Eulenspiegel Nestroy, Johann MOOCwiki – Lesefassung Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen. Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Eulenspiegel von Nestroy, Johann ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A). Johann Nestroy: Gesammelte Werke. Ausgabe in sechs Bänden, Wien: Verlag von Anton Schroll & Co., 1962. Nestroy, Johann 348- Wien https://textgrid.de/ueber-textgrid/die-digitale-bibliothek-bei-textgrid/ Johann Nestroy Johann Nestroy Eulenspiegel oder Schabernack über Schabernack Posse mit Gesang in vier Akten Personen Personenverzeichnis Hermann von Nelkenstein, Gutsherr. Heinrich, sein Jäger. Specht, Amtsvogt im Marktflecken Nelkenstein. Dorothea, seine Tochter. Mehlwurm, ein reicher Müllermeister. Lenchen, seine Mündel. Cordula, seine Schwester, Witwe. Natzi, ihr Sohn. Eulenspiegel, ein Vagabund. Peppi, Magd im Hause des Müllers. Johann, Friedrich, Bediente im Schlosse. Steffel, Sebastian, Hausknechte im Schlosse. Hans, Jakob, Müllknechte. Dienerschaft auf dem Schlosse, Mühlknechte, Pursche und Mädchen aus Nelkenstein. 1. Akt Erster Auftritt Mädchen und Pursche, festlich geschmückt, füllen die Bühne; es werden Blumenkränze und Körbe unter sie verteilt, währenddem wird folgender Chor gesungen. CHOR. Das wird ein Tag der Freude sein, Heut' ziehet unser Gutsherr ein. Schwingt in der Luft den Blumenkranz, Beim Feste winkt uns Spiel und Tanz, Da wird gescherzt, da wird gelacht, Der Jubel währt bis in die Nacht; Heut' ziehet unser Gutsherr ein, Das wird ein Tag der Freude sein! Nach dem Chor alle links in den Hintergrund ab. Zweiter Auftritt Heinrich, Johann kommen in reicher Livree rechts aus dem Hintergrunde hervor und sehen sich vorsichtig nach allen Seiten um. HEINRICH. Jetzt, hoffe ich, wird der günstige Augenblick sein. JOHANN. Alles eilt schon zum Schloß hinauf, der Müller ist früher schon fortgegangen, du kannst also ungestört eine Viertelstunde bei deiner Geliebten zubringen. HEINRICH. Wenn nur auf dem Schloß alles in Ordnung ist! Der gnädige Herr kann jeden Augenblick hier sein. JOHANN. Sei unbesorgt! Du bist vor acht Tagen angekommen, um den Empfang unserer Herrschaft vorzubereiten; in der ersten Stunde deines Hierseins hast du dich verliebt, folglich in acht Tagen nichts getan als geseufzt und geschmachtet. Der gnädige Herr müsste also alle Anstalten jetzt selbst treffen, wenn ich nicht alles für dich getan hätte. Ich rechne bei Gelegenheit auf deine Gegendienste, denn dein Beispiel zeigt mir leider, dass der gescheiteste, fidelste, jovialste Mensch sich auch verlieben kann. Traurige Entdeckung! HEINRICH. Der verdammte Mehlwurm will seine Mündel selbst heiraten. O Lenchen! Geliebtes Lenchen! JOHANN. Solche wahnsinnige Heiratsideen haben die Vormünder sehr häufig, sind aber in allen Jahrhunderten zu Tausenden geprellt worden. Bei dem wird man auch keine Ausnahme machen. HEINRICH. Wenn unterdessen auf dem Schloß – JOHANN. Sei unbesorgt, ich avisiere dich von allem. Und jetzt geh hin, Glücklicher, lass dich immer fester und fester von den Rosenketten der Liebe umschlingen, ich beneide dich nicht. Wohl mir, unter meiner bordierten Weste schlägt noch ein freies Herz. Geht links in den Hintergrund ab. Dritter Auftritt Heinrich. HEINRICH. Auf meinem guten gnädigen Herrn beruht meine einzige Hoffnung. Er ist mir gewogen, er wird gewiss meine Liebe begünstigen, unterstützen und des Müllers Eigensinn zu Paaren treiben. Geht an die Haustüre des Müllers und horcht. Vierter Auftritt Mehlwurm kommt eilig aus dem Hintergrunde rechts. Der Vorige. MEHLWURM. Das ist zum Totärgern! Vergiss ich, den Geldkasten zuzusperren, und muss den weiten Weg zurücklaufen – Will in sein Haus und erblickt den Jäger; prallt ergrimmt zurück und spricht leise. Du verdammtes Gepack! Schleicht der wieder zu meiner Mündel –!? Wart, Pursche! HEINRICH ohne Mehlwurm zu bemerken. Alles ist so still im Hause, der Brummbär ist gewiss fort. MEHLWURM grimmig, aber leise. Brummbär –?! HEINRICH wie oben, blickt aufs Fenster. Der Blumenstock ist auch nicht am Fenster; das sichere Zeichen, dass der fatale Mehlwurm ausgekrochen ist. MEHLWURM wie oben. Also das ist das Zeichen? O Bagage! HEINRICH. Frisch gewagt ist halb gewonnen! Lenchen, ich eile in deine Arme! Geht ins Haus. Fünfter Auftritt Mehlwurm allein, dem abgehenden Heinrich nachrufend. MEHLWURM. Brich dir fünfmal 's G'nack auf jedem Staffel, du Madlverführer! Ich werd' dich lernen, einem ehrenfesten Mann seine Braut abspenstig machen! – Was tu' ich jetzt –? Ich lauf' in die Mühl', hol' alle meine Knecht' zusamm' –! Doch nein – das macht Aufsehen, ich dreh' ihm eigenhändig den Hals einigemal um und um, kratz' ihm die Augen aus, brich ihm Arm und Bein, zervierteil' ihn, und wenn das g'schehn is, so wird er erst hernach massakriert. Will ins Haus ab. Sechster Auftritt Specht; Der Vorige. SPECHT tritt aus der Kulisse neben des Müllers Haus auf und hält ihn zurück. Gevatter, auf ein Wort! MEHLWURM. Kann nicht, hab' keine Zeit. SPECHT hält Mehlwurm fest. Musst Zeit haben, wenn die Obrigkeit mit dir spricht. MEHLWURM. Ganz recht, aber – SPECHT. Die Obrigkeit leidet kein Aber. MEHLWURM in größter Ungeduld. Also ohne Aber! Was willst, G'vatter? SPECHT ihn immer am Rockschoß festhaltend. Ich bin Vater einer Tochter. MEHLWURM. Das ist möglich. SPECHT. Deine Schwester Cordula ist Mutter eines Sohnes. MEHLWURM. Das is gewiss. SPECHT. Beide halten mit der Hand einen Blumenstrauß und mit dem Mund eine Anrede, wenn der Gutsherr ankommt. MEHLWURM immer ungeduldiger. Schön – recht schön – aber – SPECHT. Ich habe alles selbst gedichtet, und mir kommen immer zweierlei Freudentränen in die Augen, so oft ich meine Verse von meiner Tochter deklamieren höre, einmal aus poetischer und hernach wiederum aus naturgesetzlicher Vaterfreude. MEHLWURM desperat beiseite. Der bringt mich um mit seinem Geschwätz! SPECHT ihn immer festhaltend. Beim Einstudieren haben sich die beiden Kinder gesehen. Meine Tochter Dorothea – MEHLWURM beiseite. Ist eine Gans! SPECHT fortfahrend. Und dein Schwestersohn Natzi – MEHLWURM beiseite. Ist ein Esel! SPECHT fortfahrend. Sind zusammen ein herrliches Paar. Deine Schwester – MEHLWURM beiseite. Ist eine alte Närrin! SPECHT fortfahrend. Ist mir immer sehr geneigt gewesen, und ich bin – MEHLWURM in höchster Unruhe. Du bist eine alte Plaudertaschen, die mich aufhalt't, währenddem in meinem Haus das verliebte Volk – mir brennt bei Kopf bei dem bloßen Gedanken! – Sich losreißend. Lass mich aus, ich zerspring' vor Wut und Eifersucht! Läuft grimmig in sein Haus. Siebenter Auftritt Specht allein. SPECHT. Dem lasst wieder die Eifersucht keine Ruh'! Armer Gevatter! Ja, so geht's, wenn man sich in ein Mädel verliebt. Ich bin auch verliebt, aber nicht in das schöne Geschlecht, sondern in das Flaschengeschlecht Dabei lebt man ruhig und vergnügt. Ich umarm' eine um die andere, und 's gibt keinen Zank, keine Eifersucht; höchstens die letzte wird manchmal grob und wirft mich um die Erde. Aber was tut das? Die Kellner tragen einen um ein Billiges nach Haus, man schlaft süß und sanft, der Nebel verschwindet, und man tritt dann wieder im Sonnenglanz seiner Solidität hervor und nickt in stattlicher Ruhe dem Volke zu, welches einem einen guten Morgen wünscht. Geht in sein Haus links ab. Achter Auftritt Till Eulenspiegel allein. Liedes, währenddem tritt Eulenspiegel auf. EULENSPIEGEL. Lied 1. So recht fidel leb'n und umsunst, Das, sag' ich, das ist d' größte Kunst. Ein' tüchtigen Zins zahl'n zweimal alle Jahr' Und drum ein Quartier hab'n, das kann jeder Narr; Den Wirt zahl'n fürs Essen, den Schneider fürs G'wand, Dazu braucht der Mensch noch kein Quintel Verstand – Aber ganz ohne Geld leb'n wie i, Dazu g'hört sich schon ein Genie. 2. Verliebten hilf ich, wo ich kann, Denn das Geschäft nährt seinen Mann. Wenn's heißt: Na, da nehmt's euch und schließet den Bund, Da kann man leicht heiraten zu jeder Stund'; Doch wenn es heißt: Nein, aus der Hochzeit wird nix, Dem Madel drohn Schläg', dem Amanten gar Wichs' – Aus solcher Verleg'nheit hilf i, Dazu g'hört sich schon ein Genie. Ich bin ein Künstler, das kann mir kein Mensch abstreiten, ich betreibe die große Kunst, auf Unkosten andrer Leut' zu leben. Mein Bleiben ist nirgends, aber meine Werkstatt ist überall. Ich steh' jetzt häufig den Verliebten in ihren verwickelten Angelegenheiten bei, und das is ein Geschäft, bei dem man nicht zugrundgehen kann. Dieser Ort is zwar sehr klein, allein er könnte viel größer sein, wenn er mehr Häuser und Inwohner hätt'. Übrigens, für mich ist auch die kleinste Bevölkerung groß genug; denn ich hab' es bloß mit Liebesleuten zu tun und unter hundert Einwohnern gibt es immer einen Geizhals, fünf Säufer, einen Gelehrten, fünf Gescheite und achtundachtzig Verliebte. Auf diese statistische Bemerkung gründ' ich mein Metier und hab' noch immer meine Rechnung g'funden dabei. Man hört Lärm im Hause des Müllers. Was ist denn das für ein Lärm? Da muss ich mich auf die Lauer legen. Zieht sich zurück. Neunter Auftritt Mehlwurm, Heinrich; Der Vorige. MEHLWURM führt Heinrich zur Haustüre heraus. Jäger hin, Jäger her! Mein Haus is kein Revier, und gibt's was drin zum Schießen, so schieß' ich selber. HEINRICH. So mach' der Herr doch kein Aufsehen! MEHLWURM. Heut' nicht; aber wenn Er sich wieder blicken lasst, so werden schon meine Mühlknecht' das gehörige Aufsehen machen. HEINRICH. Lass der Herr nur reden mit sich! MEHLWURM. Nichts da, meine Mündel is meine Braut, und meine Braut is meine Mündel. Ich brauch' keinen Hausfreund, weder vor noch nach der Hochzeit. HEINRICH. Der Herr will also im Ernst das holde Geschöpf unglücklich machen? MEHLWURM. Unglücklich? Das bitt' ich mir aus! Nur keine Grobheiten! Ein Müllner und Hauseigentümer macht kein Mädl unglücklich, von Jägern wär' so etwas eher zu erzählen. Das leichtsinnige Mädl wird jetzt zu ihrem Besten eingesperrt bei Wasser und Brot. HEINRICH. Diese Grausamkeit werd' ich zu hindern wissen. MEHLWURM. Das will ich sehn, wer in meinem Haus etwas hindern kann. Wenn Ihm wieder verliebte Gedanken kommen, Herr Jäger, so denk' Er an meine Mühlknecht', vielleicht vergeht Ihm hernach die Schwärmerei. Verstanden? Schlägt die Haustüre ungestüm zu. Zehnter Auftritt Heinrich, Eulenspiegel. HEINRICH. So ist doch alles wider meine Liebe verschworen! EULENSPIEGEL welcher die vorige Szene behorcht hat, für sich. Da ist ein verliebtes Paar, dem geholfen, und ein Vormund, der geprellt werden muss. Da bin ich in meinem Element. HEINRICH ohne Eulenspiegel zu bemerken. Welcher Mißhandlung ist das arme Mädchen ausgesetzt!? EULENSPIEGEL nähertretend, zu Heinrich. Armer, hinausgeworfener Jüngling! HEINRICH unwillig. Geht das Ihn was an? EULENSPIEGEL. Nein, dasmal is's nur Ihnen an'gangen. Ich bin überhaupt noch gar nicht oft hinausg'worfen worden. Ich hab' darin sehr einen feinen Takt; wie ich seh', dass sich einer die Ärmeln aufstreckt und mich packen will, da geh' ich selber. HEINRICH. Lass' Er mich zufrieden! EULENSPIEGEL. Das tät' ich recht gern, aber Sie sein ja nicht zufrieden, Sie unglücklicher Liebhaber übereinand'. HEINRICH. Ich weiß nicht, soll ich mich ärgern, oder – EULENSPIEGEL. Nein, heiraten sollen Sie, und der Müllner soll sich ärgern, dass er schwarz wird. HEINRICH. Das ist leicht gesagt – EULENSPIEGEL einfallend. Und ebenso leicht getan, wenn Sie sich mir anvertraun. HEINRICH. Wer bist du? EULENSPIEGEL. Ich bin der Eulenspiegel. HEINRICH freudig überrascht. Was, der Gauner? Der Vagabund? Der Galgenstrick? EULENSPIEGEL. Sie kennen mich also schon par renommée? HEINRICH. Wem sind deine Schelmenstreiche nicht bekannt? Aber sprich, wie kann ich dir trauen? EULENSPIEGEL. Gehn Sie meine ganze Lebensgeographie durch, so werden Sie nirgends finden, dass ich einem Liebespaar einen Schabernack gespielt hab'. HEINRICH. Wenn du mir mein Lenchen verschaffst, dann bin ich überglücklich. EULENSPIEGEL. Ist sie wahrhaft in Ihnen verliebt? HEINRICH. Soeben hat sie mir's aufs zärtlichste geschworen. EULENSPIEGEL. Sie hat Ihnen was weis g'macht. HEINRICH. Weh dir, wenn du dich unterstehst, das Geringste gegen diesen Engel sagen zu wollen! EULENSPIEGEL. Nein, nein, schauen S' Ihnen an, ich mein' ja nur beim Ärmel. HEINRICH sieht, daß sein Ärmel voll Mehlstaub ist. Ja so! EULENSPIEGEL. Wenn das Herz Mehlgeschäfte treibt, muss man immer eine Bürste im Sack haben; es ist wegen die Leut'. HEINRICH. Da hast recht. EULENSPIEGEL. Da hab' ich's viel ärger g'habt. Ich war verliebt in eine Kohlenbrennerstochter; die hat ihrem Vater immer g'holfen beim Aufladen; so oft mir die ein Bussel hat 'geben, hab' ich ein G'sicht 'kriegt als wie ein Schlosserbub'. HEINRICH. Zur Sache also! Kannst und willst du mir helfen? EULENSPIEGEL. Ums Geld kann ich alles; übrigens tu' ich es ohne Intresse. Also rucken S' aus! HEINRICH. Ums Geld und ohne Intresse, wie geht das zusammen? EULENSPIEGEL. Auf die natürlichste Weis' von der Welt. Für das Geld, was Sie mir geben, dürfen Sie mir keine Intressen zahlen, also tu' ich es ohne Intresse. Schaun Sie, ich nähmet gar kein Geld, aber 's Geld braucht man halt zum Leben, und leben tu' ich in einemfort, also brauch' ich halt in einemfort ein Geld. HEINRICH gibt ihm Geld. Da, nimm indessen die sechs Taler, die ich bei mir habe; wenn dein Plan gelingt, so wirst du reichlich belohnt. EULENSPIEGEL. Ha! Wie diese Laschi mich begeistert! Noch eh' der Kukuruz verblüht – was sag' ich – noch eh' die heurigen Maikäfer hinwerden – was sag' ich – noch eh' die morgige Sonne sich in die Abendwolken verhaspelt und ins Meer hineinplumpst – eher noch ist die Müllnerische als Gattin in Ihren Armen. Hören Sie, das is ein Schwur, der sich g'waschen hat. HEINRICH. Wohlan, ans Werk! Auf dich bau' ich mein Glück! EULENSPIEGEL. Jetzt wär's ganz am Platz, wenn wir zwei das Duett singeten aus 'n »Barbier von Sevilla«, ich den Figaro und Sie den Almaviva. Aber nein, tun wir's lieber nicht, wir könnten ein Malheur haben, und es lasst überhaupt viel bescheidener, wenn wir uns ganz in der Still' empfehlen; es muss ja nicht allweil gesungen sein. Geht mit Heinrich im Hintergrunde ab. Die folgende Dekoration fällt vor. Verwandlung Zimmer im Hause des Müllners mit Mittel- und Seitentüren. Elfter Auftritt Natzi allein. Mit der Verwandlung beginnt das Ritornell des folgenden Liedes, Natzi tritt zur Mitte auf. NATZI. Lied 1. Ein Umgang und Einzug, das is halt eine Freud', Da produzier'n ihre schön' Kinder die Leut', Ein neu's G'wandl hat mir d' Frau Mutter gekauft, Das alte war z'rissen, ich hab' mit d' Bub'n g'rauft. Jetzt heißt es halt acht geb'n aufs neue Gewand, Denn wenn man nicht sauber ist, ist es a Schand. 