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Edmund Husserl - Denken unter der Lupe - Philosophie

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Edmund Husserl - Denken unter der Lupe - Philosophie



Einleitung

Edmund Husserl (1859–1938) gilt als Begründer der modernen Phänomenologie. Sein philosophisches Projekt lässt sich mit dem Motto „Zu den Sachen selbst!“ zusammenfassen. Damit meinte Husserl nicht, dass Philosophie einfach nur Gegenstände der Außenwelt betrachten soll. Er wollte vielmehr untersuchen, wie etwas im Bewusstsein erscheint, wie Bedeutung entsteht und wie wir zu Erkenntnis gelangen. Der Titel „Denken unter der Lupe“ passt deshalb besonders gut: Husserl legt nicht zuerst die Welt unter die Lupe, sondern die Weise, wie Welt für uns erfahrbar wird.

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Dieser aiMOOC führt Dich in Husserls Phänomenologie, seine Bewusstseinsanalyse, die Begriffe Intentionalität, Epoché, phänomenologische Reduktion, Noesis, Noema, Lebenswelt und Intersubjektivität ein. Du lernst nicht nur Fakten über Husserl, sondern übst auch, eigene Erfahrungen genauer zu beschreiben, vorschnelle Urteile zu erkennen und philosophische Begriffe auf Alltagssituationen anzuwenden.


Lernziele

  1. Phänomenologie: Du kannst erklären, weshalb Husserl die Philosophie als genaue Beschreibung von Erscheinungen versteht.
  2. Intentionalität: Du kannst erläutern, was es heißt, dass Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas ist.
  3. Epoché: Du kannst die Methode der Einklammerung von Vorannahmen an einfachen Beispielen anwenden.
  4. Phänomenologische Reduktion: Du kannst zwischen Alltagseinstellung und philosophischer Reflexion unterscheiden.
  5. Noesis und Noema: Du kannst Bewusstseinsakt und gemeinten Gegenstand als zusammengehörige Struktur beschreiben.
  6. Lebenswelt: Du kannst erklären, warum Husserl die vorwissenschaftliche Erfahrungswelt für grundlegend hält.
  7. Transfer: Du kannst Husserls Denkweise auf Wahrnehmung, Medien, Wissenschaft, Alltag und Selbstreflexion übertragen.


Edmund Husserl im Überblick

Edmund Husserl wurde 1859 in Proßnitz in Mähren geboren, das damals zur Habsburgermonarchie gehörte. Er studierte zunächst Mathematik, Physik und Astronomie und wandte sich dann zunehmend der Philosophie zu. Besonders wichtig wurde für ihn der Philosoph Franz Brentano, von dem Husserl den Begriff der Intentionalität aufnahm und weiterentwickelte. Husserl lehrte unter anderem in Halle, Göttingen und Freiburg im Breisgau.

Zu seinen zentralen Werken gehören Philosophie der Arithmetik, Logische Untersuchungen, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie, Cartesianische Meditationen und Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Diese Werke zeigen eine Entwicklung: Husserl begann mit Fragen der Logik und Mathematik, kritisierte den Psychologismus, entwickelte eine Methode zur Analyse des Bewusstseins und fragte später nach der Bedeutung der Lebenswelt für Wissenschaft und Kultur.

Husserl war als Mensch jüdischer Herkunft in der Zeit des Nationalsozialismus von Ausgrenzung betroffen. Nach seinem Tod wurden viele seiner Manuskripte durch Herman Leo Van Breda gerettet und in den Husserl-Archiven in Leuven bewahrt. Dadurch konnten wichtige unveröffentlichte Texte später erschlossen werden.


Was bedeutet Phänomenologie?

Die Phänomenologie untersucht Phänomene, also das, was sich im Erleben zeigt. Ein Phänomen ist nicht einfach ein äußerer Gegenstand, sondern ein Gegenstand so, wie er erscheint. Wenn Du zum Beispiel eine Tasse siehst, ist sie nicht nur ein Ding aus Keramik. Sie erscheint Dir als Tasse, als greifbar, als vielleicht warm, als benutzt, als auf dem Tisch stehend, als von einer bestimmten Seite sichtbar und von anderen Seiten mitgemeint. Die Phänomenologie fragt: Wie ist diese Erscheinung aufgebaut? Welche Bewusstseinsleistungen machen es möglich, dass Du etwas als etwas erkennst?

