Die Studentenbewegung von 1968 - Geschichte


Die Studentenbewegung von 1968 - Geschichte
Die Studentenbewegung von 1968 - Geschichte
Studienfach: Geschichte · Neuere und Neueste Geschichte · Zeitgeschichte

Einleitung
Die Studentenbewegung der späten 1960er Jahre gehört zu den umstrittensten Themen der Zeitgeschichte. „1968“ bezeichnet dabei nicht nur ein Kalenderjahr und auch keine einheitliche Organisation. Der Begriff bündelt unterschiedliche soziale Bewegungen, Protestmilieus und Gegenkulturen, die in verschiedenen Ländern eigene Ursachen, Ziele und Verlaufsformen hatten. In der Bundesrepublik Deutschland und in West-Berlin verbanden sich Forderungen nach einer Hochschulreform, nach gesellschaftlicher Demokratisierung und nach einer konsequenten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus mit Protesten gegen den Vietnamkrieg, die Große Koalition und die Notstandsgesetze.[1]
Dieser aiMOOC untersucht die Bewegung nicht als Heldengeschichte und nicht als bloße Vorgeschichte des Linksterrorismus. Du analysierst vielmehr, wie politische Ideen, Generationserfahrungen, Medien, staatliche Reaktionen, internationale Ereignisse, Geschlechterverhältnisse und neue Protestformen zusammenwirkten. Dabei lernst Du, zwischen zeitgenössischen Selbstdeutungen, späteren Erinnerungen und geschichtswissenschaftlichen Interpretationen zu unterscheiden.
Lernziele
Nach der Bearbeitung kannst Du die 68er-Bewegung zeitlich und begrifflich einordnen, zentrale Akteurinnen und Akteure benennen, wichtige Ereignisse quellenkritisch untersuchen und die westdeutsche Entwicklung mit Protestbewegungen in anderen Ländern vergleichen. Du kannst außerdem erklären, warum die Folgen von „1968“ in der Forschung kontrovers beurteilt werden und weshalb gesellschaftlicher Wandel nicht monokausal einer einzigen Bewegung zugeschrieben werden darf.
Leitfragen
- Ursachen: Welche politischen, sozialen, kulturellen und internationalen Bedingungen begünstigten die Proteste?
- Akteure: Wer beteiligte sich, wer blieb ausgeschlossen und welche inneren Konflikte prägten die Bewegung?
- Protestformen: Wie funktionierten Demonstrationen, Sit-ins, Go-ins, Teach-ins, Flugblätter und symbolische Regelverletzungen?
- Transnationale Verflechtung: Was verband Proteste in Berlin, Paris, Berkeley, Prag, Warschau, Mexiko-Stadt und Tokio?
- Wirkungen: Welche politischen, kulturellen und institutionellen Veränderungen lassen sich plausibel mit der Bewegung verbinden?
- Erinnerung: Warum wird „1968“ bis heute als Chiffre für Befreiung, Konflikt, Gewalt oder Wertewandel verwendet?
Begriff, Zeitraum und Forschungsproblem
Warum „1968“ mehr als ein Jahr bezeichnet
Die Bezeichnung 68er-Bewegung entstand als nachträgliche Sammelbezeichnung. Viele entscheidende Entwicklungen begannen früher: Das Free Speech Movement in Berkeley formierte sich 1964, westdeutsche Hochschulkonflikte verschärften sich seit der Mitte der 1960er Jahre, und der Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 wurde zu einem Wendepunkt. Andere Dynamiken reichten über 1968 hinaus, etwa die neue Frauenbewegung, die K-Gruppen, die neuen sozialen Bewegungen und die Auseinandersetzungen um politische Gewalt.
Historikerinnen und Historiker sprechen deshalb häufig von einem langen „1968“. Diese Periodisierung lenkt den Blick auf Prozesse statt auf ein isoliertes Ereignis. Zugleich darf die Sammelbezeichnung Unterschiede nicht verdecken: Der französische Mai 1968 verband Studierendenprotest mit einem massenhaften Arbeitskampf, der Prager Frühling war eine Reformbewegung innerhalb eines staatssozialistischen Systems, und die mexikanische Studentenbewegung wurde kurz vor den Olympischen Spielen brutal unterdrückt.[2]
Studentenbewegung, APO und Neue Linke
Eine Studentenbewegung ist eine politische Mobilisierung, die wesentlich von Studierenden ausgeht, aber nicht auf Hochschulpolitik beschränkt sein muss. Die westdeutsche Bewegung war Teil der Neuen Linken, die sich sowohl von der etablierten Sozialdemokratie als auch vom autoritären Staatssozialismus abgrenzte. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund wurde nach der Trennung von der SPD zu einer wichtigen Organisation dieses Milieus. Er war jedoch nie mit der gesamten Bewegung identisch.
Die Außerparlamentarische Opposition entstand im Umfeld der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD. Da die parlamentarische Opposition im Bundestag klein war, verstanden sich zahlreiche Gruppen als gesellschaftliches Korrektiv außerhalb des Parlaments. Zur APO gehörten neben Studierenden auch Intellektuelle, Gewerkschaftsmitglieder, kirchliche Friedensgruppen und weitere Initiativen. Ihre Zusammensetzung, Ziele und Aktionsformen blieben heterogen.[3]
Quellenkritischer Hinweis
Der Begriff „Generation“ ist analytisch nützlich, kann aber täuschen. Nicht alle jungen Menschen protestierten, nicht alle Protestierenden waren jung, und nur eine Minderheit der Studierenden war dauerhaft organisiert. Fotografien zeigen häufig spektakuläre Situationen und können dadurch den Eindruck einer geschlossenen Massenbewegung erzeugen. Zeitzeugeninterviews sind wertvoll, werden aber durch spätere Erfahrungen und öffentliche Debatten mitgeprägt. Presseberichte spiegeln politische Interessen, redaktionelle Auswahl und zeitgenössische Feindbilder. Historisches Arbeiten verlangt deshalb Quellenkritik, Kontextualisierung und den Vergleich unterschiedlicher Überlieferungen.
