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Prospect Theory - Psychologie

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Prospect Theory - Psychologie




Prospect Theory - Psychologie


Einleitung

Die Prospect Theory erklärt, wie Menschen unter Risiko und Unsicherheit tatsächlich entscheiden. Sie wurde 1979 von den Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky formuliert. Anders als die normative Erwartungsnutzentheorie beschreibt sie systematische Abweichungen vom Modell des vollständig rationalen Menschen.

Du lernst, warum ein Verlust oft stärker wirkt als ein gleich großer Gewinn, weshalb die Darstellung einer Wahl ihre Wirkung verändert und warum kleine Wahrscheinlichkeiten psychologisch übergroß erscheinen können. Das Thema verbindet Allgemeine Psychologie, Kognitionspsychologie, Entscheidungspsychologie, Verhaltensökonomik und Finanzpsychologie.


Lernziele

  1. Deskriptive Theorie: Du unterscheidest eine Beschreibung realer Entscheidungen von einer normativen Regel für rationale Entscheidungen.
  2. Referenzpunkt: Du erklärst, warum Ergebnisse als Gewinne oder Verluste relativ zu einer Vergleichsbasis bewertet werden.
  3. Verlustaversion: Du analysierst die asymmetrische Wirkung gleich großer Gewinne und Verluste.
  4. Wahrscheinlichkeitsgewichtung: Du beurteilst, warum subjektive Entscheidungsgewichte von objektiven Wahrscheinlichkeiten abweichen.
  5. Framing-Effekt: Du erkennst, wie sprachliche und visuelle Darstellungen Präferenzen beeinflussen.


Grundmodell

Eine riskante Option wird nicht nur über ihren rechnerischen Erwartungswert beurteilt. In vereinfachter Form kombiniert die Prospect Theory den subjektiven Wert eines Ergebnisses mit einem Entscheidungsgewicht:

V=iπiv(xi)

Dabei steht v(xi) für die Wertfunktion eines Ergebnisses relativ zum Referenzpunkt. πi ist ein psychologisches Entscheidungsgewicht und nicht einfach die objektive Wahrscheinlichkeit.


Referenzabhängigkeit

Menschen bewerten meist nicht den absoluten Endzustand, sondern eine Veränderung gegenüber einem Referenzpunkt. Dieser kann durch Erwartungen, den bisherigen Besitz, ein Ziel oder die Formulierung der Situation entstehen. Derselbe Endzustand kann daher als Gewinn oder als Verlust erlebt werden.


Abnehmende Sensitivität

Die Wertfunktion ist typischerweise bei Gewinnen konkav und bei Verlusten konvex. Der Unterschied zwischen 0 und 100 Euro wirkt meist stärker als der Unterschied zwischen 1.000 und 1.100 Euro. Mit wachsendem Abstand vom Referenzpunkt nimmt die psychologische Wirkung zusätzlicher Einheiten ab.


Verlustaversion

Der Verlust eines Betrags wird häufig stärker erlebt als der Gewinn desselben Betrags. Die Wertfunktion ist deshalb im Verlustbereich steiler. Verlustaversion bedeutet jedoch nicht, dass Menschen jedes Risiko vermeiden.


Wahrscheinlichkeitsgewichtung

Objektive Wahrscheinlichkeiten werden nicht linear verarbeitet. Kleine Wahrscheinlichkeiten können übergewichtet werden, während mittlere und hohe Wahrscheinlichkeiten oft untergewichtet werden. Das hilft, sowohl die Anziehungskraft von Lotterien als auch die Nachfrage nach Versicherungen zu verstehen.


Typische Entscheidungsmuster

Situation Typisches Muster Psychologische Erklärung
Gewinn bei hoher Wahrscheinlichkeit eher Risikoaversion Ein sicherer Gewinn erhält besonderes Gewicht.
Verlust bei hoher Wahrscheinlichkeit eher Risikobereitschaft Eine Chance, den Verlust ganz zu vermeiden, wirkt attraktiv.
Gewinn bei kleiner Wahrscheinlichkeit eher Risikobereitschaft Der seltene große Gewinn wird übergewichtet.
Verlust bei kleiner Wahrscheinlichkeit eher Risikoaversion Der seltene große Verlust wird übergewichtet.

