Skulpturen und Figuren am Ulmer Münster


Skulpturen und Figuren am Ulmer Münster
Einleitung

Das Ulmer Münster ist nicht nur wegen seines Turms berühmt, sondern auch wegen seiner außergewöhnlich reichen Bildhauerei, Bauplastik und Kirchenausstattung. An seinen Portalen, im Chorraum, an Kanzel, Taufbecken, Sakramentshaus, Chorgestühl und an den äußeren Strebepfeilern begegnen Dir Figuren aus Sandstein, Eichenholz und Bronze. Sie erzählen von biblischen Geschichten, von Heiligen, Propheten, Aposteln, Sibyllen, antiken Philosophen, städtischem Bürgerstolz, Reformation, Erinnerungskultur und handwerklichem Können.
Der aiMOOC führt Dich in die wichtigsten Skulpturen und Figuren am Ulmer Münster ein. Du lernst, wie man mittelalterliche und neuzeitliche Kunstwerke betrachtet, welche Aufgaben Figuren an einer gotischen Kirche haben und wie sich Material, Standort, Funktion, Symbolik und Geschichte gegenseitig erklären. Dabei geht es nicht nur um Namen und Daten, sondern um das genaue Hinsehen: Warum steht eine Figur genau dort? Was macht ihr Gesichtsausdruck? Welche Geschichte erzählt eine Haltung? Warum sind manche Figuren original erhalten, andere zerstört, ersetzt oder versetzt?
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Überblick: Figuren als Sprache der Gotik
Die Gotik entwickelte eine besonders bildreiche Architektur. Kirchenfassaden, Portale, Kapitelle, Konsolen, Baldachine, Maßwerk und Innenausstattung wurden nicht nur gebaut, sondern auch erzählt. Figuren übernahmen dabei mehrere Aufgaben zugleich: Sie schmückten den Bau, erklärten Glaubensinhalte, markierten wichtige Orte, erinnerten an Stifterinnen und Stifter und machten unsichtbare Vorstellungen sichtbar.
Am Ulmer Münster kannst Du diese Funktionen besonders gut untersuchen. Die Figuren bilden kein zufälliges Sammelsurium. Sie sind Teil eines langen historischen Prozesses von der Grundsteinlegung 1377 über die spätmittelalterliche Blüte der Ulmer Schule bis zur Reformation, zum Bildersturm von 1531, zur Vollendung des Münsterturms 1890 und zu späteren Ergänzungen des 20. Jahrhunderts.
Grundbegriffe für Deine Bildbetrachtung
- Skulptur: Eine dreidimensionale Figur oder Form, die Du aus mehreren Blickrichtungen betrachten kannst.
- Relief: Eine Darstellung, die aus einer Fläche herausgearbeitet ist und je nach Tiefe als Flachrelief oder Hochrelief erscheint.
- Bauplastik: Skulpturaler Schmuck, der mit einem Bauwerk verbunden ist, zum Beispiel an Portalen, Pfeilern oder Wasserspeiern.
- Tympanon: Das meist bogenförmige Bildfeld über einem Portal, in dem oft zentrale Erzählungen dargestellt sind.
- Ikonografie: Die Lehre davon, welche Zeichen, Attribute und Bildmotive eine Figur erkennbar machen.
- Fassung: Die farbige Bemalung oder Oberflächenbehandlung einer Skulptur.
- Original: Ein überliefertes Werk aus der Entstehungszeit; im Unterschied zu Kopie, Ergänzung oder Restaurierung.
Die Portale: Figuren an der Schwelle

Die Portale des Ulmer Münsters sind wichtige Übergänge zwischen Stadt und Kirchenraum. Sie sind zugleich Eingänge, Lehrbilder und repräsentative Schauseiten. Wer im Mittelalter durch ein Portal in die Kirche ging, begegnete nicht nur einer Tür, sondern einem ganzen Bildprogramm. Figuren, Reliefs und gemalte Flächen verbanden Schöpfung, Passion, Jüngstes Gericht, Marienleben und Christusdeutung miteinander.
