Wilhelm von Humboldt - Pädagogik


Wilhelm von Humboldt - Pädagogik
Wilhelm von Humboldt - Pädagogik
Studienfach: Pädagogik / Erziehungswissenschaft Niveau: Bachelor, Master, pädagogische Ausbildung und wissenschaftspropädeutische Oberstufe Themenschwerpunkte: Bildungstheorie, Allgemeinbildung, Neuhumanismus, Bildungsreform, Universität, Wissenschaftsfreiheit, Bildung und Ausbildung, Geschichte der Pädagogik

Einleitung
Wilhelm von Humboldt gehört zu den einflussreichsten Denkern der modernen Pädagogik. Sein Name steht für eine Theorie der Bildung, die den Menschen nicht auf berufliche Verwertbarkeit, gesellschaftliche Rollen oder das Ansammeln von Wissen reduziert. Bildung bezeichnet bei Humboldt vielmehr einen offenen Prozess, in dem ein Mensch seine Kräfte entwickelt, sich mit der Welt auseinandersetzt, Urteilsfähigkeit gewinnt und eine eigenständige Persönlichkeit ausbildet.
Dieser aiMOOC behandelt Humboldt nicht nur als historischen „Klassiker“, sondern als anspruchsvollen Gesprächspartner für aktuelle Fragen: Was unterscheidet Bildung von Ausbildung? Welche Bedeutung haben Freiheit, Selbsttätigkeit und vielfältige Erfahrungen? Wie sollen Schule und Universität organisiert sein? Welche Rolle darf der Staat in Bildungsprozessen übernehmen? Und wo liegen die sozialen, geschlechterbezogenen und eurozentrischen Grenzen des humboldtschen Denkens?
Humboldt war kein Pädagoge im heutigen Berufsverständnis und entwickelte auch kein geschlossenes Lehrbuch der Pädagogik. Seine bildungstheoretischen Gedanken finden sich in Fragmenten, Denkschriften, sprachphilosophischen Arbeiten, politischen Texten und Reformplänen. Gerade deshalb muss sein Werk rekonstruiert, historisch eingeordnet und kritisch interpretiert werden.[1]

Leitfrage des Kurses: Wie kann Bildung so gestaltet werden, dass Menschen weder bloß angepasst noch bloß spezialisiert werden, sondern frei, urteilsfähig und weltbezogen handeln lernen?
Lernziele
Nach der Bearbeitung dieses aiMOOCs kannst Du Humboldts pädagogische Grundgedanken fachsprachlich darstellen, historische Quellen interpretieren und ihre Bedeutung für gegenwärtige Bildungsfragen beurteilen. Du kannst insbesondere:
- Bildungsbegriffe: Humboldts Verständnis von Bildung rekonstruieren und von Erziehung, Lernen, Sozialisation und Ausbildung unterscheiden.
- Ich-Welt-Verhältnis: Die Wechselwirkung zwischen Individuum und Welt als Kern seiner Theorie erläutern.
- Selbsttätigkeit: Freiheit, Eigentätigkeit, Empfänglichkeit und Vielfalt als Bedingungen von Bildung analysieren.
- Allgemeinbildung: Humboldts Verhältnis von allgemeiner und beruflicher Bildung erklären.
- Bildungsreform: Die Grundzüge seiner Schul- und Universitätsreform historisch einordnen.
- Wissenschaft: Seine Vorstellung von Forschung, Lehre und Wissenschaftsfreiheit interpretieren.
- Quellenkritik: Zwischen Humboldts eigenen Texten und späteren Zuschreibungen unterscheiden.
- Kritik: Soziale, geschlechterbezogene, institutionelle und eurozentrische Grenzen diskutieren.
- Transfer: Humboldts Theorie auf digitale Bildung, Hochschulreformen, Berufsbildung und KI-gestütztes Lernen beziehen.
Historischer und biografischer Kontext
Leben und Arbeitsfelder
Wilhelm von Humboldt wurde 1767 in Potsdam geboren und starb 1835 in Tegel. Er war Staatsmann, Diplomat, Sprachforscher, Philosoph und Bildungsreformer. Sein jüngerer Bruder war der Naturforscher Alexander von Humboldt. Wilhelm von Humboldts Denken entstand im Umfeld von Aufklärung, Weimarer Klassik, deutschem Idealismus und Neuhumanismus. Zu seinen wichtigen Gesprächspartnern und Bezugspunkten gehörten unter anderem Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Schleiermacher.
Humboldt war mit Caroline von Humboldt verheiratet. Sie war gebildete Briefautorin, Kunstkennerin und Gastgeberin eines bedeutenden intellektuellen Netzwerks. Eine rein auf Wilhelm konzentrierte Darstellung verdeckt daher leicht die sozialen, familiären und kulturellen Beziehungen, in denen sein Denken entstand.

Reformzeit in Preußen
Nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon 1806 setzte eine Phase politischer und administrativer Reformen ein. Humboldt leitete 1809 und 1810 die Sektion für Kultus und öffentlichen Unterricht im preußischen Innenministerium. Er war damit kein Unterrichtsminister im heutigen Sinn, verfügte aber über erheblichen Einfluss auf Schulorganisation, Lehrpläne, Prüfungen, Lehrerbildung und die Vorbereitung der Berliner Universität.
Die Reformen sollten den Staat erneuern, zugleich aber Räume schaffen, in denen Menschen nicht vollständig nach staatlichen Zwecken geformt werden. Darin liegt eine produktive Spannung: Humboldt arbeitete als Staatsbeamter an Institutionen, obwohl seine politische Philosophie staatliche Eingriffe in individuelle Entwicklung begrenzen wollte.

Schloss Tegel als Bildungs- und Erinnerungsort
Schloss Tegel war der Familiensitz der Humboldts. Wilhelm von Humboldt ließ das Gebäude später durch Karl Friedrich Schinkel umbauen. Das Schloss verweist auf die privilegierten sozialen Voraussetzungen seines eigenen Bildungswegs: Zeit, Vermögen, Reisen, Sprachen, Kunstkontakte und gelehrte Netzwerke waren für ihn verfügbar, für große Teile der damaligen Bevölkerung jedoch nicht.
Diese Spannung ist für die pädagogische Interpretation zentral: Ein Ideal kann universellen Anspruch erheben und dennoch unter gesellschaftlich ungleichen Bedingungen formuliert und verwirklicht werden.
