema Die Bürde der Freiheit und der Selbstentwurf. Du lernst, warum Sartre Freiheit nicht als bequemen Besitz versteht, sondern als anspruchsvolle Aufgabe: Du bist nicht einfach festgelegt, sondern entwirfst Dich durch Deine Entscheidungen, Handlungen, Beziehungen und Deutungen immer wieder selbst.

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Das Video bietet einen Einstieg in Sartres Idee, dass das Leben wie ein Bausatz ohne Anleitung erscheint. Diese Metapher passt gut zu Sartres Grundgedanken: Der Mensch findet sich in einer Welt vor, die ihm keine fertige Gebrauchsanweisung für sein Leben liefert. Dennoch muss er handeln. Auch Nicht-Handeln ist bei Sartre eine Form der Entscheidung. Gerade deshalb wird Freiheit zur Verantwortung.


Überblick: Jean-Paul Sartre und der Existentialismus

Jean-Paul Sartre wurde 1905 in Paris geboren und starb dort 1980. Er war Philosoph, Romancier, Dramatiker, Essayist, politischer Intellektueller und eine prägende Figur des französischen Existentialismus. Zu seinen wichtigsten philosophischen Werken gehören Das Sein und das Nichts und Der Existentialismus ist ein Humanismus. In literarischen Texten wie Der Ekel, Die Fliegen oder Geschlossene Gesellschaft gestaltet Sartre philosophische Fragen in Figuren, Situationen und Konflikten aus.

Sartres Philosophie fragt nicht zuerst: Was ist der Mensch von Natur aus? Sie fragt vielmehr: Was macht der Mensch aus dem, was aus ihm gemacht wurde? Diese Verschiebung ist entscheidend. Für Sartre ist der Mensch kein Ding mit einem festen Zweck. Ein Messer ist für einen bestimmten Gebrauch hergestellt; es hat zuerst eine Idee, einen Zweck, eine Essenz, bevor es existiert. Beim Menschen ist es nach Sartre anders: Der Mensch existiert zuerst, findet sich in der Welt vor und bestimmt sich dann durch seine Praxis, seine Entscheidungen und seinen Selbstentwurf.


Lernziele

In diesem aiMOOC lernst Du, Sartres Grundthese Die Existenz geht der Essenz voraus zu erklären, den Zusammenhang von Freiheit, Verantwortung und Selbstentwurf zu verstehen, den Begriff mauvaise foi als Selbsttäuschung zu deuten und Sartres Philosophie auf konkrete Lebenssituationen anzuwenden. Du übst außerdem, philosophische Argumente zu rekonstruieren, Fallbeispiele zu analysieren und eigene Positionen begründet zu formulieren.


Die Grundthese: Existenz geht Essenz voraus

Die bekannteste Formel Sartres lautet: Die Existenz geht der Essenz voraus. Damit meint Sartre: Der Mensch hat kein vorgegebenes Wesen, das ihm ein für alle Mal sagt, was er zu sein hat. Er ist nicht durch eine fertige menschliche Natur, einen göttlichen Plan oder eine gesellschaftliche Rolle vollständig definiert. Zuerst ist der Mensch da. Erst danach bestimmt er sich durch sein Handeln, seine Wahl und seine Deutung.

Das bedeutet nicht, dass Du völlig losgelöst von allen Bedingungen wärst. Sartre leugnet nicht, dass Menschen in konkrete Situationen hineingeboren werden: in eine bestimmte Zeit, eine Sprache, einen Körper, eine Familie, eine Gesellschaft, eine Geschichte, ökonomische Bedingungen und politische Verhältnisse. Diese Gegebenheiten nennt man in Sartres Denken oft Faktizität. Sie bilden den Ausgangspunkt Deines Lebens, aber sie sind nicht einfach Dein endgültiges Schicksal. Du musst Dich zu ihnen verhalten.

Beispiel: Du kannst Deine Herkunft nicht nachträglich frei wählen. Du kannst aber entscheiden, wie Du sie verstehst, wie Du mit ihr umgehst, welche Bedeutung Du ihr gibst und welche Handlungen Du daraus ableitest. Genau hier beginnt Sartres Begriff des Selbstentwurfs.


