Realismus - Kunst 1


Realismus - Kunst 1
Realismus - Kunst
Zielgruppe: Sekundarstufe I und Sekundarstufe II
Fach: Kunst
Thema: Realismus in der Kunst des 19. Jahrhunderts
Einleitung
Der Realismus entstand in Europa um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Künstlerinnen und Künstler richteten ihren Blick auf den sichtbaren Alltag, auf Arbeit, Armut, Landschaft und gesellschaftliche Unterschiede. Sie wollten die Wirklichkeit nicht idealisieren, sondern genau beobachten und glaubwürdig gestalten.
Realistische Bilder sind trotzdem keine neutralen Kopien der Welt. Durch Bildkomposition, Ausschnitt, Farbe, Licht und Figurenanordnung entscheiden Kunstschaffende, wie wir die dargestellte Wirklichkeit wahrnehmen.

Gustave Courbet: „Die Steinbrecher“, 1849/50. Harte körperliche Arbeit wird zum Hauptthema eines großen Gemäldes.
Lernziele
Nach diesem aiMOOC kannst Du:
- Realismus zeitlich und historisch einordnen.
- wichtige Merkmale realistischer Kunst erkennen.
- Werke von Gustave Courbet, Jean-François Millet, Honoré Daumier, Rosa Bonheur und Adolph von Menzel untersuchen.
- realistische Bilder mit Fachbegriffen beschreiben und deuten.
- Realismus von Romantik, Naturalismus und Impressionismus unterscheiden.
- ein eigenes realistisches Kunstprojekt entwickeln.
Was bedeutet Realismus?
Das Wort Realismus verweist auf die Wirklichkeit. In der Kunst bezeichnet es eine Haltung, die sich an genauer Beobachtung orientiert. Typische Motive sind gewöhnliche Menschen, tägliche Arbeit, einfache Innenräume, Dörfer, Städte und Landschaften.
| Leitfrage | Antwort des Realismus |
|---|---|
| Wer wird dargestellt? | Bauern, Arbeiterinnen, Reisende, Familien und Menschen aus dem Alltag |
| Was wird vermieden? | Idealisierung, Heldenpathos und erfundene Traumwelten |
| Wie wird gestaltet? | anschaulich, körperlich, detailreich und häufig mit erdigen Farben |
| Welche Wirkung entsteht? | Nähe zur Lebenswirklichkeit und oft ein kritischer Blick auf Gesellschaft |
Historischer Hintergrund
Der Realismus entwickelte sich während großer Veränderungen des 19. Jahrhunderts. Industrialisierung, neue Verkehrswege, wachsende Städte und soziale Ungleichheit veränderten das Leben vieler Menschen. Zugleich stellten Künstler die Regeln der traditionellen Akademiekunst infrage.
Anstelle antiker Helden oder romantischer Fantasien erschienen nun Menschen bei der Feldarbeit, in Fabriken, Eisenbahnwagen oder bei einem Begräbnis. Damit wurden Alltag und Gegenwart zu ernsthaften Themen der Kunst.

Adolph von Menzel: „Das Eisenwalzwerk“, 1872–1875. Hitze, Maschinen und körperliche Arbeit prägen die Szene.
Merkmale realistischer Kunst
| Merkmal | Woran erkennst Du es? |
|---|---|
| Alltagsmotiv | Gewöhnliche Situationen werden bildwürdig. |
| Beobachtung | Körper, Kleidung, Werkzeuge und Räume wirken glaubwürdig. |
| Soziale Wirklichkeit | Arbeit, Armut und gesellschaftliche Unterschiede werden sichtbar. |
| Farbgestaltung | Häufig dominieren Braun-, Grau-, Grün- und Ockertöne. |
| Komposition | Figuren erscheinen körperlich präsent und fest in ihrer Umgebung. |
| Verzicht auf Idealisierung | Menschen werden nicht schöner, heldenhafter oder edler dargestellt, als sie wirken. |
| Gegenwart | Die Kunst beschäftigt sich mit der eigenen Zeit. |
Merke: Ein realistisches Bild kann genau wirken und zugleich eine deutliche Haltung zeigen. Schon die Wahl des Motivs kann gesellschaftliche Bedeutung haben.
Künstlerinnen, Künstler und Werke
Gustave Courbet
Gustave Courbet gilt als zentrale Figur des französischen Realismus. Er malte Menschen aus seiner Heimatregion, Landschaften und Alltagsszenen in großen Formaten.

„Ein Begräbnis in Ornans“, 1849/50. Die Dorfgemeinschaft erscheint ohne feierliche Idealisierung.
Jean-François Millet
Jean-François Millet stellte besonders das bäuerliche Leben dar. Seine Figuren wirken schwer, ruhig und eng mit dem Boden verbunden.

„Die Ährenleserinnen“, 1857. Drei Frauen sammeln nach der Ernte übrig gebliebene Ähren.
Honoré Daumier
Honoré Daumier beobachtete das moderne Stadtleben. In Gemälden, Zeichnungen und Karikaturen zeigte er Reisende, Gerichte, Politik und soziale Gegensätze.

