Geworfenheit - Philosophie


Geworfenheit - Philosophie
Geworfenheit - Philosophie
Einleitung
Du hast weder Deinen Geburtsort noch Deine erste Sprache, Deine Zeit, Deinen Körper oder Deine Herkunft gewählt. Trotzdem musst Du aus genau dieser Situation heraus leben und handeln. Martin Heidegger nennt diese Grundbedingung des menschlichen Daseins Geworfenheit.
Geworfenheit bedeutet nicht, dass Dein Leben vollständig festgelegt ist. Sie bezeichnet das ungefragte Schon-da-Sein in einer konkreten Welt. Zugleich entwirfst Du Möglichkeiten. Heidegger fasst diese Spannung als geworfenen Entwurf: Du beginnst nie bei null, bist aber auch nicht bloß ein Produkt Deiner Umstände.

Lernziele
Nach diesem aiMOOC kannst Du Geworfenheit, Faktizität, Befindlichkeit, Entwurf, das Man und Eigentlichkeit unterscheiden. Du kannst Alltagssituationen analysieren, Geworfenheit von Determinismus abgrenzen und Heideggers Begriff kritisch auf Freiheit, Verantwortung und soziale Bedingungen beziehen.
Begrifflicher Kontext
Geworfenheit gehört zur Analyse des Daseins in Heideggers Hauptwerk Sein und Zeit von 1927. Mit Dasein meint Heidegger nicht einfach ein biologisches Individuum, sondern das Seiende, dem es um sein eigenes Sein geht. Menschliches Leben ist immer schon In-der-Welt-sein: praktisch, leiblich, sprachlich, geschichtlich und mit anderen verbunden.

Geworfenheit und Faktizität
Faktizität bezeichnet, dass Du Dich stets in einer konkreten Lage vorfindest. Zu ihr gehören etwa Vergangenheit, Familie, Sprache, gesellschaftliche Verhältnisse, Fähigkeiten, Verletzlichkeit und Endlichkeit. Vieles davon ist nicht selbst gewählt.
Geworfenheit beschreibt die Seinsweise dieses Vorgefundenseins. Der Ausdruck benennt keinen Werfer und keine räumliche Bewegung. Er macht sichtbar, dass Du Deinen Anfang nicht selbst begründet hast.

Befindlichkeit: Wie die Welt Dich angeht
Durch Befindlichkeit ist Dir erschlossen, wie Du Dich in Deiner Situation befindest. Stimmungen sind bei Heidegger nicht bloß innere Gefühle. In Langeweile, Freude oder Angst zeigt sich zugleich, wie die Welt für Dich bedeutsam ist.
Befindlichkeit verweist auf Geworfenheit: Du kannst eine Stimmung beeinflussen, aber Du erzeugst Dein Gestimmtsein nicht vollständig aus freiem Entschluss.
Entwurf und Seinkönnen
Das Dasein ist nicht nur geworden, sondern richtet sich auf Möglichkeiten. Entwurf bedeutet, dass Du Dich auf ein Seinkönnen hin verstehst: Du lernst, entscheidest, verwirfst Pläne und deutest Dich neu.
Geworfenheit und Entwurf gehören zusammen. Deine Möglichkeiten sind weder grenzenlos noch vollständig vorgegeben. Freiheit ist situierte Freiheit.

Der geworfene Entwurf
Die Formel geworfener Entwurf verbindet drei Einsichten:
- Vorgegebenheit: Du triffst auf Bedingungen, die schon bestehen.
- Möglichkeit: Du kannst Dich zu diesen Bedingungen verhalten.
- Verantwortung: Deine Lage entschuldigt nicht automatisch jede Entscheidung, begrenzt aber, was realistisch möglich ist.
Beispiel: Deine Erstsprache ist Dir zunächst gegeben. Später kannst Du weitere Sprachen lernen, Deinen Sprachgebrauch verändern oder sprachliche Ausgrenzung kritisieren. Der Entwurf arbeitet mit einer Geworfenheit, die er nicht ungeschehen macht.
Zeitlichkeit und Sorge
Geworfenheit verweist auf das Gewesene, Entwurf auf Zukunft und das alltägliche Tätigsein auf Gegenwart. Diese Dimensionen sind nicht getrennt. In Heideggers Begriff der Sorge bilden sie eine Struktur: Du bist schon in einer Welt, gehst mit Dingen und Menschen um und bist Deinen Möglichkeiten voraus.
Das Man, Angst und Eigentlichkeit
Im Alltag orientierst Du Dich häufig daran, was man tut, denkt oder erwartet. Das Man ist notwendig für gemeinsames Leben, kann aber eigene Möglichkeiten verdecken.
Die Angst kann nach Heidegger die vertraute Selbstverständlichkeit unterbrechen. Sie kann zeigen, dass niemand Dir die Übernahme Deines endlichen Lebens vollständig abnimmt. Eigentlichkeit bedeutet dabei keine moralische Überlegenheit. Sie meint, die eigenen Möglichkeiten bewusster als die je eigenen zu übernehmen.
Was Geworfenheit nicht bedeutet
Geworfenheit ist kein Fatalismus. Sie sagt nicht, dass jede Handlung vorherbestimmt ist. Sie ist auch keine Ausrede, Verantwortung abzulehnen. Umgekehrt darf der Begriff nicht dazu dienen, reale Ungleichheit zu individualisieren: Armut, Diskriminierung oder politische Unterdrückung sind nicht nur persönliche Schicksale, sondern veränderbare soziale Verhältnisse.
Vergleichende Perspektiven
| Ansatz | Schwerpunkt | Bezug zur Geworfenheit |
|---|---|---|
| Jean-Paul Sartre | Freiheit und Faktizität | Menschen wählen in Situationen, die sie nicht gewählt haben. |
| Simone de Beauvoir | Situierte Freiheit | Freiheit ist leiblich, sozial und durch Machtverhältnisse geprägt. |
| Stoizismus | Umgang mit Verfügbarem und Unverfügbarem | Die praktische Unterscheidung ähnelt der Frage nach gegebenen Bedingungen, verfolgt aber ein anderes philosophisches Ziel. |
| Sozialphilosophie | Institutionen und Ungleichheit | Sie untersucht, wie gesellschaftliche Bedingungen Möglichkeiten eröffnen oder blockieren. |
Kritische historische Einordnung
Eine verantwortliche Lektüre muss Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus, seine Mitgliedschaft in der NSDAP und antisemitische Äußerungen in den Schwarzen Heften einbeziehen. Philosophische Bedeutung schützt einen Autor nicht vor historischer und ethischer Kritik.

