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Verfolgung jüdischer Menschen - Deutschland

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Verfolgung jüdischer Menschen - Deutschland




Verfolgung jüdischer Menschen - Deutschland


Einleitung

Zwischen 1933 und 1945 wurden jüdische Menschen in Deutschland durch das nationalsozialistische Regime systematisch ausgegrenzt, entrechtet, beraubt, verfolgt, deportiert und ermordet. Diese Entwicklung geschah nicht in einem einzigen Schritt. Sie verlief in vielen Maßnahmen, die sich gegenseitig verstärkten: antisemitische Propaganda, öffentliche Demütigung, Berufsverbote, rassistische Gesetze, Enteignung, Gewalt, Zwangsarbeit, Kennzeichnung, Deportation und schließlich der systematische Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden im Holocaust beziehungsweise in der Shoah.

Dieser aiMOOC konzentriert sich auf Deutschland und zeigt, wie sich die Lebensbedingungen jüdischer Menschen unter der NS-Diktatur schrittweise verschlechterten. Du lernst dabei auch, historische Bilder und Dokumente kritisch zu betrachten. Manche Quellen wurden von Behörden oder Propagandastellen des NS-Regimes hergestellt. Sie zeigen deshalb nicht einfach „die Wirklichkeit“, sondern müssen nach Urheber, Zweck, Sprache, Auswahl und Perspektive befragt werden.

Hinweis zum Thema: Der aiMOOC behandelt Diskriminierung, staatliche Gewalt, Deportation und Massenmord. Die ausgewählten Medien verzichten auf grafische Gewaltdarstellungen. Trotzdem können einzelne Bilder und Berichte belastend sein.

Vor 1933 waren jüdische Menschen ein vielfältiger Teil der deutschen Gesellschaft. Sie lebten in Großstädten und kleinen Gemeinden, waren religiös oder nicht religiös, arbeiteten in sehr unterschiedlichen Berufen und vertraten unterschiedliche politische und kulturelle Positionen. Es ist deshalb wichtig, jüdische Geschichte nicht nur als Geschichte von Verfolgung zu betrachten. Die Nationalsozialisten machten Menschen aufgrund ihrer rassistischen Ideologie zu einer angeblich einheitlichen Gruppe und bestritten ihnen gleiche Rechte.


Lernziele

  1. Ausgrenzung: Du kannst erklären, wie jüdische Menschen ab 1933 aus Schule, Beruf, Kultur und öffentlichem Leben gedrängt wurden.
  2. Entrechtung: Du kannst wichtige Schritte der rechtlichen Diskriminierung erläutern und die Bedeutung der Nürnberger Gesetze einordnen.
  3. Novemberpogrome 1938: Du kannst die Gewalt im November 1938 als deutliche Eskalation der Verfolgung beschreiben.
  4. Deportation: Du kannst erklären, wie Kennzeichnung, Zwangsarbeit, Enteignung und Deportationen miteinander zusammenhingen.
  5. Holocaust: Du kannst die Verfolgung in Deutschland in den größeren Zusammenhang der Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden einordnen.
  6. Quellenkritik: Du kannst Fotos, Gesetze, Erinnerungszeichen und Videos auf Perspektive, Absicht und Aussagekraft untersuchen.
  7. Erinnerungskultur: Du kannst begründen, warum lokale Erinnerungsorte wie Stolpersteine für historisches Lernen wichtig sein können.


Jüdisches Leben vor 1933

Zu Beginn der NS-Herrschaft lebten in Deutschland rund eine halbe Million Menschen, die jüdischen Gemeinden angehörten. Sie machten weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Viele Familien lebten seit Generationen in Deutschland. Jüdische Menschen waren unter anderem Kaufleute, Handwerkerinnen und Handwerker, Ärztinnen und Ärzte, Angestellte, Lehrkräfte, Künstlerinnen und Künstler, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder Schülerinnen und Schüler.

