Der zerbrochene Krug Kleist, Heinrich von MOOCwiki – Lesefassung Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen. Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Der zerbrochene Krug von Kleist, Heinrich von ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A). Heinrich von Kleist: Werke und Briefe in vier Bänden. Herausgegeben von Siegfried Streller in Zusammenarbeit mit Peter Goldammer und Wolfgang Barthel, Anita Golz, Rudolf Loch, Berlin und Weimar: Aufbau, 1978. Kleist, Heinrich von 234- Berlin und Weimar https://textgrid.de/ueber-textgrid/die-digitale-bibliothek-bei-textgrid/ Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Berlin, 1811. https://www.deutschestextarchiv.de/kleist_krug_1811 Der zerbrochene Krug · Heinrich von Kleist Heinrich von Kleist Der zerbrochne Krug Ein Lustspiel Der zerbrochene Krug · Personen Personen. Walter, Gerichtsrat. Adam, Dorfrichter. Licht, Schreiber. Frau Marthe Rull. Eve, ihre Tochter. Veit Tümpel, ein Bauer. Ruprecht, sein Sohn. Frau Brigitte. Ein Bedienter, Büttel, Mägde usw. Der zerbrochene Krug · 1. Auftritt Erster Auftritt Adam sitzt und verbindet sich ein Bein. Licht tritt auf. LICHT. Ei, was zum Henker, sagt, Gevatter Adam! Was ist mit Euch geschehn? Wie seht Ihr aus? ADAM. Ja, seht. Zum Straucheln braucht's doch nichts, als Füße. Auf diesem glatten Boden, ist ein Strauch hier? Gestrauchelt bin ich hier; denn jeder trägt Den leid'gen Stein zum Anstoß in sich selbst. LICHT. Nein, sagt mir, Freund! Den Stein trüg jeglicher –? ADAM. Ja, in sich selbst! LICHT. Verflucht das! ADAM. Was beliebt? LICHT. Ihr stammt von einem lockern Ältervater, Der so beim Anbeginn der Dinge fiel, Und wegen seines Falls berühmt geworden; Ihr seid doch nicht –? ADAM. Nun? LICHT. Gleichfalls –? ADAM. Ob ich –? Ich glaube –! Hier bin ich hingefallen, sag ich Euch. LICHT. Unbildlich hingeschlagen? ADAM. Ja, unbildlich. Es mag ein schlechtes Bild gewesen sein. LICHT. Wann trug sich die Begebenheit denn zu? ADAM. Jetzt, in dem Augenblick, da ich dem Bett Entsteig. Ich hatte noch das Morgenlied Im Mund, da stolpr' ich in den Morgen schon, Und eh ich noch den Lauf des Tags beginne, Renkt unser Herrgott mir den Fuß schon aus. LICHT. Und wohl den linken obenein? ADAM. Den linken? LICHT. Hier, den gesetzten? ADAM. Freilich! LICHT. Allgerechter! Der ohnhin schwer den Weg der Sünde wandelt. ADAM. Der Fuß! Was! Schwer! Warum? LICHT. Der Klumpfuß? ADAM. Klumpfuß! Ein Fuß ist, wie der andere, ein Klumpen. LICHT. Erlaubt! Da tut Ihr Eurem rechten Unrecht. Der rechte kann sich dieser – Wucht nicht rühmen, Und wagt sich eh'r aufs Schlüpfrige. ADAM. Ach, was! Wo sich der eine hinwagt, folgt der andre. LICHT. Und was hat das Gesicht Euch so verrenkt? ADAM. Mir das Gesicht? LICHT. Wie? Davon wisst Ihr nichts? ADAM. Ich müsst ein Lügner sein – wie sieht's denn aus? LICHT. Wie's aussieht? ADAM. Ja, Gevatterchen. LICHT. Abscheulich! ADAM. Erklärt Euch deutlicher. LICHT. Geschunden ist's, Ein Greul zu sehn. Ein Stück fehlt von der Wange, Wie groß? Nicht ohne Waage kann ich's schätzen. ADAM. Den Teufel auch! LICHT bringt einen Spiegel. Hier! Überzeugt Euch selbst! Ein Schaf, das, eingehetzt von Hunden, sich Durch Dornen drängt, lässt nicht mehr Wolle sitzen, Als Ihr, Gott weiß wo? Fleisch habt sitzen lassen. ADAM. Hm! Ja! 's ist wahr. Unlieblich sieht es aus. Die Nas hat auch gelitten. LICHT. Und das Auge. ADAM. Das Auge nicht, Gevatter. LICHT. Ei, hier liegt Querfeld ein Schlag, blutrünstig, straf mich Gott, Als hätt ein Großknecht wütend ihn geführt. ADAM. Das ist der Augenknochen. – Ja, nun seht, Das alles hatt ich nicht einmal gespürt. LICHT. Ja, ja! So geht's im Feuer des Gefechts. ADAM. Gefecht! Was! – Mit dem verfluchten Ziegenbock, Am Ofen focht ich, wenn Ihr wollt. Jetzt weiß ich's. Da ich das Gleichgewicht verlier, und gleichsam Ertrunken in den Lüften um mich greife, Faß ich die Hosen, die ich gestern abend Durchnäßt an das Gestell des Ofens hing. Nun faß ich sie, versteht Ihr, denke mich, Ich Tor, daran zu halten, und nun reißt Der Bund; Bund jetzt und Hos und ich, wir stürzen, Und häuptlings mit dem Stirnblatt schmettr' ich auf Den Ofen hin, just wo ein Ziegenbock Die Nase an der Ecke vorgestreckt. LICHT lacht. Gut, gut. ADAM. Verdammt! LICHT. Der erste Adamsfall, Den Ihr aus einem Bett hinaus getan. ADAM. Mein Seel! – Doch, was ich sagen wollte, was gibt's Neues? LICHT. Ja, was es Neues gibt! Der Henker hol's, Hätt ich's doch bald vergessen. ADAM. Nun? LICHT. Macht Euch bereit auf unerwarteten Besuch aus Utrecht. ADAM. So? LICHT. Der Herr Gerichtsrat kömmt. ADAM. Wer kömmt? LICHT. Der Herr Gerichtsrat Walter kömmt, aus Utrecht. Er ist in Revisions-Bereisung auf den Ämtern, Und heut noch trifft er bei uns ein. ADAM. Noch heut! Seid Ihr bei Trost? LICHT. So wahr ich lebe. Er war in Holla, auf dem Grenzdorf, gestern, Hat das Justizamt dort schon revidiert. Ein Bauer sah zur Fahrt nach Huisum schon Die Vorspannpferde vor den Wagen schirren. ADAM. Heut noch, er, der Gerichtsrat, her, aus Utrecht! Zur Revision, der wackre Mann, der selbst Sein Schäfchen schiert, dergleichen Fratzen haßt. Nach Huisum kommen, und uns kujonieren! LICHT. Kam er bis Holla, kommt er auch bis Huisum. Nehmt Euch in acht. ADAM. Ach geht! LICHT. Ich sag es Euch. ADAM. Geht mir mit Eurem Märchen, sag ich Euch. LICHT. Der Bauer hat ihn selbst gesehn, zum Henker. ADAM. Wer weiß, wen der triefäugige Schuft gesehn. Die Kerle unterscheiden ein Gesicht Von einem Hinterkopf nicht, wenn er kahl ist. Setzt einen Hut dreieckig auf mein Rohr, Hängt ihm den Mantel um, zwei Stiefeln drunter, So hält so'n Schubiack ihn für wen Ihr wollt. LICHT. Wohlan so zweifelt fort, ins Teufels Namen, Bis er zur Tür eintritt. ADAM. Er, eintreten! – Ohn uns ein Wort vorher gesteckt zu haben. LICHT. Der Unverstand! Als ob's der vorige Revisor noch, der Rat Wachholder, wäre! Es ist Rat Walter jetzt, der revidiert. ADAM. Wenngleich Rat Walter! Geht, lasst mich zufrieden. Der Mann hat seinen Amtseid ja geschworen, Und praktisiert, wie wir, nach den Bestehenden Edikten und Gebräuchen. LICHT. Nun, ich versichr' Euch, der Gerichtsrat Walter Erschien in Holla unvermutet gestern, Vis'tierte Kassen und Registraturen, Und suspendierte Richter dort und Schreiber, Warum? ich weiß nicht, ab officio. ADAM. Den Teufel auch? Hat das der Bauer gesagt? LICHT. Dies und noch mehr – ADAM. So? LICHT. Wenn Ihr's wissen wollt. Denn in der Frühe heut sucht man den Richter, Dem man in seinem Haus Arrest gegeben, Und findet hinten in der Scheuer ihn Am Sparren hoch des Daches aufgehangen. ADAM. Was sagt Ihr? LICHT. Hülf inzwischen kommt herbei, Man löst ihn ab, man reibt ihn, und begießt ihn, Ins nackte Leben bringt man ihn zurück. ADAM. So? Bringt man ihn? LICHT. Doch jetzo wird versiegelt, In seinem Haus, vereidet und verschlossen, Es ist, als wär er eine Leiche schon, Und auch sein Richteramt ist schon beerbt. ADAM. Ei, Henker, seht! – Ein liederlicher Hund war's – Sonst eine ehrliche Haut, so wahr ich lebe, Ein Kerl, mit dem sich's gut zusammen war; Doch grausam liederlich, das muss ich sagen. Wenn der Gerichtsrat heut in Holla war, So ging's ihm schlecht, dem armen Kauz, das glaub ich. LICHT. Und dieser Vorfall einzig, sprach der Bauer, Sei schuld, dass der Gerichtsrat noch nicht hier; Zu Mittag treff er doch ohnfehlbar ein. ADAM. Zu Mittag! Gut, Gevatter! Jetzt gilt's Freundschaft Ihr wisst, wie sich zwei Hände waschen können. Ihr wollt auch gern, ich weiß, Dorfrichter werden, Und Ihr verdient's, bei Gott, so gut wie einer. Doch heut ist noch nicht die Gelegenheit, Heut lasst Ihr noch den Kelch vorübergehn. LICHT. Dorfrichter, ich! Was denkt Ihr auch von mir? ADAM. Ihr seid ein Freund von wohlgesetzter Rede, Und Euren Cicero habt Ihr studiert Trotz einem auf der Schul in Amsterdam. Drückt Euren Ehrgeiz heut hinunter, hört Ihr? Es werden wohl sich Fälle noch ergeben, Wo Ihr mit Eurer Kunst Euch zeigen könnt. LICHT. Wir zwei Gevatterleute! Geht mir fort. ADAM. Zu seiner Zeit, Ihr wisst's, schwieg auch der große Demosthenes. Folgt hierin seinem Muster. Und bin ich König nicht von Mazedonien, Kann ich auf meine Art doch dankbar sein. LICHT. Geht mir mit Eurem Argwohn, sag ich Euch. Hab ich jemals –? ADAM. Seht, ich, ich, für mein Teil, Dem großen Griechen folg ich auch. Es ließe Von Depositionen sich und Zinsen Zuletzt auch eine Rede ausarbeiten: Wer wollte solche Perioden drehn? LICHT. Nun, also! ADAM. Von solchem Vorwurf bin ich rein, Der Henker hol's! Und alles, was es gilt, Ein Schwank ist's etwa, der zur Nacht geboren, Des Tags vorwitz'gen Lichtstrahl scheut. LICHT. Ich weiß. ADAM. Mein Seel! Es ist kein Grund, warum ein Richter, Wenn er nicht auf dem Richtstuhl sitzt, Soll gravitätisch, wie ein Eisbär, sein. LICHT. Das sag ich auch. ADAM. Nun denn, so kommt Gevatter, Folgt mir ein wenig zur Registratur; Die Aktenstöße setz ich auf, denn die, Die liegen wie der Turm zu Babylon. Der zerbrochene Krug · 2. Auftritt Zweiter Auftritt Ein Bedienter tritt auf. Die Vorigen. – Nachher: Zwei Mägde. DER BEDIENTE. Gott helf, Herr Richter! Der Gerichtsrat Walter Lässt seinen Gruß vermelden, gleich wird er hier sein. ADAM. Ei, du gerechter Himmel! Ist er mit Holla Schon fertig? DER BEDIENTE. Ja, er ist in Huisum schon. ADAM. He! Liese! Grete! LICHT. Ruhig, ruhig jetzt. ADAM. Gevatterchen! LICHT. Lasst Euern Dank vermelden. DER BEDIENTE. Und morgen reisen wir nach Hussahe. ADAM. Was tu ich jetzt? Was lass ich? Er greift nach seinen Kleidern. ERSTE MAGD tritt auf. Hier bin ich, Herr. LICHT. Wollt Ihr die Hosen anziehn? Seid Ihr toll? ZWEITE MAGD tritt auf. Hier bin ich, Herr Dorfrichter. LICHT. Nehmt den Rock. ADAM sieht sich um. Wer? Der Gerichtsrat? LICHT. Ach, die Magd ist es. ADAM. Die Beffchen! Mantel! Kragen! ERSTE MAGD. Erst die Weste! ADAM. Was? – Rock aus! Hurtig! LICHT zum Bedienten. Der Herr Gerichtsrat werden Hier sehr willkommen sein. Wir sind sogleich Bereit ihn zu empfangen. Sagt ihm das. ADAM. Den Teufel auch! Der Richter Adam lässt sich Entschuldigen. LICHT. Entschuldigen! ADAM. Entschuld'gen. Ist er schon unterwegs etwa? DER BEDIENTE. Er ist Im Wirtshaus noch. Er hat den Schmidt bestellt; Der Wagen ging entzwei. ADAM. Gut. Mein Empfehl. Der Schmidt ist faul. Ich ließe mich entschuld'gen. Ich hätte Hals und Beine fast gebrochen, Schaut selbst, 's ist ein Spektakel, wie ich ausseh; Und jeder Schreck purgiert mich von Natur. Ich wäre krank. LICHT. Seid Ihr bei Sinnen? – Der Herr Gerichtsrat wär sehr angenehm. – Wollt Ihr? ADAM. Zum Henker! LICHT. Was? ADAM. Der Teufel soll mich holen, Ist's nicht so gut, als hätt ich schon ein Pulver! LICHT. Das fehlt noch, dass Ihr auf den Weg ihm leuchtet. ADAM. Margrete! he! Der Sack voll Knochen! Liese! DIE BEIDEN MÄGDE. Hier sind wir ja. Was wollt Ihr? ADAM. Fort! sag ich. Kuhkäse, Schinken, Butter, Würste, Flaschen, Aus der Registratur geschafft! Und flink! – Du nicht. Die andere. – Maulaffe! Du ja! – Gotts Blitz, Margrete! Liese soll, die Kuhmagd, In die Registratur! Die erste Magd geht ab. DIE ZWEITE MAGD. Sprecht, soll man Euch verstehn! ADAM. Halt's Maul jetzt, sag ich –! Fort! schaff mir die Perücke! Marsch! Aus dem Bücherschrank! Geschwind! Pack dich! Die zweite Magd ab. LICHT zum Bedienten. Es ist dem Herrn Gerichtsrat, will ich hoffen, Nichts Böses auf der Reise zugestoßen? DER BEDIENTE. Je, nun! Wir sind im Hohlweg umgeworfen. ADAM. Pest! Mein geschundner Fuß! Ich krieg die Stiefeln – LICHT. Ei, du mein Himmel! Umgeworfen, sagt Ihr? Doch keinen Schaden weiter –? DER BEDIENTE. Nichts von Bedeutung. Der Herr verstauchte sich die Hand ein wenig. Die Deichsel brach. ADAM. Dass er den Hals gebrochen! LICHT. Die Hand verstaucht! Ei, Herr Gott! Kam der Schmidt schon? DER BEDIENTE. Ja, für die Deichsel. LICHT. Was? ADAM. Ihr meint, der Doktor. LICHT. Was? DER BEDIENTE. Für die Deichsel? ADAM. Ach, was! Für die Hand. DER BEDIENTE. Adies, ihr Herrn. – Ich glaub, die Kerls sind toll. Ab. LICHT. Den Schmidt meint ich. ADAM. Ihr gebt Euch bloß, Gevatter. LICHT. Wieso? ADAM. Ihr seid verlegen. LICHT. Was! Die erste Magd tritt auf. ADAM. He! Liese! Was hast du da? ERSTE MAGD. Braunschweiger Wurst, Herr Richter. ADAM. Das sind Pupillenakten. LICHT. Ich, verlegen! ADAM. Die kommen wieder zur Registratur. ERSTE MAGD. Die Würste? ADAM. Würste! Was! Der Einschlag hier. LICHT. Es war ein Mißverständnis. DIE ZWEITE MAGD tritt auf. Im Bücherschrank, Herr Richter, find ich die Perücke nicht. ADAM. Warum nicht? ZWEITE MAGD. Hm! Weil Ihr – ADAM. Nun? ZWEITE MAGD. Gestern abend – Glock eilf – ADAM. Nun? Werd ich's hören? ZWEITE MAGD. Ei, Ihr kamt ja, Besinnt Euch, ohne die Perück ins Haus. ADAM. Ich, ohne die Perücke? ZWEITE MAGD. In der Tat. Da ist die Liese, die's bezeugen kann. Und Eure andr' ist beim Perückenmacher. ADAM. Ich wär –? ERSTE MAGD. Ja, meiner Treu, Herr Richter Adam! Kahlköpfig wart Ihr, als Ihr wiederkamt; Ihr spracht, Ihr wärt gefallen, wisst Ihr nicht? Das Blut musst ich Euch noch vom Kopfe waschen. ADAM. Die Unverschämte! ERSTE MAGD. Ich will nicht ehrlich sein. ADAM. Halt's Maul, sag ich, es ist kein wahres Wort. LICHT. Habt Ihr die Wund seit gestern schon? ADAM. Nein, heut. Die Wunde heut und gestern die Perücke. Ich trug sie weiß gepudert auf dem Kopfe, Und nahm sie mit dem Hut, auf Ehre, bloß, Als ich ins Haus trat, aus Versehen ab. Was die gewaschen hat, das weiß ich nicht. – Scher dich zum Satan, wo du hingehörst! In die Registratur! Erste Magd ab. Geh, Margarete! Gevatter Küster soll mir seine borgen; In meine hätt die Katze heute morgen Gejungt, das Schwein! Sie läge eingesäuet Mir unterm Bette da, ich weiß nun schon. LICHT. Die Katze? Was? Seid Ihr –? ADAM. So wahr ich lebe. Fünf Junge, gelb und schwarz, und eins ist weiß. Die schwarzen will ich in der Vecht ersäufen. Was soll man machen? Wollt Ihr eine haben? LICHT. In die Perücke? ADAM. Der Teufel soll mich holen! Ich hatte die Perücke aufgehängt, Auf einen Stuhl, da ich zu Bette ging, Den Stuhl berühr ich in der Nacht, sie fällt – LICHT. Drauf nimmt die Katze sie ins Maul – ADAM. Mein Seel – LICHT. Und trägt sie unters Bett und jungt darin. ADAM. Ins Maul? Nein – LICHT. Nicht? Wie sonst? ADAM. Die Katz? Ach, was! LICHT. Nicht? Oder Ihr vielleicht? ADAM. Ins Maul! Ich glaube –! Ich stieß sie mit dem Fuße heut hinunter, Als ich es sah. LICHT. Gut, gut. ADAM. Kanaillen die! Die balzen sich und jungen, wo ein Platz ist. ZWEITE MAGD kichernd. So soll ich hingehn? ADAM. Ja, und meinen Gruß An Muhme Schwarzgewand, die Küsterin. Ich schickt ihr die Perücke unversehrt Noch heut zurück – ihm brauchst du nichts zu sagen. Verstehst du mich? ZWEITE MAGD. Ich werd es schon bestellen. Ab. Der zerbrochene Krug · 3. Auftritt Dritter Auftritt Adam und Licht. ADAM. Mir ahndet heut nichts Guts, Gevatter Licht. LICHT. Warum? ADAM. Es geht bunt alles über Ecke mir. Ist nicht auch heut Gerichtstag? LICHT. Allerdings. Die Kläger stehen vor der Türe schon. ADAM. – Mir träumt', es hätt ein Kläger mich ergriffen, Und schleppte vor den Richtstuhl mich; und ich, Ich säße gleichwohl auf dem Richtstuhl dort, Und schält' und hunzt' und schlingelte mich herunter, Und judiziert den Hals ins Eisen mir. LICHT. Wie? Ihr Euch selbst? ADAM. So wahr ich ehrlich bin. Drauf wurden beide wir zu eins, und flohn, Und mussten in den Fichten übernachten. LICHT. Nun? Und der Traum meint Ihr? ADAM. Der Teufel hol's. Wenn's auch der Traum nicht ist, ein Schabernack, Sei's, wie es woll, ist wider mich im Werk! LICHT. Die läpp'sche