Das Hauptportal im Westen besitzt ein besonders anspruchsvolles Tympanon. Anders als viele mittelalterliche Hauptportale zeigt es nicht nur das Jüngste Gericht, sondern vor allem die Schöpfungsgeschichte. Gott erschafft die Erde als Kugel und zeigt damit ein Weltbild, das über eine einfache Nacherzählung der Bibel hinausgeht. Das Portal verbindet den Anfang der Welt mit dem Ende der Welt und verweist auf Christus als Anfang und Ende.
Unterhalb des Tympanons steht am Mittelpfeiler der Schmerzensmann von Hans Multscher als Kopie. Das Original befindet sich heute im Innern des Münsters. Die Figur macht die Grenze zwischen Außen und Innen besonders eindrucksvoll: Wer eintritt, begegnet einer leidenden und zugleich gegenwärtigen Christusfigur.
Kleine und große Bildprogramme der Portale
- Kleines Marienportal: Das Nordwestportal zeigt die Geburt Jesu und die Anbetung durch die Könige; das Tympanon stammt aus der früheren Pfarrkirche.
- Passionsportal: Das Nordostportal zeigt Szenen der Passion Christi und wird auch Reformationsportal genannt.
- Braut- oder Gerichtsportal: Das Südostportal zeigt das Jüngste Gericht und erinnert an die Verantwortung des Menschen.
- Großes Marienportal: Das Südwestportal ist besonders reich gestaltet und zeigt Motive aus dem Leben Marias.
- Hauptportal: Das Westportal verbindet Schöpfung, Weltdeutung, Gericht und Christusfigur zu einem theologischen Programm.

Meister Hartmann und die frühen Portalfiguren
Meister Hartmann gehört zu den frühesten namentlich fassbaren Bildhauern im Umfeld der Ulmer Münsterbauhütte. Um 1420 entstanden Figuren, die mit ihm verbunden werden. Dazu gehört eine steinerne Madonna für den Bereich des westlichen Eingangsportals. Das Original befindet sich heute in der Neidhartkapelle des Münsters. Solche frühen Portalfiguren zeigen den sogenannten weichen Stil: Gewänder fallen weich, Körper wirken ruhig, Gesichter erscheinen idealisiert.

Der Blick auf Meister Hartmann hilft Dir zu verstehen, dass am Ulmer Münster verschiedene Generationen von Künstlern arbeiteten. Die Figuren sind deshalb auch ein Vergleichslabor: Du kannst beobachten, wie sich Stil, Körperdarstellung, Ausdruck und Raumwirkung im 15. Jahrhundert verändern.
Der Schmerzensmann von Hans Multscher

Der Schmerzensmann von Hans Multscher aus dem Jahr 1429 zählt zu den bedeutendsten spätgotischen Skulpturen in Ulm. Die Figur zeigt Christus nach der Kreuzigung mit sichtbaren Wunden. Sie ist kein ruhiges Symbol, sondern wirkt fast wie eine ansprechende Person: Christus steht frontal, zeigt auf seine Wunden und tritt den Betrachtenden eindringlich entgegen.
Kunsthistorisch ist die Figur wichtig, weil sie einen neuen Realismus sichtbar macht. Gesicht, Körperhaltung, Falten, Wunden und Bewegung sind so gestaltet, dass Leid körperlich erfahrbar wird. Gleichzeitig weist die Figur über das Leid hinaus: Sie zeigt nicht nur den Tod, sondern auch die Botschaft von Überwindung und Erlösung. Dadurch wird sie zu einem Schlüsselwerk der Spätgotik und der Ulmer Schule.
Beobachtungsaufgabe zum Schmerzensmann
- Körperhaltung: Beschreibe, ob die Figur stillsteht, schreitet oder sich vorbeugt.
- Gesichtsausdruck: Achte auf Stirn, Augen, Mund und Bartlocken.
- Hände: Untersuche, worauf die Hände zeigen und wie sie den Blick lenken.
- Standort: Vergleiche die Wirkung am Portal mit der Wirkung im Innenraum.
- Theologie: Erkläre, wie Leid, Mitleid und Hoffnung gleichzeitig dargestellt werden.
