Kognitive Landkarten - Psychologie


Kognitive Landkarten - Psychologie
Kognitive Landkarten - Psychologie
Einleitung
Eine kognitive Landkarte ist eine innere Repräsentation räumlicher Beziehungen. Sie hilft Dir, Orte wiederzuerkennen, Wege zu planen, Abkürzungen zu finden und Entfernungen einzuschätzen. Sie ist keine exakte Kopie der Umwelt, sondern ein vereinfachtes und oft verzerrtes mentales Modell.
Der Kurs verbindet Kognitionspsychologie, Lernpsychologie, Wahrnehmungspsychologie und Neurowissenschaft. Er richtet sich an die Klassen 11–13 und an Studierende.

Leitfrage: Wie wird aus Wahrnehmung, Bewegung und Erinnerung ein flexibles Wissen über Räume?
Lernziele
- Kognitive Landkarten erklären und von Mindmaps unterscheiden.
- Tolmans Experimente und latentes Lernen einordnen.
- Landmarken, Routenwissen und Überblickswissen unterscheiden.
- egozentrische und allozentrische Orientierung vergleichen.
- typische räumliche Verzerrungen analysieren.
- Hippocampus, Ortszellen und Gitterzellen zuordnen.
Grundlagen
Begriff und Abgrenzung
Eine kognitive Landkarte speichert Beziehungen wie neben, hinter, nördlich von oder über diesen Weg erreichbar. Sie verbindet Wahrnehmung, Bewegung, Sprache und Gedächtnis.
Eine Mindmap wird sichtbar und bewusst erstellt. Eine kognitive Landkarte entsteht als innere Repräsentation durch Erfahrung.
| Kognitive Landkarte | Mindmap |
|---|---|
| Mentales Modell räumlicher Beziehungen | Sichtbare Ordnung von Begriffen |
| Entsteht häufig beiläufig | Wird gezielt gestaltet |
| Unterstützt Navigation | Unterstützt Strukturierung |
Tolman und latentes Lernen
Edward Tolman untersuchte Ratten in Labyrinthen. Die Tiere konnten räumliches Wissen auch ohne sofortige Belohnung erwerben. Wurde später Futter angeboten, zeigte sich dieses Wissen im Verhalten. Das nennt man latentes Lernen.
Tolmans Ansatz stellte die Vorstellung infrage, Lernen bestehe nur aus starren Reiz-Reaktions-Verbindungen.

Formen räumlichen Wissens
- Landmarke: Auffälliger Orientierungspunkt, etwa ein Turm.
- Routenwissen: Folge von Abbiegungen und Handlungen.
- Überblickswissen: Wissen über die räumliche Gesamtstruktur.
Bezugssysteme
Egozentrisch bedeutet: Ein Ort wird relativ zum eigenen Körper beschrieben, etwa „links von mir“.
Allozentrisch bedeutet: Orte werden unabhängig vom eigenen Standort zueinander in Beziehung gesetzt, etwa „Die Bibliothek liegt westlich der Mensa“.
Verzerrungen
Kognitive Landkarten sind nützlich, aber nicht maßstabsgetreu.
- Begradigung: Kurven werden gerader erinnert.
- Rechtwinkligkeit: Schiefe Kreuzungen wirken rechtwinklig.
- Ausrichtung: Regionen werden an Hauptachsen angepasst.
- Hierarchisierung: Orte derselben Region erscheinen näher beieinander.
- Vertrautheit: Bekannte Orte wirken größer und detaillierter.
Neuronale Grundlagen
Hippocampus und Ortszellen
Der Hippocampus ist wichtig für räumliches und episodisches Gedächtnis. Ortszellen zeigen erhöhte Aktivität, wenn sich ein Lebewesen an einem bestimmten Ort befindet.


Gitter-, Richtungs- und Grenzzellen
Gitterzellen im entorhinalen Cortex zeigen annähernd hexagonal verteilte Aktivitätsfelder. Kopfrichtungszellen reagieren auf die Richtung. Grenzzellen reagieren auf räumliche Begrenzungen.