Furcht! Gebt Ihr nur vorschriftsmäßig, Wenn der Gerichtsrat gegenwärtig ist, Recht den Parteien auf dem Richterstuhle, Damit der Traum vom ausgehunzten Richter Auf andre Art nicht in Erfüllung geht. Der zerbrochene Krug · 4. Auftritt Vierter Auftritt Der Gerichtsrat Walter tritt auf. Die Vorigen. WALTER. Gott grüß Euch, Richter Adam. ADAM. Ei willkommen! Willkommen, gnäd'ger Herr, in unserm Huisum! Wer konnte, du gerechter Gott, wer konnte So freudigen Besuches sich gewärt'gen. Kein Traum, der heute früh Glock achte noch Zu solchem Glücke sich versteigen durfte. WALTER. Ich komm ein wenig schnell, ich weiß; und muss Auf dieser Reis, in unsrer Staaten Dienst, Zufrieden sein, wenn meine Wirte mich Mit wohlgemeintem Abschiedsgruß entlassen. Inzwischen ich, was meinen Gruß betrifft, Ich mein's von Herzen gut, schon wenn ich komme. Das Obertribunal in Utrecht will Die Rechtspfleg auf dem platten Land verbessern, Die mangelhaft von mancher Seite scheint, Und strenge Weisung hat der Missbrauch zu erwarten. Doch mein Geschäft auf dieser Reis ist noch Ein strenges nicht, sehn soll ich bloß, nicht strafen, Und find ich gleich nicht alles, wie es soll, Ich freue mich, wenn es erträglich ist. ADAM. Fürwahr, so edle Denkart muss man loben. Euer Gnaden werden hie und da, nicht zweifl' ich, Den alten Brauch im Recht zu tadeln wissen; Und wenn er in den Niederlanden gleich Seit Kaiser Karl dem Fünften schon besteht: Was lässt sich in Gedanken nicht erfinden? Die Welt, sagt unser Sprichwort, wird stets klüger, Und alles liest, ich weiß, den Pufendorf; Doch Huisum ist ein kleiner Teil der Welt, Auf den nicht mehr, nicht minder, als sein Teil nur Kann von der allgemeinen Klugheit kommen. Klärt die Justiz in Huisum gütigst auf, Und überzeugt Euch, gnäd'ger Herr, Ihr habt Ihr noch sobald den Rücken nicht gekehrt, Als sie auch völlig Euch befried'gen wird; Doch fändet Ihr sie heut im Amte schon Wie Ihr sie wünscht, mein Seel, so wär's ein Wunder, Da sie nur dunkel weiß noch, was Ihr wollt. WALTER. Es fehlt an Vorschriften, ganz recht. Vielmehr Es sind zu viel, man wird sie sichten müssen. ADAM. Ja, durch ein großes Sieb. Viel Spreu! Viel Spreu! WALTER. Das ist dort der Herr Schreiber? LICHT. Der Schreiber Licht, Zu Eurer hohen Gnaden Diensten. Pfingsten Neun Jahre, dass ich im Justizamt bin. ADAM bringt einen Stuhl. Setzt Euch. WALTER. Lasst sein. ADAM. Ihr kommt von Holla schon. WALTER. Zwei kleine Meilen – Woher wisst Ihr das? ADAM. Woher? Euer Gnaden Diener – LICHT. Ein Bauer sagt' es, Der eben jetzt von Holla eingetroffen. WALTER. Ein Bauer? ADAM. Aufzuwarten. WALTER. – Ja! Es trug sich Dort ein unangenehmer Vorfall zu, Der mir die heitre Laune störte, Die in Geschäften uns begleiten soll. – Ihr werdet davon unterrichtet sein? ADAM. Wär's wahr, gestrenger Herr? Der Richter Pfaul, Weil er Arrest in seinem Haus empfing, Verzweiflung hätt den Toren überrascht, Er hing sich auf? WALTER. Und machte Übel ärger. Was nur Unordnung schien, Verworrenheit, Nimmt jetzt den Schein an der Veruntreuung, Die das Gesetz, Ihr wisst's, nicht mehr verschont. – Wie viele Kassen habt Ihr? ADAM. Fünf, zu dienen. WALTER. Wie, fünf! Ich stand im Wahn – Gefüllte Kassen? Ich stand im Wahn, dass Ihr nur vier – ADAM. Verzeiht! Mit der Rhein-Inundations-Kollekten-Kasse? WALTER. Mit der Inundations-Kollekten-Kasse! Doch jetzo ist der Rhein nicht inundiert, Und die Kollekten gehn mithin nicht ein. – Sagt doch, Ihr habt ja wohl Gerichtstag heut? ADAM. Ob wir –? WALTER. Was? LICHT. Ja, den ersten in der Woche. WALTER. Und jene Schar von Leuten, die ich draußen Auf Eurem Flure sah, sind das –? ADAM. Das werden – LICHT. Die Kläger sind's, die sich bereits versammeln. WALTER. Gut. Dieser Umstand ist mir lieb, ihr Herren. Lasst diese Leute, wenn's beliebt, erscheinen. Ich wohne dem Gerichtsgang bei; ich sehe Wie er in Eurem Huisum üblich ist. Wir nehmen die Registratur, die Kassen, Nachher, wenn diese Sache abgetan. ADAM. Wie Ihr befehlt. – Der Büttel! He! Hanfriede! Der zerbrochene Krug · 5. Auftritt Fünfter Auftritt Die zweite Magd tritt auf. Die Vorigen. ZWEITE MAGD. Gruß von Frau Küsterin, Herr Richter Adam; So gern sie die Perück Euch auch – ADAM. Wie? Nicht? ZWEITE MAGD. Sie sagt, es wäre Morgenpredigt heute; Der Küster hätte selbst die eine auf, Und seine andre wäre unbrauchbar, Sie sollte heut zu dem Perückenmacher. ADAM. Verflucht! ZWEITE MAGD. Sobald der Küster wiederkömmt, Wird sie jedoch sogleich Euch seine schicken. ADAM. Auf meine Ehre, gnäd'ger Herr – WALTER. Was gibt's? ADAM. Ein Zufall, ein verwünschter, hat um beide Perücken mich gebracht. Und jetzt bleibt mir Die dritte aus, die ich mir leihen wollte: Ich muss kahlköpfig den Gerichtstag halten. WALTER. Kahlköpfig! ADAM. Ja, beim ewigen Gott! So sehr Ich ohne der Perücke Beistand um Mein Richteransehn auch verlegen bin. – Ich müsst es auf dem Vorwerk noch versuchen, Ob mir vielleicht der Pächter –? WALTER. Auf dem Vorwerk! Kann jemand anders hier im Orte nicht –? ADAM. Nein, in der Tat – WALTER. Der Prediger vielleicht. ADAM. Der Prediger? Der – WALTER. Oder Schulmeister. ADAM. Seit der Sackzehnde abgeschafft, Euer Gnaden, Wozu ich hier im Amte mitgewirkt, Kann ich auf beider Dienste nicht mehr rechnen. WALTER. Nun, Herr Dorfrichter? Nun? Und der Gerichtstag? Denkt Ihr zu warten, bis die Haar Euch wachsen? ADAM. Ja, wenn Ihr mir erlaubt, schick ich aufs Vorwerk. WALTER. – Wie weit ist's auf das Vorwerk? ADAM. Ei! Ein kleines Halbstündchen. WALTER. Eine halbe Stunde, was! Und Eurer Sitzung Stunde schlug bereits. Macht fort! Ich muss noch heut nach Hussahe. ADAM. Macht fort! Ja – WALTER. Ei, so pudert Euch den Kopf ein! Wo Teufel auch, wo ließt Ihr die Perücken? – Helft Euch so gut Ihr könnt. Ich habe Eile. ADAM. Auch das. DER BÜTTEL tritt auf. Hier ist der Büttel! ADAM. Kann ich inzwischen Mit einem guten Frühstück, Wurst aus Braunschweig, Ein Gläschen Danziger etwa – WALTER. Danke sehr. ADAM. Ohn Umständ! WALTER. Dank', Ihr hört's, hab's schon genossen. Geht Ihr, und nutzt die Zeit, ich brauche sie In meinem Büchlein etwas mir zu merken. ADAM. Nun, wenn Ihr so befehlt – Komm, Margarete! WALTER. – Ihr seid ja bös verletzt, Herr Richter Adam. Seid Ihr gefallen? ADAM. – Hab einen wahren Mordschlag Heut früh, als ich dem Bett entstieg, getan: Seht, gnäd'ger Herr Gerichtsrat, einen Schlag Ins Zimmer hin, ich glaubt es wär ins Grab. WALTER. Das tut mir leid. – Es wird doch weiter nicht Von Folgen sein? ADAM. Ich denke nicht. Und auch In meiner Pflicht soll's weiter mich nicht stören. – Erlaubt! WALTER. Geht, geht! ADAM zum Büttel. Die Kläger rufst du – Marsch! Adam, die Magd und der Büttel ab. Der zerbrochene Krug · 6. Auftritt Sechster Auftritt Frau Marthe, Eve, Veit und Ruprecht treten auf. – Walter und Licht im Hintergrunde. FRAU MARTHE. Ihr krugzertrümmerndes Gesindel, ihr! Ihr sollt mir büßen, ihr! VEIT. Sei Sie nur ruhig, Frau Marth! Es wird sich alles hier entscheiden. FRAU MARTHE. O ja. Entscheiden. Seht doch. Den Klugschwätzer. Den Krug mir, den zerbrochenen, entscheiden. Wer wird mir den geschiednen Krug entscheiden? Hier wird entschieden werden, dass geschieden Der Krug mir bleiben soll. Für so 'n Schiedsurteil Geb ich noch die geschiednen Scherben nicht. VEIT. Wenn Sie sich Recht erstreiten kann, Sie hört's, Ersetz ich ihn. FRAU MARTHE. Er mir den Krug ersetzen. Wenn ich mir Recht erstreiten kann, ersetzen. Setz Er den Krug mal hin, versuch Er's mal, Setz Er 'n mal hin auf das Gesims! Ersetzen! Den Krug, der kein Gebein zum Stehen hat, Zum Liegen oder Sitzen hat, ersetzen! VEIT. Sie hört's! Was geifert Sie? Kann man mehr tun? Wenn einer Ihr von uns den Krug zerbrochen, Soll Sie entschädigt werden. FRAU MARTHE. Ich entschädigt! Als ob ein Stück von meinem Hornvieh spräche. Meint Er, dass die Justiz ein Töpfer ist? Und kämen die Hochmögenden und bänden Die Schürze vor, und trügen ihn zum Ofen, Die könnten sonstwas in den Krug mir tun, Als ihn entschädigen. Entschädigen! RUPRECHT. Lass Er sie, Vater. Folg Er mir. Der Drache! 's ist der zerbrochne Krug nicht, der sie wurmt, Die Hochzeit ist es, die ein Loch bekommen, Und mit Gewalt hier denkt sie sie zu flicken. Ich aber setze noch den Fuß eins drauf: Verflucht bin ich, wenn ich die Metze nehme. FRAU MARTHE. Der eitle Flaps! Die Hochzeit ich hier flicken! Die Hochzeit, nicht des Flickdrahts, unzerbrochen Nicht einen von des Kruges Scherben wert. Und stünd die Hochzeit blankgescheuert vor mir, Wie noch der Krug auf dem Gesimse gestern, So fasst ich sie beim Griff jetzt mit den Händen, Und schlüg sie gellend ihm am Kopf entzwei, Nicht aber hier die Scherben möcht ich flicken! Sie flicken! EVE. Ruprecht! RUPRECHT. Fort du –! EVE. Liebster Ruprecht! RUPRECHT. Mir aus den Augen! EVE. Ich beschwöre dich. RUPRECHT. Die lüderliche –! Ich mag nicht sagen, was. EVE. Lass mich ein einz'ges Wort dir heimlich – RUPRECHT. Nichts! EVE. – Du gehst zum Regimente jetzt, o Ruprecht, Wer weiß, wenn du erst die Muskete trägst, Ob ich dich je im Leben wiedersehe. Krieg ist's, bedenke, Krieg, in den du ziehst: Willst du mit solchem Grolle von mir scheiden? RUPRECHT. Groll? Nein, bewahr mich Gott, das will ich nicht. Gott schenk dir so viel Wohlergehn, als er Erübrigen kann. Doch kehrt ich aus dem Kriege Gesund, mit erzgegoßnem Leib zurück, Und würd in Huisum achtzig Jahre alt, So sagt ich noch im Tode zu dir: Metze! Du willst's ja selber vor Gericht beschwören. FRAU MARTHE zu Eve. Hinweg! Was sagt ich dir? Willst du dich noch Beschimpfen lassen? Der Herr Korporal Ist was für dich, der würd'ge Holzgebein, Der seinen Stock im Militär geführt, Und nicht dort der Maulaffe, der dem Stock Jetzt seinen Rücken bieten wird. Heut ist Verlobung, Hochzeit, wäre Taufe heute, Es wär mir recht, und mein Begräbnis leid ich, Wenn ich dem Hochmut erst den Kamm zertreten, Der mir bis an die Krüge schwillet. EVE. Mutter! Lasst doch den Krug! Lasst mich doch in der Stadt versuchen, Ob ein geschickter Handwerksmann die Scherben Nicht wieder Euch zur Lust zusammenfügt. Und wär's um ihn geschehn, nehmt meine ganze Sparbüchse hin, und kauft Euch einen neuen. Wer wollte doch um einen irdnen Krug, Und stammt er von Herodes' Zeiten her, Solch einen Aufruhr, so viel Unheil stiften. FRAU MARTHE. Du sprichst, wie du's verstehst. Willst du etwa Die Fiedel tragen, Evchen, in der Kirche Am nächsten Sonntag reuig Buße tun? Dein guter Name lag in diesem Topfe, Und vor der Welt mit ihm ward er zerstoßen, Wenn auch vor Gott nicht, und vor mir und dir. Der Richter ist mein Handwerksmann, der Schergen, Der Block ist's, Peitschenhiebe, die es braucht, Und auf den Scheiterhaufen das Gesindel, Wenn's unsre Ehre weiß zu brennen gilt, Und diesen Krug hier wieder zu glasieren. Der zerbrochene Krug · 7. Auftritt Siebenter Auftritt Adam im Ornat, doch ohne Perücke, tritt auf. Die Vorigen. ADAM für sich. Ei, Evchen. Sieh! Und der vierschröt'ge Schlingel, Der Ruprecht! Ei, was Teufel, sieh! die ganze Sippschaft! – Die werden mich doch nicht bei mir verklagen? EVE. O liebste Mutter, folgt mir, ich beschwör Euch, Lasst diesem Unglückszimmer uns entfliehen! ADAM. Gevatter! Sagt mir doch, was bringen die? LICHT. Was weiß ich? Lärm um nichts; Lappalien. Es ist ein Krug zerbrochen worden, hör ich. ADAM. Ein Krug! So! Ei! – Ei, wer zerbrach den Krug? LICHT. Wer ihn zerbrochen? ADAM. Ja, Gevatterchen. LICHT. Mein Seel, setzt Euch: so werdet Ihr's erfahren. ADAM heimlich. Evchen! EVE gleichfalls. Geh Er. ADAM. Ein Wort. EVE. Ich will nichts wissen. ADAM. Was bringt ihr mir? EVE. Ich sag Ihm, Er soll gehn. ADAM. Evchen! Ich bitte dich! Was soll mir das bedeuten? EVE. Wenn Er nicht gleich –! Ich sag's Ihm, lass Er mich. ADAM zu Licht. Gevatter, hört, mein Seel, ich halt's nicht aus. Die Wund am Schienbein macht mir Übelkeiten; Führt Ihr die Sach, ich will zu Bette gehn. LICHT. Zu Bett –? Ihr wollt –? Ich glaub, Ihr seid verrückt. ADAM. Der Henker hol's. Ich muss mich übergeben. LICHT. Ich glaub, Ihr rast, im Ernst. Soeben kommt Ihr –? – Meinthalben. Sagt's dem Herrn Gerichtsrat dort. Vielleicht erlaubt er's. – Ich weiß nicht, was Euch fehlt? ADAM wieder zu Even. Evchen! Ich flehe dich! Um alle Wunden! Was ist's, das ihr mir bringt? EVE. Er wird's schon hören. ADAM. Ist's nur der Krug dort, den die Mutter hält, Den ich so viel –? EVE. Ja, der zerbrochne Krug nur. ADAM. Und weiter nichts? EVE. Nichts weiter. ADAM. Nichts? Gewiss nichts? EVE. Ich sag Ihm, geh Er. Lass Er mich zufrieden. ADAM. Hör du, bei Gott, sei klug, ich rat es dir. EVE. Er, Unverschämter! ADAM. In dem Attest steht Der Name jetzt, Frakturschrift, Ruprecht Tümpel. Hier trag ich's fix und fertig in der Tasche; Hörst du es knackern, Evchen? Sieh, das kannst du, Auf meine Ehr, heut übers Jahr dir holen, Dir Trauerschürz und Mieder zuzuschneiden, Wenn's heißt: der Ruprecht in Batavia Krepiert' – ich weiß, an welchem Fieber nicht, War's gelb, war's scharlach, oder war es faul. WALTER. Sprecht nicht mit den Partein, Herr Richter Adam, Vor der Session! Hier setzt Euch, und befragt sie. ADAM. Was sagt er? – Was befehlen Euer Gnaden? WALTER. Was ich befehl? – Ich sagte deutlich Euch, Dass Ihr nicht heimlich vor der Sitzung sollt Mit den Partein zweideut'ge Sprache führen. Hier ist der Platz, der Eurem Amt gebührt, Und öffentlich Verhör, was ich erwarte. ADAM für sich. Verflucht! Ich kann mich nicht dazu entschließen –! – Es klirrte etwas, da ich Abschied nahm – LICHT ihn aufschreckend. Herr Richter! Seid Ihr –? ADAM. Ich? Auf Ehre nicht! Ich hatte sie behutsam drauf gehängt, Und müsst ein Ochs gewesen sein – LICHT. Was? ADAM. Was? LICHT. Ich fragte –! ADAM. Ihr fragtet, ob ich –? LICHT. Ob Ihr taub seid, fragt ich. Dort Seiner Gnaden haben Euch gerufen. ADAM. Ich glaubte –! Wer ruft? LICHT. Der Herr Gerichtsrat dort. ADAM für sich. Ei! Hol's der Henker auch! Zwei Fälle gibt's, Mein Seel, nicht mehr, und wenn's nicht biegt, so bricht's. – Gleich! Gleich! Gleich! Was befehlen Euer Gnaden? Soll jetzt die Prozedur beginnen? WALTER. Ihr seid ja sonderbar zerstreut. Was fehlt Euch? ADAM. – Auf Ehr! Verzeiht. Es hat ein Perlhuhn mir, Das ich von einem Indienfahrer kaufte, Den Pips: ich soll es nudeln, und versteh's nicht, Und fragte dort die Jungfer bloß um Rat. Ich bin ein Narr in solchen Dingen, seht, Und meine Hühner nenn ich meine Kinder. WALTER. Hier. Setzt Euch. Ruft den Kläger und vernehmt ihn. Und Ihr, Herr Schreiber, führt das Protokoll. ADAM. Befehlen Euer Gnaden den Prozess Nach den Formalitäten, oder so, Wie er in Huisum üblich ist, zu halten? WALTER. Nach den gesetzlichen Formalitäten, Wie er in Huisum üblich ist, nicht anders. ADAM. Gut, gut. Ich werd Euch zu bedienen wissen. Seid Ihr bereit, Herr Schreiber? LICHT. Zu Euren Diensten. ADAM. – So nimm, Gerechtigkeit, denn deinen Lauf! Klägere trete vor. FRAU MARTHE. Hier, Herr Dorfrichter! ADAM. Wer seid Ihr? FRAU MARTHE. Wer –? ADAM. Ihr. FRAU MARTHE. Wer ich –? ADAM. Wer Ihr seid! Wes Namens, Standes, Wohnorts, und so weiter. FRAU MARTHE. Ich glaub, Er spaßt, Herr Richter. ADAM. Spaßen, was! Ich sitz im Namen der Justiz, Frau Marthe, Und die Justiz muss wissen, wer Ihr seid. LICHT halblaut. Lasst doch die sonderbare Frag – FRAU MARTHE. Ihr guckt Mir alle Sonntag in die Fenster ja, Wenn Ihr aufs Vorwerk geht! WALTER. Kennt Ihr die Frau? ADAM. Sie wohnt hier um die Ecke, Euer Gnaden, Wenn man den Fußsteig durch die Hecken geht; Witw' eines Kastellans, Hebamme jetzt, Sonst eine ehrliche Frau, von gutem Rufe. WALTER. Wenn Ihr so