Voraussetzungen der Protestbewegung
Gesellschaftlicher Wandel und Bildungsexpansion
Die Bundesrepublik erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlichen Aufschwung, wachsenden Konsum und eine Ausweitung höherer Bildung. Die Zahl der Studierenden stieg, während viele Universitäten an hierarchischen Strukturen, überfüllten Lehrveranstaltungen und traditionellen Ordinarienmodellen festhielten. Die Spannung zwischen sozialer Modernisierung und institutioneller Beharrung förderte Reformforderungen. Bildung blieb zugleich sozial ungleich verteilt.
Die Protestgeneration wuchs in einer Gesellschaft auf, deren Eliten teilweise personelle Kontinuitäten zur Zeit des Nationalsozialismus aufwiesen. Prozesse gegen nationalsozialistische Täter, öffentliche Kontroversen und private Konflikte mit der Elterngeneration verstärkten die Frage, wie ernst die Bundesrepublik ihre demokratische Neugründung nahm. Die Bewegung war nicht die erste Kraft der Vergangenheitsaufarbeitung, trug aber dazu bei, das Thema stärker in Universitäten, Medien und Familien zu politisieren.
Kalter Krieg, Dekolonisation und Vietnamkrieg
Der Kalte Krieg prägte politische Wahrnehmungen. Viele Aktivistinnen und Aktivisten deuteten den Vietnamkrieg als Beispiel imperialer Gewalt und solidarisierten sich mit antikolonialen Befreiungsbewegungen. Bilder von Bombardierungen, Napalmopfern und zerstörten Dörfern erzeugten weltweit Empörung. Zugleich idealisierten Teile der Bewegung revolutionäre Bewegungen und unterschätzten autoritäre Tendenzen in kommunistischen Staaten.

Der Vietnamprotest verband lokale Hochschulkonflikte mit globalen Fragen. Beim Internationalen Vietnamkongress im Februar 1968 in West-Berlin wurde diese transnationale Orientierung besonders sichtbar. Rudi Dutschke gehörte zu den bekanntesten Rednern. Er vertrat die Vorstellung, durch aufklärende und provozierende Aktionen gesellschaftliche Widersprüche sichtbar zu machen.
Große Koalition und Notstandsgesetze
Die Bildung der Großen Koalition 1966 verstärkte die Sorge, parlamentarische Kontrolle könne geschwächt werden. Besonders umstritten waren die geplanten Notstandsgesetze, die staatliche Handlungsmöglichkeiten in Krisenlagen verfassungsrechtlich regeln sollten. Befürworter betrachteten sie als notwendige Ergänzung des Grundgesetzes. Gegner befürchteten unter dem Eindruck der deutschen Geschichte einen Abbau von Grundrechten und eine Gefährdung der Demokratie.

Am 11. Mai 1968 demonstrierten beim Sternmarsch auf Bonn Zehntausende gegen die Notstandsgesetze. Der Bundestag verabschiedete sie am 30. Mai 1968. Der Protest verhinderte die Gesetzgebung nicht, machte aber Konflikte über Sicherheit, Freiheit und demokratische Kontrolle öffentlich sichtbar.[4]
Akteure, Organisationen und politische Ideen
Der SDS und das antiautoritäre Milieu
Der SDS war ein zentraler Knotenpunkt, aber keine einheitliche Partei. In ihm konkurrierten marxistische, antiautoritäre, sozialistische und rätekommunistische Positionen. Diskutiert wurden Schriften von Karl Marx, Rosa Luxemburg, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und antikolonialen Autoren. Die Frankfurter Schule beeinflusste Teile der Bewegung, doch das Verhältnis zwischen kritischer Theorie und studentischem Aktivismus war konfliktreich.
Rudi Dutschke wurde durch Reden, Interviews und mediale Personalisierung zum bekanntesten Gesicht der westdeutschen Bewegung. Eine Konzentration auf ihn kann jedoch andere Beteiligte, lokale Gruppen und weibliche Aktivistinnen unsichtbar machen. Die Bewegung bestand aus Netzwerken, Wohngemeinschaften, Hochschulgruppen, Republikanischen Clubs, Zeitschriftenredaktionen und informellen Aktionszusammenhängen.
Frauen in der Bewegung und die „Revolte in der Revolte“
Frauen organisierten Demonstrationen, verfassten Texte, leisteten politische Bildungsarbeit und trugen die alltägliche Infrastruktur der Bewegung. Gleichzeitig blieben Führungsrollen häufig männlich besetzt. Aktivistinnen kritisierten, dass Genossen gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse analysierten, aber traditionelle Arbeitsteilung und männliche Dominanz im eigenen Umfeld reproduzierten.
