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Informel Kunstgeschichte

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Informel Kunstgeschichte




Informel / Kunstgeschichte / Epochen und Stilrichtungen

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Einleitung

Informel bezeichnet in der Kunstgeschichte einen Sammelbegriff für verschiedene Strömungen der abstrakten Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Gemeint ist vor allem eine europäische, nicht-geometrische, häufig gegenstandslose Malerei, die in den 1940er- und 1950er-Jahren besonders in Paris und später auch in Deutschland, Italien, Spanien und anderen Ländern sichtbar wurde. Das Wort kommt vom Französischen und bedeutet sinngemäß „formlos“ oder „nicht festgelegt“. Damit ist nicht gemeint, dass informelle Kunst keine Form besitzt. Gemeint ist vielmehr: Die Form wird nicht vorher streng geplant, konstruiert oder geometrisch berechnet, sondern entsteht im Arbeitsprozess durch Geste, Material, Farbe, Spur, Zufall und künstlerische Entscheidung.

Das Informel war eine Kunst der Nachkriegskunst. Viele Künstlerinnen und Künstler suchten nach 1945 nach neuen Ausdrucksformen, weil traditionelle Bildordnungen, akademische Kompositionsregeln und politisch missbrauchte Bildsprachen an Glaubwürdigkeit verloren hatten. Sie wollten nicht einfach zur Figuration zurückkehren, aber auch nicht die klare Ordnung der geometrischen Abstraktion fortsetzen. Stattdessen rückten sie den offenen Prozess, die körperliche Bewegung, die Energie des Augenblicks und die Eigenwirkung der Materialien in den Mittelpunkt.

Das von Dir gesehene Video ordnet das Informel in die Kunstgeschichte der Epochen und Stilrichtungen ein und nennt zentrale Begriffe wie Art Informel, Tachismus, Lyrische Abstraktion, abstrakte Kunst, Nachkriegskunst, Wols, Jean Fautrier und Hans Hartung. In diesem aiMOOC lernst Du, wie das Informel entstanden ist, woran Du es erkennst, welche Künstlerinnen und Künstler wichtig sind und wie Du informelle Werke beschreiben, deuten und kritisch vergleichen kannst.


Lernziele

Nach diesem aiMOOC kannst Du erklären, was unter Informel verstanden wird. Du kannst wichtige Merkmale informeller Kunst beschreiben, zentrale Begriffe wie Tachismus, Lyrische Abstraktion, Materiemalerei, Gestik und Art autre unterscheiden und Werke des Informel in den historischen Kontext der europäischen Nachkriegskunst einordnen. Außerdem übst Du, abstrakte Bilder nicht vorschnell als „beliebig“ zu beurteilen, sondern ihre Komposition, ihre Spuren, ihre Materialität und ihre Entstehungsweise differenziert zu untersuchen.


Historischer Hintergrund


Europa nach 1945

Das Informel entwickelte sich in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche. Nach 1945 lagen viele europäische Städte in Trümmern. Die Erfahrung von Krieg, Diktatur, Verfolgung, Exil und Zerstörung prägte auch die Kunst. Viele Künstlerinnen und Künstler empfanden traditionelle Bildformen als unzureichend, um die neue Wirklichkeit auszudrücken. Ein harmonisches, geschlossenes Weltbild erschien vielen nicht mehr glaubwürdig. Die Kunst sollte nicht mehr nur abbilden, sondern einen unmittelbaren Ausdruck von Erfahrung, Verletzlichkeit, Suche und Freiheit ermöglichen.

In der Moderne hatte es schon vor 1945 wichtige Schritte zur Abstraktion gegeben, etwa im Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Konstruktivismus, Surrealismus und bei Künstlern wie Wassily Kandinsky, Paul Klee oder Piet Mondrian. Das Informel griff diese Entwicklung auf, entschied sich aber gegen die strenge Ordnung geometrischer Systeme. Statt eines klaren Rasters oder einer berechneten Bildarchitektur entstanden offene Bildfelder, Flecken, Linienbündel, Kratzspuren, pastose Farbschichten, Verdichtungen und Leerstellen.