Der moderne Antisemitismus war allerdings schon vor 1933 vorhanden. Antisemitische Parteien, Vereine, Zeitungen und Verschwörungserzählungen hatten im Kaiserreich und in der Weimarer Republik Vorurteile verbreitet. Die Nationalsozialisten griffen diese Feindbilder auf, radikalisierten sie und machten sie nach der Machtübertragung an Adolf Hitler im Januar 1933 zu einem Grundbestandteil staatlicher Politik.

Für die historische Einordnung ist ein wichtiger Unterschied zu beachten: Judentum ist eine Religion, jüdische Identität kann aber auch kulturell oder familiär verstanden werden. Die Nationalsozialisten definierten Menschen dagegen nach erfundenen „rassischen“ Kategorien. Diese Kategorien waren wissenschaftlich haltlos, hatten unter der Diktatur aber reale und lebensgefährliche Folgen.


Ausgrenzung ab 1933

Schon wenige Wochen nach Beginn der NS-Diktatur wurde antisemitische Ausgrenzung öffentlich sichtbar. Am 1. April 1933 organisierten Nationalsozialisten einen reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte, Arztpraxen und Anwaltskanzleien. Angehörige der SA standen vor Geschäften, beschrifteten Schaufenster und versuchten, Kundinnen und Kunden vom Betreten abzuhalten. Die Aktion war zeitlich begrenzt, hatte aber eine starke Signalwirkung: Antisemitische Diskriminierung wurde demonstrativ als staatlich unterstützte Politik inszeniert.

Quellenfrage: Wer handelt auf diesem Foto? Welche Wirkung sollte die öffentliche Markierung eines Geschäfts auf Passantinnen und Passanten haben? Welche Reaktionen der Bevölkerung zeigt das Bild nicht?

Am 7. April 1933 folgte das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“. Es ermöglichte den Ausschluss jüdischer und politisch unerwünschter Beschäftigter aus dem Staatsdienst. Weitere Regelungen schränkten die Berufsmöglichkeiten jüdischer Ärztinnen und Ärzte, Juristinnen und Juristen sowie anderer Berufsgruppen ein. Auch jüdische Schülerinnen, Schüler und Studierende wurden zunehmend benachteiligt. Ein Gesetz vom April 1933 begrenzte ihren Zugang zu Schulen und Hochschulen.

Ausgrenzung fand zugleich im Alltag statt. In Städten und Gemeinden entstanden Verbote, die jüdische Menschen von Schwimmbädern, Vereinen, kulturellen Einrichtungen oder bestimmten öffentlichen Orten ausschlossen. Antisemitische Propaganda versuchte, Nachbarschaft und Zusammenleben zu zerstören. Für Betroffene bedeutete dies nicht nur einen Verlust von Einkommen, sondern auch den Verlust von Freundschaften, Sicherheit und gesellschaftlicher Zugehörigkeit.

Die vielen einzelnen Vorschriften waren kein nebensächlicher Verwaltungsprozess. Sie schufen eine neue Realität, in der Diskriminierung immer stärker durch Behörden, Gerichte, Schulen, Unternehmen und Berufsverbände umgesetzt wurde. So wurde Unrecht in Form von Formularen, Verordnungen und amtlichen Entscheidungen zum Alltag.


Entrechtung durch die Nürnberger Gesetze

Am 15. September 1935 beschloss der nationalsozialistisch kontrollierte Reichstag die sogenannten Nürnberger Gesetze. Besonders wichtig waren das „Reichsbürgergesetz“ und das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Jüdische Menschen verloren damit die staatsbürgerliche Gleichstellung. Ehen und sexuelle Beziehungen zwischen Menschen, die das Regime als „jüdisch“ beziehungsweise „deutschblütig“ einordnete, wurden verboten.