Zentrale Schriften für die Pädagogik
Humboldts Pädagogik muss aus mehreren Textgruppen erschlossen werden. Drei Werkkomplexe sind besonders wichtig.
Theorie der Bildung des Menschen
Das gewöhnlich auf die frühen 1790er Jahre datierte Fragment Theorie der Bildung des Menschen entfaltet den Grundgedanken, dass menschliche Kräfte einen Gegenstand benötigen, an dem sie tätig werden. Dieser Gegenstand ist die Welt. Bildung entsteht daher nicht durch Rückzug in ein abgeschlossenes Inneres, sondern durch die möglichst vielseitige Verbindung des eigenen Ichs mit Weltinhalten.[2]
Humboldt beschreibt Bildung als eine „allgemeinste, regeste und freieste Wechselwirkung“ von Ich und Welt. Damit sind weder passive Anpassung noch schrankenlose Selbstverwirklichung gemeint. Das Subjekt begegnet etwas, das nicht mit ihm identisch ist: Natur, Sprache, Kunst, Geschichte, andere Menschen, gesellschaftliche Institutionen und wissenschaftliche Probleme. In dieser Begegnung verändert es sowohl seine Sicht auf die Welt als auch sich selbst.
Königsberger und Litauischer Schulplan
In den Schulplänen von 1809 unterscheidet Humboldt Elementarunterricht, Schulunterricht und Universitätsunterricht. Die Stufen sollen nicht lediglich verschiedene Stoffmengen vermitteln. Jede Stufe besitzt eine besondere pädagogische Funktion und soll zunehmende Selbstständigkeit ermöglichen.[3]
Der Elementarunterricht schafft grundlegende Fähigkeiten. Der Schulunterricht übt die Kräfte und bereitet wissenschaftliches Denken vor. Die Universität behandelt Wissenschaft nicht als fertigen Besitz, sondern als offene Aufgabe. Der Übergang zwischen den Stufen ist deshalb zugleich ein Übergang von stärker angeleitetem Lernen zu selbstständiger Forschung.
Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin
In dieser unvollendeten Denkschrift beschreibt Humboldt Wissenschaft als „noch nicht ganz aufgelöstes Problem“. Lehrende und Studierende sind nicht bloß Sender und Empfänger fertiger Kenntnisse; beide sind „für die Wissenschaft da“. Die Universität soll deshalb Forschung, gemeinsames Denken und intellektuelle Selbstständigkeit ermöglichen.[4]
Humboldts Bildungsbegriff
Bildung ist mehr als Wissen
Bildung bedeutet bei Humboldt nicht, möglichst viele Fakten zu besitzen. Wissen kann bildend werden, wenn es die Wahrnehmungs-, Denk-, Urteils- und Handlungsmöglichkeiten eines Menschen erweitert. Ein Stoff ist also nicht allein aufgrund seines Inhalts bildend. Entscheidend ist, wie ein Mensch sich mit ihm auseinandersetzt und welche Fähigkeiten in dieser Auseinandersetzung entstehen.
Das hat eine wichtige didaktische Konsequenz: Nicht nur die Frage „Was soll gelernt werden?“ ist bedeutsam, sondern ebenso „Welche Form der Welt- und Selbstbeziehung wird durch dieses Lernen möglich?“
Bildung und Ausbildung
Ausbildung zielt in erster Linie auf bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten für Tätigkeiten oder Berufe. Bildung richtet sich auf die Person als Ganzes. Humboldt lehnt berufliche Qualifikation nicht ab. Er warnt jedoch davor, Menschen frühzeitig auf einen einzigen Nutzen festzulegen.
Allgemeine Bildung soll daher eine Grundlage schaffen, auf der Spezialisierung möglich wird, ohne die Person vollständig an eine Funktion zu binden. Für die Gegenwart ergibt sich daraus keine einfache Gegnerschaft zwischen Allgemeinbildung und Berufsbildung. Vielmehr stellt sich die Frage, wie berufliche Kompetenz mit Urteilskraft, ethischer Reflexion, politischer Mündigkeit, sprachlicher Ausdrucksfähigkeit und Lernfähigkeit verbunden werden kann.
Kräftebildung und Ganzheit
Humboldt spricht von den „Kräften“ des Menschen. Gemeint sind keine messbaren Einzelkompetenzen im heutigen psychologischen Sinn. Der Begriff verweist auf Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Vorstellen, Wollen, Sprechen und Handeln. Bildung soll diese Möglichkeiten nicht isoliert maximieren, sondern in ein möglichst stimmiges Verhältnis bringen.
Das Ideal der Ganzheit darf nicht als perfekter Endzustand missverstanden werden. Bildung bleibt unabgeschlossen. Ein Mensch bildet sich, indem er neue Perspektiven gewinnt, Widersprüche bearbeitet und sein Verhältnis zu sich selbst und zur Welt immer wieder verändert.
Wechselwirkung von Ich und Welt
Das Ich-Welt-Verhältnis bildet das Zentrum von Humboldts Theorie. Vier Momente gehören zusammen:
- Weltbezug: Bildung benötigt Gegenstände, Widerstände und Erfahrungen außerhalb des eigenen Ichs.
- Aneignung: Der Mensch verarbeitet diese Erfahrungen aktiv und gibt ihnen Bedeutung.
- Entäußerung: Er bringt Gedanken, Sprache, Handlungen und Werke in die Welt ein.
- Rückwirkung: Die Ergebnisse und Folgen seines Handelns verändern sein Selbstverständnis.
Bildung ist damit weder bloß innerpsychisch noch bloß gesellschaftliche Anpassung. Sie ist ein relationaler Prozess.

Selbsttätigkeit und Empfänglichkeit
Humboldts Mensch ist tätig und empfänglich zugleich. Selbsttätigkeit bedeutet, dass Lernende nicht nur Vorgaben ausführen, sondern Fragen entwickeln, Bedeutungen herstellen, Urteile prüfen und eigene Wege verfolgen. Empfänglichkeit bedeutet, dass sie sich von Fremdem, Neuem und Widerständigem berühren und korrigieren lassen.
Einseitige Selbsttätigkeit könnte zur Selbstbestätigung werden. Einseitige Empfänglichkeit könnte in Anpassung enden. Bildung benötigt daher das Zusammenspiel beider Seiten.