Das Chorgestühl: Weltwissen in Eichenholz
Das Chorgestühl des Ulmer Münsters ist eines der bedeutendsten gotischen Gestühle Deutschlands. Es entstand zwischen 1469 und 1474 unter der Leitung von Jörg Syrlin dem Älteren. Die kunstvollen Schreinerarbeiten stammen aus seiner Werkstatt; die lebensnahen Büsten auf den Seitenwangen werden besonders mit Michel Erhart verbunden. Das Gestühl besteht aus Eichenholz und zeigt, wie eng Handwerk, Bildhauerei, Liturgie und Humanismus zusammenwirken konnten.
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Das Chorgestühl war nicht nur Sitzmöbel. Es war ein geordneter liturgischer Raum für Geistliche, Sänger und kirchliche Handlung. Zugleich ist es eine Bildbibliothek aus Holz. Die Figuren zeigen biblische Gestalten, Heilige, antike Gelehrte und Sibyllen. Besonders bemerkenswert ist, dass christliche und antike Traditionen nebeneinander erscheinen. Damit steht das Werk an der Schwelle von Mittelalter und Renaissance.
Männerseite und Frauenseite
Auf der einen Seite begegnen Dir männliche Gelehrte des Altertums, etwa Pythagoras, Cicero, Terenz, Ptolemäus, Seneca oder Quintilian. Auf der anderen Seite stehen weise Frauen der Antike, die Sibyllen. In christlicher Deutung galten Sibyllen als heidnische Seherinnen, deren Aussagen auf Christus hin gedeutet wurden. So verbindet das Gestühl antikes Wissen, christliche Heilsgeschichte und städtische Bildungskultur.
Die Büsten wirken erstaunlich individuell. Kleidung, Mützen, Bücher, Schriftbänder, Kopfhaltungen und Gesichtszüge unterscheiden sich. Für Deine Analyse ist wichtig: Diese Figuren zeigen nicht nur Personen, sondern auch Haltungen zum Wissen. Wer liest? Wer denkt nach? Wer hält ein Buch? Wer blickt streng, ruhig, skeptisch oder entrückt?
Schrift als Kunst: Gotico-Antiqua
Eine Besonderheit des Chorgestühls sind Inschriften in Gotico-Antiqua. Diese Schriftform verbindet gotische und humanistische Elemente. Dadurch wird das Gestühl auch zu einem Zeugnis der frühen Druck- und Schriftkultur. Die Inschriften zeigen: Figuren am Münster sprechen nicht nur durch Haltung und Attribute, sondern auch durch Schrift.
Dreisitz und Vespertolium: Liturgie und Repräsentation
Der Dreisitz von 1468 steht unter dem Chorbogen und gilt als Probestück Jörg Syrlins des Älteren vor dem Auftrag zum großen Chorgestühl. Ein Dreisitz oder Sitz für liturgische Amtsträger zeigt, dass Möbel im Kirchenraum zugleich praktisch, symbolisch und repräsentativ sein konnten. Sie ordneten Handlungen, markierten Rang und machten den Chorraum zu einem gestalteten liturgischen Zentrum.
Zum spätmittelalterlichen Ensemble gehörte außerdem ein reich geschmücktes Vespertolium, also ein Sitz für den Priester und zwei Diakone. Von diesem Möbel sind heute nur noch drei geschnitzte Figuren erhalten. Ihre Geschichte zeigt, wie viel von mittelalterlicher Ausstattung verloren, umgestellt oder museal bewahrt wurde.
Sakramentshaus, Kanzel und Taufbecken
Das Sakramentshaus am Choreingang ist über 26 Meter hoch und gehört zu den besonders feingliedrigen Werken der spätgotischen Steinskulptur im Münster. Vor der Reformation wurden dort die geweihten Hostien aufbewahrt. Die Architektur des Sakramentshauses wirkt wie ein kleiner Turm im Innenraum. Unter der Freitreppe befinden sich Figuren der Heiligen Sebastian und Christophorus, an der Brüstung Statuetten von Päpsten und Bischöfen. Das zeigt: Auch ein funktionaler Aufbewahrungsort konnte zu einem komplexen Bild- und Bedeutungsraum werden.
