Der 20. Juli 1944 - Geschichte


Der 20. Juli 1944 - Geschichte
Der 20. Juli 1944 - Geschichte
Studienfach: Geschichte Schwerpunkt: Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Erinnerungskultur Niveau: gymnasiale Oberstufe, Studium und Erwachsenenbildung

Einleitung
Der 20. Juli 1944 bezeichnet zugleich ein Attentat auf Adolf Hitler und einen geplanten Staatsstreich gegen die nationalsozialistische Diktatur. Im „Führerhauptquartier Wolfsschanze“ deponierte Claus Schenk Graf von Stauffenberg eine Bombe. Hitler überlebte. In Berlin versuchte ein zivil-militärisches Netzwerk, den für einen inneren Notstand vorgesehenen Plan „Unternehmen Walküre“ für die Entmachtung der NS-Führung zu nutzen. Der Umsturz scheiterte noch am selben Tag.[1]
Der 20. Juli war weder die Tat eines Einzelnen noch ein einheitlich geplantes demokratisches Revolutionsprojekt. Hinter ihm standen Offiziere, Verwaltungsbeamte, Diplomaten, Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Konservative, Christen und Angehörige des Kreisauer Kreises. Ihre Motive und politischen Ziele unterschieden sich. Einige hatten das NS-Regime zunächst unterstützt oder am Krieg mitgewirkt; andere waren früh in Opposition gegangen. Eine historische Beurteilung muss deshalb Mut und Widerstand anerkennen, ohne Widersprüche, späte Lernprozesse, autoritäre Vorstellungen oder frühere Verstrickungen auszublenden.[2]
Dieser aiMOOC führt Dich von den Voraussetzungen über den Ablauf bis zu Verfolgung, Wirkung und Erinnerung. Du arbeitest dabei wie in der Geschichtswissenschaft: Du unterscheidest Quelle und Darstellung, prüfst Perspektiven, rekonstruierst Kausalzusammenhänge und entwickelst ein begründetes Sachurteil sowie Werturteil.
Lernziele
Nach der Bearbeitung kannst Du den 20. Juli 1944 in die Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs einordnen. Du kannst das Zusammenspiel von Attentat und Staatsstreich erklären, zentrale Akteure und Netzwerke vergleichen, Ursachen des Scheiterns gewichten, Quellen kritisch auswerten und die spätere Erinnerung historisch beurteilen.
Historischer Kontext
Diktatur, Krieg und Handlungsspielräume
Nach 1933 zerstörte das NS-Regime den Rechtsstaat, verfolgte politische Gegner, entrechtete und ermordete europäische Jüdinnen und Juden und führte einen rassistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg. Offiziere waren durch Befehl, Hierarchie, Karriere, nationalistische Überzeugungen und seit 1934 durch den persönlichen Führereid auf Hitler gebunden. Widerstand bedeutete daher nicht nur ein politisches, sondern auch ein militärisches, soziales und moralisches Risiko.
Der militärische Widerstand entwickelte sich in mehreren Phasen. Ludwig Beck trat 1938 als Chef des Generalstabs des Heeres zurück, nachdem sein Versuch gescheitert war, die Generalität gegen Hitlers Kriegskurs zu mobilisieren. Während des Krieges verdichteten sich oppositionelle Kontakte. Die Niederlagen der Wehrmacht und die Kenntnis von Massenverbrechen verstärkten bei einzelnen Beteiligten die Bereitschaft zum Handeln.[3]

Wege zum Umsturz
Henning von Tresckow wurde zu einer Schlüsselfigur des Widerstands im Bereich der Heeresgruppe Mitte. Zusammen mit Mitstreitern bereitete er seit 1942 mehrere Anschläge vor. Ein Sprengstoffanschlag auf Hitlers Flugzeug im März 1943 scheiterte, weil die Bombe nicht detonierte. Andere Gelegenheiten wurden abgebrochen, weil Hitler nicht erschien oder weil die politische und militärische Führung nicht gemeinsam getroffen werden konnte.

