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Augustinus und das moderne Selbst

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Augustinus und das moderne Selbst




Einleitung

Augustinus von Hippo gehört zu den einflussreichsten Denkern der Spätantike. Er war Rhetoriklehrer, Philosoph, Theologe, Bischof von Hippo Regius und Autor der berühmten Bekenntnisse. In diesem aiMOOC untersuchst Du, warum Augustinus bis heute wichtig ist, wenn es um Innerlichkeit, Selbstbewusstsein, Identität, Wille, Zeitphilosophie und das moderne Selbst geht.

Das Thema Augustinus & das moderne Selbst verbindet antike und mittelalterliche Denkweisen mit Fragen, die auch heute noch aktuell sind: Wer bin ich? Wie erkenne ich mich selbst? Warum bin ich mir manchmal selbst fremd? Wie hängen Erinnerung, Erwartung und Gegenwart zusammen? Kann der Mensch sich aus eigener Kraft verändern? Und ist das Selbst autonom, abhängig, gebrochen, suchend oder dialogisch?

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Im Video steht Augustinus als Architekt eines suchenden Selbst im Mittelpunkt. Dieser Begriff meint: Das Selbst ist bei Augustinus nicht einfach ein fertiger Besitz. Es ist ein Ort der Suche, der Erinnerung, der moralischen Prüfung, der Spannung zwischen Begehren und Wahrheit sowie der Ausrichtung auf Gott. Deshalb ist Augustinus für die Geschichte der Subjektivität so wichtig. Er zeigt, dass Selbsterkenntnis nicht nur eine theoretische Frage ist, sondern eine existenzielle Aufgabe.


Lernziele

  1. Augustinus von Hippo: Du kannst zentrale Stationen seines Lebens und Denkens erklären.
  2. Bekenntnisse: Du kannst erläutern, warum die Confessiones mehr sind als eine Autobiografie.
  3. Innerlichkeit: Du kannst beschreiben, weshalb Augustinus den Weg nach innen als Weg zur Wahrheit deutet.
  4. Zeitphilosophie: Du kannst Augustinus’ Analyse von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft darstellen.
  5. Wille: Du kannst erklären, warum der Mensch nach Augustinus in sich selbst zerrissen sein kann.
  6. Modernes Selbst: Du kannst Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Augustinus und modernen Selbstbildern herausarbeiten.
  7. Philosophische Urteilskompetenz: Du kannst beurteilen, ob Augustinus eher als Vorläufer oder als Kritiker des modernen Selbst verstanden werden sollte.


Wer war Augustinus?

Aurelius Augustinus wurde im Jahr 354 in Tagaste in der römischen Provinz Numidien geboren, im Gebiet des heutigen Algerien. Er starb 430 in Hippo Regius, während die politische Ordnung des weströmischen Reiches zunehmend erschüttert wurde. Augustinus lebte also in einer Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter. Gerade diese Spannung prägt sein Denken: Er übernimmt Elemente aus der platonischen und neuplatonischen Philosophie, verbindet sie aber mit dem Christentum.

Augustinus war zunächst ein ehrgeiziger Lehrer der Rhetorik. Er suchte nach Wahrheit, Erfolg, Anerkennung und geistiger Orientierung. In jungen Jahren schloss er sich zeitweise dem Manichäismus an, einer religiösen Bewegung, die die Welt stark dualistisch deutete. Später wandte er sich davon ab. In Mailand begegnete er dem Bischof Ambrosius von Mailand, dessen Predigten für seine geistige Entwicklung wichtig wurden. Im Jahr 387 ließ sich Augustinus taufen. Später wurde er Priester und schließlich Bischof von Hippo Regius.


Zentrale Werke

Zu den wichtigsten Werken Augustins gehören die Bekenntnisse, Vom Gottesstaat, Über die Dreifaltigkeit und Schriften über freien Willen, Gnade, Sünde, Erkenntnis und Zeit. Besonders die Bekenntnisse sind für die Frage nach dem modernen Selbst bedeutsam, weil Augustinus dort sein eigenes Leben als eine innere Suchbewegung erzählt.