2. Der gnädige Herr wird zu schauen was hab'n, Z'erst kommen die Mädln, dann ich unter d' Knab'n, Bleibt er hier, hab' ich Aussichten, das is a Pracht, Vor drei Jahr'n hat er's g'sehn, wie ich Prüfung hab' g'macht; Können hab' ich zwar nichts, doch hat er g'sagt: Aus mir, Da wird ohne Zweifel ein recht großes Tier. Nach dem Liede. Ich werd' wieder unter die Umgangskinder das allerschönste sein. Ich bin in meinem Alltagsanzug schon ein liebes Bubi, hat die Frau Mutter gesagt, jetzt erst, wenn ich mit Blumen geschmückt bin, da is es gar nicht zum Aushalten. Schad', und an so ein' Festtag muss wieder ein Verdruss im Haus sein. Der Lenerl ihre Jagdgeschichte wirkt störend auf den müllnerischen Frieden unsers Hauses. Das Madl soll froh sein, dass sie der Vetter heiraten will, für was braucht sie den Jäger? Ich wollt' nix sagen, wenn sie schlechte Augen hätt', denn da soll es sehr gesund sein für ein Mädl, wenn sie eine Amour mit ein' Jäger hat, weil sie allweil ins Grüne schaut. Aber eine mit fünf ganze Sinn', die soll doch einsehen, dass es nicht leicht eine reizendere Naturerscheinung gibt als einen Müllner, alleweil voll Mehl, schneeweiß; es is kein Wunder, wenn ein Madl völlig verblendet wird, wenn's a Weil' auf ein' Müllner schaut. Ich sage – Man hört zanken. mir scheint, der Familienzwist zieht sich in diese Gegend. Zwölfter Auftritt Mehlwurm, Cordula, Lenchen; Der Vorige. CORDULA. Da her, du ungeratenes Mädel! Du kommst mir jetzt nicht mehr aus den Augen. LENCHEN. Aber was hab' ich denn Unrechtes getan? MEHLWURM. Du kannst noch fragen? Verstockte Sünderin! Verraten, verkauft, betrogen hast du mich, deinen Vormund und Bräutigam. CORDULA. Aber weh dir, wenn ich dir noch auf das Geringste komme! MEHLWURM. Weh dir! Da wirst du eingesperrt auf vier Wochen, vierzehn Tag' bei Wasser und vierzehn Tag' bei Brot. NATZI. Vetter, das geht nicht. Wasser und Brot muss sie allweil zugleich kriegen, sonst wird s' hin. MEHLWURM. Halt's Maul, Dummkopf! LEHNCHEN. Ach, wie unglücklich ist doch ein Mädchen, wenn es so früh seine Eltern verliert! Weint. MEHLWURM sanfter. Schau', Lenerl – weinen musst nicht – aber schau', ich mein's so gut mit dir, ich werd' der zärtlichste Eh'mann sein – weinen musst nicht – ich werd' dich auf den Händen tragen – weinen musst nicht – wir werden leben wie die Turteltauben – wennst nicht aufhörst zum Weinen, so wein' ich auch. CORDULA. Bruder, du bist zu weich; sie verdient deine Nachsicht nicht. MEHLWURM zu Cordula. Lass gut sein, wenn ich auch wein', wenn ich auch zerfließ' vor Rührung, auslassen tu' ich s' deswegen doch nicht; heiraten darf sie doch kein' andern als mich. LENCHEN. Für mich gibt's kein Glück mehr auf der Welt! MEHLWURM. Kein Glück? So sei nur g'scheit! Wenn einer ein Mädel sitzen lasst, so sagt man, er hat's unglücklich gemacht; wenn einer ein Mädel heiratet, so sagt man, er hat's glücklich g'macht; ich will dich heiraten, du musst mich heiraten, also – LENCHEN. Also bin ich erst ganz unglücklich; denn mein Herz gehört meinem Heinrich, nur ihn kann ich lieben. MEHLWURM erzürnt. Untersteh dich! CORDULA. Kecke Personage! NATZI. So einen Eigensinn, wie die hat, den find't man nicht in alle fünf Weltteil', nicht in Europa, Amerika, Asina, Afrika und Paprika. MEHLWURM. Ich könnt' rasend werden. CORDULA zu Mehlwurm. Du wirst es noch zu spät einsehen, dass es niemand mit dir so aufrichtig meint als mein Sohn, mein Natzi! MEHLWURM. Lass mich aus mit dein' dalketen Buben! CORDULA zu Natzi. Komm, mein Söhnchen! NATZI zu Mehlwurm. War die letzte Rede des Vetters eine Anspielerei auf mich? MEHLWURM. Pack' dich zum Guckguck! NATZI mit Pikanterie zu Mehlwurm. Wenn wir zwei nebeneinander stehn, so ist das grad als wie zwei Mehlsäck'; einer is der Ausschuß, der andre is der Auszug. Mit Beziehung auf Mehlwurm. Der Ausschuß is das Grobe, da drum is wenig Nachfrag', das bleibt zurück. Mit Beziehung auf sich. Der Auszug is das Beste, das wird gesucht, das geht stark, drum geh' ich. Komm' d' Frau Mutter! Geht mit Cordula zur Mitte ab. Dreizehnter Auftritt Mehlwurm; Lenchen. MEHLWURM sanft. Siehst, Lenerl! Alles macht mir meine übertriebene Lieb' zu dir zum Vorwurf, aber ich bleib' unveränderlich. LENCHEN. Ja, leider! Das raubt mir alle Hoffnung. MEHLWURM erzürnt. Undankbares Geschöpf! Ich treib' dir den Jäger aus. Wenn er sich noch einmal bei dir sehn lasst, so hetz' ich ihn mit die Hund' aus 'n Haus! Wieder sanfter und am Ende zärtlicher. Lenerl! Lenerl! Du weißt noch kein' rechten Unterschied zu machen, man muss dich zwingen zu deinem Glück. Vierzehnter Auftritt Eulenspiegel; die Vorigen. EULENSPIEGEL als Müllerknecht gekleidet, tritt ein paar Schritte zur Tür herein. Is es erlaubt, dass man hereingeht? MEHLWURM unwillig. Zum Teuxel, so muss man doch immer gestört sein! EULENSPIEGEL. Wenn ich ungelegen komm', so geh' ich halt wieder. Ich dräng' mich nicht hinein, wenn ich seh', dass die Leut' miteinander Geheimniss' haben. Geht zur Türe zurück. MEHLWURM. Das is ein kurioser Mensch. Heda! EULENSPIEGEL. Nein, nein, ich will niemanden genieren. Geht hinaus. MEHLWURM. So bleib' Er nur herin, weil Er schon einmal da is. EULENSPIEGEL von außen. Ich mag nicht, wenn die Leut' Heimlichkeiten haben, so – MEHLWURM ihm nachrufend. Ob Er hergehn wird, wenn ich Ihn ruf' –? EULENSPIEGEL tritt wieder ein. Na, da bin ich. MEHLWURM. Wer ist Er und was will Er? EULENSPIEGEL. Das wer'n S' mir ansehn, dass ich kein Rauchfangkehrer bin. Wir Menschen sein auf der Welt, einer dem andern zu helfen. Ich brauch' eine Arbeit und der Meister braucht Leut', die arbeiten, also nimm mich der Meister in Dienst, so is uns allen zwei'n g'holfen. MEHLWURM. Er hat eine kuriose Manier, einen Dienst zu suchen. Für sich. Er g'fallt mir aber nit übel. Zu Eulenspiegel. Wo kommt Er denn her? EULENSPIEGEL. Von – von Dings da – jetzt hab' ich den Namen vergessen. MEHLWURM. Is es weit? EULENSPIEGEL. Es is so beiläufig – eine Distanz wird es sein, wie von dort bis daher. MEHLWURM. Wo hat Er Seine Kundschaft? EULENSPIEGEL. Hab' keine. MEHLWURM. Was?! EULENSPIEGEL. Wie ich durch 'n Wald 'gangen bin, stell' ich mich unter einen Baum, zieh' meine Kundschaft heraus und will z'samm'zählen, bei wieviel Meister als ich schon war; schlagt auf einmal der Blitz ein in 'n Baum, und die Kundschaft verbrennt mir in 'n Händen. MEHLWURM. Is mir leid, aber ohne Kundschaft trau' ich kein' Knecht; da kann Er gehen, wo Er herkommen is. EULENSPIEGEL mit komischer Bestürzung. Das is sehr traurig für mich. Jetzt bleibt mir nichts übrig, als ich muss betteln oder stehl'n. G'freu'n S' Ihnen, wenn ich wieder daherkomme, denn es is sehr die Frag', ob ich bei Ihnen betteln werd' – mir scheint immer, bei Ihnen wird g'stohl'n. MEHLWURM. Na, sei Er so gut! EULENSPIEGEL leise zu Lenchen. Ich bin ein Abgesandter von Ihrem Heinrich. MEHLWURM. Was gibt's da für eine Wisplerei, für eine verdächtige? EULENSPIEGEL laut zu Mehlwurm. Ich hab' mich an die schöne Hausfrau gewendet, dass sie ein gut's Wort einlegt für mich. MEHLWURM lächelnd zu Lenchen. Hausfrau? Hörst du, Lenerl, wie angenehm das klingt? Zu Eulenspiegel. Er is im Irrtum, Freund, bis jetzt sind wir noch nicht Mann und Frau. EULENSPIEGEL. Nicht? Ah, das is ewig schad'! Nein, wie Sie zwei zusamm'passeten! Beiseite. Als wie ein Kanarienvogel und ein Wiedhopf. Laut. Da wird man nicht bald zwei Leut' finden –, ah, Sie müssen einander heiraten. MEHLWURM. Ich gedenk' auch mit nächstem – LENCHEN. Ich aber nicht. EULENSPIEGEL zu Lenchen. Was? Sie wollen nicht! Ah, hör'n Sie, da sein Sie ja verruckt! Zu Mehlwurm. Sie verzeihn, wenn ich etwas zu scharf red', aber da kann ich mich nicht mäßigen. Zu Lenchen. Wenn Ihnen der Müllner nicht recht is, so wird man der Jungfer ein' andern malen. Es is unbegreiflich! Sie spreizen Ihnen? Ich möcht' bloß deswegen ein Frauenzimmer sein, wegen dem Müllner, den ließ' ich nicht aus, um kein' Preis, das muss ja eine Seligkeit sein! MEHLWURM beiseite. Das is ein braver Putsch! Laut. Wie heißt du? EULENSPIEGEL. Ulrich. Für sich. Wenn ich 'n nur aus 'n Zimmer brächt'! Zu Mehlwurm. Da mach' ich Ihnen aber gleich drauf aufmerksam, Herr Meister, achtgeben heißt's kurios, denn es schleicht heutzutag ein Volk herum auf den Gassen, was eigens drauf ausgeht, Eh'männer zu beunruhigen und g'setzte Bräutigam' zu sakrifizieren. MEHLWURM. Leider, leider, – ich weiß's! EULENSPIEGEL. Ein fufzig Schritt von hier steht auch einer; wie ein Jäger schaut er aus, der spekuliert immer auf das Haus herüber. Was kann er wollen? Mehlsäck' schnipfen g'wiß nit, also hat er andere Absichten. MEHLWURM. Die will ich ihm vertreiben. Will fort, kehrt aber gleich wieder um. Du, Lenerl, gehst jetzt in das Zimmer hinein! EULENSPIEGEL für sich. Das is mir ungelegen. LENCHEN zögernd. Warum? Ich könnte ja – MEHLWURM. Geh nur, liebe See!', ich lass' dich nicht lang allein, bin gleich wieder bei dir! Führt sie in die Seitentüre links. EULENSPIEGEL für sich. Der sitzt mir schon auf, da is mir gar nicht bang. MEHLWURM. Jetzt will ich dem da unten das Handwerk legen. Fünfzehnter Auftritt Die Vorigen ohne Lenchen, dazu Cordula. CORDULA. Der gnädige Herr muss bald hier sein; mein Natzi schaut vom Bodenfenster in die Gegend, wo – MEHLWURM. Lass mich in Ruh' – CORDULA. Von der Herrschaft Birkenstein sind zwei Leute hier, Mehl zu kaufen. MEHLWURM. Ich hab' keine Zeit, mir gehn jetzt ganz andere Sachen in Kopf herum. Zu Eulenspiegel. Mach' Er sich kommod', Er g'fallt mir, und wenn Er auch keine Kundschaft hat, so will ich's doch a vierzehn Tage versuchen mit Ihm. Zur Mitte ab. Sechzehnter Auftritt Cordula; Eulenspiegel. EULENSPIEGEL für sich. Den Haushund hab' ich wegg'lockt, jetzt bleibt der Hausdrach' da. CORDULA Eulenspiegel betrachtend, für sich. Der Mensch wär' so übel nicht, er hat so gewiss – EULENSPIEGEL für sich. Die Alte schaut mich an als wie ein Pudel ein kälbernes Bein; jetzt, Keckheit, steh mir bei, die werd' ich gleich auf meiner Seiten haben. CORDULA. Woher ist Er? EULENSPIEGEL. Aus Sachsen, das kennt man ja gleich aus mein' Dialekt. CORDULA. Mein Bruder ist sehr leichtgläubig, dass er einen Menschen ohne Kundschaft aufnimmt. EULENSPIEGEL. Ja wohl is er ein leichtgläubiger Mann! Cordula scharf betrachtend. Ich bin das nicht, ich bin meiner Sache gewiss. CORDULA. Welcher Sache ist Er gewiss? EULENSPIEGEL. Dass ich die schöne Mündel des Meister Mehlwurm vor mir sehe. CORDULA lächelnd. Er hat sich geirrt, ich bin Cordula, die Schwester des Müllers. EULENSPIEGEL. O, wenn ich so eine Schwester hätt', wie selig wär' ich, jeder Liebe würde ich entsagen und ganz, aber ganz Bruder sein. CORDULA für sich. Was der Mensch für süße Redensarten führt! EULENSPIEGEL verschämt. Ihr betrachtet mich so befremdend –? CORDULA. Will Er wirklich Arbeit nehmen bei uns? EULENSPIEGEL. Ich wünsche es, oder – Sich verlegen stellend. sollte ich mich verraten haben? CORDULA. Verraten!? EULENSPIEGEL. Du hättest mich erkannt, liebenswürdigste deines Geschlechts? CORDULA äußerst verlegen. Gerechter Himmel, was will Er von mir? EULENSPIEGEL. Leben oder Tod aus deinem Munde. Hinweg mit jeder Verstellung! Dieses Kleid war ein Vorwand, ins Haus zu kommen, ich bin – Marquis – CORDULA aufschreiend. Marquis!? EULENSPIEGEL. Marquis Amoroso, Edler von Vehementissimo. CORDULA. Aus