Husserl wollte die Philosophie methodisch strenger machen. Seine Methode sollte keine bloße Weltanschauung sein, sondern eine genaue Beschreibung von Erfahrung. Dabei geht es nicht um private Stimmung oder beliebige Meinung. Es geht um Strukturen, die in Erfahrung selbst auffindbar sind: Wahrnehmen, Erinnern, Erwarten, Urteilen, Zweifeln, Vorstellen, Werten und Handeln.


Der Leitspruch „Zu den Sachen selbst!“

Der Satz „Zu den Sachen selbst!“ richtet sich gegen bloßes Nachreden von Theorien, Traditionen oder Vorurteilen. Husserl fordert Dich auf, genau hinzusehen: Was zeigt sich wirklich? Was nimmst Du an, ohne es geprüft zu haben? Was gehört zur Sache selbst, und was bringst Du durch Gewohnheit, Sprache, Wissenschaft, Medien oder Erwartungen hinzu?

Dieser Leitspruch bedeutet nicht, dass man alles Vorwissen dauerhaft abschaffen könnte. Er bedeutet vielmehr: In der philosophischen Analyse sollst Du Deine Vorannahmen bewusst machen und methodisch zurückstellen, damit die Erscheinungsweise eines Phänomens sichtbar wird.


Beispiel: Eine Tasse wahrnehmen

Stell Dir vor, Du sitzt an einem Tisch und siehst eine Tasse. Du siehst eigentlich nur eine Vorderseite, eine Form, eine Farbe und vielleicht den Henkel. Trotzdem meinst Du nicht nur eine flache Vorderseite, sondern eine ganze Tasse. Du erwartest, dass sie eine Rückseite hat, dass sie innen hohl ist, dass man sie anfassen kann und dass sie sich bei Bewegung aus anderen Perspektiven zeigt. Husserl nennt solche Zusammenhänge wichtig, weil Wahrnehmung nie nur eine Ansammlung einzelner Sinnesdaten ist. Wahrnehmung ist ein sinnvoll strukturierter Bezug auf etwas.


Die natürliche Einstellung

In der alltäglichen natürlichen Einstellung nehmen wir die Welt meist selbstverständlich hin. Wir gehen davon aus, dass Dinge einfach vorhanden sind: Der Tisch steht da, das Smartphone liegt dort, andere Menschen handeln, die Uhr zeigt die Zeit, Nachrichten berichten über Ereignisse. Diese Haltung ist praktisch notwendig. Ohne sie könnten wir kaum handeln.

Für Husserls philosophische Analyse wird die natürliche Einstellung jedoch zum Problem, wenn sie unbefragt bleibt. Denn sie überspringt die Frage, wie Welt überhaupt als Welt für uns erscheint. Die Phänomenologie unterbricht deshalb die Selbstverständlichkeit des Alltags. Sie fragt nicht zuerst: Existiert dieser Gegenstand wirklich? Sie fragt: Wie ist dieser Gegenstand im Erleben gegeben?


Epoché: Das Einklammern von Vorannahmen

Die Epoché ist eine methodische Enthaltung. Du setzt die gewöhnliche Annahme der Weltwirklichkeit nicht endgültig außer Kraft, sondern klammerst sie für die Analyse ein. Das ist keine Leugnung der Welt. Es ist ein methodischer Schritt, um die Struktur des Erlebens genauer zu betrachten.

Ein Beispiel: Du siehst im Halbdunkel eine Gestalt und glaubst zuerst, es sei ein Mensch. Dann merkst Du: Es ist nur ein Mantel an einer Garderobe. Die Phänomenologie interessiert sich hier nicht nur dafür, was objektiv richtig war. Sie untersucht, wie etwas zuerst als Mensch erschien, wie diese Bedeutung korrigiert wurde und welche Erwartungen im Spiel waren.