Die Leitfrage lautet daher nicht nur: Was erklärt der Begriff? Ebenso wichtig ist: Was blendet er aus, und wie lässt er sich durch Perspektiven auf Macht, Gesellschaft und Verantwortung korrigieren?

Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was bezeichnet Geworfenheit bei Heidegger? (Das ungefragte Schon-da-Sein in konkreten Bedingungen) (!Eine körperliche Bewegung durch den Raum) (!Eine vollständig frei gewählte Lebenslage) (!Eine naturwissenschaftliche Theorie der Geburt)
Welche Aussage folgt nicht aus dem Begriff der Geworfenheit? (Alle Entscheidungen sind vollständig vorherbestimmt) (!Menschen wählen ihren Lebensanfang nicht selbst) (!Möglichkeiten entstehen in konkreten Situationen) (!Vergangenheit prägt gegenwärtige Entwürfe)
Wie verhalten sich Geworfenheit und Entwurf zueinander? (Sie bilden gemeinsam den geworfenen Entwurf) (!Sie schließen einander vollständig aus) (!Der Entwurf löscht die Vergangenheit) (!Geworfenheit beginnt erst nach einer Entscheidung)
Was meint Faktizität in diesem Zusammenhang? (Das konkrete Vorgefundensein des eigenen Lebens) (!Eine Sammlung mathematischer Fakten) (!Die Abwesenheit jeder Geschichte) (!Eine frei erfundene Selbstbeschreibung)
Welche Funktion hat Befindlichkeit? (Sie erschließt, wie die Welt einen Menschen angeht) (!Sie beseitigt alle Stimmungen) (!Sie ersetzt jedes praktische Handeln) (!Sie beweist eine unveränderliche Persönlichkeit)
Wofür steht das Man? (Für alltägliche öffentliche Erwartungen und Selbstverständlichkeiten) (!Für eine einzelne geheime Person) (!Für einen biologischen Instinkt) (!Für eine staatliche Behörde)
Welche Rolle kann Angst bei Heidegger spielen? (Sie kann vertraute Selbstverständlichkeiten unterbrechen) (!Sie garantiert moralisch richtige Entscheidungen) (!Sie beseitigt die Endlichkeit) (!Sie macht soziale Beziehungen unmöglich)
Welche Zeitdimension ist besonders mit dem Entwurf verbunden? (Die Zukunft als Horizont von Möglichkeiten) (!Nur die messbare Uhrzeit) (!Eine zeitlose Gegenwart) (!Eine vollständig abgeschlossene Vergangenheit)
Was verlangt eine kritische Heidegger-Lektüre? (Philosophische Begriffe und politische Verstrickung gemeinsam zu prüfen) (!Die Biografie grundsätzlich zu verschweigen) (!Jede Aussage allein wegen des Autors zu übernehmen) (!Historische Quellen durch Vermutungen zu ersetzen)
Welches Beispiel zeigt einen geworfenen Entwurf? (Eine gegebene Erstsprache wird durch weiteres Lernen erweitert) (!Eine Person wählt vor ihrer Geburt ihre Familie) (!Vergangenheit besitzt keinerlei Bedeutung) (!Jede Möglichkeit steht jederzeit allen gleich offen)
Memory
| Geworfenheit | Nicht gewählte Ausgangslage |
| Faktizität | Konkretes Vorgefundensein |
| Befindlichkeit | Gestimmtes Erschlossensein |
| Entwurf | Ausrichtung auf Möglichkeiten |
| Das Man | Öffentliche Alltäglichkeit |
| Eigentlichkeit | Übernahme eigener Möglichkeiten |
| Sorge | Einheit zeitlicher Existenzstruktur |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Bedeutung |
|---|---|
| Geworfenheit | Ungefragtes Schon-da-Sein |
| Faktizität | Konkrete Lebensbedingungen |
| Befindlichkeit | Gestimmter Weltbezug |
| Entwurf | Orientierung an Möglichkeiten |
| Das Man | Alltägliche öffentliche Erwartungen |
| Eigentlichkeit | Bewusste Übernahme des eigenen Seinkönnens |
| Sorge | Zeitliche Einheit des In-der-Welt-seins |
Kreuzworträtsel
| Geworfenheit | Wie heißt das ungefragte Schon-da-Sein in einer konkreten Welt? |
| Dasein | Welcher Begriff bezeichnet bei Heidegger das Seiende, dem es um sein Sein geht? |
| Faktizität | Wie heißt das konkrete Vorgefundensein des Lebens? |
| Entwurf | Welcher Begriff bezeichnet die Ausrichtung auf Möglichkeiten? |
| Befindlichkeit | Welcher Begriff beschreibt den gestimmten Weltbezug? |
| Alltäglichkeit | Wie heißt der gewöhnliche Modus des Lebens, in dem das Man prägend ist? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Situationskarte: Zeichne zwei Kreise mit den Überschriften „vorgefunden“ und „beeinflussbar“ und ordne sechs Beispiele aus dem Alltag zu.
- Begriff in einem Bild: Fotografiere oder zeichne ein Motiv, das Geworfenheit ausdrückt, und erläutere Deine Wahl in fünf Sätzen.
- Sprachbiografie: Beschreibe, welche Teile Deiner Sprache gegeben waren und welche Du später aktiv verändert oder erweitert hast.
- Alltagsbeobachtung: Finde eine Situation, in der „man“ etwas tut, und formuliere zwei mögliche Alternativen.
Standard
- Fallanalyse: Analysiere eine Ausbildungs-, Studien- oder Berufsentscheidung mit den Begriffen Faktizität, Entwurf und Verantwortung.
- Podcast: Produziere ein dreiminütiges Gespräch, in dem zwei Personen darüber streiten, ob Geworfenheit Freiheit begrenzt oder ermöglicht.
- Begriffsvergleich: Vergleiche Geworfenheit mit Sartres Faktizität oder Beauvoirs situierter Freiheit in einer Tabelle.
- Medienanalyse: Untersuche eine Filmfigur danach, welche Bedingungen sie vorfindet und welche Möglichkeiten sie entwirft.
Schwer
- Philosophischer Essay: Beurteile die These „Verantwortung beginnt nicht trotz, sondern innerhalb der Geworfenheit“.
- Sozialkritik: Prüfe an einem Beispiel von Ungleichheit, wo Heideggers Begriff erklärt und wo eine sozialphilosophische Ergänzung nötig ist.
- Quellenkritik: Recherchiere Heideggers politische Verstrickung und entwickle Kriterien für eine verantwortliche Werklektüre.
- Forschungsprojekt: Führe drei kurze Interviews über nicht gewählte Lebensbedingungen, anonymisiere die Aussagen und werte sie philosophisch aus.