Am 13. September 1968 kritisierte Helke Sander auf einer Delegiertenkonferenz des SDS die Trennung zwischen öffentlicher Politik und angeblich privaten Problemen. Als die Leitung ohne Debatte fortfahren wollte, warf Sigrid Damm-Rüger Tomaten in Richtung des Podiums. Der Tomatenwurf wurde später zu einem Symbol für den Aufbruch der neuen Frauenbewegung. Er war nicht deren einzige Ursache, bündelte aber bereits vorhandene Konflikte um Kinderbetreuung, Hausarbeit, Sexualität und politische Repräsentation.[5]
Diese Perspektive verändert die Geschichtsschreibung: „1968“ erscheint nicht nur als Konflikt zwischen einer jungen und einer älteren Generation, sondern auch als Auseinandersetzung innerhalb der Linken über Geschlechterverhältnisse, Alltag und die Reichweite des Politischen.
Medien, Gegenöffentlichkeit und Springer-Kritik
Flugblätter, Wandzeitungen, Plakate, alternative Zeitschriften und öffentliche Diskussionen schufen eine Gegenöffentlichkeit. Aktionen wurden zugleich für Kameras und Pressebilder inszeniert. Die Bewegung kritisierte besonders den Axel Springer Verlag, dem sie eine aggressive Kampagne gegen Studierende und gegen Rudi Dutschke vorwarf. Die Auseinandersetzung zeigt, dass Medien nicht nur über Protest berichten, sondern dessen Wahrnehmung, Reichweite und Dynamik mitprägen.
Schlüsselereignisse in West-Berlin und der Bundesrepublik
Der 2. Juni 1967 und der Tod Benno Ohnesorgs
Am 2. Juni 1967 protestierten Studierende in West-Berlin gegen den Besuch des iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi. Bei einem Polizeieinsatz wurde der Student Benno Ohnesorg von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen. Ohnesorg hatte erstmals an einer Demonstration teilgenommen. Sein Tod, die polizeiliche und politische Reaktion sowie die zunächst verbreiteten Deutungen des Geschehens erschütterten das Vertrauen vieler Studierender in staatliche Institutionen.

Das Ereignis wurde zum Mobilisierungsschub. Für die historische Analyse ist wichtig, zwischen dem tatsächlichen Ablauf, zeitgenössischen Pressemeldungen, juristischen Verfahren und späteren Erkenntnissen zu unterscheiden. 2009 wurde bekannt, dass Kurras als inoffizieller Mitarbeiter für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR tätig gewesen war. Daraus folgt jedoch kein belegter Auftrag der Staatssicherheit zur Tötung Ohnesorgs.
Das Attentat auf Rudi Dutschke und die Osterunruhen
Am 11. April 1968 schoss ein rechtsgerichteter Attentäter in West-Berlin auf Rudi Dutschke und verletzte ihn lebensgefährlich. Viele Aktivistinnen und Aktivisten machten die aufgeheizte öffentliche Stimmung und insbesondere die Berichterstattung von Springer-Zeitungen mitverantwortlich. In mehreren Städten kam es zu Protesten und Blockaden gegen die Auslieferung von Springer-Zeitungen. Diese „Osterunruhen“ waren von Zusammenstößen, Sachbeschädigungen und heftigen Polizeieinsätzen geprägt.


Die Eskalation verschärfte Debatten über legitimen Protest, Gegengewalt, Pressefreiheit und politische Verantwortung. Historisch unzureichend wäre sowohl die pauschale Gleichsetzung der Bewegung mit Gewalt als auch die Verharmlosung gewaltsamer Handlungen.
Hochschulkonflikte und neue Aktionsformen
Die Bewegung experimentierte mit Sit-ins, Teach-ins, Go-ins, Institutsbesetzungen, Vorlesungsstörungen, Straßentheater und symbolischer Provokation. Diese Formen sollten traditionelle Autorität unterbrechen und Beteiligung ermöglichen. Sie konnten Diskussionen öffnen, aber auch die Rechte Andersdenkender beeinträchtigen. An vielen Hochschulen ging es um Mitbestimmung, Prüfungsordnungen, Lehrinhalte, personelle Kontinuitäten und die gesellschaftliche Funktion von Wissenschaft.
Ein bekannter Protestspruch lautete „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“. Er verband Kritik an universitären Hierarchien mit dem Vorwurf unzureichender Aufarbeitung nationalsozialistischer Vergangenheit. Für die Quellenanalyse ist zu fragen, wer den Spruch verwendete, in welcher Situation er fotografiert wurde und warum er später zum Erinnerungsbild einer ganzen Epoche wurde.