Die Bekenntnisse sind keine moderne Autobiografie im heutigen Sinn. Augustinus erzählt sein Leben nicht, um sich selbst als autonomes Individuum zu feiern. Er spricht in der Form eines Gebets zu Gott. Dadurch entsteht eine besondere Struktur: Das Selbst betrachtet sich, aber es tut dies vor einem Gegenüber. Selbsterkenntnis ist bei Augustinus immer auch Gewissenserforschung, Bekenntnis und Suche nach Wahrheit.


Das suchende Selbst

Der Ausdruck suchendes Selbst beschreibt, dass der Mensch bei Augustinus nicht einfach weiß, wer er ist. Das Selbst ist kein geschlossener Besitz, sondern ein Problem. Augustinus fragt nicht nur: Was ist der Mensch? Er fragt: Warum bin ich mir selbst unklar? Warum will ich manchmal das Gute und tue es dennoch nicht? Warum verliere ich mich an Dinge, obwohl ich Wahrheit suche?


Innerlichkeit als Weg zur Wahrheit

Für Augustinus ist Innerlichkeit entscheidend. Der Mensch soll nicht nur in der äußeren Welt nach Wahrheit suchen, sondern in sich selbst einkehren. Diese innere Wendung bedeutet nicht bloße Selbstbespiegelung. Sie meint: Im Inneren begegnet der Mensch seiner Erinnerung, seinem Gewissen, seinem Willen, seinen Affekten und seiner Frage nach Sinn.

Das ist für die Geschichte des modernen Selbst wichtig. Viele moderne Vorstellungen von Subjektivität gehen davon aus, dass Wahrheit, Identität und Authentizität mit dem Inneren des Menschen zu tun haben. Augustinus bereitet diese Denkweise mit vor, unterscheidet sich aber zugleich von ihr: Das Innere ist für ihn kein autonomer Raum, in dem das Ich sich selbst genügt. Das Innere ist der Ort, an dem der Mensch erkennt, dass er über sich selbst hinausfragt.


Das Selbst als Gespräch

Augustinus’ Selbstbefragung ist dialogisch. Er redet mit Gott, mit sich selbst, mit der Heiligen Schrift, mit philosophischen Traditionen und mit seiner eigenen Vergangenheit. Das Selbst entsteht in dieser Gesprächsform. Es ist nicht nur ein denkendes Ich, sondern ein erzählendes, erinnerndes, fragendes und antwortendes Wesen.

Für die Philosophie bedeutet das: Selbsterkenntnis ist nicht nur eine Sammlung von Fakten über mich. Sie ist eine Deutung meines Lebens. Wer sich selbst verstehen will, muss fragen, welche Erfahrungen, Entscheidungen, Irrtümer, Hoffnungen und Bindungen das eigene Leben geformt haben.


Die Bekenntnisse als Architektur der Suche

Die Bekenntnisse zeigen eine Bewegung von außen nach innen und von innen über das Selbst hinaus. Augustinus beschreibt Kindheit, Jugend, Bildung, Ehrgeiz, sinnliche Begierden, intellektuelle Suche, religiöse Zweifel, Bekehrung und philosophische Einsicht. Diese Lebensgeschichte ist aber nicht nur chronologisch. Sie ist eine Deutung: Das Vergangene wird im Licht der Gegenwart neu verstanden.


Erinnerung und Lebensgeschichte

Die Erinnerung spielt bei Augustinus eine zentrale Rolle. In der Erinnerung bewahrt der Mensch nicht nur Bilder vergangener Dinge. Er begegnet auch sich selbst. Erinnerung ermöglicht Identität, weil ich mich als derselbe Mensch durch verschiedene Zeiten hindurch wiedererkenne. Zugleich zeigt Erinnerung, dass das Selbst nie vollständig durchsichtig ist. In mir gibt es Tiefen, die ich nicht vollständig überblicke.

Augustinus ist deshalb für moderne Fragen nach Biografie, Narrativität und Identität wichtig. Auch heute verstehen Menschen sich oft über Erzählungen: Wer bin ich geworden? Welche Entscheidungen haben mich geprägt? Was bereue ich? Was hoffe ich? Welche Geschichte erzähle ich über mich selbst?


Begehren und Ordnung der Liebe

Ein Schlüsselbegriff bei Augustinus ist die Liebe. Menschen lieben Dinge, Personen, Ziele, Anerkennung, Macht, Wissen oder Gott. Für Augustinus ist nicht nur wichtig, dass Menschen lieben, sondern wie sie lieben. Er fragt nach der Ordnung der Liebe. Eine ungeordnete Liebe kann den Menschen unfrei machen, wenn er etwas Endliches so behandelt, als sei es das Höchste.