Freiheit und Mannigfaltigkeit der Situationen
In Humboldts politischer Philosophie gelten Freiheit und eine Vielfalt von Lebenslagen als zentrale Bedingungen menschlicher Entwicklung. Freiheit bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern einen geschützten Raum für eigene Tätigkeit. Mannigfaltigkeit bezeichnet die Begegnung mit unterschiedlichen Menschen, Sprachen, Künsten, Wissensformen und Lebensweisen.
Pädagogisch folgt daraus: Lernumgebungen sollten weder vollständig standardisiert noch dem Zufall überlassen werden. Sie müssen Orientierung geben und zugleich Wahl, Erkundung, Perspektivwechsel und eigenständige Bearbeitung ermöglichen.
Individualität und Menschheit
Humboldt verbindet die Einzigartigkeit jedes Menschen mit einem allgemeinen Begriff der Menschheit. Individualität ist für ihn kein Gegensatz zum Allgemeinen. Die Menschheit verwirklicht sich gerade in unterschiedlichen Persönlichkeiten und Ausdrucksformen.
Darin liegt ein starkes Argument gegen uniforme Bildung. Zugleich entsteht eine schwierige Frage: Wer bestimmt, welche Formen menschlicher Entwicklung als wertvoll, harmonisch oder vollständig gelten? Diese Frage führt direkt zur Kritik an kanonischen und eurozentrischen Bildungsnormen.
Sprache als Medium der Bildung
Humboldt war einer der bedeutendsten Sprachdenker des 19. Jahrhunderts. Sprache ist für ihn nicht nur ein Werkzeug, mit dem bereits fertige Gedanken übertragen werden. Sie wirkt an der Bildung von Gedanken mit. Unterschiedliche Sprachen erschließen Welt in unterschiedlichen Formen und Perspektiven.
Für die Pädagogik ergeben sich daraus mehrere Einsichten:
- Sprachbildung ist Teil jeder fachlichen Bildung, weil Begriffe Wahrnehmung und Denken strukturieren.
- Mehrsprachigkeit kann Perspektiven erweitern und die Selbstverständlichkeit der eigenen Sicht relativieren.
- Dialog ist nicht nur Informationsaustausch, sondern ein Ort gemeinsamer Begriffs- und Urteilsbildung.
- Fremdheitserfahrung kann bildend sein, wenn sie weder abgewertet noch vorschnell in Bekanntes übersetzt wird.
Humboldts besondere Hochschätzung des Altgriechischen ist historisch aus dem Neuhumanismus zu verstehen. Der allgemeinere Gedanke, dass Sprachen verschiedene Zugänge zur Welt eröffnen, lässt sich jedoch von einem exklusiven altsprachlichen Kanon lösen.
Anthropologische Grundlagen
Der Mensch als offenes Wesen
Humboldts Theorie setzt voraus, dass Menschen nicht vollständig festgelegt sind. Sie können Fähigkeiten entwickeln, Gewohnheiten verändern, neue Perspektiven übernehmen und eigene Formen des Lebens hervorbringen. In späterer pädagogischer Terminologie lässt sich diese Offenheit mit Bildsamkeit verbinden.
Bildsamkeit bedeutet nicht beliebige Formbarkeit. Menschen sind körperlich, historisch, sozial und biografisch situiert. Pädagogisches Handeln kann Bildung anregen, ermöglichen oder behindern, aber nicht technisch herstellen.
Bildung ist unverfügbar
Ein Kernproblem jeder Pädagogik besteht darin, dass sie Selbstständigkeit fördern will, dabei aber selbst Einfluss ausübt. Humboldt verschärft dieses Problem: Bildung benötigt Freiheit, doch Bildungsinstitutionen arbeiten mit Lehrplänen, Prüfungen, Regeln und Machtverhältnissen.
Daraus folgt ein pädagogisches Paradox: Lehrende müssen Bedingungen schaffen, unter denen Lernende etwas selbst tun, das ihnen nicht abgenommen werden kann. Gute Lehre plant daher nicht die fertige Persönlichkeit, sondern eröffnet anspruchsvolle Gegenstände, Rückmeldungen, Beziehungen, Wahlmöglichkeiten und Reflexionsräume.
Humboldts Schulreform
Das dreistufige Bildungswesen
Humboldts Schulpläne unterscheiden drei idealtypische Stufen:
| Bildungsstufe | Pädagogische Funktion | Verhältnis zum Wissen | Ziel der Selbstständigkeit |
|---|---|---|---|
| Elementarunterricht | Grundlegende sprachliche, mathematische, körperliche, ästhetische und sittliche Fähigkeiten entwickeln | Geordnete Einführung in elementare Formen | Bewusst wahrnehmen, denken, sprechen und handeln |
| Schulunterricht | Kräfte üben und wissenschaftliche Einsicht vorbereiten | Exemplarische und methodische Erschließung von Gegenständen | Das Lernen des Lernens entwickeln |
| Universitätsunterricht | Wissenschaft selbstständig betreiben | Wissen als offen, fraglich und forschungsbedürftig behandeln | Eigenständig forschen und urteilen |
Diese Stufen dürfen nicht einfach mit heutigen Schularten gleichgesetzt werden. Sie bilden ein theoretisches Modell unterschiedlicher Formen des Lernens.
Allgemeine vor spezieller Bildung
Humboldt wollte spezielle Berufsbildung nicht zum leitenden Prinzip der Schule machen. Zunächst sollte eine allgemeine Menschenbildung erfolgen. Spezialisierung sollte auf dieser Grundlage aufbauen.
Heute ist diese Position umstritten. Eine strikte zeitliche Trennung von allgemeiner und beruflicher Bildung kann praktische Erfahrungen abwerten. Umgekehrt kann eine zu frühe Verengung auf beruflich verwertbare Kompetenzen gesellschaftliche, kulturelle und persönliche Bildungsdimensionen verdrängen. Eine zeitgemäße Weiterführung verbindet daher Allgemeinbildung und Berufsbildung wechselseitig.
Lernen des Lernens
Im Schulunterricht geht es Humboldt nicht allein um gespeicherten Stoff. Lernende sollen so weit gelangen, dass sie künftig selbstständig Kenntnisse erwerben und methodisch denken können. Diese Idee wird häufig als frühe Form des Lernens des Lernens interpretiert.