Zeitleiste 1964 bis 1970
| Zeitraum | Ereignis | Historische Bedeutung |
|---|---|---|
| 1964 | Free Speech Movement an der University of California, Berkeley | Frühes Modell studentischer Mobilisierung für Redefreiheit und politische Beteiligung |
| 1965 bis 1966 | Wachsende Konflikte an westdeutschen Hochschulen | Verbindung von Hochschulreform, internationaler Politik und Kritik an Autoritäten |
| 2. Juni 1967 | Tod Benno Ohnesorgs in West-Berlin | Mobilisierung und Vertrauenskrise gegenüber Polizei, Justiz und Politik |
| Februar 1968 | Internationaler Vietnamkongress in West-Berlin | Sichtbare transnationale Vernetzung des Anti-Vietnam-Protests |
| 11. April 1968 | Attentat auf Rudi Dutschke | Auslöser der Osterunruhen und weiterer Radikalisierung |
| Mai 1968 | Proteste gegen die Notstandsgesetze | Höhepunkt der westdeutschen außerparlamentarischen Mobilisierung |
| Mai und Juni 1968 | Studierenden- und Arbeiterproteste in Frankreich | Beispiel für die Verbindung von Kulturrevolte, politischer Krise und Generalstreik |
| August 1968 | Niederschlagung des Prager Frühlings | Krise sozialistischer Hoffnungen und Kritik am sowjetischen Machtblock |
| 2. Oktober 1968 | Massaker von Tlatelolco in Mexiko-Stadt | Beispiel massiver staatlicher Repression gegen eine Studentenbewegung |
| September 1968 | Rede Helke Sanders und Tomatenwurf | Symbolischer Impuls für autonome feministische Organisierung |
| 1969 bis 1970 | Fragmentierung der Bewegung und Auflösung des SDS | Übergang in Parteien, Initiativen, K-Gruppen, Berufsarbeit und teilweise militante Untergrundgruppen |
Protest als politische Praxis
Demonstration, Provokation und ziviler Ungehorsam
Protest ist nicht nur Ausdruck vorhandener Überzeugungen, sondern erzeugt Gemeinschaft, Symbole und öffentliche Aufmerksamkeit. Die 68er entwickelten ein Repertoire, das politische Versammlung mit kultureller Inszenierung verband. Humor, Ironie und Regelverletzung sollten starre Kommunikationsformen aufbrechen. Begriffe wie „Sponti-Aktion“ oder „Spaßguerilla“ verweisen auf diese experimentelle Seite.
Die Bewertung solcher Handlungen hängt von Kriterien ab: War die Aktion gewaltfrei? Wurden Menschen eingeschüchtert? War das Ziel demokratische Teilhabe oder die Verhinderung fremder Rede? Welche Alternativen standen zur Verfügung? Eine historische Analyse ersetzt moralische Urteile nicht, macht aber ihre Maßstäbe transparent.
Theorie und Praxis
Teile der Bewegung wollten nicht nur einzelne Reformen, sondern die gesellschaftlichen Grundlagen von Herrschaft verändern. Sie diskutierten Kapitalismus, Entfremdung, Konsum, Imperialismus und autoritäre Persönlichkeit. Die Formel von der „Einheit von Theorie und Praxis“ verlangte, wissenschaftliche Kritik in politisches Handeln zu übersetzen. In der Umsetzung entstanden Konflikte zwischen langfristiger Aufklärung, institutioneller Reform, revolutionärer Erwartung und unmittelbarer Aktion.
Der Körper und das Private als politische Felder
Kleidung, Musik, Wohngemeinschaften, Sexualität, Kindererziehung und partnerschaftliche Beziehungen wurden zu Feldern gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Gegenkulturelle Lebensformen stellten bürgerliche Normen infrage. Dennoch wäre es verkürzt, jede Liberalisierung der 1960er und 1970er Jahre allein der Studentenbewegung zuzuschreiben. Massenkonsum, neue Medien, medizinische Entwicklungen, internationale Jugendkulturen, wirtschaftlicher Wandel und länger bestehende Reforminitiativen wirkten ebenfalls.
„1968“ als globales und transnationales Phänomen
Vereinigte Staaten
In den USA verbanden sich Hochschulproteste mit der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, dem Widerstand gegen den Vietnamkrieg und Konflikten um Wehrpflicht, Rassismus und Universitätsverwaltung. Das Free Speech Movement in Berkeley und die Besetzung der Columbia University 1968 wurden international wahrgenommen. Gleichzeitig hatten schwarze Bürgerrechts- und Befreiungsbewegungen eigene Traditionen, Ziele und Erfahrungen, die nicht auf studentische Rebellion reduziert werden dürfen.
Frankreich: Mai 1968
In Frankreich begannen Konflikte an Universitäten und eskalierten im Mai 1968 in Paris. Barrikadenkämpfe, Hochschulbesetzungen und Polizeigewalt wurden von einem umfassenden Streik erfasst. Millionen Beschäftigte legten die Arbeit nieder. Dadurch entstand eine politische Krise, die weit über ein studentisches Milieu hinausging.


Plakate aus besetzten Kunsthochschulen zeigen die Bedeutung visueller Kommunikation. Sie waren zugleich Gebrauchsgrafik, politische Intervention und kollektive Produktion. Bei ihrer Analyse solltest Du Bildsprache, Text, Herstellungsweise, Adressaten und Verbreitung untersuchen.
Tschechoslowakei und Polen
Der Prager Frühling zielte unter Alexander Dubček auf einen reformierten Sozialismus mit größeren Freiheiten. Im August 1968 beendeten Truppen des Warschauer Paktes den Reformprozess militärisch. Dieses Ereignis stellte westliche Linke vor die Frage, wie sie sich zum sowjetischen Staatssozialismus verhielten. In Polen protestierten Studierende im März 1968 gegen Zensur und politische Repression; die staatliche Kampagne verband Unterdrückung mit Antisemitismus.

Mexiko, Japan und weitere Schauplätze
In Mexiko forderten Studierende demokratische Rechte und ein Ende staatlicher Repression. Am 2. Oktober 1968 schossen Sicherheitskräfte in Tlatelolco auf eine Versammlung. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute Gegenstand der Forschung. Das Ereignis macht sichtbar, dass „1968“ nicht überall mit langfristiger Liberalisierung verbunden war, sondern auch mit tödlicher Gewalt und autoritärer Herrschaft.
