Gegenpressing beim FC Bayern

Gegenpressing beim FC Bayern
Gegenpressing beim FC Bayern
Einleitung
Das Gegenpressing gehört zu den prägendsten taktischen Prinzipien des modernen Fußballs. Gemeint ist das unmittelbare, koordinierte Attackieren des Gegners direkt nach einem eigenen Ballverlust. Anders als beim allgemeinen Pressing, das in unterschiedlichen Spielphasen und Feldzonen beginnen kann, entsteht Gegenpressing aus einer ganz bestimmten Situation: Die eigene Mannschaft war in Ballbesitz, verliert den Ball und versucht nun, den gegnerischen Übergang in den Angriff bereits in den ersten Momenten zu verhindern.
Beim FC Bayern München lässt sich dieses Prinzip besonders gut untersuchen, weil der Verein traditionell häufig mit viel Ballbesitz, hoher Feldposition und vielen Spielern in der gegnerischen Hälfte agiert. Unter Cheftrainer Vincent Kompany, der den FC Bayern seit Sommer 2024 trainiert, wurde das aggressive Spiel gegen den Ball nochmals deutlich hervorgehoben. In der Bundesliga-Saison 2024/25 stand die letzte Münchner Verteidigungslinie im Durchschnitt 43,3 Meter von der eigenen Torauslinie entfernt; die durchschnittliche Zeit bis zur Balleroberung lag bei 12,6 Sekunden und war damit Ligabestwert.[1]
Gegenpressing bedeutet dabei nicht einfach, dass mehrere Spieler möglichst schnell zum Ball sprinten. Erfolgreiches Gegenpressing verlangt gemeinsame Orientierung, kurze Abstände, klare Pressingauslöser, Deckungsschatten, eine funktionierende Restverteidigung und die Fähigkeit, innerhalb von Sekunden zwischen Angriff und Verteidigung umzuschalten. Genau deshalb eignet sich das Thema für eine Verbindung aus Sporttheorie, Fußballtaktik, Videoanalyse und praktischer Trainingsarbeit.
In diesem aiMOOC untersuchst Du das Gegenpressing beim FC Bayern aus mehreren Perspektiven. Du lernst die taktischen Grundlagen kennen, analysierst reale und rekonstruierte Spielsituationen, beobachtest Trainings- und Analysevideos, bewertest Chancen und Risiken einer hohen Verteidigungslinie und entwickelst eigene taktische Lösungen.

Lernziele
Nach der Bearbeitung kannst Du Gegenpressing eindeutig von Angriffspressing, Mittelfeldpressing und Rückzug unterscheiden. Du kannst erklären, weshalb die Positionen der Spieler vor einem Ballverlust darüber entscheiden, ob das Gegenpressing funktionieren kann. Außerdem kannst Du Spielsituationen hinsichtlich Ballnähe, Kompaktheit, Deckungsschatten, Restverteidigung und möglicher Konterräume analysieren.
Du sollst nicht nur beschreiben, was die Bayern tun, sondern begründen, warum bestimmte Entscheidungen sinnvoll oder riskant sind. Ziel ist es, taktisches Denken zu entwickeln: Wo muss Druck entstehen? Welcher Passweg ist gefährlich? Wann lohnt sich sofortiges Gegenpressing? Wann muss die Mannschaft stattdessen abbrechen und in eine geordnete defensive Struktur zurückkehren?
Grundlagen des Gegenpressings
Pressing und Gegenpressing unterscheiden
Pressing bezeichnet allgemein das gezielte Unter-Druck-Setzen des gegnerischen Ballbesitzes. Gegenpressing ist eine besondere Form davon: Es beginnt unmittelbar nach dem eigenen Ballverlust. Das Ziel besteht zunächst darin, einen gegnerischen Konter zu verhindern oder den Ball möglichst schnell zurückzugewinnen.[2]
Im verbreiteten Vier-Phasen-Modell der Fußballtaktik liegt Gegenpressing in der Phase Umschalten nach Ballverlust. Die anderen Phasen sind eigener Ballbesitz, gegnerischer Ballbesitz und Umschalten nach Ballgewinn.[3]
Ein häufiger Denkfehler besteht darin, jedes aggressive Anlaufen als Gegenpressing zu bezeichnen. Läuft ein Stürmer beispielsweise nach einem gegnerischen Abstoß den Innenverteidiger an, ist das hohes Pressing oder Angriffspressing. Verliert Bayern dagegen im eigenen Angriff den Ball und attackiert den neuen Ballbesitzer sofort kollektiv, handelt es sich um Gegenpressing.