Dabei ist Vorsicht nötig: Humboldt meint nicht bloß allgemeine Lerntechniken. Selbstständiges Lernen bleibt an gehaltvolle Gegenstände, Sprache, Wissenschaft und kulturelle Auseinandersetzung gebunden.
Lehrkraft und Unterricht
Die Lehrkraft vermittelt nicht nur fertige Antworten. Sie wählt Gegenstände, strukturiert Zugänge, macht Denkformen sichtbar und fordert Rechenschaft über Urteile. Zugleich darf sie die Eigenaktivität der Lernenden nicht ersetzen.
Ein humboldtisch orientierter Unterricht würde daher folgende Spannungen bewusst gestalten:
- Anleitung und Selbstständigkeit
- gemeinsamer Kanon und individuelle Wahl
- Fachwissen und Persönlichkeitsbildung
- Leistungsanforderung und Freiheit
- schulische Ordnung und offene Erkundung
Die Idee der Universität
Wissenschaft als offene Aufgabe
Die Universität unterscheidet sich für Humboldt von der Schule dadurch, dass sie Wissenschaft nicht als vollständig abgeschlossen behandelt. Forschung beginnt dort, wo Wissen fraglich bleibt, Methoden geprüft und neue Zusammenhänge gesucht werden.
Diese Idee hat Folgen für die Lehre. Studierende sollen nicht nur Ergebnisse reproduzieren, sondern am Prozess wissenschaftlicher Erkenntnis teilnehmen: Fragen entwickeln, Quellen prüfen, Begriffe klären, Methoden begründen, Gegenargumente bearbeiten und Ergebnisse öffentlich verantworten.
Lehrende und Studierende
Humboldt beschreibt Lehrende und Studierende als gemeinsam auf Wissenschaft bezogen. Das hebt Unterschiede in Erfahrung und Verantwortung nicht auf. Lehrende verfügen über größere fachliche und methodische Expertise. Dennoch sind Studierende nicht bloß Publikum, sondern potenzielle Mitforschende.
Moderne Formen wie Forschendes Lernen, Projektseminare, Labore, Quellenwerkstätten und studentische Forschung lassen sich mit diesem Gedanken verbinden.
Wissenschaftsfreiheit und staatliche Verantwortung
Der Staat soll nach Humboldt die äußeren Bedingungen wissenschaftlicher Arbeit sichern, sich aber nicht inhaltlich bevormundend einmischen. Diese Position ist komplexer als die Forderung nach einem „schwachen Staat“. Universitäten benötigen Räume, Personal, Finanzierung, rechtlichen Schutz und institutionelle Stabilität. Gerade weil der Staat diese Mittel bereitstellt, muss sein Eingriff begrenzt und reflektiert sein.
Wissenschaftsfreiheit bedeutet zugleich Verantwortung: methodische Nachvollziehbarkeit, Kritikfähigkeit, wissenschaftliche Redlichkeit und Offenheit für Gegenargumente.
Einsamkeit, Freiheit und Gemeinschaft
Die Formel „Einsamkeit und Freiheit“ wurde vor allem in der späteren Rezeptionsgeschichte zu einem Kennzeichen des Humboldt-Modells. Gemeint ist nicht soziale Isolation. Wissenschaft benötigt konzentrierte Eigenarbeit und zugleich Austausch, Kritik und Kooperation.
Die Universität ist daher weder bloße Ansammlung unabhängiger Einzelner noch zentral gesteuerte Wissensfabrik. Sie lebt von der Verbindung individueller Forschung mit wissenschaftlicher Öffentlichkeit.

Einheit von Forschung und Lehre – Begriff und Mythos
Die bekannte Formel von der „Einheit von Forschung und Lehre“ fasst einen wichtigen Gedanken Humboldts zusammen, ist aber kein einfaches wörtliches Gründungsmotto, aus dem die reale Universität von 1810 vollständig abgeleitet worden wäre. Die historische Forschung zeigt, dass das sogenannte Humboldt-Modell später systematisiert, idealisiert und für unterschiedliche hochschulpolitische Ziele verwendet wurde.[5]
Eine quellenkritische Pädagogik unterscheidet daher:
- Humboldts eigene, teilweise fragmentarische Texte
- die konkreten Reformentscheidungen um 1809 und 1810
- die spätere Entwicklung deutscher Universitäten
- den im 20. Jahrhundert konstruierten „Mythos Humboldt“
- gegenwärtige hochschulpolitische Berufungen auf Humboldt

Pädagogische Schlüsselbegriffe
| Begriff | Bedeutung bei Humboldt | Pädagogische Leitfrage |
|---|---|---|
| Bildung | Entwicklung der Person in aktiver Auseinandersetzung mit Welt | Welche Selbst- und Weltverhältnisse entstehen im Lernen? |
| Wechselwirkung | Gegenseitige Veränderung von Ich und Welt | Verarbeitet der Lernende den Gegenstand eigenständig? |
| Selbsttätigkeit | Eigene geistige und praktische Aktivität | Wo können Lernende fragen, entscheiden und gestalten? |
| Empfänglichkeit | Offenheit für Fremdes, Widerstand und Korrektur | Wird Irritation zugelassen oder nur Bekanntes bestätigt? |
| Freiheit | Raum für eigenständige Entwicklung | Welche Entscheidungen sind tatsächlich möglich? |
| Mannigfaltigkeit | Vielfalt von Situationen, Perspektiven und Gegenständen | Wie vielfältig sind Erfahrungen und Ausdrucksformen? |
| Allgemeinbildung | Gemeinsame Grundlage vor enger Spezialisierung | Was soll jeder Mensch unabhängig vom Beruf lernen? |
| Wissenschaft | Unabgeschlossene, methodische Suche nach Erkenntnis | Werden Ergebnisse oder auch Forschungsprozesse gelehrt? |
| Individualität | Einzigartige Form menschlicher Entwicklung | Wie wird Verschiedenheit anerkannt, ohne Beliebigkeit zu erzeugen? |
Didaktische Konsequenzen
Exemplarisches und gehaltvolles Lernen
Humboldts Theorie liefert keine fertige Unterrichtsmethode. Aus ihr lässt sich jedoch ableiten, dass Gegenstände so ausgewählt werden sollten, dass an ihnen grundlegende Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsformen erschlossen werden können. Diese Idee weist voraus auf spätere Konzepte wie Kategoriale Bildung bei Wolfgang Klafki.