Paris als Zentrum

In den 1940er- und 1950er-Jahren war Paris ein wichtiger Ort der europäischen Avantgarde. Dort wirkten oder stellten Künstler aus vielen Ländern aus. Als Wegbereiter des Informel gelten unter anderem Wols, Jean Fautrier und Hans Hartung. Sie arbeiteten nicht mit klassischer Perspektive, naturgetreuer Darstellung oder geometrischem Aufbau, sondern mit Zeichen, Schichtungen, spontanen Bewegungen und einer intensiven Oberfläche.

Der Kunstkritiker Michel Tapié spielte für die sprachliche und theoretische Einordnung eine wichtige Rolle. Er verwendete Begriffe wie Art informel und Art autre, also eine „andere Kunst“. Diese andere Kunst sollte nicht mehr an akademischen Regeln gemessen werden. Sie stellte die Frage: Was kann ein Bild sein, wenn nicht mehr Gegenstand, Perspektive und geschlossene Form im Mittelpunkt stehen, sondern Prozess, Materie, Spur und Erlebnis?


Deutschland und die Suche nach Freiheit

In Deutschland gewann das Informel in den 1950er-Jahren besondere Bedeutung. Nach der Zeit des Nationalsozialismus und der Diffamierung moderner Kunst als „entartet“ wurde abstrakte Kunst für viele Künstlerinnen und Künstler zu einem Zeichen geistiger und künstlerischer Freiheit. Gruppen wie Quadriga, ZEN 49, Gruppe 53 oder Junger Westen wurden wichtig. Künstler wie Karl Otto Götz, Bernard Schultze, Otto Greis, Heinz Kreutz, Emil Schumacher, Gerhard Hoehme, Fred Thieler und Hann Trier entwickelten unterschiedliche Formen gestischer, materieller und prozesshafter Malerei.

Das deutsche Informel war nicht einheitlich. Manche Werke wirken dynamisch und schnell, andere schwer, erdig und materialbetont. Einige Bilder zeigen rhythmische Schwünge und Spuren, andere dichte Farbschichten oder verletzte Oberflächen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Freiheit der bildnerischen Mittel betonen.


Begriff und Abgrenzung


Was bedeutet Informel?

Der Begriff Informel bedeutet nicht „chaotisch“ im Sinne von beliebig. Er bezeichnet eine Kunst, die sich gegen vorher festgelegte, starre Formen richtet. Ein informelles Bild kann sehr bewusst aufgebaut sein, aber seine Ordnung entsteht oft während des Malens. Deshalb ist der Entstehungsprozess besonders wichtig. Der Künstler oder die Künstlerin reagiert auf das, was auf der Leinwand geschieht: ein Fleck führt zu einer Linie, eine Schicht provoziert eine Kratzspur, eine zufällige Bewegung wird aufgenommen, verstärkt oder übermalt.

Informel meint also eine offene Bildordnung. Das Werk entsteht aus einem Wechselspiel von Kontrolle und Zufall. Es zeigt nicht nur ein Ergebnis, sondern lässt den Prozess sichtbar werden.


Informel und geometrische Abstraktion

Die geometrische Abstraktion arbeitet häufig mit klaren Formen, regelmäßigen Flächen, Linien, Kreisen, Rechtecken, Rastern oder mathemisch wirkenden Ordnungen. Das Informel setzt dem eine offene, nicht-geometrische Formensprache entgegen. Während ein geometrisch abstraktes Bild oft konstruiert wirkt, erscheint ein informelles Werk häufig spontan, körperlich, materiell und ereignishaft.

Das bedeutet nicht, dass geometrische Abstraktion „rational“ und Informel „unüberlegt“ wäre. Beide Richtungen können sehr anspruchsvoll sein. Der Unterschied liegt in der Bildlogik: Hier klare Konstruktion, dort offene Entstehung. Hier Ordnung durch Formsystem, dort Ordnung durch Prozess.


