Jeremy Bentham - Ethik


Jeremy Bentham - Ethik
Jeremy Bentham - Ethik
Einleitung
Jeremy Bentham (1748–1832) war ein englischer Philosoph, Jurist und Sozialreformer. Er gehört zu den wichtigsten Vertretern des klassischen Utilitarismus. Seine Leitfrage lautet: Welche Handlung erzeugt für alle Betroffenen insgesamt möglichst viel Wohlergehen und möglichst wenig Leid?

Lernziele
Nach diesem aiMOOC kannst Du Benthams Grundidee erklären, ein einfaches hedonistisches Kalkül anwenden, Stärken und Kritik beurteilen und utilitaristische Entscheidungen mit anderen ethischen Ansätzen vergleichen.
Jeremy Bentham und seine Zeit
Bentham lebte in einer Epoche großer politischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Er wollte Gesetze und Institutionen nicht nach Tradition, sondern nach ihrem Nutzen für die Betroffenen bewerten. Er beschäftigte sich unter anderem mit Rechtsreformen, Strafvollzug, Demokratie, Armut und dem moralischen Umgang mit Tieren.

Hauptwerk
In seinem 1789 veröffentlichten Werk An Introduction to the Principles of Morals and Legislation entwickelte Bentham seine utilitaristische Ethik systematisch.

Benthams Ethik
Das Prinzip der Nützlichkeit
Eine Handlung ist nach Bentham moralisch richtig, wenn ihre Folgen das Wohlergehen aller Betroffenen möglichst stark fördern. Im Unterricht wird diese Idee oft mit der Formel größtmögliches Glück für möglichst viele zusammengefasst.
Vier Grundgedanken
- Konsequenzenprinzip: Entscheidend sind die absehbaren Folgen einer Handlung.
- Nutzenprinzip: Gute Folgen vermehren Wohlergehen und vermindern Leid.
- Hedonismus: Freude und Schmerz sind wichtige Maßstäbe moralischer Bewertung.
- Universalismus: Das Wohlergehen jeder betroffenen Person zählt.
Hedonistisches Kalkül
Bentham wollte Freude und Leid möglichst nachvollziehbar vergleichen. Dafür betrachtete er sieben Gesichtspunkte:
- Intensität: Wie stark ist Freude oder Leid?
- Dauer: Wie lange hält die Folge an?
- Gewissheit: Wie wahrscheinlich tritt sie ein?
- Nähe: Wie bald tritt sie ein?
- Folgenträchtigkeit: Entstehen weitere ähnliche Folgen?
- Reinheit: Wie wenig ist die Freude mit Leid verbunden?
- Ausdehnung: Wie viele Menschen oder andere leidensfähige Wesen sind betroffen?
Beispiel aus dem Schulalltag
Eine Klasse überlegt, ob sie das Geld des Klassenfests für Unterhaltung oder teilweise für Barrierefreiheit ausgeben soll. Eine utilitaristische Prüfung fragt nicht nur nach der Mehrheit, sondern nach allen Betroffenen, der Stärke ihrer Vor- und Nachteile sowie den kurz- und langfristigen Folgen.

Reformen und Panoptikon
Bentham entwarf das Panoptikon, ein kreisförmiges Gebäude mit zentraler Beobachtungsstelle. Er verband es mit einer Reform des Strafvollzugs. Heute dient das Modell auch als kritisches Symbol für Überwachung, Macht und fehlende Privatsphäre.

Datei:Panopticon Animation by Myles Zhang.webmhd.webm
Tierethik
Bentham betonte, dass für die moralische Berücksichtigung nicht allein Vernunft oder Sprache entscheidend sind. Wichtig ist, ob ein Wesen leiden kann. Damit wurde sein Denken zu einem wichtigen Bezugspunkt der modernen Tierethik.
Stärken und Kritik
Stärken
- Folgenabschätzung: Entscheidungen werden auf ihre Auswirkungen geprüft.
- Unparteilichkeit: Die Interessen aller Betroffenen sollen zählen.
- Praxisbezug: Der Ansatz hilft bei konkreten Entscheidungskonflikten.
- Leidvermeidung: Vermeidbares Leiden erhält großes moralisches Gewicht.
Kritik
- Messproblem: Freude und Leid lassen sich nur begrenzt vergleichen.
- Prognoseproblem: Zukünftige Folgen sind oft unsicher.
- Minderheitenschutz: Ein großer Gesamtnutzen kann Rechte Einzelner gefährden.
- Gerechtigkeit: Eine nützliche Entscheidung ist nicht automatisch fair.
- Überforderung: Die Interessen aller Betroffenen vollständig zu berechnen ist kaum möglich.
Vergleich mit John Stuart Mill und Kant
John Stuart Mill entwickelte den Utilitarismus weiter und unterschied stärker zwischen verschiedenen Qualitäten von Freude. Immanuel Kant bewertet dagegen besonders Pflicht, Vernunft und die moralische Regel einer Handlung. Dadurch entsteht ein wichtiger Gegensatz zwischen Folgenethik und Pflichtethik.

Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welche ethische Richtung vertritt Jeremy Bentham? (Utilitarismus) (!Tugendethik) (!Existenzialismus) (!Vertragstheorie)
Was bewertet Bentham vor allem? (Die Folgen einer Handlung) (!Nur die Absicht) (!Nur religiöse Gebote) (!Nur persönliche Vorlieben)
Was soll das Nutzenprinzip fördern? (Wohlergehen) (!Gehorsam) (!Reichtum Einzelner) (!Tradition)
Welche Größe gehört zum hedonistischen Kalkül? (Dauer) (!Herkunft) (!Beruf) (!Mode)
Was bedeutet Universalismus bei Bentham? (Alle Betroffenen zählen) (!Nur die Mehrheit zählt) (!Nur Erwachsene zählen) (!Nur der Handelnde zählt)
Welches Problem betrifft die Vorhersage zukünftiger Wirkungen? (Prognoseproblem) (!Sprachproblem) (!Gedächtnisproblem) (!Definitionsverbot)
Wofür steht das Panoptikon heute auch kritisch? (Überwachung) (!Gastfreundschaft) (!Kunstfreiheit) (!Naturschutz)
Was ist für Benthams Tierethik besonders wichtig? (Leidensfähigkeit) (!Schulbildung) (!Besitz) (!Staatsangehörigkeit)
Welche Gefahr wird am Utilitarismus kritisiert? (Rechte Einzelner können verletzt werden) (!Folgen werden nie betrachtet) (!Glück spielt keine Rolle) (!Alle Regeln sind unveränderlich)
Wer entwickelte den klassischen Utilitarismus nach Bentham weiter? (John Stuart Mill) (!Platon) (!René Descartes) (!Martin Heidegger)
Memory
| Utilitarismus | Folgen für das Wohlergehen |
| Intensität | Stärke von Freude oder Leid |
| Dauer | Zeitliche Länge einer Folge |
| Gewissheit | Wahrscheinlichkeit des Eintretens |
| Ausdehnung | Zahl der Betroffenen |
| Universalismus | Gleiche Berücksichtigung |
| Panoptikon | Modell zentraler Beobachtung |
| Leidensfähigkeit | Bezugspunkt der Tierethik |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Bedeutung |
|---|---|
| Konsequenzenprinzip | Moralische Bewertung nach den Folgen |
| Nutzenprinzip | Förderung des gesamten Wohlergehens |
| Hedonismus | Freude und Leid als Wertmaßstab |
| Universalismus | Berücksichtigung aller Betroffenen |
| Reinheit | Freude ohne eng verbundenes Leid |
| Folgenträchtigkeit | Entstehung weiterer ähnlicher Folgen |
| Minderheitenschutz | Begrenzung möglicher Mehrheitsnachteile |
Kreuzworträtsel
| Utilitarismus | Wie heißt Benthams ethische Theorie? |
| Folgen | Was ist für die moralische Bewertung besonders wichtig? |
| Freude | Was soll nach Bentham vermehrt werden? |
| Leiden | Was soll möglichst vermindert werden? |
| Panoptikon | Wie heißt Benthams Modell einer zentral beobachtbaren Anstalt? |
| Tierethik | Welcher Lernbereich fragt nach dem moralischen Umgang mit Tieren? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Begriffskarte: Gestalte eine Karte mit den Begriffen Nutzen, Freude, Leid und Folgen.
- Alltagsbeispiel: Beschreibe eine Entscheidung aus Deinem Alltag und nenne ihre möglichen Folgen.
- Bildanalyse: Untersuche das Bentham-Porträt und formuliere drei Fragen an die dargestellte Person.
- Mini-Kalkül: Vergleiche zwei Pausenaktivitäten nach Intensität, Dauer und Ausdehnung.
Standard
- Fallanalyse: Beurteile eine schulische Handyregel aus utilitaristischer Sicht.
- Rollenspiel: Spielt eine Entscheidungskonferenz mit unterschiedlichen Betroffenen.
- Panoptikon-Debatte: Vergleiche das Panoptikon mit digitaler Überwachung in der Schule.
- Ethik-Podcast: Produziere einen kurzen Podcast über eine Stärke und eine Schwäche des Utilitarismus.
Schwer
- Minderheitenproblem: Entwickle einen Fall, in dem der Gesamtnutzen mit individuellen Rechten kollidiert.
- Theorienvergleich: Löse denselben Konflikt mit Bentham und Kant und vergleiche die Ergebnisse.
- Tierethik-Projekt: Prüfe eine schulische Konsumentscheidung unter Einbezug leidensfähiger Tiere.
- Utilitarismus-Film: Drehe ein Erklärvideo, das Kalkül, Unsicherheit und Gerechtigkeitskritik verbindet.


Lernkontrolle
- Transferfall Klassenfahrt: Entwickle eine Entscheidung, bei der Kosten, Freude, Belastung und Teilhabe verschiedener Personen gegeneinander abgewogen werden.
- Rechte und Nutzen: Erkläre an einem eigenen Beispiel, warum ein hoher Gesamtnutzen eine Handlung nicht automatisch gerecht macht.
- Folgenvergleich: Vergleiche kurzfristige und langfristige Folgen einer digitalen Überwachungsmaßnahme an der Schule.
- Perspektivwechsel: Zeige, wie sich ein Urteil verändert, wenn bislang übersehene Betroffene einbezogen werden.
- Theorienurteil: Begründe, ob Bentham oder Kant einen selbst gewählten Konflikt überzeugender löst.
- Grenzen des Kalküls: Erkläre, welche Folgen in Deinem Beispiel schwer messbar oder kaum vorhersehbar sind.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis solltest Du:
- Benthams Nutzenprinzip verständlich erklären.
- die vier Grundgedanken des klassischen Utilitarismus anwenden.
- Kriterien des hedonistischen Kalküls passend nutzen.
- Folgen für alle Betroffenen berücksichtigen.
- mindestens zwei Stärken und zwei Kritikpunkte abwägen.
- einen konkreten Fall begründet beurteilen.
- Unterschiede zu Mill oder Kant darstellen.
OERs zum Thema
- UCL Bentham Project
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: Jeremy Bentham
- Internet Encyclopedia of Philosophy: Jeremy Bentham
- Wikimedia Commons: Jeremy Bentham
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