Die gelöschten Kerzen Meyer, Conrad Ferdinand Die gelöschten Kerzen Ein gewalt'ger Herd mit glühnden Kohlen Und zwei hellen Kerzen auf dem Simse, Dran ein plaudernd Paar: ein narb'ger Feldherr In der Majestät des Greisenalters Und ein unbefangnes Kind der Neuzeit, Ein geliebter und verzogner Neffe. Würdevoll erzählt der Greis von weiland, Von Verschollnem oder halb Verschollnem. »Damals warst du noch ein Ungeborner, Neffe«, sagt er, »oder in den Windeln«... Auf dem Herde zuckt ein blaues Flämmchen, Ein vergeßnes Flämmchen aus der Asche, Und die beiden sehn den Irrwisch tanzen, Und der Irrwisch unversehens springt er Auf des Jünglings blühend kecke Lippen: – »Ohm, wie war es denn mit der Camargo?« Der Benarbte lächelt. »Wissen willst du Das mit der Camargo?« – Eine Kerze Haucht er aus und auch die andre Kerze. »Du erlaubst? Nur dass ich nicht erröte! Also...« Durch das Dunkel glühn die Kohlen. Und der Jüngling streicht ein Holz, die eine Kerze flammt er an und dann die andre: »Ohm, wie war's denn mit dem Sturm auf Düppel?« Conrad Ferdinand Meyer: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Vollständiger Text nach den Ausgaben letzter Hand. Mit einem Nachwort von Erwin Laaths, München: Winkler, 1968. Meyer, Conrad Ferdinand 21- München TextGrid, www.editura.de; Digitale Bibliothek. Die historischen Texte und Übersetzungen bleiben unverändert in der Quellfassung. https://www.zeno.org/Literatur/M/Meyer,%20Conrad%20Ferdinand/Gedichte/Gedichte%20%28Ausgabe%201892%29/1.%20Vorsaal/Die%20gel%C3%B6schten%20Kerzen https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/