Informel und Abstrakter Expressionismus

Das Informel wird häufig mit dem Abstrakten Expressionismus in den USA verglichen. Beide Bewegungen entwickelten sich in den 1940er- und 1950er-Jahren und betonten große Gesten, Abstraktion, Materialität und den Malprozess. In den USA stehen Namen wie Jackson Pollock, Willem de Kooning, Mark Rothko oder Barnett Newman für unterschiedliche Ausprägungen des Abstrakten Expressionismus.

Trotz Parallelen sollte man beide Bewegungen nicht einfach gleichsetzen. Das Informel ist stärker mit der europäischen Nachkriegskunst, mit Paris, mit der Frage nach dem „Formlosen“ und mit Begriffen wie Tachismus, Lyrische Abstraktion und Art autre verbunden. Der Abstrakte Expressionismus entwickelte sich im Kontext der New Yorker Kunstszene und wurde nach 1945 zu einem wichtigen Symbol der amerikanischen Moderne.


Zentrale Merkmale des Informel


Nicht-geometrische Abstraktion

Ein informelles Werk ist meist abstrakt oder weitgehend gegenstandslos. Es zeigt keine eindeutig erkennbaren Gegenstände, Personen oder Landschaften. Stattdessen sieht man Farbfelder, Linien, Flecken, Strukturen, Spuren, Kratzer, Verdichtungen und offene Räume. Die Formen wirken nicht konstruiert, sondern entstanden. Sie erinnern manchmal an Zeichen, Schrift, Explosionen, Verletzungen, Naturprozesse oder innere Zustände, ohne eindeutig lesbar zu sein.


Spontaneität und Geste

Ein wichtiges Merkmal ist die Geste. Damit ist die sichtbare Spur einer körperlichen Bewegung gemeint: ein schneller Pinselzug, ein Schwung, ein Wischen, ein Kratzen, ein Tropfen, ein Schleudern oder ein Druck. Die Bewegung wird im Bild gespeichert. Wer ein informelles Bild betrachtet, kann oft erahnen, wie die Hand, der Arm oder der ganze Körper gearbeitet haben.

Spontaneität bedeutet dabei nicht, dass alles zufällig ist. Informelle Malerei nutzt Zufall, aber sie beobachtet, auswählt, überarbeitet und verdichtet. Der Malprozess ist ein Dialog mit dem Material.


Materialität und Oberfläche

Viele informelle Werke betonen die Materialität der Kunst. Farbe ist nicht nur Träger einer Darstellung, sondern ein eigenständiger Stoff. Sie kann dick, rau, glänzend, matt, körnig, flüssig, zäh, gerissen oder geschichtet sein. Einige Künstler mischten Sand, Asche, Leim, Gips oder andere Materialien in die Farbe. Dadurch wird die Oberfläche des Bildes zu einem realen Erfahrungsraum.

Bei der Betrachtung solltest Du deshalb nicht nur fragen: „Was ist dargestellt?“ Du solltest auch fragen: „Wie ist die Oberfläche gemacht?“ „Welche Spuren sehe ich?“ „Welche Wirkung hat das Material auf mich?“ „Wirkt die Oberfläche verletzt, verdichtet, offen, schwer, leicht, fließend oder explosiv?“


Offenheit und Mehrdeutigkeit

Das Informel lässt häufig mehrere Deutungen zu. Ein Bild kann gleichzeitig an Landschaft, Schrift, Körper, Bewegung, Zerstörung oder Neubeginn erinnern, ohne eine dieser Bedeutungen festzulegen. Diese Mehrdeutigkeit ist kein Mangel, sondern Teil der Wirkung. Informelle Kunst fordert Dich auf, genau hinzusehen, eigene Wahrnehmungen zu prüfen und Deutungen am Bild zu begründen.


Wichtige Strömungen und Begriffe


Tachismus

Der Tachismus ist eine Richtung innerhalb des Informel. Der Begriff leitet sich vom französischen Wort „tache“ für Fleck ab. Im Mittelpunkt stehen Farbflecken, spontane Setzungen und eine Malweise, die nicht von klaren Konturen oder geometrischen Formen ausgeht. Tachistische Bilder wirken oft rhythmisch, schnell und improvisiert. Sie können an kalligrafische Zeichen, Farbereignisse oder innere Bewegungen erinnern.