Das moderne Selbst kennt ähnliche Fragen: Was bestimmt mein Leben? Welche Wünsche kontrollieren mich? Bin ich frei, wenn ich jedem Impuls folge? Oder brauche ich Maßstäbe, um zwischen erfüllender und zerstörerischer Freiheit zu unterscheiden?


Augustinus’ Zeitphilosophie

Augustinus’ Zeitphilosophie gehört zu den berühmtesten Teilen der Bekenntnisse. Er stellt die scheinbar einfache Frage: Was ist Zeit? Auf den ersten Blick scheint jeder zu wissen, was Zeit ist. Sobald man sie erklären soll, wird sie rätselhaft. Vergangenheit ist nicht mehr. Zukunft ist noch nicht. Die Gegenwart scheint kaum fassbar, weil sie ständig vergeht.

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Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Augustinus löst das Problem nicht, indem er Zeit wie einen äußeren Gegenstand behandelt. Er untersucht, wie Zeit im Bewusstsein erfahren wird. Vergangenheit ist für uns als Erinnerung gegenwärtig. Gegenwart ist als Aufmerksamkeit gegenwärtig. Zukunft ist als Erwartung gegenwärtig. Dadurch verlagert sich die Zeitfrage in das Innere des Menschen.

Diese Analyse ist für das moderne Selbst wichtig, weil sie zeigt: Das Selbst ist zeitlich. Ich bin nicht nur ein punktförmiges Ich im Augenblick. Ich bin durch Erinnerung mit meiner Vergangenheit verbunden, durch Aufmerksamkeit in der Gegenwart tätig und durch Erwartung auf Zukunft ausgerichtet.


Distentio animi

Der lateinische Ausdruck distentio animi bedeutet ungefähr Ausdehnung oder Zerstreckung der Seele. Damit beschreibt Augustinus, dass das Bewusstsein zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausgespannt ist. Der Mensch lebt nicht einfach in einer neutralen Zeit. Er erlebt Zeit als Spannung: Er erinnert sich, konzentriert sich, erwartet, hofft, fürchtet und bereut.

Für die Gegenwart ist das besonders anschlussfähig. Moderne Menschen erleben sich oft als zerrissen zwischen Vergangenheit, Zukunftsplänen, digitalen Ablenkungen, Leistungsdruck und der Suche nach einem sinnvollen Jetzt. Augustinus bietet eine philosophische Sprache, um diese innere Zeitstruktur zu verstehen.


Wille, Freiheit und Zerrissenheit

Ein weiterer zentraler Punkt ist Augustinus’ Analyse des Willens. Er beschreibt den Menschen nicht als vollkommen durchsichtiges Vernunftwesen. Der Mensch kann wissen, was gut wäre, und dennoch anders handeln. Er kann sich ändern wollen und zugleich an alten Gewohnheiten festhalten. Der Wille ist nicht immer einheitlich.


Der gespaltene Wille

Augustinus macht die Erfahrung, dass er sich nach Wahrheit und Umkehr sehnt, aber zugleich an Gewohnheiten gebunden bleibt. Diese Erfahrung ist philosophisch bedeutsam: Freiheit besteht nicht nur darin, Wahlmöglichkeiten zu haben. Freiheit betrifft auch die Fähigkeit, sich selbst zu ordnen, Gewohnheiten zu durchbrechen und das Gute tatsächlich zu wollen.

Diese Sicht ist für moderne Debatten über Autonomie, Sucht, Selbstkontrolle, Verantwortung und Moralpsychologie relevant. Augustinus zeigt, dass das Selbst nicht einfach Herr im eigenen Haus ist. Es kann in sich gespalten sein.


Gnade und Freiheit

Augustinus betont, dass der Mensch auf Gnade angewiesen ist. Das bedeutet: Der Mensch kann sich nach Augustinus nicht vollständig aus eigener Kraft erlösen oder heilen. Diese Vorstellung unterscheidet ihn von vielen modernen Autonomie-Ideen. Während moderne Selbstbilder oft betonen, dass der Mensch sich selbst erschafft, betont Augustinus die Abhängigkeit des Menschen von einer Wahrheit und Güte, die größer ist als das eigene Ich.