Ein Gegenstand ist bildend, wenn Lernende an ihm mehr gewinnen als isolierte Information: Begriffe, Perspektiven, Methoden, Urteilskraft und die Fähigkeit, weitere Fragen selbstständig zu bearbeiten.
Dialog und Widerstreit
Bildung benötigt die Konfrontation mit anderen Sichtweisen. Seminar, Gespräch, Debatte und schriftliche Kritik können daher bildend sein, sofern sie nicht bloß Meinungen austauschen, sondern Gründe prüfen.
Ein humboldtisch orientierter Dialog umfasst:
- genaue Wahrnehmung des Gegenstands
- begriffliche Klärung
- nachvollziehbare Begründung
- ernsthafte Prüfung von Einwänden
- Bereitschaft zur Revision
- eigenständige Urteilsbildung
Forschendes Lernen
Forschendes Lernen knüpft besonders deutlich an Humboldts Universitätsidee an. Lernende bearbeiten eine offene Frage mit wissenschaftlichen Methoden und reflektieren dabei auch Grenzen ihres Vorgehens.
Forschendes Lernen ist anspruchsvoll. Es benötigt fachliche Grundlagen, methodische Anleitung, erreichbare Fragestellungen, Zeit, Feedback und Möglichkeiten zur Veröffentlichung oder Diskussion.
Ästhetische und sprachliche Bildung
Humboldt misst Sprache, Kunst und historischen Gegenständen hohe Bedeutung bei. Ästhetische Bildung eröffnet Erfahrungsweisen, die sich nicht auf eindeutige Zweck-Mittel-Beziehungen reduzieren lassen. Sprachliche Bildung ermöglicht differenziertes Denken und öffentliche Verständigung.
Für ein Pädagogikstudium bedeutet das: Theorien sollten nicht nur zusammengefasst, sondern in ihrer Sprache, Argumentationsform, historischen Fremdheit und gegenwärtigen Wirkung untersucht werden.
Kritik und Grenzen
Soziale Exklusivität
Humboldts Bildungsideal beansprucht allgemeine Bedeutung, entstand jedoch in einer ständisch gegliederten Gesellschaft. Sein eigener Lebensweg beruhte auf aristokratischen Privilegien. Der Zugang zu höherer Schule, Universität, Sprachen, Reisen und freier Zeit war sozial höchst ungleich verteilt.
Eine kritische Aneignung muss daher fragen, welche materiellen Bedingungen Bildung benötigt. Freiheit bleibt abstrakt, wenn Zeit, Einkommen, Barrierefreiheit, sprachliche Zugänge und institutionelle Unterstützung fehlen.
Geschlechterordnung
Frauen waren in Humboldts Zeit weitgehend von regulärer höherer Bildung und Universität ausgeschlossen. Zugleich spielten gebildete Frauen wie Caroline von Humboldt eine wichtige Rolle in kulturellen und intellektuellen Netzwerken.
Eine geschlechterkritische Perspektive untersucht daher nicht nur, was Humboldt über „den Menschen“ sagt, sondern auch, wer historisch als vollwertiges Bildungssubjekt anerkannt wurde und wer unsichtbar blieb.
Eurozentrismus und Kanon
Der Neuhumanismus erhob die griechische Antike zu einem bevorzugten Bildungsgegenstand. Dadurch konnten intensive sprachliche und historische Studien entstehen. Zugleich wurde ein enger europäischer Kanon privilegiert.
Eine gegenwärtige Bildungstheorie kann Humboldts Idee vielfältiger Weltbeziehungen aufnehmen, ohne seine Kanonentscheidungen zu übernehmen. Dazu gehören postkoloniale Perspektiven, globale Wissensgeschichten, indigene Wissensformen und die kritische Prüfung von Macht in wissenschaftlichen Ordnungen.
Harmonieideal und Konflikt
Humboldts Vorstellung einer möglichst proportionierten Entfaltung menschlicher Kräfte kann gesellschaftliche Konflikte unterschätzen. Bildung findet nicht außerhalb von Macht, Ungleichheit und Widerspruch statt.
Kritische Bildungstheorie, Kritische Pädagogik und Sozialisationstheorie ergänzen Humboldt, indem sie fragen, wie Herrschaft, Ideologie, institutionelle Selektion und ökonomische Bedingungen Subjekte prägen.
Bildung als Privileg oder Recht
Humboldts Theorie enthält ein universalisierbares Versprechen: Jeder Mensch soll mehr sein dürfen als seine aktuelle Funktion. Dieses Versprechen wird erst demokratisch, wenn Bildung als Recht institutionell gesichert wird.
Dazu gehören öffentliche Finanzierung, inklusive Zugänge, soziale Unterstützung, Anerkennung verschiedener Bildungswege und der Abbau struktureller Benachteiligung.
Wirkungsgeschichte
Humboldts Bildungsdenken beeinflusste die humanistische Schule, die Universitätsidee und die deutschsprachige Bildungstheorie. Seine Wirkung verlief jedoch nicht geradlinig. Spätere Autoren griffen einzelne Motive auf, veränderten sie oder kritisierten sie.
Bezüge zu späteren Theorien
- Friedrich Schleiermacher: Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und Generationen.
- Johann Friedrich Herbart: Bildsamkeit, Unterricht und erziehende Wirkung.
- Geisteswissenschaftliche Pädagogik: Bildung, Verstehen und historische Sinnzusammenhänge.
- Theodor W. Adorno: Kritik an Halbbildung und gesellschaftlicher Anpassung.
- Wolfgang Klafki: Verbindung materialer und formaler Bildung in der kategorialen Bildung.
- John Dewey: Erfahrung, Demokratie und Lernen durch problemlösendes Handeln.
- Paulo Freire: Bildung als dialogischer und befreiender Prozess.
- Pierre Bourdieu: Kritik an sozialer Reproduktion und kulturellem Kapital.
Der Vergleich zeigt: Humboldt ist kein Endpunkt, sondern ein Ausgangspunkt für Kontroversen über Person, Welt, Gesellschaft und Institution.