Warum die ersten Sekunden entscheidend sind
Direkt nach einem Ballverlust ist die gegnerische Mannschaft häufig noch nicht vollständig für den eigenen Angriff geordnet. Gleichzeitig befinden sich die Spieler der Mannschaft, die den Ball verloren hat, oft in Ballnähe. Dadurch entsteht ein kurzes taktisches Zeitfenster.
Für Bayern kann dieses Zeitfenster besonders wertvoll sein: Ein hoher Ballgewinn verkürzt den Weg zum gegnerischen Tor. Gleichzeitig verhindert ein erfolgreiches Gegenpressing, dass der Gegner die Räume hinter der hoch stehenden Münchner Mannschaft sofort für einen Konter nutzt.
Das bedeutet: Gegenpressing hat zwei Funktionen gleichzeitig. Es ist defensiv, weil es einen Konter verhindern soll, und offensiv, weil ein zurückeroberter Ball sofort wieder zu einer Torchance führen kann.

Fünf taktische Schlüsselprinzipien
- Ballnähe: Die Spieler in unmittelbarer Nähe zum Ballverlust reagieren zuerst und verkürzen den Raum des neuen Ballbesitzers.
- Kompaktheit: Die Mannschaftsteile rücken so zusammen, dass kurze Passwege des Gegners geschlossen und zweite Bälle erreichbar werden.
- Deckungsschatten: Der anlaufende Spieler versucht mit seiner Körperstellung nicht nur Druck auf den Ball auszuüben, sondern zugleich einen gefährlichen Passweg abzudecken.
- Restverteidigung: Hinter dem Gegenpressing müssen genügend Spieler so positioniert sein, dass ein langer Pass oder ein Durchbruch abgesichert werden kann.
- Umschaltspiel: Nach der Balleroberung muss Bayern sofort erkennen, ob ein direkter Angriff möglich ist oder ob der Ball zunächst gesichert werden sollte.
Gegenpressing beim FC Bayern unter Vincent Kompany
Vincent Kompany verbindet beim FC Bayern hohen Ballbesitz mit aggressivem Druck gegen den Ball. Eine Bundesliga-Analyse aus der Saison 2024/25 beschreibt, dass Bayern nach Ballverlusten unmittelbar kollektiv ins Gegenpressing ging und beim gegnerischen flachen Spielaufbau häufig sehr hoch Mann gegen Mann presste.[4]
Das Prinzip funktioniert besonders gut, wenn die Bayern schon während des eigenen Ballbesitzes eine günstige Raumaufteilung besitzen. Viele Spieler befinden sich dann in der Nähe möglicher Ballverlustzonen. Wird ein Pass abgefangen, können mehrere Münchner sofort Druck erzeugen, während weiter hinten eine Restverteidigung vorbereitet sein muss.
Der FC Bayern selbst beschrieb das Pressing im Supercup 2025 gegen den VfB Stuttgart als aggressiv und kollektiv: Die erste Pressinglinie setzte den Gegner früh unter Druck, während die dahinterliegenden Spieler nachschoben und Anspielstationen zustellten.[5] Diese Szene betrifft zunächst das hohe Pressing, zeigt aber dieselben Grundprinzipien, die auch für gutes Gegenpressing nötig sind: gemeinsames Vorrücken, geringe Abstände und kontrollierte Passwege.

Die Rolle der hohen Verteidigungslinie
Eine hohe Verteidigungslinie verkleinert das bespielte Feld. Das unterstützt Gegenpressing, weil die Abstände zwischen Angriff, Mittelfeld und Abwehr geringer werden können. Wird ein Ballverlust sofort attackiert, kann die letzte Linie nach vorne verteidigen und gegnerische Spieler am Aufdrehen hindern.
Die gleiche Struktur erzeugt jedoch ein Risiko. Wird die erste Gegenpressingwelle überspielt, liegt hinter der Abwehr vergleichsweise viel Raum. Genau dieses Spannungsfeld wurde bei Bayern unter Kompany früh sichtbar: Die hohe Linie unterstützte Dominanz und Ballgewinne, machte die Mannschaft aber bei sauber ausgespieltem Druck anfällig für schnelle Konter.[6]
Die taktische Kernfrage lautet deshalb nicht: Soll Bayern aggressiv gegenpressen? Entscheidend ist vielmehr: Sind genügend Spieler in geeigneten Positionen, um gemeinsam Druck auszuüben und gleichzeitig den Raum hinter dem Druck abzusichern?