In Japan mobilisierten unterschiedliche Studentenverbände gegen den Sicherheitsvertrag mit den USA, den Vietnamkrieg und universitäre Strukturen. In Italien verbanden sich studentische Kämpfe mit Arbeitskonflikten, die 1969 im „Heißen Herbst“ kulminierten. Transnationale Geschichte fragt nicht nur nach Ähnlichkeiten, sondern nach konkreten Transfers: Reisen, Übersetzungen, Fernsehbilder, Musik, Flugblätter, internationale Kongresse und persönliche Netzwerke.
DDR, Ost-West-Konflikt und geteilte Wahrnehmungen
In der DDR existierte keine vergleichbare freie Studentenbewegung. Staat und SED beobachteten westliche Proteste aufmerksam und versuchten, den Anti-Vietnam-Protest propagandistisch zu nutzen. Zugleich unterdrückten sie unabhängige Kritik im eigenen Land. Die Niederschlagung des Prager Frühlings löste auch in der DDR vereinzelte Proteste aus.
Für westdeutsche Aktivistinnen und Aktivisten war das Verhältnis zur DDR widersprüchlich. Manche kritisierten beide Machtblöcke, andere sahen im Sozialismus eine Alternative zum Kapitalismus und blendeten Repression aus. Die spätere Entdeckung der Stasi-Tätigkeit Karl-Heinz Kurras’ zeigt, wie neue Quellen ältere Deutungen verändern können, ohne automatisch einfache Verschwörungserklärungen zu bestätigen.
Radikalisierung, Zerfall und Gewaltfrage
Nach 1968 zerfiel das gemeinsame Protestmilieu. Einige Aktivistinnen und Aktivisten engagierten sich in Bürgerinitiativen, Gewerkschaften, Wissenschaft, Medien oder Parteien. Andere gründeten streng organisierte K-Gruppen. Ein sehr kleiner Teil ging in terroristische Organisationen wie die Rote Armee Fraktion oder die Bewegung 2. Juni.
Zwischen Studentenbewegung und Terrorismus bestand kein zwangsläufiger, geradliniger Weg. Es gab personelle, sprachliche und milieuspezifische Verbindungen, aber auch deutliche Brüche und breite Ablehnung terroristischer Gewalt. Eine differenzierte Untersuchung fragt nach individuellen Biografien, politischen Gelegenheiten, Eskalationsdynamiken und den Entscheidungen einzelner Gruppen.[6]
Die Gewaltfrage betrifft außerdem staatliches Handeln. Polizeitaktiken, strafrechtliche Verfolgung, Überwachung und mediale Feindbilder beeinflussten den Verlauf. Demokratische Geschichtsschreibung muss Gewalt von Demonstrierenden und Gewalt staatlicher Akteure nach denselben quellenkritischen Standards untersuchen, ohne Unterschiede in Auftrag, Macht und Verantwortung zu verwischen.
Folgen und Grenzen der Bewegung
Hochschulen und politische Beteiligung
Die Proteste beschleunigten Debatten über Hochschulreformen, Mitbestimmung und neue Studieninhalte. Veränderungen entstanden jedoch aus vielen Faktoren: Bildungsexpansion, staatlicher Reformpolitik, wissenschaftlichem Strukturwandel und länger bestehenden Initiativen. Die Bewegung trug dazu bei, universitäre Autoritäten öffentlich zu rechtfertigen und politische Fragen in den Hochschulalltag einzubeziehen.
Gesellschaftliche Liberalisierung
„1968“ wird mit offeneren Lebensformen, veränderten Erziehungsstilen, sexueller Selbstbestimmung, Kritik an patriarchalen Strukturen und neuen Kulturformen verbunden. Viele dieser Entwicklungen hatten frühere Wurzeln und wurden durch eigenständige Bewegungen weitergetragen. Besonders die neue Frauenbewegung musste sich teilweise gegen männliche Dominanz im 68er-Milieu organisieren.
Neue soziale Bewegungen und Parteien
In den 1970er und 1980er Jahren entstanden oder wuchsen Umweltbewegung, Friedensbewegung, Anti-Atomkraft-Bewegung, Frauenbewegung und lokale Bürgerinitiativen. Ehemalige 68er wirkten in diesen Zusammenhängen und später bei Bündnis 90/Die Grünen. Dennoch waren diese Bewegungen keine bloßen Fortsetzungen; sie entwickelten eigene Themen, Organisationsformen und Generationserfahrungen.
Demokratisierung oder Überforderung der Demokratie?
Eine positive Deutung betont mehr Mitsprache, kritische Öffentlichkeit und den Abbau autoritärer Normen. Eine kritische Deutung verweist auf Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, revolutionäre Rhetorik, Gewaltlegitimation und ideologische Verengungen. Eine dritte Perspektive betrachtet „1968“ als Teil eines umfassenden Modernisierungsschubs, dessen Träger weit über die Protestbewegung hinausgingen.
Die Forschung muss diese Deutungen nicht auf eine einzige reduzieren. Sie kann prüfen, welche These für welchen Bereich, Zeitraum und Akteurskreis tragfähig ist. Der häufig genannte Doppelcharakter lautet: kurzfristig blieben viele politische Maximalziele unerreicht, langfristig waren soziokulturelle Wirkungen erheblich, aber schwer eindeutig zu messen.[7]
Geschichtswissenschaftliche Zugänge
Politikgeschichte
Die Politikgeschichte untersucht Parteien, Parlamente, Gesetzgebung, Polizei, Justiz und internationale Konflikte. Sie fragt beispielsweise, wie die Große Koalition, die Notstandsgesetze oder der Vietnamkrieg Protestgelegenheiten schufen und wie staatliche Institutionen reagierten.