Seit 1943 verbanden Friedrich Olbricht, Tresckow und Stauffenberg die Attentatsplanung mit „Walküre“. Stauffenberg wurde nach schweren Verwundungen in Nordafrika zu einem zentralen Organisator. Seine Stellung als Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres verschaffte ihm Zugang zu Lagebesprechungen mit Hitler und zu den Befehlswegen des Ersatzheeres.[4]

Das zivil-militärische Netzwerk
Der Umsturz sollte nicht in eine dauerhafte Militärherrschaft führen. Für eine Übergangsregierung waren zivile Politiker vorgesehen. Beck sollte eine führende staatliche Funktion übernehmen; Carl Friedrich Goerdeler war als Regierungschef vorgesehen. Kontakte bestanden unter anderem zu Julius Leber, Wilhelm Leuschner, Adam von Trott zu Solz, Peter Graf Yorck von Wartenburg und weiteren Angehörigen des Kreisauer Kreises. Auch in Paris, Wien, Prag und anderen Wehrkreisen gab es Mitwisser und Unterstützer.

Die Beteiligten verband kein einheitliches Zukunftsprogramm. Viele wollten die Diktatur beseitigen, den Krieg beenden, Recht wiederherstellen und die nationalsozialistischen Verbrechen stoppen. Über Staatsform, Grenzen, Sozialordnung und Außenpolitik bestanden jedoch erhebliche Unterschiede. Manche Entwürfe waren konservativ-autoritären Vorstellungen verpflichtet; andere enthielten Elemente von Rechtsstaatlichkeit, sozialer Verantwortung und europäischer Kooperation. Historisch angemessen ist deshalb die Bezeichnung heterogenes Widerstandsnetzwerk.
Unternehmen Walküre
Vom Alarmplan zum Staatsstreichplan
„Walküre“ war ursprünglich ein legaler Alarm- und Mobilisierungsplan des Ersatzheeres. Er sollte bei inneren Unruhen, Aufständen von Zwangsarbeitern oder einem Zusammenbruch staatlicher Ordnung Truppen mobilisieren. Die Verschwörer veränderten die Befehle so, dass nach Hitlers Tod behauptet werden konnte, eine Parteiclique habe einen Putsch begonnen. Unter diesem Vorwand sollten Ersatzheer und Wehrkreise zentrale NS-Institutionen, Nachrichtenzentren, Ministerien und Rundfunkeinrichtungen besetzen sowie führende Funktionäre von SS, SD und NSDAP festnehmen.
Der Plan beruhte auf einer riskanten Täuschung: Militärische Dienststellen sollten zunächst glauben, rechtmäßige Befehle auszuführen. Erst nach Sicherung der Macht sollte die neue Regierung öffentlich hervortreten. Damit waren Attentat und Staatsstreich voneinander abhängig. Ohne glaubhafte Nachricht von Hitlers Tod verlor „Walküre“ seine Legitimationsgrundlage innerhalb der militärischen Befehlskette.

Der sogenannte Wirmer-Entwurf zeigt, dass Teile des Widerstands auch über Symbole einer politischen Neuordnung nachdachten. Er war jedoch nur ein Vorschlag und kein verbindlich beschlossenes Staatszeichen.
Doppelrolle Stauffenbergs
Stauffenberg sollte die Bombe zünden und anschließend in Berlin den Umsturz führen. Diese Doppelrolle war ein strukturelles Risiko. Während seines Rückflugs fehlte im Bendlerblock eine Person mit seiner Entschlossenheit und Autorität. Zugleich konnten die Verschwörer nicht sicher feststellen, ob Hitler tot war. Der Plan verband daher technische, kommunikative und politische Unsicherheiten in einer einzigen kritischen Kette.
Der 20. Juli 1944: Ablauf
Vormittag in der Wolfsschanze
Am Morgen flogen Stauffenberg und sein Adjutant Werner von Haeften von Rangsdorf nach Ostpreußen. Die Lagebesprechung wurde vorverlegt. Unter Zeitdruck konnte Stauffenberg nur einen von zwei Sprengsätzen scharf machen. Gegen 12:37 Uhr stellte er die Aktentasche in der Nähe Hitlers ab und verließ die Baracke unter einem Vorwand.[5]