Restverteidigung als Voraussetzung
Restverteidigung bezeichnet die Absicherungsstruktur derjenigen Spieler, die während eines eigenen Angriffs nicht unmittelbar an der letzten Angriffsaktion beteiligt sind. Ihre Aufgabe beginnt bereits vor einem möglichen Ballverlust.
Eine gute Restverteidigung muss mögliche gegnerische Konterspieler beobachten, zentrale Passwege kontrollieren und so positioniert sein, dass sie nach einem überspielten Gegenpressing eingreifen kann. Sie ist deshalb kein Gegenstück zum Angriff, sondern ein Bestandteil eines gut vorbereiteten Angriffs.
Beim FC Bayern ist diese Aufgabe besonders anspruchsvoll, weil häufig viele Spieler hoch stehen. Je mehr Spieler die letzte gegnerische Linie besetzen oder zwischen den Linien agieren, desto genauer müssen die verbleibenden Spieler Abstände, Gegner und offene Räume kontrollieren.
Spielsituationen analysieren
Spielsituation 1: Ballverlust im rechten Halbraum
Stell Dir vor, Bayern greift über die rechte Seite an. Ein offensiver Mittelfeldspieler erhält den Ball im rechten Halbraum, versucht einen vertikalen Pass und der Gegner fängt ihn ab.
Die erste Aufgabe des ballnahen Bayern-Spielers besteht nicht darin, unkontrolliert in den Zweikampf zu springen. Er muss den neuen Ballbesitzer so anlaufen, dass dessen Zeit reduziert und möglichst der gefährliche zentrale Pass blockiert wird. Gleichzeitig rückt der nächstgelegene Mitspieler auf die wahrscheinlichste kurze Anspielstation. Ein weiterer Spieler sichert den Raum dahinter.
Taktische Leitfrage: Kann der Gegner nach dem Ballgewinn mit dem ersten oder zweiten Kontakt nach vorne spielen? Wenn ja, muss Bayern den zentralen Passweg besonders schnell schließen.
Spielsituation 2: Ballverlust an der Außenlinie
An der Seitenlinie kann der Raum wie ein zusätzlicher Verteidiger wirken. Verliert Bayern dort den Ball, kann der neue Ballbesitzer nur in begrenzte Richtungen weiterspielen. Das Gegenpressing kann deshalb versuchen, ihn an der Linie einzuschließen.
Der erste Spieler erzeugt Druck auf den Ball. Der zweite blockiert den Pass nach innen. Ein dritter Spieler kontrolliert eine Rückpassoption oder bereitet sich auf den zweiten Ball vor. Wichtig ist, dass nicht alle drei Spieler exakt auf den Ball zulaufen und dadurch denselben Raum besetzen.
Taktische Leitfrage: Welche Laufwege erzeugen Druck, ohne dass ein einziger Pass gleichzeitig mehrere Bayern-Spieler aus dem Spiel nimmt?
Spielsituation 3: Das Gegenpressing wird überspielt
Der Gegner schafft es, den ersten Druck mit einem direkten Pass in den freien Raum zu lösen. Jetzt ändert sich die Priorität. Weiteres blindes Nachjagen kann die Abstände noch größer machen.
Die ballfernen Bayern-Spieler müssen erkennen, dass der unmittelbare Zugriff verloren ist. Die Mannschaft braucht dann eine schnelle Rückwärtsbewegung, ein Schließen des Zentrums und gegebenenfalls ein Verzögern des gegnerischen Angriffs, bis wieder genügend Spieler hinter dem Ball sind.
Gerade gegen schnelle und druckresistente Gegner ist dieser Moment entscheidend. In der frühen Kompany-Phase wurde sichtbar, dass überspieltes Gegenpressing und eine hohe letzte Linie große Räume für Konter öffnen können.[7]
Spielsituation 4: Ballrückgewinn in Tornähe
Bayern gewinnt den Ball wenige Meter vor dem gegnerischen Strafraum zurück. Der Gegner befindet sich noch in einer ungeordneten Umschaltbewegung. Jetzt ist nicht automatisch der schnellste Abschluss die beste Lösung.