Essenz, Existenz und der Mensch als Projekt

Die Essenz bezeichnet das Wesen oder die Bestimmung einer Sache. Bei einem Werkzeug lässt sich relativ leicht sagen, wozu es da ist. Bei einem Menschen ist das nach Sartre anders. Der Mensch ist kein fertiges Objekt, sondern ein offenes Projekt. Er ist nie vollständig abgeschlossen, solange er lebt. Er entwirft sich in die Zukunft, setzt Ziele, ändert Pläne, übernimmt Rollen, weist Rollen zurück und schafft durch seine Handlungen ein Bild davon, wer er sein will.

Sartre beschreibt den Menschen daher als ein Wesen, das über sich hinausgeht. Du bist nicht nur das, was Du gerade bist. Du bist auch das, was Du werden willst, was Du vermeiden willst, was Du erinnerst, was Du versprichst und was Du aus Deiner Situation machst. Diese Offenheit ist befreiend, aber auch belastend. Denn sie nimmt Dir die Möglichkeit, Dich vollständig hinter Ausreden zu verstecken.


Freiheit als Bürde

Im Alltag wird Freiheit oft positiv verstanden: frei sein heißt, tun zu können, was man möchte. Bei Sartre ist Freiheit radikaler und anspruchsvoller. Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Diese berühmte Formulierung meint: Du hast Dir Deine Existenz nicht ausgesucht, aber sobald Du existierst, musst Du wählen. Selbst wenn Du versuchst, Dich nicht zu entscheiden, entscheidest Du Dich für das Ausweichen, das Warten oder das Mitlaufen.

Die Bürde der Freiheit besteht darin, dass Du für Deine Wahl einstehen musst. Sartre betrachtet den Menschen nicht als Marionette äußerer Ursachen. Zwar gibt es Zwänge, Grenzen, soziale Bedingungen und Machtverhältnisse. Doch der Mensch bleibt nach Sartre immer in irgendeiner Weise beteiligt daran, wie er sich zu seiner Lage verhält. Diese Beteiligung nennt Sartre Verantwortung.


Warum Freiheit Angst macht

Sartres Begriff der Angst ist nicht einfach dasselbe wie Furcht. Furcht richtet sich auf eine konkrete Gefahr, zum Beispiel eine Prüfung, einen Unfall oder eine Bedrohung. Angst im existenzialistischen Sinn entsteht, wenn Du erkennst, dass keine äußere Instanz Dir die Entscheidung vollständig abnehmen kann. Du merkst: Ich muss wählen, und meine Wahl macht etwas aus mir.

Ein klassisches Beispiel ist die Berufswahl. Du kannst Ratschläge einholen, Tests machen, Deine Eltern fragen, Statistiken lesen oder Vorbilder betrachten. Aber am Ende musst Du handeln. Du kannst nicht beweisen, dass Dein Weg absolut richtig sein wird. Du wählst unter Unsicherheit. Genau diese Offenheit macht Freiheit schwer.


Freiheit ist nicht Beliebigkeit

Sartres Freiheit bedeutet nicht, dass alles egal wäre. Im Gegenteil: Weil Du frei bist, ist Dein Handeln bedeutsam. Jede Entscheidung zeigt, welche Werte Du tatsächlich anerkennst. Wer sagt, Gerechtigkeit sei wichtig, aber ständig ungerecht handelt, entwirft sich anders, als seine Worte behaupten. Für Sartre zählt nicht nur, was Du über Dich sagst, sondern was Du tust.

Freiheit ist daher keine bloße Laune. Sie ist mit Verantwortung, Situation, Werten und Handlung verbunden. Du kannst Deine Lebensumstände nicht beliebig abschütteln, aber Du bist aufgefordert, Dich zu ihnen zu verhalten. Sartres Denken macht sensibel für die Frage: Welche Bedeutung gebe ich meiner Lage durch mein Handeln?


Selbstentwurf: Das Leben als offenes Projekt

Der Selbstentwurf ist die Weise, in der ein Mensch sich durch Entscheidungen und Handlungen zu einer bestimmten Person macht. Dabei geht es nicht nur um große Lebensentscheidungen. Auch alltägliche Gewohnheiten, Ausreden, Beziehungen, Prioritäten und kleine Handlungen formen den Entwurf.