Italien? EULENSPIEGEL. Aus dem Land der welschen Glut. Auf 'n Ätna, grad das Haus neb'n 'n Krater, bin ich geboren. Jetzt können Sie sich denken, mein ganzes Geblüt is reine Lava. CORDULA sich kaum zu fassen wissend. Edler Herr – EULENSPIEGEL. Überall, in London, Paris, Stockerau, Neapel, Konstantinopel, Adrianopel und noch ein paar Opl hab' ich sprechen gehört von der schönen Mündel des Müllers Mehlwurm in Nelkenstein. CORDULA. Ich bin so verlegen – EULENSPIEGEL. Das sieht man Ihnen an, dass Sie verlegen sein. Unwiderstehliche Sehnsucht zog mich hierher, gestern bin ich angekommen und habe diese Verkleidung gewählt, und – CORDULA mit Koketterie. Jetzt haben Sie sich überzeugt, dass Sie sich geirrt haben? EULENSPIEGEL. Im Namen wohl, aber nicht in der minniglichen Gestalt, nicht in den wonniglichen Eigenschaften; jünger kann die andere wohl sein Schwärmerisch. aber was ist Jugend gegen diesen ehrwürdigen Anstand, gegen diese reifliche, auf vieljährige Erfahrung gegründete Sanftmut? – O Gott –!! CORDULA. Wie fein Hochdieselben schmeicheln können! EULENSPIEGEL. So wahr ich Marquis bin, kein unwahres Wort kommt über meine Lippen. O Geliebte –! Erfasst ihre Hand und stürzt ihr zu Füßen. CORDULA. Was tun Sie? EULENSPIEGEL küßt unaufhörlich ihre Hand. O! CORDULA. Stehen Sie auf – EULENSPIEGEL. Nicht eher, bis du mir gestattest, so lange hier unerkannt zu bleiben, bis du Gelegenheit gefunden, mich und meine Liebe zu prüfen! Küsst ihre Hand. Siebzehnter Auftritt Natzi; die Vorigen. NATZI stürzt herein, er ist mit Blumen geschmückt. Der Gutsherr is da, Frau Mutter, der Gutsherr! Eulenspiegel springt verlegen auf, Cordula prallt zurück. NATZI. O Jegerl, was is das? Ein Mühlknecht kniet vor der Frau Mutter –?! CORDULA unwillig. Was stürmst du denn herein, als ob das Haus brennte? NATZI. D' Frau Mutter is rot im G'sicht als wie ein Pipperhahn! Lacht tölpisch. EULENSPIEGEL führt Cordula vor, nach einer Pause, im Tone des Vorwurfes. Das ist dein Sohn? CORDULA mit gepreßter Stimme. Ich bin Witwe –! EULENSPIEGEL. Ist schon über acht Jahr', der Knab' –? CORDULA wie oben. Etwas – EULENSPIEGEL. Ich hoffte dich als Mädchen zu finden. CORDULA. Im Gegenteil! EULENSPIEGEL wendet sich ab und verhüllt sich mit beiden Händen das Gesicht. O Cordulia! Warum hast du mir das getan!? Geht in die Seitentüre links ab. NATZI. Der ist erst fünf Minuten im Dienst, was kann denn der schon ang'stellt haben, dass er sich niederkniet und d' Frau Mutter um Verzeihn bitt't? CORDULA. Du bist ein Esel! NATZI. Versteht sich! Der Vetter bedauert oft, dass ich keiner bin; denn er sagt, wenn ich einer wär', so wär' ich in der Mühl' ein nützliches Geschöpf. CORDULA für sich. Wie soll ich den Aufruhr in meinem Innern verbergen? Festliche Musik inner der Szene. NATZI. Der gnädige Herr kommt! Komm d' Frau Mutter, die Festivität fangt an. Er zieht sie mit sich fort. Sie wirft Küsse gegen die Türe, durch welche Eulenspiegel abging. Verwandlung Freier Platz vor dem Schlosse. Achtzehnter Auftritt Mädchen und Pursche mit Blumenkränzen stehen zu beiden Seiten gereiht. Specht ist beschäftigt, Ordnung im Ganzen zu halten. Mit dem Aufziehen der Kurtine beginnt folgender Chor, an dessen Schlusse Nelkenstein, von Dienerschaft begleitet, eintritt. CHOR. Ihr habt in unsre Mitte hier Gnädig Euch herbegeben, So große Freude hofften wir Schon nicht mehr zu erleben. Mit Euch zieht Glück in diese Hallen ein, Aus vollem Herzen lasst uns Vivat schrein! ALLE. Vivat! Dorothea und Natzi treten hinter dem Gutsherrn auf und stellen sich zu Specht links in den Vordergrund. NELKENSTEIN nach dem Chore. Ich dank' euch, liebe Leute! Euer Empfang war herzlich; hat mir viel Freude gemacht. SPECHT. Zu gnädig, Euer Gnaden; aber Hochdieselben glauben nicht, wie mühsam ich ihnen das eingebleut hab'! Todesstrafe auf ein Vivat zu wenig oder zu viel, darum ist es gegangen. NELKENSTEIN. Nun, mein alter Specht – SPECHT. Erlauben Hochdieselben höchst untertänigst – Zu Dorothea. fang dein Gedicht jetzt an! DOROTHEA. Ja, Papa! SPECHT. Langsam und deutlich! DOROTHEA. Ja, Papa! SPECHT. Wird's werden oder nicht? DOROTHEA. Ja, Papa! Tritt vor, verneigt sich und fängt an, mit ungeschickter Ängstlichkeit ohne Bewegung zu deklamieren. Von fernen Ländern kommt Ihr her, Schon lange stand dies Schloß hier leer, Wir – wir – SPECHT zupft sie am Kleid und souffliert. Wir sahen – DOROTHEA deklamiert. Wir sahen – SPECHT wie oben. Her – DOROTHEA wie oben. Wir sahen her – her – SPECHT wie oben. Wir sahen hin. DOROTHEA zu Specht. Aber zupf' mich der Papa nicht immer, das ganze schöne Kleid wird ruiniert. SPECHT leise und grimmig. Wirst weiter deklamieren! DOROTHEA. Ja, Papa! Deklamiert. Wir sahen hin – SPECHT leise. Mach' doch Auktionen mit der Hand! DOROTHEA leise. Sie machen mich konfus, Papa; ich weiß nit weiter – SPECHT leise und grimmig. Wie ein Stock is das Madel! DOROTHEA glaubt, er habe souffliert, deklamiert. Wie ein Stock – SPECHT aufschreiend. Halt ein, Unglückliche! Wie wir nach Haus kommen, so vernicht' ich dich. NELKENSTEIN begütigend. Ruhig, Specht, was kann das Mädchen davor? Eine kleine Verwirrung – SPECHT. Ich bin desparat – NATZI. Ich kann ja das Gedicht von lauter Zuhören, ich werd's gleich fertig deklamieren. SPECHT entzückt zu Natzi. O Retter in der Not! Indem Natzi vortritt. Und nur schön, mit Agierung, Mussi Natzi! NATZI deklamiert monoton und äußerst schnell, mit den Bewegungen einer Marionettenfigur. Von fernen Ländern kommt Ihr her, Schon lange stand dies Schloß hier leer, Wir sahen her, wir sahen hin, Im Schlosse war kein Gutsherr drin. Und Euere Abwesenheit Erfüllte uns mit Herzeleid, Wir dachten nun in einemfort: Warum weilt er am fernen Ort? Wär't Ihr noch lange ausgeblieb'n, Der Gram hätt' uns bald aufgerieb'n, Allein das Schicksal Stockt. wol – wollte – Bricht plötzlich ab. Jetzt kann ich nicht weiter. Jetzt soll wieder die Dorothee – NELKENSTEIN lächelnd. Es ist genug – ich bin überzeugt – SPECHT. Aber der Natzi hätt' noch singen sollen. NATZI tritt sogleich vor. Ja, jetzt kommt erst der G'sang. NELKENSTEIN. Nein, diesen Genuss will ich mir durchaus auf ein andermal versparen. NATZI. Wie es gefällig ist. DOROTHEA zu Natzi. Wir haben keine Ehr' aufgehoben. NATZI. Ah, ich hab' ihm sehr gefallen. NELKENSTEIN. Mein lieber Specht, Ihr speist heute bei mir. SPECHT entzückt. Diese Auszeichnung – NELKENSTEIN zu den übrigen. Und euch gebe ich allen nächsten Sonntag ein Fest. Jetzt geht nach Hause. SPECHT. Nur einmal Vivat schreien lassen s' Euer Gnaden noch! Winkt mit dem Hut. ALLE. Vivat! Sie gruppieren sich mit den Blumengirlanden gegen das Tor des Schlosses, in welches Nelkenstein, von der Dienerschaft begleitet, eintritt; währenddem wiederholt sich das Ende des vorigen Chores. CHOR. Mit Euch zieht Glück in diese Hallen ein, Aus vollem Herzen lasst uns Vivat schrein! Der Vorhang fällt. 2. Akt Erster Auftritt Nelkenstein, dann Friedrich. NELKENSTEIN allein. Der Empfang hat mich wirklich unterhalten, das muss ich gestehn. Na, dem alten Specht will ich zutrinken bei der Tafel – aber wo ist denn Heinrich? Heda! Friedrich zeigt sich im Hintergrunde. Ruf' Er meinen Jäger! FRIEDRICH. Da kommt er soeben, Euer Gnaden. Friedrich entfernt sich. Heinrich tritt ein. Zweiter Auftritt Nelkenstein, Heinrich. NELKENSTEIN. Wie kommt's denn, dass du der letzte bist, der mir in meinem Schlosse entgegenkommt? HEINRICH. Ach, gnädiger Herr – NELKENSTEIN. Fehlt dir etwas? Du bist auch nicht mehr der aufgeräumte, heitere Pursche, der du sonst warst – dir ist etwas begegnet? HEINRICH seufzend. Ach ja! NELKENSTEIN. Vielleicht gespielt und verspielt? Nun, der Schade wird so groß nicht sein. Ich habe mir vorgenommen, dir jetzt deine treuen Dienste zu lohnen; bei dem räuberischen Überfall, als wir vergangenen Herbst von Neapel zurückkehrten, dankte ich nur deiner Unerschrockenheit mein Leben. Ich entlasse dich daher deines bisherigen Dienstes und gebe dir die schöne Försterei hier in der Nähe meines Stammschlosses. HEINRICH. Bester gnädiger Herr! So viele Güte – ach! – NELKENSTEIN. Was? Auf diesen Antrag erwiderst du noch mit »Ach«? – Halt! Jetzt hab' ich's – du bist verliebt? HEINRICH. Euer Gnaden haben's erraten. NELKENSTEIN. Nun, ein Förster braucht eine Försterin, nimm sie, ich halte die Hochzeit glänzend aus. HEINRICH. Ich bekomm' sie nicht, ihr Vormund, der reiche Mehlwurm, will sie selbst heiraten; das ist ja mein Unglück. NELKENSTEIN. Der soll vernünftig sein. HEINRICH. Er glaubt, das ist vernünftig, wenn er heiratet. NELKENSTEIN. Der alte Narr! – Liebt dich das Mädchen? HEINRICH. Unendlich. NELKENSTEIN. Und du liebst sie auch unendlich, treu seid ihr einander auch unendlich, das versteht sich alles von selbst; aber was ist mit dem Müller anzufangen? HEINRICH. Das ist der eigensinnigste, wachsamste, boshafteste und verliebteste Vormund, den ich je gesehn. NELKENSTEIN. Gewalt lässt sich da nicht anwenden. HEINRICH. Ich baue nur noch auf die Verschlagenheit eines Menschen, den mir das Glück zuführte. NELKENSTEIN. Und der ist? HEINRICH. Ein gewisser Eulenspiegel. NELKENSTEIN. Was? Der ist hier? Den wünschte ich schon lange kennen zu lernen. Dritter Auftritt Friedrich; die Vorigen. FRIEDRICH. Ein Knecht aus der Mühle des Meister Mehlwurm verlangt durchaus bei Euer Gnaden vorgelassen zu werden. NELKENSTEIN. Was will er? HEINRICH leise zu Nelkenstein. Er ist es ohne Zweifel. NELKENSTEIN zu Friedrich. Lass ihn kommen! Friedrich ab. HEINRICH. Eulenspiegel sagte mir, er wolle in der Mühle Dienste nehmen, um dort zu meinem Besten zu handeln. NELKENSTEIN. Was kann er aber von mir wollen, der sonderbare Kauz? Vierter Auftritt Eulenspiegel; die Vorigen. EULENSPIEGEL im Eintreten. Na, das g'freut mich unendlich, dass ich Euer Gnaden einmal wieder seh'! Was treiben S' denn allweil? Wo waren S' denn die ganze Zeit? NELKENSTEIN. Woher kennst du mich denn? Ich habe wohl viel von deinen Streichen gehört, aber zu Gesicht gekommen bist du mir noch nie. EULENSPIEGEL. Ah, das is stark! Wir waren so genau miteinander bekannt, es war in Dings da – vor zwölf Jahren – NELKENSTEIN. Vor zwölf Jahren? Da lebte meine Gemahlin noch – EULENSPIEGEL. Die hat noch g'lebt, richtig! NELKENSTEIN. Da war ich in Frankfurt. EULENSPIEGEL. Richtig, in Frankfurt war's, da waren wir sehr gut miteinand'. NELKENSTEIN erstaunt. Wir? EULENSPIEGEL. Sehr gut, wir haben einander gar nix getan. NELKENSTEIN. Das glaub' ich. EULENSPIEGEL. Ich bin grad unterm Kaffeehaus g'standen, da sein Ew. Gnaden vorbeig'fahren. NELKENSTEIN. Das also ist die ganze Bekanntschaft? EULENSPIEGEL. O nein, ich hab' mir damals noch gedacht: Wenn der heut' ins Bierhaus kommt, so trink' ich die Bruderschaft mit ihm auf du und du. Sie sein aber nicht 'kommen. NELKENSTEIN. Du Schalksnarr! EULENSPIEGEL. Hm, Euer Gnaden, ich könnt' auch noch eine Forderung machen. NELKENSTEIN. Eine Forderung an mich? EULENSPIEGEL. Euer Gnaden haben mich damals, wie S' vorbeig'fahren sein bei mir, angeschaut mit einem G'sicht, als wenn Sie mir fünfzig Gulden versprecheten. Na, denk' ich mir, dem Mann kann ich schon fünfzig Gulden aufs G'sicht kreditieren, da brauch' ich nix Schriftliches; hab' Euer Gnaden fahren lassen, und seit der Zeit, als wenn S' mir ausg'wichen wären, ich hab' Ihnen nicht mehr g'sehn; jetzt wär' ich halt da um das Geld. NELKENSTEIN lachend. Du Gauner, du! Ich muss lachen über dich, und da kommt es mir auf fünfzig Gulden nicht an; da nimm! Gibt ihm einige Dukaten. EULENSPIEGEL. Das ist halt ein pünktlicher Mann, zahlt seine Schulden, ohne dass man ihn klagt. NELKENSTEIN. Jetzt aber zur Sache! Du hast meinem Jäger versprochen, ihm zum Besitze seiner Geliebten zu verhelfen. EULENSPIEGEL. So was is eine Kleinigkeit für mich. NELKENSTEIN. Du bist ein Großsprecher; die Sache ist schwierig. EULENSPIEGEL. Ja, da muss man halt ein Genie sein. NELKENSTEIN. Wir wollen sehen, was du kannst. Übrigens muss ich dir nur sagen, ich habe in meiner Jugend auch manchen listigen Streich ausgeführt. EULENSPIEGEL. Ah, gegen mich kommen Euer Gnaden nicht auf. NELKENSTEIN. Das käm' auf eine Probe an. Mich fängt jetzt die Sache an doppelt zu interessieren. Ich werde selbst einen Plan ersinnen, dem Alten die Mündel wegzukapern, du magst nach deiner Idee handeln, es wird sich zeigen, wessen Erfindungsgeist zum Ziele führt. EULENSPIEGEL. Studieren Euer Gnaden aus, was Sie wollen, mein Plan wird gelingen, und Sie brennen mit dem Ihrigen ab. NELKENSTEIN. Es gilt, Prahlhans; bist du der Sieger, so bekommst du hundert Dukaten, und wenn du willst, eine bleibende Stätte auf meinem Gute. EULENSPIEGEL. Und wenn Euer Gnaden den Sieg der Pfiffigkeit erringen, so stell' ich Ihnen – denn ich bin jetzt nicht bei Kassa – einen Wechsel von fünfhundert Dukaten aus, a vista zahlbar fufzig Jahre nach Sicht. NELKENSTEIN. Ich sag' dir nur, waffne dich mit all deinen Ränken und Schwänken, wenn du mit mir in die Schranken trittst. Zu Heinrich. Nach der Tafel, Heinrich, besprechen wir ein weiteres. Geht in die Seitentüre rechts ab. Fünfter Auftritt Die Vorigen ohne Nelkenstein. HEINRICH. Ist das nicht der beste Herr auf der ganzen Welt? EULENSPIEGEL. Gütig und freigebig, ein fideler Mann. HEINRICH. Sprich nun, was hast du für mich getan? EULENSPIEGEL. Was in der kurzen Zeit möglich war. Ich bin Mühlknecht unter dem Namen Ulrich und werd' Ihnen in dieser Stund' noch eine Zusammenkunft mit der Auserwählten verschaffen. HEINRICH. Wo? EULENSPIEGEL. Bei ihr im Haus. HEINRICH. Unmöglich! EULENSPIEGEL. Ich hab' in der G'schwindigkeit ein Faß hergericht't mit einem geheimen Zug, dass es von auswendig und inwendig zum Aufmachen is. In das steigen Sie hinein, und das Faß müssen dann ein paar g'scheite Hausknecht' vom Schloß nicht in die Mühl', sondern gradenwegs in' Müllner sein Zimmer tragen und sagen: es soll mit Mehl ang'füllt werden. HEINRICH. Wenn mich aber der Müller entdeckt? EULENSPIEGEL. Für das werd' ich schon sorgen. Im günstigen Augenblick lass' ich Ihnen heraus. Sie reden mit der Ihnrigen, die Ihnrige red't mit Ihnen, ich red' mit Ihnen allen zwei'n, und da wird dann die ganze Pasteten abg'macht, was zu geschehen hat. HEINRICH. Ich folge dir blindlings und eile, das Nötige zu besorgen. Ab. Sechster Auftritt Eulenspiegel allein. EULENSPIEGEL. Bild't sich der alte Herr von Nelkenstein ein, er wird die Sach' pfiffiger anstellen als ich, das is der Müh' wert! Na, es is ihm zu verzeihn; es is ja heutzutag' die herrschende Krankheit, dass gar so viel Leut' an der Einbildung leiden. Lied 1. Mancher fahrt in ein' Lehnwag'n und bild't sich fest ein, Dass d' Leut' glaub'n, d' Equipage, die g'hört sein; Mancher Sänger halt't sich für ein' echten Tenor, Singt aber den Leuten im Falsett alles vor; Mancher sagt: »Ich bin Hausherr!