Aktualität für Pädagogik und Bildungspolitik
Kompetenzorientierung
Moderne Bildungssysteme formulieren häufig überprüfbare Kompetenzen. Humboldt erinnert daran, dass Bildung nicht vollständig in messbaren Einzelleistungen aufgeht. Kompetenzen sind wichtig, müssen aber auf Fragen nach Urteilskraft, Selbstverhältnis, Verantwortung und Weltbezug bezogen werden.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: „Was kann eine Person?“, sondern auch: „Wozu, in welchem Zusammenhang und mit welchem Urteil gebraucht sie ihr Können?“
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz
Digitale Medien und Künstliche Intelligenz erweitern den Zugang zu Wissen, können aber auch zu passivem Konsum, Überwachung, Abhängigkeit und standardisierten Lernwegen führen.
Aus humboldtscher Perspektive wären digitale Werkzeuge bildend, wenn sie:
- eigenständige Fragen und Gestaltung ermöglichen
- Perspektivenvielfalt fördern
- Quellenkritik und Urteilsfähigkeit stärken
- nicht nur Ergebnisse liefern, sondern Denkwege sichtbar machen
- soziale und sprachliche Teilhabe erweitern
- Raum für Reflexion über Technik, Macht und Verantwortung schaffen
Ein KI-System ersetzt keine Bildung. Es kann Gegenstand, Werkzeug und Dialoganlass eines Bildungsprozesses sein, sofern Lernende seine Ausgaben prüfen, begründen, verändern und in eigene Weltbezüge einordnen.
Berufsbildung
Humboldts Warnung vor früher Verengung bleibt aktuell. Zugleich besitzt berufliche Praxis eigenes Bildungspotenzial. Arbeit konfrontiert Menschen mit Material, Technik, Kooperation, Verantwortung und gesellschaftlichem Bedarf.
Eine moderne Verbindung von Berufsbildung und Allgemeinbildung fragt deshalb, wie Fachkompetenz, Demokratiebildung, Nachhaltigkeit, Sprache, Ethik und Persönlichkeitsentwicklung gemeinsam gefördert werden können.
Inklusive Bildung
Humboldts Idee individueller Entwicklung lässt sich mit Inklusion verbinden, wenn Individualität nicht als Privileg weniger verstanden wird. Inklusive Bildung anerkennt unterschiedliche Körper, Sprachen, Lernwege, Lebenslagen und Unterstützungsbedarfe.
Sie widerspricht der Vorstellung, alle müssten denselben Weg im selben Tempo durchlaufen, ohne gemeinsame Ansprüche an Teilhabe, Erkenntnis und Urteilskraft aufzugeben.
Universität zwischen Freiheit und Steuerung
Gegenwärtige Hochschulen stehen unter dem Einfluss von Finanzierungssystemen, Rankings, Drittmitteln, Akkreditierung, Arbeitsmarktanforderungen und digitaler Transformation. Humboldt bietet keine einfache Lösung, aber einen Prüfmaßstab:
Fördern institutionelle Bedingungen offene Forschung und selbstständiges Studium, oder verengen sie Wissenschaft auf kurzfristig messbare Produktion?
Fallanalyse: Ein humboldtisches Seminar
Stell Dir ein Seminar zur digitalen Bildung vor. Zwei Modelle stehen zur Auswahl.
Modell A: Die Lehrkraft präsentiert zwölf fertige Definitionen. Die Studierenden lernen sie für eine Klausur auswendig. Eigene Fragen, Quellenvergleiche und Projekte sind nicht vorgesehen.
Modell B: Die Studierenden untersuchen eine selbst gewählte digitale Lernumgebung. Sie entwickeln eine Forschungsfrage, lesen Theorien, erheben Daten, diskutieren ethische Probleme und präsentieren ihre Ergebnisse. Die Lehrkraft vermittelt Methoden, fordert Begründungen und gibt Rückmeldungen.
Aus humboldtscher Sicht besitzt Modell B das größere Bildungspotenzial, weil Selbsttätigkeit, Weltbezug, methodische Forschung und gemeinsame Urteilsbildung verbunden werden. Dennoch ist Modell A nicht vollständig wertlos: Auch offene Forschung benötigt Begriffe und Grundlagenwissen. Eine gute Hochschullehre kombiniert strukturierte Einführung und eigenständige Erkenntnisarbeit.
Quellenarbeit
Interpretationsschema für Humboldt-Texte
Bearbeite einen Quellenausschnitt in sechs Schritten:
- Kontextualisierung: Bestimme Entstehungszeit, Textsorte und institutionellen Anlass.
- Begriffsanalyse: Markiere Schlüsselbegriffe wie Bildung, Kraft, Welt, Freiheit oder Wissenschaft.
- Argumentationsanalyse: Rekonstruiere These, Begründung und Konsequenzen.
- Voraussetzungen: Frage nach dem zugrunde liegenden Menschen- und Gesellschaftsbild.
- Historische Kritik: Untersuche soziale Ausschlüsse und zeitgebundene Annahmen.
- Transfer: Prüfe, welche Gedanken heute tragfähig, veränderungsbedürftig oder problematisch sind.
Vorsicht vor verkürzten Zitaten
Humboldt wird häufig durch einzelne Formeln repräsentiert. Wissenschaftliche Arbeit verlangt jedoch, Zitate in ihren Textzusammenhang einzuordnen. Besonders zu prüfen sind:
- Ist die Formulierung tatsächlich von Humboldt?
- Stammt sie aus einem Fragment, Brief, Plan oder veröffentlichten Werk?
- Beschreibt sie ein Ideal oder eine reale Institution?
- Wurde sie später umgedeutet?
- Welche Gegenargumente und Grenzen bleiben im Zitat unsichtbar?