Entscheidend ist: Diese Einteilung beruhte nicht auf einer seriösen biologischen Grundlage. Das NS-Regime konstruierte Kategorien anhand der Herkunft von Eltern und Großeltern. Auch Menschen, die nicht religiös waren oder sich selbst nicht als jüdisch verstanden, konnten dadurch als „Juden“ verfolgt werden.

Quellenfrage: Die Grafik sollte Menschen nach der NS-Ideologie in angeblich eindeutige Gruppen einteilen. Woran erkennst Du, dass staatliche Bürokratie hier zur Durchsetzung rassistischer Politik genutzt wurde?

Die Nürnberger Gesetze waren kein Abschluss der Entrechtung, sondern eine Grundlage für weitere Diskriminierung. In den folgenden Jahren wurden jüdische Menschen aus immer mehr Berufen, Schulen, Universitäten, Verbänden und wirtschaftlichen Tätigkeiten ausgeschlossen. Eigentum und Unternehmen gerieten unter wachsenden Zwang. Der beschönigende NS-Begriff „Arisierung“ bezeichnete dabei die erzwungene Übertragung jüdischen Eigentums an nichtjüdische Besitzerinnen und Besitzer. Tatsächlich handelte es sich um Enteignung, Zwangsverkauf und Bereicherung auf Kosten der Verfolgten.


Verschärfung der Verfolgung 1938

Im Jahr 1938 verschärfte das Regime die Verfolgung deutlich. Jüdisches Vermögen musste erfasst werden, berufliche Verbote wurden ausgeweitet und jüdische Betriebe zunehmend zwangsweise übertragen oder geschlossen. Behörden führten zusätzliche Kennzeichnungen in Dokumenten ein. Jüdische Männer und Frauen mussten unter bestimmten Voraussetzungen die zusätzlichen Vornamen „Israel“ beziehungsweise „Sara“ führen. Reisepässe jüdischer Menschen wurden mit einem „J“ markiert.

Quellenfrage: Was verändert sich, wenn ein Staat eine Person in amtlichen Dokumenten gegen ihren Willen als Angehörige einer verfolgten Gruppe kennzeichnet? Denke an Kontrolle, Bewegungsfreiheit und mögliche Folgen im Alltag.

Eine massive Eskalation waren die Novemberpogrome 1938 vom 9. auf den 10. November und die Gewalttaten der folgenden Tage. Synagogen wurden in Brand gesetzt oder verwüstet, jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört und Menschen misshandelt und ermordet. Rund 30.000 jüdische Männer wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Die Gewalt wurde von NS-Führung und Parteiorganisationen gelenkt und von staatlichen Stellen unterstützt oder ermöglicht.

Sprachhinweis: Früher wurde häufig der Ausdruck „Reichskristallnacht“ verwendet. Heute sprechen Historikerinnen und Historiker meist von den Novemberpogromen 1938, weil der ältere Ausdruck die Gewalt gegen Menschen, Synagogen, Wohnungen und Geschäfte verharmlosen kann.

Nach den Pogromen verschärfte der Staat die wirtschaftliche Ausplünderung weiter. Jüdische Menschen mussten für die Schäden aufkommen, die die Täter verursacht hatten, und wurden noch umfassender aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen. Viele versuchten nun verstärkt zu fliehen. Eine Ausreise war jedoch schwierig: Sie kostete Geld, erforderte Visa und Aufnahmebereitschaft anderer Staaten. Zahlreiche Länder begrenzten die Einwanderung. Mit den Kindertransporten konnten nach 1938 Tausende jüdische Kinder vor allem nach Großbritannien in Sicherheit gebracht werden, häufig getrennt von ihren Eltern.


Krieg, Kennzeichnung und Zwang

Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. In den von Deutschland besetzten Gebieten nahm die Gewalt gegen jüdische Menschen weiter zu. Ghettos, Zwangsarbeit, Massenerschießungen und andere Formen der Verfolgung wurden zu Bestandteilen der Besatzungs- und Vernichtungspolitik.

