Das Dasein - Philosophie


Das Dasein - Philosophie
Das Dasein - Philosophie

Dasein bezeichnet in der Philosophie nicht nur, dass etwas vorhanden ist. Besonders bei Martin Heidegger meint es die menschliche Weise zu sein: Du findest Dich bereits in einer Welt vor, verstehst Möglichkeiten, triffst Entscheidungen und weißt um Deine Endlichkeit. Der Kurs verbindet Ontologie, Existenzphilosophie, Phänomenologie und Ethik.
| Fach | Philosophie |
|---|---|
| Zielgruppe | Klasse 11–13 und Studium |
| Leitfrage | Wie ist menschliches Dasein zu verstehen? |
| Zentrale Begriffe | Sein, Existenz, In-der-Welt-sein, Freiheit, Angst, Zeitlichkeit, Tod |
Einleitung
Du bist nicht zuerst ein fertiges Wesen, das danach handelt. Du lebst bereits in Beziehungen, Sprache, Geschichte und Erwartungen. Philosophisch wird deshalb gefragt: Was bedeutet es, dass ich bin? Das Thema betrifft Selbstverständnis, Verantwortung und Lebensgestaltung.
Medienimpuls: Notiere, worin sich Dasein vom bloßen Vorhandensein unterscheidet.
Lernziele
- Begriffsanalyse: Du unterscheidest Sein, Seiendes, Existenz und Dasein.
- Textanalyse: Du erschließt Grundgedanken aus Sein und Zeit.
- Vergleich: Du vergleichst Martin Heidegger, Søren Kierkegaard, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus.
- Urteilskompetenz: Du überträgst existenzphilosophische Begriffe auf Entscheidungen, soziale Medien und gesellschaftliche Verantwortung.
Was bedeutet Dasein?
Im Alltag bedeutet Dasein meist Anwesenheit oder Existenz. In der Philosophie erhält das Wort verschiedene Bedeutungen:
| Position | Kerngedanke |
|---|---|
| Georg Wilhelm Friedrich Hegel | Dasein ist bestimmtes Sein: Sein tritt als begrenztes Etwas hervor. |
| Søren Kierkegaard | Der einzelne Mensch wird durch Wahl, Angst und persönliches Verhältnis zu sich selbst bestimmt. |
| Martin Heidegger | Dasein ist das Seiende, das sein eigenes Sein versteht und zu ihm Stellung nimmt. |
| Existentialismus | Menschliche Existenz ist offen, situationsgebunden und mit Freiheit sowie Verantwortung verbunden. |

Sein, Seiendes und ontologische Differenz
Seiendes ist alles, was in irgendeiner Weise ist: ein Baum, ein Werkzeug, ein Gedanke oder ein Mensch. Sein bezeichnet dagegen, dass und wie Seiendes ist. Die Unterscheidung heißt bei Heidegger ontologische Differenz. Das Dasein ist ausgezeichnet, weil es nach dem Sinn von Sein fragen kann.
Heideggers Analyse des Daseins
Martin Heidegger untersucht in Sein und Zeit von 1927 keine biologische Menschenart. Er beschreibt Grundstrukturen menschlichen Lebens, die er Existenzialien nennt.
In-der-Welt-sein
Dasein ist kein isoliertes Subjekt, das einer äußeren Objektwelt gegenübersteht. Es ist immer schon In-der-Welt-sein. Dinge begegnen zunächst in praktischen Zusammenhängen: Ein Hammer ist als Werkzeug verständlich, weil Du mit ihm etwas tun kannst. Im gelingenden Gebrauch ist er zuhanden; bei einer Störung kann er als vorhanden auffallen. Welt ist daher ein Netz von Bedeutungen, Aufgaben und Beziehungen.