Lyrische Abstraktion

Die Lyrische Abstraktion betont stärker die poetische, musikalische und empfindsame Seite abstrakter Malerei. Statt strenger Konstruktion treten rhythmische Linien, schwebende Formen, farbliche Stimmungen und spontane Improvisation hervor. Der Begriff wurde im Umfeld der Pariser Nachkriegskunst wichtig und ist eng mit dem Informel verbunden. „Lyrisch“ bedeutet hier nicht, dass ein Bild ein Gedicht illustriert. Es bedeutet, dass das Bild wie ein offener Ausdruck von Empfindung, Rhythmus und Bewegung wirkt.


Art autre

Art autre bedeutet „andere Kunst“. Der Begriff steht für die Suche nach einer Kunst jenseits überlieferter Kategorien. Diese andere Kunst sollte weder klassisch figurativ noch streng geometrisch sein. Sie sollte nicht die Welt nachahmen, sondern eine neue Wirklichkeit des Bildes erzeugen. Das Bild wird zum Ereignis, zur Spur einer Handlung und zum Ort der Begegnung zwischen Künstler, Material und Betrachtenden.


Materiemalerei

Die Materiemalerei ist mit dem Informel eng verwandt. Hier steht das Material besonders stark im Vordergrund. Die Bildoberfläche kann reliefartig, rau, aufgerissen oder schichtweise aufgebaut sein. Farbe erscheint nicht nur als Farbton, sondern als Substanz. Der Blick wird fast tastend: Man möchte die Oberfläche mit den Augen abfahren und ihre Dichte, Härte, Weichheit oder Verletzlichkeit wahrnehmen.


Künstlerinnen und Künstler


Wols

Wols war der Künstlername von Alfred Otto Wolfgang Schulze. Er gilt als wichtiger Wegbereiter des Informel. Seine Werke verbinden feine Linien, nervöse Zeichen, Flecken und fragile Bildräume. Bei Wols wirkt die Fläche oft wie ein empfindliches Feld, in dem Zeichen auftauchen, sich verdichten und wieder verschwinden. Seine Kunst zeigt, wie aus kleinen Spuren eine intensive Bildwelt entstehen kann.


Jean Fautrier

Jean Fautrier entwickelte eine stark materialbezogene Malerei. Besonders seine Werkgruppe der „Otages“ wird oft im Zusammenhang mit den Erfahrungen von Gewalt und Krieg gelesen. Fautriers Oberflächen wirken dicht, verletzlich, körperhaft und zugleich abstrakt. Seine Malerei zeigt, dass Materialität nicht nur eine technische Frage ist, sondern Bedeutung tragen kann.

Das Bild zeigt den Ort L'Île Verte in Châtenay-Malabry, der mit Jean Fautrier verbunden ist. Solche Orte helfen, Kunst nicht nur als Stil, sondern auch als Lebens- und Arbeitszusammenhang zu verstehen.


Hans Hartung

Hans Hartung ist für seine dynamischen Linien, Kratzspuren und gestischen Schwünge bekannt. Seine Bilder wirken häufig wie rhythmische Bewegungsprotokolle. Lange, schnelle Linien bündeln sich, kreuzen sich oder stehen spannungsvoll im Bildraum. Hartung zeigt besonders deutlich, wie die Bewegung des Körpers zur Form werden kann.


Karl Otto Götz

Karl Otto Götz war eine zentrale Figur des deutschen Informel und Mitglied der Gruppe Quadriga. Seine Malerei ist oft durch rasche Rakelzüge, dynamische Kontraste, Bewegungsenergie und entschiedene Gesten geprägt. Bei Götz wird sichtbar, dass informelle Malerei keineswegs beliebig ist. Sie beruht auf einem genauen Gespür für Tempo, Richtung, Hell-Dunkel-Kontraste, Verdichtung und Ausgleich.