Philosophisch entsteht hier eine Spannung: Ist der Mensch frei, wenn er auf Gnade angewiesen ist? Oder ist die Anerkennung der eigenen Abhängigkeit gerade eine tiefere Form von Wahrheit? Diese Frage gehört zu den anspruchsvollsten Punkten im Gespräch zwischen Augustinus und dem modernen Selbst.


Augustinus und das moderne Selbst

Das moderne Selbst wird häufig mit Individualität, Autonomie, Selbstbestimmung, Authentizität und Reflexion verbunden. Menschen sollen ihr eigenes Leben entwerfen, eigene Entscheidungen treffen und eine eigene Identität ausbilden. Augustinus ist für diese Entwicklung wichtig, weil er das Innere des Menschen philosophisch und literarisch ernst nimmt.


Gemeinsamkeiten

  1. Innerlichkeit: Augustinus zeigt, dass die Wahrheitssuche in das Innere des Menschen führt.
  2. Selbstreflexion: Er untersucht Erinnerungen, Motive, Wünsche und Irrtümer.
  3. Lebensgeschichte: Er deutet sein Leben als Entwicklung und Suche.
  4. Gewissen: Er beschreibt das Selbst als moralisch verantwortliches Wesen.
  5. Zeitlichkeit: Er versteht den Menschen als Wesen zwischen Erinnerung, Gegenwart und Erwartung.
  6. Zerrissenheit: Er erkennt, dass Menschen nicht einfach mit sich selbst identisch sind.


Unterschiede

  1. Autonomie: Das moderne Selbst betont oft Selbstbestimmung; Augustinus betont Abhängigkeit von Gott.
  2. Authentizität: Moderne Authentizität sucht häufig das eigene wahre Ich; Augustinus sucht Wahrheit jenseits bloßer Selbstbestätigung.
  3. Körper: Augustinus’ Denken enthält problematische Spannungen im Umgang mit Leiblichkeit und Sexualität.
  4. Säkularisierung: Moderne Selbstbilder können religiös, nichtreligiös oder plural sein; Augustinus denkt ausdrücklich theologisch.
  5. Erlösung: Für Augustinus ist das Selbst nicht durch Selbstausdruck vollendet, sondern durch Umkehr, Liebe und Gnade.


Vorläufer oder Kritiker?

Augustinus kann zugleich als Vorläufer und als Kritiker des modernen Selbst verstanden werden. Er ist Vorläufer, weil er Innerlichkeit, Erinnerung und Selbstbefragung in einer bis heute wirksamen Tiefe entfaltet. Er ist Kritiker, weil er das Selbst nicht als letzten Ursprung seiner Wahrheit versteht. Für ihn ist das Ich nur dann richtig verstanden, wenn es seine Bezogenheit auf Gott, Wahrheit und Liebe anerkennt.

Diese doppelte Rolle macht Augustinus philosophisch spannend. Er ist weder einfach modern noch einfach vormodern. Er steht an einer Schwelle: Er übernimmt antike Philosophie, prägt christliche Theologie und beeinflusst spätere Debatten über Subjektivität, Gewissen, Zeit und Freiheit.


Zentrale Begriffe

Begriff Bedeutung im Thema
Augustinus von Hippo Philosoph, Theologe und Bischof der Spätantike, dessen Denken die westliche Geistesgeschichte stark geprägt hat.
Confessiones Werk, in dem Augustinus sein Leben als Gebet, Selbstprüfung und Wahrheitssuche deutet.
Innerlichkeit Weg nach innen, auf dem der Mensch Erinnerung, Wille, Gewissen und Wahrheit befragt.
Modernes Selbst Vorstellung eines reflektierten, individuellen und oft autonom verstandenen Ichs.
Memoria Erinnerung als innerer Raum, in dem Identität, Vergangenheit und Selbstdeutung möglich werden.
Distentio animi Ausgespanntheit der Seele zwischen Erinnerung, Aufmerksamkeit und Erwartung.
Voluntas Wille als Kraft des Strebens, aber auch als Ort innerer Spaltung.
Gnade Bei Augustinus die göttliche Hilfe, ohne die der Mensch sich nicht vollständig heilen kann.