Die Explosion
Gegen 12:42 Uhr explodierte die Bombe. Die leichte Bauweise der Baracke ließ Explosionsdruck entweichen. Zudem war die Aktentasche hinter eine massive Tischstütze verschoben worden. Weil nur ein Sprengsatz aktiviert war, blieb die Wirkung geringer als geplant. Hitler wurde verletzt, überlebte aber. Vier Teilnehmer erlagen später ihren Verletzungen.

Stauffenberg sah die Explosion aus einiger Entfernung und ging vom Tod Hitlers aus. Er und Haeften passierten die Sperren und flogen nach Berlin zurück. Der nicht verwendete Sprengstoff wurde unterwegs beseitigt.
Verzögerung im Bendlerblock
In Berlin warteten Olbricht und andere Verschwörer auf eine eindeutige Bestätigung. Nachrichten aus der Wolfsschanze widersprachen einander. Gegen 14 Uhr wurden erste Maßnahmen vorbereitet; erst gegen 16 Uhr lösten Olbricht und Albrecht Mertz von Quirnheim „Walküre“ umfassender aus.[6]
Die verspäteten Befehle erreichten Wehrkreise und besetzte Gebiete unterschiedlich. In Paris gelang es zeitweise, zahlreiche Angehörige von SS und SD festzusetzen. In Berlin blieben Rundfunk, Telefonverbindungen und wesentliche Schaltstellen jedoch nicht dauerhaft unter Kontrolle. Gleichzeitig verbreitete die NS-Führung Gegenbefehle und meldete Hitlers Überleben.
Umschlag der Lage
Major Otto Ernst Remer, Kommandeur des Wachbataillons „Großdeutschland“, erhielt den Auftrag, das Regierungsviertel zu sichern und NS-Funktionäre festzunehmen. Joseph Goebbels stellte eine Telefonverbindung zu Hitler her. Nachdem Remer Hitlers Stimme gehört hatte, wandte er sich gegen die Verschwörer. Der Befehlshaber des Ersatzheeres, Friedrich Fromm, der sich nicht auf die Seite des Umsturzes stellte, gewann wieder Handlungsmacht.
Am späten Abend wurden die führenden Verschwörer im Bendlerblock festgenommen. Beck wurde zum Suizid gedrängt und anschließend erschossen. Stauffenberg, Olbricht, Mertz von Quirnheim und Haeften wurden in der Nacht zum 21. Juli im Innenhof erschossen.

