John Rawls 1


John Rawls 1
John Rawls
Einleitung
John Rawls (1921–2002) war ein US-amerikanischer politischer Philosoph. Seine Leitfrage lautet: Nach welchen Grundsätzen würden freie und gleiche Menschen eine gerechte Gesellschaft gestalten?
Rawls bezeichnet seine Konzeption als Gerechtigkeit als Fairness. Besonders bekannt sind die Urposition, der Schleier des Nichtwissens, die gleichen Grundfreiheiten und das Differenzprinzip.

Dieser aiMOOC führt Dich knapp in Rawls’ Theorie ein. Du prüfst Argumente, vergleichst Gegenpositionen und überträgst seine Ideen auf aktuelle Fragen.
Leben und Werk
Rawls wurde 1921 in Baltimore geboren. Er studierte an der Princeton University, lehrte unter anderem an der Cornell University und am Massachusetts Institute of Technology und war ab 1962 Professor an der Harvard University. Er starb 2002.

Während des Zweiten Weltkriegs diente Rawls in der US-Armee. Erfahrungen mit Gewalt, Religion und politischer Macht beeinflussten seine spätere Beschäftigung mit Gerechtigkeit, Freiheit und der moralischen Rechtfertigung gesellschaftlicher Institutionen.

| Werk | Jahr | Schwerpunkt |
|---|---|---|
| Eine Theorie der Gerechtigkeit | 1971 | Gerechtigkeit als Fairness |
| Politischer Liberalismus | 1993 | Stabilität in pluralistischen Demokratien |
| Das Recht der Völker | 1999 | Internationale Ordnung |
| Gerechtigkeit als Fairness – Ein Neuentwurf | 2001 | Präzisierung der Theorie |

Gerechtigkeit als Fairness
Rawls untersucht vor allem die Grundstruktur der Gesellschaft. Dazu gehören zentrale politische, rechtliche, soziale und wirtschaftliche Institutionen. Sie verteilen Rechte, Chancen, Einkommen, Vermögen und gesellschaftliche Einflussmöglichkeiten.
Eine gerechte Ordnung darf nicht allein den Gesamtnutzen erhöhen. Sie muss auch erklären, warum ihre Regeln gegenüber jedem Menschen als freiem und gleichem Bürger vertretbar sind. Rawls erneuert damit die Tradition des Gesellschaftsvertrags.
Urposition und Schleier des Nichtwissens
Die Urposition ist kein historisches Ereignis, sondern ein Gedankenexperiment. Stell Dir vor, Du sollst Grundsätze für eine Gesellschaft wählen, kennst aber Deinen späteren Platz in dieser Gesellschaft nicht.

Der Schleier des Nichtwissens verdeckt unter anderem sozialen Status, Vermögen, Geschlecht, Herkunft, Religion, Fähigkeiten und persönliche Lebensziele. Allgemeines Wissen über Gesellschaft, Wirtschaft und Psychologie bleibt verfügbar.
Dadurch sollen Regeln ohne eigennützige Sondervorteile gewählt werden. Niemand kann sicher sein, später reich, gesund, einflussreich oder gesellschaftlich privilegiert zu sein.

Wichtig: Der Schleier verlangt keine wirkliche Unwissenheit. Er ist ein Modell für Unparteilichkeit.
Die zwei Gerechtigkeitsgrundsätze
| Grundsatz | Kerngedanke |
|---|---|
| Erster Grundsatz | Jede Person besitzt den gleichen Anspruch auf ein angemessenes System gleicher Grundfreiheiten. |
| Faire Chancengleichheit | Ämter und Positionen müssen allen unter fairen Bedingungen offenstehen. |
| Differenzprinzip | Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind nur gerechtfertigt, wenn sie den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen. |
Zu den Grundfreiheiten zählen etwa politische Freiheit, Gewissensfreiheit, Gedankenfreiheit, persönliche Freiheit und Schutz durch den Rechtsstaat.
Der erste Grundsatz hat Vorrang vor wirtschaftlichen Vorteilen. Innerhalb des zweiten Grundsatzes steht die faire Chancengleichheit vor dem Differenzprinzip. Grundfreiheiten dürfen daher nicht einfach gegen mehr Wohlstand eingetauscht werden.