Arbeit mit dem Video

Das eingebundene Video kann als Einstieg, Wiederholung oder Vertiefung genutzt werden. Achte beim Anschauen besonders darauf, wie Augustinus als Denker der Innerlichkeit dargestellt wird. Notiere Dir, welche Begriffe für das moderne Selbst wichtig sind und wo Augustinus sich von heutigen Vorstellungen von Autonomie unterscheidet.

  1. Hörverstehen: Notiere drei Aussagen des Videos zur Struktur des suchenden Selbst.
  2. Begriffsklärung: Erkläre die Begriffe Innerlichkeit, Wille und Zeitlichkeit in eigenen Worten.
  3. Vergleich: Vergleiche Augustinus’ Selbstbild mit einer heutigen Idee von Selbstverwirklichung.
  4. Kritik: Formuliere eine Frage, die Du Augustinus aus heutiger Perspektive stellen würdest.


Vertiefung: Augustinus in der Philosophiegeschichte

Augustinus verbindet mehrere Traditionen. Aus der antiken Philosophie übernimmt er die Suche nach Wahrheit, die Bedeutung der Seele und die Orientierung am Guten. Aus dem Christentum übernimmt er die Vorstellung von Schöpfung, Sünde, Gnade und Erlösung. In der späteren Philosophie wirkt Augustinus auf Debatten über Subjektivität, Erkenntnistheorie, Moral, Geschichtsphilosophie und Religionsphilosophie.

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Besonders wichtig ist, dass Augustinus die philosophische Frage nach dem Menschen existenziell zuspitzt. Es geht nicht nur darum, eine Definition des Menschen zu geben. Es geht darum, ein Leben zu verstehen. Deshalb sind die Bekenntnisse zugleich philosophisch, literarisch und religiös. Sie zeigen ein Selbst, das sich selbst nur versteht, indem es seine Irrwege, Hoffnungen, Schuld, Liebe und Sehnsucht deutet.


Kritische Perspektiven

Augustinus’ Denken ist bedeutend, aber nicht unproblematisch. Seine Wirkungsgeschichte umfasst auch schwierige Themen wie Erbsünde, Sexualmoral, Antijudaismus, kirchliche Autorität und die Frage nach Gewalt im religiösen Kontext. Ein philosophisch verantwortlicher Umgang mit Augustinus muss deshalb zweierlei leisten: seine Tiefe verstehen und seine problematischen Seiten kritisch prüfen.

Gerade für das Thema modernes Selbst ist diese kritische Perspektive wichtig. Augustinus eröffnet den Raum der Innerlichkeit, aber er begrenzt ihn theologisch. Er analysiert den Willen, aber verbindet Freiheit eng mit Gnade. Er nimmt das Begehren ernst, bewertet es jedoch oft im Rahmen einer strengen Ordnung. Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, diese Spannungen nicht zu glätten, sondern begründet zu beurteilen.


Zusammenfassung

Augustinus zeigt das Selbst als suchend, erinnernd, wollend, zeitlich und auf Wahrheit ausgerichtet. Sein Denken ist für die moderne Idee des Selbst wichtig, weil es Innerlichkeit und Selbstreflexion stark macht. Zugleich widerspricht Augustinus einer radikal autonomen Vorstellung des Ichs. Der Mensch ist für ihn nicht alleiniger Ursprung seiner Wahrheit, sondern ein Wesen, das sich selbst nur im Verhältnis zu Gott, Wahrheit und Liebe verstehen kann. Deshalb bleibt Augustinus für Philosophie, Religion, Ethik und Kulturgeschichte ein zentraler Gesprächspartner.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Wer war Augustinus von Hippo? (Ein Philosoph, Theologe und Bischof der Spätantike) (!Ein griechischer Naturphilosoph der Vorsokratik) (!Ein römischer Kaiser der frühen Republik) (!Ein Aufklärungsphilosoph des achtzehnten Jahrhunderts)




Welches Werk Augustins ist besonders wichtig für das Thema Selbst und Innerlichkeit? (Bekenntnisse) (!Der Gesellschaftsvertrag) (!Kritik der reinen Vernunft) (!Also sprach Zarathustra)