Warum scheiterte der Umsturz?
Das Scheitern hatte keine einzelne Ursache. Eine historische Erklärung muss mehrere Ebenen verbinden.
- Technische Faktoren: Nur ein Sprengsatz wurde aktiviert; die Lagebaracke und die Tischstütze verminderten die tödliche Wirkung.
- Kommunikation: Die Nachrichtensperre blieb unvollständig; Meldungen über Hitlers Überleben gelangten nach Berlin und in die Wehrkreise.
- Zeitverlust: Zwischen Explosion und umfassender Auslösung von „Walküre“ vergingen entscheidende Stunden.
- Befehlsstruktur: Viele Offiziere gehorchten nur, solange sie von Hitlers Tod oder einer rechtmäßigen Alarmmaßnahme ausgingen.
- Machtmittel: Rundfunk, Telefon, Regierungsviertel und zentrale NS-Organe wurden nicht zuverlässig kontrolliert.
- Personelle Abhängigkeit: Stauffenbergs Doppelrolle schwächte die Führung im Bendlerblock während seiner Abwesenheit.
- Politische Isolation: Das Netzwerk war groß, besaß aber keine mobilisierte Massenbasis und keine offen handlungsfähige Gegenöffentlichkeit.
- Gegenmaßnahmen: Goebbels, Himmler, Keitel und weitere NS-Funktionäre nutzten bestehende Kommunikations- und Gewaltapparate rasch.
Die Gewichtung dieser Faktoren ist eine echte historische Deutungsaufgabe. Ein reines „Pech“-Narrativ unterschätzt Planungsprobleme; eine reine „Unfähigkeit“-Erklärung unterschätzt die Bedingungen einer totalitären Kriegsdiktatur.
Ziele, Motive und Widersprüche
Was sollte nach Hitler geschehen?
Die Verschwörer planten eine Übergangsregierung, die den Krieg beenden und staatliche Handlungsfähigkeit wiederherstellen sollte. In verschiedenen Entwürfen finden sich Rechtsbindung, Schutz der Kirchen, Ende willkürlicher Verfolgung, Wiederherstellung geordneter Verwaltung und außenpolitische Verhandlungen. Seit der alliierten Forderung nach bedingungsloser Kapitulation im Jahr 1943 waren die Aussichten auf einen ausgehandelten Frieden jedoch gering.[7]
Warum handelten die Beteiligten so spät?
Die Frage nach dem „späten“ Widerstand ist zentral, darf aber nicht pauschal beantwortet werden. Bei einzelnen Beteiligten veränderten sich Motive und Erkenntnisse über Jahre. Faktoren waren militärische Niederlagen, Kenntnis der Massenverbrechen, Sorge um Deutschland, religiöses Gewissen, Rechtsüberzeugungen, persönliche Erfahrungen sowie die Einsicht, dass Hitler Krieg und Diktatur bis zur Katastrophe fortsetzen würde.
Historische Kritik bleibt notwendig: Einige Beteiligte hatten zuvor Hitlers Außenpolitik begrüßt, den Krieg unterstützt, antidemokratische oder nationalistische Positionen vertreten oder in militärischen Funktionen an Besatzung und Gewalt mitgewirkt. Widerstand in einer späteren Phase löscht frühere Verantwortung nicht aus. Umgekehrt macht frühere Verstrickung eine spätere Entscheidung gegen die Diktatur nicht bedeutungslos. Gerade diese Spannung gehört zur wissenschaftlichen Analyse.
Tyrannenmord, Eid und Verantwortung
Der Plan stellte die Beteiligten vor ein ethisches Dilemma. Der militärische Eid verlangte Gehorsam gegenüber Hitler; zugleich waren Befehle und Herrschaft verbrecherisch. Die Verschwörer mussten entscheiden, ob Pflicht gegenüber Staat, Recht und Menschen höher zu bewerten sei als persönlicher Gehorsam. Der Tyrannenmord sollte weiteres Morden und den Krieg beenden, setzte aber selbst gezielte Gewalt ein. Eine begründete Bewertung muss Absicht, Mittel, Erfolgsaussicht, Alternativen und Verantwortung gegenüber möglichen Opfern berücksichtigen.
Quellenarbeit
Das Fernschreiben der Verschwörer
Ein erhaltenes Fernschreiben vom 20. Juli behauptete, eine gewissenlose Clique frontfremder Parteiführer habe versucht, die kämpfende Front „in den Rücken zu fallen“ und die Macht an sich zu reißen. Diese Darstellung war bewusst konstruiert. Sie sollte die Alarmierung des Ersatzheeres legitimieren und die NS-Führung als angebliche Putschistin markieren.[8]
Quellenkritische Leitfragen: Wer verfasste und versandte das Dokument? An wen richtete es sich? Welche Begriffe sollten militärische Empfänger überzeugen? Welche Informationen wurden verschwiegen? Welche Handlung sollte der Text auslösen? Was lässt sich aus einer strategischen Täuschung dennoch zuverlässig über den Umsturzplan erschließen?
Fotografien als Quellen
Fotografien der zerstörten Baracke, der Prozesse und späterer Gedenkorte zeigen nicht einfach „die Vergangenheit“. Du musst Entstehungszusammenhang, Urheber, Auswahl, Bildausschnitt, Beschriftung und spätere Verwendung prüfen. Bilder aus dem Bundesarchiv können zeitgenössische, politisch geprägte Originalbeschriftungen tragen. Ein heutiges Gedenkfoto dokumentiert dagegen vor allem spätere Erinnerung.