Der ballgewinnende Spieler muss die Situation wahrnehmen: Gibt es einen freien Mitspieler mit Blick zum Tor? Ist der direkte Pass in den Strafraum möglich? Oder ist der Ballgewinn zwar hoch, aber die Anschlussposition instabil? Gute Gegenpressingteams verbinden Aggressivität mit sauberer Entscheidungsfindung.
Taktische Leitfrage: Wann wird aus einem erfolgreichen Gegenpressing sofort ein Angriff und wann sollte Bayern den Ball erst sichern?
Videoanalysen
Videoanalyse 1: Gegenpressing und hohe Verteidigung unter Kompany
Das folgende Analysevideo untersucht die Pressingstruktur, die hohe Linie und die Übergangsmomente des FC Bayern unter Vincent Kompany. Achte besonders auf die Abschnitte zum hohen Pressing und zu defensiven Transitionen.
Bearbeite beim Anschauen drei Beobachtungsaufträge: Notiere zuerst, welcher Spieler den Druck auf den Ball eröffnet. Untersuche dann, welche Passwege seine Mitspieler schließen. Halte schließlich mindestens eine Szene fest, in der der erste Druck überspielt wird, und erkläre, welche Absicherung danach benötigt wird.
Videoanalyse 2: Bayern-Training – hoher Druck gegen Spielaufbau
Das Trainingsvideo zeigt eine Spielform, in der hoher Druck und das Lösen von Druck gegeneinander trainiert werden. Damit kannst Du beobachten, wie Pressingverhalten nicht als isolierter Sprint, sondern als Mannschaftsaufgabe entwickelt wird.
Beobachte die Körperstellung des ersten Pressingspielers. Prüfe, ob Mitspieler gleichzeitig nachschieben. Achte außerdem darauf, was nach einem Ballgewinn geschieht: Wird sofort vertikal gespielt oder zunächst kontrolliert?
Videoanalyse 3: Bayern als Gegner von Pressing
Um Gegenpressing wirklich zu verstehen, musst Du auch die Perspektive der Mannschaft betrachten, die sich aus Druck lösen will. Das folgende Video analysiert Bayerns Aufbau gegen gegnerische Pressingsysteme.
Übertrage die Beobachtungen auf das Gegenpressing: Welche Bewegungen, kurzen Ablagen, Positionswechsel oder Verlagerungen könnten Gegner nutzen, um Bayerns Druck zu überspielen? Entwickle anschließend eine Gegenmaßnahme für die Münchner Restverteidigung.
Taktische Detailanalyse
Pressingauslöser nach Ballverlust
Ein Ballverlust allein reicht noch nicht als Information. Die Bayern-Spieler müssen in Sekundenbruchteilen erkennen, ob die Situation für sofortigen Zugriff geeignet ist. Gute Bedingungen bestehen beispielsweise dann, wenn der gegnerische Ballgewinner mit dem Rücken zum Spielfeld steht, einen unsauberen ersten Kontakt hat, nahe an der Seitenlinie unter Druck gerät oder nur wenige offene Passwege besitzt.
Ungünstig ist Gegenpressing dagegen, wenn der Ballverlust bei großen eigenen Abständen entsteht, mehrere Gegner bereits mit Blickrichtung nach vorne stehen oder die Restverteidigung zahlenmäßig und räumlich schlecht vorbereitet ist. Dann kann ein kontrollierter Rückzug sinnvoller sein.
Deckungsschatten statt blindem Sprint
Ein Pressingspieler kann mit seinem Laufweg gleichzeitig zwei Aufgaben lösen: Er attackiert den Ballführer und sperrt mit seinem Körper eine Passlinie. Dieser Bereich hinter dem Pressingspieler wird als Deckungsschatten bezeichnet.
Für Bayern ist das besonders wichtig, wenn der Gegner nach einem Ballgewinn einen zentralen Sechser anspielen möchte. Läuft der erste Spieler in einem geeigneten Bogen an, kann er Druck ausüben und den Pass ins Zentrum erschweren. Läuft er dagegen gerade und ohne Orientierung auf den Ball, kann der Gegner möglicherweise mit einem einzigen Pass zwei Linien überwinden.