Epoché als Denkübung

Du kannst die Epoché selbst üben. Nimm einen Gegenstand vor Dir und beschreibe ihn, ohne sofort wissenschaftliche Erklärungen, Bewertungen oder Besitzansprüche einzubauen. Frage Dich: Was ist unmittelbar gegeben? Was ist nur mitgemeint? Welche Erwartungen ergänzen das Sichtbare? Welche Begriffe bringe ich schon mit?

Diese Übung zeigt: Unser Erleben ist reich, aber nicht beliebig. Es hat Strukturen. Genau diese Strukturen will Husserl untersuchen.


Phänomenologische Reduktion

Die phänomenologische Reduktion ist der methodische Übergang von der natürlichen Einstellung zur Untersuchung des Bewusstseins und seiner Gegenstände als Erscheinungen. Das Wort Reduktion bedeutet hier nicht Vereinfachung im schlechten Sinn. Es meint ein Zurückführen auf das, was in der Erfahrung selbst gegeben ist.

Bei Husserl geht es um eine Wende des Blicks: Statt nur auf Dinge in der Welt zu achten, achtest Du auf die Weise, wie Dinge im Erleben erscheinen. Du untersuchst also nicht nur den Baum, sondern den Baum als gesehen, als erinnert, als erwartet, als beurteilt oder als gefürchtet.


Eidetische Reduktion und Wesensschau

Die eidetische Reduktion fragt nach dem Wesen eines Phänomens. Husserl nutzt dafür die Methode der freien Variation: Du veränderst ein Beispiel gedanklich und prüfst, was sich verändern lässt, ohne dass das Phänomen aufhört, das zu sein, was es ist.

Beispiel: Was gehört wesentlich zu einer Melodie? Du kannst sie lauter oder leiser vorstellen, von einer anderen Stimme gesungen, auf einem anderen Instrument gespielt oder in einer anderen Tonart. Aber wenn die zeitliche Ordnung der Töne völlig zerstört wird, ist die Melodie nicht mehr dieselbe. So kann die Variation helfen, wesentliche Strukturen sichtbar zu machen.


Intentionalität: Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas

Der Begriff Intentionalität ist einer der wichtigsten Begriffe bei Husserl. Er bedeutet: Bewusstsein ist immer auf etwas gerichtet. Du siehst etwas, erinnerst Dich an etwas, hoffst auf etwas, zweifelst an etwas, liebst jemanden, fürchtest etwas oder stellst Dir etwas vor. Selbst wenn der Gegenstand nicht wirklich existiert, kann er Gegenstand des Bewusstseins sein. Du kannst an einen Drachen denken, eine Zukunft erwarten oder Dich an einen vergangenen Ort erinnern.

Intentionalität meint also nicht einfach Absicht im alltäglichen Sinn. Sie meint die Grundstruktur des Bewusstseins: Bewusstsein hat einen Bezug, eine Richtung, ein Gemeintes. Dadurch entsteht die enge Verbindung von Subjekt und Objekt in der Erfahrung.


Wahrnehmung, Erinnerung, Fantasie und Urteil

Ein und derselbe Gegenstand kann in verschiedenen Bewusstseinsweisen gegeben sein. Ein Haus kann wahrgenommen, erinnert, fotografiert, befürchtet, gekauft, gezeichnet oder geträumt werden. Für Husserl ist wichtig: Der Gegenstand ist jeweils anders gegeben. Die Weise des Bewusstseins verändert, wie der Gegenstand erscheint.

Bewusstseinsweise Beispiel Phänomenologische Frage
Wahrnehmung Du siehst ein Haus vor Dir. Wie zeigt sich das Haus aus einer Perspektive?
Erinnerung Du denkst an ein Haus aus Deiner Kindheit. Wie ist Vergangenes gegenwärtig?
Erwartung Du stellst Dir vor, wie ein Haus nach dem Umbau aussehen wird. Wie erscheint Zukünftiges als möglich?
Urteil Du sagst: Dieses Haus ist alt. Wie wird einem Gegenstand eine Bedeutung zugeschrieben?
Fantasie Du stellst Dir ein Haus auf dem Mond vor. Wie kann etwas erscheinen, ohne real vorhanden zu sein?


Noesis und Noema

Husserl unterscheidet in der Analyse intentionaler Erlebnisse zwischen Noesis und Noema. Diese Begriffe helfen, die Struktur des Bewusstseins genauer zu fassen.