Lernkontrolle
- Transfer auf Biografie: Analysiere einen erfundenen Lebenslauf und zeige, wie sich Geworfenheit und Entwurf gegenseitig begrenzen und ermöglichen.
- Freiheit und Grenze: Entwickle ein Gegenbeispiel zur Behauptung, jeder Mensch könne unabhängig von seiner Situation alles erreichen.
- Verantwortungsurteil: Beurteile, wann eine schwierige Ausgangslage Verantwortung mindert, aber nicht vollständig aufhebt.
- Gesellschaftlicher Wandel: Erkläre, wie kollektiv veränderbare Bedingungen zugleich als vorgefunden erlebt werden können.
- Begriffsprüfung: Unterscheide Geworfenheit von Fatalismus, Zufall und Determinismus anhand eines eigenen Beispiels.
- Kritische Lektüre: Formuliere ein begründetes Urteil dazu, wie Heideggers politische Verstrickung bei der Bewertung seines Begriffs berücksichtigt werden soll.
Lernnachweis
Für einen überzeugenden Lernnachweis sind folgende Leistungen wichtig:
- Begriffssicherheit: Geworfenheit, Faktizität, Befindlichkeit, Entwurf, Sorge und das Man korrekt verwenden.
- Zusammenhangswissen: Den geworfenen Entwurf als Einheit von Bedingtheit und Möglichkeit erklären.
- Anwendung: Eine konkrete Situation differenziert analysieren.
- Argumentation: Freiheit und Verantwortung mit Gründen beurteilen.
- Kritik: Soziale Machtverhältnisse und Heideggers historischen Kontext einbeziehen.
- Darstellung: Quellen kenntlich machen und zwischen Beschreibung, Interpretation und Urteil unterscheiden.
OERs zum Thema
- Sein und Zeit in der Wikipedia
- Martin Heidegger in der Wikipedia
- Freie Medien zu Martin Heidegger auf Wikimedia Commons
- Martin Heidegger in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
- Martin Heidegger in der Internet Encyclopedia of Philosophy
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