unterrichtet seid, Herr Richter, So sind dergleichen Fragen überflüssig. Setzt ihren Namen in das Protokoll, Und schreibt dabei: dem Amte wohlbekannt. ADAM. Auch das. Ihr seid nicht für Formalitäten. Tut so, wie Seiner Gnaden anbefohlen. WALTER. Fragt nach dem Gegenstand der Klage jetzt. ADAM. Jetzt soll ich –? WALTER. Ja, den Gegenstand ermitteln! ADAM. Das ist gleichfalls ein Krug, verzeiht. WALTER. Wie? Gleichfalls! ADAM. Ein Krug. Ein bloßer Krug. Setzt einen Krug, Und schreibt dabei: dem Amte wohlbekannt. LICHT. Auf meine hingeworfene Vermutung Wollt Ihr, Herr Richter –? ADAM. Mein Seel, wenn ich's Euch sage, So schreibt Ihr's hin. Ist's nicht ein Krug, Frau Marthe? FRAU MARTHE. Ja, hier der Krug – ADAM. Da habt Ihr's. FRAU MARTHE. Der zerbrochne – ADAM. Pedantische Bedenklichkeit. LICHT. Ich bitt Euch – ADAM. Und wer zerbrach den Krug? Gewiss der Schlingel –? FRAU MARTHE. Ja, er, der Schlingel dort – ADAM für sich. Mehr brauch ich nicht. RUPRECHT. Das ist nicht wahr, Herr Richter. ADAM für sich. Auf, aufgelebt, du alter Adam! RUPRECHT. Das lügt sie in den Hals hinein – ADAM. Schweig, Maulaffe! Du steckst den Hals noch früh genug ins Eisen. – Setzt einen Krug, Herr Schreiber, wie gesagt, Zusamt dem Namen des, der ihn zerschlagen. Jetzt wird die Sache gleich ermittelt sein. WALTER. Herr Richter! Ei! Welch ein gewaltsames Verfahren. ADAM. Wieso? LICHT. Wollt Ihr nicht förmlich –? ADAM. Nein! sag ich; Ihr Gnaden lieben Förmlichkeiten nicht. WALTER. Wenn Ihr die Instruktion, Herr Richter Adam, Nicht des Prozesses einzuleiten wisst, Ist hier der Ort jetzt nicht, es Euch zu lehren. Wenn Ihr Recht anders nicht, als so, könnt geben, So tretet ab: vielleicht kann's Euer Schreiber. ADAM. Erlaubt! Ich gab's, wie's hier in Huisum üblich; Euer Gnaden haben's also mir befohlen. WALTER. Ich hätt –? ADAM. Auf meine Ehre! WALTER. Ich befahl Euch, Recht hier nach den Gesetzen zu erteilen; Und hier in Huisum glaubt ich die Gesetze, Wie anderswo in den vereinten Staaten. ADAM. Da muss submiß ich um Verzeihung bitten! Wir haben hier, mit Euerer Erlaubnis, Statuten, eigentümliche, in Huisum, Nicht aufgeschriebene, muss ich gestehn, doch durch Bewährte Tradition uns überliefert. Von dieser Form, getrau ich mir zu hoffen, Bin ich noch heut kein Jota abgewichen. Doch auch in Eurer andern Form bin ich, Wie sie im Reich mag üblich sein, zu Hause. Verlangt Ihr den Beweis? Wohlan, befehlt! Ich kann Recht so jetzt, jetzo so erteilen. WALTER. Ihr gebt mir schlechte Meinungen, Herr Richter. Es sei. Ihr fangt von vorn die Sache an. – ADAM. Auf Ehr! Gebt acht, Ihr sollt zufrieden sein. – Frau Marthe Rull! Bringt Eure Klage vor. FRAU MARTHE. Ich klag, Ihr wisst's, hier wegen dieses Krugs; Jedoch vergönnt, dass ich, bevor ich melde Was diesem Krug geschehen, auch beschreibe Was er vorher mir war. ADAM. Das Reden ist an Euch. FRAU MARTHE. Seht ihr den Krug, ihr wertgeschätzten Herren? Seht ihr den Krug? ADAM. O ja, wir sehen ihn. FRAU MARTHE. Nichts seht ihr, mit Verlaub, die Scherben seht ihr; Der Krüge schönster ist entzweigeschlagen. Hier grade auf dem Loch, wo jetzo nichts, Sind die gesamten niederländischen Provinzen Dem span'schen Philipp übergeben worden. Hier im Ornat stand Kaiser Karl der Fünfte: Von dem seht ihr nur noch die Beine stehn. Hier kniete Philipp, und empfing die Krone: Der liegt im Topf, bis auf den Hinterteil, Und auch noch der hat einen Stoß empfangen. Dort wischten seine beiden Muhmen sich, Der Franzen und der Ungarn Königinnen, Gerührt die Augen aus; wenn man die eine Die Hand noch mit dem Tuch empor sieht heben, So ist's, als weinete sie über sich. Hier im Gefolge stützt sich Philibert, Für den den Stoß der Kaiser aufgefangen, Noch auf das Schwert; doch jetzo müsst er fallen, So gut wie Maximilian: der Schlingel! Die Schwerter unten jetzt sind weggeschlagen. Hier in der Mitte, mit der heil'gen Mütze, Sah man den Erzbischof von Arras stehn; Den hat der Teufel ganz und gar geholt, Sein Schatten nur fällt lang noch übers Pflaster. Hier standen rings, im Grunde, Leibtrabanten, Mit Hellebarden, dicht gedrängt, und Spießen, Hier Häuser, seht, vom großen Markt zu Brüssel, Hier guckt noch ein Neugier'ger aus dem Fenster: Doch was er jetzo sieht, das weiß ich nicht. ADAM. Frau Marth! Erlaßt uns das zerscherbte Paktum, Wenn es zur Sache nicht gehört. Uns geht das Loch – nichts die Provinzen an, Die darauf übergeben worden sind. FRAU MARTHE. Erlaubt! Wie schön der Krug, gehört zur Sache! – Den Krug erbeutete sich Childerich, Der Kesselflicker, als Oranien Briel mit den Wassergeusen überrumpelte. Ihn hatt ein Spanier, gefüllt mit Wein, Just an den Mund gesetzt, als Childerich Den Spanier von hinten niederwarf, Den Krug ergriff, ihn leert', und weiter ging. ADAM. Ein würd'ger Wassergeuse. FRAU MARTHE. Hierauf vererbte Der Krug auf Fürchtegott, den Totengräber; Der trank zu dreimal nur, der Nüchterne, Und stets vermischt mit Wasser aus dem Krug. Das erstemal, als er im Sechzigsten Ein junges Weib sich nahm; drei Jahre drauf, Als sie noch glücklich ihn zum Vater machte; Und als sie jetzt noch funfzehn Kinder zeugte, Trank er zum dritten Male, als sie starb. ADAM. Gut. Das ist auch nicht übel. FRAU MARTHE. Drauf fiel der Krug An den Zachäus, Schneider in Tirlemont, Der meinem sel'gen Mann, was ich euch jetzt Berichten will, mit eignem Mund erzählt. Der warf, als die Franzosen plünderten, Den Krug, samt allem Hausrat, aus dem Fenster, Sprang selbst, und brach den Hals, der Ungeschickte, Und dieser irdne Krug, der Krug von Ton, Aufs Bein kam er zu stehen, und blieb ganz. ADAM. Zur Sache, wenn's beliebt, Frau Marthe Rull! Zur Sache! FRAU MARTHE. Drauf in der Feuersbrunst von sechsundsechzig, Da hatt ihn schon mein Mann, Gott hab ihn selig – ADAM. Zum Teufel! Weib! So seid Ihr noch nicht fertig? FRAU MARTHE. – Wenn ich nicht reden soll, Herr Richter Adam, So bin ich unnütz hier, so will ich gehn, Und ein Gericht mir suchen, das mich hört. WALTER. Ihr sollt hier reden: doch von Dingen nicht, Die Eurer Klage fremd. Wenn Ihr uns sagt, Dass jener Krug Euch wert, so wissen wir So viel, als wir zum Richten hier gebrauchen. FRAU MARTHE. Wieviel ihr brauchen möget, hier zu richten, Das weiß ich nicht, und untersuch es nicht; Das aber weiß ich, dass ich, um zu klagen, Muss vor euch sagen dürfen, über was. WALTER. Gut denn. Zum Schluss jetzt. Was geschah dem Krug? Was? – Was geschah dem Krug im Feuer Von Anno sechsundsechzig? Wird man's hören? Was ist dem Krug geschehn? FRAU MARTHE. Was ihm geschehen? Nichts ist dem Krug, ich bitt euch sehr, ihr Herren, Nichts Anno sechsundsechzig ihm geschehen. Ganz blieb der Krug, ganz in der Flammen Mitte, Und aus des Hauses Asche zog ich ihn Hervor, glasiert, am andern Morgen, glänzend, Als käm er eben aus dem Töpferofen. WALTER. Nun gut. Nun kennen wir den Krug. Nun wissen Wir alles, was dem Krug geschehn, was nicht. Was gibt's jetzt weiter? FRAU MARTHE. Nun diesen Krug jetzt seht – den Krug, Zertrümmert einen Krug noch wert, den Krug Für eines Fräuleins Mund, die Lippe selbst Nicht der Frau Erbstatthalterin zu schlecht, Den Krug, ihr hohen Herren Richter beide, Den Krug hat jener Schlingel mir zerbrochen. ADAM. Wer? FRAU MARTHE. Er, der Ruprecht dort. RUPRECHT. Das ist gelogen, Herr Richter. ADAM. Schweig Er, bis man Ihn fragen wird. Auch heut an Ihn noch wird die Reihe kommen. – Habt Ihr's im Protokoll bemerkt? LICHT. O ja. ADAM. Erzählt den Hergang, würdige Frau Marthe. FRAU MARTHE. Es war Uhr eilfe gestern – ADAM. Wann, sagt Ihr? FRAU MARTHE. Uhr eilf. ADAM. Am Morgen! FRAU MARTHE. Nein, verzeiht, am Abend, Und schon die Lamp im Bette wollt ich löschen, Als laute Männerstimmen, ein Tumult, In meiner Tochter abgelegnen Kammer, Als ob der Feind einbräche, mich erschreckt. Geschwind die Trepp eil ich hinab, ich finde Die Kammertür gewaltsam eingesprengt, Schimpfreden schallen wütend mir entgegen, Und da ich mir den Auftritt jetzt beleuchte, Was find ich jetzt, Herr Richter, was jetzt find ich? Den Krug find ich zerscherbt im Zimmer liegen, In jedem Winkel liegt ein Stück, Das Mädchen ringt die Händ, und er der Flaps dort, Der trotzt, wie toll, Euch in des Zimmers Mitte. ADAM. Ei, Wetter! FRAU MARTHE. Was? ADAM. Sieh da, Frau Marthe! FRAU MARTHE. Ja! – Drauf ist's, als ob in so gerechtem Zorn, Mir noch zehn Arme wüchsen, jeglichen Fühl ich mir wie ein Geier ausgerüstet. Ihn stell ich dort zu Rede, was er hier In später Nacht zu suchen, mir die Krüge Des Hauses tobend einzuschlagen habe: Und er, zur Antwort gibt er mir, jetzt ratet? Der Unverschämte! Der Halunke, der! Aufs Rad will ich ihn sehen, oder mich Nicht mehr geduldig auf den Rücken legen: Er spricht, es hab ein anderer den Krug Vom Sims gestürzt – ein anderer, ich bitt Euch, Der vor ihm aus der Kammer nur entwichen; – Und überhäuft mit Schimpf mir da das Mädchen. ADAM. Oh! faule Fische – Hierauf? FRAU MARTHE. Auf dies Wort Seh ich das Mädchen fragend an; die steht Gleich einer Leiche da, ich sage: Eve! – Sie setzt sich; ist's ein anderer gewesen, Frag ich? Und Joseph und Maria, ruft sie, Was denkt Ihr Mutter auch? – So sprich! Wer war's? Wer sonst, sagt sie, – und wer auch konnt es anders? Und schwört mir zu, dass er's gewesen ist. EVE. Was schwor ich Euch? Was hab ich Euch geschworen? Nichts schwor ich, nichts Euch – FRAU MARTHE. Eve! EVE. Nein! Dies lügt Ihr. – RUPRECHT. Da hört ihr's. ADAM. Hund, jetzt, verfluchter, schweig, Soll hier die Faust den Rachen dir noch stopfen! Nachher ist Zeit für dich, nicht jetzt. FRAU MARTHE. Du hättest nicht –? EVE. Nein, Mutter! Dies verfälscht Ihr. Seht, leid tut's in der Tat mir tief zur Seele, Dass ich es öffentlich erklären muss: Doch nichts schwor ich, nichts, nichts hab ich geschworen. ADAM. Seid doch vernünftig, Kinder. LICHT. Das ist ja seltsam. FRAU MARTHE. Du hättest mir, o Eve, nicht versichert? Nicht Joseph und Maria angerufen? EVE. Beim Schwur nicht! Schwörend nicht! Seht dies jetzt schwör ich, Und Joseph und Maria ruf ich an. ADAM. Ei, Leutchen! Ei, Frau Marthe! Was auch macht Sie? Wie schüchtert Sie das gute Kind auch ein. Wenn sich die Jungfer wird besonnen haben, Erinnert ruhig dessen, was geschehen, – Ich sage, was geschehen ist, und was, Spricht sie nicht, wie sie soll, geschehn noch kann. Gebt acht, so sagt sie heut uns aus, wie gestern, Gleichviel, ob sie's beschwören kann ob nicht. Lasst Joseph und Maria aus dem Spiele. WALTER. Nicht doch, Herr Richter, nicht! Wer wollte den Parteien so zweideut'ge Lehren geben. FRAU MARTHE. Wenn sie ins Angesicht mir sagen kann, Schamlos, die liederliche Dirne, die, Dass es ein andrer, als der Ruprecht war, So mag meintwegen sie – ich mag nicht sagen, was. Ich aber, ich versichr' es Euch, Herr Richter, Und kann ich gleich nicht, dass sie's schwor, behaupten, Dass sie's gesagt hat gestern, das beschwör ich, Und Joseph und Maria ruf ich an. ADAM. Nun weiter will ja auch die Jungfer – WALTER. Herr Richter! ADAM. Euer Gnaden? – Was sagt er? – Nicht, Herzens-Evchen? FRAU MARTHE. Heraus damit! Hast du's mir nicht gesagt? Hast du's mir gestern nicht, mir nicht gesagt? EVE. Wer leugnet Euch, dass ich's gesagt – ADAM. Da habt ihr's. RUPRECHT. Die Metze, die! ADAM. Schreibt auf. VEIT. Pfui, schäm Sie sich. WALTER. Von Eurer Aufführung, Herr Richter Adam, Weiß ich nicht, was ich denken soll. Wenn Ihr selbst Den Krug zerschlagen hättet, könntet Ihr Von Euch ab den Verdacht nicht eifriger Hinwälzen auf den jungen Mann, als jetzt. – Ihr setzt nicht mehr ins Protokoll, Herr Schreiber, Als nur der Jungfer Eingeständnis, hoff ich, Vom gestrigen Geständnis, nicht vom Facto. – Ist's an die Jungfer jetzt schon auszusagen? ADAM. Mein Seel, wenn's ihre Reihe noch nicht ist, In solchen Dingen irrt der Mensch, Euer Gnaden. Wen hätt ich fragen sollen jetzt? Beklagten? Auf Ehr! Ich nehme gute Lehre an. WALTER. Wie unbefangen! – Ja, fragt den Beklagten. Fragt, macht ein Ende, fragt, ich bitt Euch sehr: Dies ist die letzte Sache, die Ihr führt. ADAM. Die letzte! Was! Ei freilich! Den Beklagten! Wohin auch, alter Richter, dachtest du? Verflucht, das pips'ge Perlhuhn mir! Dass es Krepiert wär an der Pest in Indien! Stets liegt der Kloß von Nudeln mir im Sinn. WALTER. Was liegt? Was für ein Kloß liegt Euch –? ADAM. Der Nudelkloß, Verzeiht, den ich dem Huhne geben soll. Schluckt mir das Aas die Pille nicht herunter, Mein Seel, so weiß ich nicht, wie's werden wird. WALTER. Tut Eure Schuldigkeit, sag ich, zum Henker! ADAM. Beklagter trete vor. RUPRECHT. Hier, Herr Dorfrichter. Ruprecht, Veits des Kossäten Sohn, aus Huisum. ADAM. Vernahm Er dort, was vor Gericht soeben Frau Marthe gegen Ihn hat angebracht? RUPRECHT. Ja, Herr Dorfrichter, das hab ich. ADAM. Getraut Er sich Etwas dagegen aufzubringen, was? Bekennt Er, oder unterfängt Er sich, Hier wie ein gottvergeßner Mensch zu leugnen? RUPRECHT. Was ich dagegen aufzubringen habe, Herr Richter? Ei! Mit Euerer Erlaubnis, Dass sie kein wahres Wort gesprochen hat. ADAM. So? Und das denkt Er zu beweisen? RUPRECHT. O ja. ADAM. Die würdige Frau Marthe, die. Beruhige Sie sich. Es wird sich finden. WALTER. Was geht Ihn die Frau Marthe an, Herr Richter? ADAM. Was mir –? Bei Gott! Soll ich als Christ –? WALTER. Bericht Er, was Er für sich anzuführen hat. – Herr Schreiber, wisst Ihr den Prozess zu führen? ADAM. Ach, was! LICHT. Ob ich – ei nun, wenn Euer Gnaden – ADAM. Was glotzt Er da? Was hat Er aufzubringen? Steht nicht der Esel, wie ein Ochse, da? Was hat Er aufzubringen? RUPRECHT. Was ich aufzubringen? WALTER. Er ja, Er soll den Hergang jetzt erzählen. RUPRECHT. Mein Seel, wenn man zu Wort mich kommen ließe. WALTER. 