Ein Selbstentwurf ist kein geheimer Plan, der bereits vollständig in Dir liegt. Er wird sichtbar in dem, was Du tust. Wenn Du Dich immer wieder für Solidarität entscheidest, entwirfst Du Dich anders, als wenn Du Dich immer wieder aus Verantwortung zurückziehst. Wenn Du eine Rolle nur spielst, um nicht anecken zu müssen, entwirfst Du Dich anders, als wenn Du sie kritisch prüfst.


Selbstentwurf und Zukunft

Sartre denkt den Menschen stark von der Zukunft her. Du bist nicht einfach die Summe Deiner Vergangenheit. Deine Vergangenheit wirkt zwar mit, aber sie wird durch Deine Gegenwart und Deine Zukunftsentwürfe immer wieder neu gedeutet. Wer eine Niederlage erlebt hat, kann sie als endgültigen Beweis des Scheiterns verstehen oder als Anlass, anders weiterzumachen. Die Tatsache bleibt, aber ihre Bedeutung ist nicht starr.

Das heißt nicht, dass jede Deutung gleich leicht oder gleich gerecht wäre. Sartre unterschätzt in manchen Lesarten soziale Zwänge nicht, aber er betont: Der Mensch ist mehr als seine Lage. Gerade darin liegt die provokante Kraft seiner Philosophie. Sie fordert Dich heraus, nicht vorschnell zu sagen: Ich konnte gar nicht anders.


Mauvaise foi: Die Selbsttäuschung

Ein zentraler Begriff Sartres ist mauvaise foi. Er wird meist mit Unaufrichtigkeit, Selbsttäuschung oder schlechter Glaube übersetzt. Gemeint ist eine Haltung, in der ein Mensch vor seiner eigenen Freiheit flieht. Er tut so, als sei er ein festgelegtes Ding, eine bloße Rolle oder ein reines Opfer der Umstände, obwohl er sich in Wahrheit zu dieser Rolle verhält.

Sartres berühmtes Beispiel ist der Kellner, der seine Rolle übertrieben spielt. Er bewegt sich, spricht und handelt so, als wäre er nichts anderes als Kellner. Sartre will damit nicht den Beruf abwerten. Er zeigt vielmehr, wie ein Mensch sich mit einer sozialen Funktion verwechseln kann. Der Mensch ist aber nicht nur seine Rolle. Er kann sie übernehmen, verändern, verlassen, kritisieren oder neu deuten.


Formen der Selbsttäuschung im Alltag

Mauvaise foi begegnet im Alltag in vielen Formen. Jemand sagt: So bin ich eben, um keine Verantwortung für verletzendes Verhalten zu übernehmen. Eine andere Person sagt: Alle machen das so, um eine eigene Entscheidung als bloße Anpassung erscheinen zu lassen. Wieder jemand anderes versteckt sich hinter einer Rolle: Ich bin nur Schüler, Ich bin nur Angestellte, Ich bin nur Befehlsempfänger.

Sartres Kritik lautet: Solche Sätze können etwas Wahres enthalten, aber sie werden zur Selbsttäuschung, wenn sie die eigene Beteiligung vollständig verdecken. Der Mensch ist nicht allmächtig, aber er ist auch nicht bloß ein Ding.


Für-sich und An-sich

In Das Sein und das Nichts unterscheidet Sartre zwischen An-sich und Für-sich. Das An-sich bezeichnet das Sein der Dinge. Ein Stein ist, was er ist. Er hat kein Bewusstsein, keine Zukunftsentwürfe, keine Selbstdeutung. Das Für-sich bezeichnet dagegen das bewusste Sein des Menschen. Der Mensch kann sich zu sich selbst verhalten, sich infrage stellen, sich erinnern, planen und verneinen.

Diese Unterscheidung hilft, Sartres Freiheitsbegriff zu verstehen. Der Mensch ist nicht einfach wie ein Ding. Er kann Abstand zu sich selbst gewinnen. Er kann sagen: Ich bin nicht nur das, was ich bisher gewesen bin. Dieses Nicht-Festgelegtsein ist die Bedingung des Selbstentwurfs.


Das Nichts und die Möglichkeit des Andersseins

Sartre verbindet das Für-sich mit dem Nichts. Das klingt zunächst abstrakt. Gemeint ist: Bewusstsein kann verneinen. Du kannst feststellen, dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Du kannst sagen: Ich bin noch nicht die Person, die ich sein will. Du kannst eine Möglichkeit denken, die noch nicht verwirklicht ist. In dieser Fähigkeit zur Distanz liegt Freiheit.