Propaganda und Gegenüberlieferung
Die NS-Propaganda stellte die Beteiligten als kleine, ehrlose Verrätergruppe dar und nutzte Hitlers Überleben zur Stabilisierung des Führerkults. Demgegenüber stehen Selbstzeugnisse, Umsturzbefehle, Gestapoakten, Prozessunterlagen, Briefe und spätere Erinnerungen. Keine dieser Quellengruppen ist neutral. Gestapo- und Prozessakten entstanden unter Folter, Verfolgungsdruck und politischer Regie; Nachkriegserinnerungen können durch Rechtfertigung, Trauer oder späteres Wissen geprägt sein.
Verfolgung und Folgen
Nach dem Scheitern setzte das Regime eine umfassende Verfolgungswelle in Gang. Tausende wurden festgenommen. Die Gestapo rekonstruierte Netzwerke, beschlagnahmte Dokumente und setzte Verhöre sowie Folter ein. Angehörige wurden im Rahmen der sogenannten Sippenhaft verfolgt; Kinder einzelner Familien wurden von ihren Eltern getrennt.
Der Volksgerichtshof unter Roland Freisler inszenierte Schauprozesse. Angeklagte wurden gedemütigt, ihre Verteidigungsmöglichkeiten waren weitgehend bedeutungslos, und zahlreiche Todesurteile standen politisch fest. Viele Verurteilte wurden in Berlin-Plötzensee ermordet. Im engeren Zusammenhang mit dem Umsturzversuch fielen etwa 150 Menschen der nationalsozialistischen Verfolgung zum Opfer; die genaue Abgrenzung variiert nach Forschungskriterium.[9]

Erinnerungskultur und Geschichtspolitik
Von „Verrätern“ zu Widerstandskämpfern
Nach 1945 war die Deutung umkämpft. Viele Deutsche hielten zunächst an der Vorstellung vom militärischen „Verrat“ fest. Familien der Verfolgten mussten um Anerkennung und Versorgung kämpfen. Der Remer-Prozess von 1952 wurde zu einem wichtigen Wendepunkt: Das Gericht bewertete das NS-Regime als Unrechtsstaat und das Handeln der Verschwörer als rechtmäßigen Widerstand. In der Bundesrepublik gewann der 20. Juli danach schrittweise eine zentrale Stellung in der demokratischen Erinnerung, während die DDR ihn lange als elitären „Generalsputsch“ abwertete oder in eine eigene antifaschistische Meistererzählung einordnete.

Der Bendlerblock als Erinnerungsort
Der historische Bendlerblock beherbergt heute die Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Der Innenhof erinnert an die dort Ermordeten. Die Gedenkstätte ordnet den 20. Juli in die soziale, politische und weltanschauliche Vielfalt des gesamten Widerstands gegen den Nationalsozialismus ein.


Erinnerung als Auswahl
Jede Erinnerungskultur setzt Schwerpunkte. Die starke öffentliche Präsenz Stauffenbergs kann den Blick auf zivile Beteiligte, Frauen, Arbeiterbewegung, jüdischen Widerstand, kommunistische Gruppen, die Weiße Rose, die Rote Kapelle, Einzelhelfer und Verfolgte verengen. Ein zeitgemäßes Geschichtsbild würdigt den 20. Juli, ohne ihn mit dem gesamten deutschen Widerstand gleichzusetzen.