's ist in der Tat, Herr Richter, nicht zu dulden. RUPRECHT. Glock zehn Uhr mocht es etwa sein zu Nacht, – Und warm, just diese Nacht des Januars Wie Mai, als ich zum Vater sage: Vater! Ich will ein bissel noch zur Eve gehn. Denn heuren wollt ich sie, das müsst ihr wissen, Ein rüstig Mädel ist's, ich hab's beim Ernten Gesehn, wo alles von der Faust ihr ging, Und ihr das Heu man flog, als wie gemaust. Da sagt' ich: willst du? Und sie sagte: ach! Was du da gakelst. Und nachher sagt' sie, ja. ADAM. Bleib Er bei seiner Sache. Gakeln! Was! Ich sagte, willst du? Und sie sagte, ja. RUPRECHT. Ja, meiner Treu, Herr Richter. WALTER. Weiter! Weiter! RUPRECHT. Nun – Da sagt ich: Vater, hört Er? Lass Er mich. Wir schwatzen noch am Fenster was zusammen. Na, sagt er, lauf; bleibst du auch draußen, sagt er? Ja, meiner Seel, sag ich, das ist geschworen. Na, sagt er, lauf, um eilfe bist du hier. ADAM. Na, so sag du, und gakle, und kein Ende. Na, hat er bald sich ausgesagt? RUPRECHT. Na, sag ich, Das ist ein Wort, und setz die Mütze auf, Und geh; und übern Steig will ich, und muss Durchs Dorf zurückgehn, weil der Bach geschwollen. Ei, alle Wetter, denk ich, Ruprecht, Schlag! Nun ist die Gartentür bei Marthens zu: Denn bis um zehn lässt 's Mädel sie nur offen, Wenn ich um zehn nicht da bin, komm ich nicht. ADAM. Die liederliche Wirtschaft, die. WALTER. Drauf weiter? RUPRECHT. Drauf – wie ich übern Lindengang mich näh're, Bei Marthens, wo die Reihen dicht gewölbt, Und dunkel, wie der Dom zu Utrecht, sind, Hör ich die Gartentüre fernher knarren. Sieh da! Da ist die Eve noch! sag ich, Und schicke freudig Euch, von wo die Ohren Mir Kundschaft brachten, meine Augen nach – – Und schelte sie, da sie mir wiederkommen, Für blind, und schicke auf der Stelle sie Zum zweitenmal, sich besser umzusehen, Und schimpfe sie nichtswürdige Verleumder, Aufhetzer, niederträcht'ge Ohrenbläser, Und schicke sie zum drittenmal, und denke, Sie werden, weil sie ihre Pflicht getan, Unwillig los sich aus dem Kopf mir reißen, Und sich in einen andern Dienst begeben: Die Eve ist's, am Latz erkenn ich sie, Und einer ist's noch obenein. ADAM. So? Einer noch? Und wer, Er Klugschwätzer? RUPRECHT. Wer? Ja, mein Seel, da fragt Ihr mich – ADAM. Nun also! Und nicht gefangen, denk ich, nicht gehangen. WALTER. Fort! Weiter in der Rede! Lasst ihn doch! Was unterbrecht Ihr ihn, Herr Dorfrichter? RUPRECHT. Ich kann das Abendmahl darauf nicht nehmen, Stockfinster war's, und alle Katzen grau. Doch müsst Ihr wissen, dass der Flickschuster, Der Lebrecht, den man kürzlich losgesprochen, Dem Mädel längst mir auf die Fährte ging. Ich sagte vor'gen Herbst schon: Eve, höre, Der Schuft schleicht mir ums Haus, das mag ich nicht; Sag ihm, dass du kein Braten bist für ihn, Mein Seel, sonst werf ich ihn vom Hof herunter. Die spricht: ich glaub, du schierst mich, sagt ihm was, Das ist nicht hin, nicht her, nicht Fisch, nicht Fleisch: Drauf geh ich hin, und werf den Schlingel herunter. ADAM. So? Lebrecht heißt der Kerl? RUPRECHT. Ja, Lebrecht. ADAM. Gut. Das ist ein Nam. Es wird sich alles finden. – Habt Ihr's bemerkt im Protokoll, Herr Schreiber? LICHT. O ja, und alles andere, Herr Richter. ADAM. Sprich weiter, Ruprecht, jetzt, mein Sohn. RUPRECHT. Nun schießt, Da ich Glock eilf das Pärchen hier begegne, – Glock zehn Uhr zog ich immer ab – das Blatt mir. Ich denke, halt, jetzt ist's noch Zeit, o Ruprecht, Noch wachsen dir die Hirschgeweihe nicht: – Hier musst du sorgsam dir die Stirn befühlen, Ob dir von fern hornartig etwas keimt. Und drücke sacht mich durch die Gartenpforte, Und berg in einen Strauch von Taxus mich: Und hör Euch ein Gefispre hier, ein Scherzen, Ein Zerren hin, Herr Richter, Zerren her, Mein Seel, ich denk, ich soll vor Lust – EVE. Du Böswicht! Was das, o schändlich ist von dir! FRAU MARTHE. Halunke! Dir weis ich noch einmal, wenn wir allein sind, Die Zähne! Wart! Du weißt noch nicht, wo mir Die Haare wachsen! Du sollst's erfahren! RUPRECHT. Ein Viertelstündchen dauert's so, ich denke, Was wird's doch werden, ist doch heut nicht Hochzeit? Und eh ich den Gedanken ausgedacht, Husch! sind sie beid ins Haus schon, vor dem Pastor. EVE. Geht, Mutter, mag es werden, wie es will – ADAM. Schweig du mir dort, rat ich, das Donnerwetter Schlägt über dich ein, unberufne Schwätzerin! Wart, bis ich auf zur Red dich rufen werde. WALTER. Sehr sonderbar, bei Gott! RUPRECHT. Jetzt hebt, Herr Richter Adam Jetzt hebt sich's, wie ein Blutsturz, mir. Luft! Da mir der Knopf am Brustlatz springt: Luft jetzt! Und reiße mir den Latz auf: Luft jetzt sag ich! Und geh, und drück, und tret und donnere, Da ich der Dirne Tür verriegelt finde, Gestemmt, mit Macht, auf einen Tritt, sie ein. ADAM. Blitzjunge, du! RUPRECHT. Just da sie auf jetzt rasselt, Stürzt dort der Krug vom Sims ins Zimmer hin, Und husch! springt einer aus dem Fenster Euch: Ich seh die Schöße noch vom Rocke wehn. ADAM. War das der Leberecht? RUPRECHT. Wer sonst, Herr Richter? Das Mädchen steht, die werf ich übern Haufen, Zum Fenster eil ich hin, und find den Kerl Noch in den Pfählen hangen, am Spalier, Wo sich das Weinlaub aufrankt bis zum Dach. Und da die Klinke in der Hand mir blieb, Als ich die Tür eindonnerte, so reiß ich Jetzt mit dem Stahl eins pfundschwer übern Detz ihm: Den just, Herr Richter, konnt ich noch erreichen. ADAM. War's eine Klinke? RUPRECHT. Was? ADAM. Ob's – RUPRECHT. Ja, die Türklinke. ADAM. Darum. LICHT. Ihr glaubtet wohl, es war ein Degen? ADAM. Ein Degen? Ich – wieso? RUPRECHT. Ein Degen! LICHT. Je nun! Man kann sich wohl verhören. Eine Klinke Hat sehr viel Ähnlichkeit mit einem Degen. ADAM. Ich glaub –! LICHT. Bei meiner Treu! Der Stiel, Herr Richter? ADAM. Der Stiel! RUPRECHT. Der Stiel! Der war's nun aber nicht. Der Klinke umgekehrtes Ende war's. ADAM. Das umgekehrte Ende war's der Klinke! LICHT. So! So! RUPRECHT. Doch auf dem Griffe lag ein Klumpen Blei, wie ein Degengriff, das muss ich sagen. ADAM. Ja, wie ein Griff. LICHT. Gut. Wie ein Degengriff. Doch irgendeine tück'sche Waffe musst es Gewesen sein. Das wußt ich wohl. WALTER. Zur Sache stets, ihr Herrn, doch! Zur Sache! ADAM. Nichts als Allotrien, Herr Schreiber! – Er, weiter! RUPRECHT. Jetzt stürzt der Kerl, und ich schon will mich wenden, Als ich's im Dunkeln auf sich rappeln sehe. Ich denke, lebst du noch? und steig aufs Fenster Und will dem Kerl das Gehen unten legen: Als jetzt, ihr Herrn, da ich zum Sprung just aushol, Mir eine Handvoll grobgekörnten Sandes – – Und Kerl und Nacht und Welt und Fensterbrett, Worauf ich steh, denk ich nicht, straf mich Gott, Das alles fällt in einen Sack zusammen – Wie Hagel, stiebend, in die Augen fliegt. ADAM. Verflucht! Sieh da! Wer tat das? RUPRECHT. Wer? Der Lebrecht. ADAM. Halunke! RUPRECHT. Meiner Treu! Wenn er's gewesen. ADAM. Wer sonst! RUPRECHT. Als stürzte mich ein Schloßenregen Von eines Bergs zehn Klaftern hohen Abhang, So schlag ich jetzt vom Fenster Euch ins Zimmer: Ich denk, ich schmettere den Boden ein. Nun brech ich mir den Hals doch nicht, auch nicht Das Kreuz mir, Hüften, oder sonst, inzwischen Konnt ich des Kerls doch nicht mehr habhaft werden, Und sitze auf, und wische mir die Augen. Die kommt, und ach, Herr Gott! ruft sie, und Ruprecht! Was ist dir auch? Mein Seel, ich hob den Fuß, Gut war's, dass ich nicht sah, wohin ich stieß. ADAM. Kam das vom Sande noch? RUPRECHT. Vom Sandwurf, ja. ADAM. Verdammt! Der traf! RUPRECHT. Da ich jetzt aufersteh Was sollt ich auch die Fäuste hier mir schänden? So schimpf ich sie, und sage liederliche Metze, Und denke, das ist gut genug für sie. Doch Tränen, seht, ersticken mir die Sprache. Denn da Frau Marthe jetzt ins Zimmer tritt, Die Lampe hebt, und ich das Mädchen dort Jetzt schlotternd, zum Erbarmen vor mir sehe, Sie, die so herzhaft sonst wohl um sich sah, So sag ich zu mir, blind ist auch nicht übel. Ich hätte meine Augen hingegeben, Knippkügelchen, wer will, damit zu spielen. EVE. Er ist nicht wert, der Böswicht – ADAM. Sie soll schweigen. RUPRECHT. Das Weitre wisst ihr. ADAM. Wie, das Weitere? RUPRECHT. Nun ja, Frau Marthe kam, und geiferte, Und Ralf, der Nachbar, kam, und Hinz, der Nachbar, Und Muhme Sus' und Muhme Liese kamen, Und Knecht und Mägd und Hund und Katzen kamen, 's war ein Spektakel, und Frau Marthe fragte Die Jungfer dort, wer ihr den Krug zerschlagen, Und die, die sprach, ihr wisst's, dass ich's gewesen. Mein Seel, sie hat so unrecht nicht, ihr Herren. Den Krug, den sie zu Wasser trug, zerschlug ich, Und der Flickschuster hat im Kopf ein Loch. – ADAM. Frau Marthe! Was entgegnet Ihr der Rede? Sagt an! FRAU MARTHE. Was ich der Red entgegene? Dass sie, Herr Richter, wie der Marder einbricht, Und Wahrheit wie ein gakelnd Huhn erwürgt. Was Recht liebt, sollte zu den Keulen greifen, Um dieses Ungetüm der Nacht zu tilgen. ADAM. Da wird Sie den Beweis uns führen müssen. FRAU MARTHE. O ja, sehr gern. Hier ist mein Zeuge. – Rede! ADAM. Die Tochter? Nein, Frau Marthe. WALTER. Nein? Warum nicht? ADAM. Als Zeugin, gnäd'ger Herr? Steht im Gesetzbuch Nicht titulo, ist's quarto? oder quinto? Wenn Krüge oder sonst, was weiß ich? Von jungen Bengeln sind zerschlagen worden, So zeugen Töchter ihren Müttern nicht? WALTER. In Eurem Kopf liegt Wissenschaft und Irrtum Geknetet, innig, wie ein Teig, zusammen; Mit jedem Schnitte gebt Ihr mir von beidem. Die Jungfer zeugt noch nicht, sie deklariert jetzt; Ob, und für wen, sie zeugen will und kann, Wird erst aus der Erklärung sich ergeben. ADAM. Ja, deklarieren. Gut. Titulo sexto. Doch was sie sagt, das glaubt man nicht. WALTER. Tritt vor, mein junges Kind. ADAM. He! Lies' –! – Erlaubt! Die Zunge wird sehr trocken mir – Margrete! Der zerbrochene Krug · 8. Auftritt Achter Auftritt Eine Magd tritt auf. Die Vorigen. ADAM. Ein Glas mit Wasser! – DIE MAGD. Gleich! ADAM. Kann ich Euch gleichfalls –? WALTER. Ich danke. ADAM. Franz? oder Mos'ler? Was Ihr wollt. Walter verneigt sich; die Magd bringt Wasser und entfernt sich. Der zerbrochene Krug · 9. Auftritt Neunter Auftritt Walter. Adam. Frau Marthe usw. ohne die Magd. ADAM. – Wenn ich freimütig reden darf, Ihr Gnaden, Die Sache eignet gut sich zum Vergleich. WALTER. Sich zum Vergleich? Das ist nicht klar, Herr Richter. Vernünft'ge Leute können sich vergleichen; Doch wie Ihr den Vergleich schon wollt bewirken, Da noch durchaus die Sache nicht entworren, Das hätt ich wohl von Euch zu hören Lust. Wie denkt Ihr's anzustellen, sagt mir an? Habt Ihr ein Urteil schon gefasst? ADAM. Mein Seel! Wenn ich, da das Gesetz im Stich mich lässt, Philosophie zu Hülfe nehmen soll, So war's – der Leberecht – WALTER. Wer? ADAM. Oder Ruprecht – WALTER. Wer? ADAM. Oder Lebrecht, der den Krug zerschlug. WALTER. Wer also war's? Der Lebrecht oder Ruprecht? Ihr greift, ich seh, mit Eurem Urteil ein, Wie eine Hand in einen Sack voll Erbsen. ADAM. Erlaubt! WALTER. Schweigt, schweigt, ich bitt Euch. ADAM. Wie Ihr wollt. Auf meine Ehr, mir wär's vollkommen recht, Wenn sie es alle beid gewesen wären. WALTER. Fragt dort, so werdet Ihr's erfahren. ADAM. Sehr gern. Doch wenn Ihr's herausbekommt, bin ich ein Schuft. – Habt Ihr das Protokoll da in Bereitschaft? LICHT. Vollkommen. ADAM. Gut. LICHT. Und brech ein eignes Blatt mir, Begierig, was darauf zu stehen kommt. ADAM. Ein eignes Blatt? Auch gut. WALTER. Sprich dort, mein Kind. ADAM. Sprich, Evchen, hörst du, sprich jetzt, Jungfer Evchen! Gib Gotte, hörst du, Herzchen, gib, mein Seel, Ihm und der Welt, gib ihm was von der Wahrheit. Denk, dass du hier vor Gottes Richtstuhl bist, Und dass du deinen Richter nicht mit Leugnen, Und Plappern, was zur Sache nicht gehört, Betrüben musst. Ach, was! Du bist vernünftig. Ein Richter immer, weißt du, ist ein Richter, Und einer braucht ihn heut, und einer morgen. Sagst du, dass es der Lebrecht war: nun gut; Und sagst du, dass es Ruprecht war: auch gut! Sprich so, sprich so, ich bin kein ehrlicher Kerl, Es wird sich alles, wie du's wünschest finden. Willst du mir hier von einem andern trätschen, Und dritten etwa, dumme Namen nennen: Sieh, Kind, nimm dich in acht, ich sag nichts weiter. In Huisum, hol's der Henker, glaubt dir's keiner, Und keiner, Evchen, in den Niederlanden, Du weißt, die weißen Wände zeugen nicht, Der auch wird zu verteidigen sich wissen: Und deinen Ruprecht holt die Schwerenot! WALTER. Wenn Ihr doch Eure Reden lassen wolltet. Geschwätz, gehauen nicht und nicht gestochen. ADAM. Verstehen's Euer Gnaden nicht? WALTER. Macht fort! Ihr habt zulängst hier auf dem Stuhl gesprochen. ADAM. Auf Ehr! Ich habe nicht studiert, Euer Gnaden. Bin ich euch Herrn aus Utrecht nicht verständlich, Mit diesem Volk vielleicht verhält sich's anders: Die Jungfer weiß, ich wette, was ich will. FRAU MARTHE. Was soll das? Dreist heraus jetzt mit der Sprache! EVE. O liebste Mutter! FRAU MARTHE. Du –! Ich rate dir! RUPRECHT. Mein Seel, 's ist schwer, Frau Marthe, dreist zu sprechen, Wenn das Gewissen an der Kehl uns sitzt. ADAM. Schweig Er jetzt, Nasweis, mucks Er nicht. FRAU MARTHE. Wer war's? EVE. O Jesus! FRAU MARTHE. Maulaffe, der! Der niederträchtige! O Jesus! Als ob sie eine Hure wäre. War's der Herr Jesus? ADAM. Frau Marthe! Unvernunft! Was das für –! Lass Sie die Jungfer doch gewähren! Das Kind einschrecken – Hure – Schafsgesicht! So wird's uns nichts. Sie wird sich schon besinnen. RUPRECHT. O ja, besinnen. ADAM. Flaps dort, schweig Er jetzt. RUPRECHT. Der Flickschuster wird ihr schon einfallen. ADAM. Der Satan! Ruft den Büttel! He! Hanfriede! RUPRECHT. Nun, nun! Ich schweig, Herr Richter, lasst's nur sein. Sie wird Euch schon auf meinen Namen kommen. FRAU MARTHE. Hör du, mach mir hier kein Spektakel, sag ich. Hör, neunundvierzig bin ich alt geworden In Ehren: funfzig möcht ich gern erleben. Den dritten Februar ist mein Geburtstag; Heut ist der erste. Mach es kurz. Wer war's? ADAM. Gut, meinethalben! Gut, Frau Marthe Rull! FRAU MARTHE. Der Vater sprach, als er verschied: Hör, Marthe, Dem Mädel schaff mir einen wackern Mann; Und wird sie eine liederliche Metze, So gib dem Totengräber einen Groschen, Und lass mich wieder auf den Rücken legen: Mein Seel, ich glaub, ich kehr im Grab mich um. ADAM. Nun, das ist auch nicht übel. FRAU MARTHE. Willst du Vater Und Mutter jetzt, mein Evchen, nach dem vierten Gebot hoch ehren, gut, so sprich: in meine Kammer Ließ ich den Schuster, oder einen dritten, Hörst du? Der Bräut'gam aber war es nicht. RUPRECHT. Sie jammert mich. Lasst doch den Krug, ich bitt Euch; Ich will'n nach Utrecht tragen. Solch ein Krug – Ich wollt ich hätt ihn nur entzweigeschlagen. EVE. Unedelmüt'ger, du! Pfui, schäme dich, Dass du nicht sagst, gut, ich zerschlug den Krug! Pfui, Ruprecht, pfui, o schäme dich, dass du Mir nicht in meiner Tat vertrauen kannst. Gab ich die Hand dir nicht, und sagte, ja, Als du mich fragtest, Eve, willst du mich? Meinst du, dass du den Flickschuster nicht wert bist? Und hättest du durchs Schlüsselloch mich mit Dem Lebrecht aus dem Kruge trinken sehen, Du hättest denken sollen: Ev ist brav, Es wird sich alles ihr zum Ruhme lösen, Und ist's im Leben nicht, so ist es jenseits, Und wenn wir auferstehn ist auch ein Tag. RUPRECHT. Mein Seel, das dauert mir zu lange, Evchen. Was ich mit Händen greife, glaub ich gern. EVE. Gesetzt, es wär der Leberecht gewesen, Warum – des Todes will ich ewig sterben, Hätt ich's dir Einzigem nicht gleich vertraut; Jedoch warum vor Nachbarn, Knecht' und Mägden – Gesetzt, ich hätte Grund, es zu verbergen, Warum, o Ruprecht, sprich, warum nicht sollt ich, Auf dein Vertraun hin sagen, dass du's warst? Warum nicht sollt ich's? Warum sollt ich's nicht? RUPRECHT. Ei, so zum Henker, sag's, es ist mir recht, Wenn du die Fiedel dir ersparen kannst. EVE. O du Abscheulicher! Du Undankbarer! Wert, dass ich mir die Fiedel spare! Wert, Dass ich mit einem Wort zu Ehren mich, Und dich in ewiges Verderben bringe. WALTER. Nun –? Und dies einz'ge Wort –? Halt uns nicht auf. Der Ruprecht also war es nicht? EVE. Nein, gnäd'ger Herr, weil er's denn selbst so will, Um seinetwillen nur verschwieg ich es: Den irdnen Krug zerschlug der Ruprecht nicht, Wenn er's Euch selber leugnet, könnt Ihr's glauben. FRAU MARTHE. Eve! Der Ruprecht nicht? EVE. Nein, Mutter, nein! Und wenn ich's gestern sagte, war's gelogen. FRAU MARTHE. Hör, dir zerschlag ich alle Knochen! Sie setzt den Krug nieder. EVE. Tut, was Ihr wollt. WALTER drohend. Frau Marthe! ADAM. He! Der Büttel! – Schmeißt sie heraus dort, die verwünschte Vettel! Warum soll's Ruprecht just gewesen sein. Hat Sie das Licht dabei gehalten, was? Die Jungfer, denk ich, wird es wissen müssen: Ich bin ein Schelm, wenn's, nicht der Lebrecht war. FRAU MARTHE. War es der Lebrecht etwa? War's der Lebrecht? ADAM. Sprich, Evchen, war's der Lebrecht nicht, mein Herzchen? EVE. Er Unverschämter, Er! Er Niederträcht'ger! Wie kann Er sagen, dass es Lebrecht – WALTER. Jungfer! Was untersteht Sie sich? Ist das mir der Respekt, den Sie dem Richter schuldig ist? EVE. Ei, was! Der Richter dort! Wert, selbst vor dem Gericht, ein armer Sünder, dazustehn – – Er, der wohl besser weiß, wer es gewesen! Sich zum Dorfrichter wendend. Hat Er den Lebrecht in die Stadt nicht gestern Geschickt nach Utrecht, vor die Kommission, Mit dem Attest, die die Rekruten aushebt? Wie kann Er sagen, dass es Lebrecht war, Wenn Er wohl weiß, dass der in Utrecht ist? ADAM. Nun wer denn sonst? Wenn's Lebrecht nicht, zum Henker – Nicht Ruprecht ist, nicht