Die Kanzel wurde nach der Reformation besonders wichtig, weil der evangelische Gottesdienst stark auf die Predigt ausgerichtet war. Der hohe Schalldeckel über der Kanzel stammt von Jörg Syrlin dem Jüngeren aus dem Jahr 1510. Die Reliefs am Kanzelkorb wurden 1531 im Bildersturm zerstört und 1937 durch Martin Scheible erneuert. An der Kanzel kannst Du deshalb mehrere Zeitschichten zugleich sehen: spätgotische Ausstattung, reformatorische Umdeutung, Zerstörung und moderne Ergänzung.
Das achteckige Taufbecken von 1474 steht unter einem Baldachin und ist mit Figuren und Wappen verbunden. Sechs Propheten, zwei Könige sowie Wappen der Kurfürsten und des Reiches machen aus dem Taufort ein politisch und religiös lesbares Zeichenfeld. Die Taufe wird dadurch nicht nur als privater Moment, sondern als Einbindung in eine größere Glaubens- und Weltordnung dargestellt.
Reißnadelmeister, Konsolen und Blattmasken
Zu den faszinierenden Details im Münster gehören die Konsolen an den Mittelpfeilern. Sie entstanden im späten 14. Jahrhundert und zeigen, wie ein Steinmetz selbst kleine tragende Elemente mit hoher Fantasie gestalten konnte. Einige Konsolen werden einem unbekannten Bildhauer zugeschrieben, der seine Werke mit zwei gekreuzten Reißnadeln signierte und daher Reißnadelmeister genannt wird.
Blattmasken verbinden menschliche Gesichter mit Pflanzenformen. Solche Motive sind vieldeutig: Sie können Naturkraft, Wachstum, Übergang, Schutz, Wildheit oder die Verbindung von Mensch und Schöpfung andeuten. Für Deine Analyse sind sie besonders geeignet, weil sie nicht sofort eine eindeutige biblische Person darstellen. Du musst also genauer fragen: Welche Wirkung erzeugt die Mischung aus Gesicht und Blattwerk?
Die Kargnische: Kunstverlust sichtbar machen
Die Kargnische am Ende des südlichen Seitenschiffs ist der Rest eines Wandaltars, den Hans Multscher 1433 im Auftrag der Familie Karg schuf. Ursprünglich standen vor dem prachtvollen Hintergrund Steinfiguren, die die Verkündigung an Maria darstellten. Diese Figuren wurden im Bildersturm von 1531 zerstört. Erhalten blieb vor allem der kunstvolle Hintergrund.
Gerade weil hier etwas fehlt, ist die Kargnische ein wichtiges Lernobjekt. Sie macht sichtbar, dass Kunstgeschichte nicht nur aus erhaltenen Meisterwerken besteht. Zerstörung, politische Entscheidungen, religiöse Konflikte, Restaurierungen und Umnutzungen gehören ebenfalls zur Geschichte von Kunstwerken. Ein fehlendes Bild kann manchmal genauso viel erzählen wie ein erhaltenes.
Hutzaltar und spätgotische Figurenwelt

Der Hutzaltar im Chor, auch Heilige-Sippen-Altar genannt, verbindet spätgotische Schnitzkunst mit Malerei der Renaissance. Die Malereien stammen von Martin Schaffner aus dem Jahr 1521. Der geschnitzte Schrein mit der Sippe Christi wird der Werkstatt Niklaus Weckmann zugeschrieben. Der reich vergoldete Figurenschrein zeigt, wie Bildwerke im Altarraum religiöse Lehre, Familiengedächtnis und künstlerische Pracht miteinander verbinden konnten.
Für das Thema Skulpturen und Figuren ist der Hutzaltar besonders interessant, weil er den Unterschied zwischen gemalten und geschnitzten Figuren zeigt. Gemalte Figuren erzeugen Raum durch Farbe, Licht und Perspektive; geschnitzte Figuren besitzen tatsächliche Körperlichkeit. Im Zusammenspiel entsteht ein vielschichtiges Andachtsbild.
Wasserspeier: Fantasie, Technik und Legende

Wasserspeier sind ein gutes Beispiel dafür, dass Bauplastik zugleich praktisch und erzählerisch sein kann. Sie leiten Regenwasser vom Mauerwerk weg und schützen so den Bau. Gleichzeitig sind sie als Tiere, Menschen, Mischwesen oder Drachen gestaltet. Am Ulmer Münster finden sich unter anderem Elefanten, Fische, Vögel, menschliche Gestalten und Drachentiere.