Sozial- und Kulturgeschichte
Die Sozialgeschichte analysiert Bildungsexpansion, soziale Herkunft, Milieus und Organisationsstrukturen. Die Kulturgeschichte untersucht Sprache, Symbole, Musik, Kleidung, Sexualität, Medienbilder und alternative Lebensformen. Beide Perspektiven zeigen, dass Politik nicht auf Parlamente und Regierungen beschränkt ist.
Geschlechtergeschichte
Die Geschlechtergeschichte fragt nach Arbeitsteilung, Repräsentation, Körperpolitik und den Handlungsmöglichkeiten von Frauen und Männern. Sie korrigiert Darstellungen, in denen wenige männliche Wortführer für die gesamte Bewegung stehen. Außerdem macht sie sichtbar, dass das „Private“ historisch umkämpft und politisch strukturiert ist.
Transnationale und globale Geschichte
Die Globalgeschichte vergleicht nicht nur nationale Fälle, sondern untersucht Verflechtungen. Ein Fernsehbild aus Vietnam, ein Flugblatt aus Paris oder ein Text aus Berkeley konnte in West-Berlin neue Bedeutungen erhalten. Dabei ist vor vorschnellen Gleichsetzungen zu warnen: Ähnliche Protestformen konnten in Demokratien, Diktaturen und staatssozialistischen Systemen sehr unterschiedliche Risiken und Ziele haben.
Erinnerungsgeschichte
Die Erinnerungskultur über „1968“ wird durch Jubiläen, autobiografische Berichte, Filme, Ausstellungen und politische Kontroversen geprägt. Zeitzeugen wurden zu prominenten Deutern ihrer eigenen Vergangenheit. Das kann wertvolle Innensichten liefern, aber auch zu Selbststilisierung führen. Geschichtswissenschaft vergleicht Erinnerung mit zeitgenössischen Quellen und fragt, warum bestimmte Bilder kanonisch wurden, während andere Erfahrungen verschwanden.
Eine Gedenkplatte ist keine neutrale Spur. Sie zeigt, welche Person, welches Ereignis und welche Deutung eine spätere Gesellschaft im öffentlichen Raum sichtbar machen wollte.
Werkstatt: Eine Quelle zu „1968“ analysieren
Gehe bei einer Fotografie, einem Flugblatt, einer Rede oder einem Pressebericht in sechs Schritten vor:
- Quellenart: Bestimme Material, Gattung und ursprüngliche Funktion.
- Urheber: Kläre, wer die Quelle wann, wo und in welchem institutionellen Zusammenhang geschaffen hat.
- Adressat: Ermittle, an wen sich die Quelle richtete und welche Wirkung beabsichtigt war.
- Inhalt: Beschreibe zunächst genau, bevor Du interpretierst.
- Kontextualisierung: Verbinde die Quelle mit Ereignissen, Begriffen und Konflikten ihrer Entstehungszeit.
- Quellenkritik: Prüfe Perspektive, Auslassungen, Überlieferungsweg und Grenzen der Aussagekraft.
Bei Fotografien solltest Du zusätzlich Ausschnitt, Kamerastandpunkt, Bildunterschrift und spätere Verwendung untersuchen. Bei Zeitzeugeninterviews sind Interviewzeitpunkt, Fragestellung und erinnerungskultureller Kontext wichtig. Bei Presseartikeln müssen politische Ausrichtung, Auswahlregeln und mögliche Feindbilder berücksichtigt werden.
Zusammenfassung
Die Studentenbewegung von 1968 war kein einheitlicher Block. In Westdeutschland verband sie Hochschulreform, Vergangenheitskritik, Anti-Vietnam-Protest, Opposition gegen die Große Koalition und Widerstand gegen die Notstandsgesetze. Der Tod Benno Ohnesorgs und das Attentat auf Rudi Dutschke beschleunigten Mobilisierung und Eskalation. Frauen trugen die Bewegung, kritisierten aber zugleich deren männliche Machtstrukturen und gaben der neuen Frauenbewegung wichtige Impulse.