Medienimpuls: Beschreibe, welche Bedeutungsbezüge einen Ort für Dich zur Welt machen.
Geworfenheit, Entwurf und Verfallenheit
- Geworfenheit: Du hast Herkunft, Körper, Sprache und Zeit nicht frei gewählt.
- Entwurf: Du verstehst Dich aus Möglichkeiten und kannst Dein Leben gestalten.
- Verfallenheit: Im Alltag gehst Du oft in Routinen, Aufgaben und Erwartungen auf.
Diese drei Momente gehören zusammen. Freiheit beginnt nicht bei null, sondern innerhalb einer konkreten Situation.
Sorge
Sorge ist bei Heidegger nicht bloß Besorgnis. Der Begriff bezeichnet die Gesamtstruktur des Daseins: Du bist Dir voraus, bereits in einer Welt und bei Dingen sowie Mitmenschen. Dein Leben ist immer ein Vollzug, in dem etwas auf dem Spiel steht.
Das Man und Eigentlichkeit
Im Alltag orientieren wir uns häufig daran, was man tut, denkt oder erwartet. Heidegger nennt diese anonyme soziale Ordnung das Man. Eigentlichkeit bedeutet nicht moralische Überlegenheit. Sie bezeichnet die Möglichkeit, eigene endliche Möglichkeiten bewusst zu übernehmen. Uneigentlichkeit bleibt eine normale Form des Alltags.
Befindlichkeit, Verstehen und Rede
- Befindlichkeit: Stimmungen zeigen, wie Du Dich in einer Situation vorfindest.
- Verstehen: Du erschließt Möglichkeiten des Handelns und Seins.
- Rede: Sprache gliedert und teilt die verstandene Welt.
Die Analyse betrifft emotionale, praktische, soziale und sprachliche Weltbezüge. Die Leiblichkeit bleibt bei Heidegger vergleichsweise wenig ausgearbeitet.
Angst und Endlichkeit
Die Angst richtet sich bei Heidegger nicht notwendig auf ein bestimmtes Objekt. Sie kann vertraute Bedeutungen fraglich werden lassen und das Dasein auf seine eigene Möglichkeit zurückwerfen. Im Sein zum Tode begegnet die äußerste, nicht vertretbare Möglichkeit: die eigene Endlichkeit.

Medienimpuls: Unterscheide Angst, Furcht und bloße Aufregung.
Zeitlichkeit
Dasein existiert zeitlich: Es kommt aus einer bereits gelebten Vergangenheit, handelt in der Gegenwart und entwirft Zukunft. Heidegger nennt diese Einheit Zeitlichkeit. Endlichkeit gibt Entscheidungen Gewicht.

Existenzphilosophische Perspektiven
Kierkegaard: Wahl und Angst
Für Søren Kierkegaard wird der Einzelne nicht durch ein abstraktes System ersetzt. Angst entsteht als Erfahrung von Möglichkeit: Du kannst wählen und musst Verantwortung für Deine Wahl übernehmen.

Sartre: Freiheit und Verantwortung
Jean-Paul Sartre formuliert: Die Existenz geht der Essenz voraus. Der Mensch besitzt demnach kein vollständig vorgegebenes Wesen, sondern bestimmt sich durch Handlungen. Freiheit ist nicht grenzenlose Macht, sondern unausweichliche Verantwortung in einer Situation.
Beauvoir: Freiheit in Beziehungen
Simone de Beauvoir zeigt, dass Freiheit immer verkörpert, gesellschaftlich situiert und mit der Freiheit anderer verflochten ist. Unterdrückung begrenzt konkrete Möglichkeiten. Existenzphilosophie wird dadurch zu einer Frage von Ethik, Geschlecht und sozialer Gerechtigkeit.

Camus: Das Absurde und die Revolte
Albert Camus steht dem Existentialismus nahe, grenzte sich aber von dieser Bezeichnung ab. Das Absurde entsteht aus dem menschlichen Sinnverlangen und einer schweigenden Welt. Seine Antwort ist keine Flucht, sondern bewusstes Leben und Revolte.