Lebrecht ist – – Was machst du? RUPRECHT. Mein Seel, Herr Richter Adam, lasst Euch sagen, Hierin mag doch die Jungfer just nicht lügen, Dem Lebrecht bin ich selbst begegnet gestern, Als er nach Utrecht ging, früh war's Glock acht, Und wenn er auf ein Fuhrwerk sich nicht lud, Hat sich der Kerl, krummbeinig wie er ist, Glock zehn Uhr nachts noch nicht zurück gehaspelt. Es kann ein dritter wohl gewesen sein. ADAM. Ach, was! Krummbeinig! Schafsgesicht! Der Kerl Geht seinen Stiefel, der, trotz einem. Ich will von ungespaltnem Leibe sein, Wenn nicht ein Schäferhund von mäß'ger Größe Muss seinen Trab gehn, mit ihm fortzukommen. WALTER. Erzähl den Hergang uns. ADAM. Verzeihn Euer Gnaden! Hierauf wird Euch die Jungfer schwerlich dienen. WALTER. Nicht dienen? Mir nicht dienen? Und warum nicht? ADAM. Ein twatsches Kind. Ihr seht's. Gut, aber twatsch. Blutjung, gefirmelt kaum; das schämt sich noch, Wenn's einen Bart von weitem sieht. So'n Volk, Im Finstern leiden sie's, und wenn es Tag wird, So leugnen sie's vor ihrem Richter ab. WALTER. Ihr seid sehr nachsichtsvoll, Herr Richter Adam, Sehr mild, in allem, was die Jungfer angeht. ADAM. Die Wahrheit Euch zu sagen, Herr Gerichtsrat, Ihr Vater war ein guter Freund von mir. Wollen Euer Gnaden heute huldreich sein, So tun wir hier nicht mehr, als unsre Pflicht, Und lassen seine Tochter gehn. WALTER. Ich spüre große Lust in mir, Herr Richter, Der Sache völlig auf den Grund zu kommen. – Sei dreist, mein Kind; sag, wer den Krug zerschlagen. Vor niemand stehst du, in dem Augenblick, Der einen Fehltritt nicht verzeihen könnte. EVE. Mein lieber, würdiger und gnad'ger Herr, Erlaßt mir, Euch den Hergang zu erzählen. Von dieser Weigrung denkt uneben nicht. Es ist des Himmels wunderbare Fügung, Die mir den Mund in dieser Sache schließt. Dass Ruprecht jenen Krug nicht traf, will ich Mit einem Eid, wenn Ihr's verlangt, Auf heiligem Altar bekräftigen. Jedoch die gestrige Begebenheit, Mit jedem andern Zuge, ist mein eigen, Und nicht das ganze Garnstück kann die Mutter, Um eines einz'gen Fadens willen, fordern, Der, ihr gehörig, durchs Gewebe läuft. Ich kann hier, wer den Krug zerschlug, nicht melden, Geheimnisse, die nicht mein Eigentum, Müsst ich, dem Kruge völlig fremd, berühren. Früh oder spät will ich's ihr anvertrauen, Doch hier das Tribunal ist nicht der Ort, Wo sie das Recht hat, mich darnach zu fragen. ADAM. Nein, rechtens nicht. Auf meine Ehre nicht. Die Jungfer weiß, wo unsre Zäume hängen. Wenn sie den Eid hier vor Gericht will schwören, So fällt der Mutter Klage weg: Dagegen ist nichts weiter einzuwenden. WALTER. Was sagt zu der Erklärung Sie, Frau Marthe? FRAU MARTHE. Wenn ich gleich was Erkleckliches nicht aufbring, Gestrenger Herr, so glaubt, ich bitt Euch sehr, Dass mir der Schlag bloß jetzt die Zunge lähmte. Beispiele gibt's, dass ein verlorner Mensch, Um vor der Welt zu Ehren sich zu bringen, Den Meineid vor dem Richterstuhle wagt; doch dass Ein falscher Eid sich schwören kann, auf heil'gem Altar, um an den Pranger hinzukommen, Das heut erfährt die Welt zum erstenmal. Wär, dass ein andrer, als der Ruprecht, sich In ihre Kammer gestern schlich, gegründet, Wär's überall nur möglich, gnäd'ger Herr, Versteht mich wohl, – so säumt ich hier nicht länger. Den Stuhl setzt ich, zur ersten Einrichtung, Ihr vor die Tür, und sagte, geh, mein Kind, Die Welt ist weit, da zahlst du keine Miete, Und lange Haare hast du auch geerbt, Woran du dich, kommt Zeit, kommt Rat, kannst hängen. WALTER. Ruhig, ruhig, Frau Marthe. FRAU MARTHE. Da ich jedoch Hier den Beweis noch anders führen kann, Als bloß durch sie, die diesen Dienst mir weigert, Und überzeugt bin völlig, dass nur er Mir, und kein anderer den Krug zerschlug, So bringt die Lust, es kurzhin abzuschwören, Mich noch auf einen schändlichen Verdacht. Die Nacht von gestern birgt ein anderes Verbrechen noch, als bloß die Krugverwüstung. Ich muss Euch sagen, gnäd'ger Herr, dass Ruprecht Zur Konskription gehört, in wenig Tagen Soll er den Eid zur Fahn in Utrecht schwören. Die jungen Landessöhne reißen aus. Gesetzt, er hätte gestern nacht gesagt: Was meinst du, Evchen? Komm. Die Welt ist groß. Zu Kist' und Kasten hast du ja die Schlüssel – Und sie, sie hätt ein wenig sich gesperrt: So hätte ohngefähr, da ich sie störte, – Bei ihm aus Rach, aus Liebe noch bei ihr – Der Rest, so wie geschehn, erfolgen können. RUPRECHT. Das Rabenaas! Was das für Reden sind! Zu Kist' und Kasten – WALTER. Still! EVE. Er, austreten! WALTER. Zur Sache hier. Vom Krug ist hier die Rede. – Beweis, Beweis, dass Ruprecht ihn zerbrach! FRAU MARTHE. Gut, gnäd'ger Herr. Erst will ich hier beweisen, Dass Ruprecht mir den Krug zerschlug, Und dann will ich im Hause untersuchen. – Seht, eine Zunge, die mir Zeugnis redet, Bring ich für jedes Wort auf, das er sagte, Und hätt in Reihen gleich sie aufgeführt, Wenn ich von fern geahndet nur, dass diese Die ihrige für mich nicht brauchen würde. Doch wenn ihr Frau Brigitte jetzo ruft, Die ihm die Muhm ist, so genügt mir die, Weil die den Hauptpunkt just bestreiten wird. Denn die, die hat Glock halb auf eilf im Garten, Merkt wohl, bevor der Krug zertrümmert worden, Wortwechselnd mit der Ev ihn schon getroffen; Und wie die Fabel, die er aufgestellt, Vom Kopf zu Fuß dadurch gespalten wird, Durch diese einz'ge Zung, ihr hohen Richter, Das überlaß ich selbst euch einzusehn. RUPRECHT. Wer hat mich –? VEIT. Schwester Briggi? RUPRECHT. Mich mit Ev? Im Garten? FRAU MARTHE. Ihn mit der Ev, im Garten, Glock halb eilf, Bevor er noch, wie er geschwätzt, um eilf Das Zimmer überrumpelnd eingesprengt: Im Wortgewechsel, kosend bald, bald zerrend, Als wollt er sie zu etwas überreden. ADAM für sich. Verflucht! Der Teufel ist mir gut. WALTER. Schafft diese Frau herbei. RUPRECHT. Ihr Herrn, ich bitt euch: Das ist kein wahres Wort, das ist nicht möglich. ADAM. O wart, Halunke! – He! Der Büttel! Hanfried! – Denn auf der Flucht zerschlagen sich die Krüge – – Herr Schreiber, geht, schafft Frau Brigitt herbei! VEIT. Hör, du verfluchter Schlingel, du, was machst du? Dir brech ich alle Knochen noch. RUPRECHT. Weshalb auch? VEIT. Warum verschwiegst du, dass du mit der Dirne Glock halb auf eilf im Garten schon scharwenzt? Warum verschwiegst du's? RUPRECHT. Warum ich's verschwieg? Gotts Schlag und Donner, weil's nicht wahr ist, Vater! Wenn das die Muhme Briggi zeugt, so hängt mich. Und bei den Beinen sie meinthalb dazu. VEIT. Wenn aber sie's bezeugt – nimm dich in acht! Du und die saubre Jungfer Eve dort, Wie ihr auch vor Gericht euch stellt, ihr steckt Doch unter einer Decke noch. 's ist irgend Ein schändliches Geheimnis noch, von dem Sie weiß, und nur aus Schonung hier nichts sagt. RUPRECHT. Geheimnis! Welches? VEIT. Warum hast du eingepackt? He? Warum hast du gestern abend eingepackt? RUPRECHT. Die Sachen? VEIT. Röcke, Hosen, ja, und Wäsche; Ein Bündel, wie's ein Reisender just auf Die Schultern wirft? RUPRECHT. Weil ich nach Utrecht soll! Weil ich zum Regiment soll! Himmel – Donner –! Glaubt Er, dass ich –? VEIT. Nach Utrecht? Ja, nach Utrecht! Du hast geeilt, nach Utrecht hinzukommen! Vorgestern wusstest du noch nicht, ob du Den fünften oder sechsten Tag wirst reisen. WALTER. Weiß Er zur Sache was zu melden, Vater? VEIT. – Gestrenger Herr, ich will noch nichts behaupten. Ich war daheim, als sich der Krug zerschlug, Und auch von einer andern Unternehmung Hab ich, die Wahrheit zu gestehn, noch nichts, Wenn ich jedweden Umstand wohl erwäge, Das meinen Sohn verdächtig macht, bemerkt. Von seiner Unschuld völlig überzeugt, Kam ich hieher, nach abgemachtem Streit Sein ehelich Verlöbnis aufzulösen, Und ihm das Silberkettlein einzufordern, Zusamt dem Schaupfennig, den er der Jungfer Bei dem Verlöbnis vor'gen Herbst verehrt. Wenn jetzt von Flucht was, und Verräterei An meinem grauen Haar zutage kommt, So ist mir das so neu, ihr Herrn, als euch: Doch dann der Teufel soll den Hals ihm brechen. WALTER. Schafft Frau Brigitt herbei, Herr Richter Adam. ADAM. – Wird Euer Gnaden diese Sache nicht Ermüden? Sie zieht sich in die Länge. Euer Gnaden haben meine Kassen noch, Und die Registratur – Was ist die Glocke? LICHT. Es schlug soeben halb. ADAM. Auf eilf! LICHT. Verzeiht, auf zwölfe. WALTER. Gleichviel. ADAM. Ich glaub, die Zeit ist, oder Ihr verrückt. Er sieht nach der Uhr. Ich bin kein ehrlicher Mann. – Ja, was befehlt Ihr? WALTER. Ich bin der Meinung – ADAM. Abzuschließen? Gut –! WALTER. Erlaubt! Ich bin der Meinung, fortzufahren. ADAM. Ihr seid der Meinung – Auch gut. Sonst würd ich Auf Ehre, morgen früh, Glock neun, die Sache, Zu Euerer Zufriedenheit beend'gen. WALTER. Ihr wisst um meinen Willen. ADAM. Wie Ihr befehlt. Herr Schreiber, schickt die Büttel ab; sie sollen Sogleich ins Amt die Frau Brigitte laden. WALTER. Und nehmt Euch – Zeit, die mir viel wert, zu sparen – Gefälligst selbst der Sach ein wenig an. Licht ab. Der zerbrochene Krug · 10. Auftritt Zehnter Auftritt Die Vorigen ohne Licht. Späterhin einige Mägde. ADAM aufstehend. Inzwischen könnte man, wenn's so gefällig, Vom Sitze sich ein wenig lüften –? WALTER. Hm! O ja. Was ich sagen wollt – ADAM. Erlaubt Ihr gleichfalls, Dass die Partein, bis Frau Brigitt erscheint –? WALTER. Was? Die Partein? ADAM. Ja, vor die Tür, wenn Ihr – WALTER für sich. Verwünscht! Laut. Herr Richter Adam, wisst Ihr was? Gebt ein Glas Wein mir in der Zwischenzeit. ADAM. Von ganzem Herzen gern. He! Margarete! Ihr macht mich glücklich, gnäd'ger Herr. – Margrete! Die Magd tritt auf. DIE MAGD. Hier. ADAM. Was befehlt Ihr? – Tretet ab, ihr Leute. Franz? – Auf dem Vorsaal draußen. – Oder Rhein? WALTER. Von unserm Rhein. ADAM. Gut. – Bis ich rufe. Marsch! WALTER. Wohin? ADAM. Geh, vom versiegelten, Margrete. – Was? Auf den Flur bloß draußen. – Hier. – Der Schlüssel. WALTER. Hm! Bleibt. ADAM. Fort! Marsch, sag ich! – Geh, Margarete! Und Butter, frisch gestampft, Käs auch aus Limburg, Und von der fetten pommerschen Räuchergans. WALTER. Halt! Einen Augenblick! Macht nicht so viel Umständ, ich bitt Euch sehr, Herr Richter. ADAM. Schert Zum Teufel euch, sag ich! Tu, wie ich sagte. WALTER. Schickt Ihr die Leute fort, Herr Richter? ADAM. Euer Gnaden? WALTER. Ob Ihr –? ADAM. Sie treten ab, wenn Ihr erlaubt. Bloß ab, bis Frau Brigitt erscheint. Wie, oder soll's nicht etwa –? WALTER. Hm! Wie Ihr wollt. Doch ob's der Mühe sich verlohnen wird? Meint Ihr, dass es so lange Zeit wird währen, Bis man im Ort sie trifft? ADAM. 's ist heute Holztag, Gestrenger Herr. Die Weiber größtenteils Sind in den Fichten, Sträucher einzusammeln. Es könnte leicht – RUPRECHT. Die Muhme ist zu Hause. WALTER. Zu Haus. Lasst sein. RUPRECHT. Die wird sogleich erscheinen. WALTER. Die wird uns gleich erscheinen. Schafft den Wein. ADAM für sich. Verflucht! WALTER. Macht fort. Doch nichts zum Imbiß, bitt ich, Als ein Stück trocknen Brotes nur, und Salz. ADAM für sich. Zwei Augenblicke mit der Dirn allein – Laut. Ach trocknes Brot! Was! Salz! Geht doch. WALTER. Gewiss. ADAM. Ei, ein Stück Käs aus Limburg mindstens. Käse Macht erst geschickt die Zunge, Wein zu schmecken. WALTER. Gut. Ein Stück Käse denn, doch weiter nichts. ADAM. So geh. Und weiß, von Damast, aufgedeckt. Schlecht alles zwar, doch recht. Die Magd ab. Das ist der Vorteil Von uns verrufnen hagestolzen Leuten, Dass wir, was andre knapp und kummervoll, Mit Weib und Kindern täglich teilen müssen, Mit einem Freunde zur gelegnen Stunde, Vollauf genießen. WALTER. Was ich sagen wollte – Wie kamt Ihr doch zu Eurer Wund, Herr Richter? Das ist ein böses Loch, fürwahr, im Kopf, das! ADAM. – Ich fiel. WALTER. Ihr fielt. Hm! So. Wann? Gestern abend? ADAM. Heut, Glock halb sechs, verzeiht, am Morgen, früh, Da ich soeben aus dem Bette stieg. WALTER. Worüber? ADAM. Über – gnäd'ger Herr Gerichtsrat, Die Wahrheit Euch zu sagen, über mich. Ich schlug Euch häuptlings an den Ofen nieder, Bis diese Stunde weiß ich nicht, warum? WALTER. Von hinten? ADAM. Wie? Von hinten – WALTER. Oder vorn? Ihr habt zwo Wunden, vorne ein' und hinten. ADAM. Von vorn und hinten. – Margarete! Die beiden Mägde mit Wein usw. Sie decken auf, und gehen wieder ab. WALTER. Wie? ADAM. Erst so, dann so. Erst auf die Ofenkante, Die vorn die Stirn mir einstieß, und sodann Vom Ofen rückwärts auf den Boden wieder, Wo ich mir noch den Hinterkopf zerschlug. Er schenkt ein. Ist's Euch gefällig? WALTER nimmt das Glas. Hättet Ihr ein Weib, So würd ich wunderliche Dinge glauben, Herr Richter. ADAM. Wieso? WALTER. Ja, bei meiner Treu, So rings seh ich zerkritzt Euch und zerkratzt. ADAM lacht. Nein, Gott sei Dank! Fraunnägel sind es nicht. WALTER. Glaub's. Auch ein Vorteil noch der Hagestolzen. ADAM fortlachend. Strauchwerk, für Seidenwürmer, das man trocknend Mir an dem Ofenwinkel aufgesetzt. – Auf Euer Wohlergehn! Sie trinken. WALTER. Und grad auch heut Noch die Perücke seltsam einzubüßen! Die hätt Euch Eure Wunden noch bedeckt. ADAM. Ja, ja. Jedwedes Übel ist ein Zwilling. – Hier – von dem fetten jetzt – kann ich –? WALTER. Ein Stückchen. Aus Limburg? ADAM. Rect' aus Limburg, gnäd'ger Herr. WALTER. – Wie Teufel aber, sagt mir, ging das zu? ADAM. Was? WALTER. Dass Ihr die Perücke eingebüßt. ADAM. Ja seht. Ich sitz und lese gestern abend Ein Aktenstück, und weil ich mir die Brille Verlegt, duck ich so tief mich in den Streit, Dass bei der Kerze Flamme lichterloh Mir die Perücke angeht. Ich, ich denke, Feu'r fällt vom Himmel auf mein sündig Haupt, Und greife sie, und will sie von mir werfen; Doch eh ich noch das Nackenband gelöst, Brennt sie wie Sodom und Gomorrha schon. Kaum dass ich die drei Haare noch mir rette. WALTER. Verwünscht! Und Eure andre ist in der Stadt. ADAM. Bei dem Perückenmacher. – Doch zur Sache. WALTER. Nicht allzurasch, ich bitt, Herr Richter Adam. ADAM. Ei, was! Die Stunde rollt. Ein Gläschen hier. Er schenkt ein. WALTER. Der Lebrecht – wenn der Kauz dort wahr gesprochen – Er auch hat einen bösen Fall getan. ADAM. Auf meine Ehr. Er trinkt. WALTER. Wenn hier die Sache, Wie ich fast fürchte, unentworren bleibt, So werdet Ihr, in Eurem Ort, den Täter Leicht noch aus seiner Wund entdecken können. Er trinkt. Niersteiner? ADAM. Was? WALTER. Oder guter Oppenheimer? ADAM. Nierstein. Sieh da! Auf Ehre! Ihr versteht's Aus Nierstein, gnäd'ger Herr, als hätt ich ihn geholt. WALTER. Ich prüft ihn, vor drei Jahren, an der Kelter. Adam schenkt wieder ein. – Wie hoch ist Euer Fenster – dort! Frau Marthe. FRAU MARTHE. Mein Fenster? WALTER. Das Fenster jener Kammer, ja, Worin die Jungfer schläft? FRAU MARTHE. Die Kammer zwar Ist nur vom ersten Stock, ein Keller drunter, Mehr als neun Fuß das Fenster nicht vom Boden; Jedoch die ganze, wohlerwogene Gelegenheit sehr ungeschickt zum Springen. Denn auf zwei Fuß steht von der Wand ein Weinstock, Der seine knot'gen Äste rankend hin Durch ein Spalier treibt, längs der ganzen Wand: Das Fenster selbst ist noch davon umstrickt. Es würd ein Eber, ein gewaffneter, Müh mit den Fängern haben, durchzubrechen. ADAM. Es hing auch keiner drin. Er schenkt sich ein. WALTER. Meint Ihr? ADAM. Ach, geht! Er trinkt. WALTER zu Ruprecht. Wie traf Er denn den Sünder? Auf den Kopf? ADAM. Hier. WALTER. Lasst. ADAM. Gebt her. WALTER. 