Das Differenzprinzip fordert keine vollständige Gleichverteilung. Ungleichheiten können zulässig sein, wenn eine alternative Ordnung die Lage der am wenigsten Begünstigten verschlechtern würde.
Die oft mit Rawls verbundene Maximin-Regel bedeutet, die schlechtestmögliche Position besonders abzusichern. Rawls begründet ihre Verwendung jedoch nur unter bestimmten Bedingungen der Urposition.
Primärgüter
Die Parteien in der Urposition achten auf gesellschaftliche Primärgüter. Das sind Mittel, die Menschen für sehr unterschiedliche Lebenspläne benötigen.
Dazu gehören Rechte, Freiheiten, Chancen, Einkommen, Vermögen und die gesellschaftlichen Grundlagen der Selbstachtung. Kritiker fragen, ob gleiche Primärgüter ausreichen, wenn Menschen sehr unterschiedliche Bedürfnisse und Fähigkeiten besitzen.
Politischer Liberalismus
In modernen Demokratien bestehen verschiedene Religionen, Weltanschauungen und Vorstellungen vom guten Leben. Rawls nennt dies einen vernünftigen Pluralismus.
Politische Grundsätze sollen deshalb nicht von einer einzigen umfassenden Weltanschauung abhängen. Ein überlappender Konsens entsteht, wenn unterschiedliche Lehren dieselben politischen Grundsätze aus jeweils eigenen Gründen unterstützen.

Die Öffentliche Vernunft verlangt, grundlegende politische Entscheidungen mit Gründen zu rechtfertigen, die freie und gleiche Bürger grundsätzlich nachvollziehen können.
Überlegungsgleichgewicht
Das Überlegungsgleichgewicht ist Rawls’ Methode zur Prüfung moralischer Urteile. Du vergleichst einzelne Gerechtigkeitsurteile, allgemeine Prinzipien und Hintergrundtheorien.
Widersprechen sie einander, überarbeitest Du Urteile oder Prinzipien. Ziel ist kein unfehlbares Ergebnis, sondern ein möglichst gut begründeter Zusammenhang.
Kritik und Gegenpositionen
Robert Nozick verteidigt individuelle Eigentums- und Erwerbsrechte stärker und lehnt vorgegebene Verteilungsmuster ab. Michael Sandel kritisiert das zu abstrakte Menschenbild der Urposition.
Amartya Sen fragt stärker nach realen Verwirklichungschancen. Gerald A. Cohen hält Rawls’ Zulassung anreizbedingter Ungleichheiten für zu großzügig. Feministische Ansätze kritisieren, dass Machtverhältnisse in Familie und Sorgearbeit nicht ausreichend erfasst werden.
Diese Einwände widerlegen Rawls nicht automatisch. Sie zeigen, welche Voraussetzungen und Grenzen seiner Theorie geprüft werden müssen.
Rawls im Originalton
In aufgezeichneten Vorlesungen erläutert Rawls die moderne politische Philosophie selbst. Das folgende Audio eignet sich besonders für Studium und vertiefte Quellenarbeit.