Auch im Deutschen Reich wurde der Alltag jüdischer Menschen immer stärker kontrolliert. Ab September 1941 mussten die meisten jüdischen Menschen ab sechs Jahren in der Öffentlichkeit einen gelben Stern mit der Aufschrift „Jude“ sichtbar auf der Kleidung tragen. Die Kennzeichnung sollte isolieren, kontrollieren und weitere Verfolgung erleichtern. Hinzu kamen zahlreiche Verbote, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, Zwangsarbeit und die Zusammenlegung von Menschen in sogenannten „Judenhäusern“.

Quellenfrage: Ein Foto kann sichtbar machen, wie eine staatliche Vorschrift in den Alltag eingriff. Zugleich kennen wir aus dem Bild allein weder die Gedanken noch die Lebensgeschichte der abgebildeten Person. Welche zusätzlichen Quellen würdest Du benötigen?


Deportation und systematischer Massenmord

Im Herbst 1941 begannen systematische Deportationen jüdischer Menschen aus Deutschland in Ghettos, Konzentrationslager und später auch direkt in Vernichtungsorte im besetzten Osteuropa. Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen, durften nur wenig Gepäck mitnehmen und verloren ihr Eigentum. Bahnhöfe, Sammellager, Meldeämter, Finanzbehörden, Polizei und andere Institutionen waren an der Durchführung beteiligt.

Quellenfrage: Welche organisatorischen Voraussetzungen sind für eine Deportation vieler Menschen notwendig? Welche staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen könnten beteiligt gewesen sein?

Der Holocaust war der von NS-Deutschland und seinen Helfern verübte Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden. Etwa sechs Millionen jüdische Menschen wurden ermordet. Viele starben durch Massenerschießungen, Hunger, Zwangsarbeit, Misshandlungen oder in Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau, Treblinka und Sobibor. Der Massenmord erfasste jüdische Menschen aus Deutschland ebenso wie aus den von Deutschland besetzten oder kontrollierten Gebieten Europas.

Die Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 war nicht der Beginn des Mordens. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits Massenerschießungen und Deportationen stattgefunden. Auf der Konferenz berieten hochrangige Vertreter von Ministerien, Polizei und SS über die organisatorische Koordination der bereits laufenden und weiter auszuweitenden Vernichtungspolitik.

Es ist wichtig, die Entwicklung nicht als automatisch oder unvermeidlich darzustellen. Entscheidungen wurden von Menschen getroffen, Gesetze wurden formuliert, Befehle gegeben, Transporte geplant und Eigentum übernommen. Gerade deshalb ist die Frage nach Verantwortung zentral für historisches Lernen.


Beteiligung, Wegsehen, Hilfe und Handlungsspielräume

Die Verfolgung wurde vom NS-Staat geplant und vorangetrieben, war aber auf viele Institutionen und Akteure angewiesen. Parteiorganisationen, Polizei, Verwaltung, Finanzbehörden, Unternehmen, Verkehrsbetriebe, Teile der Justiz und weitere Stellen wirkten auf unterschiedliche Weise mit. Manche Menschen profitierten von Enteignungen oder nahmen Wohnungen und Besitz Verfolgter an sich. Andere schwiegen, passten sich an oder sahen weg.

Gleichzeitig gab es Menschen, die halfen: Sie versteckten Verfolgte, beschafften Lebensmittel oder falsche Papiere, unterstützten Fluchtversuche oder warnten vor Verhaftungen. Solche Hilfe war riskant und blieb im Verhältnis zur Zahl der Verfolgten begrenzt. Für die Analyse ist wichtig, nicht vorschnell alle Menschen in einfache Gruppen einzuteilen. Handlungsmöglichkeiten hingen von Zeit, Ort, Wissen, persönlicher Lage und Machtposition ab. Trotzdem gab es Entscheidungen und damit auch Verantwortung.