's ist halb noch voll. ADAM. Will's füllen. WALTER. Ihr hört's. ADAM. Ei, für die gute Zahl. WALTER. Ich bitt Euch. ADAM. Ach, was! Nach der Pythagoräer – Regel. Er schenkt ihm ein. WALTER wieder zu Ruprecht. Wie oft traf Er dem Sünder denn den Kopf? ADAM. Eins ist der Herr. Zwei ist das finstre Chaos; Drei ist die Welt. Drei Gläser lob ich mir. Im dritten trinkt man mit den Tropfen Sonnen, Und Firmamente mit den übrigen. WALTER. Wie oftmals auf den Kopf traf Er den Sünder? Er, Ruprecht, Ihn dort frag ich! ADAM. Wird man's hören? Wie oft trafst du den Sündenbock? Na, heraus! Gotts Blitz, seht, weiß der Kerl wohl selbst, ob er – Vergaßt du's? RUPRECHT. Mit der Klinke? ADAM. Ja, was weiß ich. WALTER. Vom Fenster, als Er nach ihm herunterhieb? RUPRECHT. Zweimal, ihr Herrn. ADAM. Halunke! das behielt er! Er trinkt. WALTER. Zweimal! Er konnt ihn mit zwei solchen Hieben Erschlagen, weiß Er –? RUPRECHT. Hätt ich ihn erschlagen, So hätt ich ihn. Es wär mir grade recht. Läg er hier vor mir, tot, so könnt ich sagen, Der war's, ihr Herrn, ich hab euch nicht belogen. ADAM. Ja, tot! das glaub ich. Aber so – Er schenkt ein. WALTER. Konnt Er ihn denn im Dunkeln nicht erkennen? RUPRECHT. Nicht einen Stich, gestrenger Herr. Wie sollt ich? ADAM. Warum sperrtst du nicht die Augen auf – Stoßt an! RUPRECHT. Die Augen auf! Ich hatt sie aufgesperrt. Der Satan warf sie mir voll Sand. ADAM in den Bart. Voll Sand, ja! Warum sperrtst du deine großen Augen auf. – Hier. Was wir lieben, gnäd'ger Herr! Stoßt an! WALTER. – Was recht und gut und treu ist, Richter Adam! Sie trinken. ADAM. Nun denn, zum Schluss jetzt, wenn's gefällig ist. Er schenkt ein. WALTER. Ihr seid zuweilen bei Frau Marthe wohl, Herr Richter Adam. Sagt mir doch, Wer, außer Ruprecht, geht dort aus und ein. ADAM. Nicht allzuoft, gestrenger Herr, verzeiht. Wer aus und ein geht, kann ich Euch nicht sagen. WALTER. Wie? Solltet Ihr die Witwe nicht zuweilen Von Eurem sel'gen Freund besuchen? ADAM. Nein, in der Tat, sehr selten nur. WALTER. Frau Marthe! Habt Ihr's mit Richter Adam hier verdorben? Er sagt, er spräche nicht mehr bei Euch ein? FRAU MARTHE. Hm! Gnäd'ger Herr, verdorben? Das just nicht. Ich denk er nennt mein guter Freund sich noch. Doch dass ich oft in meinem Haus ihn sähe, Das vom Herrn Vetter kann ich just nicht rühmen. Neun Wochen sind's, dass er's zuletzt betrat, Und auch nur da noch im Vorübergehn. WALTER. Wie sagt Ihr? FRAU MARTHE. Was? WALTER. Neun Wochen wären's –? FRAU MARTHE. Neun Ja – Donnerstag sind's zehn. Er bat sich Samen Bei mir, von Nelken und Aurikeln aus. WALTER. Und – sonntags – wenn er auf das Vorwerk geht –? FRAU MARTHE. Ja, da – da guckt er mir ins Fenster wohl, Und saget guten Tag zu mir und meiner Tochter; Doch dann so geht er wieder seiner Wege. WALTER für sich. Hm! Sollt ich auch dem Manne wohl – Er trinkt. Ich glaubte, Weil Ihr die Jungfer Muhme dort zuweilen In Eurer Wirtschaft braucht, so würdet Ihr Zu Dank die Mutter dann und wann besuchen. ADAM. Wieso, gestrenger Herr? WALTER. Wieso? Ihr sagtet, Die Jungfer helfe Euren Hühnern auf, Die Euch im Hof erkranken. Hat sie nicht Noch heut in dieser Sach Euch Rat erteilt? FRAU MARTHE. Ja, allerdings, gestrenger Herr, das tut sie. Vorgestern schickt' er ihr ein krankes Perlhuhn Ins Haus, das schon den Tod im Leibe hatte. Vorm Jahr rettete sie ihm eins vom Pips, Und dies auch wird sie mit der Nudel heilen: Jedoch zum Dank ist er noch nicht erschienen. WALTER verwirrt. – Schenkt ein, Herr Richter Adam, seid so gut. Schenkt gleich mir ein. Wir wollen eins noch trinken. ADAM. Zu Eurem Dienst. Ihr macht mich glücklich. Hier. Er schenkt ein. WALTER. Auf Euer Wohlergehn! – Der Richter Adam, Er wird früh oder spät schon kommen. FRAU MARTHE. Meint Ihr? Ich zweifle. Könnt ich Niersteiner, solchen, wie Ihr trinkt, Und wie mein sel'ger Mann, der Kastellan, Wohl auch, von Zeit zu Zeit, im Keller hatte, Vorsetzen dem Herrn Vetter, wär's was anders: Doch so besitz ich nichts, ich arme Witwe, In meinem Hause, das ihn lockt. WALTER. Um so viel besser. Der zerbrochene Krug · 11. Auftritt Eilfter Auftritt Licht. Frau Brigitte mit einer Perücke in der Hand. Die Mägde. Die Vorigen. LICHT. Hier, Frau Brigitte, herein. WALTER. Ist das die Frau, Herr Schreiber Licht? LICHT. Das ist die Frau Brigitte, Euer Gnaden. WALTER. Nun denn, so lasst die Sach uns jetzt beschließen. Nehmt ab, ihr Mägde. Hier. Die Mägde mit Gläsern usw. ab. ADAM währenddessen. Nun, Evchen, höre, Dreh du mir deine Pille ordentlich, Wie sich's gehört, so sprech ich heute abend Auf ein Gericht Karauschen bei euch ein. Dem Luder muss sie ganz jetzt durch die Gurgel, Ist sie zu groß, so mag's den Tod dran fressen. WALTER erblickt die Perücke. Was bringt uns Frau Brigitte dort für eine Perücke? LICHT. Gnäd'ger Herr? WALTER. Was jene Frau uns dort für eine Perücke bringt? LICHT. Hm! WALTER. Was? LICHT. Verzeiht – WALTER. Werd ich's erfahren? LICHT. Wenn Euer Gnaden gütigst Die Frau, durch den Herrn Richter fragen wollen, So wird, wem die Perücke angehört, Sich, und das Weitre, zweifl' ich nicht, ergeben. WALTER. – Ich will nicht wissen, wem sie angehört. Wie kam die Frau dazu? Wo fand sie sie? LICHT. Die Frau fand die Perücke im Spalier Bei Frau Margrete Rull. Sie hing gespießt, Gleich einem Nest, im Kreuzgeflecht des Weinstocks, Dicht unterm Fenster, wo die Jungfer schläft. FRAU MARTHE. Was? Bei mir? Im Spalier? WALTER heimlich. Herr Richter Adam, Habt Ihr mir etwas zu vertraun, So bitt ich, um die Ehre des Gerichtes, Ihr seid so gut, und sagt mir's an. ADAM. Ich Euch –? WALTER. Nicht? Habt Ihr nicht –? ADAM. Auf meine Ehre – Er ergreift die Perücke. WALTER. Hier die Perücke ist die Eure nicht? ADAM. Hier die Perück ihr Herren, ist die meine! Das ist, Blitz – Element, die nämliche, Die ich dem Burschen vor acht Tagen gab, Nach Utrecht sie zum Meister Mehl zu bringen. WALTER. Wem? Was? LICHT. Dem Ruprecht? RUPRECHT. Mir? ADAM. Hab ich Ihm Schlingel, Als Er nach Utrecht vor acht Tagen ging, Nicht die Perück hier anvertraut, sie zum Friseur, dass er sie renoviere, hinzutragen? RUPRECHT. Ob Er –? Nun ja. Er gab mir – ADAM. Warum hat Er Nicht die Perück, Halunke, abgegeben? Warum nicht hat Er sie, wie ich befohlen, Beim Meister in der Werkstatt abgegeben? RUPRECHT. Warum ich sie –? Gotts, Himmel-Donner – Schlag! Ich hab sie in der Werkstatt abgegeben. Der Meister Mehl nahm sie – ADAM. Sie abgegeben? Und jetzt hängt sie im Weinspalier bei Marthens? O wart, Kanaille! So entkommst du nicht. Dahinter steckt mir von Verkappung was, Und Meuterei, was weiß ich? – Wollt Ihr erlauben, Dass ich sogleich die Frau nur inquiriere? WALTER. Ihr hättet die Perücke –? ADAM. Gnäd'ger Herr, Als jener Bursche dort, vergangnen Dienstag, Nach Utrecht fuhr mit seines Vaters Ochsen, Kam er ins Amt, und sprach, Herr Richter Adam, Habt Ihr im Städtlein etwas zu bestellen? Mein Sohn, sag ich, wenn du so gut willt sein, So lass mir die Perück hier auftoupieren – Nicht aber sagt ich ihm, geh und bewahre Sie bei dir auf, verkappe dich darin, Und lass sie im Spalier bei Marthens hängen. FRAU BRIGITTE. Ihr Herrn, der Ruprecht, mein ich, halt zu Gnaden, Der war's wohl nicht. Denn da ich gestern nacht Hinaus aufs Vorwerk geh, zu meiner Muhme, Die schwer im Kindbett liegt, hör ich die Jungfer Gedämpft, im Garten hinten jemand schelten: Wut scheint und Furcht die Stimme ihr zu rauben. Pfui, schäm Er sich, Er Niederträchtiger, Was macht Er? Fort. Ich werd die Mutter rufen; Als ob die Spanier im Lande wären. Drauf: Eve! durch den Zaun hin: Eve! ruf ich. Was hast du? Was auch gibt's? – Und still wird es: Nun? Wirst du antworten? – Was wollt Ihr, Muhme? – Was hast du vor, frag ich? – Was werd ich haben. – Ist es der Ruprecht? – »Ei so ja, der Ruprecht. Geht Euren Weg doch nur.« – So koch dir Tee. Das liebt sich, denk ich, wie sich andre zanken. FRAU MARTHE. Mithin –? RUPRECHT. Mithin –? WALTER. Schweigt! Lasst die Frau vollenden. FRAU BRIGITTE. Da ich vom Vorwerk nun zurückekehre Zur Zeit der Mitternacht etwa, und just, Im Lindengang, bei Marthens Garten bin, Huscht euch ein Kerl bei mir vorbei, kahlköpfig, Mit einem Pferdefuß, und hinter ihm Erstinkt's wie Dampf von Pech und Haar und Schwefel. Ich sprech ein Gottseibeiuns aus, und drehe Entsetzensvoll mich um, und seh, mein Seel, Die Glatz, ihr Herren, im Verschwinden noch, Wie faules Holz, den Lindengang durchleuchten. RUPRECHT. Was! Himmel – Tausend –! FRAU MARTHE. Ist Sie toll, Frau Briggi? RUPRECHT. Der Teufel, meint Sie, wär's –? LICHT. Still! Still! FRAU BRIGITTE. Mein Seel! Ich weiß, was ich gesehen und gerochen. WALTER ungeduldig. Frau, ob's der Teufel war, will ich nicht untersuchen, Ihn aber, ihn denunziiert man nicht. Kann Sie von einem andern melden, gut: Doch mit dem Sünder da verschont Sie uns. LICHT. Wollen Euer Gnaden sie vollenden lassen. WALTER. Blödsinnig Volk, das! FRAU BRIGITTE. Gut, wie Ihr befehlt. Doch der Herr Schreiber Licht sind mir ein Zeuge. WALTER. Wie? Ihr ein Zeuge? LICHT. Gewissermaßen, ja. WALTER. Fürwahr, ich weiß nicht – LICHT. Bitte ganz submiß, Die Frau in dem Berichte nicht zu stören. Dass es der Teufel war, behaupt ich nicht; Jedoch mit Pferdefuß, und kahler Glatze Und hinten Dampf, wenn ich nicht sehr mich irre, Hat's seine völl'ge Richtigkeit! – Fahrt fort! FRAU BRIGITTE. Da ich nun mit Erstaunen heut vernehme, Was bei Frau Marthe Rull geschehn, und ich Den Krugzertrümmrer auszuspionieren, Der mir zu Nacht begegnet am Spalier Den Platz, wo er gesprungen, untersuche, Find ich im Schnee, ihr Herrn, euch eine Spur – Was find ich euch für eine Spur im Schnee? Rechts fein und scharf und nett gekantet immer, Ein ordentlicher Menschenfuß, Und links unförmig grobhin eingetölpelt Ein ungeheurer klotz'ger Pferdefuß. WALTER ärgerlich. Geschwätz, wahnsinniges, verdammenswürd'ges –! VEIT. Es ist nicht möglich, Frau! FRAU BRIGITTE. Bei meiner Treu! Erst am Spalier, da, wo der Sprung geschehen, Seht, einen weiten, schneezerwühlten Kreis, Als ob sich eine Sau darin gewälzt; Und Menschenfuß und Pferdefuß von hier, Und Menschenfuß und Pferdefuß, und Menschenfuß und Pferdefuß, Quer durch den Garten, bis in alle Welt. ADAM. Verflucht! – – hat sich der Schelm vielleicht erlaubt, Verkappt des Teufels Art –? RUPRECHT. Was! Ich! LICHT. Schweigt! Schweigt! FRAU BRIGITTE. Wer einen Dachs sucht, und die Fährt entdeckt, Der Weidmann, triumphiert nicht so, als ich. Herr Schreiber Licht, sag ich, denn eben seh ich Von euch geschickt, den Würd'gen zu mir treten, Herr Schreiber Licht, spart eure Session, Den Krugzertrümmrer judiziert ihr nicht, Der sitzt nicht schlechter euch, als in der Hölle: Hier ist die Spur die er gegangen ist. WALTER. So habt Ihr selbst Euch überzeugt? LICHT. Euer Gnaden, Mit dieser Spur hat's völl'ge Richtigkeit. WALTER. Ein Pferdefuß? LICHT. Fuß eines Menschen, bitte, Doch praeter propter wie ein Pferdehuf. ADAM. Mein Seel, ihr Herrn, die Sache scheint mir ernsthaft. Man hat viel beißend abgefaßte Schriften, Die, dass ein Gott sei, nicht gestehen wollen; Jedoch den Teufel hat, soviel ich weiß, Kein Atheist noch bündig wegbewiesen. Der Fall, der vorliegt, scheint besonderer Erörtrung wert. Ich trage darauf an, Bevor wir ein Konklusum fassen, Im Haag bei der Synode anzufragen Ob das Gericht befugt sei, anzunehmen, Dass Beelzebub den Krug zerbrochen hat. WALTER. Ein Antrag, wie ich ihn von Euch erwartet. Was wohl meint Ihr, Herr Schreiber? LICHT. Euer Gnaden werden Nicht die Synode brauchen, um zu urteiln. Vollendet – mit Erlaubnis! – den Bericht, Ihr Frau Brigitte, dort; so wird der Fall Aus der Verbindung, hoff ich, klar konstieren. FRAU BRIGITTE. Hierauf: Herr Schreiber Licht, sag ich, lasst uns Die Spur ein wenig doch verfolgen, sehn, Wohin der Teufel wohl entwischt mag sein. Gut, sagt er, Frau Brigitt, ein guter Einfall; Vielleicht gehn wir uns nicht weit um, Wenn wir zum Herrn Dorfrichter Adam gehn. WALTER. Nun? Und jetzt fand sich –? FRAU BRIGITTE. Zuerst jetzt finden wir Jenseits des Gartens, in dem Lindengange, Den Platz, wo Schwefeldämpfe von sich lassend, Der Teufel bei mir angeprellt: ein Kreis, Wie scheu ein Hund etwa zur Seite weicht, Wenn sich die Katze prustend vor ihm setzt. WALTER. Drauf weiter? FRAU BRIGITTE. Nicht weit davon jetzt steht ein Denkmal seiner, An einem Baum, dass ich davor erschrecke. WALTER. Ein Denkmal? Wie? FRAU BRIGITTE. Wie? Ja, da werdet Ihr – ADAM für sich. Verflucht mein Unterleib. LICHT. Vorüber, bitte, Vorüber hier, ich bitte, Frau Brigitte. WALTER. Wohin die Spur Euch führte, will ich wissen! FRAU BRIGITTE. Wohin? Mein Treu, den nächsten Weg zu euch, Just wie Herr Schreiber Licht gesagt. WALTER. Zu uns? Hierher? FRAU BRIGITTE. Vom Lindengange, ja, Aufs Schulzenfeld, den Karpfenteich entlang, Den Steg, quer übern Gottesacker dann, Hier, sag ich, her, zum Herrn Dorfrichter Adam. WALTER. Zum Herrn Dorfrichter Adam? ADAM. Hier zu mir? FRAU BRIGITTE. Zu Euch, ja. RUPRECHT. Wird doch der Teufel nicht In dem Gerichtshof wohnen? FRAU BRIGITTE. Mein Treu, ich weiß nicht, Ob er in diesem Hause wohnt; doch hier, Ich bin nicht ehrlich, ist er abgestiegen: Die Spur geht hinten ein bis an die Schwelle. ADAM. Sollt er vielleicht hier durchpassiert –? FRAU BRIGITTE. Ja, oder durchpassiert. Kann sein. Auch das. Die Spur vornaus – WALTER. War eine Spur vornaus? LICHT. Vornaus, verzeihn Euer Gnaden, keine Spur. FRAU BRIGITTE. Ja, vornaus war der Weg zertreten. ADAM. Zertreten. Durchpassiert. Ich bin ein Schuft. Der Kerl, passt auf, hat den Gesetzen hier Was angehängt. Ich will nicht ehrlich sein, Wenn es nicht stinkt in der Registratur. Wenn meine Rechnungen, wie ich nicht zweifle, Verwirrt befunden werden sollten, Auf meine Ehr, ich stehe für nichts ein. WALTER. Ich auch nicht. Für sich. Hm! Ich weiß nicht, war's der linke, War es der rechte? Seiner Füße einer – Herr Richter! Eure Dose! – Seid so gefällig. ADAM. Die Dose? WALTER. Die Dose. Gebt! hier! ADAM zu Licht. Bringt dem Herrn Gerichtsrat. WALTER. Wozu die Umständ? Einen Schritt gebraucht's. ADAM. Es ist schon abgemacht. Gebt Seiner Gnaden. WALTER. Ich hätt Euch was ins Ohr gesagt. ADAM. Vielleicht, dass wir nachher Gelegenheit – WALTER. Auch gut. Nachdem sich Licht wieder gesetzt. Sagt doch, ihr Herrn, ist jemand hier im Orte, Der mißgeschaffne Füße hat? LICHT. Hm! Allerdings ist jemand hier in Huisum – WALTER. So? Wer? LICHT. Wollen Euer Gnaden den Herrn Richter fragen – WALTER. Den Herrn Richter Adam? ADAM. Ich weiß von nichts. Zehn Jahre bin ich hier im Amt zu Huisum, Soviel ich weiß, ist alles grad gewachsen. WALTER zu Licht. Nun? Wen hier meint Ihr? FRAU MARTHE. Lass Er doch seine Füße draußen! Was steckt Er untern Tisch verstört sie hin, Dass man fast meint, Er wär die Spur gegangen. WALTER. Wer? Der Herr Richter Adam? ADAM. Ich? die Spur? Bin ich der Teufel? Ist das ein Pferdefuß? Er zeigt seinen linken Fuß. WALTER. Auf meine Ehr. Der Fuß ist gut. Heimlich. Macht jetzt mit der Session sogleich ein Ende. ADAM. Ein Fuß, wenn den der Teufel hätt, So könnt er auf die Bälle gehn und tanzen. FRAU MARTHE. Das sag ich auch. Wo wird der Herr Dorfrichter – ADAM. Ach, was! Ich! WALTER. Macht, sag ich, gleich ein Ende. FRAU BRIGITTE. Den einz'gen Skrupel nur, ihr würd'gen Herrn, Macht, dünkt mich, dieser feierliche Schmuck! ADAM. Was für ein feierlicher –? FRAU BRIGITTE. Hier, die Perücke! Wer sah den Teufel je in solcher Tracht? Ein Bau, getürmter, strotzender von Talg, Als eines Domdechanten auf der Kanzel! ADAM. Wir wissen hierzuland nur unvollkommen, Was in der Hölle Mod ist, Frau Brigitte! Man sagt, gewöhnlich trägt er eignes Haar. Doch auf der Erde, bin ich überzeugt, Wirft er in die Perücke sich, um sich Den Honoratioren beizumischen. WALTER. Nichtswürd'ger! Wert, vor allem Volk ihn schmachvoll Vom Tribunal zu jagen! Was Euch schützt, Ist einzig nur die Ehre des Gerichts. Schließt