Historische Urteilsbildung
Ein Sachurteil fragt, wie aussichtsreich der Umsturz war, welche Ziele realisierbar waren und wie die Ursachen des Scheiterns zu gewichten sind. Ein Werturteil fragt, wie Du das Handeln nach offengelegten moralischen und politischen Maßstäben bewertest. Beide Urteile müssen Quellen, Kontext und Gegenargumente berücksichtigen.
Eine tragfähige Beurteilung könnte festhalten: Der Umsturzversuch war militärisch und organisatorisch riskant, politisch heterogen und teilweise von problematischen Vorstellungen begleitet. Zugleich war er ein bewusster Bruch mit einer verbrecherischen Diktatur unter Lebensgefahr. Sein Scheitern änderte nicht die historische Bedeutung des Versuchs, staatliche Macht zur Beendigung von Krieg und NS-Herrschaft zu wenden.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welches Doppelziel verfolgte der Plan am 20. Juli 1944? (Tötung Hitlers und Übernahme der staatlichen Macht) (!Zerstörung der Wolfsschanze und Rückzug der Wehrmacht) (!Befreiung Berlins und sofortige Wahl eines Parlaments) (!Verhaftung Stauffenbergs und Auflösung des Ersatzheeres)
Wo wurde die Bombe am 20. Juli 1944 gezündet? (Im Führerhauptquartier Wolfsschanze) (!Im Berliner Reichstag) (!Im Propagandaministerium) (!Im Gefängnis Plötzensee)
Was war Unternehmen Walküre ursprünglich? (Ein Alarm- und Mobilisierungsplan des Ersatzheeres) (!Ein alliierter Plan zur Landung in Frankreich) (!Ein Programm zur Evakuierung der Wolfsschanze) (!Ein Friedensvertrag zwischen Deutschland und Großbritannien)
Wie viele der vorbereiteten Sprengsätze konnte Stauffenberg scharf machen? (Einen Sprengsatz) (!Zwei Sprengsätze) (!Drei Sprengsätze) (!Keinen Sprengsatz)
Wann explodierte die Bombe ungefähr? (Gegen 12 Uhr 42) (!Gegen 7 Uhr 15) (!Gegen 16 Uhr 30) (!Gegen 23 Uhr 50)
Welche Kombination trug zu Hitlers Überleben bei? (Nur eine aktive Ladung die Tischstütze und die leichte Baracke) (!Ein vollständiger Stromausfall ein Luftangriff und eine Evakuierung) (!Eine Entschärfung durch die Gestapo und ein verspäteter Zünder) (!Eine Warnung durch Goerdeler und eine gepanzerte Aktentasche)
Welches Problem schwächte den Umsturz in Berlin besonders? (Die verspätete und widersprüchliche Befehlslage) (!Die vollständige Besetzung aller Rundfunksender) (!Die sofortige Unterstützung durch sämtliche Wehrkreise) (!Die kampflose Festnahme der gesamten NS-Führung)
Wer wandte sich nach einem Telefonkontakt mit Hitler gegen die Verschwörer? (Otto Ernst Remer) (!Ludwig Beck) (!Werner von Haeften) (!Albrecht Mertz von Quirnheim)
Wo wurden Stauffenberg und drei Mitverschwörer erschossen? (Im Innenhof des Bendlerblocks) (!In der Lagebaracke der Wolfsschanze) (!Im Berliner Reichstag) (!Auf dem Flugplatz Rangsdorf)
Welche Aussage beschreibt den Forschungsstand am besten? (Der 20. Juli war das Werk eines heterogenen zivil-militärischen Netzwerks) (!Der 20. Juli war ausschließlich die spontane Tat eines Einzelnen) (!Alle Beteiligten vertraten dasselbe demokratische Zukunftsprogramm) (!Der Umsturz wurde von der gesamten Wehrmacht geschlossen unterstützt)
Memory
| Operation Walküre | Alarmplan des Ersatzheeres |
| Wolfsschanze | Ort des Bombenattentats |
| Bendlerblock | Berliner Umsturzzentrale |
| Stauffenberg | Attentäter und Organisator |
| Ludwig Beck | Vorgesehener Staatschef |