Für die Schule ist die Frage besonders wichtig: Was konnten Menschen sehen und wissen? Antisemitische Verbote, öffentliche Kennzeichnungen, zerstörte Synagogen, verschwundene Nachbarinnen und Nachbarn und Versteigerungen zurückgelassenen Eigentums waren in vielen Orten sichtbar. Nicht jeder kannte alle Details des Massenmords, doch ein großer Teil der Ausgrenzung und Verfolgung geschah nicht im Verborgenen.


Zeitleiste: Von Ausgrenzung zu Vernichtung

Zeitraum Entwicklung Bedeutung
1933 Boykott, Berufsverbote, Einschränkungen in Schulen und Hochschulen Der Staat und NS-Organisationen beginnen, jüdische Menschen systematisch aus Beruf und Öffentlichkeit zu drängen.
1935 Nürnberger Gesetze Rassistische Kategorien werden rechtlich verankert; jüdische Menschen verlieren zentrale staatsbürgerliche Rechte.
1938 Enteignung, Kennzeichnung von Dokumenten, Novemberpogrome Die Verfolgung wird wirtschaftlich, bürokratisch und gewaltsam deutlich verschärft.
1939–1941 Krieg, Zwangsarbeit, weitere Verbote und Kennzeichnung Die Handlungsspielräume der Verfolgten werden immer stärker eingeschränkt.
ab Herbst 1941 Deportationen aus Deutschland Jüdische Menschen werden zwangsweise in Ghettos, Lager und Vernichtungsorte verschleppt.
1941–1945 Systematischer Massenmord in Europa Der Holocaust führt zur Ermordung von etwa sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden.


Erinnerung und Gegenwart

Nach 1945 dauerte es lange, bis die deutsche Gesellschaft die Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden umfassender öffentlich thematisierte. Heute erinnern Gedenkstätten, Museen, Denkmäler, Archive, Schulprojekte und lokale Initiativen an die Opfer und an die Verantwortung der Täter und beteiligten Institutionen.

Ein bekanntes Beispiel sind Stolpersteine. Sie werden vor früheren Wohnorten von Menschen verlegt, die vom Nationalsozialismus verfolgt und häufig ermordet wurden. Die kleinen Messingtafeln machen Geschichte im Alltag sichtbar und verbinden große historische Entwicklungen mit einzelnen Biografien.

Denkfrage: Welche Wirkung hat es, wenn Erinnerung nicht nur in einem Museum, sondern direkt vor Wohnhäusern und auf Straßen stattfindet?

Historisches Lernen über die Shoah bedeutet nicht, einfache Gleichsetzungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu ziehen. Es hilft aber dabei, Mechanismen von Ausgrenzung, Entrechtung, Propaganda und institutioneller Verantwortung zu erkennen. Gegenwärtiger Antisemitismus hat eigene Formen und Zusammenhänge und muss ernst genommen werden. Wer historische Quellen sorgfältig prüft und die Perspektiven der Verfolgten berücksichtigt, kann verantwortungsvoll über Geschichte sprechen.


Begriffe im Überblick

Begriff Erklärung
Antisemitismus Feindschaft, Vorurteile oder Diskriminierung gegenüber Jüdinnen und Juden beziehungsweise Menschen, die als jüdisch wahrgenommen werden.
Ausgrenzung Ausschluss von Menschen aus sozialen, beruflichen, kulturellen oder öffentlichen Bereichen.
Entrechtung Entzug oder Einschränkung von Rechten durch Gesetze und staatliche Maßnahmen.
Enteignung Entzug von Eigentum; im NS-Staat wurde jüdisches Eigentum systematisch geraubt oder unter Zwang übertragen.
Deportation Zwangsweise Verschleppung von Menschen an einen anderen Ort.
Holocaust Systematischer Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden durch NS-Deutschland und seine Helfer.
Shoah Hebräische Bezeichnung für die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden; das Wort bedeutet etwa „Katastrophe“.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Welche Maßnahme machte die antisemitische Ausgrenzung am 1. April 1933 öffentlich sichtbar? (Der Boykott jüdischer Geschäfte und Praxen) (!Die Einführung des Euro) (!Die Gründung der Bundesrepublik) (!Der Bau der Berliner Mauer)