Die zweite Welle
Gegenpressing ist nur dann kollektiv, wenn die Mitspieler auf den ersten Zugriff reagieren. Die sogenannte zweite Welle schiebt in die Räume hinter oder neben dem ersten Pressingspieler. Sie kontrolliert kurze Optionen, sammelt abgeprallte Bälle und verhindert, dass der Gegner mit einer einfachen Ablage aus dem Druck entkommt.
Eine Mannschaft kann also aggressiv aussehen und trotzdem schlecht gegenpressen. Entscheidend sind nicht nur Intensität und Laufgeschwindigkeit, sondern Timing, Abstände und gegenseitige Absicherung.
Torhüter und hohe Linie
Bei sehr hoher Feldposition kann auch der Torhüter Teil der Raumkontrolle sein. Seine Aufgabe besteht nicht im eigentlichen Gegenpressing am Ball, sondern darin, tiefe Räume hinter der Abwehr zu antizipieren und mögliche lange Bälle früh zu lesen.
Das zeigt, dass Gegenpressing eine mannschaftstaktische Struktur ist: Selbst Spieler, die zwanzig oder dreißig Meter vom Ballverlust entfernt stehen, beeinflussen durch ihre Position, ob die Mannschaft aggressiv nach vorne verteidigen kann.
Historische Einordnung beim FC Bayern
Aggressives Pressing und Ballrückeroberung sind beim FC Bayern nicht erst seit Vincent Kompany wichtige Themen. Unter Trainern wie Jupp Heynckes, Pep Guardiola und Hansi Flick wurden unterschiedliche Formen von hohem Pressing, Ballbesitzdominanz und unmittelbarer Reaktion auf Ballverluste genutzt.
Die konkrete Ausführung unterscheidet sich jedoch je nach Trainer, Spielermaterial und Gegner. Deshalb sollte Gegenpressing nicht als starres Bayern-System verstanden werden. Es ist ein taktisches Prinzip, dessen Details sich verändern: Mannorientierungen können stärker oder schwächer sein, Außenverteidiger können andere Ausgangspositionen einnehmen und die letzte Linie kann unterschiedlich hoch stehen.

Training des Gegenpressings
Trainingsform 1: Vier gegen Vier mit Sofortreaktion
Spiele in einem kleinen Feld vier gegen vier. Nach jedem Ballverlust erhält die Mannschaft drei bis fünf Sekunden, um den Ball zurückzuerobern. Gelingt dies, spielt sie sofort weiter. Gelingt es nicht, muss sie sich kompakt hinter eine markierte Linie zurückziehen.
Der Schwerpunkt liegt nicht auf maximaler Laufleistung, sondern auf schneller Wahrnehmung: Wer presst den Ball? Wer sichert den nächsten Pass? Wer bleibt hinter dem Druck?
Trainingsform 2: Sechs gegen Sechs mit Außenzonen
Teile das Feld in einen zentralen Bereich und zwei Außenzonen. Ballgewinne an der Außenlinie zählen doppelt, wenn sie innerhalb weniger Sekunden nach einem eigenen Ballverlust entstehen.
Die Regel lenkt die Aufmerksamkeit auf die Seitenlinie als mögliche Pressingfalle. Gleichzeitig lernen die Spieler, dass der erste Anläufer den Gegner nicht einfach nach innen öffnen darf.
Trainingsform 3: Acht gegen Acht mit Restverteidigung
Spiele acht gegen acht auf zwei Tore. Vor jedem Angriff muss die ballbesitzende Mannschaft bewusst mindestens zwei Spieler so positionieren, dass sie einen möglichen Konter absichern können.
Nach einem Ballverlust beobachtet die Gruppe, ob die Restverteidigung eingreifen kann. Unterbrich einzelne Szenen und markiere die Positionen der Spieler auf einer Taktiktafel.

Chancen und Risiken
Gutes Gegenpressing kann den Gegner in seiner ungeordneten Phase treffen, hohe Ballgewinne ermöglichen und gleichzeitig gegnerische Konter verhindern. Es unterstützt außerdem dauerhaft hohen Ballbesitz, weil verlorene Bälle schnell zurückgewonnen werden können.
Das Risiko entsteht, wenn der erste Druck nicht kollektiv erfolgt. Öffnen sich zwischen den Mannschaftsteilen große Abstände, kann der Gegner den Druck mit einem Pass überspielen. Bei einer hohen Abwehrlinie vergrößert sich dann die Bedeutung von Tempo, Antizipation und richtigem Stellungsspiel in der Restverteidigung.