«, 's is nur a leer's G'schwätz, Schaut man nur ins Grundbuch, is 's Haus voller Sätz'; Mancher baut sich a Haus um viel tausend Guld'n Münz', Dreißig Jahr' g'hört dem Baumeister aber der Zins. Ich sag's, 's kann nix G'spaßigers geb'n, Als wenn d' Leut' in der Einbildung leb'n. 2. Viele Mädeln führ'n über Musik's große Wort, Und können kaum auf der Gitarre zwei Akkord'; Viele reden zehn Wörter mit an und mit en Französisch akzentuierend. Nacher glauben s', jetzt können s' französisch reden schön; Viele bilden sich ein, es is für die Brust gut, Wenn man auf ein' Galopp gleich ein G'frornes essen tut; Manche glauben, der Putz, das Blühend-Rougier'n Wird ihnen gewiss noch ein' Mann prokurier'n; Ich sag's, 's kann nix G'spaßigers geb'n, Als wenn d' Leut' in der Einbildung leb'n. 3. Wenn einer ein' tüchtigen Haarbeutel hat, Dass er wagelt, der bild't sich g'wiß ein, er geht grad, Mancher trinkt viel und glaubt, er tut dick werd'n davon, Derweil meld't sich bloß eine Wassersucht an, Mancher singt was und glaubt, es muss g'fallen das Lied, Derweil geht er ab, und kein Mensch applaudiert, Mancher glaubt, die Verwandten sind in ihn ganz verliebt, Derweil sein s', wenn er lang lebt, alle betrübt; Ich sag's,'s kann nix G'spaßigers geb'n, Als wenn d' Leut' in der Einbildung leb'n. Verwandlung Zimmer im Hause des Müllers mit Mittel- und Seitentüren, wie im ersten Akte. Siebenter Auftritt Lenchen, Natzi, Peppi treten zur Mitteltüre ein. LENCHEN zu Natzi, welcher ihr auf Schritt und Tritt folgt. Was verfolgst du mich denn immer? Soll ich mich von dir auch quälen lassen? NATZI. Ich muss achtgeben auf dich, d' Frau Mutter hat's g'schafft. PEPPI. Wer weiß, ob es wahr ist; mir scheint, 's ist nur eine Wichtigmacherei vom Mussi Natzi. NATZI zu Peppi. Und wenn sie mir's auch nicht geschafft hätte, so gibt mir unsere nahe Verwandtschaft das Recht, die Lenerl in der Korda zu halten. PEPPI spöttisch. Na, freilich, weil die Verwandtschaft gar so nahe ist. NATZI zu Peppi. Das versteht Sie nicht. Die Cousine von ihrer Mutter war die Godel von meinem Stiefbrudern seiner Schwägerin ihrer Ziehtochter, das gibt mir zu gleicher Zeit Neveu- und Herr-Onkel- Rechte über sie. LENCHEN. Ich werde mich überwinden und werde dem Vormund so lang schmeicheln, bis er dich einmal derb durchprügelt. NATZI zu Lenchen gewendet. O, mich schützt meine Frau Mutter vor jedweder Unbill und widerrechtlicher Antastung meiner Person. PEPPI zeigt am Ende dieser Rede hinter Natzis Rücken Lenchen, welche auf der entgegengesetzten Seite steht, ein Billett und winkt ihr zu. LENCHEN einen Vorwand suchend, Peppi zu sich herüberkommen zu lassen. Peppi, mich sticht hier eine Haarnad'l, sei so gut – PEPPI. Gleich, liebe Mamsell – Läuft zu Lenchen hinüber. NATZI sie aufhaltend und dazwischentretend. Halt! Die Spitzbübereien kenn' ich; wer weiß, was d' Lenerl sticht. Zu Peppi, indem er sie an die linke Seite des Zimmers führt. Soll vielleicht ein Brieferl zug'steckt werden? Sie hat heut' früh beim Milichholen mit dem Jäger diskriert, das is verdächtig. Zu Lenchen gewendet, welche an der rechten Seite steht. Ich bin ein Pfiffikus, mich betrügt man nicht so leicht wie mein' Herrn Vettern. PEPPI. Aber, Mussi Natzi, was haben Sie denn für einen schwarzen Fleck auf Ihrem neuen Anzug? NATZI. Einen Fleck? Wo denn? Geht zu ihr. PEPPI. Da grad beim Kragen. Wendet ihn und steckt ihm den Brief wie einen Papierhaarzopf an den Rockkragen. Na, wenn das die Frau Mutter sieht! NATZI. Ich glaub', Sie foppt mich. PEPPI. Fragen S' die, Mamsell Lenerl, wenn S' mir nicht glauben. NATZI geht zu Lenchen hinüber. Du, Lenerl, schau' her da, hab' ich da richtig ein' schwarzen Fleck? Wendet sich so gegen sie, dass sie den im Rockkragen steckenden Brief sehen muss. LENCHEN den Brief nehmend. Freilich. Klopft ihn einigemal, ihren Zorn auslassend, tüchtig auf den Rücken. So, jetzt ist er schon weg. NATZI wieder in die Mitte vortretend. Das kann ich nicht begreifen, wo ich mir den Fleck g'macht hab'. LENCHEN. Ich werd' jetzt in meine Kammer gehen. NATZI. Da geh' ich mit. LENCHEN. Was? Auch in meiner Kammer soll ich keine Ruhe haben vor dir? NATZI. Ich muss auf deine Seufzer lauschen, um den Zustand deiner Seele zu beurteilen und der Frau Mutter zu rapportieren. LENCHEN geht auf Peppis Wink in die Seitentür rechts ab. NATZI will ihr folgen. Achter Auftritt Die Vorigen ohne Lenchen. PEPPI Natzi zurückhaltend. Aber, Natzi, lassen Sie s' gehn; fürchten S' Ihnen denn, mit mir allein zu sein? NATZI. Fürchten? PEPPI. Es war eine Zeit, wo Sie g'schnappt hätten nach einer solchen Gelegenheit, mit mir zu sprechen. NATZI. Du hast mich von dir gestoßen durch Sprödigkeit. PEPPI. Hab' ich anders können als sittsamer Dienstbot'? NATZI. Bist du also jetzt nicht mehr sittsam? PEPPI. Sie haben ausg'schaut heut' in dem Anzug – so schön – so schön, dass mein Herz ganz – NATZI. Also haben meine Reize endlich den Sieg davongetragen über landmädlerische Grundsätze und dienstbotische Ziererei? Duett PEPPI. Der Liebe süß Entzücken Strahlt mir aus Euren Blicken, Nur Ihr könnt mich beglücken, Nur Eure Lieb' allein; Doch konnte ich's nicht wagen, Was in mir glüht, zu sagen, Schon wollte bangen Klagen Ich mich auf ewig weihn. NATZI. Wenn sanfte Lüfte wehen, Werd' ich mit dir ausgehen, Und dann sollst du es sehen, Wie ich dich werd' traktier'n. Ein Kälbernes mit Knofel Ist gut, doch etwas pofel Und ich, ich bin nicht schofel, Zahl' dir a Plutzerbirn'. PEPPI, NATZI zugleich. Wann wird die Zeit erscheinen, Die uns so wird vereinen, O wär' es nur schon heut'! Komm bald, du schöne Zeit! PEPPI. In Scherzen und in Lachen Fliehn sanft die Stunden hin, Der Frohsinn wird erwachen Im liebetrunknen Sinn. NATZI. Ich lasse Hendln bachen, Wenn ich bei Kassa bin, Kühlen Champagner krachen, Sind auch zwei Gulden hin. PEPPI. Sprich, ist das wahr? NATZI. O zweifle nit! PEPPI. Und ist's Geld gar? NATZI. Geht's auf Kredit. PEPPI. In Scherzen und in Lachen Fliehn sanft die Stunden hin, Der Frohsinn wird erwachen Im liebetrunknen Sinn. NATZI. Ich lasse Hendln bachen, Wenn ich bei Kassa bin, Kühlen Champagner krachen, Sind auch zwei Gulden hin. Nach dem Duett beide ab. Neunter Auftritt Lenchen allein, aus der Seitentüre rechts kommend. LENCHEN. Ist der fatale Pursche endlich fort? – Mein Heinrich schreibt mir, er will sich ins Haus hereinschwärzen lassen, mir scheint der Plan gefährlich; wenn ich nur mit Ulrich sprechen könnte! Zehnter Auftritt Cordula, Natzi, Peppi; Die Vorige. CORDULA führt Natzi am Ohr herein. Da her, du abscheulicher Bub, du! NATZI. Ich kann nix davor! PEPPI. Beste Madame – CORDULA. Sie wird mit Schand' und Spott davongejagt! NATZI. Sie hat mir Schlingen gelegt, ich kann nix davor! PEPPI. Das ist nicht wahr, ich bin froh, wenn er mir vom Hals geht. LENCHEN. Das kann ich bezeugen, auf Schritt und Tritt geht er der Peppi nach. CORDULA grimmig zu Natzi. So? Na, wart'! NATZI ängstlich. Ich kann nix davor. CORDULA zu Lenchen. Mir scheint aber, aus dir spricht die Eifersucht. Untersteh dich, du gehörst für meinen Bruder und nicht für den Natzi; es darf sich nichts entspinnen zwischen euch. LENCHEN. Ich kann ihn ohnedem nicht leiden. NATZI. Mir ist sie verhaßt, mit der Lenerl hab' ich nicht das geringste Liebesverständnis. CORDULA Aber mit der Peppi? Na, ich will dich lernen, mit den Dienstleuten charmieren! NATZI. Ich kann nix davor. CORDULA als ob sie etwas suchte. Wo ist denn der Scheckel? NATZI weinend. Ich soll einen Schilling krieg'n, ich werd's nimmermehr tun. LENCHEN. Der Pursche verdient Züchtigung. NATZI schreit. Elfter Auftritt Mehlwurm, Eulenspiegel; die Vorigen. MEHLWURM. Was gibt's denn da für ein' Spektakel? NATZI. Ich soll einen Schilling kriegen. MEHLWURM. Das is recht, aber nur da nicht, ich brauch' Ruh', ich weiß ohnedem nicht, wo mir der Kopf steht. Zieht ein Papier aus der Tasche und liest. EULENSPIEGEL betrachtet Cordula mit sehnsuchtsvollen Liebesblicken. CORDULA für sich. Wie zärtlich mein Marquis auf mich herübersieht! Sie macht ihm einige verliebte Zeichen als Erwiderung. MEHLWURM nachdem er sein Verzeichnis durchlesen. Die ganze Welt will auf einmal mit Mehl versorgt sein, über hundert Säck' – du, Cordula! Bemerkt ihre Zeichen, Cordula wiederholt dieselben, weil sie sich unbemerkt glaubt, Mehlwurm dreht sich um, um zu sehen, auf wen die Zeichen gehen. EULENSPIEGEL wie er dies merkt, geht ganz unbefangen herum und singt. MEHLWURM zu Cordula. Aber, Schwester, was machst denn für Faxen? CORDULA erschrickt. Ich –? Ich hab' dem Natzi – EULENSPIEGEL ungeduldig. Meister, werd' ich nicht bald ein' Arbeit krieg'n? Ich kann keine Viertelstund' müßig sein. MEHLWURM zu Eulenspiegel. Da nimm das Verzeichnis Gibt ihm das Papier. und geh dort ins Zimmer hinein. Zeigt auf die Seitentüre links. Da ist der Vorrat aufnotiert, schau' nach, ob so viel da ist, als weggeschickt werden soll. EULENSPIEGEL. Gleich, Meister! Geht mit starken Tritten in die Seitentüre links ab. CORDULA für sich, indem sie Eulenspiegel schmachtend nachsieht. In jedem Schritt erkennt man den echten Marquis. MEHLWURM. Ein braver Pursch', der Ulrich; so einen Knecht hab' ich nicht g'habt, solang ich Müllner bin. CORDULA beiseite. Das glaub' ich. MEHLWURM. Du, Lenerl, gehst jetzt wieder in deine Kammer hinein. Musst aber kein Zeichen mit 'n Blumenstock geben. Verschmitzt lachend. Denn jetzt bin ich zu Haus. LENCHEN will antworten, besinnt sich und geht, ohne etwas zu erwidern, in die Seitentüre rechts ab. MEHLWURM. Sie schämt sich, das is schon ein gut's Zeichen. Zu Cordula. Du, Schwester, gehst und schaust beim Aufladen nach. CORDULA. Gleich, gleich! Zögernd für sich. Wenn ich nur ein paar Worte mit meinem Marquis reden könnt'! MEHLWURM. Wird's werden oder nicht? CORDULA. Nun ja, ich geh' ja schon. Geht zur Mitte ab, indem sie noch immer nach der Türe zurückblickt, wo Eulenspiegel abgegangen ist. MEHLWURM. Ich weiß gar nicht, wie mir das Weib vorkommt. Zwölfter Auftritt Mehlwurm, Natzi. NATZI für sich. Ich begreif' nicht, warum d' Frau Mutter so d' Augen verdraht. MEHLWURM. Du hast heut' wieder den ganzen Tag noch nichts gearbeit't. NATZI. Nein, heut' nicht. Will zur Mitte ab. MEHLWURM. Wohin denn? NATZI. A bissel ausrasten. MEHLWURM. Du Tagdieb, du fauler! Dageblieben! Du stellst dich daher Stellt ihn vor die Türe von Lenchens Kammer. und gibst acht, dass die Lenerl ja nicht herausgeht. NATZI. Das is eine z'widere Kommission! MEHLWURM. Nicht gemuckst! Dreizehnter Auftritt Steffel, Sebastian; die Vorigen. Steffel und Sebastian tragen ein Faß herein, in welchem Heinrich steckt. STEFFEL. So, da stell'n wir's nieder. Stellen das Faß ins Zimmer. MEHLWURM verwundert. Was gibt's denn da? SEBASTIAN. Ein leer's Faß. STEFFEL. Das soll ang'füllt werd'n bis morgen mit Mehl, vom allerfeinsten. SEBASTIAN. 