Die Noesis bezeichnet die Weise des Bewusstseinsaktes: Wahrnehmen, Erinnern, Urteilen, Hoffen, Zweifeln oder Fantasieren. Das Noema bezeichnet den Gegenstand, wie er in diesem Akt gemeint ist: der Baum als gesehen, das Ereignis als erinnert, die Aussage als bezweifelt, die Person als erwartet.

Noesis und Noema sind nicht zwei völlig getrennte Dinge. Sie gehören zusammen. Wenn Du urteilst, gibt es ein Geurteiltes. Wenn Du wahrnimmst, gibt es etwas Wahrgenommenes als Wahrgenommenes. Husserl untersucht diese Korrelation, weil sie zeigt, dass Welt für uns immer in Bedeutungszusammenhängen erscheint.


Beispiel: Smartphone-Benachrichtigung

Du hörst einen Ton und denkst sofort: Eine Nachricht ist angekommen. Phänomenologisch kannst Du unterscheiden: Der Ton ist akustisch gegeben. Zugleich erscheint er Dir als Hinweis, als möglich wichtige Nachricht, vielleicht als Störung oder Erwartung. Deine Aufmerksamkeit richtet sich auf das Smartphone. Die Noesis ist etwa das Hören, Erwarten und Deuten. Das Noema ist die Benachrichtigung als gemeinte Nachricht. So wird deutlich, dass Erfahrung nie bloß passiv ist. Sie ist sinnhaft strukturiert.


Zeitbewusstsein

Husserl analysierte auch das Zeitbewusstsein. Ein Ton, ein Satz oder eine Melodie erscheinen nicht als isolierte Einzelpunkte. Wenn Du eine Melodie hörst, ist der eben verklungene Ton noch im Bewusstsein gehalten, der aktuelle Ton wird gehört und der nächste Ton wird erwartet. Husserl beschreibt dies mit den Begriffen Retention, Urimpression und Protention.

Die Retention hält das gerade Vergangene fest. Die Urimpression ist das aktuelle Jetzt des Erlebens. Die Protention ist die Erwartung des unmittelbar Kommenden. Dadurch wird verständlich, warum Erfahrung zeitlich zusammenhängt. Ohne diese Struktur könntest Du keine Melodie, keinen Satz und keine Handlung als zusammenhängend erleben.


Körper, Perspektive und Weltbezug

Husserls Phänomenologie macht deutlich, dass Wahrnehmung perspektivisch ist. Du siehst Gegenstände immer von einem Standort aus. Dein Körper ist dabei nicht nur ein Objekt unter Objekten, sondern der leibliche Mittelpunkt Deiner Orientierung. Du greifst, gehst, blickst, hörst und handelst von Deinem Leib aus.

Spätere Phänomenologinnen und Phänomenologen wie Maurice Merleau-Ponty haben diesen Gedanken stark weiterentwickelt. Doch bereits bei Husserl ist wichtig: Welt erscheint nicht einem körperlosen Denken, sondern einem lebendigen Subjekt, das in einer Welt handelt.


Intersubjektivität

Die Intersubjektivität fragt danach, wie andere Menschen für mich erfahrbar sind. Ich erlebe andere nicht einfach als Körpermaschinen, sondern als andere Subjekte mit Perspektiven, Absichten, Gefühlen und Gedanken. Zugleich kann ich ihre Innenperspektive nie vollständig besitzen.

Für Husserl ist Intersubjektivität wichtig, weil Objektivität nicht einfach das Gegenteil von Subjektivität ist. Eine Welt gilt für uns als objektiv, weil sie prinzipiell auch für andere erfahrbar, überprüfbar und gemeinsam besprechbar ist. Wenn mehrere Menschen denselben Tisch aus verschiedenen Perspektiven sehen, entsteht kein bloßes Chaos privater Eindrücke. Vielmehr zeigt sich eine gemeinsam zugängliche Welt.