Weitere wichtige Positionen

Zum Umfeld des Informel und verwandter Strömungen gehören unter anderem Georges Mathieu, Pierre Soulages, Emil Schumacher, Bernard Schultze, Gerhard Hoehme, Fred Thieler, Otto Greis, Heinz Kreutz, Hann Trier, Antoni Tàpies und Alberto Burri. Sie arbeiteten sehr unterschiedlich. Einige betonten Schriftähnlichkeit und Geste, andere schwere Materialoberflächen, wieder andere dunkle Farbräume, Zeichen, Risse oder Collageelemente.

In vielen älteren Überblicken wurden vor allem männliche Künstler genannt. Die heutige Kunstgeschichte fragt stärker danach, welche Künstlerinnen in den 1950er- und 1960er-Jahren beteiligt waren, welche Netzwerke sie nutzten und warum manche Positionen lange weniger sichtbar waren. Diese Perspektive ist wichtig, weil Kunstgeschichte nicht nur Werke beschreibt, sondern auch fragt, wer erinnert, gesammelt, ausgestellt und erforscht wird.


Bildanalyse: Wie erkennst Du Informel?


Schritt 1: Wahrnehmen

Betrachte das Bild zunächst ohne vorschnelles Urteil. Frage Dich: Welche Farben dominieren? Gibt es Linien, Flecken, Flächen, Kratzer, Tropfen oder Verdichtungen? Wirkt das Bild ruhig, explosiv, schwer, leicht, verletzlich, aggressiv, schwebend oder rhythmisch? Notiere Deine ersten Eindrücke, ohne sofort eine Bedeutung festzulegen.


Schritt 2: Beschreiben

Beschreibe möglichst genau, was sichtbar ist. Vermeide Sätze wie „Das ist nur Gekritzel“. Besser ist: „Im oberen Bildbereich verdichten sich schwarze Linien zu einem unruhigen Bündel.“ Oder: „Die Oberfläche wirkt dick aufgetragen und an manchen Stellen aufgerissen.“ Eine genaue Beschreibung ist die Grundlage jeder überzeugenden Deutung.


Schritt 3: Material und Technik untersuchen

Frage nach der Entstehungsweise. Wurde Farbe gestrichen, gespachtelt, gekratzt, getropft, geschleudert oder verwischt? Gibt es dicke Schichten oder dünne Lasuren? Wirkt die Oberfläche glatt oder reliefartig? Informelle Kunst lebt stark von der sichtbaren Arbeit am Material. Deshalb ist die Technik oft genauso wichtig wie die Form.


Schritt 4: Komposition deuten

Auch informelle Kunst besitzt Komposition. Achte auf Bildrichtungen, Schwerpunkte, Kontraste, Leerräume und rhythmische Wiederholungen. Gibt es ein Zentrum? Wandert Dein Blick? Entsteht Spannung zwischen Ruhe und Bewegung? Wird der Bildraum geöffnet oder verdichtet? Durch solche Fragen erkennst Du, dass ein informelles Bild eine eigene Ordnung hat.


Schritt 5: Kontext einbeziehen

Setze das Werk in Beziehung zur Nachkriegskunst, zur Suche nach Freiheit, zur Kritik an starren Formen und zur Entwicklung der Abstraktion. Aber Vorsicht: Nicht jedes informelle Bild ist direkt ein Kriegsbild. Der historische Kontext hilft beim Verständnis, ersetzt aber nicht die genaue Bildbeobachtung.


Informel im Unterricht

Das Informel eignet sich besonders gut für handlungsorientiertes Lernen. Du kannst Bilder analysieren, Materialien ausprobieren, eigene gestische Arbeiten erstellen, Werkprozesse dokumentieren und unterschiedliche Deutungen diskutieren. Wichtig ist, nicht nur ein „Bild im Stil von“ zu machen, sondern die künstlerischen Entscheidungen bewusst zu reflektieren: Warum wählst Du eine bestimmte Bewegung? Warum verdichtest Du eine Fläche? Warum übermalst Du etwas? Wann ist ein Werk fertig?