| Carl Goerdeler | Vorgesehener Regierungschef |
| Otto Remer | Kommandeur des Wachbataillons |
| Plötzensee | Zentrale Hinrichtungsstätte |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Attentatsvorbereitung | Scharfmachen eines Sprengsatzes |
| Bombenexplosion | Lagebaracke in der Wolfsschanze |
| Rückflug | Weg von Rastenburg nach Rangsdorf |
| Walküre-Auslösung | Befehle aus dem Bendlerblock |
| Niederschlagung | Gegenbefehle und Festnahmen |
Ordne die Phasen so zu, dass aus einzelnen Handlungen eine Kette von Attentat, Umsturzversuch und Gegenaktion erkennbar wird.
Kreuzworträtsel
| Wolfsschanze | Wie hieß das Führerhauptquartier bei Rastenburg? |
| Walküre | Welcher Alarmplan wurde für den Staatsstreich umfunktioniert? |
| Bendlerblock | Wie hieß die Berliner Zentrale des Umsturzversuchs? |
| Stauffenberg | Welcher Familienname gehört zum Bombenattentäter? |
| Plötzensee | Welche Berliner Hinrichtungsstätte wurde zum Tatort der Verfolgung? |
| Freisler | Welcher Präsident leitete die Schauprozesse des Volksgerichtshofs? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Zeitleiste: Gestalte eine Zeitleiste mit acht Stationen vom Abflug Stauffenbergs bis zur Niederschlagung des Umsturzversuchs. Markiere bei jeder Station Ort, Akteur und Entscheidung.
- Biografiekarte: Erstelle eine bebilderte Kurzbiografie zu Stauffenberg, Beck, Olbricht, Tresckow oder Goerdeler. Trenne gesicherte Fakten, Motive und spätere Deutungen.
- Historische Karte: Trage Wolfsschanze, Rangsdorf, Bendlerblock und Plötzensee in eine Karte ein und erkläre die Funktion jedes Ortes in zwei Sätzen.
- Bildanalyse: Untersuche ein Foto der zerstörten Lagebaracke nach Urheber, Perspektive, sichtbaren Details, möglicher Inszenierung und Aussagegrenzen.
Standard
- Quellenvergleich: Vergleiche das Fernschreiben der Verschwörer mit einer NS-Rundfunkmeldung nach dem Attentat. Analysiere Adressaten, Wortwahl, Feindbild und Handlungsabsicht.
- Akteursnetzwerk: Erstelle ein Netzwerkdiagramm mit mindestens zehn militärischen und zivilen Beteiligten. Kennzeichne Funktionen, Kontakte und Konfliktlinien.
- Historische Debatte: Führe eine strukturierte Diskussion zur Aussage „Ein Attentat war 1944 moralisch gerechtfertigt“. Nutze mindestens drei ethische Kriterien und historische Alternativen.
- Erinnerungsort: Entwickle einen digitalen Rundgang durch den Bendlerblock. Plane fünf Stationen mit Objekt, Information, Quellenfrage und Reflexionsimpuls.
Schwer
- Forschungsessay: Untersuche auf 1500 bis 2000 Wörtern, ob der 20. Juli eher als militärischer Putsch, zivil-militärischer Umsturzversuch oder demokratischer Widerstand bezeichnet werden sollte. Definiere Deine Begriffe und prüfe Gegenargumente.
- Kontrafaktische Geschichte: Entwickle vorsichtig zwei plausible Szenarien für den Fall von Hitlers Tod. Trenne gesicherte Ausgangsbedingungen von Spekulation und erkläre Grenzen kontrafaktischer Aussagen.
- Erinnerungskultur: Vergleiche die Deutung des 20. Juli in der frühen Bundesrepublik, der DDR und im heutigen vereinten Deutschland. Nutze Reden, Schulbücher, Denkmäler oder Briefmarken als Quellen.
- Mikrohistorische Studie: Recherchiere eine weniger bekannte beteiligte Person oder eine verfolgte Familie. Rekonstruiere Handlungsspielräume, Verfolgung und Nachgeschichte anhand überprüfbarer Quellen.