's g'hört aufs Schloß. MEHLWURM. Wer tragt denn ein Faß ins Zimmer herein? Das g'hört ja in die Mühl'. STEFFEL. Wir haben nit lang Zeit zum Herumfragen. SEBASTIAN. Jetzt is's einmal da. STEFFEL. Adies! Beide ab. Vierzehnter Auftritt Mehlwurm, Natzi. MEHLWURM. Grob ist das Volk vom Schloß, das muss ich doch mit nächstem dem gnädigen Herrn melden. Jetzt muss ich ein paar Knecht' holen, dass s' das Faß in die Mühl' transportieren. Geht zur Mitte ab. Fünfzehnter Auftritt Natzi, dann Heinrich. NATZI. Jetzt muss ich da Schildwach' stehn. Die Lenerl und mich, uns drucken zwei verschiedene Schuh'. Sie mag nit heiraten und hat einen Bräutigam, und ich heiratet für mein Leben gern, aber bei mir brautet sich nichts. Soll denn gar kein solcher Gegenstand auf zutreiben sein? – Jetzt muss ich durchs Schlüsselloch schaun, was die Lenerl macht. Schaut durchs Schlüsselloch. HEINRICH öffnet nach einer kleinen Pause das Faß und will heraus. NATZI sieht sich bei dem Geräusch um und sieht Heinrich. HEINRICH ohne Natzi zu bemerken. Alles ist fort. Vielleicht kann ich jetzt mit meinem Lenchen sprechen. Erblickt Natzi. Verdammt! Will ins Faß zurück. NATZI. O Jegerl, das is der Jäger! Herr Vetter! Herr Vetter! HEINRICH. Schweig, Bube, oder – NATZI. Ich bin kein Bube, ich bin schon freigesprochen! Heda! Mörder! Dieb'! Straßenräuber! Mordbrenner! Feuer! Erdbeben! Wolkenbruch! Herr Vetter! Läuft schreiend zur Mitteltüre hinaus. HEINRICH noch halb im Fasse. Verdammter Bub! Was fang' ich jetzt an? Sechzehnter Auftritt Heinrich, Eulenspiegel. EULENSPIEGEL aus der Seitentüre links kommend. Was g'schieht denn da? Erblickt Heinrich. Mussi Heinrich, was ist's – HEINRICH. Der dumme Natzi hat mich durch meine Unvorsichtigkeit entdeckt. EULENSPIEGEL. Verzeihen Sie, da waren Sie dumm und nicht der Natzi. HEINRICH. Alles ist verraten. EULENSPIEGEL. Sie kommen schon. G'schwind heraus und da in den Kleiderkasten hinein. HEINRICH aus dem Fasse steigend. Ja, wenn aber – EULENSPIEGEL. Nur g'schwind, sonst ist die ganze Pasteten verdalkt. Schiebt Heinrich in den Kleiderkasten, welcher neben der Türe an der Wand steht. Siebzehnter Auftritt Natzi, Eulenspiegel. NATZI. Der Vetter wird gleich da sein, er holt nur die Knecht'! EULENSPIEGEL zu Natzi. Die Knecht'? Wegen was denn? NATZI geheimnisvoll. Der Jäger steckt dort in dem Faß. EULENSPIEGEL. Warum nicht gar! NATZI. Ich hab'n selber g'sehn. In Faßboden is eine Tür, zur Hälfte is s' ja noch offen. EULENSPIEGEL. Das muss ich doch sehn. Sieht in das Faß. Es is ja nix drin. NATZI. Was wär' das? Sieht auch hinein. EULENSPIEGEL. Da hat dem Mussi Natzi was traumt. NATZI in höchster Verwunderung. Ich hab'n ja selber g'sehn. EULENSPIEGEL. Warum nit gar. Es hätt' ja gar kein Mensch Platz in dem Faß. NATZI. Was, kein Platz? Da muss ich Ihn doch überzeugen. Steigt ins Faß. EULENSPIEGEL. Ich kann's nicht glauben. NATZI. Na, da schau' der Ulrich her! Er bückt sich so, dass er ganz im Fasse ist. EULENSPIEGEL. Wahrhaftig! Und sitzt man kommod drin? NATZI im Fasse. Ganz kommod. EULENSPIEGEL schlägt den Faßdeckel zu. No, so bleib' drin a vierundzwanzig Stund'. NATZI schreit im Fasse. Was ist das? Aufgemacht! Aufgemacht! Achtzehnter Auftritt Mehlwurm, Mühlknechte; die Vorigen. MEHLWURM mit den Knechten hereinstürmend. Wo ist der Madlrauber? EULENSPIEGEL. Im Faß, hat der Natzi g'sagt, g'sehn hab' ich 'n nit. NATZI schreit und poltert im Fasse, wodurch seine Stimme unkenntlich wird. MEHLWURM. Zu was braucht man ihn zu sehn, man hört'n ja. Nur fort, angepackt, und stellt das Faß dem gnädigen Herrn grad in sein Zimmer, dass er den sauberen Vogel kennenlernt. Gegen das Faß, in dem Natzi lärmt. Schrei, wie du willst, nur fort! Die Knechte nehmen das Faß und wälzen es hinaus während dem folgenden Chor. CHOR DER MÜHLKNECHTE. Nur angepackt, der wird es spür'n, Wenn wir aufs Schloß ihn transportier'n. Während das Faß fortgewälzt wird, brechen Mehlwurm und Eulenspiegel in heftiges Gelächter am, jeder charakterisiert seinen besonderen Beweggrund. Der Vorhang fällt. 3. Akt Erster Auftritt Eulenspiegel, Friedrich. EULENSPIEGEL gegen die Seitentüre rechts horchend. Mir scheint, sie sind schon aufgestanden von der Tafel. FRIEDRICH kommt aus der Seitentüre links, einen Bündel in der Hand. So! Da is jetzt ein vollständiger Anzug vom Heinrich. Gibt Eulenspiegel den Bündel. Aber sag' Er mir nur – EULENSPIEGEL. Der gnädige Herr kommt! Verbirgt sich mit dem Kleiderbündel hinter dem Schirme. Zweiter Auftritt Nelkenstein, Johann; die Vorigen. NELKENSTEIN tritt aus der Seitentüre rechts, Johann hinter ihm. Friedrich! Geh dem alten Specht nach, ich habe ihm etwas zu stark zugetrunken. Sorge dafür, dass ihm weder Spott noch Unglück widerfahre. FRIEDRICH. Ich werd' ihn schon nach Hause bringen. NELKENSTEIN. Das will er nicht, er sagt, er habe dem Müller das Wort gegeben, zu einer wichtigen Konferenz bei ihm zu erscheinen. Führ' ihn also dahin! FRIEDRICH. Sogleich, Euer Gnaden! Geht zur Mitte ab. Dritter Auftritt Nelkenstein, Johann. NELKENSTEIN. Wo mag denn mein Heinrich stecken? JOHANN. Ohne Zweifel im Hause des Müllers. Was nützt aber das alles? Im Guten wird der Alte nie seine Einwilligung geben. Wäre ich an Heinrichs Stelle – NELKENSTEIN. So würdest du Gewalt brauchen? Das wäre gefehlt. JOHANN. Nicht gerade Gewalt, sondern nur so, wie man's nimmt. Ich würde die Mündel entführen, mich dann in der Stille mit ihr trauen lassen, und der ganze Handel wäre vorbei. NELKENSTEIN. Glaubst du denn, diese Unternehmung wäre so leicht? JOHANN. Sehr leicht, Euer Gnaden. Alle Abend geht das schöne Lenchen mit den Mägden zum Stadtbrunnen, wo diese unter ihrer Aufsicht die Wassereimer füllen; da dürfte man also nur, von der Dämmerung begünstigt, mit ein paar gescheiten Kameraden auf der Lauer stehen, man stürzt hervor, nimmt das Mädl um die Mitte und ist mit ihr über alle Berge. NELKENSTEIN. Schau', Johann, mich interessiert die Sache Heinrichs wegen, auch gilt es eine Wette. Hättest du wohl Lust, den Anschlag, so wie du gesagt, auszuführen? JOHANN. Wenn Euer Gnaden befehlen – NELKENSTEIN. Heute noch! JOHANN. Euer Gnaden können sich verlassen darauf! NELKENSTEIN. 's versteht sich, reinen Mund! Auch Heinrich darf nichts wissen davon. JOHANN. Sehr wohl! Ich werde gleich meine Dispositionen getroffen haben. Geht zur Mitte ab. Vierter Auftritt Nelkenstein, Eulenspiegel hinter dem Schirm. NELKENSTEIN. Es hat einen eigenen Reiz für mich, dem famosen Eulenspiegel zu zeigen, dass ich noch listiger sein kann als er. EULENSPIEGEL tritt hinter dem Schirme hervor und sagt für sich leise. Um'kehrt wird ein Strumpf draus! Eilt leise und mit Behutsamkeit, den Bündel in der Hand, zur Türe hinaus. NELKENSTEIN welcher dies nicht bemerkte, in seinem Selbstgespräche fortfahrend. Johann ist ein unternehmender Kopf und ein Pfiffikus, sein Anschlag gelingt ohne Zweifel. Fünfter Auftritt Nelkenstein, Hans, Jakob. Man hört einigen Tumult von außen. NELKENSTEIN. Was soll das? Hans und Jakob walzen das Faß zur Türe herein und stellen es auf. NELKENSTEIN erstaunt. Was wollt ihr denn? HANS. Der Meister schickt uns her, wir sollen nur sagen, dass wir das feine Mehl bringen, was Euer Gnaden haben bestellen lassen. NELKENSTEIN. Gehört das hierher? JAKOB. Der Meister hat's so g'schafft. NELKENSTEIN. Der Alte ist verrückt! Den Augenblick schafft mir das Faß fort. HANS. Verzeihen Euer Gnaden ganz untertänigst, aber das Hemd ist uns näher als der Rock. Der Meister gibt uns Brot, dem müssen wir folgen. Hat sich während dieser Worte immer mehr mit Jakob zur Türe retiriert. Beide drücken sich dann schnell hinaus. Sechster Auftritt Nelkenstein, Natzi im Fasse. NELKENSTEIN. Unbegreifliche Dreistigkeit! Was er nur damit will? NATZI klopft im Fasse. NELKENSTEIN glaubt, man habe an der Türe geklopft. Herein! Wer klopft? – Es ist niemand, ich muss mich getäuscht haben. NATZI klopft wieder. NELKENSTEIN wie oben. Herein! – Ich muss doch sehen. Geht zur Türe, öffnet sie und kehrt dann wieder zurück. Es ist niemand; das ist doch sonderbar! NATZI klopft wieder. NELKENSTEIN. Schon wieder? NATZI klopft sehr stark. NELKENSTEIN. Alle Teufel! Das ist ja im Fasse – NATZI schreit. Aufg'macht! Aufg'macht! NELKENSTEIN das Faß untersuchend. Sollte das ein Schwank vom Eulenspiegel sein? Halt, hier seh' ich einen Schuber. Er zieht an demselben, der Deckel geht auf. NATZI steigt in die Höhe. Tausend sapprawalt! Erblickt Nelkenstein. O Jegerl! Der gnädige Herr! NELKENSTEIN. Bursche! Wie kommst du hierher? NATZI erschrocken. Herg'walzt haben s' mich. NELKENSTEIN ruft zur Türe hinaus. Heda! Bediente! NATZI. Barmherzigkeit! Fällt auf die Knie. Zwei Bediente treten ein. NELKENSTEIN zu den Bedienten. Tragt das Faß hinaus! Die Bedienten gehen mit dem Fasse ab. NELKENSTEIN zu Natzi, welcher noch ängstlich knien bleibt. Was fürchtest du denn? NATZI. Schläg'. NELKENSTEIN. Warum denn? NATZI. Weil Sie ein gnädiger Herr sein. NELKENSTEIN. Einfaltspinsel, steh auf! NATZI aufstehend. Also sein Sie nicht bös auf mich? Nicht einverstanden mit die Spitzbuben? Dann bitt' ich um Rache. NELKENSTEIN. Erzähle mir! NATZI. Nur Rache! NELKENSTEIN. Zuerst musst du mir ja – NATZI. In mir ist die Menschheit beleidigt. NELKENSTEIN. Das zweifle ich, darum erzähle mir erst. NATZI. Die ganze Sache ist so – dann aber Rache! Der Jäger von Euer Gnaden war in dem Faß, ich hab'n g'sehn. NELKENSTEIN für sich. Aha! NATZI. Ich ruf den Vettern; der neue Mühlknecht, der Ulrich, kommt dazu, ich wieder zurück, er will's nicht glauben, dass man im Faß sitzen kann, ich zeig' ihm's, er schlagt den Deckel zu und lasst mich fortwalzen. NELKENSTEIN bricht in lautes Gelächter aus. NATZI. O, da is gar nix zum Lachen dran! Lassen sich Euer Gnaden nur einmal kugeln von der Mühl' bis daher – das war eine Empfindung! Ich bin ohnedem dem Schwindel ergeben – ich ruf' in der Todesangst in einem fort: Ulrich! Ulrich! Aber der Ulrich hat getan, als höret er mich nicht. NELKENSTEIN. Dir ist recht geschehen. Man muss nicht über alles gleich einen Lärm machen, was man sieht, hübsch verschwiegen sein! NATZI. Ich fordere aber Euer Gnaden zur Rache auf. NELKENSTEIN. Du bist ein Esel! Geht zur Seitentüre rechts ab. Siebenter Auftritt Natzi. NATZI. Das Wort Esel, das is nicht seine Erfindung, das sagen die Leute so häufig zu mir, dass es für mich schon gänzlich den Reiz der Neuheit verloren hat. Es muss da eine förmliche Verabredung herrschen, denn es verbreitet sich zu stark. Das Auffallendste ist das, so oft ich hier auf der Gassen geh', so sagen s' immer hinter meiner: »Da schaut's den Esel an!« Aus Neid natürlich, weil ich eine reiche Frau Mutter hab'! Jetzt neulich mach' ich eine Reis' zu einem weitschichtigen Vettern, acht Stund' von hier, wie der mich sieht, war's erste Wort: »Da schaut's den Esel an!« Also is es klar, das Bonmot hat ihm einer g'schrieben von hier. Achter Auftritt Dorothea; Der Vorige. DOROTHEA zur Mitte eintretend. Der gestrenge Herr verzeihn – o je, der Natzi! NATZI. Die Dorothee! DOROTHEA. Sein Sie auch eingeladen g'wesen bei der Tafel? NATZI mit Beziehung. Ja, ich hab' müssen her, sie haben's gar nicht anders getan. DOROTHEA. Haben Sie sich gut unterhalten? NATZI. Ich weiß nicht, ich beweg' mich nicht gern in solchen Zirkeln. Drückt mit der Hand pantomimisch das Wälzen des Fasses aus. DOROTHEA. Ich will mein' Papa abholen, wenn er noch nicht fort ist, es fangt an finster zu werden. NATZI. Wollen Sie ihm leuchten mit die zwei schönen Äugelein? DOROTHEA. Hören S' auf, ich hab' heut' Augen wie ein Kinigelhas' vor lauter Weinen. NATZI. Haben S' a paar Gemütsbewegungen g'habt? DOROTHEA weinerlich. D' Madln hab'n mich alle ausg'lacht, weil ich so schlecht deklamiert hab'. NATZI. Wer sagt denn das? Sie sein in Berücksichtigung verschiedener Gedächtnisverhältnisse beim ersten Vers stecken 'blieben und haben dann die andern aus bescheidener Konsequenz verschwiegen, ja, das is ja noch nicht schlecht deklamiert. DOROTHEA weinend. Mich kränkt halt das, ich kann alles vertragen, nur lachen sollen d' andern Madln nit. NATZI. Da muss man sich drüber hinaussetzen. Mich haben auch nach 'n Empfang des gnädigen Herrn a paar Bekannte ausg'hienzt, da denk' ich mir: Hienzt's ös nur zu, was liegt mir am Hienzen, hienzen könnt' ich auch, wenn ich hienzen wollt'. DOROTHEA. Über Ihnen haben s' auch g'schimpft fürchterlich, die Madln. NATZI. Was haben s' denn g'sagt? DOROTHEA. Ich mag's gar nicht nachsagen. NATZI. Nein, nein, genieren S' Ihnen nicht. DOROTHEA. Sie haben g'sagt: Sie sein ein Esel. NATZI. Das haben alle g'sagt? DOROTHEA. Alle! NATZI beiseite. Da haben wir neuerdings den Beweis, dass es eine abgeredete Karten is. Zu Dorothea. Wissen S', was wir tun, dass d' Madln zum Lachen aufhör'n? Ich heirat' Ihnen, dann sein Sie a Frau, und d' Madln sein nur Madln, da werden s' alle weinen vor Gift. DOROTHEA. Was? Sie wollen mich heiraten? O, das wär' g'scheit! NATZI. D' Frau Mutter hat voriges Jahr schon g'sagt, dass ich heiraten derf, wenn ich groß werd'. DOROTHEA entzückt. Den Zorn von die Madln! Die Resi wird grün – NATZI. Wenn wir Hochzeit haben – DOROTHEA. Die Nettel wird gelb – NATZI. Das G'stanz am Ehrentag – DOROTHEA. Die Viktorl kriegt's Gallfieber – NATZI. Wenn wir nachher spazieren gehen als Mann und Frau – DOROTHEA. Da schau' ich die Madln so an und sag' zu einer jeden, die g'lacht hat: O je! NATZI. Das is recht, nur: »O je!