Praktische Übungen zum Informel können mit Pinsel, Spachtel, Rakel, Schwamm, Karton, Tusche, Acrylfarbe, Sand, Papier, Stoff oder Collageelementen arbeiten. Dabei solltest Du auf Sicherheit, Sauberkeit und verantwortlichen Materialeinsatz achten. Entscheidend ist nicht, möglichst zufällig zu arbeiten, sondern den Zufall produktiv zu nutzen und anschließend bewusst auszuwerten.


Typische Missverständnisse


Missverständnis: Informel ist beliebig

Informelle Kunst wirkt manchmal spontan oder ungeordnet. Das bedeutet aber nicht, dass sie beliebig ist. Viele informelle Werke entstehen aus intensiver Beobachtung, Erfahrung und Entscheidung. Künstlerinnen und Künstler setzen Materialien, Bewegungen und Kontraste gezielt ein, auch wenn das Ergebnis offen bleibt.


Missverständnis: Abstrakte Kunst kann man nicht verstehen

Abstrakte Kunst erzählt oft keine eindeutige Geschichte. Trotzdem kann man sie verstehen, wenn man ihre Mittel untersucht. Farbe, Geste, Material, Rhythmus, Dichte, Leere und Format sind Bedeutungsträger. Du kannst ein abstraktes Bild nicht wie eine Illustration lesen, aber Du kannst seine Wirkung und Struktur begründet erschließen.


Missverständnis: Informel ist nur Maltechnik

Das Informel ist mehr als eine Technik. Es ist eine Haltung zur Kunst. Es fragt nach Freiheit, Offenheit, Prozess, Material und Ausdruck. Deshalb gehört es nicht nur in die Malerei, sondern auch in Diskussionen über Moderne, Nachkriegskunst, Kunsttheorie und die Rolle des künstlerischen Subjekts.


Vergleich mit anderen Stilrichtungen

Das Informel lässt sich besonders gut verstehen, wenn Du es mit anderen Richtungen vergleichst. Im Gegensatz zur Renaissance geht es nicht um Zentralperspektive und naturgetreue Darstellung. Im Gegensatz zum Klassizismus steht nicht die klare, ausgewogene Form im Vordergrund. Im Gegensatz zum Realismus bildet das Informel keine gesellschaftlichen Szenen ab. Im Gegensatz zur Konkreten Kunst vermeidet es strenge geometrische Systeme. Und im Unterschied zur Pop Art arbeitet es nicht vorrangig mit Motiven der Konsum- und Medienwelt.

Trotzdem ist das Informel nicht isoliert. Es steht in Verbindung mit Surrealismus, Automatismus, Expressionismus, Abstraktion, Abstraktem Expressionismus, Art brut und späteren Entwicklungen wie Action Painting, Happening, Performancekunst und prozessualen Kunstformen.


Zusammenfassung

Das Informel ist eine bedeutende Strömung der europäischen Nachkriegskunst. Es entstand vor allem in den 1940er- und 1950er-Jahren und steht für nicht-geometrische, abstrakte, prozesshafte und materialbetonte Kunst. Wichtige Begriffe sind Tachismus, Lyrische Abstraktion, Art autre, Materiemalerei, Gestik und Spontaneität. Wichtige Künstler sind unter anderem Wols, Jean Fautrier, Hans Hartung und Karl Otto Götz. Informelle Kunst fordert dazu auf, das Bild als Ereignis zu betrachten: als Ergebnis von Bewegung, Material, Zufall, Entscheidung und historischer Erfahrung.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Was bezeichnet der Begriff Informel in der Kunstgeschichte am treffendsten? (Eine nicht-geometrische abstrakte Kunst der europäischen Nachkriegszeit) (!Eine streng perspektivische Malerei der Renaissance) (!Eine naturalistische Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts) (!Eine Kunstform ausschließlich aus digitalen Bildern)




In welcher Zeit wurde das Informel besonders wichtig? (In den 1940er- und 1950er-Jahren) (!Im frühen Mittelalter) (!Im 16. Jahrhundert) (!In der Antike)