Das Nichts ist bei Sartre also nicht bloß Leere. Es ist die Struktur, durch die der Mensch sich von bloßen Tatsachen unterscheidet. Weil Du Dich von dem lösen kannst, was einfach gegeben ist, kannst Du handeln, planen und Dich verändern.


Der Blick der Anderen

Sartres Philosophie ist nicht nur eine Lehre vom einsamen Individuum. Der Mensch begegnet anderen Menschen, und diese Begegnung verändert sein Selbstverhältnis. Berühmt ist Sartres Analyse des Blicks. Wenn Du bemerkst, dass ein anderer Dich sieht, erfährst Du Dich plötzlich auch als Objekt in der Welt des anderen. Du bist nicht nur handelndes Subjekt, sondern wirst gesehen, beurteilt, eingeordnet.

Diese Erfahrung kann beschämend, verunsichernd oder klärend sein. Scham zeigt, dass Du Dich durch den Blick der Anderen anders wahrnimmst. Sartre macht damit deutlich: Freiheit ist nie nur privat. Sie findet in Beziehungen, Konflikten, Erwartungen und sozialen Räumen statt.


Freiheit und Konflikt

In Geschlossene Gesellschaft lässt Sartre die berühmte Formel entstehen: Die Hölle, das sind die anderen. Dieser Satz wird oft missverstanden. Er bedeutet nicht einfach, dass andere Menschen schlecht sind. Er zeigt, wie belastend es sein kann, im Urteil anderer festgelegt zu werden. Wenn andere mich auf eine Rolle reduzieren, wird meine Freiheit bedroht. Umgekehrt kann auch ich andere festlegen.

Sartres Denken fordert daher eine kritische Ethik des Umgangs miteinander: Wie kann ich andere anerkennen, ohne sie auf ein Etikett zu reduzieren? Wie kann ich meine Freiheit leben, ohne die Freiheit anderer zu leugnen?


Sartre, Simone de Beauvoir und die intellektuelle Öffentlichkeit

Jean-Paul Sartre stand in engem Austausch mit Simone de Beauvoir, die selbst eine bedeutende Philosophin, Schriftstellerin und feministische Denkerin war. Beide prägten das intellektuelle Leben in Paris und diskutierten Fragen von Freiheit, Verantwortung, Geschlecht, Politik, Literatur und Ethik. Orte wie das Café de Flore stehen bis heute symbolisch für die Debattenkultur des französischen Existentialismus.

Für Deinen Lernprozess ist wichtig: Sartres Philosophie ist nicht nur ein abstraktes Gedankensystem. Sie entstand in Auseinandersetzung mit Literatur, Kriegserfahrung, politischer Verantwortung, sozialen Konflikten und persönlichen Lebensentscheidungen. Deshalb eignet sie sich besonders, um philosophische Fragen mit konkreten Situationen zu verbinden.


Zentrale Begriffe


Existentialismus

Der Existentialismus stellt die konkrete menschliche Existenz in den Mittelpunkt. Er fragt danach, wie Menschen in einer unsicheren Welt leben, entscheiden und Verantwortung übernehmen. Bei Sartre steht der Gedanke im Zentrum, dass der Mensch sich nicht auf eine vorgegebene Essenz berufen kann. Er muss sich durch Handeln entwerfen.


Freiheit

Freiheit bedeutet bei Sartre nicht grenzenlose Macht, sondern die unvermeidliche Aufgabe, sich zu entscheiden. Menschen sind frei, weil sie sich zu ihrer Situation verhalten müssen. Diese Freiheit ist nicht immer angenehm, sondern oft belastend.


Verantwortung

Verantwortung folgt aus der Freiheit. Wer handelt, zeigt Werte und übernimmt eine Haltung zur Welt. Sartre verschärft diesen Gedanken: In meiner Entscheidung entwerfe ich nicht nur mich selbst, sondern zeige auch ein Bild davon, was ich für menschlich wählbar halte.


Selbstentwurf

Der Selbstentwurf bezeichnet die aktive Gestaltung des eigenen Lebens. Er ist kein fertiger Plan, sondern zeigt sich in Entscheidungen, Projekten, Beziehungen, Gewohnheiten und Deutungen.


Mauvaise foi

Mauvaise foi ist die Flucht vor der Freiheit. Menschen täuschen sich selbst, wenn sie so tun, als seien sie vollständig durch Rollen, Charakter, Umstände oder Befehle festgelegt.