Was bewirkten die Nürnberger Gesetze von 1935? (Sie verankerten rassistische Entrechtung in Gesetzen) (!Sie stellten die rechtliche Gleichheit wieder her) (!Sie beendeten die NS-Diktatur) (!Sie führten freie Wahlen ein)




Warum waren die nationalsozialistischen Kategorien über angebliche Rassen wissenschaftlich nicht haltbar? (Sie beruhten auf rassistischer Ideologie statt seriöser Biologie) (!Sie stützten sich auf moderne Genomforschung) (!Sie wurden von unabhängigen Gerichten aufgehoben) (!Sie beschrieben nur freiwillige Religionszugehörigkeit)




Was geschah während der Novemberpogrome 1938? (Synagogen Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört und jüdische Menschen angegriffen) (!Jüdische Menschen erhielten neue politische Rechte) (!Alle Konzentrationslager wurden geschlossen) (!Deutschland führte die Demokratie wieder ein)




Wozu diente die Kennzeichnung jüdischer Menschen mit dem gelben Stern ab 1941? (Sie erleichterte Ausgrenzung Kontrolle und Verfolgung) (!Sie schützte vor staatlicher Kontrolle) (!Sie war ein freiwilliges religiöses Zeichen) (!Sie ermöglichte freie Ausreise)




Was bedeutet Deportation im Zusammenhang mit der NS-Verfolgung? (Zwangsweise Verschleppung von Menschen) (!Freiwilliger Umzug in eine andere Stadt) (!Teilnahme an einer Wahl) (!Rückgabe geraubten Eigentums)




Welche Aussage zur Wannseekonferenz ist richtig? (Sie koordinierte eine Vernichtungspolitik die bereits begonnen hatte) (!Sie war der erste antisemitische Vorfall in Deutschland) (!Sie beendete die Deportationen) (!Sie fand nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs statt)




Warum ist bei historischen Fotos Quellenkritik notwendig? (Fotos zeigen nur einen Ausschnitt und können bestimmte Absichten verfolgen) (!Fotos zeigen immer die vollständige Wahrheit) (!Fotos benötigen niemals Informationen über ihre Urheber) (!Fotos sind grundsätzlich wertlos für Geschichte)




Welche Aussage beschreibt die Entwicklung der Verfolgung am besten? (Ausgrenzung und Entrechtung wurden schrittweise verschärft und mündeten in Deportation und Massenmord) (!Alle Verfolgungsmaßnahmen begannen erst 1945) (!Die Gesetze von 1935 beendeten antisemitische Gewalt) (!Die Verfolgung betraf nur Menschen außerhalb Deutschlands)




Was können Stolpersteine im historischen Lernen leisten? (Sie verbinden lokale Orte mit den Biografien Verfolgter) (!Sie ersetzen jede weitere Quellenarbeit) (!Sie erklären allein den gesamten Holocaust) (!Sie sind Denkmäler für NS-Funktionäre)





Memory

Ausgrenzung Ausschluss aus gesellschaftlichen Bereichen
Entrechtung Entzug rechtlicher Gleichstellung
Nürnberger Gesetze Rassistische Gesetzgebung von 1935
Novemberpogrome Gewaltwelle gegen jüdische Menschen im November 1938
Deportation Zwangsweise Verschleppung
Shoah Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Boykott jüdischer Geschäfte Frühe öffentlich sichtbare Ausgrenzungsmaßnahme
Reichsbürgergesetz Entzug zentraler staatsbürgerlicher Rechte
Novemberpogrome Organisierte Eskalation antisemitischer Gewalt
Kennzeichnungspflicht Sichtbare Markierung und verstärkte Kontrolle
Deportationen Zwangsweise Verschleppung in Ghettos Lager und Vernichtungsorte




...