Was bedeutet Innerlichkeit bei Augustinus vor allem? (Die Wendung nach innen zur Prüfung von Erinnerung, Wille und Wahrheit) (!Die vollständige Ablehnung jeder äußeren Welt) (!Die Konzentration auf wirtschaftlichen Erfolg) (!Die Lehre von der Bewegung der Himmelskörper)




Wie versteht Augustinus Vergangenheit in seiner Zeitphilosophie? (Als gegenwärtige Erinnerung) (!Als sichtbaren Gegenstand im Raum) (!Als unveränderliche Zukunft) (!Als reine Körperbewegung ohne Bewusstsein)




Was beschreibt der Ausdruck distentio animi? (Die Ausgespanntheit der Seele zwischen Erinnerung, Aufmerksamkeit und Erwartung) (!Die politische Ordnung des römischen Senats) (!Die Lehre von vier chemischen Elementen) (!Die Ablehnung aller Formen von Bildung)




Worin unterscheidet sich Augustinus deutlich von vielen modernen Autonomievorstellungen? (Er versteht das Selbst als auf Gott und Gnade bezogen) (!Er leugnet jede Form von Innerlichkeit) (!Er betrachtet den Menschen als Maschine) (!Er ersetzt Wahrheit durch bloße Unterhaltung)




Welche Person beeinflusste Augustinus in Mailand besonders? (Ambrosius) (!Sokrates) (!Descartes) (!Darwin)




Was zeigt Augustinus mit seiner Analyse des Willens? (Der Mensch kann innerlich zerrissen sein) (!Der Wille ist immer vollständig vernünftig) (!Der Wille spielt für Moral keine Rolle) (!Der Mensch handelt immer ohne Konflikte)




Welche philosophische Tradition beeinflusste Augustinus stark? (Neuplatonismus) (!Empirismus des Wiener Kreises) (!Existenzialismus des zwanzigsten Jahrhunderts) (!Utilitarismus des neunzehnten Jahrhunderts)




Warum ist Augustinus für das moderne Selbst wichtig? (Er verbindet Selbstreflexion, Erinnerung, Wille und Lebensdeutung) (!Er entwickelte die moderne Genetik) (!Er begründete die klassische Mechanik) (!Er schrieb die erste Verfassung der Moderne)





Memory

Augustinus Bischof von Hippo
Bekenntnisse Selbstprüfung
Innerlichkeit Weg nach innen
Memoria Erinnerung
Distentio animi Ausgespanntheit der Seele
Voluntas Wille
Gnade göttliche Hilfe
Modernes Selbst Autonomiefrage





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Tagaste Herkunft und frühe Prägung
Karthago Ausbildung und rhetorischer Ehrgeiz
Mailand Begegnung mit Ambrosius
Cassiciacum Rückzug und philosophische Gespräche
Taufe Wendepunkt der religiösen Biografie
Hippo Regius Bischöfliches Wirken




...


Kreuzworträtsel

Tagaste In welcher Stadt wurde Augustinus geboren?
Ambrosius Welcher Bischof beeinflusste Augustinus in Mailand?
Mailand In welcher Stadt kam Augustinus der christlichen Taufe näher?
Bekenntnisse Wie heißt Augustins berühmtes Werk über Leben und Selbstprüfung auf Deutsch?
Innerlichkeit Welcher Weg führt bei Augustinus zur Prüfung des Selbst?
Gnade Welche göttliche Hilfe ist für Augustinus zentral?
Wille Welche innere Kraft kann bei Augustinus gespalten sein?
Zeit Welches philosophische Thema untersucht Augustinus im elften Buch der Bekenntnisse?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Augustinus versteht das menschliche Selbst als suchende

, die sich nicht vollständig selbst durchsichtig ist. In den

erzählt er sein Leben als Prüfung von Erinnerung, Wille und Begehren. Der Weg nach innen führt bei ihm nicht in bloße Selbstbespiegelung, sondern zur Frage nach

. Seine Zeitphilosophie unterscheidet die Gegenwart der Vergangenheit als

. Die Gegenwart der Gegenwart erscheint als Aufmerksamkeit oder

. Die Gegenwart der Zukunft zeigt sich als

. Der zerrissene Wille macht deutlich, dass Freiheit nicht nur Wahl, sondern auch

bedeutet. Für das moderne Selbst bleibt Augustinus wichtig, weil er Innerlichkeit, Lebensgeschichte und moralische

miteinander verbindet.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Begriffskarte: Erstelle eine Begriffskarte zu Augustinus mit den Begriffen Innerlichkeit, Erinnerung, Wille, Zeit und Gnade.
  2. Video-Notizen: Schau das eingebundene Video an und notiere fünf zentrale Aussagen zum suchenden Selbst.
  3. Lebenslinie: Zeichne eine einfache Lebenslinie Augustins und markiere wichtige Orte wie Tagaste, Karthago, Mailand und Hippo Regius.
  4. Selbstreflexion: Schreibe einen kurzen Text darüber, warum Erinnerung für Dein eigenes Selbstverständnis wichtig ist.