Besonders bekannt ist die Legende vom Vogelstrauß, von dem nur das Hinterteil zu sehen ist. Der Überlieferung nach soll ein Geselle aus Liebeskummer und Protest eine freche Figur geschaffen haben. Ob die Geschichte historisch stimmt, ist ungewiss. Als Lernobjekt ist sie trotzdem wertvoll: Sie zeigt, wie sich Legenden an Kunstwerke anlagern und wie Bauplastik Teil der städtischen Erzählkultur wird.
Propheten, Apostel und Figuren des 19. Jahrhunderts
Zwischen 1890 und 1912 entstanden monumentale Figuren von Propheten und Aposteln auf den Pfeilerkonsolen des Hauptschiffs. Sie stammen von Karl Federlin und gehören zur neugotischen Ergänzung des Münsters. Besonders hervorzuheben ist die Statue des Propheten Jeremia. Sie wurde zum 500-jährigen Jubiläum der Grundsteinlegung 1877 von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Ulms gestiftet, darunter der Vater Albert Einsteins. Jeremia ist die einzige dieser Figuren mit verhülltem Haupt.
Diese Figuren zeigen, dass das Münster nicht nur mittelalterliche Kunst enthält. Das 19. Jahrhundert sah in der Neugotik eine Möglichkeit, mittelalterliche Formen fortzusetzen und das Münster als städtisches Wahrzeichen zu vollenden. Die Figuren sind deshalb zugleich religiöse Skulpturen, historische Ergänzungen und Dokumente bürgerlicher Erinnerung.
Der Bettler von Ernst Barlach
Im westlichen Bereich des Südschiffs steht ein Guss der Bronzeskulptur Der Bettler von Ernst Barlach. Das ursprüngliche Werk entstand 1930, der im Münster ausgeführte Guss stammt von 1981. Barlachs Figur unterscheidet sich deutlich von gotischen Heiligen, Propheten und Reliefs. Sie wirkt reduziert, modern und existenziell. Der Bettler verweist auf Armut, Bedürftigkeit und menschliche Würde.
Durch diese moderne Skulptur wird deutlich: Ein historischer Kirchenraum kann auch mit moderner Kunst sprechen. Die Frage ist nicht nur, ob ein Werk alt oder neu ist, sondern ob es im Raum eine sinnvolle Beziehung zu Themen wie Glaube, Menschlichkeit, Verantwortung und Trost aufbaut.
Stilwandel: Vom weichen Stil zum Realismus
Am Ulmer Münster kannst Du gut erkennen, wie sich der Stil der Skulptur verändert. Frühe Figuren im Umfeld Meister Hartmanns zeigen weich fallende Gewänder, eine ruhige Haltung und idealisierte Gesichter. Hans Multschers Schmerzensmann bricht mit dieser Sanftheit und zeigt Leid, Körperlichkeit und Bewegung eindringlicher. Die Büsten im Chorgestühl zeigen wiederum eine andere Form von Lebendigkeit: denkende, lesende, sprechende und charaktervolle Figuren.
- Weicher Stil: harmonische Körper, fließende Gewänder, idealisierte Gesichter.
- Spätgotik: stärkere Bewegtheit, tiefere Falten, ausdrucksvollere Körper.
- Realismus: genauere Beobachtung von Gesicht, Haltung, Schmerz und Individualität.
- Renaissance: stärkeres Interesse an Antike, Bildung, Schrift und geordnetem Raum.
- Neugotik: Wiederaufnahme gotischer Formen im 19. Jahrhundert.
Funktionen der Figuren am Ulmer Münster
- Lehren: Portale, Altäre und Reliefs erzählen biblische Geschichten.
- Erinnern: Stifterfiguren, Wappen, Grabzeichen und Jubiläumsfiguren bewahren Namen und Ereignisse.
- Schützen: Wasserspeier schützen das Mauerwerk und wirken zugleich wie Wächter.
- Ordnen: Chorgestühl, Dreisitz, Kanzel und Taufbecken strukturieren liturgische Handlungen.
- Repräsentieren: Figuren zeigen städtischen Stolz, handwerkliche Qualität und Frömmigkeit.