Diese Vier-Felder-Struktur beschreibt Tendenzen und keine festen Regeln für jede Person oder Situation.


Framing-Effekt

Beim Framing-Effekt führen sachlich gleichwertige Darstellungen zu unterschiedlichen Entscheidungen. Eine Behandlung kann als „90 Prozent Überlebensrate“ oder als „10 Prozent Sterberate“ beschrieben werden. Der objektive Informationsgehalt ist gleich, der psychologische Bezugsrahmen jedoch nicht.

Ein klassisches Beispiel ist das Asian-Disease-Problem: Im Gewinnsrahmen wird häufiger die sichere Option gewählt, im Verlustsrahmen häufiger die riskante Option. Der Effekt zeigt, dass Präferenzen durch die Darstellung mitgeprägt werden.


Entscheidungsprozess

Kahneman und Tversky unterscheiden vereinfacht zwei Phasen. In der Editierphase werden Optionen mental geordnet, vereinfacht und als Gewinn oder Verlust kodiert. In der Bewertungsphase werden subjektive Werte und Entscheidungsgewichte kombiniert. Die spätere Kumulative Prospect Theory von 1992 verarbeitet kumulierte Wahrscheinlichkeiten und kann komplexere Verteilungen modellieren.


Anwendungen

Bereich Beispiel Analysefrage
Gesundheitspsychologie Darstellung von Therapieerfolgen Wird dieselbe Information als Gewinn oder Verlust gerahmt?
Finanzpsychologie Zu langes Halten gefallener Aktien Soll ein realisierter Verlust psychologisch vermieden werden?
Konsumpsychologie Rabatt, Aufpreis oder Rückgaberecht Welcher Referenzpunkt wird gesetzt?
Politische Psychologie Kommunikation von Risiken Welche Folgen werden hervorgehoben oder ausgeblendet?
Umweltpsychologie Klimaschutz als Gewinn oder Verlustvermeidung Welches Framing fördert verantwortliches Handeln?


Einordnung und Grenzen

Die Prospect Theory ist deskriptiv: Sie erklärt typische Muster, schreibt aber nicht vor, welche Entscheidung rational oder moralisch richtig ist. Effekte hängen von Aufgabe, Erfahrung, Kultur, Emotion, Größenordnung und Referenzpunkt ab. Parameter unterscheiden sich zwischen Personen und Situationen. Nicht jede Entscheidung zeigt Verlustaversion oder einen Framing-Effekt.

Die Theorie sollte daher als empirisches Modell mit prüfbaren Annahmen verwendet werden, nicht als Etikett für jede unvernünftige Wahl. Gute Forschung vergleicht Modelle, kontrolliert alternative Erklärungen und untersucht Replikationen.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Was beschreibt die Prospect Theory hauptsächlich? (Tatsächliche Entscheidungen unter Risiko und Unsicherheit) (!Moralisch richtige Entscheidungen ohne Unsicherheit) (!Ausschließlich mathematisch optimale Börsenstrategien) (!Die Entwicklung der Persönlichkeit im Kindesalter)




Wer entwickelte die Prospect Theory? (Daniel Kahneman und Amos Tversky) (!Sigmund Freud und Carl Gustav Jung) (!Jean Piaget und Lew Wygotski) (!Ivan Pawlow und Burrhus Skinner)




Was ist ein Referenzpunkt? (Eine Vergleichsbasis für die Bewertung als Gewinn oder Verlust) (!Die objektiv höchste Auszahlung einer Lotterie) (!Eine unveränderliche biologische Schmerzgrenze) (!Der Durchschnitt aller Entscheidungen einer Bevölkerung)