« sagen, das ist die edelste Rache! DOROTHEA. Aber mit dem »O je!« Sagen allein ist es nicht abgetan, es muss auch mit einem gehörigen Blick begleitet sein, und das kann nur ich. Lied 1. Wenn ich mich g'freu' oder zürn', Lass' ich's auf a eigne Art g'spür'n, Ich schau' nur, und ich hab' das Glück, Ich hab' halt ein' sprechenden Blick. Kommt eine, die glaubt, sie ist schöner als i, So sagt mein Blick: die fade Fisonomie, Ist g'wachsen wie a Butten, voll Fehler der Teint, Und so a Person bild't sich ein, sie ist schön, Hat Füß', ohne Zweifel die größten im Ort', Sie könnt' gar nicht umfall'n, wenn übel ihr wurd', Das alles sag' ich mit ei'm Blick – Ein sprechendes Äug' ist ein Glück. 2. Wenn einer das Herz mir geraubt, Noch immer an mein' Lieb' nit glaubt, So schau' ich ihn an wie a Falk, Das heißt: kannst denn noch zweifeln, du Dalk? Seh' ich eine, die mir ein' Geliebten abfischt, Sagt mein Blick: an dem hat s' was Saub'res erwischt, Ich hab' ihn nimmer mögen, mir war er zu schlecht, Ich könnt' ihn leicht wieder krieg'n, wenn ich nur möcht', Die glaubt, er wird s' heiraten, ja, da hat's Zeit, Mit so einem Aussehn, da fesselt man d' Leut', Das alles sag' ich mit ei'm Blick – Ein sprechendes Äug' ist ein Glück. Beide durch die Mitte ab. Verwandlung Zimmer beim Müller wie früher. Neunter Auftritt Heinrich allein. HEINRICH kommt behutsam ans dem Kleiderschranke heraus. Endlich glaube ich sicher zu sein! Verdammte Verlegenheit, in die ich mich durch meine Unvorsichtigkeit stürzte! Was wird der gnädige Herr von meinem Ausbleiben denken? Wenn nur Eulenspiegel – oder mein Lenchen – Horchend. es kommt schon wieder jemand. Verwünschter Zufall! Als ob sich alles gegen mich verschworen hätte! Verbirgt sich wieder in dem Wandschrank. Zehnter Auftritt Mehlwurm allein. MEHLWURM tritt durch die Mitte ein. Wenn nur der G'vatter Specht schon da wär'! Wir haben so viel zu verabreden; er muss mir die wahren Mitteln an die Hand geben, übermorgen muss Hochzeit sein. Mir scheint aber, ich hab' die Tür von der Lenerl ihrer Kammer nicht zug'sperrt, Vorsicht kann nie schaden. Schließt die Seitentüre rechts zu und steckt den Schlüssel in die Tasche. Elfter Auftritt Eulenspiegel; Der Vorige. EULENSPIEGEL tritt zur Mitte ein, den Kleiderbündel unterm Arme; als er Mehlwurm erblickt, für sich. Verdammt, der Mehlwurm is da! MEHLWURM Eulenspiegel erblickend. Was willst du da? Was trägst du da unterm Arm? EULENSPIEGEL verlegen beiseite. Jetzt geht's recht. MEHLWURM. Du bist verlegen? Heraus mit der Sprach', was is in dem Bünkel? EULENSPIEGEL gefaßt. Muss denn der Meister alle Geheimnisse wissen? MEHLWURM. Also hab' ich's doch erraten, dass es ein Geheimnis is? EULENSPIEGEL. Na freilich, die Madame Cordula hat mir g'sagt, dass der Meister übermorgen seine Hochzeit mit der Jungfer Lenerl halt't, und da will sie dabei in einer Maschkeradi erscheinen, das is das Ganze. MEHLWURM befriedigt. Ah so! EULENSPIEGEL. Der Meister is recht grauslich, immer einen Verdacht haben gegen mich. MEHLWURM. Nein, ich weiß, du meinst es ehrlich mit mir! EULENSPIEGEL. Na ob! Aber Sie verdieneten jetzt zur Straf', dass ich Ihnen nix davon entdecket, was ich ausspioniert hab'. MEHLWURM gespannt. Ausspioniert? Was denn? Was denn? EULENSPIEGEL. Ich hab' von die Leut' in Schloß g'hört, dass der Jäger abends beim Stadtbrunnen auf die Jungfer Lenerl passen wird. MEHLWURM. Das wär' der Teufel! EULENSPIEGEL. Lassen Sie s' daher ja nicht ausgehen. MEHLWURM. Meine Schwester muss statt ihr mit den Mägden zum Brunnen gehen. EULENSPIEGEL. Das is das Wahre. Die Schwester soll gehn. MEHLWURM. Du bist ein Goldkerl! Leg' den Bünkel indessen in den Kasten herein! Will den Schrank öffnen. EULENSPIEGEL. Nein, ich trag'n in mein Bodenkammerl hinauf, sekkieren S' mich nit. Zwölfter Auftritt Cordula; die Vorigen. CORDULA bringt Licht und stellt es auf den Tisch. Bruder, wenn übermorgen Hochzeit sein soll, so muss ich's längstens morgen schon wissen. Zu Eulenspiegel. Was tragt der Ulrich da unterm Arm? EULENSPIEGEL beiseite. Jetzt kommt die auch noch über mich! MEHLWURM beiseite. Aha, die darf nichts merken, dass ich es schon weiß. EULENSPIEGEL zu Cordula, leise. Das is mein Marquisg'wand, das zieh' ich erst an, wenn unser Verhältnis offenbar wird. CORDULA leise zu ihm. Das muss Ihnen herrlich passen. EULENSPIEGEL ebenso. O, da schau' ich einzig aus. MEHLWURM. Schwester, unter anderm, heute gehst du mit den Mägden zum Stadtbrunnen. CORDULA. Warum denn Lenchen nicht? MEHLWURM. Ich hab' meine Ursachen. CORDULA. Das ist mir fatal! Für sich. Ich finde gar keine Gelegenheit, mit meinem Marquis allein zu sein. MEHLWURM Cordula am Arme nehmend. Mach' nur, es is Zeit und ich muss sehen, wo denn der Gevatter Specht so lang bleibt. Geht mit Cordula zur Mitte ab. Dreizehnter Auftritt Eulenspiegel, dann Heinrich, dann Lenchen von innen. EULENSPIEGEL. Dasmal haben s' mir warm g'macht! Die verdammten Kleider hätten mich bald in eine schöne Verlegenheit 'bracht. HEINRICH aus dem Kasten kommend. Ist die Luft rein? EULENSPIEGEL. Kommen S' nur heraus! HEINRICH. Höre das Unglück, Lenchen ist ja eingesperrt, und der Alte hat den Schlüssel bei sich. EULENSPIEGEL. Jetzt stehn wir frisch. HEINRICH. Biete deine ganze Schlauheit auf, dass ich und mein Lenchen aus dem Hause kommen. EULENSPIEGEL. Ja, das is leicht g'sagt – geben S' acht bei der Tür, dass wir nicht überrascht werden. Trägt einen Tisch zur Türe, wo Lenchen eingesperrt ist. HEINRICH. Was willst du tun? EULENSPIEGEL. Im Notfall muss die Lenerl durch das Guckerl ober der Tür heraus. Er steigt auf den Tisch. Mamsell Lenerl, machen S' das Fenster auf. Klopft an das über der Türe befindliche Fenster. LENCHEN von innen. Ich kann ja nicht hinauf. EULENSPIEGEL. Steigen S' auf ein' Tisch und stellen S' allenfalls noch ein' Sessel drauf, wenn's nicht hoch genug sein sollt'. LENCHEN von innen. Gleich, gleich! HEINRICH verläßt seinen Posten an der Mitteltüre. O Lenchen, nur ein einziges Wort der Liebe! EULENSPIEGEL zu Heinrich. Ob S' dort stehen bleib'n wer'n oder nicht? HEINRICH eilt wieder zur Mitteltüre und horcht. LENCHEN hat mittlerweile von innen das Fenster ober der Türe geöffnet. EULENSPIEGEL zu Lenchen hineinrufend. Ziehen S' nur g'schwind die Kleider an. Er gibt den mitgebrachten Bündel zum Türfenster hinein. Jetzt kommt's nur noch drauf an, dass ich dem Alten den Schlüssel aus 'n Rock praktizier'. HEINRICH. Es kommt jemand. EULENSPIEGEL steigt vom Tische herunter und rückt ihn schnell auf den vorigen Platz. Nur g'schwind wieder in Kasten hinein, Mussi Heinrich! HEINRICH verbirgt sich im Wandschrank. EULENSPIEGEL. Ich fahr' auch derweil ab. Eilt in die Seitentüre links. Vierzehnter Auftritt Specht, Mehlwurm. MEHLWURM indem er den taumelnden Specht hereinführt. Aber sag' mir der Gevatter nur, wie man gar so viel trinken kann? SPECHT hat einen Mantel um und einen breitgekrempten Hut auf. Wer hat denn – das – schon wieder ausgeplauscht – dass ich viel getrunken hab'? MEHLWURM. Mit dir werd' ich heut' was Schönes verabreden. SPECHT. Nur niedersetzen – dann geht – es schon. MEHLWURM. So setz' sich der G'vatter! Schiebt ihm einen großen Schlafsessel, dessen Füße auf kleinen Rädern stehn, hin. SPECHT sich setzend. Einen Schlaf – werd' ich heut' haben – einen göttlichen Schlaf! Fängt sofort an einzuschlafen. MEHLWURM. Nur jetzt nicht; denn jetzt haben wir eine wichtige Konferenz. Du musst mir juridische Mittel an die Hand geben, meiner Mündel das Jawort abzuzwingen, denn übermorgen muss Hochzeit sein, und wenn die Welt zugrund' geht. Aber du hörst mich ja gar nicht –? Rüttelt Specht. Du schlafst ja? SPECHT etwas auftauchend. Nein – ich – ich denk' nur nach und da – mach' ich immer die Augen zu dabei. MEHLWURM. Der Jäger kommt mir keinen Schritt mehr ins Haus. SPECHT. Vor der Hochzeit – schon gar nicht! Schläft wieder ein. MEHLWURM. Und nach der Hochzeit noch weniger! Siehst du, G'vatter, ich glaub', das beste wird sein, ich geh' morgen zum gnädigen Herrn und bitt' ihn, dass er den Jäger einsperrt, bis ich in Ruh' geheiratet hab'. – Aber, G'vatter, du schlafst ja schon wieder? Ärgerlich. So wollt' ich doch, dass der verdammte Saufaus – Rüttelt ihn. G'vatter! – Nachbar! – Specht! – Was tu' ich? – Ich muss die Sach' heut' noch mit ihm ins reine bringen. – Halt, mir fallt was ein, Gift muss man mit Gift vertreiben, ich hol' ihm einen Wein aus 'n Keller. Sucht in den Taschen. Wo hab' ich denn den Schlüssel? Zieht einen Schlüssel heraus und legt ihn auf den Tisch. Der ist zu der Mehlkammer – Zieht einen zweiten heraus und legt ihn ebenfalls auf den Tisch. der ist von der Lenerl ihrem Zimmer Einen dritten hervorziehend. das ist der Kellerschlüssel. Jetzt hol' ich ein Maßl ein' echten, da weckt mein' G'vattern schon der G'ruch auf. Geht zur Mitte ab und nimmt das Licht mit. Das Zimmer ist nur vom Monde beleuchtet, der durchs Fenster scheint. Fünfzehnter Auftritt Specht, Eulenspiegel, Heinrich, dann Lenchen. EULENSPIEGEL kommt aus der Seitentüre links. Er is fort. Mussi Heinrich! HEINRICH kommt aus dem Wandschrank. Wo ist der Müller hin? EULENSPIEGEL. Er will da einen Besoffenen mit Wein kurieren oder, besser gesagt, homöopathisch behandeln. Auf den Tisch zeigend. Und da schau'n S' her, wir sein wahre Glückskinder, da is der Schlüssel, wo d' Lenerl eing'sperrt is. Nimmt den Schlüssel und öffnet eilig die Seitentüre rechts. Mamsell Lenerl! LENCHEN kommt im Jägeranzuge, ganz wie Heinrich gekleidet, heraus. Da bin ich, was soll ich tun? HEINRICH. Geliebtes Lenchen! EULENSPIEGEL nimmt Heinrichs Hut und gibt ihn Lenchen. Den Hut nur recht tief aufg'setzt und 's G'sicht versteckt, so werd' ich Ihnen schon fortbringen. In der Nähe vom Schloß warten S' nachher auf uns. LENCHEN. Ich unternehme alles, um nur aus diesem Haus zu kommen. EULENSPIEGEL. Jetzt den da Auf Specht zeigend. den tun wir in die Kammer hinein. Rollt ihn auf dem Lehnstuhle bis zur Seitentüre rechts, wo Lenchen war. Mussi Heinrich, so helfen S' doch, zum Scharmieren is nachher Zeit. Er trägt mit Hilfe Heinrichs den schlafenden Specht in die Kammer. LENCHEN. Ich zitt're an allen Gliedern. Eulenspiegel und Heinrich kommen mit Spechts Hut und Mantel heraus. EULENSPIEGEL sperrt die Kammertüre zu. So! Das wäre in der Ordnung! Legt den Schlüssel auf den Tisch. Mussi Heinrich! So hören S' doch auf zum Schöntun alleweil! Schiebt mit Heinrichs Hilfe den Lehnstuhl wieder auf den vorigen Platz. LENCHEN hat an der Mitteltüre gehorcht. Ich höre kommen. EULENSPIEGEL zu Heinrich. Nehmen S' g'schwind den Mantel um und setzen S' den Hut auf. Gibt ihm Spechts Hut und Mantel. HEINRICH tut, wie Eulenspiegel sagt. Um mich ist mir nicht bange; wenn nur Lenchen schon glücklich fort wäre. EULENSPIEGEL. Jetzt setzen S' Ihnen da her und tun S', als ob S' schlafeten. Heinrich setzt sich in den Lehnstuhl. Zu Lenchen. Nur Kurasche! Lärmend. Hier hat der Herr nichts zu suchen, nur hinaus, sonst schlag' ich drein! Sechzehnter Auftritt Mehlwurm; die Vorigen. Mehlwurm tritt zur Mitte ein, in einer Hand einen Weinkrug, in der andern das Licht haltend, und bleibt, wie er den Lärm hört, an der Tür voll Erstaunen stehen. EULENSPIEGEL zu Lenchen, schreiend. Bin ich Euch endlich auf die Spur gekommen, Herr Jäger? Er zieht Lenchen an der Hand zur Türe und stößt absichtlich an Mehlwurm an, so dass er ihm mit dem Rücken das Licht auslöscht. Mein' Meister, den Ehrenmann, wollt's ös betrügen? – Hinaus, oder ich werf' Euch über die Stiegen! Tut, als ob er mit Gewalt Lenchen zur Türe hinausstieße. MEHLWURM etwas vortretend. Ich bin als wie versteinert. EULENSPIEGEL kommt zurück und stößt an Mehlwurm, als ob er ihn im Dunkeln nicht kennte, und packt ihn. Da is noch einer – hinaus mit ihm! MEHLWURM. Das bin ja ich! EULENSPIEGEL ihn loslassend. Ah, der Meister is's! Ich bin so in der Rage, ich hab' 'glaubt, es is ein Helfershelfer vom Jäger. In der Finster sieht ein Halunk' dem andern gleich. Ich hab'n grad hinausg'worfen, den saubern Mussi Heinrich. MEHLWURM. Ich hab's g'sehn. Umarmt Eulenspiegel. Ulrich! Du bist ein Goldmensch! Du bist der Schutzgeist meines Hauses. Wenn wir nur ein Licht hätten! Geh, Ulrich, hilf mir den G'vattern aufwecken. EULENSPIEGEL. Das wird schwer gehn. MEHLWURM rüttelt Heinrich, der in Spechts Hut und Mantel dasitzt. G'vatter! G'vatter! Der Wein is da! EULENSPIEGEL. Mit dem is heut' nichts mehr anzufangen; das beste is, ich trag'n nach Haus. MEHLWURM. Du bist ein wahrer Freund! Weißt überall Rat. Siebzehnter Auftritt Natzi, Dorothea; die Vorigen. NATZI tritt, eine Laterne tragend, mit Dorothea ein. Die Dorothee sucht ihr'n Vatern. DOROTHEA. Is er da? EULENSPIEGEL beiseite. O je, die kommen mir ung'legen. MEHLWURM. Da sitzt er und schlaft. NATZI leuchtet Eulenspiegel ins Gesicht. O, du Hauptspitzbub'! Bist du da? MEHLWURM. Was!? EULENSPIEGEL zu Mehlwurm. Meister, nehmen S' Ihnen an um mich! MEHLWURM packt Natzi. Meinen treuen Knecht willst du beschimpfen? NATZI. Er hat mich ins Faß eing'sperrt. EULENSPIEGEL. Diese