Vergleich der Positionen
| Denkerin oder Denker | Ausgangspunkt | Freiheit | Grenze |
|---|---|---|---|
| Kierkegaard | Einzelner vor der Wahl | Möglichkeit der Entscheidung | Angst und Verzweiflung |
| Heidegger | Dasein als In-der-Welt-sein | Übernahme eigener Möglichkeiten | Geworfenheit und Tod |
| Sartre | Existenz ohne vorgegebenes Wesen | Radikale Verantwortung | Situation und andere Menschen |
| Beauvoir | Verkörperte und soziale Existenz | Gegenseitige Befreiung | Unterdrückung |
| Camus | Erfahrung des Absurden | Bewusste Revolte | Sinnlosigkeit und Sterblichkeit |
Aktualität des Themas
Die Daseinsanalyse hilft, heutige Erfahrungen zu prüfen:
- Soziale Medien: Folgst Du eigenen Gründen oder dem digitalen Man?
- Berufswahl: Wie verbindest Du Geworfenheit mit Entwurf?
- Künstliche Intelligenz: Welche Entscheidungen darfst Du an Systeme delegieren?
- Klimakrise: Wie verändert Endlichkeit Verantwortung gegenüber Zukunft und Mitwelt?
- Identität: Ist Authentizität Selbsterfindung, Selbstannahme oder Beziehung zu anderen?
Kritische Einordnung
Heideggers Begriffe sind einflussreich, dürfen aber nicht unkritisch übernommen werden. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP, sein Rektorat 1933 und antisemitische Passagen in den Schwarzen Heften verlangen eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Philosophie, Sprache und politischer Verantwortung. Ebenso ist zu prüfen, ob die Daseinsanalyse soziale Ungleichheit, Körper, Geschlecht und Macht ausreichend berücksichtigt.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was bezeichnet Dasein bei Heidegger? (Das Seiende, dem es um sein eigenes Sein geht) (!Einen beliebigen Gegenstand im Raum) (!Eine unsterbliche Seele) (!Eine biologische Art ohne Selbstbezug)
Was bedeutet In-der-Welt-sein? (Dasein lebt immer schon in praktischen und sozialen Bedeutungsbezügen) (!Der Mensch befindet sich nur räumlich auf der Erde) (!Die Welt ist ausschließlich eine Vorstellung) (!Dasein kann ohne Beziehungen und Sprache bestehen)
Was meint Geworfenheit? (Das Vorgefundensein in nicht selbst gewählten Bedingungen) (!Die vollständige Bestimmung durch Naturgesetze) (!Die Ablehnung jeder Vergangenheit) (!Eine frei gewählte Lebensrolle)
Was bezeichnet Entwurf? (Das Sichverstehen aus eigenen Möglichkeiten) (!Eine technische Zeichnung) (!Die Flucht aus jeder Situation) (!Die unveränderliche Festlegung des Menschen)
Was bedeutet Sorge bei Heidegger? (Die Gesamtstruktur des bezogenen menschlichen Daseins) (!Eine vorübergehende traurige Stimmung) (!Eine medizinische Diagnose) (!Eine moralische Pflicht zur Selbstaufgabe)
Welche Funktion kann Angst bei Heidegger haben? (Sie erschließt die eigene Möglichkeit und Endlichkeit) (!Sie beweist immer eine konkrete Gefahr) (!Sie beseitigt jede Freiheit) (!Sie ist nur ein körperlicher Reflex)
Was ist das Man? (Die anonyme Ordnung alltäglicher Erwartungen) (!Eine bestimmte männliche Person) (!Ein philosophischer Gottesbegriff) (!Eine Form wissenschaftlicher Messung)
Was meint Sein zum Tode? (Den bewussten Bezug zur eigenen Endlichkeit) (!Die ständige Absicht zu sterben) (!Die Leugnung des Lebens) (!Eine Theorie über ein Leben nach dem Tod)
Welche These ist mit Sartre verbunden? (Die Existenz geht der Essenz voraus) (!Das Wesen des Menschen ist vollständig vorgegeben) (!Freiheit ist eine Täuschung) (!Nur gesellschaftliche Regeln bestimmen Handlungen)
Woraus entsteht bei Camus das Absurde? (Aus dem Sinnverlangen des Menschen und der schweigenden Welt) (!Aus einem logischen Rechenfehler) (!Aus fehlender naturwissenschaftlicher Bildung) (!Aus einer bestimmten Staatsform)
Memory
| Dasein | Selbstbezug und Seinsverständnis |
| Geworfenheit | Vorgefundene Bedingungen |
| Entwurf | Ergreifen von Möglichkeiten |
| Sorge | Einheit der Daseinsstruktur |
| Das Man | Anonyme Alltagsnormen |
| Angst | Erschließung eigener Möglichkeit |
| Sein zum Tode | Bezug zur Endlichkeit |
| Zeitlichkeit | Einheit von Vergangenheit Gegenwart und Zukunft |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Philosophischer Gedanke |
|---|---|
| Heidegger | In-der-Welt-sein |
| Kierkegaard | Angst als Möglichkeit der Freiheit |
| Sartre | Existenz vor Essenz |
| Beauvoir | Freiheit in konkreter Situation |
| Camus | Erfahrung des Absurden |
| Hegel | Dasein als bestimmtes Sein |
Kreuzworträtsel
| Dasein | Welches Seiende kann nach seinem eigenen Sein fragen? |
| Entwurf | Wie heißt das Ergreifen eigener Möglichkeiten? |
| Sorge | Wie nennt Heidegger die Gesamtstruktur des Daseins? |
| Angst | Welche Stimmung kann die eigene Möglichkeit erschließen? |
| Endlichkeit | Welche Grenze wird im Sein zum Tode sichtbar? |
| Zeitlichkeit | Was verbindet Vergangenheit Gegenwart und Zukunft? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Begriffsnetz: Gestalte ein Begriffsnetz zu Dasein, Welt, Sorge, Angst und Zeitlichkeit.
- Alltagsbeobachtung: Beschreibe eine Alltagsszene und markiere Geworfenheit, Entwurf und das Man.
- Bildanalyse: Deute Munchs Schrei mit den Begriffen Angst, Welt und Endlichkeit.
- Audio-Glossar: Produziere fünf kurze Audioerklärungen zu zentralen Begriffen.
Standard
- Entscheidungsanalyse: Untersuche eine Studien- oder Berufswahl mit Heidegger und Sartre.
- Philosophievergleich: Erstelle eine Vergleichsgrafik zu Kierkegaard, Heidegger, Sartre, Beauvoir und Camus.
- Interview: Befrage drei Personen dazu, was ein authentisches Leben ausmacht, und werte die Antworten philosophisch aus.
- Medienkritik: Analysiere einen Social-Media-Trend als Ausdruck des Man und entwickle begründete Gegenpositionen.
Schwer
- Textinterpretation: Rekonstruiere das Argument eines Abschnitts aus Sein und Zeit und prüfe seine Voraussetzungen.
- Erörterung: Beurteile die These, Authentizität sei ohne soziale Anerkennung nicht möglich.
- Historische Verantwortung: Recherchiere Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus und diskutiere Folgen für die Werkinterpretation.
- Videoprojekt: Produziere einen philosophischen Kurzfilm über Geworfenheit, Freiheit und Endlichkeit.