„Der Wagen dritter Klasse“, um 1862–1864. Enge, Müdigkeit und Nähe bestimmen die Situation.
Rosa Bonheur
Rosa Bonheur wurde für genaue Tier- und Landschaftsdarstellungen bekannt. Sie beobachtete Bewegungen, Körperbau und Arbeitssituationen sorgfältig.

„Pflügen im Nivernais“, 1849. Tiere, Menschen, Erde und Zugkraft bilden ein gemeinsames Arbeitssystem.
Realismus in Deutschland und Europa
In Deutschland untersuchten Künstler wie Adolph von Menzel und Wilhelm Leibl Arbeitswelt, Innenräume und genau beobachtete Figuren. In Russland wurde Ilja Jefimowitsch Repin zu einem bedeutenden Vertreter realistischer Malerei.

Wilhelm Leibl: „Drei Frauen in der Kirche“, 1878–1882.

Ilja Jefimowitsch Repin: „Die Wolgatreidler“, 1870–1873.
Bilder untersuchen
Nutze bei einer Bildanalyse die Reihenfolge Sehen – Beschreiben – Analysieren – Deuten – Belegen.
| Schritt | Frage |
|---|---|
| Sehen | Was fällt Dir zuerst auf? |
| Beschreiben | Welche Menschen, Gegenstände, Räume und Handlungen erkennst Du? |
| Analysieren | Wie wirken Komposition, Farbe, Licht, Perspektive und Körperhaltung? |
| Deuten | Welche Aussage über Alltag oder Gesellschaft könnte das Bild vermitteln? |
| Belegen | Welche sichtbaren Einzelheiten stützen Deine Deutung? |
Wichtig: Trenne zunächst Beobachtung und Deutung. Nenne Belege aus dem Bild.
Vergleich mit anderen Kunstrichtungen
| Kunstrichtung | Schwerpunkt | Unterschied zum Realismus |
|---|---|---|
| Romantik | Gefühl, Sehnsucht, Naturerlebnis und Fantasie | Wirklichkeit kann gesteigert, geheimnisvoll oder symbolisch erscheinen. |
| Realismus | Alltag, Beobachtung und gesellschaftliche Gegenwart | Gewöhnliche Motive werden ernst genommen. |
| Naturalismus | möglichst genaue Wiedergabe sichtbarer Erscheinungen | Die Nachahmung der Natur kann noch stärker im Vordergrund stehen. |
| Impressionismus | Licht, Farbe und flüchtiger Augenblick | Die momentane Wahrnehmung wird wichtiger als soziale Erzählung. |
Bedeutung für die Gegenwart
Die Grundfrage des Realismus ist bis heute aktuell: Welche Wirklichkeit wird sichtbar gemacht? Dokumentarfotografie, Film, Reportage, Comics und zeitgenössische Kunst zeigen weiterhin Arbeit, Wohnen, Migration, Konsum oder soziale Ungleichheit.
Dabei bleibt jede Darstellung eine Auswahl. Perspektive, Ausschnitt und Zeitpunkt beeinflussen, wie ein Bild verstanden wird.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welches Ziel ist für den Realismus besonders typisch? (Die sichtbare Wirklichkeit ohne Idealisierung darzustellen) (!Eine Traumwelt mit Fabelwesen zu erfinden) (!Nur antike Götter zu malen) (!Farben vollständig zu vermeiden)
Wann entwickelte sich der Realismus als europäische Kunstbewegung? (Um die Mitte des 19. Jahrhunderts) (!Im frühen Mittelalter) (!In der griechischen Antike) (!Erst nach dem Jahr 2000)
Welches Motiv passt besonders gut zum Realismus? (Menschen bei ihrer täglichen Arbeit) (!Ein schwebender Palast im Weltraum) (!Eine erfundene Götterversammlung) (!Ein märchenhafter Zauberwald ohne Menschen)
Welcher Künstler gilt als zentrale Figur des französischen Realismus? (Gustave Courbet) (!Piet Mondrian) (!Salvador Dalí) (!Wassily Kandinsky)
Wer malte Die Ährenleserinnen? (Jean-François Millet) (!Claude Monet) (!Pablo Picasso) (!Albrecht Dürer)
Welches Werk stammt von Honoré Daumier? (Der Wagen dritter Klasse) (!Der Schrei) (!Die Sternennacht) (!Komposition Acht)
Welcher Künstler malte Das Eisenwalzwerk? (Adolph von Menzel) (!Paul Klee) (!Franz Marc) (!Joan Miró)
Welche Farben treten in vielen realistischen Gemälden häufig auf? (Erdige und gedämpfte Farbtöne) (!Ausschließlich leuchtendes Neonpink) (!Nur reines Weiß) (!Nur Gold und Silber)
Wodurch unterscheidet sich der Realismus häufig von der Romantik? (Durch den stärkeren Blick auf Alltag und Gegenwart) (!Durch die ausschließliche Darstellung von Träumen) (!Durch den Verzicht auf beobachtbare Motive) (!Durch die vollständige Auflösung aller Figuren)
Warum ist ein realistisches Bild keine neutrale Kopie der Welt? (Weil Motiv Ausschnitt und Gestaltung ausgewählt werden) (!Weil realistische Bilder keine Farben besitzen) (!Weil im Realismus niemals Menschen vorkommen) (!Weil alle realistischen Werke Fotografien sind)
Memory
| Gustave Courbet | Die Steinbrecher |
| Jean-François Millet | Die Ährenleserinnen |
| Honoré Daumier | Der Wagen dritter Klasse |
| Rosa Bonheur | Pflügen im Nivernais |
| Adolph von Menzel | Das Eisenwalzwerk |
| Ilja Repin | Die Wolgatreidler |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Bedeutung |
|---|---|
| Alltagsmotiv | gewöhnliche Situation |
| Idealisierung | verschönernde Überhöhung |
| Komposition | Anordnung der Bildelemente |
| Industrialisierung | Ausbreitung maschineller Produktion |
| Sozialkritik | Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen |
Kreuzworträtsel
| Courbet | Welcher französische Maler machte den Realismus zu seinem Programm? |
| Millet | Wer malte die Ährenleserinnen? |
| Daumier | Wer stellte häufig Reisende und städtisches Leben dar? |
| Alltag | Welcher Lebensbereich wurde im Realismus besonders wichtig? |
| Arbeiter | Welche Personengruppe erscheint häufig bei körperlicher Tätigkeit? |
| Sachlichkeit | Welche nüchterne Haltung gilt als Merkmal realistischer Darstellung? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Bilddetektiv: Suche in einem Werk drei sichtbare Hinweise auf Alltag oder Arbeit und beschreibe sie in ganzen Sätzen.
- Farbpalette: Erstelle aus einem realistischen Gemälde eine Palette mit sechs Farbfeldern und benenne deren Wirkung.
- Standbild: Stelle mit einer Gruppe die Körperhaltungen eines realistischen Bildes nach und fotografiere das Ergebnis.
- Bildtitel: Erfinde drei alternative Titel für ein Werk und begründe, welcher Titel die Bildaussage am besten trifft.
Standard
- Bildvergleich: Vergleiche ein realistisches Gemälde mit einem romantischen Werk nach Motiv, Farbe, Licht und Wirkung.
- Alltagszeichnung: Zeichne eine Person bei einer gewöhnlichen Tätigkeit genau nach Beobachtung und ohne Idealisierung.
- Fotoreportage: Erstelle eine Serie aus fünf Fotos zum Thema „Arbeit in unserer Schule“ und achte auf respektvolle Darstellung.
- Audioguide: Produziere einen zweiminütigen Audioguide zu einem Werk und verbinde Beschreibung, Analyse und Deutung.
Schwer
- Kuratorisches Konzept: Plane eine kleine Ausstellung mit vier realistischen Werken und formuliere einen gemeinsamen Leitgedanken.
- Medienkritik: Untersuche, wie zwei aktuelle Bilder dieselbe gesellschaftliche Wirklichkeit unterschiedlich darstellen.
- Künstlerisches Projekt: Gestalte ein realistisches Bild zu einem heutigen Alltagsthema und dokumentiere Deine Entscheidungen.
- Forschungsinterview: Befrage eine Person zu körperlicher oder unsichtbarer Arbeit und entwickle daraus ein respektvolles Bildkonzept.