Anwendungen
Rawls’ Theorie kann auf Bildungsgerechtigkeit, Steuergerechtigkeit, Gesundheitsversorgung, Sozialstaat, Klimagerechtigkeit und die Regulierung von Künstlicher Intelligenz angewendet werden.
Dabei genügt es nicht, nur Ergebnisse zu vergleichen. Du musst auch prüfen, ob Grundfreiheiten geschützt, Chancen fair verteilt und die Auswirkungen auf besonders benachteiligte Gruppen berücksichtigt werden.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Wie nennt Rawls seine Konzeption der Gerechtigkeit? (Gerechtigkeit als Fairness) (!Gerechtigkeit als Gehorsam) (!Gerechtigkeit als Tradition) (!Gerechtigkeit als Wettbewerb)
Was ist die Urposition? (Ein Gedankenexperiment zur Wahl gerechter Grundsätze) (!Ein historischer Vertrag amerikanischer Staaten) (!Eine wirtschaftliche Ausgangslage) (!Eine religiöse Ursprungserzählung)
Welche Funktion hat der Schleier des Nichtwissens? (Er soll unparteiische Entscheidungen ermöglichen) (!Er verhindert jedes Wissen über Gesellschaft) (!Er bevorzugt besonders leistungsfähige Personen) (!Er ersetzt politische Wahlen)
Was schützt Rawls’ erster Gerechtigkeitsgrundsatz? (Gleiche Grundfreiheiten) (!Gleiche persönliche Talente) (!Gleiche Berufe) (!Gleiche Lebensziele)
Wann sind Ungleichheiten nach dem Differenzprinzip zulässig? (Wenn sie den am wenigsten Begünstigten größtmöglich nützen) (!Wenn sie von der Mehrheit beschlossen wurden) (!Wenn sie wirtschaftliches Wachstum erzeugen) (!Wenn sie seit langer Zeit bestehen)
Was verlangt faire Chancengleichheit? (Ämter und Positionen müssen unter fairen Bedingungen offenstehen) (!Jede Person muss denselben Beruf ausüben) (!Alle Schulnoten müssen gleich sein) (!Vermögen darf niemals vererbt werden)
Worauf bezieht sich Rawls’ Theorie hauptsächlich? (Auf die Grundstruktur der Gesellschaft) (!Auf private Geschmacksurteile) (!Auf naturwissenschaftliche Gesetze) (!Auf Regeln sportlicher Wettbewerbe)
Was bezeichnet ein überlappender Konsens? (Die Unterstützung politischer Grundsätze aus unterschiedlichen Weltanschauungen) (!Die Einigung auf eine einzige Religion) (!Die Abschaffung politischer Konflikte) (!Die Herrschaft einer philosophischen Schule)
Was geschieht im Überlegungsgleichgewicht? (Urteile und Prinzipien werden wechselseitig geprüft) (!Gesetze werden durch Zufall ausgewählt) (!Moralische Fragen werden vermieden) (!Nur persönliche Gefühle entscheiden)
Welche Aussage über Rawls ist richtig? (Grundfreiheiten haben Vorrang vor wirtschaftlichen Vorteilen) (!Wohlstand darf jede Freiheitsbeschränkung rechtfertigen) (!Rawls fordert immer vollständige Gleichverteilung) (!Rawls lehnt den Gesellschaftsvertrag ab)
Memory
| Urposition | Faire Wahlperspektive |
| Schleier des Nichtwissens | Unkenntnis persönlicher Vorteile |
| Grundfreiheiten | Gleiche Bürgerrechte |
| Differenzprinzip | Vorteil der am wenigsten Begünstigten |
| Primärgüter | Mittel für verschiedene Lebenspläne |
| Überlegungsgleichgewicht | Abstimmung von Urteil und Prinzip |
| Öffentliche Vernunft | Allgemein nachvollziehbare Rechtfertigung |
| Überlappender Konsens | Zustimmung aus verschiedenen Weltanschauungen |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Bedeutung |
|---|---|
| Urposition | Faires Gedankenexperiment |
| Grundfreiheiten | Vorrangige Bürgerrechte |
| Chancengleichheit | Fairer Zugang zu Positionen |
| Differenzprinzip | Schutz der am wenigsten Begünstigten |
| Öffentliche Vernunft | Politisch teilbare Gründe |
Kreuzworträtsel
| Fairness | Welcher Begriff ergänzt Rawls’ Formel Gerechtigkeit als ...? |
| Urposition | Wie heißt Rawls’ hypothetische Ausgangssituation? |
| Nichtwissen | Welches Wort bezeichnet die Unkenntnis persönlicher Merkmale? |
| Differenzprinzip | Welches Prinzip bewertet Ungleichheiten aus Sicht der Benachteiligten? |
| Grundfreiheiten | Welche Rechte besitzen bei Rawls besonderen Vorrang? |
| Konsens | Wie heißt eine tragfähige politische Übereinstimmung? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Begriffsnetz: Erstelle ein Schaubild mit Urposition, Schleier des Nichtwissens, Grundfreiheiten und Differenzprinzip.
- Gedankenexperiment: Beschreibe eine Schulregel, die Du hinter dem Schleier des Nichtwissens wählen würdest.
- Bildanalyse: Erkläre mit eigenen Worten, was die Grafik zur Urposition darstellen soll.
- Kurzstatement: Begründe in höchstens 100 Wörtern, warum Unparteilichkeit für Gerechtigkeit wichtig sein kann.
Standard
- Bildungsgerechtigkeit: Entwickle nach Rawls drei Kriterien für eine faire Verteilung schulischer Fördermittel.
- Rollenspiel: Führt eine Verhandlung über Steuern, ohne zu wissen, welche soziale Position Ihr später einnehmt.
- Theorienvergleich: Vergleiche Rawls und Utilitarismus an einem selbst gewählten Verteilungsproblem.
- Podcast: Produziere ein fünfminütiges Gespräch über Grundfreiheiten und wirtschaftliche Ungleichheit.
Schwer
- Fallanalyse: Prüfe eine politische Reform getrennt nach Freiheitsgrundsatz, Chancengleichheit und Differenzprinzip.
- Philosophischer Essay: Beurteile, ob Rawls’ Urposition ein überzeugendes Modell moralischer Unparteilichkeit ist.
- Gegenposition: Rekonstruiere eine Kritik von Nozick, Sen, Cohen oder Sandel und formuliere eine mögliche Antwort aus Rawls’ Sicht.
- Forschungsprojekt: Untersuche, wie sich Rawls’ Theorie auf die Verteilung von Chancen durch Künstliche Intelligenz übertragen lässt.