Lernkontrolle
- Fallanalyse Smartphone: Ein Smartphone funktioniert plötzlich nicht mehr. Erkläre, wie sich dadurch der praktische Weltbezug verändert, und beziehe Zuhandenheit sowie Vorhandenheit ein.
- Algorithmische Öffentlichkeit: Prüfe, ob Empfehlungsalgorithmen das Man verstärken. Entwickle ein Kriterium für eigenständige Urteile.
- Lebensentscheidung: Analysiere eine konkrete Entscheidung als Zusammenspiel von Geworfenheit, Entwurf, Freiheit und Verantwortung.
- Vergleichende Ethik: Zeige an einem Konflikt, wie Sartres Freiheitsbegriff durch Beauvoirs Situationsanalyse ergänzt oder korrigiert wird.
- Grenzerfahrung: Erörtere, ob das Bewusstsein der Endlichkeit ein verantwortlicheres Leben fördert oder auch lähmen kann.
- Begriffskritik: Prüfe, ob Eigentlichkeit für politische Bildung geeignet ist, und berücksichtige mögliche individualistische Verkürzungen.
Lernnachweis
Für einen überzeugenden Lernnachweis sind wichtig:
- Begriffspräzision: zentrale Begriffe korrekt unterscheiden und anwenden
- Textkompetenz: philosophische Aussagen rekonstruieren und belegen
- Vergleichskompetenz: Gemeinsamkeiten und Unterschiede mehrerer Positionen erklären
- Transfer: Begriffe auf neue Fälle und Gegenwartsfragen beziehen
- Urteil: eine klare These mit Gründen, Einwänden und Abwägung vertreten
- Reflexion: Grenzen, historische Belastungen und gesellschaftliche Voraussetzungen der Theorien berücksichtigen
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