Kreuzworträtsel

Boykott Wie heißt die organisierte Aktion gegen jüdische Geschäfte im April 1933?
Synagoge Wie heißt ein jüdisches Gotteshaus?
Deportation Wie nennt man die zwangsweise Verschleppung von Menschen?
Antisemitismus Wie heißt Feindschaft oder Diskriminierung gegenüber jüdischen Menschen?
Stolperstein Wie heißt ein kleines Erinnerungszeichen im Gehweg für Verfolgte des Nationalsozialismus?
Holocaust Wie heißt der systematische Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Die nationalsozialistische Verfolgung jüdischer Menschen begann 1933 mit einer rasch zunehmenden

aus Beruf und Öffentlichkeit.
Die Nürnberger Gesetze von 1935 machten rassistische

zu einem zentralen Bestandteil staatlicher Politik.
Die nationalsozialistischen Kategorien über angebliche Rassen hatten keine seriöse

Grundlage.
Die Gewalt gegen jüdische Menschen eskalierte im November 1938 in den

.
Ab 1941 mussten viele jüdische Menschen in Deutschland einen gelben

sichtbar an ihrer Kleidung tragen.
Die zwangsweise Verschleppung von Menschen an andere Orte wird als

bezeichnet.
Die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden wird als Holocaust oder

bezeichnet.
Bei der Analyse historischer Fotos ist die Frage nach Urheber und Zweck Teil der

.
Stolpersteine verbinden historische Ereignisse mit einzelnen

an konkreten Orten.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Begriffskarte: Erstelle eine Begriffskarte mit den Wörtern Ausgrenzung, Entrechtung, Verfolgung, Deportation, Holocaust und Erinnerungskultur. Verbinde die Begriffe mit eigenen Erklärungen.
  2. Bildquellenanalyse: Wähle ein Bild aus diesem aiMOOC und untersuche, was darauf zu sehen ist, wer es hergestellt haben könnte, welche Absicht möglich ist und welche Informationen fehlen.
  3. Zeitleiste: Gestalte eine Zeitleiste von 1933 bis 1945 mit mindestens sechs Stationen und erkläre zu jeder Station in einem Satz, warum sie für die Entwicklung der Verfolgung wichtig ist.
  4. Lokale Erinnerung: Suche in Deinem Wohnort oder online nach einem Stolperstein, einer Gedenktafel oder einem jüdischen Erinnerungsort und beschreibe, an wen oder was dort erinnert wird.


Standard

  1. Quellenvergleich: Vergleiche ein Gesetz, ein Foto und einen biografischen Bericht zur NS-Verfolgung. Arbeite heraus, welche Fragen jede Quellengattung beantworten kann und welche nicht.
  2. Biografieprojekt: Recherchiere die Lebensgeschichte einer jüdischen Person aus Deiner Region. Nutze mindestens zwei verlässliche Quellen, dokumentiere sie und vermeide Spekulationen über nicht belegte Teile der Biografie.
  3. Podcast: Produziere einen drei- bis fünfminütigen Podcast über die Entwicklung von Ausgrenzung zu Deportation. Baue mindestens eine historische Quelle ein und erkläre ihre Herkunft.
  4. Mini-Ausstellung: Entwirf vier Ausstellungstafeln zu den Themen Alltag vor 1933, Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung. Verwende Bilder nur mit korrekter Quellen- und Lizenzangabe.