Verleumdung – MEHLWURM. Der Bube weiß nicht, was er red't. NATZI. Aber er hat mich ja – MEHLWURM. Kein Wort mehr, oder – NATZI. Aber er – MEHLWURM. Kein Wort, oder ich schlag' dir Arm' und Bein' entzwei. Lässt ihn los. NATZI beiseite. Das is zu kränkend, morgen red' ich mit meiner Frau Mutter. MEHLWURM. Jungfer Dorothee Nimmt Natzi die Laterne ab. nehmen Sie da die Laterne, und der Natzi und der Ulrich führ'n den G'vattern nach Haus, so gut's geht. EULENSPIEGEL. Gleich, Meister! Hebt mit Natzis Hilfe Heinrich vom Stuhle auf und beide führen ihn mühsam fort. NATZI im Fortgehen. Dorothea, merk' jetzt gut auf! DOROTHEA vorleuchtend. Warum denn? NATZI. Damit du lernst, wie man mit einem B'soffenen umgeht, so weißt du doch, was du zu tun hast, wenn mich einmal das Unglück trifft. Ab. Achtzehnter Auftritt Mehlwurm, dann Hans. MEHLWURM. Ein braver Kerl, der Ulrich – dass ich aber mit'n Specht mich nicht hab' beratschlagen können, das ärgert mich unsinnig! Muss der grad heut' so ein' Rausch haben. HANS zur Mitte eintretend. Der Ulrich hat g'sagt, ich soll ein Licht bringen. MEHLWURM. Stell's nur auf 'n Tisch. Für sich. Jetzt will ich doch nochmal versuchen, ob denn der Lenerl ihr Herz gar nicht für mich zu stimmen is, ich will jetzt ganz Zärtlichkeit sein. Man hört im Kabinette rechts ein Geräusch, als ob jemand vom Stuhle gefallen wäre. Was is das? Nimmt den Schlüssel und spricht während des Aufsperrens der Türe. Is vielleicht der Lenerl was g'schehn? Er öffnet die Türe, Hans leuchtet. SPECHT von innen. Mord-Himmel-Tausend-Sapperment! MEHLWURM prallt weit zurück, als er Specht erblickt hat, und schreit aus Leibeskräften. Ah, alle guten Geister, was is das? – Hans, halt mich! HANS. Meister, was ist's denn? Unterstützt ihn. Neunzehnter Auftritt Specht; die Vorigen. SPECHT aus der Seitentüre rechts herauswankend. Donnerwetter! Was sein das für Dummheiten? MEHLWURM sich sammelnd. Wie kommst du da hinein? SPECHT. Was weiß denn ich? MEHLWURM. Wo ist die Lenerl? Stürzt in das Kabinett. SPECHT. Man ha – hat mir einen Schabernack gespielt, aber ich werd' euch schon ko – koramisieren, wenn ich wieder im Amt bin. MEHLWURM aus dem Kabinett. Die Lenerl is entführt! Spitzbüberei! Meuterei! Zwanzigster Auftritt Eulenspiegel, Natzi, Dorothea; die Vorigen. NATZI schreiend. Spektakel über Spektakel! DOROTHEA. Ein böser Geist – EULENSPIEGEL. Der Satanas – DOROTHEA Specht erblickend. Ah, da steht er, der Vater! SPECHT. Nein, jetzt geht er, der Vater! Wankt, ohne sich um die übrigen zu bekümmern, von Hans unterstützt, zur Türe hinaus. MEHLWURM. Wen habt's ihr fortgeführt? DOROTHEA. Ich kann vor Angst nicht reden. NATZI. Mir klappern die Zähnt. EULENSPIEGEL. Ich glaub', es war der Teufel. NATZI. Wir waren keine fünfzig Schritt vom Hause, so empfind' ich eine Ohrfeig'n – DOROTHEA. Hut und Mantel fliegt weg. EULENSPIEGEL. Und eine feurige Gestalt springt fort. DOROTHEA. Ich hab' vor Ängsten gar nix mehr g'sehn. MEHLWURM. Ich weiß genug! Da herrscht Betrügerei! Die Lenerl is durch'gangen! Auf, Ulrich, Natzi, alle Mühlknecht', auf mit mir, und der Lenerl nach! EULENSPIEGEL beiseite. Die Lenerl is gegen 's Schloß, jetzt führ' ich s' ein' konträren Weg. ALLE. Nur g'schwind der Lenerl nach! Alle in größter Verwirrung ab. Verwandlung Platz im Städtchen, in der Mitte der Brunnen; rechts und links im Vordergrunde eine Marktbude. Es ist Nacht. Einundzwanzigster Auftritt Lenchen allein, noch in Männerkleidern. LENCHEN. Ich bin in Todesangst; ich habe den Ort vergessen, wo ich Heinrich finde – Links nach dem Hintergrunde sehend. O weh! Da kommen Leute, wo verberg' ich mich –? Läuft ängstlich hinter die Marktbude links. Zweiundzwanzigster Auftritt Johann, Steffel, Sebastian kommen links aus dem Hintergrunde. JOHANN. So, kommt nur! Da nehmt euren Posten hinter dieser Markthütte. Zeigt auf die Bude rechts. STEFFEL UND SEBASTIAN. Schon recht! JOHANN. Und wie sie kommt – STEFFEL. Gleich drauf los! Macht die Pantomime, wie er sich ihrer bemächtigt. JOHANN. Ich bleibe dort beim Wagen. Macht eure Sachen klug! Läuft im Hintergrunde links ab. STEFFEL zu Sebastian. Hörst nix? Ich glaub', sie kommen schon! Beide verbergen sich hinter der Marktbude rechts. Dreiundzwanzigster Auftritt Cordula, Peppi, Mehrere Mägde mit Wassereimern, kommen aus dem Hintergrunde rechts; die Vorigen. PEPPI. Das ist eine stockfinstere Nacht. CORDULA. Macht, dass ihr bald fertig seid! Die Mägde gehen mit Peppi zum Brunnen, Cordula tritt etwas in den Vordergrund. O, mein Marquis, warum bist du jetzt nicht an meiner Seite? STEFFEL UND SEBASTIAN stürzen aus ihrem Versteck hervor, werfen, ohne zu sprechen, Cordula einen dichten weißen Schleier über den Kopf, sie macht einen Schrei und wird mit großer Geschwindigkeit von den beiden links abgetragen. Die Mägde am Brunnen schreien alle laut auf. PEPPI. Hilfe! Räuber! Zu Hilfe! Vierundzwanzigster Auftritt Mehlwurm, Eulenspiegel, Natzi, Mühlknechte kommen mit Laternen aus der Seite rechts. MEHLWURM. Was gibt's da? PEPPI. Die Frau Cordula ist geraubt! EULENSPIEGEL gleichgültig. Die bringen s' schon wieder z'ruck. MEHLWURM. Das muss ein Irrtum sein. NATZI. Mein' Frau Mutter hab'n s' g'stohl'n! MEHLWURM zu den Knechten. Schaut's euch nur um, ob nirgends d' Lenerl steckt. Die Knechte suchen mit den Laternen. NATZI an der Marktbude links. Halt, wer da?! MEHLWURM mit den Knechten hineilend. Die Lenerl? Führt sie hervor. ALLE. Die Lenerl? LENCHEN. Ich bin verloren! MEHLWURM. Haben wir dich, du saubers Zeiserl, du! Morgen muss alles aufs Schloß, da wird furchtbares Gericht gehalten. Jetzt marsch nach Haus! Führt Lenchen fort. CHOR der Knechte und Mägde, indem sie alle in Verwirrung nachfolgen. Ha, dieses Spektakel bei stockfinstrer Nacht! Wer hätt' von der Lenerl wohl das sich gedacht! Alle ab. Der Vorhang fällt. 4. Akt Erster Auftritt Friedrich, dann Nelkenstein. Es ist Morgen. FRIEDRICH schlägt die Seitentüre rechts unwillig zu. Ei, so tu, was du willst! NELKENSTEIN zur Mitte kommend. Ist sie schon aufgestanden? FRIEDRICH. Gerade hab' ich das Frühstück gebracht. NELKENSTEIN. Wie benimmt sie sich? FRIEDRICH. Ah, das ist eine schreckliche Person! Bald weint sie, bald wirft sie alles untereinander, sie red't nichts, hat das Gesicht immer verschleiert. NELKENSTEIN. Sonderbar! Lass sie kommen und rufe mir auch Heinrich. FRIEDRICH ruft ins Kabinett rechts. Der gnädige Herr will mit Ihnen sprechen. Geht zur Mitte ab. NELKENSTEIN allein. Ich bin doch neugierig, die Schönheit kennenzulernen. Zweiter Auftritt Cordula, Nelkenstein. CORDULA tritt, verkleidet, nur ein paar Schritte heraus. NELKENSTEIN für sich. Welch holde Schüchternheit! Laut. Nur näher, mein Kind! Für sich. Der Gang will mir aber nicht recht gefallen. CORDULA ist zu Nelkenstein hingegangen und fällt auf die Knie. NELKENSTEIN. Nicht so, meine Liebe! Er hebt sie empor, für sich. Die Hand ist nicht sehr fein, das arme Kind wird viel arbeiten müssen. CORDULA. Edler gnädiger Herr, wenn Sie ein Mensch und kein Raubritter sind, so schonen Sie mich! NELKENSTEIN für sich. Der Ton ihrer Stimme kommt mir ganz ältlich vor. Ich weiß nicht, wo Heinrich da das Liebliche findet. Laut. Entschleiere dich, liebes Mädchen, fürchte dich nicht! CORDULA. Nein, um keine Welt, das bin ich meinem Geliebten schuldig. NELKENSTEIN. Fürchtest du, mich durch deine Reize zu blenden? Ich bin ein Freund deines Geliebten. CORDULA. Darf ich Ihren Worten trauen? NELKENSTEIN. Mein Ehrenwort zum Pfande! CORDULA. Es sei! Doch respektieren Sie ja die Treue, die ich Ihrem Freunde geschworen! Entschleiert sich. NELKENSTEIN aufs höchste erstaunt, prallt einen Schritt zurück, für sich. Hab' ich den Star? Tritt näher, betrachtet sie nochmal und sagt dann wieder bei sich. Das ist ja eine alte Hexe. CORDULA für sich. Wenn der sich etwa auch in mich verliebt und mit meinem Marquis Händel anfängt – das könnte blutig enden. NELKENSTEIN. Ich habe – nein, ich nicht – andere Leute – kurz, Ihr wurdet hiehergebracht – Beiseite. nein, es ist zum Schlagtreffen! CORDULA für sich. Er ist ganz verwirrt, am Ende muss ich ihm doch auch ein Plätzchen in meinem Herzen einräumen. Was ich jetzt auf einmal mit die Kavaliers für ein Glück habe! NELKENSTEIN. Euer Geliebter kommt, geht wieder ins Kabinett, bis ich Euch rufe. CORDULA. Ich bewundre Euren Edelmut. Geht langsam in das Kabinett und wirft einige schmachtende Blicke auf Nelkenstein zurück. NELKENSTEIN allein. Ich stehe da wie ein dummer Junge und weiß nicht, was ich denken soll. Dritter Auftritt Heinrich, Nelkenstein. HEINRICH. Euer Gnaden haben mich rufen lassen. NELKENSTEIN. Ja, ich habe wegen deiner Geliebten mit dir zu sprechen. HEINRICH. O, mein Unglück ist grenzenlos. Gestern wollt' ich sie entführen, mein Plan ist aber gescheitert. NELKENSTEIN. Das Unglück ist so groß nicht. HEINRICH. Was wird sie jetzt zu erdulden haben! NELKENSTEIN. Die arme Unschuld! HEINRICH. Ich liebe sie mehr als mein Leben! NELKENSTEIN. Potz Narren und kein End'! Sag' mir doch um alles in der Welt, was findest du an ihr? HEINRICH. O, sie ist ein Engel! NELKENSTEIN mit Ironie. Ein Engel! Zwar, das ist Geschmackssache, aber ihr Benehmen, ihre Sitten, diese gemeine Koketterie – HEINRICH aufbrausend. Gnädiger Herr – Mit Mäßigung. wenn Sie nicht mein Gebieter wären, ich würde diese Schmähung meiner Geliebten nicht mit Geduld ertragen. NELKENSTEIN unwillig. Nun, so nimm sie und sei in Henkers Namen glücklich mit ihr! Öffnet die Kabinettüre. Heraus, liebenswürdige Jungfrau! Vierter Auftritt Cordula; die Vorigen. CORDULA im Heraustreten. Wo ist mein Marquis? HEINRICH ihr entgegeneilend. Mein Len – Beide bleiben, als sie sich erkennen, wie versteinert stehen. NELKENSTEIN. Wie geschieht euch denn? HEINRICH. Ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll? NELKENSTEIN. Und ich weiß nicht, bin ich ein Narr oder du? HEINRICH. Das ist ja die alte Schwester vom Müller! NELKENSTEIN. Also nicht dein Lenchen? Bricht in ein lautes Gelächter aus. Na, das freut mich! Ich hab' schon um deinen Verstand getrauert. Fünfter Auftritt Eulenspiegel; die Vorigen. EULENSPIEGEL. Der alte Mehlwurm wird gleich da sein, den Heinrich verklag'n. NELKENSTEIN zu Cordula. Liebe Alte, geht noch einmal in das Kämmerlein, dass ich Euch mit Anstand Eurem Bruder zurückgeben kann. CORDULA verneigt sich und geht in die Seitentüre rechts ab, nachdem sie schüchtern auf Eulenspiegel zurückgeblickt. EULENSPIEGEL tritt vor und mißt sie mit einem grimmigen Blick. Sechster Auftritt Die Vorigen ohne Cordula. HEINRICH. Aber, Euer Gnaden, wie soll ich denn das Ganze verstehn? NELKENSTEIN. Wie du 's verstehen sollst? Ich wollte Lenchen für dich entführen lassen, und die dummen Bengels haben die Alte dafür genommen. EULENSPIEGEL. Das war mein Werk. NELKENSTEIN erstaunt. Was? Du hättest mir diesen Streich gespielt? EULENSPIEGEL lachend. Hab' ich Euer Gnaden dran'kriegt? HEINRICH. Du hättest –? EULENSPIEGEL. Ich hab' gemacht, dass statt der Jungen die Alte zum Brunn' 'gangen is. NELKENSTEIN. Ich dreh' dir den Hals um. EULENSPIEGEL. Ich hab' ja meine Wett' g'winnen müssen. HEINRICH. Durch diese Wette komm' ich um mein ganzes Lebensglück. NELKENSTEIN zu Eulenspiegel. Du bist ein kecker Schlingel. EULENSPIEGEL. Von was lebet ich denn, wenn ich nicht keck wär'? NELKENSTEIN. Die Wette hast du aber noch nicht gewonnen, denn dein Anschlag ist auch missglückt, wie mir Heinrich sagt. Jetzt schaffe Rat, das rat' ich dir, denn ich weiß nicht – EULENSPIEGEL. Sie brauchen nichts zu wissen, Sie sein ein reicher Mann – Nachsinnend. aber ich bin ein armer Teufel, mir muss was einfallen – halt! Ich hab's! Eine Gewalttat –! Leihen mir Euer Gnaden alle Ihre Bedienten. NELKENSTEIN. Wozu? Gewaltstreiche in meinem Territorio kann ich nicht zugeben. Siebenter Auftritt Johann; die Vorigen. Johann kommt aus dem Zimmer links und will zur Mitte abgehen. EULENSPIEGEL zu Johann. Der gnädige Herr hat g'schafft, alle Bedienten und Hausknecht' aus 'n ganzen Schloß sollen in Gebüsch hinter der Mühl' warten auf mich. JOHANN. Sehr wohl. Geht durch die Mitte ab. Achter Auftritt Die Vorigen ohne Johann. NELKENSTEIN erstaunt zu Eulenspiegel. Was hast du denn vor? EULENSPIEGEL. Nur mich gehn lassen, ich weiß selber noch nicht recht. Neunter Auftritt Mehlwurm, Specht, Lenchen; die Vorigen, dann Cordula. EULENSPIEGEL geht Mehlwurm entgegen. Ich hab' den Meister schon ang'meld't. NELKENSTEIN zu Mehlwurm. Was will Er? MEHLWURM. Euer Gnaden, ich bin Vormund, Liebhaber und Bräutigam, dieses Mädl dahier – Führt Lenchen vor. NELKENSTEIN Lenchen betrachtend. Ist Seine Mündel? Leise zu Heinrich. Jetzt hast du recht. MEHLWURM. Meine Absicht – NELKENSTEIN. Eh' wir weiter sprechen, Meister Mehlwurm, empfang' Er hier Seine Schwester zurück! Öffnet die Tür des Kabinetts. MEHLWURM. Wie kommt denn die daher? Cordula tritt aus dem Kabinette. NELKENSTEIN. Sie wurde entführt, von wem, das weiß ich nicht; meine Leute kamen dazu und haben sie den Räubern abgenommen. MEHLWURM. Unbegreiflich! CORDULA