- Bewegen: Der Schmerzensmann und andere Figuren sollen emotional ansprechen.
- Fragen stellen: Fehlstellen wie die Kargnische machen Zerstörung, Reformation und Erinnerung sichtbar.
Methode: Eine Figur untersuchen
Wenn Du eine Skulptur am Ulmer Münster untersuchst, kannst Du in fünf Schritten vorgehen.
- Beschreibung: Was siehst Du genau? Material, Größe, Haltung, Kleidung, Gesicht, Hände, Attribute und Standort.
- Zuordnung: Welche Person, Szene oder Funktion könnte dargestellt sein?
- Kontext: Wo steht die Figur und welche Nachbarfiguren, Texte, Fenster oder Bauteile gehören dazu?
- Deutung: Welche Botschaft entsteht aus Figur, Ort und Geschichte?
- Bewertung: Welche Wirkung hat die Figur heute auf Dich und warum könnte sie für frühere Betrachtende wichtig gewesen sein?
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Aus welchem Material besteht das berühmte Chorgestühl des Ulmer Münsters vor allem? (Eichenholz) (!Marmor) (!Bronze) (!Glas)
In welchem Zeitraum entstand das Chorgestühl des Ulmer Münsters? (1469 bis 1474) (!1200 bis 1205) (!1531 bis 1535) (!1890 bis 1912)
Wer wird besonders mit den lebensnahen Büsten am Chorgestühl verbunden? (Michel Erhart) (!Ernst Barlach) (!Martin Scheible) (!Peter Parler)
Welches Hauptmotiv zeigt das Tympanon des Westportals neben weiteren Bedeutungen besonders? (Schöpfungsgeschichte) (!Seeschlacht) (!Stadtbrand) (!Krönung Karls des Großen)
Welche praktische Aufgabe haben Wasserspeier am Münster? (Regenwasser ableiten) (!Glocken läuten) (!Kerzen tragen) (!Orgelpfeifen stimmen)
Wer schuf den berühmten Schmerzensmann des Ulmer Münsters? (Hans Multscher) (!Jörg Syrlin der Jüngere) (!Niklaus Weckmann) (!Thomas Kuzio)
Welche Figurengruppe schuf Karl Federlin für die Pfeilerkonsolen des Hauptschiffs? (Propheten und Apostel) (!Römische Kaiserinnen) (!Meerestiere) (!Musikinstrumente)
Welches Ereignis von 1531 veränderte viele Kunstwerke und Altäre im Ulmer Münster? (Bildersturm) (!Erdbeben) (!Turmbrand) (!Hochwasser)
Welche weisen Frauengestalten erscheinen im Chorgestühl den antiken Gelehrten gegenüber? (Sibyllen) (!Amazonen) (!Musen) (!Walküren)
Was bezeichnet Gotico-Antiqua am Chorgestühl? (Eine Schriftform) (!Ein Steinbruch) (!Eine Glocke) (!Ein Fenstermaß)
Memory
| Jörg Syrlin der Ältere | Chorgestühl |
| Michel Erhart | Büsten |
| Hans Multscher | Schmerzensmann |
| Karl Federlin | Propheten und Apostel |
| Wasserspeier | Regenableitung |
| Tympanon | Portalbildfeld |
| Kargnische | zerstörter Wandaltar |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Chorgestühl | Liturgische Sitzordnung und Bildprogramm |
| Hauptportal | Schöpfung und Gericht |
| Wasserspeier | Wasserableitung und Fantasiegestalt |
| Schmerzensmann | Andacht und Mitleid |
| Jeremia | Erinnerung und biblische Mahnung |
| Kanzelreliefs | Auslegung des Glaubens im Gottesdienst |
Kreuzworträtsel
| Syrlin | Wer leitete die Schreinerarbeiten am Chorgestühl? |
| Erhart | Welcher Bildhauer wird besonders mit den Büsten verbunden? |
| Multscher | Welcher Künstler schuf den Schmerzensmann? |
| Tympanon | Wie heißt das Bildfeld über einem Portal? |
| Jeremia | Welcher Prophet ist als Statue mit verhülltem Haupt bekannt? |
| Wasserspeier | Welche Figuren leiten Regenwasser vom Bau ab? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Figuren-Steckbrief: Wähle eine Figur am Ulmer Münster aus und erstelle einen Steckbrief mit Material, Standort, Haltung, Gesichtsausdruck und vermuteter Bedeutung.