International existierten verwandte, aber eigenständige Proteste. Frankreich erlebte die Verbindung von Studenten- und Arbeiterbewegung, die Tschechoslowakei einen gewaltsam beendeten Reformsozialismus, Mexiko massive staatliche Repression. Die Folgen von „1968“ reichen in Hochschulen, politische Kultur, Lebensformen und neue soziale Bewegungen hinein. Historisch seriös ist weder eine pauschale Heroisierung noch eine pauschale Verurteilung, sondern eine vergleichende, quellenkritische und multiperspektivische Analyse.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Warum sprechen Historikerinnen und Historiker häufig von einem langen 1968? (Weil wichtige Entwicklungen vor 1968 begannen und danach weiterwirkten) (!Weil das Kalenderjahr 1968 länger als andere Jahre dauerte) (!Weil alle Protestbewegungen bis 1989 unverändert fortbestanden) (!Weil der Begriff ausschließlich den Vietnamkrieg bezeichnet)
Welche Organisation war ein wichtiger Knotenpunkt der westdeutschen Studentenbewegung? (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) (!Deutscher Bauernverband) (!Nordatlantikrat) (!Bundesverband der Industrie)
Welches Ereignis wurde 1967 zu einem Wendepunkt der westdeutschen Protestbewegung? (Der Tod Benno Ohnesorgs) (!Die Gründung der Europäischen Union) (!Der Fall der Berliner Mauer) (!Die deutsche Wiedervereinigung)
Wogegen richtete sich der Sternmarsch auf Bonn im Mai 1968? (Gegen die Notstandsgesetze) (!Gegen die Einführung des Euro) (!Gegen den NATO-Doppelbeschluss) (!Gegen die Wiedervereinigung)
Warum ist der Tomatenwurf von 1968 erinnerungsgeschichtlich bedeutsam? (Er symbolisiert den Aufbruch autonomer feministischer Organisierung) (!Er beendete den Vietnamkrieg) (!Er führte zur Auflösung des Bundestages) (!Er begründete die Europäische Gemeinschaft)
Was unterschied den französischen Mai 1968 besonders von der westdeutschen Entwicklung? (Die Verbindung von Studierendenprotest und massenhaftem Arbeitskampf) (!Die vollständige Abwesenheit von Universitätskonflikten) (!Die Einführung einer Militärdiktatur durch Studierende) (!Die Auflösung aller Gewerkschaften)
Welche Aussage beschreibt den Prager Frühling zutreffend? (Er war ein Reformversuch im staatssozialistischen System) (!Er war eine westdeutsche Hochschulreform) (!Er war ein französischer Generalstreik) (!Er war eine mexikanische Wahlkampagne)
Was ist bei Fotografien von Protesten quellenkritisch besonders zu beachten? (Ausschnitt Entstehungskontext und spätere Verwendung) (!Nur die technische Auflösung des Bildes) (!Nur der heutige Marktwert der Fotografie) (!Nur die Kleidung der abgebildeten Personen)
Welche Aussage zum Verhältnis von Studentenbewegung und Terrorismus ist historisch angemessen? (Es gab Verbindungen aber keinen zwangsläufigen geradlinigen Weg) (!Alle Studierenden wurden Mitglieder terroristischer Gruppen) (!Zwischen beiden Phänomenen gab es keinerlei Berührung) (!Der Terrorismus endete bereits vor der Studentenbewegung)
Warum ist eine monokausale Deutung der gesellschaftlichen Liberalisierung problematisch? (Weil mehrere Bewegungen und langfristige Wandlungsprozesse zusammenwirkten) (!Weil gesellschaftlicher Wandel grundsätzlich unmöglich ist) (!Weil ausschließlich Regierungen Kultur verändern) (!Weil die 1960er Jahre keine Medien kannten)
Memory
| Sozialistischer Deutscher Studentenbund | Wichtige Organisation der westdeutschen Neuen Linken |
| Außerparlamentarische Opposition | Politisches Korrektiv außerhalb des Bundestages |
| Benno Ohnesorg | Tod am 2. Juni 1967 in West-Berlin |
| Rudi Dutschke | Bekannter Wortführer der Protestbewegung |
| Notstandsgesetze | Verfassungsregeln für staatliche Krisenlagen |
| Tomatenwurf | Symbolischer Impuls der neuen Frauenbewegung |
| Mai in Frankreich | Verbindung von Studierenden- und Arbeiterprotest |
| Tlatelolco | Ort massiver Repression in Mexiko |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Historische Bedeutung |
|---|---|
| Tod Benno Ohnesorgs | Vertrauenskrise gegenüber Polizei und Justiz |
| Internationaler Vietnamkongress | Transnationale Vernetzung des Anti-Kriegs-Protests |
| Attentat auf Rudi Dutschke | Auslöser der Osterunruhen |
| Sternmarsch auf Bonn | Protest gegen die Notstandsgesetze |
| Tomatenwurf | Kritik an männlicher Dominanz in der Linken |
| Mai in Frankreich | Verbindung von Hochschulrevolte und Generalstreik |
| Prager Frühling | Reformsozialismus und militärische Niederschlagung |
| Tlatelolco | Staatliche Gewalt gegen die mexikanische Studentenbewegung |
Kreuzworträtsel
| Ohnesorg | Welcher Nachname gehört zu dem 1967 in West-Berlin erschossenen Studenten? |
| Dutschke | Wie lautet der Nachname des bekanntesten Wortführers der westdeutschen Bewegung? |
| Springer | Gegen welchen Verlag richteten sich die Osterproteste besonders? |
| Vietnam | Welcher Krieg mobilisierte weltweit studentischen Protest? |
| Notstandsgesetze | Welche Gesetze standen im Mittelpunkt des Sternmarsches auf Bonn? |
| Feminismus | Welche politische Strömung erhielt durch die Revolte der Frauen neue Impulse? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Zeitleiste: Gestalte eine digitale Zeitleiste mit acht Schlüsselereignissen zwischen 1964 und 1970 und erläutere zu jedem Ereignis seine Bedeutung in zwei Sätzen.
- Bildquelle: Wähle eine der eingebundenen Fotografien, beschreibe sie ohne Wertung und formuliere anschließend drei quellenkritische Fragen.
- Begriffsnetz: Erstelle ein Begriffsnetz aus Studentenbewegung, APO, SDS, Vietnamkrieg, Notstandsgesetzen und Hochschulreform.
- Zeitungsüberschrift: Formuliere zu einem Ereignis zwei gegensätzliche zeitgenössische Überschriften und erkläre, welche politische Perspektive jeweils erkennbar wird.