Faktizität

Faktizität bezeichnet die gegebenen Bedingungen des Lebens: Körper, Vergangenheit, soziale Lage, Sprache, Geschichte und konkrete Umstände. Diese Bedingungen sind real, aber sie bestimmen nicht vollständig, was ein Mensch aus ihnen macht.


Transzendenz

Transzendenz meint bei Sartre das Überschreiten des Gegebenen. Der Mensch ist nicht nur seine Faktizität, sondern entwirft Möglichkeiten, Ziele und Bedeutungen.


Anwendung auf Lebenssituationen

Sartres Philosophie wird besonders verständlich, wenn Du sie auf konkrete Situationen anwendest.


Schule und Ausbildung

Ein Schüler sagt: Ich bin eben schlecht in Philosophie. Sartre würde fragen: Ist das eine ehrliche Beschreibung einer Schwierigkeit oder eine Selbsttäuschung, die jede weitere Anstrengung blockiert? Vielleicht gibt es reale Schwierigkeiten. Aber die Aussage kann zur Ausrede werden, wenn sie den eigenen Selbstentwurf beendet.


Beruf und Zukunft

Eine Person wählt einen Beruf nur, weil alle in der Familie diesen Weg erwarten. Sartre würde nicht einfach sagen, dass dieser Weg falsch ist. Entscheidend ist, ob die Person die Wahl als eigene Wahl übernimmt oder sich einredet, sie habe gar nicht gewählt. Auch Anpassung kann eine Entscheidung sein.


Freundschaft und Verantwortung

Wer einen Freund im Stich lässt und sagt: Ich konnte nicht anders, ich hatte keine Zeit, kann damit eine reale Belastung benennen. Sartres Frage wäre: Welche Prioritäten hast Du gesetzt? Welche Bedeutung gibst Du der Freundschaft durch Dein Handeln? Die Frage zielt nicht auf Schuldgefühle, sondern auf Klarheit.


Digitale Identität

In sozialen Medien entwerfen Menschen Bilder von sich. Sartres Philosophie hilft zu fragen: Welche Rolle spiele ich online? Bin ich mit meinem digitalen Selbstentwurf identisch? Verstecke ich mich hinter Erwartungen? Oder nutze ich die Möglichkeit, reflektiert zu zeigen, wofür ich stehen will?


Kritik und Grenzen von Sartres Freiheitsbegriff

Sartres Freiheitsbegriff ist kraftvoll, aber auch umstritten. Kritikerinnen und Kritiker fragen, ob Sartre soziale, psychologische und ökonomische Zwänge ausreichend berücksichtigt. Wer in Armut, Diskriminierung, Krankheit oder Gewalt lebt, hat nicht dieselben Handlungsmöglichkeiten wie jemand in privilegierter Lage. Deshalb muss Sartres Freiheitsbegriff sorgfältig gelesen werden.

Eine faire Deutung lautet: Sartre behauptet nicht, dass alle Menschen dieselben Möglichkeiten haben. Er betont aber, dass Menschen auch unter Bedingungen nicht bloß Dinge sind. Zwischen vollständiger Determination und grenzenloser Willkür liegt der Raum der Situation. Genau dort wird Freiheit konkret.


Sartre heute

Sartres Denken bleibt aktuell, weil viele moderne Fragen mit Selbstentwurf zu tun haben: Wer bin ich in einer Welt wechselnder Rollen? Wie gehe ich mit Leistungsdruck um? Wie frei bin ich angesichts von Algorithmen, sozialen Erwartungen, Herkunft und ökonomischen Zwängen? Wann übernehme ich Verantwortung, und wann fliehe ich in Ausreden?

Gerade für Schule, Ausbildung und Studium ist Sartre nützlich, weil er zum Denken in Zusammenhängen zwingt. Er fragt nicht nur nach Definitionen, sondern nach Lebenspraxis: Was tust Du mit Deiner Freiheit?