- Suchbild: Suche auf Commons oder in eigenen Fotos drei Figuren des Münsters und markiere, woran man ihre Funktion erkennen kann.
- Wortschatz: Erkläre die Begriffe Tympanon, Wasserspeier, Chorgestühl, Konsole und Relief in eigenen Worten.
- Vergleich: Vergleiche eine Steinfigur und eine Holzfigur des Münsters: Was wirkt ähnlich, was wirkt verschieden?
Standard
- Portal-Analyse: Analysiere ein Portal des Ulmer Münsters und zeige, wie Figuren, Reliefs und Architektur zusammen eine Geschichte erzählen.
- Chorgestühl-Projekt: Gestalte eine digitale Präsentation zu einer Büste des Chorgestühls und erkläre, welche Rolle Wissen, Buch, Haltung und Gesicht spielen.
- Legende und Geschichte: Untersuche die Legende vom Vogelstrauß-Wasserspeier und trenne nachweisbare Informationen von erzählerischer Ausschmückung.
- Bildersturm-Forschung: Erkläre an der Kargnische, wie religiöse Konflikte Kunstwerke verändern oder zerstören können.
Schwer
- Kuratorische Ausstellung: Plane eine kleine Ausstellung mit fünf Figuren des Ulmer Münsters und formuliere zu jedem Objekt einen Museumstext.
- Stilgeschichte: Vergleiche Meister Hartmann, Hans Multscher und Michel Erhart hinsichtlich Körperdarstellung, Ausdruck und Raumwirkung.
- Restaurierungsethik: Diskutiere, wann eine Kopie, Ergänzung oder Restaurierung sinnvoll ist und wann eine Fehlstelle sichtbar bleiben sollte.
- Gegenwartsbezug: Entwirf eine eigene moderne Figur für einen Kirchenraum und begründe Material, Standort, Thema und Wirkung.

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Lernkontrolle
- Funktion und Form: Erkläre an zwei Beispielen, wie die Funktion einer Figur ihre Form beeinflusst.
- Standortanalyse: Wähle eine Figur am Portal und eine Figur im Innenraum. Vergleiche, wie der Standort die Bedeutung verändert.
- Materialdeutung: Begründe, warum Holz, Stein und Bronze unterschiedliche Wirkungen im Kirchenraum erzeugen.
- Geschichtsschichten: Zeige an Kanzel, Kargnische oder Jeremiafigur, wie mehrere historische Zeitschichten im Münster sichtbar werden.
- Transfer: Übertrage die Methode der Figurbetrachtung auf ein Kunstwerk in Deiner Umgebung und erläutere Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
- Urteil: Bewerte, ob Legenden wie die Geschichte vom Vogelstrauß-Wasserspeier eher vom Kunstwerk ablenken oder das Interesse daran vertiefen.
- Bildprogramm: Erkläre, warum das Chorgestühl zugleich Sitzmöbel, Kunstwerk und Wissensspeicher ist.
Lernnachweis
- Fachwissen: Du kennst zentrale Figuren und Werkgruppen am Ulmer Münster, darunter Portalskulpturen, Schmerzensmann, Chorgestühl, Wasserspeier, Kanzel, Taufbecken, Kargnische und Jeremiafigur.
- Analysefähigkeit: Du kannst Skulpturen nach Material, Standort, Haltung, Attributen, Stil und Funktion untersuchen.
- Historisches Verständnis: Du erklärst, wie Mittelalter, Reformation, Bildersturm, Neugotik und moderne Kunst im Münster zusammenkommen.
- Deutungskompetenz: Du verbindest Einzelbeobachtungen zu einer nachvollziehbaren Interpretation.
- Transferleistung: Du wendest die Methode der Skulpturenanalyse auf andere Bauwerke oder Kunstwerke an.
- Produkt: Du erstellst wahlweise eine Präsentation, ein Portfolio, eine Ausstellungsskizze, ein Erklärvideo oder eine schriftliche Analyse.
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