John O’Keefe sowie May-Britt und Edvard Moser erhielten 2014 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für Entdeckungen zum Positionierungssystem des Gehirns.
Psychologische Untersuchung
Kognitive Landkarten werden indirekt untersucht:
- Skizzenkarte: Eine Umgebung wird aus dem Gedächtnis gezeichnet.
- Distanzschätzung: Entfernungen zwischen Orten werden geschätzt.
- Routenplanung: Bekannte und neue Wege werden verglichen.
- Virtuelle Realität: Räume werden kontrolliert verändert.
- Bildgebung: Gehirnaktivität wird während räumlicher Aufgaben gemessen.
Anwendungsbeispiel
Zwei Gruppen erkunden ein Gebäude. Eine Gruppe erhält nur Weganweisungen, die andere zusätzlich einen Grundriss. Danach sollen beide einen neuen Weg finden.
Hypothese: Die Grundrissgruppe entwickelt schneller Überblickswissen und findet häufiger Abkürzungen.
Bedeutung im Alltag
Kognitive Landkarten beeinflussen Navigation, Architektur, Stadtplanung, Leitsysteme, Computerspiele und digitale Karten. Gute Umgebungen besitzen markante Landmarken, klare Sichtachsen und unterscheidbare Bereiche.
Navigations-Apps erleichtern Wege, können aber dazu führen, dass Menschen eher Anweisungen folgen als selbst Überblickswissen aufzubauen.
Merksatz
Kognitive Landkarten sind flexible, subjektive Modelle räumlicher Beziehungen. Sie unterstützen Orientierung, enthalten aber Vereinfachungen und Verzerrungen.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was ist eine kognitive Landkarte? (Eine mentale Repräsentation räumlicher Beziehungen) (!Eine maßstabsgetreue Karte im Gehirn) (!Eine bewusst gezeichnete Mindmap) (!Ein ausschließlich sprachliches Gedächtnis)
Wofür ist Edward Tolman besonders bekannt? (Für Forschungen zu latentem Lernen und kognitiven Karten) (!Für die Entdeckung der klassischen Konditionierung) (!Für die Entwicklung der Psychoanalyse) (!Für die Theorie der kognitiven Dissonanz)
Was kennzeichnet latentes Lernen? (Erworbenes Wissen wird erst später im Verhalten sichtbar) (!Lernen gelingt nur durch sofortige Belohnung) (!Lernen findet ausschließlich bewusst statt) (!Lernen besteht nur aus Muskelbewegungen)
Was ist ein Beispiel für Routenwissen? (An der Treppe links und danach zweimal rechts gehen) (!Die Mensa liegt westlich der Bibliothek) (!Der Campus bildet ein rechteckiges Wegenetz) (!Zwei Gebäude sind ungefähr gleich groß)
Was beschreibt ein allozentrisches Bezugssystem? (Beziehungen zwischen Orten unabhängig vom eigenen Standort) (!Orte ausschließlich relativ zum eigenen Körper) (!Nur die aktuelle Blickrichtung) (!Eine zufällige Folge von Bewegungen)
Welche Aussage beschreibt eine typische Verzerrung? (Schiefe Kreuzungen werden eher rechtwinklig erinnert) (!Jede Entfernung wird exakt gespeichert) (!Unbekannte Orte erscheinen immer größer) (!Kurven werden grundsätzlich stärker gekrümmt erinnert)
Welche Nervenzellen reagieren bevorzugt an bestimmten Orten? (Ortszellen) (!Spiegelzellen) (!Motoneuronen) (!Fotorezeptoren)
Welches Muster ist für Gitterzellen typisch? (Annähernd hexagonal verteilte Aktivitätsfelder) (!Ein einzelnes Aktivitätsfeld ohne Wiederholung) (!Eine Aktivität nur bei geschlossenen Augen) (!Eine Aktivität ausschließlich bei Belohnung)
Welche Methode erfasst eine kognitive Landkarte indirekt? (Eine Skizze aus dem Gedächtnis) (!Eine Blutgruppenbestimmung) (!Ein Hörtest ohne Raumbezug) (!Eine Messung der Körpertemperatur)