Welche Stadt war für die Entstehung des europäischen Informel besonders wichtig? (Paris) (!Athen) (!Florenz) (!Moskau im 12. Jahrhundert)




Was ist ein typisches Merkmal informeller Kunst? (Spontane Gestik und sichtbare Materialspuren) (!Exakte Zentralperspektive) (!Strenge illusionistische Körperdarstellung) (!Ausschließliche Verwendung religiöser Bildthemen)




Was bedeutet Tachismus wörtlich sinngemäß? (Fleckenmalerei) (!Goldgrundmalerei) (!Fenstermalerei) (!Tiermalerei)




Welche Aussage passt zur Lyrischen Abstraktion? (Sie betont rhythmische und empfindsame Formen abstrakter Malerei) (!Sie verlangt mathematisch berechnete Bildraster) (!Sie zeigt ausschließlich historische Schlachten) (!Sie verbietet spontane Pinselbewegungen)




Welche Rolle spielt das Material im Informel häufig? (Es wird als eigenständiger Ausdrucksträger sichtbar) (!Es soll vollständig unsichtbar bleiben) (!Es dient nur der naturgetreuen Hautfarbe) (!Es wird nur für Rahmen verwendet)




Welcher Künstler gilt als wichtiger Wegbereiter des Informel? (Wols) (!Albrecht Dürer) (!Caspar David Friedrich) (!Jan van Eyck)




Welche deutsche Künstlergruppe wird mit dem Informel verbunden? (Quadriga) (!Blaue Reiter des Mittelalters) (!Brücke von Avignon) (!Camera obscura)




Wie sollte man ein informelles Bild sinnvoll analysieren? (Durch genaue Beschreibung von Farbe, Geste, Material und Komposition) (!Durch die Suche nach einer einzigen richtigen Bilderzählung) (!Durch das Ignorieren der Oberfläche) (!Durch die Bewertung nach fotografischer Genauigkeit)





Memory

Informel nicht-geometrische Abstraktion
Tachismus Farbfleck
Lyrische Abstraktion poetische Improvisation
Materiemalerei betonte Oberfläche
Gestik sichtbare Bewegungsspur
Wols feine Zeichenwelten
Karl Otto Götz dynamische Rakelzüge
Quadriga deutsche Künstlergruppe





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Tachismus Farbfleck und spontane Setzung
Materiemalerei Oberfläche und Stofflichkeit
Gestik Bewegung des Körpers im Bild
Lyrische Abstraktion Rhythmus und empfindsame Improvisation
Art autre Suche nach einer anderen Kunst
Nachkriegskunst künstlerische Neuorientierung nach 1945






Kreuzworträtsel

Informel Wie heißt die nicht-geometrische abstrakte Kunst der europäischen Nachkriegszeit?
Tachismus Welche Richtung des Informel betont den Farbfleck?
Gestik Welcher Begriff bezeichnet die sichtbare Bewegung im Bild?
Material Was wird im Informel oft als eigenständiger Ausdrucksträger genutzt?
Fautrier Welcher französische Künstler ist für materialbetonte Oberflächen wichtig?
Hartung Welcher Künstler ist für dynamische Linien und Kratzspuren bekannt?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Das Informel gehört zur

. Es entstand besonders stark im Umfeld der Stadt

. Informelle Kunst ist meist nicht-geometrisch und häufig

. Der künstlerische Prozess ist wichtig, weil Formen oft während des

entstehen. Sichtbare Bewegungsspuren nennt man

. Eine Richtung des Informel, die den Farbfleck betont, heißt

. Bei der Materiemalerei wird die

zu einem wichtigen Bedeutungsträger. In Deutschland war die Gruppe

für das Informel bedeutsam.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Bildbeschreibung: Wähle ein informelles Werk aus diesem aiMOOC und beschreibe genau, welche Farben, Linien, Flecken und Spuren Du erkennst.
  2. Begriffskarte: Erstelle eine Begriffskarte zu Informel, Tachismus, Gestik, Materialität und Lyrische Abstraktion.
  3. Wahrnehmungsübung: Betrachte ein informelles Bild drei Minuten lang und notiere zuerst nur Sinneseindrücke, danach mögliche Deutungen.
  4. Vergleich: Vergleiche ein informelles Werk mit einem realistischen Bild und beschreibe drei Unterschiede in Darstellung und Wirkung.