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was bezeichnet Bildung bei Wilhelm von Humboldt im Kern? (Die Entwicklung der Person in aktiver Auseinandersetzung mit der Welt) (!Das bloße Ansammeln möglichst vieler Fakten) (!Die frühzeitige Festlegung auf einen Beruf) (!Die vollständige Anpassung an staatliche Vorgaben)
Welche Beziehung steht im Zentrum von Humboldts Bildungstheorie? (Die Wechselwirkung zwischen Ich und Welt) (!Die Trennung von Denken und Erfahrung) (!Die Unterordnung des Individuums unter Prüfungen) (!Die Vermeidung aller äußeren Einflüsse)
Welche Bedingung fördert nach Humboldt individuelle Entwicklung? (Freiheit in Verbindung mit vielfältigen Situationen) (!Ein vollständig einheitlicher Lebensweg) (!Die Vermeidung fremder Perspektiven) (!Die ausschließliche Orientierung an Nutzen)
Wie verhält sich Allgemeinbildung zur beruflichen Spezialisierung? (Allgemeinbildung soll eine breite Grundlage vor enger Spezialisierung schaffen) (!Allgemeinbildung ist nur für Wissenschaftler vorgesehen) (!Berufliche Spezialisierung muss bereits im Elementarunterricht abgeschlossen sein) (!Allgemeinbildung und Beruf haben keinerlei Beziehung)
Welche Stufe folgt in Humboldts Modell auf den Schulunterricht? (Der Universitätsunterricht) (!Der Hausunterricht) (!Der Meisterunterricht) (!Der Verwaltungsunterricht)
Wie versteht Humboldt Wissenschaft an der Universität? (Als offene und fortdauernde Forschungsaufgabe) (!Als vollständig abgeschlossenen Wissensbestand) (!Als Sammlung staatlich festgelegter Wahrheiten) (!Als reine Vorbereitung auf Prüfungsfragen)
Welche Rolle haben Lehrende und Studierende an der Universität? (Beide sind auf die gemeinsame Sache der Wissenschaft bezogen) (!Studierende empfangen ausschließlich fertige Antworten) (!Lehrende benötigen keine Rückfragen oder Kritik) (!Beide sollen Forschung vollständig vermeiden)
Welche Bedeutung besitzt Sprache in Humboldts Denken? (Sprache wirkt an der Bildung von Gedanken und Weltperspektiven mit) (!Sprache überträgt nur bereits fertige Gedanken) (!Alle Sprachen erzeugen identische Perspektiven) (!Sprachbildung ist für Fachlernen bedeutungslos)
Was ist bei der Formel Einheit von Forschung und Lehre zu beachten? (Sie ist eine spätere Zusammenfassung und darf nicht unkritisch als wörtliches Gründungsmotto behandelt werden) (!Sie stammt als festes Gesetz aus Humboldts Schulplan) (!Sie bezeichnet die Trennung von Universität und Forschung) (!Sie fordert den Verzicht auf wissenschaftliche Lehre)
Welche Kritik ist für eine heutige Humboldt-Rezeption besonders wichtig? (Das universelle Bildungsideal entstand unter sozial und geschlechtlich ungleichen Bedingungen) (!Humboldt lehnte jede Form von Bildung ab) (!Humboldt forderte die Abschaffung der Universität) (!Humboldt betrachtete berufliche Fähigkeiten als grundsätzlich schädlich)
Memory
| Bildung | Selbstentwicklung in der Auseinandersetzung mit Welt |
| Ausbildung | Qualifikation für bestimmte Tätigkeiten |
| Wechselwirkung | Gegenseitige Veränderung von Ich und Gegenstand |
| Selbsttätigkeit | Eigenständiges Fragen Denken und Handeln |
| Empfänglichkeit | Offenheit für Fremdes und Korrektur |
| Mannigfaltigkeit | Vielfalt von Situationen und Perspektiven |
| Allgemeinbildung | Gemeinsame Grundlage vor Spezialisierung |
| Wissenschaftsfreiheit | Schutz eigenständiger Forschung und Lehre |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Pädagogische Bedeutung |
|---|---|
| Elementarunterricht | Grundlegende Fähigkeiten und bewusste Orientierung entwickeln |
| Schulunterricht | Kräfte üben und selbstständiges Weiterlernen vorbereiten |
| Universitätsunterricht | Wissenschaft als offene Forschungsaufgabe bearbeiten |
| Allgemeinbildung | Breite menschliche Entwicklung vor enger Spezialisierung ermöglichen |
| Forschendes Lernen | Eine offene Frage mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen |
| Quellenkritik | Eigene Texte von späteren Zuschreibungen unterscheiden |
Kreuzworträtsel
| Humboldt | Welcher Nachname gehört zum Bildungsreformer Wilhelm? |
| Bildung | Welcher Begriff bezeichnet die Entwicklung der Person im Weltbezug? |
| Freiheit | Welche Bedingung schützt eigenständige Entwicklung? |
| Weltbezug | Wie heißt die Beziehung des Subjekts zu Gegenständen und Erfahrungen? |
| Forschung | Welche Tätigkeit behandelt Wissenschaft als offene Aufgabe? |
| Humanismus | Welche Denktradition stellt menschliche Entfaltung in den Mittelpunkt? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Begriffskarte: Erstelle eine grafische Begriffskarte zu Bildung, Welt, Selbsttätigkeit, Freiheit, Mannigfaltigkeit und Individualität. Verbinde jeden Begriff mit einem selbst formulierten Beispielsatz.
- Bildung und Ausbildung: Beschreibe zwei Situationen aus Deinem Studium oder Deiner Ausbildung. Ordne eine stärker der Bildung und eine stärker der Ausbildung zu und begründe Deine Entscheidung.
- Zeitleiste: Gestalte eine Zeitleiste mit Humboldts Lebensdaten, seiner Reformtätigkeit 1809 und 1810, der Gründung der Berliner Universität und drei Stationen der späteren Wirkungsgeschichte.
- Medienkommentar: Wähle ein Bild aus diesem aiMOOC und nimm einen zweiminütigen Audiokommentar auf, der erklärt, was das Bild über Person, Institution oder Rezeptionsgeschichte sichtbar macht.
Standard
- Quellenanalyse: Analysiere einen Abschnitt aus der Theorie der Bildung des Menschen mit dem sechsstufigen Interpretationsschema dieses Kurses.
- Seminardesign: Entwirf eine 90-minütige Lehrveranstaltung, die Grundlagenwissen und forschendes Lernen verbindet. Markiere, wo Selbsttätigkeit, Empfänglichkeit und Rückmeldung vorkommen.
- Interviewprojekt: Befrage zwei Studierende und eine Lehrperson zur Bedeutung von Wissenschaftsfreiheit. Vergleiche ihre Aussagen mit Humboldts Universitätsidee.
- Digitale Lernumgebung: Untersuche eine Lernplattform oder ein KI-Werkzeug. Dokumentiere mit Screenshots oder Video, an welchen Stellen es Weltbezug und eigenständiges Denken fördert oder behindert.
Schwer
- Ideologiekritik: Schreibe einen wissenschaftlichen Essay darüber, wie ein universal formuliertes Bildungsideal soziale Privilegien verdecken kann. Beziehe Humboldt und mindestens eine ungleichheitstheoretische Position ein.