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Was meint Sartres Satz, dass die Existenz der Essenz vorausgeht? (Der Mensch bestimmt sich erst durch sein Handeln) (!Der Mensch hat von Geburt an einen festen Zweck) (!Der Mensch ist wie ein Werkzeug vollständig definiert) (!Der Mensch kann keine Verantwortung übernehmen)




Welche Folge hat Freiheit bei Sartre unmittelbar? (Verantwortung) (!Bequemlichkeit) (!Schicksalsergebenheit) (!Gedankenlosigkeit)




Was bedeutet mauvaise foi bei Sartre? (Selbsttäuschung) (!Naturgesetz) (!Politische Revolution) (!Logischer Beweis)




Was bezeichnet das An-sich in Sartres Philosophie? (Das Sein der Dinge ohne Bewusstsein) (!Das bewusste menschliche Sein) (!Die freie Wahl eines Menschen) (!Die moralische Verantwortung)




Was bezeichnet das Für-sich? (Bewusstes Sein, das sich zu sich selbst verhält) (!Ein Gegenstand ohne Möglichkeiten) (!Ein festgelegter Charakter) (!Ein biologischer Instinkt)




Warum kann Freiheit nach Sartre Angst auslösen? (Weil der Mensch unter Unsicherheit wählen muss) (!Weil jede Entscheidung bereits feststeht) (!Weil andere Menschen immer richtig entscheiden) (!Weil Verantwortung vollständig vermeidbar ist)




Was ist mit Selbstentwurf gemeint? (Die Gestaltung des eigenen Lebens durch Entscheidungen) (!Ein angeborener Lebensplan) (!Eine technische Bauzeichnung) (!Eine reine Anpassung an Befehle)




Welche Aussage passt am besten zu Sartres Verantwortungsgedanken? (Auch Ausweichen ist eine Form der Entscheidung) (!Nur große Taten sind Entscheidungen) (!Verantwortung entsteht nur bei Erfolg) (!Umstände machen jede Wahl unmöglich)




Welches Werk gilt als wichtiges philosophisches Hauptwerk Sartres? (Das Sein und das Nichts) (!Die Kritik der reinen Vernunft) (!Der Gesellschaftsvertrag) (!Also sprach Zarathustra)




Welche Haltung kritisiert Sartre besonders? (Die Flucht vor der eigenen Freiheit) (!Die Prüfung eigener Motive) (!Die Übernahme von Verantwortung) (!Die bewusste Gestaltung des Lebens)





Memory

Existenz Vorrang vor Essenz
Freiheit Verantwortung
Selbstentwurf Lebensprojekt
Mauvaise foi Selbsttäuschung
An-sich Dingsein
Für-sich Bewusstsein
Angst Erfahrung der Möglichkeiten
Faktizität Gegebene Lage





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Existenz vor Essenz Grundthese
Mauvaise foi Selbsttäuschung
Selbstentwurf Lebensgestaltung
Faktizität Gegebene Ausgangslage
Transzendenz Überschreiten der Lage




Ordne die Begriffe so zu, dass deutlich wird, wie Sartre menschliches Leben als Zusammenspiel von Ausgangslage, Freiheit und Verantwortung versteht.


Kreuzworträtsel

Sartre Welcher französische Philosoph steht im Zentrum dieses aiMOOCs?
Freiheit Was ist bei Sartre zugleich Möglichkeit und Bürde?
Verantwortung Was folgt aus der menschlichen Freiheit?
Existenz Was geht bei Sartre der Essenz voraus?
Entwurf Wie nennt man die projektartige Gestaltung des eigenen Lebens?
Unaufrichtigkeit Wie heißt die Flucht vor der eigenen Freiheit auf Deutsch?





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Lückentext

Vervollständige den Text.

Bei Sartre geht die

der Essenz voraus. Der Mensch ist nicht durch ein festes Wesen vollständig bestimmt, sondern entwirft sich durch seine

. Freiheit ist deshalb keine bloße Bequemlichkeit, sondern eine Form der

. Wer vor dieser Verantwortung flieht, gerät in die Haltung der

. Die gegebenen Bedingungen eines Lebens nennt man

. Der Mensch kann sich jedoch zu diesen Bedingungen verhalten und sie durch einen

deuten. Das bewusste menschliche Sein nennt Sartre

. Das Sein der Dinge ohne Bewusstsein nennt er

. Die Erfahrung offener Möglichkeiten kann als existenzielle

auftreten. Sartres Philosophie fordert Dich auf, Ausreden zu prüfen und Deine Freiheit