Schwer

  1. Mikrogeschichte: Untersuche anhand lokaler Archive oder digitaler Sammlungen, wie eine konkrete Schule, Behörde, Firma oder Straße in die Ausgrenzung jüdischer Menschen eingebunden war.
  2. Handlungsspielräume: Analysiere an drei Personen oder Institutionen, welche Handlungsmöglichkeiten sie in einer konkreten Situation hatten. Unterscheide zwischen Beteiligung, Anpassung, Hilfe und Widerstand, ohne vorschnell zu verallgemeinern.
  3. Erinnerungskultur: Vergleiche zwei Formen des Gedenkens, zum Beispiel Stolpersteine und eine Gedenkstätte. Beurteile, welche historischen Fragen sie jeweils besonders gut sichtbar machen.
  4. Antisemitismus heute: Entwickle ein Unterrichtsmodul, das historischen und gegenwärtigen Antisemitismus unterscheidet, Gemeinsamkeiten und Unterschiede erklärt und problematische Gleichsetzungen vermeidet.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Zusammenhang von Recht und Gewalt: Erkläre an zwei Beispielen, wie Gesetze und Verwaltung antisemitische Gewalt vorbereiten, ermöglichen oder verstärken konnten.
  2. Eskalationsprozess: Untersuche, warum die Entwicklung von Ausgrenzung zu Massenmord nicht als automatische Abfolge verstanden werden darf. Beziehe politische Entscheidungen und Handlungsspielräume ein.
  3. Quellenkritischer Vergleich: Vergleiche das Foto des Boykotts von 1933 mit dem Foto der Deportation aus Würzburg von 1942. Welche Veränderungen der Verfolgung werden sichtbar und welche nicht?
  4. Perspektivenwechsel: Beschreibe dieselbe historische Maßnahme aus der Perspektive einer verfolgten Person, einer Behörde und einer beobachtenden Nachbarin oder eines beobachtenden Nachbarn. Kennzeichne deutlich, was historisch belegt und was eine begründete Rekonstruktion ist.
  5. Verantwortung: Begründe, warum die Untersuchung von Behörden, Unternehmen und lokalen Institutionen wichtig ist, wenn man den Holocaust nicht nur als Werk weniger führender Täter erklären will.
  6. Erinnerung im Alltag: Beurteile, welche Chancen und Grenzen lokale Erinnerungszeichen für Jugendliche haben. Entwickle einen konkreten Vorschlag, wie ein Erinnerungsort mit Quellenarbeit verbunden werden kann.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du historische Zusammenhänge erklären und nicht nur Daten wiedergeben kannst.

  1. Chronologie: Du ordnest zentrale Entwicklungen von 1933 bis 1945 zeitlich ein.
  2. Begriffe: Du verwendest Ausgrenzung, Entrechtung, Antisemitismus, Deportation, Holocaust und Shoah sachgerecht.
  3. Zusammenhänge: Du erklärst, wie Propaganda, Gesetze, wirtschaftliche Ausplünderung, Gewalt, Kennzeichnung und Deportation zusammenwirkten.
  4. Quellenkritik: Du untersuchst Urheber, Entstehungszeit, Absicht, Perspektive und Grenzen einer historischen Quelle.
  5. Opferperspektiven: Du beachtest individuelle Biografien und vermeidest, jüdische Menschen nur als anonyme Opfergruppe darzustellen.
  6. Verantwortung: Du kannst die Rolle verschiedener staatlicher und gesellschaftlicher Institutionen differenziert untersuchen.
  7. Urteilskompetenz: Du begründest historische Urteile mit Quellen und unterscheidest belegte Fakten von Vermutungen.
  8. Erinnerungskultur: Du reflektierst, wie und warum heute an die Verfolgten und Ermordeten erinnert wird.




Quellen und Vertiefung

  1. Bundeszentrale für politische Bildung: Nationalsozialistische Verfolgung 1933–1945
  2. United States Holocaust Memorial Museum: Novemberpogrom
  3. United States Holocaust Memorial Museum: Antisemitische Gesetzgebung 1933–1939
  4. Wikipedia: Geschichte der Juden in Deutschland
  5. Wikimedia Commons: Freie historische Medien mit Lizenzangaben


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