Eure Session! ADAM. Ich will nicht hoffen – WALTER. Ihr hofft jetzt nichts. Ihr zieht Euch aus der Sache. ADAM. Glaubt Ihr, ich hätte, ich, der Richter, gestern, Im Weinstock die Perücke eingebüßt? WALTER. Behüte Gott! Die Eur' ist ja im Feuer, Wie Sodom und Gomorrha, aufgegangen. LICHT. Vielmehr – vergebt mir, gnäd'ger Herr! die Katze Hat gestern in die seinige gejungt. ADAM. Ihr Herrn, wenn hier der Anschein mich verdammt: Ihr übereilt euch nicht, bitt ich. Es gilt Mir Ehre oder Prostitution. Solang die Jungfer schweigt, begreif ich nicht, Mit welchem Recht ihr mich beschuldiget. Hier auf dem Richterstuhl von Huisum sitz ich, Und lege die Perücke auf den Tisch: Den, der behauptet, dass sie mein gehört, Fordr' ich vors Oberlandgericht in Utrecht. LICHT. Hm! Die Perücke passt Euch doch, mein Seel, Als wär auf Euren Scheiteln sie gewachsen. Er setzt sie ihm auf. ADAM. Verleumdung! LICHT. Nicht? ADAM. Als Mantel um die Schultern Mir noch zu weit, wie viel mehr um den Kopf. Er besieht sich im Spiegel. RUPRECHT. Ei, solch ein Donnerwetter – Kerl! WALTER. Still, Er! FRAU MARTHE. Ei, solch ein blitz-verfluchter Richter, das! WALTER. Noch einmal, wollt Ihr gleich, soll ich die Sache enden? ADAM. Ja, was befehlt Ihr? RUPRECHT zu Eve. Eve, sprich, ist er's? WALTER. Was untersteht der Unverschämte sich? VEIT. Schweig du, sag ich. ADAM. Wart, Bestie! Dich faß ich. RUPRECHT. Ei, du Blitz-Pferdefuß! WALTER. Heda! der Büttel! VEIT. Halt's Maul, sag ich. RUPRECHT. Wart! Heute reich ich dich. Heut streust du keinen Sand mir in die Augen. WALTER. Habt Ihr nicht so viel Witz, Herr Richter –? ADAM. Ja, wenn Euer Gnaden Erlauben, fäll ich jetzo die Sentenz. WALTER. Gut. Tut das. Fällt sie. ADAM. Die Sache jetzt konstiert, Und Ruprecht dort, der Racker, ist der Täter. WALTER. Auch gut das. Weiter. ADAM. Den Hals erkenn ich Ins Eisen ihm, und weil er ungebührlich Sich gegen seinen Richter hat betragen, Schmeiß ich ihn ins vergitterte Gefängnis. Wie lange, werd ich noch bestimmen. EVE. Den Ruprecht –? RUPRECHT. Ins Gefängnis mich? EVE. Ins Eisen? WALTER. Spart eure Sorgen, Kinder – Seid Ihr fertig? ADAM. Den Krug meinthalb mag er ersetzen, oder nicht. WALTER. Gut denn. Geschlossen ist die Session. Und Ruprecht appelliert an die Instanz zu Utrecht. EVE. Er soll, er, erst nach Utrecht appellieren? RUPRECHT. Was? Ich –? WALTER. Zum Henker, ja! Und bis dahin – EVE. Und bis dahin –? RUPRECHT. In das Gefängnis gehn? EVE. Den Hals ins Eisen stecken? Seid Ihr auch Richter? Er dort, der Unverschämte, der dort sitzt, Er selber war's – WALTER. Du hörst's, zum Teufel! Schweig! Ihm bis dahin krümmt sich kein Haar – EVE. Auf, Ruprecht! Der Richter Adam hat den Krug zerbrochen! RUPRECHT. Ei, wart, du! FRAU MARTHE. Er? FRAU BRIGITTE. Der dort? EVE. Er, ja! Auf, Ruprecht! Er war bei deiner Eve gestern! Auf! Faß ihn! Schmeiß ihn jetzo, wie du willst. WALTER steht auf. Halt dort! Wer hier Unordnungen – EVE. Gleichviel! Das Eisen ist verdient, geh Ruprecht! Geh schmeiß ihn von dem Tribunal herunter. ADAM. Verzeiht, ihr Herrn. Läuft weg. EVE. Hier! Auf! RUPRECHT. Halt ihn! EVE. Geschwind! ADAM. Was? RUPRECHT. Blitz-Hinketeufel! EVE. Hast du ihn? RUPRECHT. Gotts Schlag und Wetter! Es ist sein Mantel bloß! WALTER. Fort! Ruft den Büttel! RUPRECHT schlägt den Mantel. Ratz! Das ist eins. Und Ratz! Und Ratz! Noch eins. Und noch eins! In Ermangelung des Buckels. WALTER. Er ungezogner Mensch! – Schafft hier mir Ordnung! – An ihm, wenn Er sogleich nicht ruhig ist, Ihm wird der Spruch vom Eisen heut noch wahr. VEIT. Sei ruhig, du vertrackter Schlingel! Der zerbrochene Krug · 12. Auftritt Zwölfter Auftritt Die Vorigen ohne Adam. – Sie begeben sich alle in den Vordergrund der Bühne. RUPRECHT. Ei, Evchen! Wie hab ich heute schändlich dich beleidigt! Ei Gotts Blitz, alle Wetter; und wie gestern! Ei, du mein goldnes Mädchen, Herzens-Braut! Wirst du dein Lebtag mir vergeben können? EVE wirft sich dem Gerichtsrat zu Füßen. Herr! Wenn Ihr jetzt nicht helft, sind wir verloren! WALTER. Verloren? Warum das? RUPRECHT. Herr Gott! Was gibt's? EVE. Errettet Ruprecht von der Konskription! Denn diese Konskription – der Richter Adam Hat mir's als ein Geheimnis anvertraut, Geht nach Ostindien; und von dort, Ihr wisst, Kehrt von drei Männern einer nur zurück! WALTER. Was! Nach Ostindien! Bist du bei Sinnen? EVE. Nach Bantam, gnäd'ger Herr; verleugnet's nicht! Hier ist der Brief, die stille heimliche Instruktion, die Landmiliz betreffend, Die die Regierung jüngst deshalb erließ: Ihr seht, ich bin von allem unterrichtet. WALTER nimmt den Brief und liest ihn. O unerhört, arglistiger Betrug! – Der Brief ist falsch! EVE. Falsch? WALTER. Falsch, so wahr ich lebe! Herr Schreiber Licht, sagt selbst, ist das die Ordre, Die man aus Utrecht jüngst an euch erließ? LICHT. Die Ordre! Was! Der Sünder, der! Ein Wisch, Den er mit eignen Händen aufgesetzt! – Die Truppen, die man anwarb, sind bestimmt Zum Dienst im Landesinneren; kein Mensch Denkt dran, sie nach Ostindien zu schicken! EVE. Nein, nimmermehr, ihr Herrn? WALTER. Bei meiner Ehre! Und zum Beweise meines Worts: den Ruprecht, Wär's so, wie du mir sagst: ich kauf ihn frei! EVE steht auf. O Himmel! Wie belog der Böswicht mich! Denn mit der schrecklichen Besorgnis eben, Quält' er mein Herz, und kam, zur Zeit der Nacht, Mir ein Attest für Ruprecht aufzudringen; Bewies, wie ein erlognes Krankheitszeugnis, Von allem Kriegsdienst ihn befreien könnte; Erklärte und versicherte und schlich, Um es mir auszufert'gen, in mein Zimmer: So Schändliches, ihr Herren, von mir fordernd, Dass es kein Mädchenmund wagt auszusprechen! FRAU BRIGITTE. Ei, der nichtswürdig-schändliche Betrüger RUPRECHT. Lass, lass den Pferdehuf, mein süßes Kind! Sieh, hätt ein Pferd bei dir den Krug zertrümmert, Ich wär so eifersüchtig just, als jetzt! Sie küssen sich. VEIT. Das sag ich auch! Küsst und versöhnt und liebt euch; Und Pfingsten, wenn ihr wollt, mag Hochzeit sein! LICHT am Fenster. Seht, wie der Richter Adam, bitt ich euch, Berg auf, Berg ab, als flöh er Rad und Galgen, Das aufgepflügte Winterfeld durchstampft! WALTER. Was? Ist das Richter Adam? LICHT. Allerdings! MEHRERE. Jetzt kommt er auf die Straße. Seht! seht! Wie die Perücke ihm den Rücken peitscht! WALTER. Geschwind, Herr Schreiber, fort! Holt ihn zurück! Dass er nicht Übel rettend ärger mache. Von seinem Amt zwar ist er suspendiert, Und Euch bestell ich, bis auf weitere Verfügung, hier im Ort es zu verwalten; Doch sind die Kassen richtig, wie ich hoffe, Zur Desertion ihn zwingen will ich nicht. Fort! Tut mir den Gefallen, holt ihn wieder! Der zerbrochene Krug · 13. Auftritt Letzter Auftritt Die Vorigen ohne Licht. FRAU MARTHE. Sagt doch, gestrenger Herr, wo find ich auch Den Sitz in Utrecht der Regierung? WALTER. Weshalb, Frau Marthe? FRAU MARTHE empfindlich. Hm! Weshalb? Ich weiß nicht – Soll hier dem Kruge nicht sein Recht geschehn? WALTER. Verzeiht mir! Allerdings. Am großen Markt, Und Dienstag ist und Freitag Session. FRAU MARTHE. Gut! Auf die Woche stell ich dort mich ein. Alle ab. Ende. Historischer Zusatz 1811 · Variant. Zusätzliche historische Originalfassung des Variant-Schlusses von 1811. Die Schreibweise und die Druckzeilen folgen der DTA-Transkription; diese Fassung gehört nicht zur zuvor bezeichneten TextGrid-Studienausgabe. Variant. Zwoͤlfter Auftritt. Die Vorigen (ohne Adam. — Sie bewegen ſich Alle in den Vordergrund der Bühne.) Ruprecht. Ei, Evchen! Wie hab’ ich heute schaͤndlich dich beleidigt! Ei, Gott’s Blitz, alle Wetter, und wie gestern! Ei, du mein goldnes Maͤdchen, Herzens-Braut! Wirst du dein Lebtag mir vergeben koͤnnen? Eve. Geh, lass mich sein. Ruprecht. Ei, ich verfluchter Schlingel! Koͤnnt’ ich die Haͤnde brauchen, mich zu pruͤgeln. Nimm, weißt du was? hoͤr: thu mir den Gefallen, Dein Paͤtschen, hol’s der Henker, nimm’s und ball’s, Und schlage tuͤchtig Eins mir hinters Ohr. Willst du’s mir tun? Mein Seel, ich bin nicht ruhig. [10] Eve. Du hoͤr’st. Ich will nichts von dir wissen. Ruprecht. Ei, solch ein Toͤlpel! Der Lebrecht denk’ ich, Schaafsgesicht, und geh. Mich beim Dorfrichter ehrlich zu beklagen, Und er, vor dem ich klage, ist es selbst: Den Hals noch judicirt er mir in’s Eisen. Walter. Wenn sich die Jungfer gestern gleich der Mutter Eroͤffnet haͤtte zuͤchtiglich, so haͤtte Sie dem Gerichte Schand’ erspart, und sich Zweideut’ge Meinungen von ihrer Ehre. Ruprecht. Sie schaͤmte sich. Verzeiht ihr, gnaͤd’ger Herr! Es war ihr Richter doch, sie musst’ ihn schonen. — Komm nur jetzt fort zu Haus’. Es wird sich finden. Eve. Ja, schaͤmen! Ruprecht. Gut. So war’s was Anderes. Behalts fuͤr dich, was brauchen wir’s zu wissen. Du wirst’s schon auf der Flieder-Bank mir Eins, Wenn von dem Thurm die Vesper geht, erzaͤhlen. Komm, sei nur gut. Walter. Was wir’s zu wissen brauchen? So denk’ ich nicht. Wenn Jungfer Eve will, Dass wir an ihre Unschuld glauben sollen: So wird sie, wie der Krug zerbrochen worden, Umstaͤndlich nach den Hergang uns berichten. Ein Wort keck hingeworfen, macht den Richter In meinem Aug’ der Suͤnd’ noch gar nicht schuldig. Ruprecht. Nun denn, so faß’ ein Herz! Du bist ja schuldlos. Sag’s, was er dir gewollt, der Pferdefuß. Sieh, haͤtt’ ein Pferd bei dir den Krug zertruͤmmert, Ich waͤr’ so eifersuͤchtig just, als jetzt. Eve. Was hilft’s, dass ich jetzt schuldlos mich erzaͤhle? Ungluͤcklich sind wir beid’ auf immerdar. Ruprecht. Ungluͤcklich, wir? Walter. Warum ihr ungluͤcklich? Ruprecht. Was gilt’s, da ist die Conscription im Spiele. Eve (wirft ſich Waltern zu Füßen). Herr, wenn ihr jetzt nicht helft, sind wir verloren! Walter. Wenn ich nicht —? Ruprecht. Ewiger Gott! Walter. Steh auf, mein Kind. Eve. Nicht eher, Herr, als bis ihr eure Zuͤge, Die menschlichen, die euch vom Antlitz strahlen, Wahr macht durch eine That der Menschlichkeit. Walter. Mein liebenswerthes Kind! Wenn du mir deine Unschuldigen bewaͤhrst, wie ich nicht zweifle, Bewaͤhr’ ich auch dir meine menschlichen. Steh auf! Eve. Ja, Herr, das werd ich. Walter. Gut. So sprich. Eve. Ihr wisst, dass ein Edict juͤngst ist erschienen, Das von je hundert Soͤhnen jeden Orts Zehn fuͤr dies Fruͤhjahr zu den Waffen ruft, Der ruͤstigsten. Denn der Hispanier Versoͤhnt sich mit dem Niederlaͤnder nicht, Und die Tyrannenruthe will er wieder Sich, die zerbrochene, zusammenbinden. Kriegshaufen sieht man ziehn auf allen Wegen, Die Flotten rings, die er uns zugesendet, Von unsrer Staten Kuͤsten abzuhalten, Und die Miliz steht auf, die Thor’ inzwischen In den verlaßnen Staͤdten zu besetzen. Walter. So ist es. Eve. Ja, so heißt’s, ich weiß. Walter. Nun? Weiter? Eve. Wir eben sitzen, Mutter, Vater, Ruprecht Und ich, an dem Camin, und halten Rath, Ob Pfingsten sich, ob Pfingsten uͤbers Jahr, Die Hochzeit feiern soll: als ploͤtzlich jetzt Die Commission, die die Rekruten aushebt, In’s Zimmer tritt, und Ruprecht aufnotirt, Und unsern frohen Streit mit schneidendem Machtspruch, just da er sich zu Pfingsten neigte, Fuͤr, Gott weiß, welches Pfingstfest nun? — entscheidet. Walter. Mein Kind — Eve. Gut, gut. Walter. Das allgemeine Loos. Eve. Ich weiß. Walter. Dem kann sich Ruprecht gar nicht weigern. Ruprecht. Ich denk’ auch nicht daran. Eve. Er denkt nicht dran, Gestrenger Herr, und Gott behuͤte mich, Dass ich in seiner Sinnesart ihn stoͤrte. Wohl uns, dass wir was Heil’ges, jeglicher, Wir freien Niederlaͤnder, in der Brust, Des Streites werth bewahren: so gebe jeder denn Die Brust auch her, es zu vertheidigen. Muͤßt’ er dem Feind’ im Treffen selbst begegnen, Ich spraͤche noch, zieh hin, und Gott mit dir: Was werd’ ich jetzt ihn weigern, da er nur Die Waͤlle, die geebneten, in Utrecht, Vor Knaben soll, und ihren Spielen schuͤtzen. Inzwischen, lieber Herr, ihr zuͤrnt mir nicht — Wenn ich die Mai’n in unserm Garten rings Dem Pfingstfest roͤthlich seh’ entgegen knospen, So kann ich mich der Thraͤnen nicht enthalten: Denk’ ich doch sonst, und thue, wie ich soll. Walter. Verhuͤt’ auch Gott, dass ich darum dir zuͤrne. Sprich weiter. Eve. Nun schickt die Mutter gestern Mich in gleichguͤltigem Geschaͤft in’s Amt, Zum Richter Adam. Und da ich in das Zimmer trete, „Gott gruͤß dich, Evchen! Ei, warum so traurig?“ Spricht er. „Das Koͤpfchen haͤngt dir ja wie’n Maien- gloͤckchen! Ich glaubte fast, du weißt, dass es dir steht. Der Ruprecht! Gelt? Der Ruprecht!“ — Je nun freilich, Der Ruprecht, sag’ ich; wenn der Mensch was liebt, Muss er schon auch auf Erden etwas leiden. Drauf er: „du armes Ding! Hm! Was wohl gaͤbst du, Wenn ich den Ruprecht dir von der Miliz befreite?“ Und ich: wenn ihr den Ruprecht mir befreitet? Ei nun, dafuͤr moͤgt’ ich euch schon was geben. Wie fingt ihr das wohl an? — „Du Naͤrrchen, sagt er, Der Physikus, der kann, und ich kann schreiben, Verborgne Leibesschaͤden sieht man nicht, Und bringt der Ruprecht ein Attest daruͤber Zur Comission, so giebt die ihm den Abschied: Das ist ein Handel, wie um eine Semmel.“ — So, sag ich. — „Ja“ — So, so! Nun, lasst’s nur sein, Herr Dorfrichter, sprech’ ich. Dass Gott der Herr Gerad’ den Ruprecht mir zur Lust erschaffen, Mag ich nicht vor der Commission verlaͤugnen. Des Herzens innerliche Schaͤden sieht er, Und ihn irrt kein Attest vom Physikus. Walter. Recht! Brav! Eve. „Gut,“ spricht er. „Wie du willst. So mag Er seiner Wege gehn. Doch was ich sagen wollte — Die hundert Gulden, die er kuͤrzlich erbte, Laͤßt du dir doch, bevor er geht, verschreiben?“ — Die hundert Gulden, frag’ ich? Ei, warum? Was hat’s mir fuͤr Gefahr auch mit den Gulden? Wird er denn weiter, als nach Utrecht gehn? — „Ob er dir weiter als nach Utrecht geht? Ja, du gerechter Gott, spricht er, was weiß ich, Wohin der jetzo geht. Folgt er einmal der Trommel Die Trommel folgt dem Faͤhndrich, der dem Hauptmann, Der Hauptmann folgt dem Obersten, der folgt Dem General, und der folgt den vereinten Staaten wieder, Und die vereinten Staaten, hol’s der Henker, Die ziehen in Gedanken weit herum. Die lassen trommeln, dass die Felle platzen.“ Walter. Der Schaͤndliche. Eve. Bewahr mich Gott, sprech’ ich, Ihr habt, als ihr den Ruprecht aufnotirt, Ja die Bestimmung deutlich ihm verkuͤndigt. „Ja! Die Bestimmung!“ spricht er: „Speck fuͤr Maͤuse! Wenn sie die Landmiliz in Utrecht haben, So klappt die Falle hinten schnappend zu. Lass du die hundert Gulden dir verschreiben.“ — Ist das gewiss, frag’ ich, Herr Richter Adam? Will man zum Kriegsdienst foͤrmlich sie gebrauchen? „Ob man zum Kriegsdienst sie gebrauchen will?“ — „Willst du Geheimnis, unverbruͤchliches, Mir angeloben gegen jedermann?