Lebenswelt und Wissenschaftskritik

In seinem Spätwerk fragt Husserl nach der Lebenswelt. Damit meint er die vorwissenschaftliche Welt des Alltags, in der wir handeln, sprechen, messen, arbeiten, hoffen, planen und miteinander leben. Wissenschaften wie Physik, Biologie oder Psychologie entwickeln abstrakte Modelle. Diese Modelle sind leistungsfähig, aber sie setzen eine Lebenswelt voraus, in der überhaupt gemessen, beobachtet, kommuniziert und verstanden wird.

Husserls Wissenschaftskritik richtet sich nicht gegen Wissenschaft. Er kritisiert vielmehr, wenn Wissenschaft ihre eigenen Voraussetzungen vergisst und so tut, als sei nur das mathematisch Messbare wirklich. Die Lebenswelt erinnert daran, dass auch exakte Wissenschaften in menschlicher Erfahrung, Sprache und Praxis verankert sind.


Kritik und Diskussion

Husserls Phänomenologie ist einflussreich, aber auch umstritten. Kritikerinnen und Kritiker fragen, ob eine vollständige Voraussetzungslosigkeit überhaupt möglich ist. Andere halten Husserls Sprache für schwierig oder seine transzendentalphilosophischen Ansprüche für zu stark. Wieder andere fragen, ob soziale, geschichtliche und sprachliche Bedingungen bei Husserl ausreichend berücksichtigt werden.

Gerade diese Diskussionen zeigen die Bedeutung seines Denkens. Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre, Maurice Merleau-Ponty, Emmanuel Levinas, Hans-Georg Gadamer und viele weitere Denkerinnen und Denker haben sich mit Husserl auseinandergesetzt. Manche führten seine Methode weiter, andere kritisierten sie oder veränderten sie grundlegend.


Bedeutung für Gegenwart und Alltag

Husserls Denken ist nicht nur historisch interessant. Es hilft, Wahrnehmung, Medien, Sprache und Wissenschaft kritisch zu reflektieren. Wenn Du eine Nachricht auf sozialen Medien liest, siehst Du nicht nur Zeichen auf einem Display. Du liest sie als glaubwürdig oder fragwürdig, als wichtig oder unwichtig, als Angriff oder Information. Phänomenologisch interessant ist, wie solche Bedeutungen entstehen.

Auch in Psychologie, Pflege, Pädagogik, Sozialwissenschaft, Kognitionswissenschaft und Medizinethik kann phänomenologisches Denken helfen. Es lenkt Aufmerksamkeit auf die Perspektive der erlebenden Person. Nicht nur Messwerte zählen, sondern auch die Weise, wie Menschen Krankheit, Zeit, Körper, Beziehung, Angst, Hoffnung oder Lernen erfahren.


Methodenwerkstatt: Denken unter der Lupe

Eine phänomenologische Mini-Analyse kann in vier Schritten gelingen.

  1. Beschreibung: Beschreibe eine Erfahrung möglichst genau, ohne sie sofort zu erklären oder zu bewerten.
  2. Epoché: Klammere vorschnelle Annahmen ein und frage, was wirklich im Erleben gegeben ist.
  3. Intentionalität: Untersuche, worauf Dein Bewusstsein gerichtet ist und in welcher Weise der Gegenstand erscheint.
  4. Variation: Verändere das Beispiel gedanklich und prüfe, welche Merkmale wesentlich sind.

Beispiel: Du analysierst das Warten auf eine Antwortnachricht. Du beschreibst das wiederholte Blicken auf das Display, die Erwartung, die Unsicherheit, das Deuten von Stille, die körperliche Spannung und die Bedeutung, die eine ausbleibende Nachricht erhält. So wird aus einer Alltagssituation eine philosophische Untersuchung.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Was ist Edmund Husserls bekannteste philosophische Richtung? (Phänomenologie) (!Utilitarismus) (!Materialismus) (!Skeptizismus)




Was bedeutet Intentionalität bei Husserl? (Bewusstsein ist immer auf etwas gerichtet) (!Bewusstsein besteht nur aus Sinnesreizen) (!Bewusstsein ist immer absichtslos) (!Bewusstsein kann keine Gegenstände meinen)




Was wird in der Epoché methodisch eingeklammert? (Vorschnelle Annahmen über die Wirklichkeit) (!Alle Erfahrungen für immer) (!Die Fähigkeit zu denken) (!Die Möglichkeit von Sprache)