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Begriffskarte: Erstelle eine Begriffskarte zu Existenz, Essenz, Freiheit, Verantwortung und Selbstentwurf und formuliere zu jedem Begriff einen eigenen Beispielsatz.
  2. Alltagsbeispiel: Beschreibe eine Situation, in der jemand sagt: Ich konnte nicht anders, und prüfe mit Sartre, ob darin eine echte Grenze oder eine Ausrede steckt.
  3. Videoanalyse: Notiere drei zentrale Aussagen aus dem Video und verbinde jede Aussage mit einem Begriff aus Sartres Existentialismus.
  4. Rollenreflexion: Wähle eine Rolle aus Deinem Alltag, zum Beispiel Schüler, Freundin, Teammitglied oder Geschwisterkind, und beschreibe, wo diese Rolle hilfreich ist und wo sie Dich festlegen kann.


Standard

  1. Fallanalyse: Analysiere eine Entscheidungssituation aus Schule, Ausbildung oder Studium mit den Begriffen Faktizität, Freiheit und Verantwortung.
  2. Mauvaise foi: Schreibe einen kurzen Dialog, in dem eine Figur vor ihrer Freiheit flieht, und ergänze anschließend eine philosophische Auswertung.
  3. Vergleich: Vergleiche Sartres Freiheitsbegriff mit einer Position, die stärker von Schicksal, Determinismus oder sozialer Prägung ausgeht.
  4. Selbstentwurf: Entwickle eine Mindmap zu Deinem eigenen Selbstentwurf und markiere, welche Elemente gewählt, übernommen, verändert oder noch offen sind.


Schwer

  1. Philosophischer Essay: Schreibe einen Essay zur Frage: Ist der Mensch wirklich zur Freiheit verurteilt? Nutze mindestens drei zentrale Begriffe Sartres.
  2. Kritik: Beurteile, ob Sartres Freiheitsbegriff Menschen in schwierigen sozialen Situationen gerecht wird, und formuliere eine differenzierte Position.
  3. Literarische Deutung: Untersuche eine Szene aus einem literarischen Werk, Film oder Theaterstück darauf, ob eine Figur authentisch handelt oder in Mauvaise foi lebt.
  4. Ethikprojekt: Entwickle eine kleine Unterrichtssequenz, ein Erklärvideo oder ein Poster zur Frage, wie Freiheit und Verantwortung in digitalen Medien zusammenhängen.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Transferanalyse: Erkläre an einem selbst gewählten Beispiel, warum Sartre Freiheit nicht als Beliebigkeit versteht, sondern als verantwortliches Handeln in einer Situation.
  2. Argumentrekonstruktion: Rekonstruiere Sartres Gedanken von der These Existenz geht Essenz voraus bis zur Forderung persönlicher Verantwortung.
  3. Urteilsbildung: Prüfe die Aussage Mein Charakter legt mein Handeln vollständig fest aus sartrescher Perspektive und aus einer kritischen Gegenposition.
  4. Anwendungsaufgabe: Analysiere eine Konfliktsituation in einer Gruppe und zeige, wie der Blick der Anderen den Selbstentwurf beeinflussen kann.
  5. Kritische Reflexion: Diskutiere, ob Sartres Philosophie eher befreiend, überfordernd oder beides ist, und begründe Dein Urteil mit Beispielen.




Lernnachweis

Für einen gelungenen Lernnachweis zu diesem Thema solltest Du zeigen, dass Du Sartres Grundbegriffe nicht nur auswendig kennst, sondern auf konkrete Situationen anwenden kannst.

  1. Begriffsverständnis: Du erklärst Existenz, Essenz, Freiheit, Verantwortung, Faktizität, Transzendenz, An-sich, Für-sich und Mauvaise foi sachlich richtig.
  2. Textverständnis: Du kannst zentrale Aussagen aus einem philosophischen Text oder Video zu Sartre in eigenen Worten wiedergeben.
  3. Anwendung: Du analysierst eine Alltagssituation mit Sartres Begriffen und vermeidest bloße Nacherzählung.
  4. Begründung: Du formulierst eine eigene Position zur Bürde der Freiheit und stützt sie durch Argumente.
  5. Kritikfähigkeit: Du benennst Grenzen von Sartres Freiheitsbegriff und berücksichtigst soziale, psychologische oder politische Bedingungen.
  6. Gestaltung: Du präsentierst Deine Ergebnisse klar, anschaulich und mit passenden Beispielen.




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