für sich. Mir scheint, er ist mit dem Marquis einverstanden. Laut. Nach der Erklärung des gnädigen Herrn, hoff' ich, wird alles Mit Beziehung auf Eulenspiegel. von meiner Unschuld überzeugt sein. Verneigt sich tief und geht zur Mitte ab. SPECHT. Gründlich, vollkommen und zweifelsohne. Zehnter Auftritt Die Vorigen ohne Cordula. NELKENSTEIN. Jetzt zur Sache! MEHLWURM. Den säubern Mussi Heinrich klag' ich an, er ist ein Verführer, Entführer, Räuber! NELKENSTEIN. Oho, mäßigt Euch, Ihr müsst Eure Worte beweisen. MEHLWURM hitzig. Mein G'vatter is Zeug'. SPECHT ausbeugend. Das heißt, ich – NELKENSTEIN. Lenchen soll sprechen. Bist du von Heinrich entführt worden? EULENSPIEGEL leise zu Lenchen. Nur alles abg'laugnet! LENCHEN. Dass ich Heinrich liebe, ist wahr; dass ich aus Liebe zu ihm entflohn, ist auch wahr; dass er mich aber entführte, ist unwahr, sowie alles übrige, was mein Vormund sagt. MEHLWURM ergrimmt. So? Und woher denn der Jägeranzug, wenn Heinrich nicht einverstanden war? HEINRICH. Ich verkaufe meine abgelegten Kleider immer dem Juden, folglich – LENCHEN. Von dem hab' ich sie gekauft. MEHLWURM wütend. Frechheit ohnegleichen! NELKENSTEIN. Mein Heinrich ist also ganz unschuldig. SPECHT. Wenn es so ist – MEHLWURM. Unschuldig? Der durchtriebene Filou, der Galgenstrick! NELKENSTEIN. Was? Er unterfängt sich, meinen Diener in meiner Gegenwart so zu beschimpfen? EULENSPIEGEL Mehlwurm aufhetzend. Nein, nit wird man schimpfen! MEHLWURM. Ins Zuchthaus soll man ihn sperren! NELKENSTEIN zu Mehlwurm. Halt, jetzt hab' ich's genug! Müller! Er ist ein Verleumder, dafür wird Er Seine Strafe empfangen. EULENSPIEGEL Nelkenstein und Heinrich zuwinkend. Versteht sich! Was kann mein' Meister g'schehn? Wird er nicht etwan gar in der Mühl' vor alle Mühlknecht' den Mussi Heinrich noch um Verzeihn bitten müssen? NELKENSTEIN Eulenspiegels Wink beachtend, befehlend. Ja, das wird er! MEHLWURM wütend. Was? EULENSPIEGEL. Ah, das is zu stark! HEINRICH. Ich gehe und in einer halben Stunde komme ich in die Mühle, dort bittet mir der Meister Mehlwurm ab, diese Satisfaktion verlange ich nach dem Ausspruch meines gnädigen Herrn. Durch die Mitte ab. MEHLWURM. Ich erstick' vor Wut! SPECHT ihn besänftigen wollend. G'vatter! MEHLWURM. Der Gauner! NELKENSTEIN. Fort jetzt und kein Wort mehr! Als Gutsherr befehl' ich, es bleibt dabei, wie ich gesagt. MEHLWURM. Gut, ich geh' – aber – aber –! Kann nicht weiter reden vor Wut und geht durch die Mitte schnell ab. SPECHT im Abgehen. Nur vernünftig! Alle ab. EULENSPIEGEL Mehlwurm immer aufhetzend. Ich ertraget das nicht! Alle drei zur Mitte ab mit Lenchen. Elfter Auftritt Nelkenstein allein. NELKENSTEIN. Was mag Eulenspiegel vorhaben? Ich muss doch selbst in die Nähe der Mühl' schleichen, sonst zettelt der Mensch einen förmlichen Krieg zwischen meinen Leuten und den Mühlknechten an! Ich bin da in eine Liebesgeschichte hineingekommen, ich weiß selbst nicht, wie; das ist mir seit meiner Jugend nicht passiert. In die Seitentüre links ab. Verwandlung Zimmer bei Mehlwurm, wie früher, mit Mittel- und Seitentüre. Zwölfter Auftritt Cordula, Natzi, Dorothea Kommen aus der Seitentüre rechts. NATZI. Aber so hör' mich d' Frau Mutter nur an! CORDULA. Scher' dich zum Guckguck! NATZI. Ich möcht' nur der Frau Mutter – CORDULA. 's Maul halt! DOROTHEA zu Natzi. Du, Natzi, mir scheint, das is kein günstiger Augenblick. NATZI zu Dorotheen. Glaubst nit? So gehn wir! CORDULA. Wohin? DOROTHEA im Abgehen. Mein' Papa gehn wir entgegen. NATZI unter der Türe. Einer Frau Mutter, die ausbleibt über Nacht, bin ich gar keine Rechenschaft schuldig. Schnell zur Mitte ab mit Dorothea. Dreizehnter Auftritt Cordula allein, hat Natzis Worte gehört. CORDULA. Du Schlingel, du! Sein Glück, dass er schon fort ist – mein Marquis hat mir Blicke zugeworfen, welche mich in die furchtbarste Unruhe versetzen. Eulenspiegel öffnet die Mitteltüre und tritt ein. – Ah, da ist er! Vierzehnter Auftritt Eulenspiegel durch die Mitte; Die Vorige. EULENSPIEGEL im Eintreten, für sich. O Jegerl, die Alte! Nimmt eine gravitätische Stellung an, tritt wie in düsteren Gedanken versunken vor und murmelt nur halbverständliche Worte vor sich hin. CORDULA. Warum so düster, lieber Marquis? EULENSPIEGEL. Ha, Sie hier? Wendet sich ab. CORDULA. Sie sind in Gedanken –? EULENSPIEGEL. So? Hm – so, so! CORDULA. Und über was? EULENSPIEGEL. Über den menschlichen Wankelmut. CORDULA. Das soll doch mir nicht gelten? Gerechter Himmel, ich bin ja – EULENSPIEGEL. Du bist ein Weib, hast Weibersinn. CORDULA. Ich bin sanftmütig, gut – EULENSPIEGEL. Und leichtfertig! CORDULA. Das kann mir kein Mensch nachsagen. EULENSPIEGEL. Kein Mensch, wenn die ganze Welt 's Maul halt't! Mit einem Wort, ich will auch einen Himmel nicht aus einer dritten Hand. CORDULA. Marquis –! EULENSPIEGEL. Wir trennen uns! CORDULA schmerzhaft. Trennen!? EULENSPIEGEL. Ich bin es meiner marquisischen Ehre schuldig. CORDULA. O quält mich nicht so –! EULENSPIEGEL. Sie können sich auf dem Schlosse entschädigen, dort haben Sie ja die ganze Nacht zugebracht. Sich vor die Stirne schlagend. O, was hab' ich diese Nacht gelitten! Beiseite, mit natürlicher Stimme. Ich hab' eine Kolik g'habt von jungem Bier. CORDULA. Hat nicht der gnädige Herr in Ihrer Gegenwart gesagt –? EULENSPIEGEL. O, die gnädigen Herren sagen gar viel. CORDULA. Ich bin unschuldig! EULENSPIEGEL grimmig. Unschuldig? Das sagst du mit diesem Gesicht? Weib, teile mit diesem Gesicht Paradiese aus, und du wirst wenig Käufer finden. Wendet sich einen Schritt zum Gehen. CORDULA stürzt ihm zu Füßen. Marquis, du bringst mich zur Verzweiflung! Will seine Knie umfassen. EULENSPIEGEL. Zurück! Reize meinen Grimm nicht, oder ich morde dich meuchel! CORDULA. Lass dich besänftigen! EULENSPIEGEL mit Karikatur. Hier nicht mehr, Seufzend. vielleicht in einer bessern Welt. CORDULA. Ich Unglücklichste meines Geschlechts! Fünfzehnter Auftritt Mehlwurm, Specht, Natzi, Dorothea, Lenchen; die Vorigen. MEHLWURM mit den übrigen eintretend und die Gruppe erblickend. Was zum Teuxel is denn das? EULENSPIEGEL gleich gefaßt. Sie will, ich soll dem Meister zureden, dass er nachgibt, aber das tu' ich nicht, meinem Meistern seine Ehr' geht mir über alles. CORDULA ist mittlerweile verlegen aufgestanden. MEHLWURM zu Eulenspiegel. Du bist ein braver Pursch. Nicht wahr, ich bitt' nicht ab? EULENSPIEGEL. Ich an Eurer Stell' tät's um kein' Preis. MEHLWURM. Was soll ich aber tun? EULENSPIEGEL. Ich wüßt' schon was – MEHLWURM. Red', du mein einziger Freund! EULENSPIEGEL. Eine Gewalttat! SPECHT. Das geht nicht. MEHLWURM. Alles geht, wenn's der Ulrich sagt. EULENSPIEGEL Mehlwurm vorführend. Die Lenerl braucht's nicht zu hör'n. Wie der Heinrich in d' Mühl' kommt, lass'n wir 'n von die Mühlknecht' packen und hängen ihn bis an Hals in Mühlbach hinein, und ziehn ihn nicht eher heraus, bis die Lenerl Ja sagt und mit Euch stante pede zu der Kopulation fahrt. Wenn er nacher klagen geht, was kann Euch viel g'schehn? Und die Lenerl is einmal Euer Weib. MEHLWURM Eulenspiegel umarmend. O, du Goldkerl! SPECHT mißbilligend den Kopf schüttelnd. Hm, hm, hm, hm! LENERL zu Mehlwurm. Habt Ihr wieder was Neues ersonnen, mich zu quälen? MEHLWURM. Du wirst Frau Müllnerin und dann hat alle Qual ein End'. EULENSPIEGEL. Ich geh' derweil voraus in die Mühl'. Geht, indem er Lenchen zuwinkt und auf Mehlwurm Narren sticht, zur Mitte ab. Sechzehnter Auftritt Die Vorigen ohne Eulenspiegel. NATZI mit Dorothea vortretend. Wir hätten halt auch eine schöne Bitt'. MEHLWURM. Was ist's? NATZI zu Dorothea. Dorothea, red' du! DOROTHEA zu Natzi. Nein, sag' du's! NATZI zu Dorothea. So geh, bitt' mich aus! DOROTHEA zu Mehlwurm. Wir möchten – möchten gern – NATZI herausplatzend. Heiraten möchten wir! SPECHT. Das war schon lang meine Idee. CORDULA zu Specht. Der Herr Gevatter weiß, ich war da immer einverstanden. MEHLWURM. Meinetweg'n, heirat'ts euch, wie ihr wollt's! Zugleich, umarmen sich. NATZI. Dorothee! DOROTHEA. Natzi! SPECHT. Dorothee! Schön herein da! Dorothea läuft zu Specht. MEHLWURM. Jetzt aber fort mit mir in die Mühl'! Alles muss Zeug' sein von der Heldentat, die ich dorten vollbring'. Geht mit Cordula, Specht, Dorothea und Lenerl zur Mitte ab. Siebzehnter Auftritt Natzi allein. NATZI entzückt. Heiraten derf ich! Unterhaltlicher Kasus! Wie mich 's Heiraten g'freut, das is gar nicht zum Beschreiben. Lied 1. In Geduld üb' i mi Und nacher bin i, Was man nur sag'n kann, Ein prächtiger Mann. 's Regiment, das führt sie, Hübsch folgsam bin i, So gibt's keinen Streit, Ah, das is a Freud'. 2. Nie nein sag'n tu' i, Das schickt sich nicht für mi, Und all's überhaupt, Was sie sagt, wird 'glaubt. Das Geld verdien' i, Ausgeb'n tut's dann sie, So zankt man sich nit, Hat all'weil ein' Fried'. Nach dem Liede ab. Verwandlung Die Bühne stellt das Innere der Mühle mit ihren verschiedenen Gängen vor. Seite links im Hintergrunde führen ein paar Stufen als allgemeiner Eingang herab. Achtzehnter Auftritt Im Hintergrunde stehen zu beiden Seiten zwölf große Mehlsäcke aneinandergereiht. Eulenspiegel allein. EULENSPIEGEL sitzt lauernd auf einem Mehlsack. Mir scheint, sie kommen schon. Neunzehnter Auftritt Mehlwurm, Specht, Dorothea, Cordula, Lenchen, Hans, Jakob und noch Zwei Mühlknechte; Der Vorige. MEHLWURM zu den Knechten, im Eintreten. Nur g'schwind, er wird gleich da sein. EULENSPIEGEL zu den Knechten. Nur frisch angepackt, wenn der Meister ruft. MEHLWURM. Der wird Augen machen! Ich will ihm abbitten, dass er Zeit seines Lebens dran denken soll. Zwanzigster Auftritt Heinrich; die Vorigen. HEINRICH. Meister Mehlwurm, Ihr wisst den Ausspruch des gnädigen Herrn. Übrigens könnt Ihr Euch jede Beschämung ersparen, gebt mir Eure Mündel zur Frau, und aller Zwist ist ausgeglichen. MEHLWURM. Das ist wahr, das wär' ja scharmant, alles wäre ausgeglichen! Dasmal tun wir aber nicht so. Der Herr Jäger is in die Fallen gegangen. Er is jetzt in meiner Gewalt. HEINRICH. Was –? Ich in Seiner Gewalt? MEHLWURM. Und jetzt frag' ich: Zu Lenerl. Willst du augenblicklich die Meinige werden? Zu Heinrich. Und will Er meiner Mündl entsagen und so lang als Gefangener dableib'n, bis wir zurückkommen von der Kopulation? LENCHEN. Nein, nie lass' ich von meinem Heinrich! HEINRICH zu Mehlwurm. Ihr seid ein Narr! MEHLWURM. Gut! Also angepackt! Die Mühlknechte fallen über Heinrich her und halten ihn fest. DIE KNECHTE. Wir haben ihn schon! HEINRICH. Bin ich unter Räuber geraten? MEHLWURM. Hängt's ihn in den Mühlbach, bis die beiderseitige Sinnesänderung erfolgt. SPECHT. G'vatter, das geht zu weit. EULENSPIEGEL. So wollt' ich doch, dass jetzt alle Mehlsäck' lebendig wurden! Die zwölf Mehlsäcke fallen zugleich um, und hinter jedem springt ein Bedienter hervor, die Mühlknechte, welche eben Heinrich nach dem Hintergrunde schleppen wollten, lassen ihn los und stehen wie erstarrt. ALLE erschrocken aufschreiend. Ah, was ist das? Einundzwanzigster Auftritt Natzi, gleich darauf Nelkenstein mit zwei Wächtern; die Vorigen. NATZI eilig hereinlaufend. Der gnädige Herr kommt, der gnädige Herr! MEHLWURM, SPECHT, CORDULA UND DIE MÜHLKNECHTE. Der gnädige Herr!? – NELKENSTEIN eintretend. Was in aller Welt geht denn hier vor? HEINRICH. Der Müller wollte mich statt der Abbitte in den Mühlbach hängen. NELKENSTEIN. Dacht' ich's doch, dass er Böses im Sinn führe. Meister Mehlwurm, für verübte Gewalttat seid Ihr Arrestant. Wächter, tut eure Schuldigkeit! Die Wächter nehmen Mehlwurm in die Mitte. MEHLWURM sich an die Stirn schlagend. Verdammt! Ich möcht' aus der Haut fahren! NELKENSTEIN. Als Arrestant könnt ihr kein Vormund sein; Eure Mündel muss sich schon gefallen lassen, mich zum Vormund anzunehmen, und als solcher gebe ich meine Einwilligung zu ihrer Heirat mit meinem ehemaligen Jäger Heinrich, jetzt Förster in Nelkenstein. MEHLWURM ganz vernichtet. Mich trifft der Schlag! HEINRICH UND LENCHEN. Tausend Dank, gnädiger Herr! Küssen ihm die Hand. EULENSPIEGEL jubelnd. Das is mir lieber als was Dalkets von Mehl! NELKENSTEIN leise zu Eulenspiegel. Du hast deine Aufgabe gelöst, dein Lohn bleibt nicht aus. MEHLWURM. Was? Ulrich? Du warst auch – EULENSPIEGEL. Ich bin der Eulenspiegel und bin nur auf der Welt, um solche dalkete Kerln für ein' Narrn zu halten, wie Sie einer sein. MEHLWURM wütend. Ich war ein Esel ohnegleichen. NATZI. Also der is das, was d' Leut' von mir sagen. EULENSPIEGEL zu Cordula. Du wirst blass, Luise? Verzeih, mit der Marquisschaft is's nichts. CORDULA. Luft! Luft! Sie eilt hinaus. NELKENSTEIN zu Mehlwurm. Seid Ihr andern Sinns, so begnadige ich Euch und Ihr seid frei. MEHLWURM. Sie sollen sich heiraten – ich geb' mein Jawort! – Grimmig. Ja! Ja! Ja! – aber jetzt lasst's mich hinaus, damit ich vor Gall' zerplatzen kann. Die Wächter lassen ihn los, er stürzt wütend hinaus. ALLE. Vivat, der gnädige Herr! Schlußchor Die Liebenden sind nun vereint, das Hochzeitsfest beginnt; Mit List gepaart, die Liebe stets den schönen Sieg gewinnt. Der Vorhang fällt.