“ Ei, Herr Gott, sprech’ ich, was auch giebt’s, Herr Richter! Was sieht er so bedenklich? Sag’ er’s heraus. Walter. Nun? Nun? Was wird das werden? Eve. Was das wird werden? Herr, jetzo sagt er mir, was ihr wohl wisst, Dass die Miliz sich einschifft nach Batavia, Den eingebornen Koͤn’gen dort, von Bantam, Von Java, Jakatra, was weiß ich? Raub Zum Heil der Haager Kraͤmer abzujagen. Walter. Was? nach Batavia? Ruprecht. Ich, nach Asien? Walter. Davon weiß ich kein Wort. Eve. Gestrenger Herr, Ich weiß, ihr seid verbunden, so zu reden. Walter. Auf meine Pflicht! Eve. Gut, gut. Auf eure Pflicht. Und die ist, uns, was wahr ist, zu verbergen. Walter. Du hoͤrst’s. Wenn ich — Eve. Ich sah den Brief, verzeiht, den ihr Aus Utrecht an die Aemter habt erlassen. Walter. Welch einen Brief? Eve. Den Brief, Herr, die geheime Instruction, die Landmiliz betreffend, Und ihre Stellung aus den Doͤrfern rings. Walter. Den hast du? Eve. Herr, den sah ich. Walter. Und darinn? Eve. Stand, dass die Landmiliz, im Wahn, sie sei Zum innern Friedensdienste nur bestimmt, Soll hingehalten werden bis zum Maͤrz: Im Maͤrz dann schiffe sie nach Asien ein. Walter. Das in dem Brief selbst haͤttest du gelesen? Eve. Ich nicht. Ich las es nicht. Ich kann nicht lesen. Doch er, der Richter, las den Brief mir vor. Walter. So. Er, der Richter. Eve. Ja. Und Wort vor Wort. Walter. Gut, gut. Nun weiter. Eve. Gott im Himmel, ruf’ ich, Das junge Volk, das bluͤh’nde, nach Batavia! Das Eiland, das entsetzliche, wovon Jedweden Schiffes Mannschaft, das ihm naht, Die eine Haͤlfte stets die andere begraͤbt. Das ist ja keine offen ehrliche Conscription, das ist Betrug, Herr Richter, Gestohlen ist dem Land’ die schoͤne Jugend, Um Pfeffer und Muskaten einzuhandeln. List gegen List jetzt, schaff’ er das Attest Fuͤr Ruprecht mir, und alles geb ich ihm Zum Dank, was er nur redlich fordern kann. Walter. Das machtest du nicht gut. Eve. List gegen List. Walter. Drauf er? Eve. „Das wird sich finden,“ spricht er, „Evchen, Vom Dank nachher, jetzt gilt es das Attest. Wann soll der Ruprecht gehn?“ — In diesen Tagen. „Gut,“ spricht er, „gut. Es trifft sich eben guͤnstig. Denn heut noch kommt der Physikus in’s Amt; Da kann ich gleich mein Heil mit ihm versuchen. Wie lange bleibt der Garten bei dir offen?“ Bei mir der Garten, frag’ ich? — „Ja, der Garten.“ Bis gegen Zehn, sag’ ich. Warum, Herr Richter? „Vielleicht kann ich den Schein dir heut noch bringen.“ — Er mir den Schein! Ei, wohin denkt er auch? Ich werd’ den Schein mir morgen fruͤh schon holen. — „Auch gut,“ spricht er. „Gleichviel. So holst du ihn. Glock halb auf neun fruͤh Morgens bin ich auf.“ Walter. Nun? Eve. Nun — geh’ ich zur Mutter heim, und harre, Den Kummer, den verschwiegnen, in der Brust, In meiner Klause, durch den Tag, und harre, Bis zehn zu Nacht auf Ruprecht, der nicht koͤmmt. Und geh verstimmt Glock zehn die Trepp’ hinab, Die Gartenthuͤr zu schließen, und erblicke, Da ich sie oͤffn’, im Dunkel fernhin wen, Der schleichend von den Linden her mir naht. Und sage: Ruprecht! — „Evchen,“ heisert es. — Wer ist da? frag ich. — „St! Wer wird es sein?“ — Ist er’s, Herr Richter? — „Ja, der alte Adam“ — Ruprecht. Gott’s Blitz! Eve. Er selbst — Ruprecht. Gott’s Donnerwetter! Eve. Ist’s, Und kommt, und scherzt, und kneipt mir in die Backen, Und fragt, ob Mutter schon zu Bette sei. Ruprecht. Geht, den Hallunken! Eve. Drauf ich: Ei, was Herr Richter, Was will er auch so spaͤt zu Nacht bei mir? „Je, Naͤrrchen,“ spricht er — Dreist heraus, sag’ ich; Was hat er hier Glock zehn bei mir zu suchen? „Was ich Glock zehn bei dir zu suchen habe?“ — Ich sag’, lass er die Hand mir weg! Was will er? — „Ich glaube wohl, du bist verruͤckt,“ spricht er. „Warst du nicht heut Glock eilf im Amt bei mir, Und wolltest ein Attest fuͤr Ruprecht haben?“ Ob ich? — Nun ja. — „Nun gut. Das bring ich dir.“ Ich sagt’s ihm ja, dass ich’s mir holen wollte. — „Bei meiner Treu! Die ist nicht recht gescheut. Ich muss Glock fuͤnf Uhr morgen fruͤh verreisen, Und ungewiss, wann ich zuruͤcke kehre, Liefr’ ich den Schein noch heut ihr in die Haͤnde; Und sie, nichts fehlt, sie zeigt die Thuͤre mir; Sie will den Schein sich morgen bei mir holen.“ — Wenn er verreisen will Glock fuͤnf Uhr morgen — Davon ja wußt’ er heut noch nichts Glock eilf? „Ich sag’s,“ spricht er, „die ist nicht recht bei Troste. Glock zwoͤlf bekam ich heut die Ordre erst.“ — Das ist was Anderes, das wußt’ ich nicht. „Du hoͤrst es ja,“ spricht er. — Gut, gut, Herr Richter. So dank’ ich herzlich ihm fuͤr seine Muͤhe. Verzeih er mir. Wo hat er das Attest? Walter. Wisst ihr was von der Ordre? Licht. Nicht ein Wort. Vielmehr bekam er kuͤrzlich noch die Ordre, Sich nicht von seinem Amte zu entfernen. Auch habt ihr heut zu Haus’ ihn angetroffen. Walter. Nun? Eve. Wenn er log, ihr Herrn, konnt ich’s nicht pruͤfen. Ich musste seinem Wort vertraun. Walter. Ganz recht. Du konntest es nicht pruͤfen. Weiter nur. Wo ist der Schein, sprachst du? Eve. „Hier,“ sagt er, „Evchen;“ Und zieht ihn vor. „Doch hoͤre,“ faͤhrt er fort, „Du musst, so wahr ich lebe, mir vorher Noch sagen, wie der Ruprecht zubenams’t? Heißt er nicht Ruprecht Gimpel?“ — Wer? Der Ru- precht? „Ja. Oder Simpel? Simpel oder Gimpel.“ Ach, Gimpel! Simpel! Tuͤmpel heißt der Ruprecht. „Gott’s Blitz, ja,“ spricht er; „Tuͤmpel! Ruprecht Tuͤmpel! Hab ich, Gott toͤdt mich, mit dem Wetternamen Auf meiner Zunge nicht Versteck gespielt!“ — Ich sag’, Herr Richter Adam, weiß er nicht —? „Der Teufel soll mich holen, nein!“ spricht er. — Steht denn der Nam’ hier im Attest noch nicht? „Ob er in dem Attest —?“ — Ja, hier im Scheine. „Ich weiß nicht, wie du heute bist,“ spricht er. „Du hoͤrst’s, ich sucht’ und fand ihn nicht, als ich Heut Nachmittag bei mir den Schein hier mit Dem Physikus zusammen fabricirte.“ Das ist ja aber dann kein Schein, sprech’ ich. Das ist, nehm er’s mir uͤbel nicht, ein Wisch, das! Ich brauch’ ein ordentlich Attest, Herr Richter. — „Die ist, mein Seel, heut,“ spricht er, „ganz von Sinnen. Der Schein ist fertig, ge- und unterschrieben, Datirt, besiegelt auch, und in der Mitte Ein Platz, so groß just, wie ein Tuͤmpel, offen; Den fuͤll ich jetzt mit Dinte aus, so ist’s Ein Schein, nach allen Regeln, wie du brauchst.“ — Doch ich: wo will er in der Nacht, Herr Richter, Hier unterm Birnbaum auch den Platz erfuͤllen? — „Gott’s Menschenkind auch, unvernuͤnftiges!“ Spricht er; „du hast ja in der Kammer Licht, Und Dint und Feder fuͤhr’ ich in der Tasche. Fort! Zwei Minuten braucht’s, so ist’s geschehn. Ru- Ruprecht. Ei, solch ein blitz-verfluchter Kerl! Walter. Und darauf gingst du mit ihm in die Kammer? Eve. Ich sag: Herr Dorfrichter, was das auch fuͤr Anstalten sind! Ich werde jetzt mit ihm, Da Mutter schlaͤft, in meine Kammer gehn. Daraus wird nichts, das konnt’ er sich wohl denken. „Gut,“ spricht er, „wie du willst. Ich bins zufrieden. So bleibt die Sach’ bis auf ein andermal. In Tagner drei bis acht bin ich zuruͤck.“ — Herr Gott, sag’ ich, er in acht Tagen erst! Und in drei Tagen geht der Ruprecht schon — Walter. Nun, Evchen, kurz — Eve. Kurz, gnaͤd’ger Herr — Walter. Du gingst — Eve. Ich ging. Ich fuͤhrt’ ihn in die Kammer ein. Frau Marthe. Ei, Eve! Eve! Eve. Zuͤrnt nicht! [11] Walter. Nun jetzt — weiter? Eve. Da wir jetzt in der Stube sind — zehnmal Verwuͤnscht’ ich’s schon, eh wir sie noch erreicht — Und ich die Thuͤr behutsam zugedruͤckt, Legt er Attest und Dint’ und Feder auf den Tisch, Und ruͤckt den Stuhl herbei sich, wie zum Schreiben. Ich denke, setzen wird er sich: doch er, Er geht und schiebt den Riegel vor die Thuͤre, Und raͤuspert sich, und luͤftet sich die Weste, Und nimmt sich die Peruͤcke foͤrmlich ab, Und haͤngt, weil der Peruͤckenstock ihm fehlt, Sie auf den Krug dort, den zum Scheuern ich Bei mir auf’s Wandgesimse hingestellt. Und da ich frag’, was dies auch mir bedeute? Laͤßt er am Tisch jetzt auf den Stuhl sich nieder, Und fasst mich so, bei beiden Haͤnden, seht, Und sieht mich an. Frau Marthe. Und sieht —? Ruprecht. Und sieht dich an —? Eve. Zwei abgemessene Minuten starr mich an. Frau Marthe. Und spricht —? Ruprecht. Spricht nichts —? Eve. Er, Niedertraͤcht’ger, sag’ ich, Da er jetzt spricht; was denkt er auch von mir? Und stoß’ ihm, vor die Brust dass er euch taumelt — Und: Jeſus Christus! ruf’ ich: Ruprecht koͤmmt! — Denn an der Thuͤr ihn draußen hoͤr’ ich donnern. Ruprecht. Ei, sieh! da kam ich recht. Eve. „Verflucht!“ spricht er, „Ich bin verrathen!“ — und springt, den Schein er- greifend, Und Dint’ und Feder, zu dem Fenster hin. „Du!“ sagt er jetzt, „sei klug!“ — und oͤffnet es. „Den Schein holst du dir morgen bei mir ab. Sagst du ein Wort, so nehm’ ich ihn, und reiß’ ihn, Und mit ihm deines Lebens Gluͤck, entzwei.“ Ruprecht. Die Bestie! Eve. Und tappt sich auf die Huͤtsche, Und auf den Stuhl, und steigt auf’s Fensterbrett, Und untersucht, ob er wohl springen mag. Und wendet sich, und beugt sich zum Gesimse, Wo die Peruͤck’ haͤngt, die er noch vergaß. Und greift und reißt vom Kruge sie, und reißt Von dem Gesims den Krug herab: Der stuͤrzt; er springt; und Ruprecht kracht ins Zimmer. Ruprecht. Gott’s Schlag und Wetter! Eve. Jetzt will, ich jetzt will reden, Gott der Allwissende bezeugt es mir! Doch dieser — schnaubend fliegt er euch durch’s Zimmer, Und stoͤßt — Ruprecht. Verflucht! Eve. Mir vor die Brust — Ruprecht. Mein Evchen! Eve. Ich taumle sinnlos nach dem Bette hin. Veit. Verdammter Hitzkopf, du! Eve. Jetzt steh’ ich noch, Goldgruͤn, wie Flammen rings, umspielt es mich, Und wank’, und halt’ am Bette mich; da stuͤrzt Der von dem Fenster schmetternd schon herab; Ich denk’, er steht im Leben nicht mehr auf. Ich ruf’: Heiland der Welt! und spring’ und neige Mich uͤber ihn, und nehm’ ihn in die Arme, Und sage: Ruprecht! Lieber Mensch! Was fehlt dir? Doch er — Ruprecht. Fluch mir! Eve. Er wuͤthet — Ruprecht. Traf ich dich? Eve. Ich weiche mit Entsetzen aus. Frau Marthe. Der Grobian! Ruprecht. Dass mir der Fuß erlahmte! Frau Marthe. Nach ihr zu stoßen! Eve. Jetzt erscheint die Mutter, Und stutzt, und hebt die Lamp’ und faͤllt ergrimmt, Da sie den Krug in Scherben sieht, den Ruprecht Als den unzweifelhaften Thaͤter an. Er, wuthvoll steht er, sprachlos da, will sich Vertheidigen: doch Nachbar Ralf faͤllt ihn, Vom Schein getaͤuscht, und Nachtbar Hinz ihn an, Und Muhme Sus’ und Lies’ und Frau Brigitte, Die das Geraͤusch zusammt herbeigezogen, Sie Alle, taub, sie schmaͤhen ihn und schimpfen, Und sehen großen Auges auf mich ein, Da er mit Fluͤchen, schaͤumenden, betheuert, Dass nicht er, dass ein Andrer das Geschirr, Der eben nur entwichen sei, zerschlagen. Ruprecht. Verwuͤnscht! Dass ich nicht schwieg! Ein Anderer! Mein liebes Evchen! Eve. Die Mutter stellt sich vor mich, Blass, ihre Lippe zuckt, sie stemmt die Arme. „Ists,“ fragt sie, „ists ein Anderer gewesen?“ Und: Joseph, sag’ ich, und Maria, Mutter; Was denkt ihr auch? — „Und was noch fragt ihr sie,“ Schreit Muhme Sus’ und Liese: „Ruprecht war’s!“ Und alle schrein: „der Schaͤndliche! Der Luͤgner!“ Und ich — ich schwieg, ihr Herrn; ich log, ich weiß, Doch log ich anders nicht, ich schwoͤr’s, als schweigend. Ruprecht. Mein Seel, sie sprach kein Wort, das muss ich sagen. Frau Marthe. Sie sprach nicht, nein, sie nickte mit dem Kopf bloß, Wenn man sie, obs der Ruprecht war, befragte. Ruprecht. Ja, nicken. Gut. Eve. Ich nickte? Mutter! Ruprecht. Nicht? Auch gut. Eve. Wann haͤtt’ ich —? Frau Marthe. Nun? Du haͤttest nicht, Als Muhme Suse vor dir stand, und fragte: Nicht, Evchen, Ruprecht war es? ja genickt? Eve. Wie? Mutter? Wirklich? Nickt’ ich? Seht — Ruprecht. Beim Schnauben, Beim Schnauben, Evchen! Lass die Sache gut sein. Du hieltst das Tuch, und schneutztest heftig drein; Mein Seel, es schien, als ob du’n bissel nicktest. Eve (verwirrt). Es muss unmerklich nur gewesen sein. Frau Marthe. Es war zum Merken just genug. Walter. Zum Schluss jetzt —? Eve. Nun war auch heut am Morgen noch mein erster Gedanke, Ruprecht alles zu vertraun. Denn weiß er nur der Luͤge wahren Grund, Was gilt’s, denk ich, so luͤgt er selbst noch mit, Und sagt, nun ja, den irdnen Krug zerschlug ich, Und dann so kriegt’ ich auch wohl noch den Schein. Doch Mutter, da ich in das Zimmer trete, Die haͤlt den Krug schon wieder, und befiehlt, Sogleich zum Vater Tuͤmpel ihr zu folgen; Dort fordert sie den Ruprecht vor Gericht. Vergebens, dass ich um Gehoͤr ihn bitte, Wenn ich ihm nah, so schmaͤht und schimpft er mich, Und wendet sich, und will nichts von mir wissen. Ruprecht. Vergieb mir. Walter. Nun lass dir sagen, liebes Kind, Wie zu so viel, stets tadelnswerthen, Schritten — — Ich sage tadelnswerth, wenn sie auch gleich Verzeihlich sind — dich ein gemeiner, grober Betrug verfuͤhrt. Eve. So? Wirklich? Walter. Die Miliz Wird nach Batavia nicht eingeschifft: Sie bleibt, bleibt in der That bei uns, in Holland. Eve. Gut, gut, gut. Denn der Richter log; nicht wahr? So oft: und also log er gestern mir. Der Brief, den ich gesehen, war verfaͤlscht; Er las mir’s aus dem Stegreif nur so vor. Walter. Ja, ich versichr’ es dich. Eve. O gnaͤd’ger Herr! — O Gott! Wie koͤnnt ihr mir das tun? O sagt — Walter. Herr Schreiber Licht! Wie lautete der Brief? Ihr muͤßt ihn kennen. Licht. Ganz unverfaͤnglich. Wie’s uͤberall bekannt ist. Die Miliz Bleibt in dem Land, ’s ist eine Landmiliz. Eve. O Ruprecht! O mein Leben! Nun ist’s aus. Ruprecht Evchen! Hast du dich wohl auch uͤberzeugt? Besinne dich! Eve. Ob ich —? Du wirst’s erfahren. Ruprecht. Stand’s wirklich so —? Eve. Du hoͤrst es, Alles, Alles; Auch dies, dass sie uns taͤuschen sollen, Freund. Walter. Wenn ich mein Wort dir gebe — Eve. O gnaͤd’ger Herr! Ruprecht. Wahr ist’s, es waͤr das erstemal wohl nicht — Eve. Schweig! S’ ist umsonst — Walter. Das erstemal waͤr’s nicht? Ruprecht. Vor sieben Jahren soll was Aehnliches Im Land geschehen sein — Walter. Wenn die Regierung Ihn hinterginge, waͤr’s das erstemal. So oft sie Truppen noch nach Asien schickte, Hat sie’s den Truppen noch gewagt zu sagen. Er geht — Eve. Du gehst. Komm. Walter. Wo er hinbeordert; In Utrecht wird er merken, dass er bleibt. Eve. Du gehst nach Utrecht. Komm. Da wirst du’s merken. Komm, folg’. Es sind die letzten Abschiedsstunden, Die die Regierung uns zum Weinen laͤßt; Die wird der Herr uns nicht verbittern wollen. Walter. Sieh da! So arm dein Busen an Vertrauen? Eve. O Gott! Gott! Dass ich jetzt nicht schwieg. Walter. Dir glaubt’ ich Wort vor Wort, was du mir sagtest; Ich fuͤrchte fast, dass ich mich uͤbereilt. Eve. Ich glaub’ euch ja, ihr hoͤrt’s, so wie ihr’s meint. Komm fort. Walter. Bleib. Mein Versprechen will ich loͤsen. Du hast mir deines Angesichtes Zuͤge Bewaͤhrt, ich will die meinen dir bewaͤhren; Muͤßt ich auf andere Art dir den Beweis Auch fuͤhren, als du mir. Nimm diesen Beutel. Eve. Ich soll — Walter. Den Beutel hier mit zwanzig Gulden! Mit so viel Geld kaufst du den Ruprecht los. Eve. Wie? Damit —? Walter. Ja, befreist du ganz vom Dienst ihn. Doch so. Schifft die Miliz nach Asien ein, So ist der Beutel ein Geschenk, ist dein. Bleibt sie im Land’, wie ich’s vorher dir sagte, So traͤgst du deines boͤsen Mißtrauns Strafe, Und zahlst, wie billig, Beutel, samt Intressen, Vom Hundert vier, terminlich mir zuruͤck. Eve. Wie, gnaͤd’ger Herr? Wenn die — Walter. Die Sach ist klar. Eve. Wenn die Miliz nach Asien sich einschifft, So ist der Beutel ein Geschenk, ist mein. Bleibt sie im Land, wie ihrs vorher mir sagtet, So soll ich boͤsen Mißtrauns Straf’ erdulden, Und Beutel, samt, wie billig, Interessen — (ſie ſieht Ruprecht an). Ruprecht. Pfui! S’ ist nicht wahr! Es ist kein wahres Wort! Walter. Was ist nicht wahr? Eve. Da nehmt ihn! Nehmt ihn! Nehmt ihn! Walter. Wie? Eve. Nehmt, ich bitt’ euch, gnaͤd’ger Herr, nehmt, nehmt ihn! Walter. Den Beutel? Eve. O Herr Gott! Walter. Das Geld? Warum das? Vollwichtig neugepraͤgte Gulden sind’s. Sieh her, das Antlitz hier des Spanierkoͤnigs: Meinst du, dass dich der Koͤnig wird betruͤgen? Eve. O lieber, guter, edler Herr, verzeiht mir. — O der verwuͤnschte Richter! Ruprecht. Ei, der Schurke! Walter. So glaubst du jetzt, dass ich dir Wahrheit gab? Eve. Ob ihr mir Wahrheit gabt? O scharfgepraͤgte, Und Gottes leuchtend Antlitz drauf. O Himmel! Dass ich nicht solche Muͤnze mehr erkenne! Walter. Hoͤr’, jetzt geb’ ich dir einen Kuß. Darf ich? Ruprecht. Und einen tuͤchtigen. So. Das ist brav. Walter. Du also gehst nach Utrecht? Ruprecht. Nach Utrecht geh’ ich, Und steh ein Jahrlang auf den Waͤllen Schildwach, Und wenn ich das getan, u. s. w....... ist Eve mein!