Was untersucht die phänomenologische Reduktion? (Die Weise, wie etwas im Erleben gegeben ist) (!Die chemische Zusammensetzung von Dingen) (!Die politische Geschichte Europas) (!Die Herkunft aller Wörter)




Was bezeichnet Noesis? (Die Weise des Bewusstseinsaktes) (!Ein mathematisches Gesetz) (!Eine politische Institution) (!Ein äußeres Naturding)




Was bezeichnet Noema? (Den Gegenstand als gemeinten Gegenstand) (!Eine biologische Zelle) (!Eine moralische Vorschrift) (!Eine zufällige Geräuschfolge)




Was meint Husserl mit Lebenswelt? (Die vorwissenschaftliche Erfahrungswelt des Alltags) (!Eine rein technische Computersimulation) (!Eine Welt ohne Menschen) (!Eine Sammlung mathematischer Formeln)




Wofür steht der Leitspruch Zu den Sachen selbst? (Für die genaue Rückkehr zu den gegebenen Phänomenen) (!Für die Ablehnung jeder Erfahrung) (!Für die Herrschaft der Naturwissenschaft über Philosophie) (!Für das bloße Auswendiglernen alter Lehren)




Welche Struktur gehört zu Husserls Analyse des Zeitbewusstseins? (Retention, Urimpression und Protention) (!These, Antithese und Synthese) (!Substanz, Akzidenz und Materie) (!Instinkt, Reflex und Reiz)




Warum ist Intersubjektivität für Husserl wichtig? (Weil Objektivität mit gemeinsam erfahrbarer Welt zusammenhängt) (!Weil andere Menschen nur Einbildungen sind) (!Weil Wahrheit nur von Einzelnen festgelegt wird) (!Weil Wahrnehmung ohne Körper geschieht)





Memory

Epoché Einklammerung von Vorannahmen
Intentionalität Gerichtetheit des Bewusstseins
Noesis Bewusstseinsakt
Noema Gegenstand als gemeint
Lebenswelt Vorwissenschaftliche Erfahrungswelt
Retention Gerade Vergangenes im Bewusstsein
Protention Erwartung des Kommenden





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Epoché Vorannahmen methodisch einklammern
Intentionalität Bewusstsein ist auf etwas gerichtet
Noesis Akt des Wahrnehmens oder Urteilens
Noema Gegenstand als gemeinter Sinn
Lebenswelt Alltagliche Erfahrungswelt vor Theorie
Eidetische Variation Wesentliche Merkmale durch gedankliche Veränderung finden






Kreuzworträtsel

Intentionalität Wie heißt die Gerichtetheit des Bewusstseins bei Husserl?
Epoche Wie heißt die methodische Enthaltung von vorschnellen Urteilen?
Noesis Wie nennt Husserl den Bewusstseinsakt?
Noema Wie nennt Husserl den Gegenstand als gemeinten Sinn?
Lebenswelt Wie heißt die vorwissenschaftliche Erfahrungswelt des Alltags?
Evidenz Wie nennt man eine klare Einsichtigkeit im Erkennen?
Reduktion Wie heißt die Rückführung auf die Gegebenheitsweise des Erlebens?
Bewusstsein Was ist nach Husserl immer Bewusstsein von etwas?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Edmund Husserl gilt als Begründer der

. Der Grundzug des Bewusstseins heißt bei ihm

. Die methodische Enthaltung von vorschnellen Urteilen nennt man

. Die Rückführung auf Erscheinungsweisen des Erlebens heißt phänomenologische

. Die Suche nach Wesensstrukturen nutzt die eidetische

. Der Bewusstseinsakt heißt

. Der gemeinte Gegenstand als gemeint heißt

. Die vorwissenschaftliche Erfahrungswelt nennt Husserl

. Die Mitgegebenheit anderer Subjekte gehört zur

. Das Ziel der Methode ist eine klare Beschreibung von

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Beobachtungsprotokoll: Wähle einen Alltagsgegenstand und beschreibe ihn fünf Minuten lang möglichst genau, ohne ihn zu bewerten.
  2. Epoché im Alltag: Notiere drei Situationen, in denen Du vorschnell geurteilt hast, und formuliere jeweils eine phänomenologische Nachfrage.
  3. Intentionalität erkennen: Sammle fünf Beispiele für Bewusstsein von etwas, etwa Erinnern, Hoffen, Wahrnehmen, Zweifeln oder Wünschen.
  4. Begriffskarte: Erstelle eine einfache Mindmap zu Husserls Grundbegriffen Phänomenologie, Intentionalität, Epoché, Noesis, Noema und Lebenswelt.