Lernkontrolle
- Kausalanalyse: Entwickle ein Wirkungsdiagramm zum Scheitern des Umsturzes. Ordne technische, kommunikative, militärische und politische Faktoren und begründe, welche Ursache Du am stärksten gewichtest.
- Plananalyse: Erkläre, warum die Umdeutung von „Walküre“ zugleich klug und riskant war. Beziehe Legalitätsschein, Befehlskette, Zeitdruck und Hitlers Überleben ein.
- Quellenkritik: Beurteile, welchen Erkenntniswert ein Gestapo-Verhörprotokoll, ein Umsturzfernschreiben und eine Nachkriegserinnerung jeweils besitzen. Benenne für jede Quelle mindestens zwei Grenzen.
- Urteilsbildung: Verfasse ein Sachurteil und ein davon getrenntes Werturteil über den 20. Juli. Lege Kriterien offen und behandle mindestens ein starkes Gegenargument.
- Vergleich von Widerstand: Vergleiche den 20. Juli mit einer anderen Form des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Arbeite Unterschiede in Akteuren, Mitteln, Zielen, Risiken und Wirkung heraus.
- Geschichtspolitik: Entwirf ein Konzept für eine Gedenkveranstaltung, die den 20. Juli würdigt und zugleich die Vielfalt des Widerstands sichtbar macht. Begründe Auswahl, Reihenfolge und Sprache.
Lernnachweis
Für einen qualifizierten Lernnachweis sind folgende Leistungen wichtig:
- Kontextualisierung: Du ordnest den Umsturzversuch in NS-Diktatur, Weltkrieg, Holocaust und militärische Lage ein.
- Rekonstruktion: Du stellst Ablauf, Orte, Akteure und Entscheidungen chronologisch korrekt dar.
- Kausales Denken: Du erklärst das Scheitern mehrperspektivisch und gewichtest Ursachen.
- Quellenkompetenz: Du unterscheidest Quelle und Darstellung und prüfst Entstehung, Perspektive, Absicht und Grenzen.
- Differenzierung: Du beschreibst das Netzwerk als heterogen und vermeidest Heldenerzählung sowie pauschale Abwertung.
- Urteilskompetenz: Du trennst Sachurteil und Werturteil und begründest beide mit Kriterien und Belegen.
- Erinnerungskultur: Du analysierst Veränderungen der öffentlichen Deutung nach 1945.
- Wissenschaftliches Arbeiten: Du zitierst nachvollziehbar, vergleichst Literatur und kennzeichnest Unsicherheit.
Ein möglicher Lernnachweis besteht aus einem Quellenportfolio, einer schriftlichen Analyse von etwa 2000 Wörtern und einer mündlichen Verteidigung des eigenen Urteils.
Quellen und weiterführende Literatur
- Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Vertiefungstexte zu Wegen, Zielen und Ablauf des Umsturzversuchs.
- Bundeszentrale für politische Bildung: Dossiers und Unterrichtsmaterialien zu Widerstand, Nationalsozialismus und Erinnerung.
- Deutsches Historisches Museum: LeMO-Beiträge, Biografien, Objekte und Zeitstrahlen.
- German History in Documents and Images: Digitalisierte Quellen und wissenschaftliche Einordnungen.
- Widerstand gegen den Nationalsozialismus: Überblick über unterschiedliche soziale Gruppen, Motive und Handlungsformen.
- ↑ Bundeszentrale für politische Bildung: 20. Juli 1944: Attentat auf Adolf Hitler, abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Bundeszentrale für politische Bildung: Widerstand gegen den Nationalsozialismus, abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Deutsches Historisches Museum, LeMO: Attentat vom 20. Juli, abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Stauffenberg und das Attentat vom 20. Juli 1944, abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Bundeszentrale für politische Bildung: Chronologie des 20. Juli 1944, abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944, abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Ziele des Umsturzversuches, abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ German History in Documents and Images: Fernschreiben der Verschwörergruppe Stauffenberg, abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Bundeszentrale für politische Bildung: Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen, abgerufen am 24. Juli 2026.
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