Daraus folgt ein zentrales taktisches Prinzip: Je offensiver und höher eine Mannschaft angreift, desto sorgfältiger muss sie bereits im eigenen Ballbesitz den möglichen Ballverlust vorbereiten.
Daten lesen und richtig deuten
Statistiken wie Ballbesitz, Laufdistanz, Balleroberungszeit oder Höhe der letzten Linie können eine taktische Analyse unterstützen, ersetzen aber nicht die Beobachtung der Spielsituation. Eine kurze Balleroberungszeit kann auf gutes Gegenpressing hinweisen, aber auch durch andere Pressingphasen beeinflusst werden. Hoher Ballbesitz kann Gegenpressing erleichtern, beweist aber nicht automatisch dessen Qualität.
In der Bundesliga-Saison 2024/25 verband Bayern unter Kompany sehr hohen Ballbesitz mit einer besonders hohen Verteidigungslinie und schneller Balleroberung.[8] Für eine vollständige Analyse musst Du diese Daten mit Videobildern verbinden: Wo stehen die Spieler beim Ballverlust? Wer reagiert zuerst? Welche Räume bleiben offen?
Quellen und Vertiefung
- Wikipedia: Pressing – Definition von Pressing und Gegenpressing.
- Wikipedia: Taktik im Fußball – Vier-Phasen-Modell und mannschaftstaktische Grundlagen.
- Wikipedia: Vincent Kompany – Trainerbiografie und Einordnung.
- Bundesliga: Die Meisterschaft des FC Bayern trägt die Handschrift von Vincent Kompany – Daten zur Saison 2024/25.
- Bundesliga: Bayerns riskanter Spielstil – Analyse von Pressing, Gegenpressing und Konterrisiko.
- FC Bayern: Sechs Erkenntnisse aus dem Supercup-Triumph – Beispiel für das aggressive Pressing unter Kompany.
- ↑ Bundesliga: Die Meisterschaft des FC Bayern trägt die Handschrift von Vincent Kompany
- ↑ Wikipedia: Pressing
- ↑ Wikipedia: Taktik im Fußball
- ↑ Bundesliga: Bayerns riskanter Spielstil in der Analyse
- ↑ FC Bayern: Sechs Erkenntnisse aus dem Supercup-Triumph
- ↑ Bundesliga: Taktik-Check Bayern unter Kompany
- ↑ Bundesliga: Überragende Offensive, anfällige Defensive
- ↑ Bundesliga: Kompanys Meisterschaft 2024/25
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Wann beginnt Gegenpressing? (Unmittelbar nach einem eigenen Ballverlust) (!Nach jedem gegnerischen Abstoß) (!Nur nach einer Ecke) (!Erst wenn alle Spieler hinter dem Ball stehen)
Was ist ein zentrales Ziel des Gegenpressings? (Den gegnerischen Konter früh zu verhindern) (!Den Ball absichtlich ins Seitenaus zu spielen) (!Die eigene Abwehr dauerhaft am Strafraum zu halten) (!Den Gegner ohne Druck aufbauen zu lassen)
Welche Voraussetzung unterstützt erfolgreiches Gegenpressing besonders? (Kurze Abstände zwischen den eigenen Spielern) (!Große Abstände zwischen den Mannschaftsteilen) (!Alle Spieler stehen auf einer Außenbahn) (!Die Stürmer bleiben nach Ballverlust stehen)
Was beschreibt der Deckungsschatten? (Einen durch die Körperstellung mitabgedeckten Passweg) (!Den Raum direkt hinter dem eigenen Tor) (!Die Position des Linienrichters) (!Eine feste Zone für Eckbälle)
Warum ist die Restverteidigung wichtig? (Sie sichert Räume hinter dem Gegenpressing ab) (!Sie erhöht automatisch den Ballbesitz) (!Sie ersetzt den Torhüter) (!Sie verhindert jeden Zweikampf)
Was sollte die zweite Pressingwelle tun? (Nachschieben und nahe Anspielstationen kontrollieren) (!Zum eigenen Strafraum zurückgehen, obwohl Zugriff besteht) (!Alle Spieler auf denselben Punkt schicken) (!Den ersten Pressingspieler allein lassen)
Welche Situation eignet sich häufig als Pressingauslöser? (Ein unsauberer erster Kontakt des Gegners) (!Ein sicher kontrollierter Ball ohne Gegnerdruck) (!Eine lange Spielunterbrechung) (!Ein eigener Einwurf ohne Ballverlust)