Welche Aussage ist wissenschaftlich angemessen? (Kognitive Landkarten sind nützliche, aber vereinfachte mentale Modelle) (!Kognitive Landkarten sind perfekte Kopien der Umwelt) (!Navigation beruht auf einer einzigen Nervenzelle) (!Räumliches Wissen ist bei allen Menschen identisch)
Memory
| Kognitive Karte | Mentale Repräsentation räumlicher Beziehungen |
| Landmarke | Auffälliger Orientierungspunkt |
| Routenwissen | Wissen über Bewegungsfolgen |
| Überblickswissen | Wissen über die Gesamtstruktur |
| Ortszelle | Aktivität an einer Position |
| Gitterzelle | Hexagonales Aktivitätsmuster |
| Egozentrisch | Bezug zum eigenen Körper |
| Allozentrisch | Bezug zwischen Orten |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Landmarke | Kirchturm als Orientierungspunkt |
| Route | Folge von Abbiegungen |
| Überblick | Flexible Verbindung mehrerer Wege |
| Ortszelle | Aktivität an einer Position |
| Gitterzelle | Regelmäßiges räumliches Raster |
Kreuzworträtsel
| Tolman | Welcher Psychologe prägte das Konzept der kognitiven Karte? |
| Landmarke | Wie heißt ein auffälliger Orientierungspunkt? |
| Hippocampus | Welche Hirnstruktur ist wichtig für räumliches Gedächtnis? |
| Gitterzelle | Welche Zelle zeigt regelmäßig verteilte Aktivitätsfelder? |
| Egozentrisch | Wie heißt Orientierung relativ zum eigenen Körper? |
| Verzerrung | Wie heißt eine systematische Abweichung der Raumvorstellung? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Wegskizze: Zeichne den Weg von Deinem Lernort zu einem häufig besuchten Raum aus dem Gedächtnis.
- Landmarke: Beschreibe fünf auffällige Orientierungspunkte in Deiner Umgebung.
- Mindmap: Vergleiche Mindmap und kognitive Landkarte in einer Grafik.
- Routenbeschreibung: Erkläre einer anderen Person einen Weg ohne Karte.
Standard
- Distanzschätzung: Schätze Entfernungen zwischen sechs bekannten Orten und überprüfe sie.
- Routenwissen: Untersuche, ob Lernende auch eine Abkürzung entwickeln können.
- Skizzenkarte: Vergleiche mehrere Gedächtniskarten desselben Geländes.
- Computerspiel: Analysiere Landmarken, Minikarten und Sichtachsen in einem Spiel.
Schwer
- Experiment: Plane eine Untersuchung zum Einfluss digitaler Navigation auf Überblickswissen.
- Neurowissenschaft: Erstelle ein Modell zu Orts-, Gitter-, Richtungs- und Grenzzellen.
- Barrierefreiheit: Entwickle ein inklusives Leitsystem für ein komplexes Gebäude.
- Wissenschaftliche Kontroverse: Beurteile die Landkartenmetapher kritisch.


Lernkontrolle
- Transfer auf Architektur: Entwickle drei Maßnahmen für bessere Orientierung in einem Krankenhaus und begründe sie.
- Navigation und Lernen: Vergleiche Schritt-für-Schritt-Navigation mit einer Übersichtskarte.
- Fehleranalyse: Erkläre Unterschiede zwischen zwei Skizzenkarten durch Erfahrung, Ziele und Aufmerksamkeit.
- Versuchsplanung: Entwirf ein Experiment zu egozentrischer und allozentrischer Orientierung.
- Neurologischer Fall: Entwickle mehrere Erklärungen für gestörtes räumliches Lernen, ohne vorschnell zu diagnostizieren.
- Kritisches Urteil: Beurteile die Aussage, im Gehirn liege eine genaue Karte der Umwelt.
Lernnachweis
- Begriff und Merkmale kognitiver Landkarten erklären.
- Tolmans Ansatz und latentes Lernen einordnen.
- Landmarken-, Routen- und Überblickswissen unterscheiden.
- egozentrische und allozentrische Bezugssysteme anwenden.
- typische Verzerrungen analysieren.
- neuronale Grundlagen fachlich angemessen darstellen.
- eine Untersuchung planen und kritisch bewerten.
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