Standard

  1. Werkprozess: Gestalte eine eigene informelle Arbeit mit Farbe, Pinsel, Spachtel oder Karton und dokumentiere jeden Arbeitsschritt mit kurzen Notizen.
  2. Museumstext: Schreibe einen Wandtext für eine Ausstellung zum Informel, der Jugendlichen erklärt, warum ein abstraktes Bild nicht beliebig sein muss.
  3. Künstlerporträt: Recherchiere zu Wols, Jean Fautrier, Hans Hartung oder Karl Otto Götz und erstelle ein kurzes Porträt mit Werkbeispiel.
  4. Materialexperiment: Untersuche, wie Sand, Papier, verdünnte Farbe oder dicke Farbe die Wirkung einer Bildoberfläche verändern.


Schwer

  1. Bildanalyse: Analysiere ein informelles Werk nach den Schritten Wahrnehmen, Beschreiben, Material untersuchen, Komposition deuten und Kontext einbeziehen.
  2. Stilvergleich: Vergleiche Informel und Abstrakter Expressionismus und arbeite Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede heraus.
  3. Kunstkritik: Schreibe eine begründete Rezension zu einer informellen Arbeit und gehe auf Wirkung, Material, Prozess und historische Bedeutung ein.
  4. Kuratorisches Projekt: Entwickle ein Ausstellungskonzept mit fünf Werken zum Thema „Spur und Freiheit“ und begründe Reihenfolge, Raumwirkung und Vermittlungsidee.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Transferanalyse: Erkläre, warum das Informel nach 1945 als Suche nach künstlerischer Freiheit verstanden werden kann, ohne es nur politisch zu deuten.
  2. Vergleichsurteil: Beurteile, ob ein geometrisch abstraktes Bild und ein informelles Bild unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung zeigen.
  3. Materialdeutung: Analysiere, wie eine raue, dicke oder verletzte Oberfläche die Aussage eines Bildes verändern kann.
  4. Prozessreflexion: Beschreibe an einem eigenen praktischen Versuch, wie Zufall und bewusste Entscheidung zusammenwirken können.
  5. Ausstellungskonzept: Entwickle eine kurze Vermittlungsidee für jüngere Schülerinnen und Schüler, damit sie informelle Kunst ohne Vorurteile betrachten.
  6. Gegenwartsbezug: Prüfe, ob digitale Bildbearbeitung, Street Art oder Performance heute noch Ideen des Informel aufnehmen können.




Lernnachweis

Für einen überzeugenden Lernnachweis zum Thema Informel ist wichtig, dass Du den Begriff sicher erklären kannst, zentrale Merkmale beschreibst und mindestens zwei Werke oder künstlerische Positionen vergleichst. Du solltest zeigen, dass Du Tachismus, Lyrische Abstraktion, Materiemalerei und Gestik sinnvoll verwenden kannst. Außerdem soll Dein Lernnachweis deutlich machen, dass Du ein abstraktes Werk nicht nur nach persönlichem Geschmack beurteilst, sondern Deine Beobachtungen mit Farbe, Form, Material, Komposition, Prozess und historischem Kontext begründest.

Mögliche Bestandteile eines Lernnachweises sind:

  1. Sachtext: Eine verständliche Erklärung des Informel mit historischer Einordnung.
  2. Bildanalyse: Eine genaue Analyse eines informellen Werkes mit Fachbegriffen.
  3. Vergleich: Ein begründeter Vergleich mit einer anderen Stilrichtung der Kunstgeschichte.
  4. Praxisarbeit: Eine eigene informelle Arbeit mit Dokumentation des Entstehungsprozesses.
  5. Reflexion: Eine Auswertung, welche Entscheidungen Du getroffen hast und wie Material, Zufall und Kontrolle zusammenwirkten.




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