Was bedeutet Verlustaversion? (Verluste wirken häufig stärker als gleich große Gewinne) (!Menschen vermeiden ausnahmslos jedes Risiko) (!Gewinne und Verluste wirken immer gleich stark) (!Nur sehr große Verluste beeinflussen Entscheidungen)




Welche Form hat die Wertfunktion typischerweise? (Bei Gewinnen konkav und bei Verlusten konvex) (!In allen Bereichen linear) (!Bei Gewinnen konvex und bei Verlusten konkav) (!Unabhängig vom Referenzpunkt waagerecht)




Was bedeutet abnehmende Sensitivität? (Zusätzliche Veränderungen wirken mit wachsendem Abstand vom Referenzpunkt schwächer) (!Jede weitere Geldeinheit wirkt stärker als die vorherige) (!Nur Verluste können psychologisch wahrgenommen werden) (!Wahrscheinlichkeiten werden immer exakt verarbeitet)




Was beschreibt die Wahrscheinlichkeitsgewichtung? (Objektive Wahrscheinlichkeiten werden in psychologische Entscheidungsgewichte übersetzt) (!Alle Wahrscheinlichkeiten werden gleich behandelt) (!Nur sichere Ergebnisse werden berücksichtigt) (!Wahrscheinlichkeiten werden durch Gewinne ersetzt)




Was ist ein Framing-Effekt? (Gleichwertige Darstellungen führen zu unterschiedlichen Präferenzen) (!Eine Entscheidung bleibt bei jeder Darstellung identisch) (!Ein Verlust wird nachträglich vollständig vergessen) (!Eine Person berechnet immer den Erwartungswert)




Welches Verhalten ist bei einem wahrscheinlichen Gewinn typisch? (Eher die sichere Option wählen) (!Immer die riskanteste Option wählen) (!Die Auszahlung vollständig ignorieren) (!Nur kleine Wahrscheinlichkeiten beachten)




Wodurch erweitert die Kumulative Prospect Theory das Modell? (Durch die Gewichtung kumulierter Wahrscheinlichkeiten) (!Durch den Verzicht auf Referenzpunkte) (!Durch die Annahme vollständig rationaler Entscheidungen) (!Durch die Abschaffung der Wertfunktion)





Memory

Referenzpunkt Vergleichsbasis
Verlustaversion Stärkere Wirkung von Verlusten
Wertfunktion Subjektiver Ergebniswert
Entscheidungsgewicht Psychologische Wahrscheinlichkeit
Framing Darstellungsrahmen
Risikoaversion Bevorzugung der sicheren Alternative
Editierphase Mentale Aufbereitung
Bewertungsphase Kombination von Wert und Gewicht





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Referenzpunkt Vergleichsbasis für Gewinn und Verlust
Verlustaversion Asymmetrische Bewertung gleich großer Veränderungen
Abnehmende Sensitivität Schwächere Zusatzwirkung mit wachsendem Abstand
Wahrscheinlichkeitsgewichtung Umwandlung objektiver Chancen in Entscheidungsgewichte
Framing-Effekt Präferenzänderung durch die Darstellung






Kreuzworträtsel

Kahneman Welcher Mitbegründer erhielt den Wirtschaftsnobelpreis?
Tversky Wie lautet der Nachname des zweiten Mitbegründers?
Verlustaversion Wie heißt die stärkere Gewichtung von Verlusten?
Referenzpunkt Wie heißt die psychologische Vergleichsbasis?
Framing Welcher Begriff bezeichnet den Darstellungsrahmen?
Wertfunktion Welche Funktion ordnet Ergebnissen subjektive Werte zu?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Die Prospect Theory wurde von Daniel Kahneman und Amos