Standard

  1. Videoanalyse: Sieh Dir das eingebettete Video an und schreibe eine strukturierte Zusammenfassung mit den drei wichtigsten Begriffen.
  2. Tassenexperiment: Führe eine phänomenologische Analyse einer Tasse, eines Smartphones oder eines Fensters durch und unterscheide Sichtbares, Mitgemeintes und Erwartetes.
  3. Zeitbewusstsein: Beschreibe das Hören einer Melodie oder das Lesen eines Satzes mit den Begriffen Retention, Urimpression und Protention.
  4. Lebenswelt und Wissenschaft: Vergleiche eine alltägliche Beschreibung von Regen mit einer naturwissenschaftlichen Beschreibung und erkläre, was Husserl mit Lebenswelt meinen könnte.


Schwer

  1. Noesis und Noema: Analysiere eine strittige Nachricht in sozialen Medien und unterscheide Bewusstseinsakt, gemeinten Sinn, Erwartung und Bewertung.
  2. Phänomenologie und Psychologie: Erkläre an einem Beispiel, wie phänomenologische Beschreibung und psychologische Erklärung zusammenarbeiten können, ohne dass sie dasselbe sind.
  3. Intersubjektivität: Entwickle ein Dialogprotokoll, in dem zwei Personen denselben Gegenstand unterschiedlich erleben, und erkläre, wie trotzdem gemeinsame Objektivität möglich wird.
  4. Philosophischer Essay: Schreibe einen Essay zur Frage, ob man wirklich voraussetzungslos denken kann, und beziehe Husserls Methode kritisch ein.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Transferaufgabe Wahrnehmung: Erkläre anhand einer optischen Täuschung, warum Husserls Frage nach der Erscheinungsweise eines Gegenstandes philosophisch wichtig ist.
  2. Methodenvergleich: Vergleiche Husserls Epoché mit einer naturwissenschaftlichen Untersuchung und arbeite heraus, worin sich die Fragestellungen unterscheiden.
  3. Alltagsanalyse: Analysiere das Warten auf eine Nachricht mit den Begriffen Intentionalität, Erwartung, Zeitbewusstsein und Bedeutung.
  4. Wissenschaftskritik: Beurteile, ob Husserls Begriff der Lebenswelt eine sinnvolle Kritik an einer rein messenden Sicht auf Menschen darstellt.
  5. Begriffsanwendung: Erkläre an einem selbst gewählten Beispiel den Unterschied zwischen Noesis und Noema und zeige, warum beide zusammengehören.
  6. Urteilskompetenz: Diskutiere, ob Husserls Forderung, Vorannahmen einzuklammern, im Alltag realistisch, nützlich oder problematisch ist.




Lernnachweis

Für einen überzeugenden Lernnachweis zu diesem aiMOOC solltest Du zeigen, dass Du Husserls Begriffe nicht nur auswendig kennst, sondern anwenden kannst. Wichtig sind eine klare Darstellung der Phänomenologie, ein eigenes Beispiel zur Intentionalität, eine nachvollziehbare Durchführung der Epoché, eine Unterscheidung von Noesis und Noema, eine Reflexion über Lebenswelt und Wissenschaft, ein Transfer auf eine aktuelle Alltagssituation sowie eine kritische Stellungnahme zur Frage, ob voraussetzungsloses Beschreiben möglich ist.

Mögliche Formen des Lernnachweises sind ein phänomenologisches Beobachtungsprotokoll, eine Präsentation, ein Essay, ein Lernplakat, ein kurzes Erklärvideo, ein philosophisches Gesprächsprotokoll oder eine mündliche Prüfung mit Transferbeispiel.




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