Welches Risiko entsteht bei überspieltem Gegenpressing und hoher Abwehrlinie? (Großer Raum für gegnerische Konter) (!Der Gegner kann keinen Tiefenlauf mehr starten) (!Die eigene Mannschaft erhält automatisch einen Freistoß) (!Der Ballbesitz wird sofort unterbrochen)
Welche Balleroberungszeit wurde für Bayern in der Bundesliga-Saison 2024/25 als Ligabestwert genannt? (12,6 Sekunden) (!22,6 Sekunden) (!32,6 Sekunden) (!42,6 Sekunden)
Was ist sinnvoll, wenn der unmittelbare Zugriff nach Ballverlust verloren geht? (Die Mannschaft schließt Räume und organisiert den Rückzug) (!Jeder Spieler jagt allein dem Ball hinterher) (!Die letzte Linie läuft unabhängig weiter nach vorne) (!Alle Spieler wechseln gleichzeitig die Position)
Memory
| Gegenpressing | Sofortiger kollektiver Druck nach eigenem Ballverlust |
| Deckungsschatten | Durch Körperstellung blockierter Passweg |
| Restverteidigung | Absicherung hinter dem eigenen Angriff |
| Pressingauslöser | Signal für den gemeinsamen Zugriff |
| Kompaktheit | Geringe Abstände zwischen den Mannschaftsteilen |
| Umschaltmoment | Wechsel zwischen Angriffs- und Verteidigungsverhalten |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Taktische Wirkung |
|---|---|
| Bogenlauf | Druck auf den Ball und Abschirmen eines Passwegs |
| Nachschieben | Unterstützung der ersten Pressingwelle |
| Restverteidigung | Kontrolle der Räume hinter dem Angriff |
| Seitenlinienfalle | Begrenzung der gegnerischen Ausweichmöglichkeiten |
| Rückzug | Neuordnung nach verlorenem Zugriff |
| Ballrückgewinn | Möglichkeit zum direkten erneuten Angriff |
Kreuzworträtsel
| Gegenpressing | Wie heißt der sofortige Druck nach einem eigenen Ballverlust? |
| Kompaktheit | Welcher Begriff beschreibt geringe Abstände zwischen den Mannschaftsteilen? |
| Deckungsschatten | Wie heißt der durch die Körperstellung abgedeckte Passweg? |
| Restverteidigung | Wie heißt die Absicherung hinter dem eigenen Angriff? |
| Umschalten | Wie heißt der schnelle Wechsel zwischen Angriffs- und Verteidigungsverhalten? |
| Kompany | Wie lautet der Nachname des Bayern-Trainers, der seit 2024 Chefcoach ist? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Gegenpressing erkennen: Suche in einem Bayern-Spiel drei Ballverluste und entscheide jeweils, ob danach Gegenpressing, Rückzug oder ungeordnete Reaktion zu erkennen ist.
- Taktiktafel: Zeichne auf einem Fußballfeld einen Ballverlust im Halbraum ein und markiere die Laufwege von drei Spielern, die gemeinsam gegenpressen.
- Pressingauslöser: Formuliere fünf mögliche Signale, die nach einem Ballverlust einen sofortigen Zugriff begünstigen.
- Videoanalyse: Wähle eine Szene aus einem der eingebetteten Videos und beschreibe in höchstens 150 Wörtern die Aufgaben des ersten Pressingspielers.
Standard
- Restverteidigung analysieren: Stoppe ein Bayern-Video unmittelbar vor einem Ballverlust und bewerte die Positionen der absichernden Spieler.
- Spielsituation rekonstruieren: Stelle mit Mitschülerinnen und Mitschülern eine Situation an der Seitenlinie nach und teste zwei verschiedene Gegenpressing-Laufwege.
- Taktikvergleich: Vergleiche eine Szene erfolgreichen Gegenpressings mit einer Szene, in der der Gegner den Druck überspielt, und erkläre die entscheidenden Unterschiede.
- Trainingsplanung: Entwickle eine zehnminütige Spielform, in der Ballverlust, Sofortdruck und Rückzug als Entscheidungen trainiert werden.