entwickelt. Ergebnisse werden relativ zu einem

bewertet. Ein negativer Ausgang wird als

kodiert. Verluste wirken häufig stärker als gleich große

. Dieser Zusammenhang heißt

. Kleine Wahrscheinlichkeiten können psychologisch

werden. Ein Darstellungsrahmen kann einen

auslösen. Die Weiterentwicklung von 1992 heißt

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Alltagsentscheidung: Beschreibe eine eigene Entscheidung, bei der ein Referenzpunkt eine Rolle gespielt haben könnte.
  2. Gewinn und Verlust: Formuliere dieselbe Veränderung einmal als Gewinn und einmal als Verlust.
  3. Medienanalyse: Suche eine Werbung und markiere sprachliche Elemente, die Verlustvermeidung ansprechen.
  4. Begriffsbild: Gestalte eine Skizze zu Referenzpunkt, Gewinnbereich und Verlustbereich.


Standard

  1. Framing-Experiment: Entwickle zwei gleichwertige Versionen einer Entscheidungsfrage und befrage mindestens zehn Personen.
  2. Datenanalyse: Vergleiche die Antworten Deines Experiments und erkläre mögliche Unterschiede mit der Prospect Theory.
  3. Interview: Befrage eine Person zu einer riskanten Entscheidung und rekonstruiere ihren vermuteten Referenzpunkt.
  4. Erklärvideo: Produziere ein zweiminütiges Video zu Verlustaversion mit einem selbst entwickelten Beispiel.


Schwer

  1. Modellvergleich: Analysiere dieselbe Entscheidung mit Erwartungswert, Erwartungsnutzentheorie und Prospect Theory.
  2. Forschungsdesign: Plane eine Untersuchung zur Wahrscheinlichkeitsgewichtung mit Hypothese, Variablen, Stichprobe und Auswertung.
  3. Replikationsanalyse: Recherchiere eine Studie zum Framing-Effekt und beurteile Methode, Aussagekraft und Replizierbarkeit.
  4. Ethik der Einflussnahme: Entwickle Kriterien, wann psychologisches Framing informiert, überzeugt oder manipuliert.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Transfer auf Gesundheit: Eine Therapie wird einmal mit 80 Prozent Überleben und einmal mit 20 Prozent Sterben beschrieben. Erkläre erwartbare Unterschiede und entwirf eine faire Informationsdarstellung.
  2. Transfer auf Finanzen: Eine Person hält eine stark gefallene Aktie, um den Verlust nicht zu realisieren. Analysiere Referenzpunkt, Verlustaversion und mögliche Gegenstrategien.
  3. Transfer auf Umweltkommunikation: Vergleiche die Aussagen „Wir können Lebensqualität gewinnen“ und „Wir verlieren Lebensqualität ohne Klimaschutz“. Beurteile Wirkung und ethische Grenzen.
  4. Modellkritik: Entwickle ein Beispiel, in dem die Prospect Theory keine eindeutige Vorhersage liefert, und nenne zusätzliche Einflussfaktoren.
  5. Versuchsplanung: Plane ein kontrolliertes Experiment, das Framing von tatsächlichen Ergebnisunterschieden trennt.
  6. Entscheidungshilfe: Erstelle ein Verfahren, mit dem eine Person Referenzpunkt, Wahrscheinlichkeiten, Folgen und mögliche Frames vor einer wichtigen Wahl sichtbar macht.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis sollst Du:

  1. die Begriffe Referenzpunkt, Wertfunktion, Verlustaversion, Wahrscheinlichkeitsgewichtung und Framing-Effekt korrekt anwenden,
  2. eine riskante Entscheidung mit der Prospect Theory analysieren,
  3. zwischen deskriptiver Erklärung und normativer Bewertung unterscheiden,
  4. Daten oder Beobachtungen nachvollziehbar auswerten,
  5. Grenzen und alternative Erklärungen benennen,
  6. Ergebnisse adressatengerecht und quellenbasiert präsentieren.




Quellen und Vertiefung

  1. Kahneman und Tversky: Prospect Theory – An Analysis of Decision under Risk, 1979
  2. Tversky und Kahneman: Advances in Prospect Theory, 1992
  3. Daniel Kahneman: Maps of Bounded Rationality


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