Lernkontrolle
- Schulfinanzierung: Zwei Schulen erhalten unterschiedlich viele Mittel. Entwickle eine Rawlsianische Entscheidung und erkläre, welche Informationen hinter dem Schleier ausgeblendet werden müssten.
- Gesundheitspolitik: Prüfe, ob eine medizinische Priorisierung allein nach wirtschaftlicher Produktivität mit Rawls’ Grundsätzen vereinbar wäre.
- Steuermodell: Vergleiche zwei Steuersysteme und beurteile ihre Auswirkungen auf Grundfreiheiten, Chancen und die am wenigsten Begünstigten.
- Meinungsfreiheit: Untersuche, warum eine Einschränkung grundlegender Freiheit nicht allein mit höherem Wohlstand gerechtfertigt werden kann.
- Digitale Gerechtigkeit: Entwickle Regeln für einen fairen Zugang zu digitaler Bildung und begründe sie aus der Urposition.
- Theoriekritik: Entscheide, ob Sens Fokus auf Verwirklichungschancen Rawls’ Primärgüter ergänzt oder ersetzt, und verteidige Dein Urteil.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis solltest Du zeigen, dass Du:
- die Urposition und den Schleier des Nichtwissens korrekt erklären kannst,
- die beiden Gerechtigkeitsgrundsätze und ihre Rangordnung unterscheiden kannst,
- das Differenzprinzip auf ein neues Beispiel anwenden kannst,
- Gerechtigkeit als Fairness mit mindestens einer Gegenposition vergleichen kannst,
- ein eigenes Urteil mit Argumenten, Einwänden und einer begründeten Antwort entwickelst,
- Quellen und Fachbegriffe sachgerecht verwendest.
Quellen und Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: John Rawls
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: Original Position
- Internet Encyclopedia of Philosophy: John Rawls
- Wikimedia Commons: John Rawls
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