Schwer
- Gegneranalyse: Entwirf einen Matchplan für eine Mannschaft, die Bayerns Gegenpressing bewusst überspielen möchte, und begründe mindestens drei taktische Mittel.
- Datenanalyse Fußball: Verbinde mindestens zwei statistische Kennzahlen mit Videoausschnitten und prüfe, ob die Zahlen Deine taktische Beobachtung wirklich stützen.
- Coachingprojekt: Filme eine eigene Trainingsform, analysiere drei Umschaltmomente und gib jedem beteiligten Spieler eine konkrete taktische Rückmeldung.
- Taktische Debatte: Diskutiere die These, dass eine hohe Verteidigungslinie für dominantes Gegenpressing notwendig, aber nicht hinreichend ist, und nutze Spielsituationen als Belege.


Lernkontrolle
- Analyse eines Ballverlusts: Du erhältst eine eingefrorene Spielsituation mit sechs Bayern-Spielern in der gegnerischen Hälfte. Entscheide, welche zwei Spieler den ersten Zugriff übernehmen sollten, welche Passwege geschlossen werden müssen und wer die Restverteidigung bildet.
- Gegenpressing oder Rückzug: Vergleiche zwei Situationen mit unterschiedlichen Spielerabständen und begründe, in welcher Bayern sofort gegenpressen sollte und in welcher ein Rückzug sinnvoller ist.
- Konterrisiko: Erkläre anhand einer selbst gezeichneten Spielsituation, warum ein aggressiver erster Pressinglauf gleichzeitig hilfreich und gefährlich sein kann.
- Trainingsübertragung: Übertrage die Prinzipien des Bayern-Gegenpressings auf eine Jugendmannschaft mit weniger Athletik und kleinerem Spielfeld. Begründe, welche Regeln Du vereinfachen würdest.
- Videoargumentation: Wähle eine Sequenz aus einem Analysevideo und belege mit mindestens drei sichtbaren Merkmalen, ob die Szene koordiniertes Gegenpressing zeigt.
- Taktische Anpassung: Ein Gegner löst Bayerns Druck wiederholt mit einem direkten Pass auf einen tiefen Sechser. Entwickle zwei unterschiedliche Anpassungen und diskutiere ihre Vor- und Nachteile.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du Gegenpressing präzise definieren und von anderen Pressingformen unterscheiden kannst. Du solltest Spielsituationen nicht nur benennen, sondern anhand von Spielerabständen, Körperstellung, Passwegen, Restverteidigung und Raumkontrolle begründet analysieren können.
- Du erklärst das Gegenpressing als Umschaltverhalten nach eigenem Ballverlust.
- Du erkennst geeignete und ungeeignete Situationen für sofortigen Zugriff.
- Du beschreibst die Aufgaben der ersten und zweiten Pressingwelle.
- Du erklärst die Bedeutung von Deckungsschatten und Kompaktheit.
- Du analysierst die Restverteidigung hinter einem hohen Angriff.
- Du bewertest die Chancen und Risiken einer hohen Verteidigungslinie.
- Du kannst aus einer Video- oder Spielsituation eine begründete taktische Handlungsempfehlung ableiten.
- Du kannst ein einfaches Trainingsformat entwickeln, das Wahrnehmung, Entscheidung und kollektives Umschalten schult.
OERs zum Thema
Verknüpfte Lernbereiche
Gegenpressing verbindet technische, taktische und konditionelle Aspekte des Fußballs. Besonders wichtig sind Wahrnehmung, Entscheidungsgeschwindigkeit, Raumkontrolle, Kommunikation und kollektives Verhalten nach Ballverlust. Beim FC Bayern wird sichtbar, wie eng eigener Ballbesitz, hohe Feldposition, Gegenpressing und Restverteidigung zusammenhängen.
aiMOOC-Projekte
MOOCwiki · Deutsch
Nach dem Lernen ist vor dem Lernen
Entdecke direkt den nächsten Lernkurs. Weitere Inhalte erscheinen, wenn Du weiter nach unten scrollst.
Zur MOOCwiki-HauptseiteMediathek
Mediathek
Mediathek wird aus dem Wiki geladen ...
Keine passenden Inhalte gefunden. Bitte ändere Suche oder Filter.
NEWSLernweltNOAH fragen