- Theorienvergleich: Vergleiche Humboldts Bildungsbegriff mit Wolfgang Klafki, John Dewey oder Paulo Freire. Entwickle Kriterien, mit denen Gemeinsamkeiten und Unterschiede nachvollziehbar werden.
- Hochschulpolitisches Gutachten: Verfasse ein Gutachten zu einer aktuellen Hochschulreform. Prüfe Forschungsfreiheit, Lehrqualität, soziale Teilhabe, Berufsbezug und institutionelle Steuerung.
- Mini-Forschungsprojekt: Entwickle eine Forschungsfrage zur Selbsttätigkeit in einem Seminar, erhebe kleine qualitative Daten, werte sie transparent aus und reflektiere die Grenzen Deiner Untersuchung.


Lernkontrolle
- Transfer auf KI-Lernen: Eine Studentin lässt einen KI-Chatbot alle Texte zusammenfassen und übernimmt die Ergebnisse ungeprüft. Analysiere die Situation mit den Begriffen Selbsttätigkeit, Empfänglichkeit, Weltbezug und Urteilskraft. Entwickle anschließend eine bildungsorientierte Alternative.
- Curriculumanalyse: Ein Studiengang soll fast alle allgemeinbildenden Module zugunsten direkt beruflicher Zertifikate streichen. Beurteile den Plan aus humboldtscher, berufspädagogischer und sozialkritischer Perspektive.
- Institutionelles Dilemma: Eine Universität erhält zusätzliche Mittel nur dann, wenn sie Forschungsthemen nach kurzfristigem wirtschaftlichem Nutzen auswählt. Erörtere den Konflikt zwischen staatlicher Verantwortung, Finanzierung und Wissenschaftsfreiheit.
- Inklusive Weiterentwicklung: Übertrage Humboldts Idee individueller Kräftebildung auf eine heterogene Lerngruppe. Zeige, welche Unterstützungen nötig sind, damit Freiheit nicht zum Privileg bereits Begünstigter wird.
- Quellenkritischer Vergleich: Vergleiche eine populäre Darstellung des Humboldt-Modells mit einem Originaltext. Untersuche, welche Aussagen belegt, vereinfacht oder nachträglich zugeschrieben sind.
- Didaktische Entscheidung: Zwei Lehrkräfte planen dasselbe Thema. Eine setzt auf vollständige Instruktion, die andere auf völlig freie Projektarbeit. Entwickle ein begründetes drittes Modell, das Anleitung und Selbsttätigkeit vermittelt.
- Bildungsgerechtigkeit: Erkläre, weshalb ein formales Angebot von Freiheit nicht automatisch gerechte Bildungschancen erzeugt. Verbinde Humboldts Ideal mit mindestens zwei materiellen oder institutionellen Bedingungen.
Lernnachweis
Für einen qualifizierten Lernnachweis zu diesem Thema sind folgende Leistungen wichtig:
- Du stellst Humboldts Bildungsbegriff präzise und in eigenen Worten dar.
- Du erklärst die Wechselwirkung von Ich und Welt anhand eines selbst gewählten Beispiels.
- Du unterscheidest Bildung, Ausbildung, Lernen, Erziehung und Sozialisation nachvollziehbar.
- Du ordnest die Schul- und Universitätsreformen historisch ein.
- Du interpretierst mindestens einen Primärtext mit Quellenbezug.
- Du unterscheidest Humboldts Aussagen von späteren Formeln des Humboldt-Modells.
- Du diskutierst soziale, geschlechterbezogene und eurozentrische Grenzen.
- Du überträgst die Theorie auf eine gegenwärtige pädagogische Problemstellung.
- Du begründest Dein Urteil mit Fachbegriffen, Quellen und Gegenargumenten.
- Du reflektierst, welche Aspekte von Humboldts Theorie Du übernimmst, veränderst oder zurückweist.
Quellen und Literatur
Primärtexte
- Wilhelm von Humboldt: Theorie der Bildung des Menschen. Bruchstück. In: Werke in fünf Bänden, Band I: Schriften zur Anthropologie und Geschichte, herausgegeben von Andreas Flitner und Klaus Giel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
- Wilhelm von Humboldt: Der Königsberger und der Litauische Schulplan. In: Werke in fünf Bänden, Band IV: Schriften zur Politik und zum Bildungswesen.
- Wilhelm von Humboldt: Bericht der Sektion des Kultus und Unterrichts an den König, Dezember 1809.
- Wilhelm von Humboldt: Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin.
- Gründungstext im Dokumentenserver der Humboldt-Universität zu Berlin
Forschung und Vertiefung
- Andreas Flitner und Klaus Giel: Herausgeber der maßgeblichen Werkausgabe Wilhelm von Humboldt – Werke in fünf Bänden.
- Heinz-Elmar Tenorth: Arbeiten zur Geschichte, Wirkung und Mythologisierung der Humboldt-Universität.
- Dietrich Benner: Bildungstheoretische und pädagogische Interpretationen Humboldts.
- Malte Brinkmann und weitere: Wilhelm von Humboldt: Kulturwissenschaftliche Forschung und Bildungstheorie, 2023.
- Mitchell G. Ash: Herausgeber von Mythos Humboldt. Vergangenheit und Zukunft der deutschen Universitäten.
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: Wilhelm von Humboldt
- Wikipedia: Humboldtsches Bildungsideal
- Wikipedia: Königsberger Schulplan
- ↑ Vgl. Wilhelm von Humboldt: Theorie der Bildung des Menschen. Bruchstück, in: Werke in fünf Bänden, Band I, hrsg. von Andreas Flitner und Klaus Giel, Darmstadt 1980, S. 234–240.
- ↑ Wilhelm von Humboldt: Theorie der Bildung des Menschen. Bruchstück, in: Werke in fünf Bänden, Band I, S. 234–240.
- ↑ Wilhelm von Humboldt: Der Königsberger und der Litauische Schulplan, in: Werke in fünf Bänden, Band IV, hrsg. von Andreas Flitner und Klaus Giel, Darmstadt 1982, S. 168–195.
- ↑ Wilhelm von Humboldt: Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin, Gründungstexte der Humboldt-Universität zu Berlin, 2010, S. 229–241.
- ↑ Heinz-Elmar Tenorth: Die Humboldt(sche) Universität – Gründung und Wirkung, Mythos und Geschichte, Historische Kommission zu Berlin, 2025.
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