Standard

  1. Textanalyse: Analysiere einen kurzen Auszug aus den Bekenntnissen und arbeite heraus, wie Augustinus über sich selbst spricht.
  2. Vergleich: Vergleiche Augustinus’ Idee der Innerlichkeit mit einer heutigen Vorstellung von Authentizität.
  3. Zeitmodell: Gestalte ein Schaubild zu Erinnerung, Aufmerksamkeit und Erwartung in Augustinus’ Zeitphilosophie.
  4. Dialog: Schreibe einen fiktiven Dialog zwischen Augustinus und einer heutigen Person über Selbstbestimmung.


Schwer

  1. Philosophischer Essay: Erörtere, ob Augustinus eher ein Vorläufer oder ein Kritiker des modernen Selbst ist.
  2. Debatte: Bereite eine Pro-und-Kontra-Debatte zur These vor, dass der Mensch sich nur durch sich selbst verstehen kann.
  3. Transfer: Wende Augustinus’ Analyse des gespaltenen Willens auf ein modernes Problem wie digitale Ablenkung, Konsum oder Sucht an.
  4. Forschungsprojekt: Untersuche, wie spätere Denkerinnen und Denker wie René Descartes, Jean-Jacques Rousseau oder Charles Taylor an Fragen der Innerlichkeit anschließen.




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Lernkontrolle

  1. Zusammenhang Innerlichkeit und Wahrheit: Erkläre, warum Augustinus den Weg nach innen nicht als bloße Selbstbespiegelung versteht, sondern als Suche nach Wahrheit.
  2. Transfer Zeitphilosophie: Wende Augustinus’ Unterscheidung von Erinnerung, Aufmerksamkeit und Erwartung auf eine alltägliche Situation an, etwa eine Prüfungsvorbereitung.
  3. Vergleich Autonomie und Gnade: Vergleiche ein modernes Autonomieverständnis mit Augustinus’ Vorstellung, dass der Mensch auf Gnade angewiesen ist.
  4. Analyse des Willens: Erkläre an einem eigenen Beispiel, wie ein Mensch etwas wollen und zugleich nicht wollen kann.
  5. Urteil modernes Selbst: Begründe, ob Augustinus aus heutiger Sicht eher als Befreiung des Selbst zur Innerlichkeit oder als Begrenzung autonomer Selbstbestimmung gelesen werden sollte.




Lernnachweis

Für einen überzeugenden Lernnachweis zu Augustinus & das moderne Selbst solltest Du zeigen, dass Du nicht nur einzelne Fakten kennst, sondern Zusammenhänge beurteilen kannst. Wichtig sind:

  1. Sachkenntnis: Du stellst zentrale Lebensstationen Augustins und wichtige Werke sachlich korrekt dar.
  2. Begriffsverständnis: Du erklärst Begriffe wie Innerlichkeit, Memoria, Wille, Gnade, Distentio animi und modernes Selbst.
  3. Textbezug: Du kannst Aussagen aus den Bekenntnissen oder aus dem Lernmaterial sinnvoll auf philosophische Fragen beziehen.
  4. Vergleichskompetenz: Du arbeitest Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Augustinus und modernen Selbstbildern heraus.
  5. Urteilskompetenz: Du formulierst ein begründetes eigenes Urteil zur Bedeutung Augustins für die Gegenwart.
  6. Transferleistung: Du wendest Augustinus’ Denken auf aktuelle Fragen wie Identität, Selbstoptimierung, digitale Ablenkung oder moralische Verantwortung an.
  7. Reflexion: Du zeigst, dass Selbsterkenntnis nicht nur Faktenwissen, sondern Deutung, Kritik und Selbstprüfung umfasst.




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