Abschied Mörike, Eduard Abschied Unangeklopft ein Herr tritt abends bei mir ein: »Ich habe die Ehr, Ihr Rezensent zu sein.« Sofort nimmt er das Licht in die Hand, Besieht lang meinen Schatten an der Wand, Rückt nah und fern: »Nun, lieber junger Mann, Sehn Sie doch gefälligst mal Ihre Nas so von der Seite an! Sie geben zu, dass das ein Auswuchs is.« – Das? Alle Wetter – gewiss! Ei Hasen! ich dachte nicht, All mein Lebtage nicht, Dass ich so eine Weltsnase führt im Gesicht!! Der Mann sprach noch Verschiednes hin und her, Ich weiß, auf meine Ehre, nicht mehr; Meinte vielleicht, ich sollt ihm beichten. Zuletzt stand er auf; ich tat ihm leuchten. Wie wir nun an der Treppe sind, Da geb ich ihm, ganz froh gesinnt, Einen kleinen Tritt, Nur so von hinten aufs Gesäße, mit – Alle Hagel! ward das ein Gerumpel, Ein Gepurzel, ein Gehumpel! Dergleichen hab ich nie gesehn, All mein Lebtage nicht gesehn Einen Menschen so rasch die Trepp hinabgehn! Eduard Mörike: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Mit einem Nachwort von Benno von Wiese sowie Anmerkungen, Zeittafel und Bibliographie von Helga Unger, Band 1, München: Winkler, 1967. Mörike, Eduard 7- München TextGrid, www.editura.de; Digitale Bibliothek. Die historischen Texte und Übersetzungen bleiben unverändert in der Quellfassung. https://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,%20Eduard/Gedichte/Gedichte%20%28Ausgabe%201867%29/Abschied https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/