Lernkontrolle
- Bildargumentation: Erkläre an drei sichtbaren Belegen, warum ein ausgewähltes Werk dem Realismus zugeordnet werden kann.
- Epochenvergleich: Untersuche, wie Romantik und Realismus dasselbe Motiv unterschiedlich gestalten könnten.
- Perspektivwechsel: Beschreibe ein realistisches Bild aus Sicht einer dargestellten Person und prüfe anschließend, welche Aussagen durch das Bild belegt sind.
- Gegenwartsbezug: Wähle ein heutiges Alltagsthema und begründe, wie eine realistische Künstlerin oder ein realistischer Künstler es darstellen könnte.
- Wirkungsanalyse: Verändere gedanklich Ausschnitt, Farbe oder Figurenanordnung eines Werkes und erläutere, wie sich dadurch seine Aussage verändert.
- Ethische Bildkritik: Entwickle Regeln für eine respektvolle Darstellung von Armut, Arbeit oder sozialer Ungleichheit.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu diesem Thema sind wichtig:
- eine sichere Einordnung des Realismus in das 19. Jahrhundert.
- die Anwendung von Fachbegriffen wie Komposition, Farbgestaltung, Perspektive, Körperhaltung und Idealisierung.
- eine nachvollziehbare Bildanalyse mit sichtbaren Belegen.
- ein begründeter Vergleich mit mindestens einer anderen Kunstrichtung.
- die Erklärung des Zusammenhangs zwischen Kunst, Alltag und gesellschaftlichem Wandel.
- ein eigenes gestalterisches Ergebnis mit kurzer Reflexion.
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