Standard
- Flugblattanalyse: Suche ein digitalisiertes Flugblatt aus dem Umfeld der Bewegung und untersuche Urheber, Adressaten, Sprache, Forderungen und historischen Kontext.
- Vergleichende Geschichte: Vergleiche die Proteste in Westdeutschland und Frankreich anhand von Ursachen, Akteuren, Aktionsformen, staatlichen Reaktionen und Ergebnissen.
- Oral History: Entwickle einen Interviewleitfaden für ein Gespräch über Erinnerungen an die späten 1960er Jahre und begründe, wie Du Erinnerungseffekte berücksichtigen würdest.
- Geschlechtergeschichte: Untersuche anhand zweier Quellen, wie Aktivistinnen männliche Dominanz in der Bewegung kritisierten, und ordne die Befunde in die Geschichte des Feminismus ein.
Schwer
- Forschungsdebatte: Rekonstruiere drei geschichtswissenschaftliche Deutungen von „1968“ und prüfe ihre Erklärungskraft an einem selbst gewählten Fall.
- Transnationale Geschichte: Verfolge den Transfer eines Symbols, Textes oder Protestrepertoires zwischen zwei Ländern und dokumentiere den Überlieferungsweg.
- Mikrogeschichte: Erforsche die Protestgeschichte einer Universität oder Stadt zwischen 1966 und 1970 anhand lokaler Archive, Presse und Ego-Dokumente.
- Digitale Ausstellung: Kuratiere eine virtuelle Ausstellung mit mindestens zehn Objekten, vollständigen Metadaten, Quellenkritik und einem begründeten narrativen Konzept.


Lernkontrolle
- Kausalität: Entwickle ein Wirkungsmodell, das politische Strukturbedingungen, internationale Konflikte, Medien und individuelle Ereignisse miteinander verbindet. Markiere, welche Zusammenhänge gut belegt und welche nur plausibel sind.
- Kontroverse: Beurteile die These „Die 68er haben die Bundesrepublik demokratisiert“. Formuliere Kriterien, prüfe Gegenargumente und komme zu einem differenzierten Urteil.
- Vergleich: Erkläre, warum ähnliche Protestformen in West-Berlin, Prag und Mexiko-Stadt unterschiedliche Bedeutungen und Risiken hatten.
- Quellenkritik: Vergleiche eine zeitgenössische Pressefotografie mit einer späteren Zeitzeugenerinnerung. Analysiere, welche Erkenntnisse jede Quelle ermöglicht und wo ihre Grenzen liegen.
- Gewalt und Verantwortung: Entwickle ein Kategoriensystem, mit dem staatliche Gewalt, Sachbeschädigung, Selbstverteidigung, ziviler Ungehorsam und Terrorismus historisch unterschieden werden können.
- Erinnerungskultur: Untersuche, wie ein Jubiläumsbeitrag „1968“ deutet. Prüfe Auswahl, Sprache, Personalisierung und ausgelassene Perspektiven.
- Transfer: Übertrage Erkenntnisse über Protestrepertoires auf eine gegenwärtige soziale Bewegung, ohne historische Unterschiede einzuebnen.
Lernnachweis
Für einen qualifizierten Lernnachweis zu diesem Thema sind folgende Leistungen wichtig:
- Du ordnest zentrale Ereignisse chronologisch ein und begründest sinnvolle Periodisierungen.
- Du verwendest Fachbegriffe wie APO, Neue Linke, Gegenöffentlichkeit, Transnationale Geschichte und Erinnerungskultur präzise.
- Du analysierst mindestens zwei unterschiedliche Quellengattungen nach nachvollziehbaren Kriterien.
- Du vergleichst die westdeutsche Bewegung mit mindestens einem internationalen Fall.
- Du berücksichtigst Geschlecht, soziale Herkunft, institutionelle Macht und staatliche Reaktion.
- Du unterscheidest zwischen zeitgenössischer Wahrnehmung, späterer Erinnerung und geschichtswissenschaftlicher Interpretation.
- Du entwickelst ein eigenständiges, quellenbasiertes Urteil und kennzeichnest Unsicherheiten.
- Du belegst Aussagen mit überprüfbaren Quellen und führst verwendete Literatur vollständig auf.
Quellen und Literatur
- Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier Die 68er-Bewegung
- Lebendiges Museum Online: Studentenbewegung und APO
- Axel Schildt: Neue Linke und Studentenbewegung
- Susanne Hertrampf: Ein Tomatenwurf und seine Folgen
- Bundeszentrale für politische Bildung: Notstandsgesetze
- Norbert Frei: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest.
- Wolfgang Kraushaar: Arbeiten zur Geschichte der westdeutschen Protestbewegung.
- Ingrid Gilcher-Holtey: Arbeiten zur internationalen Geschichte von 1968.
Einzelnachweise
- ↑ LeMO: Studentenbewegung und APO
- ↑ LeMO: Internationale Entwicklungen
- ↑ bpb: Neue Linke und Studentenbewegung
- ↑ bpb: Notstandsgesetze – Testfall für die Demokratie
- ↑ bpb: Ein Tomatenwurf und seine Folgen
- ↑ bpb: Ein direkter Weg von der Spaßguerilla zum Terrorismus?
- ↑ bpb: „1968“ in der gegenwärtigen deutschen Geschichtspolitik
OERs zum Thema
- OER-Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung
- LeMO-Jahreschronik 1968
- Wikimedia Commons: Protests of 1968
- Wikimedia Commons: Westdeutsche Studentenbewegung
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